Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 7 (12.2.1930)
- Date
- 1930-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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W. Ztchrgang Ttammer 7 nTSÜLSCX fr#- »i— — jHylHyfljwniP, jfUHHg Beilage 12. Februar 1930 Der verlaus der vreslauer Tagung Offizieller Bericht Erster Tag (Fortsetzung). Nach den in voriger Nummer abgedruckten Berichten über die allgemeine Lage des liberalen Judentums sowie über den Stand der Bereinigung für das liberale Judentum und ihrer Finanzierung durch den Vorsitzenden und den Generalsekretär der Bereinigung begann am Sonnabend, 1. Februar, die Generalaussprach«. Der erste Redner, Rabbiner Gustav Cohn (Leipzig), beginnt mit Worten herzlichen Dankes an den Vorstand der Bereinig gung für die opferwillige Hingabe an die Arbeit für das liberale Judentum. Er begrüßt den Stuf des Vorsitzenden an die Rabbiner und möchte im Sinne der liberalen Rabbiner das Versprechen ablegen, daß diese gern und freudig bereit stehen werden, um dem liberalen Judentum Wege zu weisen. Sie müssen aber andererseits auch er warten, daß die Laien, die sie als Führer rufen, auch Gefolgschaft leisten werden. Daran habe es bisher in entscheidenden Momenten ge fehlt. Es sei für die Rabbiner nicht ermutigend gewesen, daß sie beispielsweise bei der Durchführung der Richtlinien im Stiche gelassen wurden; man dürfe ihnen keinen Borwurf daraus machen, daß sie keine Neigung verspürt haben, nach diesem Versagen der Laien die Richtlinien weiter zu entwickeln. Der gleiche Vorgang habe sich wiederholt. Es sei doch keine Führung möglich ohne Vertrauen der Geführten: die Laien aber hätten bisher dieses Vertrauen vermissen lassen. Auch die anderen Klagen, die in den Berichten in Erscheinung traten, würden verstummen, wenn die Bereinigung den Weg gehen würde, den sie gehen müsse. Die liberale Bewegung ist zweifellos richtig als die Befreiung von einer versklavenden religiösen Satzung charakterisiert, sie verlange Anerkennung der Individualität- Aber es dürfe dabei auch nicht das Verbindende übersehen werden. Ein liberales Judentum im Sinne restlosen Individualismus könne keiner „Bereinigung für das liberale Judentum" Raum lassen. Der Einzelne brauche keinen Zusammenschluß, wenn er seine Religion für sich allein auslebt. Es müsse erkannt werden, daß das liberale Judentum solange Religion einer kleinen Schicht bleiben werde, nicht in die Menge dringen könne, solange man nicht statt bloßer allge-- meiner Religiosität, jüdische Religiosität pflegen werde. Und wenn man einwcnde, wir brauchten keine spezifisch jüdische Religiosität, da ihre Werte der allgemeinen entsprechen, so sei zu erwidern, daß jüdische Sittenlehre und Glaubensanschauungcn noch eine Fülle an Eigenwerten besitzen. Die in die Kulturanschauungen der Menschheit eingcdrungcnen Sittenforderungen horten nicht auf, jüdische Forderungen zu sein, zumal sie nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb des Judentums keineswegs verwirklicht seien. Darum seien sie und nicht weniger die noch garnicht anerkannten sittlichen und Glaubensanschauungen als jüdische zu Pflegen. Dadurch würde sich der Weg zu gemeinsamen religiösen Formen ergeben. „Vereinigung in der Freiheit" müsse die Parole unserer Bereinigung