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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-02-12 · 7 (12.2.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
7 (12.2.1930)
Date
1930-02-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
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Ratstagung des Preußischen Landesverbandes Der nachfolgende Bericht geht uns aus dem Büro des Landesverbandes zu. Wir behalten uns vor, zu seinem Inhalt noch Ttellung zu nehme». Die Red. Amtlich. Im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden Hat die Ratssitzung, welche zur Erledigung der in der Novembersitzung vertagten Gegenstände notwendig geworden ist, am 9. Februar 1930 unter dem Vorsitz des Prä sidenten, Kammergerichtsrat Leo Wolfs, stattgefuildeit. Sie beschäftigte sich im wesentlichen mit den Berfassungsänderüngen, welche von der VerbaudStagung des Jahres 1929 angeregt und alsdann von dem Rechtsaüsschuß des Landesverbandes durchberaten werden sind. Ter Gedanke war dabei der, daß, nachdem die von der Verfassung eingesetzten Verwaltungskörper des Landesverbarides beinahe fünf Jahre gear beitet haben, und somit die Schwierigkeiten der Einrichtung und Inganghaltung des Apparates überwunden sind, die Vereinfachung der Verwaltungsarbeit und damit die Ver 'meidung jeder Ueberorgauisation erreicht werdett soll, was zugleich mit einer iu der heutigen Zeit besonders zu begrüß ßendm Herabsetzung der Verwaltungskosteu verbunden fein wird. Man ging, dabei freilich davon aus, daß unter dem Bestreben nach Vereinfachung der Charakter des Landesver bandes als der selbstgewähtteu Vertretung aller preußischeil Juden nicht leiden dürfe, und hat aus diesem Grunde geglaubt, die von mehreren Leiten befürwortete Herabsetzung der Zahl der Abgeordneten znm Verbandstag nicht vornehmen zu sollen. Ferner erschien es zweckmäßig, den hauptsächlichsten Grundsatz der bisherigen Verfassung insofern beizu behalten, als dem Rat nicht bloß, wie vorgeschlagen worden ist, die Exekutive belassen werden soll, wodurch er zu einem bloßen die Verwaltung führenden Ausschuß des Verbands tages werden würde. Vielmehr soll neben dem letzteren der Rat nach wie vor als gesetzgebendes Organ bleiben, so daß ein Verbandsbeschluß erst durch übereinstimmenden Willensakt des Rates mrd des Verbandstages zustandekommt. Wie aus dieser Grundlage die Verfassungsbestimmungen über den Rat, insbesondere seine Zusammensetzung, abzuändern sein werden, darüber soll zunächst ein achtgliedriger Ausschuß beraten, der bis zur Verbandstagung Bericht erstatten soll. Diese ist bekanntlich aus den 23. März 1930 ein berufen worden. Tie Sitzung beschäftigte sich im übrigen mit der Fest stellung der Aenderungen, welche für die Ende dieses Jahres vorzuuehmenden Wahlen die bisherigen für den Rat und den Verbandstag geltenden Wahlordnungen zu erfahren haben werden, sowie mit einigen dem Landesverband vorliegenden Gesuchen um Zuwendung von Subventionen. Es wurde ferner über den Stand der Verhandlungen mit dem Mi nisterium wegen des Gesetzentwurfs zur Regelung der Verhältnisse der Juden iu Preußen eingehend Bericht erstattet. Endlich fand noch eine Beratung über die beantragte Unterstützung des Lehrerseminars in Köln statt, welchem im laufenden Etatsjahre Mittel nicht gewährt werden tonn ten. Tie Meinung der Mehrheit ging dahin, daß sorgfältig zu prüfen sein wird, ob im kommenden Etatsjahre die Möglichkeit der Unterstützung des Kölner Lehrerseminars gegeben sein. wird. . . Umschau Teutfchlaud und die Affäre Dreyfus. Rechtsauwalt Tr. Bruno Weil, Stellvertretender Vorsitzender des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, hielt am Mittwoch, den 5. Februar, abends, in der Singakademie vor einer Zuhörerschaft, die sich zu einem großen Teil aus Juristen zusammensetzte, einen Vortrag über die „Affäre Treyfus", der im Aufbau außerordentlich spannend und in der Wirkung sensationell war. Ter Vortragende gab Kenntnis von