Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 6 (5.2.1930)
- Date
- 1930-02-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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geil vornehmen zu dürfen; bei der Drucklegung sollen die der Dienstordnung beigegebenen Erlässe des Oberrates als Anhang gelten. Punkt 13 der Tagesordnung: ein Antrag der Gemeinde Stuttgart, betreffend die Aenderung des Steuermaßstlabrs der Landesumlage wurde als Material dem Finanzausschuß übertragen. Das gleiche geschah mit einem zweiten Anträge der Gemeinde Stuttgart, betreffend die Schaffung gehobener Stellen für Religionslehrer mit Konservatoriumsbildung. Steiner- Laupheim machte bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam, daß auf die musikalische Ausbildung der Lehrer ein erhöhtes Gewicht gelegt werden sollte. Von Vl’S bis a/i4 fand die interne Aussprache der Landesversammlung über die Wahlen zum Oberrat usw. statt. Zum rechtskundigen Mitglied des Oberrates wurde mit 15 von 19 abgegebenen Stimmen Ministerialrat Dr. Hirsch gewählt. Tie ehrenamtlicheu Mitglieder des Oberrates Flegenheimer, Levy, Herz und Tr. Günzenhausen wurden sodann durch Zuruf gewählt. In gleicher Weise erfolgte die Neuwahl des Konsuls Max Strauß Sodann wurde Ministerialrat Tr. Hirsch mit 16 Stimmen zum Präsidenten, Tr. Gunzenhauser mit 18 Stimmen zum Vizepräsidenten des Oberrates gewählt. Nachdem T-r. Hayum und Tr. Nördlinger bcti neuen Präsidenten beglückwünscht haben, teilte Tr. Gumpel mit, daß Dr. Gunzenhauser erklärt, die aus ihn gefallene Wahl zum Vizepräsidenten nicht anzunehmen. Ta der bisherige stellvertretenden Präsident Louis Hirsch eine Wiederwahl abgelehnt hat, nahm Tr. Hayum Gelegenheit, ihm für seine großen Verdienste aufrichtig zu danken, die er der ReligionsgcmeinschLft in vorbildlicher Weise seit Jahrzehnten geleistet. Louis Hirsch dankte mit herzlichen Worten für die ihm gespendete Aberkennung, wobei er erklärte, daß die Tätigkeit im Oberrate für ihn einen Höhepunkt seines Lebens bedeutet habe. Nachdem Amtsrichter Tr. E. Einstein zum Mitglied des Oberrates und Leopold Levi zu seinem stellvertretenden Vorsitzenden durch Zuruf gewählt, wurden die Wahlen zu den Ausschüssen der Landesversammlung vorgenommen. Ten Beschwerdeausschuß werden Hayum, Lepman, Siegfried Kahn, Treyfuß und Dr. Wolf bilden; ihre Stellvertreter sind: Tr. Gumbel, Leopold Kahn, Hermann Kahn und Dr. Würzburger. Ter Rechnungsprüfungsausschuß wird von Dr. Gump, Steiner und David Stein gebildet: ihre Vertreter sind: Treyfuß, Hermann Kahn und Dr. Wolf. Zum dritten Mitglied des Besetzungsausschusses wurde Tr. Gumbel, zu seinem Stellvertreter Tr. Würzburger bestimmt. Mitglieder des Disziplinargerichtes für die Rabbiner sind Landgerichtsdirektor Stern, Tr. Berlinger, Dr. Auerbach, LandgerichtS-- direktor Dr. Kaulla und Rothschild, für die Religionslehrer: Oberlehrer Adler. Dr. Gumbel, Landgerichtsdirektor Dr. Kaulla, Landgerichtsdirektor Tr. Stern und Rothschild. Den Finanzausschuß werden Tr. Gumbel, Dr. Wolf, Dr. Berlinger, Siegfried Kahn, Dr. Gump, Oberlehrer Adler und Eduard Weil bilden. Ein Antrag der Gemeinde Oberdorf, betreffend den Rabbinatsbeitrag, wurde als Material dem Finanzausschuß überwiesen. Ter Antrag des Württembergischen Hohenz. Landesverbandes des Jüdischen Frauenbundes auf Verleihung des passiven Wahlrechtes für die Vorsteherämter au die Frauen wurde aus Antrag Tr. Berlingers zurückgestellt, da die Landesversammlung zur Zeit nicht vollzählig war und eine so wichtige Aenderung der Verfassung nur vor vollzähliger Landesversammlung verhandelt werden sollte. Frau Rosenbusch nahm ihren Vorschlag, daß der Antrag einem neu zu wählenden Verfassungsausschuß zur Revision der Verfassung übertragen werden sollte, zurück. Steiner-Laupheim wies darauf Lin interessantes Synagogev'üonzert in Berlin Jckdlowker — Einstein — Lewandowski. Die Berliner Jüdische Gemeinde hatte am 29^ Januar ihre Sensation. Im Rahmen eines in der Neuen Synagoge veranstalteten Konzerts zu Gunsten des Wohlsahrts- und Jugendfürsorgeamts der Gemeinde zu wirken, hatte sich der frühere Star der Hofoper und internationaler Bühnen, Kammersänger Hermann Jadlowker, der berühmte Physiker Albert'Einstein und der bekannte Arzt Professor Alfred Lewandowski, ein Sohn des beliebten Synagogenkomponisten, bereit gefunden. Die Beteiligung an der Veranstaltung übertraf alle Erwartungen; knüpften sich doch an den Namen Jadlowkers die Hoffnungen Vieler, die den berühmten Bühnensänger von früher her in guter Erinnerung behalten | hatten. Gar manche waren erschienen, um zu hören, wie sich Jadlowker mit dem neugewählten Amt, eitlem weniger dankbaren als dem früheren auf den „Bretter::, die die Welt bedeuten", absinden würde. Sie konnten mit Genugtuung konstatieren, daß der Sänger Jadlowker sich die hohe Kunst des Singens unvermindert erhalten hat. Die Behandlung des mezza-voce, die glänzende Atemtechnik, das An- und Abschwellen der Töne vom zartesten Pianissimo zum kräftigen Forte ließen Mfhorchen, wenn auch da ein ganz kleiner Rest noch zu erfüllen bleibt. Hinzu kam die prachtvolle Kehlfertigkeit bei den Koloraturen, die starke Musikalität und die Sauberkeit des Tones, die bei der Begleitung durch die Orgel ihrer ganzen Struktur nach eine größere Aufmerksamkeit erfordert, als dies bei der Begleitung mit einem anderen Instrument öder mit Orchester der Fall ist, besonders gerühmt zu werden verdient. Die Stimme allerdings hat in der Höhe, besonders da, wo sich der Sänger über die sonst geschickt gezogenen Grenzen hinauswagte, den ursprünglichen Schmelz und früheren. Glanz eingebüßt. Die Zusammenstellung des Programms ließ manches zu wünschen übrig. Es gab keine Steigerungen, die Stücke waren fast durchweg gleichmäßig gleichförmig, und das lange Maariw-Gebet, an und für sich einen guten Versuch für eine schönere Gestaltung des Gottesdienstes auch an Wochentagen darstellend, hatte die Erwartungen der Besucher aus eine zu lange Probe gestellt und fand sie bei den eigentlichen konzertmäßigen Darbietungen schon ermüdet vor. Um die Hauptperson herum grupvierten sich die übrigen Mitwirkenden, der liebenswürdige Professor Einstein, der überall zu finden ist, wo es gilt, für jüdische Dinge zu werbe::, und das frische und bewegliche Mitglied des Musik- Ausschusses der Jüdischen Gemeinde. Professor Lewandowski. Die beiden Piecen (Händel und Bach), von den Geigern mit großer Hingabe gebracht und schön unterstützt von der Orgel, fügten sich allerdings, musikalisch gesehen, ungünstig un einen jüdischen Maariw-Gottesdienst an. So war auch der Kontakt zwischen Gebenden und Nehmenden nicht bei allen hin, daß die Mitarbeit einer Frau an den Arbeiten des Vorstcheramtes in Laupheim als dankenswert empfunden wurde. Ein Antrag des Oberrates, die Tauer der Wirksamkeit des derzeitigen Oberrates mit dem 3. Februar zu beenden, wurde angenommen. Nachdem die drei neuen Mitglieder des Oberrates. Ministerialrat Tr. Hirsch, Amtsrichter Tr. Einstein und Konsul Straus in der herkömmlichen Weise vereidigt wurden, schloß Tr. Hayum mit nochmaligen Dankesworten an den bisherigen Präsidenten der LaiweSver- I sammlung die für die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs so bedeutsame Tagung. Ltakberatung in der Berliner Jüdischen Gemeinde In der Sitzung der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde am 30. Januar stand, fast als einziger Punkt auf der Tagesordnung, die erste Lesung der Etatsvorlage. Der Vorsitzende des Vorstandes der Gemeinde, Herr Direktor Georg Kareski, leitete die Generaldebatte mit einer etwa zweistürwigen Rede ein. Er gab ein Gesamtbild Leistungen und Aufgaben der Gemeinde und führte etwa folgendes