werden, dann würden von innen heraus alle zu uns kommen und dem liberalen Judentum der Platz gegeben werden, der ihm gebührt. Rechtsanwalt D r. Ernst Heinrich S c l i g s o h n (Berlin) schickt seiner Rede ein herzliches Bekenntnis zum liberalen Judentum voran, in welchem er die Erfüllung des Judentums sieht. Ich bitte Sie, die nachfolgenden Ausführungen nicht als Nörgeleien eines Außenstehenden, sondern als die aus innerer Notlvendigkcit, gefühlt« Verantwortung für Gedeih und Verderb unserer Vereinigung anznsehen. . Es ist ein falscher Schluß, wenn mau die Finanzkalamität für die nicht immer zureichenden Leistungen verantwortlich macht. Es liegt damit genau umgekehrt: bei zureichender Leistung und bei Beschreiten des richtigen Weges hätten wir auch ausreichende Mittel. Die Bereinigung hat in vierfacher Weise versagt, ist in vierfacher Weise den Prinzipien des liberalen .Judentums untreu geworden. Schlimmer als unsere geringe Mitgliederzahl ist es, daß die führenden Männer des Judentums, die liberal sind, es nicht über sich bringen, der Vereinigung beizutrcten oder an ihr mitzuarbeiten. Ich erinnere an Hermann Cohen, Franz Rosenzwcig, Julius Goldstein (Zuruf: Der war tätiger Mitarbeiter?) u. a. Es ist auch nicht gelungen, führende Männer der Wirtschaft und Wissenschaft zu gewinnen. Ich erinnere an Marburg, Oscar Wassermann, Franz Oppenheimer, Pros. Einstein. Außerdem haben die Führer der heutigen jüdischen Jugendbewegung in ihrer Mehrheit sich nicht der liberalen Vereinigung gewinnen lassen. Dies ist das erste Versagen. Das zweite ist, daß die Vereinigung die Beschäftigung mit Fragen der Gegenwart ausgegeben hat. Pazifismus und Gleichstellung der Frau sind heute keine Forderungen mehr, sondern Tatsachen. Es fehlt an der wirklichen Uebernahmc dessen, was Gegenwart ist. Eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart bedeutet nicht, wie inan das bei uns gemacht; hat, daß man einen Artikel schreibt, oder einen Vortrag hält „Das Judentum und. ..Das ist keine wirkliche Auseinandersetzung und keine wirkliche Ausnahme der Gegenwart. Vertiefen in die Probleme ist nötig. Es wäre richtiger, man würde etwa Jacob Goldschmidt über „Wirtschaft" oder einen Rechtswissenschasttec über „die Todesstrafe" sprechen lassen. Wenn man auf solche Weise den Einfluß des Judentums auf die allgemeinen Dinge Nachweisen würde, dann wären er hebliche Beiträge geleistet worden, das können aber nur lvirktichc Fachleute, die sich liebevoll in die einzelnen politischen und Wirtschaft lichen Fragen versenken, statt daß man, wie bisher, Leute schreiben und sprechen läßt, die gerade noch orientiert sind und die nur über das Allgemeine schreiben und sprechen, anstatt über das Spezielle. Drittens ist der Liberalismus auch seinen eigenen liberalen Prinzipien untreu geworden. Abraham Geiger hat ganz bestimmte Dinge gefordert. Was ist seit Geigers Zeiten getan worden in unseren Kreisen trotz Falkcnberg, trotz Einhcitsgebetbuch? Ein neues Gemein schastsbewußtsein, eine neue Form des Gottesdienstes ist nicht geschaffen worden. Wir begnügen uns vielfach mit dem Worte „Fortschritt", anstatt wirklich etwas zu leisten. Die Nichterkemrtnis unserer Lage beruht auf der Unsicherheit, in der wir liberalen Juden leben. Die Fragen des Glaubens sind bei uns zwar