den deutschen Akten zum Fall Dreyfus, vou denen der größte Teil bis jetzt einer weiteren Oefsentlichkeit vollkommen unbekannt war. Tie Akten betreffen Berichte des damaligen deutschen Botschafters in Paris Grafen Münster, des deutschen Militär-Attaches Oberst Schwarzkoppeu, der nach der Version der Anti-Treysus-Partei die Mitteilungen vom „Verräter Dreyfus" über französische Militärgcheimnisse und das mysteriöse bordereau in Empfang genommen haben soll. Randbemetlüngen des früheren Kaisers Wilhelm II. zu den deir Berichten, schriftliche Aeußerungen des damaligen Reichskanzlers Fürsten Bülow, die Niederschrift einer fast tragisch verlaufenen Unterredung zwischen Münster und Schwarzkoppen u. v. a. Aus allen diesen Berichten, Aufzeichnungen und Randbemerkungen geht klar und zweifelsfrei hervor, daß der von der französischen Militärpariei wegen Verrats militärischer Geheimnisse an Deutschland verfolgt gewesene und von zwei Militärgerichten verurteilte jüdische Kapitän Alfred Treyfus nieinals irgendwelche mittelbare oder unmittelbare Beziehungen zu deutschen zivilen und militärischen Stellen unterhalten hat, ebenso zweifelsfrei geht aus den deutschen Akten hervor, daß der französische Major Estherhazy, der damals von der französischen Militärpartei gedeckt und gegen die Anklagen eines Zola, Clemenceau u. a. m. beschützt wurde, dem Obersten Schwarzkoppen französische militärische Akten auslieferte und all ihn jenes mysteriöse „bordereau" schrieb, das später in die Hände des französischen Generalstäbs gespielt wurde und dessen Autorschaft durch ein falsches Urteil von Schriftverständigen Treyfus zugeschrieben wurde. Das spannendste Moment in dem Bortrag Dr. Weits war die Schilderung der folgenden Episode. Bevor der zweite Treysus-Prozeß vor dem Militärgericht in Rennes üattfindrn sollte, wandten sich der damalige französische Ministerpräsident, der französische Außenminister und der französische Kricgsminister isoliert und geheim, ohne daß einer von der Tal des andere,l wußte, teils' an Kaiser Wilhelm, teils an den Reichskanzler Bülow mit der Bitte, wenn Dreyius unschuldig ist, das mitzuteilen, was ihn entlasten kann. Ter Appell der französischen Regierungsleiter ist daraus zu erklären, daß sich Frankreich damals infolge der Dreysus- Affiäre säst an der Schwelle eines Bürgerkrieges befand, der durchs die Klärung des Falles vermieden werden sollte. Aus den deutschen Akten nun geht hervor, daß Kaiser Wilhelm seinerseits nicht abgeneigt war, das zu tun, was zur Liquidierung der Affäre geführt hätte. Fürst Bülow, der Reichskanzler, aber vertrat einen anderen Standpunkt. Es sei nicht zu wünschen, so führte er aus, „daß Frankreich durch eine rasche und eklatante Reparation von Dreyfus sich sofort miebet die liberale und jüdische Sympathie erwirbt. Am besten ist es, wenn die Affäre weiter schwärt, die Armee zersetzt und Europa skandaliert." So wurde die Rehabilitierung Drey>us' auf Jahre hinaus verzögert. Das Rechtsprinzip und die Ehre eines untadeligen Ehrenmannes wurden der Staatsraison geopfert. Ter Vortragende schloß mit dem Ausdruck! der Hoffnung, daß sich im neuen Deutschland in Fällen von Justizirrtümern und Justizmorden immer mutige Leute finden mögen, die wie die französischen Vorkämpfer des Rechtes, die „Dreysusards", Leben, persönliche Wohlfahrt und Ansehen daran setzten, um der Wahrheit und dem Recht zum Siege zu verhelfen. (Jta) Vom liberalen Kultus-Ausschuß des Preußischen Landesverbandes. Am 7. d. Mts. trat in Berlin der Liberale KultuS-Ausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden unter dem Vorsitz von Rabbiner Tr. Seligmann- Fr anksurt a. M. zu einer Sitzung zusammen, die sich zunächst mit der Schaffung des musikalischen Anhangs zum liberalen Einheitsgebelbuch beschäftigte. Es wurde beschlossen, durch ein Ausschreiben möglichst viele Fachleute für die Anfertigung von geeigneten Kompositionen zu interessieren. Ter Vorsitzende gabsodann davon Kenntnis, daß