ans: Der Etat batanziert mit fast 12 Millionen Mark gegen 11 Millionen Mark im Jahre 1929. Die reinen Wohlfahrtsausgaben umfassen 27°/„ des Etats gegen 24-,. im Vorjahre, ungerechnet die großen sozialen Subventionen. Dabei steigt die jüdisch« Not täglich: ganze von Juden bisher befruchtete und bearbeitete Wirtschaftszweige und Berufsarten verschwinden, und die wirtschaftliche Konzentration schreitet fort. So wird der jüdische Mittel- und Angestelltem! anv entwurzelt. Ihn trifft der objektive Wirtschaftsanrisemitismus durch die Schädigung von jüdisch besonders durchsetzten Berufen und der subjektive durch Animosität gegen jüdische Arbeitnehmer. Trotzdem waren bisher die Steuereingänge gut. Wenn irgend' angängig wird Steuererhöhung vermieden werden, wenn nicht das Reich durch Steuersenkung die Gemeindeeinnähmen plötzlich gewaltsam herabdrückt. Die Verwaltung arbeitet äußerst sparsam. Tie Gemeinde hat bisher fast gar nicht mit Anleihen gearbeitet. Alle neuen Anlagen und Anschaffungen sind aus lausenden Mitteln bestritten. So ist das Gemeindevermögen in den letzten drei Jahren um insgesamt 4 600000 Mark, einschließlich Stiftungen um 6000000 Mark, erhöht. So sind gute unbelastete Reserven für Notzeiten wie diese geschaffen. Durch das durch das Wohlwollen der Behörden geschaffene neue Terrain am Friedhof Weißensee ist dieser auf 20 bis 25 Jahre gesichert. Tie Vermögenslage ist also günstig, die Kassenlage ungünstig wie beim Reich'. Um vom ungünstigen Geldmarkt unabhängig zu sein, sind Kreditmöglichkeiten nicht ausgenutzt, daher der Ban der konservativen Synagoge auf den Sommer verschoben. Nach Durchführung aller in Arbeit befindlichen Bauten wird die Gemeinde in vier Jahren ihr Vermögen um insgesamt 10 Millionen Mark vergrößert haben, gegen früher« 3>Z> Millionen Schulden, die durch Verwertung von nicht notwendigen Grundstücksparzellen getilgt werden könnten. Das vorbereitete Ledigenheim, aus lausenden Mitteln bestritten, — sagte Kareski weiter — wird ohne Beispiel in Europa sein. Im neuerworbenen Mädchenheim Pankow wird ein Asyl urrd Gemeinderäume für Bibliotheks-, Bet- und VcrsammlungSzwecke ohne große Kosten errichtet. Die Gemeindevolksschulen besuchen ab 1. April 1930 1200 gegen voll hergestellt, wenn auch nicht verschwiegen werden soll, daß keine sehr große Instrumental-Literatur für einen solchen Zweck vorhanden ist. Dem Chor merkte man die gute Vorbereitung an. Zu wünschen wäre eine plastischere Herausarbeitung, eine stärkere Schattierung in der Dynamik, zumal zusammenhängende größere Chorleistungeu bei dein Charakter der ausgewählten Stücke nicht geboten werden konnten. Arthur Zepke an der Orgel war mit seiner warmen, gedämpften Intonation allen ein guter Helfer. E. Jsaac Adolphe Cremieux Zum 50jShrigcn Todestag am 10. Februar 1880. Vor einem halben Jahrhundert hat Frankreich einen Mann verloren, welcher zu der auserlesenen Schar derer | gehörte, die aus die Geschichte dieses Landes nahezu sechs Jahrzehnte lang den bedeutsamster: Einsluß ausübten. In allen Krisen, welche in diesem Zeitraum die französische Nation berührten, trat Cremieux unter denen hervor, welche auf die Zukunft derselben und ihre Gestaltung entscheidend einwirkten. Das Judentum hatte mit seinem Hinscheiden den Verlust eines Mannes zu buchen, der in seiner Stellung und Wirksamkeit seinesgleichen seit der spanischjüdisch« Epoche nicht hatte. Denn während er durch seine glänzende Begabung und durch seinen unermüdlichen Fleiß als l iberalenKämpser die höchsten Aemter im Staate — zweimal war er Justizminister — erlangte, hat er nicht vorübergehend, sondern sein ganzes össentliches Leben Hindurch z u - g u n st e n der Rechts- und K u l t u r v e r h a l t n i f J e seiner Glaubensgenossen gewirkt und seine Autorität dafür eingesetzt. Diese Vereinigung zweier sich zwar nicht widersprechender, aber