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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-02-19 · 8 (19.2.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
8 (19.2.1930)
Date
1930-02-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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O;j*j Sprechsaal |*j Das MProgramm gesetzliche Verantwortung Liberalismus und Indifferenz Offener Brief an Herrn Rechtsanwalt Heinrich Stern. Sehr verehrter Herr Stern, Ihre Rede in der Haushaltsdebatte der Berliner jüdischen Gemeinde haben Sie mit eurem Appell an die Indifferenten geschlossen und Sie haben erklärt, die Gemeindearbeit müsse so geleistet werden, daß. der Indifferente gleich Mose am Dornbusch sage: „Ich will hinzutreten und schauen!" ~ Daß man auf liberaler Seite.gegen die Indifferenten im Judentum Beschwerde führt, ist nichts neues, aber nirgends hat diese Beschwerde eine größere Aktualität gewonnen, als jetzt in Berlin, Tenn hier in der Reichshauptstadt haben wir es ja erlebt, daß seit Jahren eine extrem-nationalistisch zionistische Richtung die Herrschaft an sich gerissen hat und damit das Judentum Berlins nach außenhin repräsentiert. Eine Gruppe, die nur eine kleine Minderheit innerhalb der deutschen Jugend darftellt, gewinnt so für die Umwelt eine überragende Bedeutung, und es besteht die Gefahr, daß die Politik dieser Gruppe der Gesamtheit zur Last gelegt wird. Fragt man nach den Lieferen Ursachen dieses Zustandes, der unserem .ganzen jüdischen Leben in Deutschland eine charakteristische Not? gibt, so kommen zwei Hauptgründe in Betracht: Zunächst besteht die Tatsache, daß den entscheidenden Einfluß bei den jüdischen Gemeindewahlen in Berlin die Stimmen der Ausländer hatten. Würden in Berlin . wie das z. B. in Leipzig geschieht die Stimmen der Inländer und Ausländer verschieden bewertet werden, so rvürden auch bei den letzten Wahlen die Liberalen eine erhebliche Mehrheit errungen haben. Ties wird durch einen Vergleich mit den kürzlichen Leipziger Gemeindewahlen, tvo nur eine verschwindende Minorität der teichsdeutschen Stimmen für die nicht-liberalen Parteien abgegeben wurden, während umgekehrt die Stimmen der Ausländer in ihrer überwiegenden Mehrheit eben diesen Gruppen zugute kamen, bestätigt, und insbesondere auch durch die Feststellung bewiesen, daß nach der Berliner Wahlstatistik die nicht-liberalen Parteien ihre Mehr l>eit denjenigen Berliner Bezirken verdankt, in denen vorwiegend ausländische Juden wohnen. Demnach steht es in Wahrheit schon jetzt so, daß die Politik der Berliner jüdischen Gemeinde betrieben wird gegen den Willen der Majorität der in Berlin lebenden deutschen Juden. Schon diese Feststellung ist außerordentlich wichtig für die Klarstellung, daß wir deutschen Juden in Wahrheit für das, was seiterrs der Berliner jüdischen Gemeinden geschieht, eine moralische Verantwortung keineswegs übernehmen können. Daneben aber bleibt die Tatsache bestehen, daß ganz abgesehen davon, die jetzigen Mehrheitsverhältnissc in Berlin nicht hätten geschaffen werden können, wenn nicht weite Kreise derjenigen deutschen Juden, die dem jüdischen Nationalismus in schärfster Ablehnung gegenüberstehen, es über Haupt unterließen, sich an dem jüdischen Gemeindewesen zu beteiligen, ja, auch nur bei deu Gemeindewahlen ihr Stimmrecht auszuüben. Selbst bei denjenigen, die sich gerade noch bei den Wahlen beteiligen, sogar bei den eigenen Mitgliedern der liberalen Partei, finden wir nur allzuoft eine völlige Unlust zu jeder aktiven Mitarbeit. So erklären sich denn die immer wiederholten Klagen der liberalen Führer über die Indifferenten, wobei zuzugcben ist, daß in der Tat diese Indifferenz nicht nur - wie gesagt zu den höchst unerfreulichen Mehrheitsverhältnissen innerhalb der Berliner Gemeinde geführt hat, sondern daß sie darüber hinaus eine schwere Schädigung des Gemeinschaftslebens