er mit der Ausarbeitung eines weiteren Bandes, der ein häusliches Andachtsgebetbuch darstellen soll, beschäftigt sei. Darüber hinaus plane er die Schaffung eines für Rabbiner und Kultusbeamte gedachten Bandes, der als Handbuch für alle vortvnunenden Kasualfälle dienen soll. Für die Ausgestaltung der religiösen Weihestnnden in Großgemeinden wurden alsdann zwei Kommissionen gebildet, die der nächsten Vollsitzung Vorschläge unterbreiten sollen, die geeignet sind, das Interesse weiter, heute dem Gottesdienst entfremdeter Kreise zu wecken. SchlieUich beschäftigte sich der Ausschuß aus Grund der vou der Vereinigung der liberalen Rabbiner geführten Verhandlungen mit Fragen des jüdischen Eherechts, dessen kodifizierten Bestimmungen unter den heutigen Verhältnissen sehr schwierige Situationen schassen. Nachstehende Resolution wurde einstimmig angenommen: „Ter Liberale Kultus-Ausschuß des Preußischen Landes Verbandes jüdischer Gemeinden begrüßt mit Dank die Verhardlungen der Vereinigung der Liberalen Rabbiner Deutschlands vom Mai 1929, iu deneir die sich aus dem überlieferten jüdischen Ehescheidungsrecht häufig ergebenden Schwierigkeiten und Tragödien geschildert und um der HeiligfVtf der jüdischen Ehe willen Wege zur Ueberwindung dieses Notstandes gesucht werden." Max Lichtenstein zum 70. Geburtstag Am 15. 2 ds. Js. begeht Justizrat Tr. Max Lichten stein im Kreise seiner Familie in stiller Zurückgezogenheil, wie es seine Art ist, fecu von Königsberg seinen 70. Ge burtstag. Wenn auch die letzten Jahre an seinem Körper rächt spurlos vorübergegangen sind, so ist seine geistige Frische, sein jugendliches Temperament unverändert geblieben. Als Sohn frommer Eltern wurde er am 15. 2. 1800 zu Ortelsburg geboren. Er besuchte zunächst die Volksschule seiner Vaterstadt, später das Gymnasium in Eulm. Schon früh zeigte sich sein scharfer Verstand und eine ungewöhnliche Begabung. Die Reifeprüfung bestand ec schon im Alter von 16 Jahren und studierte die Rechte und die StaatSwissenschaften in Leipzig und Berlin. Im jugendlichen Alter von 19 Jahren bestand'er das Referendarexamen und wurde bald daraus von der Friedrich-Wilhelm-Universität der Reichs Hauptstadt zum Doktor der Rechte promoviert. Am 17. Ja nuar 1885 ließ er sich als Rechtsanwalt in Königsberg nieder; erst viel später wurde ihm das Notariat verliehen. Als das führende demokratische Organ der Provinz Ostpreußen daran ging, überragende Persönlichkeiten der Ost mark in kurzen Skizzen zu schildern, da erschien mit Recht unter den „Köpfen" auch ein Artikel über Lichtenstein aus der Feder seines Berufskollegen und politischen Freundes Karl Siehr. Mit Recht wurde in dieser Besprechung der scharfsinnige Kopf eines freimütigen Kämpfers gezeichnet, dessen tiefe politische Bildung, durchdringender Verstand und weiter Blick auf allen Gebieten der Oeffentlichkeit sich Einfluß verschafft hatten. Aber jene liebevolle Zeichnung des Jubilars hatte einen wesentlichen Zug seines Wesens nicht berührt, der vielleicht gerade diese Persönlichkeit zum Führer macht und ihn vor vielen anderen anszeichnet: seinen Optimismus, der nicht tot zu kriegen war, der in ihm lebende Glaube, daß seine Ideale bestimmt iu Erfüllung gehen würden, wenn sie auch zeitweilig zurückgedrängt werden könnten. Er war nie ein Schwärmer, der im luftleeren Raume lebte und mit den Realitäten des Lebens nicht rechnete, aber ein Mann, der an seine Ideale glaubte und sie nie aus den Augen ließ. Wenn er, meist am Schlüsse einer Diskussion, mit jugendlichem Feuer das Wort nahm und sich, begeistert und begeisternd, besonders an die Jugend wandte, dann be seette ihn jener „Mut, der früher oder später den Widerstand der stumpfen Welt besiegt". Wie hat der Jubilar diesen sittlichen Mut auf den verschiedensten Ölebieten der Oeffentlichkeit immer wieder bewährt. So sehr ihn auch die Berufsarbeit in Anspruch nahm, die er bis ins kleinste vom Morgen bis znm Abend erfüllte, stets hat er Zeit