Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 7 (12.2.1930)
- Date
- 1930-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HMchllberaleZeltmg Organ der Vereinigung fftr das liberale Iudentmn e. V. IZerootwortl. Redakteur: Bruno woyda. DieVeeriuigung für dar liberale Judentum übernimmt nur Er diefsnigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Namen ad« ta ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, dle Verantwortung. Alle anderen Artikel. Aeuherungea und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redamon. Oie »Illdisch-Iiberale Aeilang« erschein» jeden Attltwoch. »edaMon und Geschäftsstelle: Berlin Sw 11. Hallesche Sir. 1 Fernruf: Bergmann 3356, 3359 Postscheckkonto: Berlin INS 7. 137 069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/jährlich Al. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 0.30 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis lm ANtgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12 gespatt. Ronpareillezeile 0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. samtl. Annoncen-Expedit. Nr. 7 Berlin, 12. Februar 1930 10. Jahrgang Kamps gegen Religion in Rußland Tie russische Presse veröffentlicht zur Jahreswende die Ergebnisse der zwölfjährigen Bekämpfung der Kirche in U.S.S.R. Es finib insgesamt ca. 70000 Kirchen, Synagogen und Moscheen geschlossen. Man könnte glauben, daß nach diesem riesigen Erfolg keine Notwendigkeit mehr besteht, einen weiteren Kamps zu sühren. Durch Schließung des über-- wiegend größten Teils der Gotteshäuser scheint die Masse dem religiösen Einfluß entzogen und die Gottlosigkeit als Weltanschauung vertreten zu sein. Taß dem aber nicht so ist, beweisen die Bolschewiki selbst. Mit besonderer Wut haben sie in den letzten Monaten des Jahres 192h den Kampf aus religiöser Front wieder ausgenommen. Allein in den letzten zwei Monaten (im November und Dezember 1929) wurden nicht weniger als 540 Kirchen, 63 Synagogen und 18 Moscheen geschlossen. In manchen Gebieten, besonders,da, wo die Bevölkerung auf höherer kultureller Stufe steht, so z. B. in dem deutschen Wolgagebiet, wurden sämtliche evangelischen Kirchen in Kinos und Arbeiterklubs umgebaut. Tie sehr geringe Zahl der in Moskau vorhandenen Synagogen wurde durch die Umwandlung einer Synagoge in ein Nachtquartier für durchreisende demobilisierte Soldaten noch vermindert. Nicht nur Gotteshäuser werden in diesem Kampf erfaßt; alles, was in irgendwelcher, wenn auch entfernter Beziehung zur Kirche steht, wie manche charitative, wissenschaftliche und kulturelle Vereine und Institutionen, wird mit sinnloser Strenge verfolgt, vernichtet. So lesen wir z. B. den Regierungsbeschluß vom 1. Januar 1930, wonach die Gesellschaft zur Förderung der Bildung unter den Juden unverzüglich zu schließen sei. Tiefe Gesellschaft, die vor 70 Jahren gegründet wurde und die besten Kreise des russischen Judentums vereinigt, stand in den schwersten Zeiten des Zarismus im Kampfe für staatsbürgerliche Gleichberechtigung und Achtung der Juden und jüdischen Religion an der Spitze der fortschrittlichen Juden. Für diese Gesellschaft, die Trägerin jüdischen Geistes im liberalsten Sinne des Wortes, ist kein Platz auf dem Sowjetboden. Sogar eine vom politischen Standpunkt der harmlosesten Anstalten, die jüdische Abteilung des ethnologischen Museums in Petrograd wurde vor kurzem auch geschlossen; offenbar, damit niemand auf den Gedanken kommt, jüdische Geschichte zu studieren. Tie Verdrängung des religiösen Geistes aus tiefsten Gedanken und seelischen Empfindungen der Masse bildet den Inhalt eines groß angelegten und sorgfältig