offiziell noch vorhanden, werden aber nicht mehr gelebt. Wir feiern Jom Kippur, und zum Jom Kippur gehört der Begriff der Sünde. Die Scheidung von gut und böse hat aber in der heutigen Zeit vielfach ihre Existenzberechtigung verloren. Wir reden Religion, aber wir handeln nicht dementspre chcnd. Wer empfindet die Bibel, das Wort der Heiligen Schrift, heute noch als an sich gesprochen? Alle jungen Menschen haben sich durch das ständige Gerede von den hohen Idealen furchtbar beleidigt und abgestoßen gefühlt. Die Bücher z. B-, von denen vorhin gesagt wurde, daß sie uns fehlen, sind da. Buber und Rosenzweigs Werke sind nichts anderes als liberale Bücher. Die Vereinigung muß nicht nur die Zeitung Herausgeber und Vcrsammlungstätigkeit ausüben, sondern sie muß eine Lerngemeinschaft werden. Ihr viertes Versagen be steht in ihrer politischen Verengung. Trotz Gründung des Wcltvcr-- bandes lesen wir in der Zeitung keine Abdrucke aus englischen, französischen, amerikanischen und anderen ausländischen jüdischen Zeitungen. Auch von dem liberalen Judentum in Palästina hören wir nichts. Politische Verengung zeigt sich auch bei Betrachtung zweier gemcindepvlitischer Dinge. In einigen deutschen Gemeinden ist ein Wahlrecht, daß der Gerechtigkeit und dem Fortschritt Hohn spricht. In der Gemeindepolitik macht sich Engstirnigkeit, Mittelmäßigkeit und Sngeistigkeit breit. Es fehlt an grundlegenden großen Ideen. Wir brauchen daher eine grundlegende Berwaltungsreform. Es gilt, die Unbekannten im Lande zu suchen, die für uns zu gewinnen jinv. Der Liberalismus ist tot, es lebe der Liberalismus! Rabbiner Dr. Julius Galliner (Berlin) beklagt, daß die Liberalen sich vielfach von Taktik leiten lassen, die fast mit Grundsatzlosigkeit gleichzusetzen ist. Wir ehren die Ueberzeugung anderer, auch derjenigen unter uns, die in die Agency eingetreten sind, aber wir können ihnen nicht verzeihen, daß sie geschwiegen haben in dem Augenblick, als die Ehre der deutschen Juden in den Schmutz gezogen worden ist. Die Besprechungen der Nichtzionisten in der Jewish Agency haben hinter verschlossenen Türen stattgefunden. Man hat nicht gehört, was sie zur Wahrung des nichtzionistischen Standpunktes getan haben, Sie hatten aber ctivas tun müssen, denn die Einheit des deutschen Judentums stand auf dem Spiel. Hätte nicht der Aktionsausschuß seine Erklärung veröffentlicht und die Kundgebung im Herrenhaus veranstaltet, es wäre Massenaustretungcu gekommen. Deshalb gebührt auch unserer Redaktion Dank, daß sie diesen Standpunkt stets gewahrt hat. Ihr danken wir, daß sie vorangegangcn ist, das Judentum mjt den wirklichen Problemen des Lebens in Verbindung zu bringen: ihr danken wir, daß sie die staatsbürgerliche Stellung der deutschen Juden gewahrt hat; ihr danken wir, daß sie darauf hingewiesen hat, wie es die Aermsten der Armen sind, die dem Palästina Experiment zum Opfer fallen. Und zu den Opfern dort gesellen sich die Opfer hier. In einer Zeit, wo man erwägt, zahlungsfähige Glaubensgenossen in die Altersheime auszunehmcn, kann man nicht Geld an ein zum Untergang verurteiltes ausländisches Experiment wenden. Auch in den Gemeinden selbst, muß man auf. richtige Verwendung des Geldes sehen. Wir brauchen keine jüdischen Schulen; wir zahlen unsere Synagogensteuern nicht, damit