gefunden, sich als echter Demokrat im Dienste des Volkes zu betätigen und seiner politischen Überzeugung überall Ausdruck zu geben. Mochte er au der Spitze des Handwerkervereins belehrende Vortrüge halten, mochte er in dem von ihm gegründeten Verein „Waldeck" eine scharfe Klinge gegen jede Reaktion führen, mochte er in jahrelanger Tätigkeit als Stadtverordneter sein reiches Wissen und seine politische Erfahrung iu den Dienst der Stadtgemeinde stellen, überall war es seine Aufgabe, seine Ideale von Freiheit und echter Vaterlandsliebe als rechter Volksmann zu verwirklichen und an seinem Platze dazu beizutragen, „damit der Tag dem Edlen endlich komme". So war es kein Wunder, daß ihm seine Mitbürger ihre Anerkennung nicht versagten. Nach dem Tode von Gyßling wurde ihm für kurze Zeit das Landtagsmandat übertragen. Am 20. 9. 1924 überreichte ihm der Oberbürgermeister die im Jubilänmsjahre hergestellte Kantplakette als Dank für segensreiche 30 jährige Tätigkeit im Dienste der Stadtverwaltung. Nicht in letzter Hinsicht galt aber seine emsige Tätigkeit dem Judentum. Mehr als 30 Jahre hat er seinen Sitz in der Repräsentamtenversammlung, die ihm seit vielen Jahren immer wieder das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden Übertragen hat. Als bei der letzten Wahl infolge eines Versehens die liberale Richtung nicht in die Vertreter- Versammlung kommen sollte, da wurde mit Recht vou der anderen Seite das angebahnte Kompromiß vor allem damit begründet, daß man ohne Lichtenstem unmöglich sich eine Versammlung denken könne. Als die Kantloge in Königsberg gegründet wurde, konnte sie keinen Besseren und Würdigeren als ihn zu ihrem ersten Präsidenten wählen. 2ie hiesige Ortsgruppe der liberalen Vereinigung, bereit Vorstand er seit ihrer Gründung angehört, dankt dem tief religiös eingestellten Manne für aufopfernde Dienste. Wenn der Jubilar jetzt das Alter des Psalmisten erreicht hat, so kann er mit Recht von sich sagen, daß sein Leben nur aus Arbeit und Mühe bestanden hat, aber daß es gerade deshalb so glücklich gewesen ist. Nur wenige Mußestunden hat er sich auch in den letzten Jahren gegönnt. Wenn er im Sommer kurze Ferien in schöner Natur verbrachte, hat er seine reichen Kenntnisse dadurch erweitert, daß er Kant und Schopenhauer studierte. An sich selbst hat er niemals gedacht, für sich nie Ansprüche erhoben. Als echter Anwalt hat er nur für andere gelebt und gewirkt unäußere Ehrungen immer von sich abgewehrt. Tiefe kurze Skizze darf nicht beendet werden, bevor noch seiner treuen Gattin Johanna geb. Samuel gedacht ist. Sie ist, anspruchslos und bescheiden wie ihr Mann, in ihrer rührenden Herzensgüte ihm stets eine rechte Lebensgefährten gewesen, die ihm die Wege geebnet und ihm sein vielseitiges Wirken erst ermöglicht hat. Möge dem Ehepaar Lichtenstein ein schöner, gesunder Lebensabend im Kreise der Kinder lind Enkel beschiedeu sein! Um die Erhaltung des Philantropius Bericht über die Sitzung der Frankfurter Gemeindevertretung am 5. Februar 1930. Tie Gemeindevertretung erledigte zunächst die Besepung der Kommissionen für das Jahr 1930. Tem Beschluß des Vorstandes, in dem von der Gemeinde erworbenen, in der Gervinusstraße gelegenen .‘oaufe den Jugendverbänden Räume ohne Mictzahlung zur Verfügung zu stellen mit der Verpflichtung, im Bedarfsfälle binnen vier Wochen auSzuzicheu, wurde zugeslimmt. TaS schon längst gewünschte Jugendheim ist damit in einer vorläufigen Form ins Leben gerufen. Ten wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildete die Stellungnahme zu dem Beschluß des Vorstandes über das Philantropin. Das Philantropin erfordert bei einem Gesamtetal der Gemeinde von noch nicht ganz 2 Millionen Reichsmark einen .jährlichen Zuschuß von 360000 RM., der in dieser .Höhe für die Gemeinde nicht mehr tragbar ist. Eine Auslösung der Schute kommt für den Vorstand nicht in Frage, da eine Bindung der Gemeinde durch den Vertrag von 1843 besteht. Ter Vorstand hatte