ausgearbeiteten Programms. Nicht nur die gräßlichen und unwürdigen Formen der Bekämpfung, die sich die kommunistische Jugend angeeignet hat — Beschimpfung der Geistlichen und Besucher der Gotteshäuser, Spott und Karikatur in Bild und Wort, öffentliche Verbrennung von Gebetbüchern usw. — nicht nur die Gewaltmaßnahmen der Regierung (bereits erwähnte Schließung der Kirchen, Verfolgung der Geistlichen, Bestrafung für Ausübung des Ritus, Verbot des Kaufs und Verkaufs von Ritualien, wie Weihnachtsbäumen etc., Schwierigkeiten bei der Anstellung religiös Gesinnter, Anordnung dringender Arbeiten an Kirchentagen...) — sind in diesem Programm vorgesehen, sondern es fehlt auch nicht an Versuchen, die ethischen und sozialen Grundsätze in der Religion zu kritisieren und zu ändern. In diesem Sinne hat man jetzt die große Kalenderreform vorgenommen, die das Prinzip des Alten Testaments: Ruhe am siebenten Tag, aufheben will. Tie allgemeine Ruhe an einem Tage (Feiertag) soll überhaupt aufgehoben werden; die Ruhe soll schichtweise ersolgen (jeden Tag ein Teil der Bevölkerung) und nicht am siebenten, sondern am fünften Tage. Tas soll, nach Ansicht der Reformatoren, der mächtigste Schlag gegen die Kirche und Religion sein. Soweit das Programm. Wie sich das ganze Programm der Gottesbekämpsung bzw. der Leninsvergötternng durchführen läßt, kann man noch nicht übersehen. Allerdings haben die Bolschewisten bereits versucht, Stichproben zur Feststellung der Erfolge auf der konterreligiösen Front zu machen. Dazu gehören die Jnspektionsberichte über die Rote Armee, die von Zeit zu Zeit in der russischen Presse veröffentlicht wurden. In diesen Berichten wird immer noch geklagt, daß die große Masse der Soldaten sich bis heute von der Religion noch nicht losgerissen hat. Es wird mit Empörung erzählt, daß in dm Stunden der Religionsbekämpfung in einem Regiment verlangt wurde, statt der üblichen Vorträge die Vorlesung der Bibel durch Kundige einzuführen. Ganz zu schweigen darüber, daß die Soldaten, sobald sie verheiratet sind, nicht einmal den Versuch machen, die Irreligiosität in der Familie durchzusetzen und die Schuld auf die Frau schieben. Weit interessanter ist die zum erstenmal veranstaltete Enquete über die Religion unter den Arbeitern des Moskauer Reviers. Es ist klar, daß gerade die Arbeiterschaft in Moskau, die unter dauerndem Einfluß der Kommunistischen Partei steht, das beste Material zur Feststellung der Erfolge bildet. Bedenkt man dabei, daß jede Antwort mit Vor- und Zunamen, genauer Angabe der Beschäftigungsstelle und Parteizugehörigkeit versehen sein mußte, so glaubte man versichert sein zu können, daß die Ergebnisse sehr günstig sein werden. Laut einer Veröffentlichung in der Zeitschrift „Kulturnyi Front" sind jedoch nur 43 Prozent Antworten ausdrücklich gegen die Religion gerichtet. Merkwürdig, daß von den restlichen 57 Prozent ein bedeutender Teil, und zwar 25 Prozent der Gesamtzahl, den Mut hatte, sich positiv zur Religion zu stellen. Unter den Erwiderungen aus die drei Hauptfragen: „Wie stellt sich der Arbeiter zu den Verfolgungen der Religion, wie verhält sich der Kommunismus zur Religion und wie wirkt die Religion aus die Sittlichkeit (Moral), finden wir z. B. folgende Antworten: a) „Tie Kirche hält von schlechten Gedanken, wie Mord, Diebstahl usw. ab." „Warum habt ihr euch ausgedacht, mit ihr zu kämpfen?" b) „Kein Gelehrter kann sagen, ob es einen Gott gibt oder nicht. Gott stört uns nicht. Man kann an Gott glauben und in der Partei bleiben. Viele Kommunisten haben sich in der Partei der Gottlosen eingeschrieben, beten aber im ftüleu wieder und lassen die Kinder