unsere Kinder Englisch, Französisch und Mathematik lenren; diese Aufgaben hat der Staat zu erfüllen. Frau Paula Ollcndorff (Breslau): Ich habe nur ein paar Worte zu sprechen gegen meinen Freund Heinrich Stern, der den liberalen Frauen vorwarf, daß sic sich nicht organisiert haben. Wir Frauen ruhen uns nicht aus; wir finden nur, daß viel zu wenig Männer organisiert sind. Wir möchten erst die Männer-Organisation wirksam sehen. Der Mann tut doch das, wohin ihn die Frau führt. Wir kämpfen gegen das getrennte Sitzen von Männern und Frauen in der Synagoge. Wir wollen auch nicht immer nur von Freitag-Abend und Sabbat hören. Menn die übrigen Tage ohne Gott sind, wird der Sabbat das nicht gut machen. Was gibt das liberale Judentum den Kindern in der Schule? Sie sind in einer schlimmen Lage. Die jüdischen Mitschüler sagen ihnen: Ihr seid keine Juden; und die christ lichen Mitschüler sagen ihnen: Ihr seid keine Deutschen. Um die Kinder gegen solche Meinungen zu festigen, muß das Haus liberaler Eltern durchdrungen sein von liberalem Judentum, nicht nur am Freitag- Abend und Sabbat. In den Gemeindestuben kommt es vor allem auf die soziale Tat an. Rabbiner D r. Caesar S e t i g m a n n (Frankfurt am Main): Ich vertrete hier als Vorsitzender der „Bereinigung liberaler Rabbiner" 96 jüdische Theologen, die von .Herrn Stern angegriffen worden sind. Vorwürfe sind leicht gemacht und leicht widerlegt. In der Sache des jüdischen Ehcrechts z. B. haben wir jetzt eine Broschüre herausgebracht und an die jüdischen Blätter der ganzen Welt geschickt. Wir warten aus das Echo der jüdischen liberalen Laienwelt. Jeder Rabbiner tveiß, daß er sich nur liberal verhalten kann, wenn er eine Gefolgschaft hat, die zu ihm steht. Wenn nun die Bereinigung der liberalen Rabbiner den Weg geht, den schon einige Kollegen gegangen sind, ungeachtet der Vorschriften des alten Ehercchts Trauungen und Scheidungen vorzunehmen, die nach dem alten Gesetz nicht gestattet sind, dann hoffe ich, daß die Liberale Bereinigung uns nicht so im Stiche läßt, wie sie es in Posen getan hat. Orthodoxie und Zionismus haben, nach unserer Meinung wenigstens, eine geringwertige Idee; sie haben aber die opferbereitesten Juden. Der Liberalismus hat die große Idee, aber keine opferbereiten Anhänger. Das hat der heutige Geschäfts- und Finanzbericht wieder bewiesen. Ich meine aber, wenn man, wie es heute hier geschehen ist, anfängt, Oschamnu bogadnu zu sagen, ist das ein Lichtstrahl für die Zukunft. Rechtsanwalt Dr. Rudolf Geiger (Frankfurt am Main): Wenn die letzten Worte von Herrn Dr. Seligmann stimmten, müßten wir anders dastchen, denn wir sagen schon seit Jahrzehnten Oschmann bogadnu. Damit allein kommen wir nicht weiter. Dr. Scligmann hat eben ausgeführt, und auch Rabbiner Cohn hat es schon gesagt, die Laien müßten der rabbinischen Führung folgen. Dieser Schluß ist aber falsch. Das Führcrtum besteht nicht darin, daß die Massen ihre (Gefolgschaft im voraus Zusagen, sondern Führer ist der, der die Massen mit sich reißt. Das >var nicht der Fall bei den Richtlinien, nicht bei der Eherechtssrage und nicht bei der Stellungnahme zum Zionismus. Mit dem Eherecht hat man sich, wie erinnerlich, schon 1910 auf der Nürnberger Tagung beschäftigt. Als sich ein orthodoxer Gegenangriff erhob, haben unsere