deshalb im wesentlichen beschlossen, daS Schulwerk, das in ben letzten Jahren durch Hinzufügung eines Oberbaues (Obersekunda und zwei Primen) Errichtung einer Volksschule, einer Fraucnschule und eines Kindergartens ausgebaut worden war, auf den im Vertrag von 1843 vorgesehenen Umfang zurückznführen, d. h. die Zuschüsse für die hiuzugefügten Teile zu streichen, im übrigen einen vorliegenden Antrag auf Ueberuayme des Schulwerks durch die Gemeinde abzulehnen. Zur Beratung des gesamten Komplexes war eine Spezialkommission gebildet worden, über deren Berhaudlnngen als Berichterstatter der Führer der liberalen Fraktion, Rechtsanwalt Tr. Geiger, referierte. Ter Berichterstatter ging von der schwierigen finanziellen Lage der Gemeinde aus, die bekanntlich bereits dazu geführt hat, daß für das letzte Halbjahr 1929 die Kultussteuer erhöht werden mußte. Er betonte, daß die Kommission bei ihren Beratungen sich klar darüber war, bezüglich des Philantropins vor eine der schwierigsten rmd verantwortungs reichsten Fragen gestellt zn sein, welche die Gemeinde -überhaupt jemals beschäftigt haben. Er stellte die Meinungen einander gegenüber, die in der Kommission znm Ausdruck gekommen' sind. Eine Minderheit vertrat die Ansicht, das finanzielle Problem könne überhaupt nur durch einen vollständigen Abbau der Schule von unten her gelöst werden. Tiefe Miitderheit ist der Meinung daß die Entlastung durch Beseitigung des Oberbaues nicht genügend sein werde und daß die Besuchsziffer seinen Fortbestand nicht rechtfertige. Sie ist auch zum Teil aus weltanschaulichen Gründen grundsätzlich Gegnerin einer Konfessionsschule. Ta ein entsprechender Antrag, die Schule vollständig, ausgehend von der Sexta, abzubanen, in der Kommission bereits abgelehnt worden sei, werde der Antrag jedoch nicht erneut gestellt. Tie Mehrheit, die gegen diesen Antrag stimmte, habe sich gleichfalls wieder ans Vertretern zweier verschiedener Richtungen zusammengesetzt. Ein Teil der Mehrheit habe die Ansicht vertreten, daß es aus Gründen der Pietät wie der Zweckmäßigkeit nicht angehe, die seit 125 Jahren segensreiche wirkende Schule aufzulösen. Tie Vertreter dieser Ansicht seien besonders der Auffassung gewesen, daß die Schule eine Notwendigkeit für die Gemeinde sei in innerwie in außcrjirdischer Beziehung. Ter dritte Teil der Kommissionsmitglieder habe demgegenübvc den Standpunkt Vertreter, daß die Erhaltung des Philantropins als einer jüdischen Schule grundsätzlich unter alten Umständen zu fordern mW zu fördern sei mrd daß die Führung und Erhaltung eines jüdischen Schulwerks zu den vornehmsten Aufgaben der Gemeinde gehöre. Nach dieser Gruppierung habe die Kommission den Beschluß gefaßt, den Oberbau der Schule nicht zu beseitigen, und zwar aus solaenden Gründen: finanziell, weil die Entlastung durch Beseitigung des Oberbaues zu gering sei, um sie zu rechtfertigen, schultechnisch, weil die Schule durchs Beseitigung des Oberbaues eine lebensunfähige Rumpfschnle würde, die heute zu keinem Abschluß mehr führe. Ter mangelnde Abschluß diskreditiere aber die Schule und damit auch die Gemeinde. In gewissem Umfange bestünden auch Verpflichtungen den Eltern gegenüber. Nun sei es jedoch zweifellos, daß der frühere Zuschuß nicht mehr gewährt werden könne. Man habe aber eine Kürzung des Etats ohne Abbau mrd ohne Benachteiligung des Schulbetriebes durch Einsparungen für möglich gehalten. Ter vom Schulrat eingereichte Etat erreiche diesmal nur einen Betrag von 330000 RM. unter Fortbestand der Obersekunda. Tie Kommission ist weiter der Ansicht gewesen, Frauenschule und Kindergarten nicht abzubauen. Tie Frauen-- schule sei ein Ueberschußbetrieb und ter Abbau des Kindergartens keine Entlastung. Was die Volksschule angehe, so habe die Kommission grundMlich dazu gestanden wie znm Philantropin überhaupt. Die Bildung eines besonderen Volksschnlrats habe sie abgelehnt. Eine solch« sei unmöglich da

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