taufen." d „Ohne Religion wäre der Mensch schon längst Tier geworden. Gott hat gesagt: „liebet euch". Tiefer erste Versuch der Kontrolle hat bewiesen, daß der Kampf gegen die Religion sogar unter organisierten Arbeitern nicht sehr einfach und leicht ist. Ter religiöse Geist ist mit kommunistischen Kampfmitteln nicht zu' beseitigen. Tr. I. Goldmann. Ae Rreslmec öffentliche " \ ' Abends 8 Uhr 15 sollte dieser öffentliche feierliche Akt beginnen. Um 8 Uhr waren schon fast alle Sitzplätze des großen Saales der Börse besetzt und einige Minuten nach 8 Uhr sperrte die Polizei den Eingang zum Lokal, da schon die Gänge nicht mehr frei geblieben waren. Durch telephonische Anfrage und Intervention gelang es, die Erlaubnis zur Oeffnung der eigentlich für Publikum gesperrten Galerie zu erwirken. Nun konnten noch .Hunderte der Feier beiwohnen. Herr Philipp Lachs, vom Vorstand der Ortsgruppe Breslau, begrüßte zunächst die Erschienenen und wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, daß nach der festlichen Erbauung durch den Festgottesdienst am Sonnabend und die Hauptversammlung am Sonntag-Vormittag nun diese öffentliche Kundgebung des Liberalismus stattfinde, nicht als Protest gegen, sondern als Bekenntnis zur Einheitsgemeinde. Allerdings müsse die Einheitsgemeinde auch allen Richtungen gerecht werden, also erst recht der starken Zahl der Liberalen. Diese hätten Neueinrichtungen, wie die Sonntags-Gottesdienste nicht aus Neuerungssucht und zur Abschaffung des Sabbats eingeführt, sondern um den berufstätigen, am Sabbat nicht freien Juden wenigstens einmal im Monat den Besuch des Gotteshauses zu ermöglichen. Herr Lachs erteilte dann das Wort an The Hon. L i l y H. M o n t a g u ans London. Lady Montagu hielt ihre Rede in deutscher Sprache. Sie hob hervor, daß es sich bei aller Verschiedenheit der einzelnen Richtungen doch immer um ein einheitliches Judentum handele. Das liberale Judentum betone den Universalismus der jüdischen Religion und suche die Idee des Göttlichen mit der tatsächlichen Lebensweise irr Verbindung zu bringen. Tie Symbole und Feste des Judentums seien, wenn auch in veränderter Form und Auffassung, zu den religiösen Grundlagen der gesamten Kultnrwelt geworden. Tie Rednerin erinnerte an die Sabbatidee, das Pfingstfest usw. und kam zu dem Schluß, daß wahre Religiosität die Gottheit in jeder Phase des Lebens zeigen müsse. Tas Wort erhielt daun Rabbiner Tr. Arnold Lazarus, Frankfurt a. M., zu seiner Rede „Untergang oder Erneuerung". Ter Redner begann in tiefer' seelischer Erregung, weil er über dieses Thema in seiner Vaterstadt spreche, in der das Judentum besonders unter dem Druck leide, der aus Deutschland laste. Und diesen Druck ernpsinde die deutsche Judenheit doppelt, weil sie an einem Mangel an innerer Kraft leide. Dies zeige sich in dem verhältnismäßig viel unter dem jüdischen Mittelstand vorkommenden Freitod, in den Austritten und Hebertritten und in der Mischehe. Tie Juden der Welt hätten leider das traurige Schicksal in ihrer allergrößten Zahl Bewohner der Großstädte zu fein und müßten naturgemäß noch mehr unter dem Druck der jetzigen Zeit leiden, denn Nervosität und Zerfahrenheit zeige sich beim Großstädter in viel stärkerem Maße. Dr. Lazarus wies aus ein Buch des Natnrphilosophen Karl Schmidt hin. Schmidt teile die Entwicklung der letzten 4 Jahrhunderte wie folgt ein: 1. Das theologische Jahrhundert, 2. das metaphysische Jahrhundert, 3. das humanitär-moralische Jahrhundert, 4. das ökonomischtechnische Jahrhundert. Da nun für diese Entwicklung den Juden durch die solange anhaltende künstliche Abgeschlossenheit eigentlich nur