bedeutet. Nur bin ich der Meinung, daß mit solchen in die leere Luft erhobenen Klagen allein noch! gar nichts getan ist, und daß es nicht gut ist, wenn man die Schuld für unerfreuliche Zustände immer nur bei andereir sucht, ohne sich zu fragen, ob man nicht vielleicht selbst trotz besten Willens bedeutsame Fehler gemacht hat. Wenn heute ausgezeichnete Persönlichkeiten, die ihrer Gesinnung nach durchaus zu uns gehörten, sich gerade von jeder Mitarbeit in der liberalen Partei fernhalten, muß das wirklich nur an jenen Männern, oder kann das nicht vielleicht auch an der Haltung der Berliner liberalen Partei liegen? Steht es nicht vielleicht so, daß. die liberale Partei zu engherzig, zu sehr auf einige Formeln festgelegt ist, daß sie zu wenig der Individualität des Einzelnen Spielraum gewährt, als daß sie imstande wäre, gerade hje besten Männer des deutschen Judentums an sich zu fesseln! Ist dies der Fall, dann erscheint eine Reformierung dieser Partei, wenigstens in Berlin (in anderen Großstädten mögen weit erfreulichere Verhältnisse walten), geboten. Jtt einer Zeit, wo die jüdische Volkspartei alle diejenigen um sich sammelt, die bei zahllosen MeinungL verschiäwn heilen sich zusammeitfinden tu dem Bekenntnis zum jüdischen Nationalismus, muß die liberale Partei die große Sammelpartei aller derer tverdett, die unter Ablehnung einer gesetzmäßig oder dogmatisch gebundenen Religion das Bekenntnis zum Judentum - wie immer sie es im einzelnen ruffassen und auslegen mögen — mit der bewußten Zugehörigkeit zur deutscheil Nation verbinden. In dieser Hinsicht bleibt aber noch nicht weniger als alles zu tun. Viel zu sehr neigt man auf seiten der Berliner Führer der liberalen Partei dazu, die liberale Partei vom Standpunkt gewisser theologischer Formeln festzulegen. Tabei wird vollkommen verkannt, daß die Bedeutung der religiösen Differenzen völlig in den Hintergrund getreten ist, daß sich zu jenen theologischen Gedankeir - wie gerade auch die Beschlüsse der liberalen Rabbiner beweisen — auch! Männer bekennen können, die mit ihrer Sympathie aus dem Standpunkt des Zionismus und des jüdischen Nationalismus stehen und daß daher zu einer Zeit, wo sich die eine Seite - nämlich. die zionistische Volkspartei — unter der Fahne bestimmter politischer und kultureller Ideen sammelt, es auch die Aufgabe der anderen Seite sein muß, ihre kulturellen und politischen Grundigedanken in den Vordergrund zu stellen. Wieviel in dieser Hinsicht schon im rein Persönlichen verfehlt worden ist, daftir ist die Tatsache zu charakteristisch, daß es der liberalen Partei noch nicht gelungen ist, etwa einen Mann, wie. Julius Ba b, der eine Führerpersönlichkeit von höchstem Range darstellt, zur Mitarbeit zu gewinnen. Darüber hinaus sollte aber auch die Liste derjenigen Männer . und Frauen, welche die Erklärung deutscher Juden unterzeichnet haben, den Führern der Berliner liberalen Partei Anlaß zum ernstesten Nachdenken geben. Der Berlin. Sonntag, den 23. Februar, nachmittags 3 Uhr, findet eine Kundgebung des Landesausfchusfes Berlin der Jüdischen Jngeadverbände in der Sladthalle, Klosterstraße, statt: Schafft jüdische Jugend« und Semeindeheimel Alle JIi«Mitglirdrr nehme«, wenn irgend möglich, an der Kundgebung teil. Pankaw'Osteu. Montag, den 24. Februar, bei Manfred Schwarz, Jagowstr. 43, Eingang IT. Oliva und Reu-CharlOttenburg. Montag, den 24. Februar, bet Marcuse. Friedenau» Taunus« straße 23. Thema: Das Buch Esther. Weste«. Donnerstag, den 20. Februar, abends 8 Uhr, bei Renate Basco, KnefebeSstraße 83. Thema: Amos. Hermsdorf. Gruppe 2: 5 Uhr: Staatsverfaffung. Gruppe 3: S Uhr: Ueber die Unsterblichkeit der Stele. Breslau. Freitag, den 21. Februar, 19.30 Uhr, in der Wochentags» fyuagoge, Anger 8: Freitagadendspätandacht. — Im Anschluß an diese Andacht findet ein gemeinsames Freitagadendrssen statt. Näheres f. Programm. — Hauptgrnppe: Mittwoch, deu 28. Februar, 20.30 Uhr, Religtonsschule II, Anger 8: Vortrag von Herrn Rechtsanwalt Erich Spch: „Jugend und Tradition". — Jüugeren-Gruppr: Sonnabend, den 22. Februar, 20 Uhr, Religionsschule II, Anger 8: Vortrag von Harry May: „Ethisches Leben im Judentum". Frankfurt «. 