liberalen Rabbiner den Sturm abgeblasen. Auch die Richtlinien der liberalen Rabbiner sind nur abgelehnt worden, weil sic nicht liberal genug waren. Dr. Scligsohn vermißt die Auseinandersetzung mit den Problemen der Gegenwart: man könne nicht sagen „Das Judentum und...." z. B. „Judentum und Wirtschaft". Ich sehe das nicht ein. Wie verträgt sich aber dieser Gedankengang mit Dr. Seligsohns weiteren Darlegungen, daß Fachleute die Probleme ihres Gebietes auf das jüdische zurückführen sollen? Was ist Wirtschaft? Wenn Sie an diese Stelle Herrn Rathenau gestellt haben würden und einen Führer der Sozialdemokratie und einen Landbundführer, und alle würden Ihnen anseinandersetzen, Inas Wirtschaft ist, dann möchte ich sehen, wie sie das ins Jüdische zurückführen. Scligsohn hat auch gesagt, beim Liberalismus als einer religiösen Bewegung sei das Glauben das Wesentliche. Ich stimme damit überein. Dieser Gedanke schlägt aber das Argument, daß wir uns nicht in zu großem Individualismus ver liercn dürfen. Wenn das Glauben die .Hauptsache ist, so ist alles Aeußcrliche zweitrangig. — Redner geht aus die vorliegenden Anträge ein und wendet sich mit großer Energie gegen die Meinung, c>ie Einheitsgemcinden wären zu erhalten, auch wenn der Liberalismus dort nicht zu seinem Recht kommt. Tr. Ludwig Tictz (Berlin-: Ich glaube, unser Antrag betr. Erhaltung der Einheitsgemcinden ist falsch interpretiert worden. Wir wollen nur nicht, daß potente Liberale immer gleich mit dem Austritt drohen. Ein weiterer Antrag von uns zielt auf bessere Information aller liberalen Gemeindepolitiker im Reiche ab. Die „Jüdisch liberale Zeitung" hat im ganzen Jahrgang 1929 nur drei gemcindepolitischc Aufsätze gebracht. Sie müßte aber dafür sorgen, daß unsere Gemeindepolitik populär wird. Die Parolen für die Gemeindepolitik müssen von Berlin ausgehcn, wo die meisten Juden wohnen, aber es muß dabei berücksichtigt werden, daß die Situation in keiner anderen Stadt so liegt wie in Berlin. Bei Jhrert Entscheidungen müssen Sic darauf bedacht sein, daß Sie der Stimmung Ihrer großen Wählermassen gerecht werden, nicht nur der zufälligen Majorität in Ihrer Bereinigung. Rechtsanwalt Dr. Hugo Hoff mann (Frankfurt am Main) begründet einen von der „Arge" eingebrachten. Antrag und beanstandet, daß auf dieser Tagung kein Jugend-Referat vorgesehen ist. Auf der diesjährigen Londoner Weltkonftrenz wird ein solches stattfinden. Wenn es dem Liberalismus auf jüdische Seelenwertc, ans jüdische Religiosität ankomme, so muß gesagt werden, daß in den jüdischen Jugendorganisationen diese Werte meist zu kurz kommen. Man pflegt Dinge, die nur als Surrogat der Religiosität bezeichnet werden können. Man ist überheblich und unverantwortlich gegenüber demjenigen, was die Erwachsenen in Gemeinden und Organisationen geschaffen haben. Nur in der jüdisch-liberalen Jugend lebt ein bewußter Wille, das Erbe der vorangegangenen Generation sortzusctzen. Wir sind stolz darauf, daß die jüdisch-liberale Jugend mit den Erwachsenen gemeinsam arbeitet und sich darauf vorbereitet, die Kon--- tinuität zwischen der vorangegangcnen und alsdann kommenden Generation hcrzustellen. Wir wollen keine Konkurrenz darstcllen gegen andere Jugendvcreine. Wo ein liberaler Jugendverein wegen der Kleinheit einer Gemeinde nicht