ein Jahrhundert zur Verfügung stand, wurde eben die Seele des Juden von der Jetztzeit doppelt schwer angegriffen. Die Kraft und Sicherheit der Seele könne aber nicht wiedergewonnen werden durch den Weg von außen nach innen, durch ein Nationaljudentum oder durch Riten und Formen, , sondern von innen nach außen müsse der Weg gehen. Von der Seele aus müsse die Heilung und Kraft kommen, und das sei der Weg des liberalen Judentums. Der Moment, diesen Weg ernstlich zu beschreiten, sei jetzt da; er dürfe nicht versäumt werden. Der Liberalismus solle und wolle uns frei machen; nicht frei von Gott, sondern frei in Gott, dann könne uns auch diese Zeit der Schwere und der Not zum Heile dienen. Der Redner schloß mit den Worten: „Kein Niedergang, sondern Ausstieg! Kein Untergang, sondern Erneuerung!" Minutenlang andauerirder, lauter Beifall dankte ihm für seine begeistert vorgetragenen, tief empfundenen und ebenso begeisternd packenden Worte. Dann sprach Rabbi Dr. Israel M a t t u ck, London, in englischer Sprache. Dr. Mattuck ist wohl einer der eigenartigsten Redner. Er spricht mit einem solchen Ausdruck der Mimik und Sprachkunst, und mit einer solch markierenden Deutlichkeit, daß auch der nur ein wenig englisch verstehende Deutsche weiß oder doch wenigstens empfindet, was der Redner meint. Daher folgte auch seiner Rede lauter Beifall. Frau Paula O l l e n d o r f f schrieb in ihrer aufopfernden Bereitwilligkeit die Rede mit und vermittelte nachher den genauen Inhalt. Mattuck neigt zur Auffassung des Spinoza. Er sieht Gott in allem, in der Morschheit und in der Natur. Von dieser Auffassung aus predigt er das liberale Judentum. Die seelische Not sei in allen Ländern die gleiche. Sie könne nur durch Anpassung der Lehre an das Leben überwunden werden. Die Juden müßten sich bewußt werden, was das Judentum der Welt gegeben habe, und die liberalen Juden müßten daran denken, daß liberales Judentum kein Judentum der Rabbiner, sondern ein Judentum der Laien sei. Das müsse uns aber zum Gefühl der Selbstverantwortung und zur Vorbereitung des Judentums als Weltreligion erziehen, als Weltreligion, welche der Menschheit den Weg zu Gott, das messianische Reich und die Erlösung bringe. Herr Philipp Lachs dankte den Rednern für ihre Worte und den Gästen für ihr Erscheinen. Er sieht hoffnungsvoll in die Zukunft. Nach der gestrigen Sitzung, die um 12 Uhr zu Ende gewesen sei, hätten die Jugendvereine, die Jlis, noch tagen müssen bis in den Morgen hinein, so daß sich beinahe der Vorgang wiederholt habe, den die Hagada erwähnt. Es war beinahe Zeit, daß Sch'ma zu beten. Bei einer so für die Sache des Liberalismus sich hingebenden Jugend dürfe man auf die Zukunft rechnen. Nach Schluß der Veranstaltung saird noch ein Tee-- abend statt, den eine heitere Rede in Versen krönte, die der poeta laureatus Breslaus, Rechtsanwalt Dr. Tarnowski, hielt. In dieser Rede gedachte er vor allem noch nachträglich des vor ungefähr 14 Tagen gefeierten 60. Geburtstages unseres Gemeinderabbiners Dr. Vogelstein; dieses Mannes, den der Liberalismus mit Recht nicht genug feiern und ehren kann. So stellte sich uns die diesjährige Hauptversammlung dar wie die Herbstfeiertage; Einkehr der einzelnen Rich tungen des Liberalismus in sich selbst. Auseinandersetzung und Versöhnung. Dann die öffentliche Veranstaltung am Sonntag-Abend als Erntefest und zuletzt heiteres Begehen der „Simchath Thora", in diesem Fall der Freude an unserer liberalen Auffassung des Judentums. J.W. Sendet den fällige« Beitrag für das 1. Quartal 1930 auf da, Psstschecktlmto der Veretutguug für da, Nderale Judentum Berkl« Re. 137069 ein. B9$2B