9t. Dienstag, den 25. Februar 1930, 20.45 Uhr, Heimabend, Mistend« fynagoge. R.-A. Klidansly, Dr. Salvmon, Dr. Hofsmann: Dreigespräch: Jüdisches Recht II. (Eherecht.) Samstag, den l. März 1930, 17 Ähr: „Faust", bei Dr. Hoffman«, Untermainanlage 7. Jugrndgruppe: Samstag, den 22. Fedruar, bei Familie Würzburger, Friedbergerlandstraß« 9. Magdeburg. Sonntag, den 23. Februar 1930, abrnds 6 Uhr, findet in den Räumen der Mendelsfohnloge, Breiterweg 139-140, anläßlich unseres 6. Stiftungsfestes ein Kostümfest der bösen Buben statt. Sensationen! Ueberraschungen! Ratibor. Am Mittwoch, den 26. Februar, referiert Franz Pick über: „Die Reparationsfrage". Aerger, beit die Nationalisten auf der anderen Seite über jene Erklärung empfanden, war sehr begreiflich, denn jene Herren erkannten mit Entsetzen, daß hervorragende Personen, von denen sie sehr gern möchten, daß sie indifferent wäre n, aus ihrer Indifferenz heraus traten uttd begannen, ernsten und gewichtigen Anteil am jüdischen Leben zu nehmen. Man müßte sich auf jener Seite fageu, daß, wenn einmal diesen Männern im öffentlichen Leben der deutschen Juden Raum gegeben würde, es mit der zionistischen Herrschaft in Berlin nur allzu schnell vorbei sein kann! Mai: fürchtete die Aktivität jener Männer, und man tat alles, n m ihne n b i c L u ft zur w e i t e r e n Teilnahme ant jüdischen Leben zn verleiden und um sie wieder in ihre alte Indifferenz zurückzu- Was aber, frage ich, hat die liberale Partei demgegenüber getan?- Hatten nicht die liberalen Führer allen Anlaß, sich zu fragen, wie es kam, daß hier ohne das Zutun ihrer Partei Männer von hohem kulturellem Range von selbst aus ihrer Zurückhaltung heraus,getreten waren sich zu fragen, was die liberale Partei beginnen müsse, um diese Männer, die durch eine einmalige Erklärung eine gewisse moralische Bindung eingegangen warett, nunmehr dauernd zur Unterstützung einer Politik zu verpflichten, die eben gerade den in ihren Grundtendenzen der praktischen Durchführung jener Willenskundgebung zu dienen hätte. Auch wenn man sich seitens der Partei mit jenem Aufruf auch nicht direkt identifizieren wollte, zumal auch der Aufruf der Agency von Mitgliedertt der liberalen Partei unterzeichnet worden war, so müßte zum mindesten seitens der Führer der liberalen Partei in der Weise eine Verbindung mit den Unterzeichnern jener Erklärung hergestellt werden, daß man klar zum Ausdruck brachte, daß eilte Mitarbeit der Unterzeichner dieses Aufrufes, auch soweit sie bisher der liberalen Partei fernftandeit, im hohen Grade erwünscht sei. Es müßte vor allem aber das geistige Leben nunmehr innerhalb der liberalen Partei dadurch entfacht werden, daß man in Berlin den Anhängern beider Flügel die Gelegenheit zu offener Aussprache gab. Als ich vor einem halben Jahre meinen Wohnsitz nach Schöneberg verlegte, richtete ich an den Vorstand der Berliner liberalen Partei die Aufforderung, hier in Schöneberg alsbald eine Ortsgruppenversammlung der liberalen Partei abzuhalten, in der in paritätischer Weife die Anhänger und Gegner der betbeit Erklärungen das Referat mtd Korreferat erhielten und eine weitgehende Diskussion ermöglicht würde. Zu meinem grenzenlosen Erstaunen erhielt ich die Antwort, daß solche Auseinandersetzungen als unerwünscht empfunden würden, weil sie dazu dienen könnten, die Gegensätze zu verschärfen. Wenn man solche Mitteilung erhält, dann kann man sich allerdings nicht wundern, daß die geistigen Persönlichkeiten der Berliner Juden der liberalett Partei fernbleibett. Was in aller Welt ist das für eine Partei, in der matt sich scheut, über offen zu Tage tretende Gegensätze