existieren kann, da wollen wir hinein in die neutralen Jugendvereine und in ihnen dem Liberalismus zur Gleichberechtigung verhelfen, die er nicht immer hat. Wo aber ein liberaler Jugendverein Existcnzmöglichkeit hat, da bitten wir die Ortsgruppen der Bereinigung, die liberalen Rabbiner und Lehrer, für die Schaffung und Förderung jüdisch liberaler Jugendvereine einzutretcn. Ludwig Herrmann dankt der „Jüdischtiberaleu Zeitung" für ihre jederzeit entschiedene Haltung. Wir wollen keinen „Jüdischen Generalanzeiger". Die Anträge, die auf eine Beschränkung der Redaktionsfteiheit Hinzielen, empfinde ich zumindest als unjugendlich. Redner macht einige praktische Vorschläge zur Hebung der Spendem¬ und Inseratenwerbung. Vorsitzender Rechtsanwalt Heinrich Stern (B e r l i n) dankt Herrn Ludwig Hcrrmann, daß er, noch dazu als Mitglied der jüdisch-liberalen Jugend, der erste Diskussionsredner gewesen ist, der praktische Vorschläge für die materielle Fundierung der Organisation gemacht hat. (Den Vorsitz übernimmt nunmehr RA. Dr. Rudolf Geiger, Frankfurt a. Main.) Bruno Woyda (Berlin): Ich habe die Rede von Herrn Dr. Seligsohn mit großem Interesse gehört und mich gefragt: was sollst Du nun tun? Eine Antwort habe ich nicht gesunden, denn die Rede ist lediglich negative Kritik. Kritik könnte ich aber selber besser üben. Wenn z. B. in Berlin eine Sitzung des Weltvcrbandcs stattfindet, so kann die Zeitung darüber ivohl nicht viel bringen, tvemr der Redakteur nicht dabei gewesen ist. Richten Sie als» bitte Ihre Kritik an die zuständige Adresse. Positive Anregungen habe ich aus Ihrer Rede nicht geschöpft. Wenn Sie mir z. B. den „Dybut" als religiöses Erlebnis anpreisen, so erkläre ich Ihnen bei aller Würdigung der künstlerischen Leistung-, daß dieser meinen religiösen Anschauungen völlig fremd ist. Aus religiösen Gründen auch haben wir die Jewish Agency abgelchnt. Ich kann nicht mit ansehen, daß tausende junger Menschen in ein Grab geführt werden, um eines Phantoms willen. Die.Stadt, in der wir hier tagen, ist als polnische Kolonie unter dem Namen Bratislaw entstanden. Ich möchte sehen, wohin wir mit unseren Forderungen auf Grund „historischer Rechte" kommen. Dr. Seligsohn hat große Vorschläge gemacht in der Theorie und dann auf die Anträge verwiesen, die er für die Praxis gestellt hat. Nun, >vas Sie nur beantragen, das haben wir bereits verwirklicht. Sie beantragen die Aufnahme einer Verbindung mit den osteuropäischen Ländern; warum haben Sie sich darüber nicht informiert, daß der Liberale Weltverband längst mit osteuropäischen Vertretern zusammcnarbeitet? Sie stellen Anträge, die die Freiheit des Redakteurs beeinträchtigen sollen. Sie müssen selbstverständlich gegen den Redakteur der Zeitung sein, der nicht Ihre Tendenz verfolgt. Sie aber stellen einen Antrag, daß der Redakteur und der Generalsekretär weder im Vorstand noch im Arbeitsausschuß beschließende, sondern nur beratende Stimme haben sollen. Hätten Sie diesen Antrag, der übrigens allen modernen und demokratischen Grundsätzen wider-- spricht, auch gestellt, als Herr Rechtsanwalt Stern noch Generalsekretär und Herr Dr. Scligmann noch Redakteur waren? Sie kritisieren die Haltung der Zeitung gegenüber dem sächsischen Wahlrecht. Gerade hier aber hat die Zeitung das getan, was