so selten miteinander eng verbundener Bestrebungen macht den Wert und das Verdienst Cremieux aus. Er war ein Mann der idealsten Lebensauffassung: für das französische Volk ein möglichst großes Maß von Freiheit, für die Juden volle Gleichberechtigung und Teilnahme an der allgemeinen Kultur, civilisatorische Gleichstellung mit ihren Mitbürgern in seder Nation. Während er daher als Staatsmann und Bürger mit vollem Herzen an seinem Geburtsland Frankreich hing, faßte er die Lage der Juden in allen Teilen der Erde zusammen, damit die Kulturbildung seiner Glaubensgenossen auch in den entfernteren Ländern gehoben und das Prinzip der Gleichberechtigung selbst da, wo es noch nicht anerkannt sei, verwirklicht würde. Cremieux war am 30. April 1796 zu Nimes geboren, er hat also beinahe das 84. Lebensjahr erricht. Sein« KeichgSsinnte Gattin, mit der ihm noch die goldene Hochzeit zu feieku vergönnt war, ging ihm um wenige Tage im Tode voran. Seine politische Laufbahn haben wir schon kurz gestreift. Ein Moment daraus muß nur noch hervorgehoben werden: als 74 jähriger Greis nahm er in der gewaltigsten Krise seines Vaterlandes (1870) nochmals eine hervorragende Stellung in der „Regierung dee nationalen. Verteidigung" kaum 4M Schüler im Jahre 1927. Ter Jugendpstege-Ekat hat sich feit 1928 verdreifacht (75 000 Mark). Tie Gemeinde schasst fortlaufend neue Jugendheim«, fördert die „Schule der jüdischen Jugend", durch die Sprachschule das Studium des Hebräischen, durch Sportplatz und Subventionen den Jugendsport. - Tas Wohlsahrts- und Jugendfürsorgeamt ist reovganisiert, der Zuschuß 280 000 Mark höher als im Jahre 1929. Tie Ferienheime Elm«n und' Lehnitz sind übernommen. Tas Krankenhaus wird ausgebaut (Röntgeninstitut). Durch Freiwerden eines weiteren Gebäudeteils wird «in Jnsektionspavillon ermöglicht (70 Betten) und im übrigen dort ein kleines Siechenheim (40 Betten) geschaffen. Tie Poliklinit in der Stadt entwickelt sich, sprunghaft (Januar 1000 Patienten der inneren Abteilung) und wird erweitert. Der Arbeitsnachweis arbeitet jetzt reibungslos, findet aber selbst bei Juden noch nicht das nötige Verständnis, das Voraussetzung ist für die Bestrebungen zur Behebung jüdischer Sozialnvt nach außen. Hier wird die Zentralverwaltung energisch eingreifen. In der allgemeinen jüdischen Politik bildet die Gemeinde das Rückgrat des Landesverbandes durch Deckung von mehr als {;■, seines Etats. Trotz mangelnder Solidarität anderer Großigemeinden wird sich die Gemeinde ihre Arbeitsfreude im Landesverband für die notleidenden Kleingemeinden nicht rauben lassen. Tie Gemeinde bekundet ihre Einheit mit dein Weltjudentum durch« großzügige Förderung von .Hilfsvcreir:", „Jca", „Ort" und „Ose" (Turchwanderec-, Landwirtschasts-, Gewerbe- und Gesundheitsfürsorge) und Einzelaktionen bei Notständen. So ist' ihr Ansehen in der Welt erfreulich gewachsen. Tie Gemeinde will immer weitere Kreise jüdisch erfassen. Neue Mittel sind in Vorbereitung: Nächstens beginnt ein Zyklus von großen Sonntagsveranstaltungerr mit Behandlung jüdischer Geschichts- und Gegenwartsfragen (Redner: Casar Seligmann, Baeck. Cohn-Wiener, Arnold Zweig) und ständige Gemeindeabenoe in den Bezirken, auch den entfernteren. Es werden Bezirksvertrauensleute herangebildet'. Das statistische Gemeindeamt beginnt jetzt zu arbeiten, das Presse- und Propaganda-Amt in nächster Zeit. — In der Sozialpolitik will die Genreinde durch Beseitigung voir Zersplitterung und Leerlauf Kräfte sparen ulrd zu einheitlich ce Aktion sammeln und andererseits durch Fürsorge für gesunde Privatinstitutionen die erforderliche Privatinitiative erhalten, die sich aber am besten nicht in kleinen Vereinen, sondern in der großen Müttergemeinschaft, der Gemeiilde, erhalten kann. Auch Teile der Abwehrarbeit inuß die Gemeinde Übernehmer:.. Jede Erschütterung würde diese