in sachlicher Weise sich auseinanderzusetzen, und was ist das für eine liberale Partei, die Angst vor geistigen Debatten hat. Ich bin gewiß jeder Voreingenommenheit für den Zionismus unverdächtig, aber ich muß sagen, da ftitb mir die Zionisten doch zehnfach lieber. JHermann weiß, daß unter beit Zionisten die verschiedensten Richtungen bestehen, die sich in der heftigsten Weise befehden. Das schließt nicht aus, daß bei Auseinandersetzungen innerhalb der Partei der weiteste Spielraum gegeben wird, und die Folge ist, daß in jener Partei Leben herrscht, während man in unserer Partei, wenigstens in Berlin, aus Aengstlichkeit und vorsichtiger Zensur schließlich zur Erstarrung gekommen ist. Im übrigen liegt es mir fern, hiermit ganz allgemein über die Berliner Partei aburteilen zu wollen. Es gibt Bezirks gruppen, in denen eine weit erfreulichere Tendenz ^herrscht, als etwa in Schöneberg, wo man, so lange ich dort wohne, m. W. überhaupt keine Ortsgruppenversammlung abgehalten hat. In der Bezirksgruppe Charlottenburg-West z. B. hat, wie in der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 11. Dezember 1929 berichtet ist, Herr Woyda über die Palästina-Frage gesproch>en. Es hat sich an das Refemt eine lebhafte Aussprache angeschlossen, und ich glaube, daß aus dieser Versammlung dem liberalen Judentum nur Nutzen und nicht Schaden entstanden sein kann.) Wir haben in Berlin den eigentümlichen Zu¬ SjOlfcWEROf iDofi (Schmeckend L nahrhaft. stand, daß die zionistische Partei in ihrer Organisation nach innen modern und liberal ist, während die liberale Partei in ihrer innerett Organisation dem Wesen des Liberalismus entfernt, ungeistig und individualitätsfeindlich» ist. Daß sich unter diesen Umständen weiteste Kreise der Berliner Juden vom jüdischen Leben fernhalten, kann nicht verwundern; gerade die Besten müssen es mit Verärgerung empfinden, daß man sie als Stimmvieh für die Wahlen anerkennen würde, ihnen aber jede Gelegenheit zu einer lebendigen Betätigung nimmt. Daß es durchaus möglich! ist, in Berlin auch auf nichtzionistischer Seite Anteil am jüdischen Leben zu erwecken, und Debatten von hohem geistigen Range zu veranstalten, hat erst kürzlich wieder eine Veranstaltung des Verbandes national-deutscher Juden bewiefett (dem ich übrigens persönliche nicht angehöre). In ihr referierten der Feuilleton- Redakteur der Deutschen Allgemeinen Zeitung Fechner über das Thema „Inden und Kunstbetrieb". In der Debatte sprachen neben Naumann, dem Führ« des Verbandes, Männer wie der Feuilleton-Redakteur der Vossischen Zeitung Monty Jakobs, Julius Bab, der dem Kreise um Constantin Brunner ungehörige Blankenfeld und (in feinsinniger und vornehmer Weisei der deutschnationale Rechtsanwalt und Tante-Uebersetzer Siegfried von der Trenck, also eine Auseinandersetzung, att der Männer der verschiedensten Richtungen beteiligt waren, und die aus dem erfreulichsten geistigen Niveau stand. Man fragte sich, warum das, was in jenem verhältnismäßig Minen Verband möglich ist, von der großen liberalen Partei in Berlin nicht zustande gebracht werden kann. Warum gelingt es dort, zu einer Veranstaltung führende Persönlichkeiten unseres Kulturlebens heranzuziehett, und warum nicht auch hier. Mir ist wohl bekannt, daß Sie, sehr verchrter Herr Stern, nicht der Leiter der Berliner Organisation/sind, und es ist auch tticht die Absicht meiner Abhandlung, zu untersuchen, welche Personen im einzelnen für die hier hervorgehobenen Mißstände die Verantwortung tragen. Ich wende mich mit meinem Schreiben an Ihre Adresse, weil ich der Ueberzengung bin, daß Sie als Parteiführer am ehesten in der Lage sind, dem Nebel abzuhelfen. Gerade, weil ich!, sehr verehrter Herr Stern, die Verdienste, die Sie sich um bfcfc liberale Partei erworben haben, außerordentlich hochschätze-, habe ich es für erforderlich erachtet, Ihnen die Bedenken' darzulegen, die meiner Ueberzengung heute gegen die Organisation unserer Berliner Ortsgruppe bestehen. Tenn ich möchte, daß Sie bei der nächsten Repräsentantenwahl nicht nur als Leiter einer überstimmten Mehrheit, sondern als der verantwortungsvolle Führer der Majorität in die Gemeinde einziehen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird es aber m. E. wünschenswert sein, sich mit aller Ehrlichkeit zu prüfen, ob nicht in den eigenen Reihen Fehler gemacht worden find, und mit der Arbeit besser heute als morgen'' zu beginnen. R.