Sic wünschen, sie hat den Führer der sächsischen Liberalen zu Wort kommen und Heine Ansicht vertreten lassen. In der Frage des Ausländerwahlrechts stellen Sie einen Antrag, der sich gegen „allzu tagge Ausdehnung der Karenzzeit" wehrt. Die Vereinigung hat vor Jahren bereits jn einem Beschluß ausgesprochen, daß wir nur ein Jahr Karenzzeit wünschen. Hinsichtlich der Zeitungsfragen hat mir Dr. Geiger meine Antwort schon vorweg genommen. Ich habe nie den Rabbinern ihre Führerfähigkeit abgestritten, im Gegenteil, ich wünschte, daß sie unsere Führer ivären. Es ist heute genau so, wie Dr. Seligmann in seinem Buch geschrieben hat, daß cs vor hundert Jahren war. Beim Zusammensitzen von Männern und Frauen in der Synagoge z. Blag die Initiative wieder bei den Laien, und die Führer sind nur zögernd gefolgt. Die Tätigkeit des Redakteurs ist undankbar, sowohl hinsichtlich seiner positiven Stellungnahme als auch hinsichtlich dessen, was er ablehnen muß. Ich habe den Wunsch, daß unsere Zeitung sich durch vornehmen Ton und klare Stellungnahme zu allen wesentlichen Fragen hcrvorhebt. Rechtsanwalt .Heinrich Stern (Berlin): Die hier gestellten Anträge sind zum Teil darauf zurückzuführen, daß die „Jüdisch liberale Zeitung" das offizielle Organ unserer Vereinigung ist. Man macht oft die Vereinigung oder ihren Vorsitzenden für Aeußerungen verantwortlich, die nur unter Verantwortung der Redaktion veröffentlicht sind. Soll die Bereinigung in dieser Weise mit^- verantwortlich sein, so könnte Herr Woyda dankbar sein, wenn sich ein größeres Gremium zur Tragung der Mitverantwortung bereit findet. Anderenfalls muß mit noch größerer Deutlichkeit als bisher ersichtlich sein, daß die Vereinigung nur für solche Artikel verandwörtlich ist, die ausdrücklich als in ihrem Namen oder Auftrag versaßt gekennzeichnet sind. Direktor Hugo O st b e r g (B e r l i n) möchte, daß auch die Fühlungnahme zwischen den liberale» Ratsmitgliedcrn des Preußischen Landesverbandes und der Zeitung enger wäre. Vorsitzender R. A. D r. Rudolf Geiger (Frankfurt a. Main): Es ist gleich Mitternacht, und es stehen noch 16 Redner ans der Liste. Wir werden die Fortsetzung der Debatte aus morgen nachmittag vertagen. Bis dahin werden sich die Herren auch über die vorliegenden Anträge geeinigt haben. Die Versammlung beschließt demgemäß Vertagung der weiteren Debatte auf Sonntag-Nachmittag und nimmt lediglich noch die Vorstandswahlen vor, die bereits in der vorigen Nummer veröffentlicht wurden. Außerdem wird einem Anträge des Arbeitsausschusses gemäß beschlossen, den Jahresbeitrag von Mk. 10,— auf Mk. 12,— zu erhöhen; den Ortsgruppen soll hiervon statt der bisherigen Mk. 4,— nunmehr Mk. 5,— pro Jahr verbleiben. Zweiter Tag. Die Eröffnungs-Feier am Sonntag. (Oeffentliche Sitzung.) Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Heinrich.S t e r n (Berlin), eröffnet, morgens um 10 Uhr im übcrsülltcu Saale der Spinoza-Loge den öffentlichen Teil der Tagung mit folgender Eröffnungs-Ansprache. Meine, sehr verehrten Damen und Herren! Ich eröffne hiermit die ösftntliche Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum und heiße Sie alle herzlich willkommen. Nachdem wir gestern in angeregter Aussprache uns über innerpolitische Verhältnisse, über Ziele und Zweck der Organisation unter--