garize Aufbauarbeit schädigen. Daher muß auch der kommende Wahlkamps im (leiste gegenseitiger Achtung unter Betonung notwendiger gemeinsamer Arbeit geführt werden. Alle Richtungen Haber: ein Recht auf Licht ur:d Lust, keine darf beeinträchtigt, jede muß in positiv-jüdischer Arbeit gefördert werde». Das Judentum, beranut von aller! Seiten, hat hinter sich den Abgrund. Tie Einheitsgemeinde muß uns erhalten bleiben. Der Gemeindevorsitzende schloß seine Rede unter lebhaftem Beifall aller Mitglieder des Hauses wie folgt: „Wir alle müssen zusaminenstehen, um den Geschlechtern der Zukur:st unser Haus zu übergeben frei von ärgerlichem Lupus, aber innerlich gesund und voll reichen jüdischen Lebens." Ter Vorsitzende Geheimrat Stern dankt dem Redner namens des Hauses »für seine nüchtern-klaren und doch zur Arbeit anspornenden 'Ausführungen und legt unter allseitigem Beifall nochmals ein feierliches Bekenntnis zur Einheitsgemeinde ab. ein und hatte eine Zeitlang als Leiter das Geschick Frankreichs in seinen Händen, bis Gambetta die Diktatur an sich riß. Ebenso alt wie seine öffentliche Wirksamkeit im allgemeinen Landesinteresse, da er schon als kaum 21 jähriger Advokat die fanatische Reaktion der Bonrüor:en öffentlich zu bekämpfen wagte, ebenso alt sind seine Bemühungen für seine Glaubensbrüder. Er war es, der durch ein glänzendes Plädoyer im Parlament den Eid more jndaico als der Verfassung widersprechend — 50 Jahre früher als bei uns zu Fall brachte. 1840 anläßlich der auf der berüchtigten, leider noch immer nicht eingeschlafenen Blutschuldlüge beruhenden Greueltaten von Damaskus ging er mit dem edlen Philanthropen Sir Moses Montesiore nach Aegypten, um die Sache der unschuldig Verfolgte:: als beredter Antvalt zu führen und ihnen Recht zu verschaffen. Beider Bemühungen waren mit Erfolg gekrönt. Ihre Rückkehr nach Europa glich einem Triumphzuge.- Ueberall, wo sie durchkamen, wurden ihnen von Inder: stürmische Ovationei: zuteil. Auch die Berliner jüdische Gemeinde veranstaltete ihnen zu Ehren ein Bankett. Fügen wir noch hinzu, daß er inmitten der Stürme, die Frankreich 1870/71 umtosten, nicht vergaß, in seiner ausschlaggebenden Stellung sein Votum zugunsten der völligen Naturalisation der Juden in Algier in die Wagschale zu werfen, daß er lange Jahre Präsident des Israelitischen C o n s i st o r i n m s und an seinem Lebensabend Mitbegründer der Alliance I s r a e l i t e Universelle war, als welcher er auch aus einer Generalversammlung in Berlin eine viel bewunderte Ansprache hielt, so können wir als Ergebnis seines Lebens als Jude zusammenfassen: Er hat während seines langen Lebens bis an sein Lebensende getreulich gehalten, was er einige Dezennien vorher öffentlich gelobt hatte: „Trotzdem ich in meiner Kindheit wegen meines Glaubens so vielfache Kränkungen, Anpöbelungei: und sogar Mißhandlungen über mich ergehen lassen mußte, bin ich doch stolz darauf, ein Jude zu sein. Und wenn dereinst der Moment der Abberufung aus diesem Leben herankommt, so werde ich ruhig mit dem Bewußtsein scheiden, daß ich mein mir in frühester Jugend gestecktes Ziel, alles in meinen Kräften Stehende zur Gleichberechtigung meiner Brüder mit den übrigen Staatsbürgern anszubieten. eisrigst verfolgt habe, und solange mich der himmlische Vater am Leben erhält, werde ich mich diesem heiligen Beruf bingeben." Wegen seiner nie erschütterten Konsequenz, die er sogar einem Großen der Erde, den: Kaiser Napoleon III. gegenüber, bewies, als dieser in seiner Vorrede zum Leben Casars ganz .überflüssigerweise von der Kreuzigung Christ: durch die Juden sprach — er ruhte nicht eher, als bis die betreffende Stelle ausgemerzt wurde bringen wir heute den Manei: des vor 50 Jahren dahingeschiedenen, edlen, aufrechten liberalen Juden über alle trennenden Länder-, grenzen hinweg unsere Huldigung dar. Dr. Oscar Sincerus.