-A. Tr. Ernst Emil Schweitzer, Berlin. Aus der Bewegung Berlin. (L i b c r a l e r Verein für die Angelegenheit t e n der Jüdischen G e m e i n d e z u Berlin E. V., B e - zirksgruppe Osten.) Am Dienstag, den 4. Februar 1930, fand im Spiegelsaal der Concordia-Festsüte, Aiidreässtraßc 64, eine Mitgliederversammlung der Bezirksgruppe Osten statt. Der Zweck der Versammlung war hauptsächlich der, den Vorstand der Bezirksgruppe neu zu bilden. Herr Rechtsanwalt Jttmann leitete die Versammlung und teilte m einleitenden Worten mit, daß die Arbeiten der Bezirksgruppe eine Zeit laug brach gelegen hätten, jedoch durch die Gründung der Liberalen Synagoge Osten wieder ausgenommen worden tvären. Der starke Besuch des Gottesdienstes in der Kaiserstraße zeige, daß die Einführung des Gottesdienstes eine Notwendigkeit war. Die Bezirksgruppe Osten müsse vor allem ihre Arbeit wieder aufnehmen, um den Synagogenvercin zu stützen und zu Helsen. Es wurden dann in den Vorstand gewählt: Lehrer A. Anerbach, Dr. W. Bennigson, S. Deutsch und Frau, Alfred Ehrlich, Hermann Falkenberg, Moritz Gottfeld, Rechtsanwalt Jttmann, Dr S. London, Wilhelm Marcus, Mar Nathan, Frau Neumann, Dr. Hans Peiser, Julius Robert, Georg Salomonis, Erich Salinger, Louis Wolfs. Herr Studiendirektor Dr. Gutmann nahm dann das Wort zu seinem Vortrag „Begründung des liberalen Gedankens im Judentum". Er führte aus, daß ihm daran liege, zu zeigen, daß der Liberalismus im Judentum in seinem Wesen und seiner Geschichte begründet ist. An manchen Widersprüchen in den Erzählungen der Bibel und besonders der fünf Bücher Mose zeigte er, daß es aus wissenschaftlichen und rcligiöscii Gründen unmöglich ist, die Thora als einheitliches Werk anzusehen, und daß schon in der alten Zeit eine Entwicklung der religiösen Anschauungen stattgefunden hat. Ebensowenig sei anzunehmen, daß die mündliche Lehre, die von Mose stamme, ettvas Einheitliches fei. Wer soll diese Ueberliescrnng weitergetragen haben? Auch bei den Lehrern der Mischna bestehe über Einzelheiten keine Uebereinstimmung. All dies zeige, daß die Gesetzgebung ständig im Fluß war. Herr Dr. Gntmann führte weiter aus, daß ebenso wie die Gesetzgebung die Art des Gottesdienstes einer ständigen Veränderung untertvorfen war und in einer Jahrtausende langen Entwicklung die heutige Form erhalten hat. Aus diesen Tatsachen leitet er das Recht her, Aendernngen an dem Gottesdienst und an der Liturgie vorzunehmen, wie sie fast zu allen Zeiten vorgenommen worden sind. Erst in den Zeiten schwerer Verfolgung verloren die Juden unter dem Druck der Verhältnisse den Mut, etwas an dem Althergebrachten zu ändern. Erst im vergangenen Jahrhundert haben vornehmlich Leopold Zunz und Abraham Geiger gezeigt, daß das Judentum stets eine Religion der Entwicklung gewesen ist und daß wir deshalb das Recht beanspruchen dürfen, Aenderungen vorzunehmen, wenn sie unserem Geiste entsprechen. Herr Dr. Gutmann schloß seine Ausführungen mit den Worten, daß das Judentum stets eine Religion der Entwicklung gewesen sei und bleiben wird. In einer späteren Borstandssitzung der Bezirksgruppe Osten wurden Herr Rechtsanwalt Jttmann als 1. Vorsitzender, Herr Julius Robert als 2. Vorsitzender, Herr Georg Salomonis als 1. Schriftführer und Herr Erich Salinger als stellvertretender Schriftführer gewählt.

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