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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-02-05 · 6 (5.2.1930) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
6 (5.2.1930)
Date
1930-02-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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mauftte man es lebendigen Leibes ein und ätzte es mit Brandmarkung und Verachtung. Seit dem erfolgsreichen Aufkommen des Christentums hat lich das Judentum gezwungener Weise immer mehr in sich selbst zurückgezogen, mit bewußter Tendenz einer Verschmelzung mit der neuen Religion durch einen immer ijdltfr gMrmten Schutzwall von Gesetzen entgegenwirkend. Ter Talmud war zum Teil geradezu zur Reaktion gegen das mit dem Heidentum paktierende Christentum. Das Judentum hatte ba£ instinktive Bewußitsein, daß ihm die starte schulende Mauer nottoendig sei. um sich durch die kommenden Jahrhunderte gegen eine feindliche Welt zu schützen und im Eigenen seine Lebenserfüllung und seinen Stolz zu finden. Ader in seiner stillen Zurückgezogenheit auf die Enge der vier Ellen der Halacha hatte das Judentum nicht aufgehört, sich als Träger einer weltgeschichtlichen Mission zu Wen. Hat es nicht aufgehört, an jedem NeujalMag und Bersöhnungstag zu beten, ,£«& alles, was Menschenantlitz trügt und was Gott geschaffen, sich vor ihm beuge, und daß alle ein Bund werden, seinen Willen zu tun mit ungeteilten Herzen". Hat es nicht aufgchört, an jedem Tage zweimal das uralte Gebet um das Kommen des MMesreiches, um die Realisierung der Sittlichkeit auf Erden, mit den Worten Räb>'s. des Schülers Rabbi Jehuda Hanassi's zu beten: „Darum hoffen wir zu dir. Ewiger, unser Gott, bald die Verherrlichung deiner Macht zu schauen, ha die Welt zum Gottesreich sich aujbaut, alle Gewalt schwindet und alle das Joch der Gottesherrschast aus sich nehmen." Mer, so höre ich fragen, wozu müssen wir in einer Zeit, in welcher de - ethische Monotheismus -- zum mindesten theoretisch - zum Gemeingut der gebildeten Welt geworden ist, unsere Stammesreinheit und Sonderart, unseren jüdischen Partikularismus bewahren? Wenn das Judentum sich nicht in dem Sinn als Menschheitsreligion ansieht, daß dereinst alle Religionen sich zum Judentum bekehren, wenn es nur auf die Verbreitung und den endlichen Sieg der Menschheitsreligion wartet, was hat das Judesein und Judebleibenwollen für Sinn? Wozu sich erhalten? M. V. Eine solche Frage hätte ich niemals aufgeworfen, wenn sie uns nicht von draußen entgegengehalten würde. Eine solche Frage hätten unsere Väter bis zur Zeit der Emanzipation me gestellt. So wenig der naive, ungebrochene, gesunde Mensch fragt: Warum muß ich leben, so wenig fragt eine ungebrochene, gesunde Gemeinschaft, mag man diese Gemeinschaft Volk, Nation oder Religionsgemeinschaft nennen, „warum soll ich weiterleben?" Wo diese Frage ernsthaft gestellt wird, da sind die natürlichen Lebensinstinkte verbogen, da ist etwas ungesund. Wer seine Art freiwillig aufgibt, befindet sich in Ent-Artung. Der Individualismus, der seit der Ausklärungsperiode in uns steckt, hat uns vergessen machen, daß uns, nicht minder wie der individuelle Selbsterhaltungstrieb, der Arterhattungstrieb, angeboren ist, den die Gottheit selber uns als die tausendfach verherrlichte Treue, Vaterlandsliebe und religiöse Gemeinschaftsliebe in die Herzen gesenkt hat. Warum wir uns erhalten sollen? Fragt den Baum, warum er wächst, fragt das Feuer, warum es brennt, fragt die Sonne, warum sie scheint! Fragt den Menschen, warum er lebt und liebt. So fragt den Juden, warum er Jude ist. Es ist in uns ohne unser Zutun. Es ist ein Stück unserer Natur. Es ist da als ein Wunder, vor dem wir in Ehrfurcht uns beugen als vor einem gottgewollten, sittlichen Postulat. Es ist ein Stück unserer Persönlichkeit, unser erweitertes Ich. Mer unser Judesein ist nicht bloß ein naturhaftes, gefühlsmäßiges oder biologisches Dasein, dessen Sinn und Zweck unbekannt ist und worüber wir uns keine Rechenschaft ablegen müßten. Wenn wir .unser Judentum ausgäben, was tauschten wir dafür ein? Doch nicht etwas Höheres, doch nicht das rein Menschliche! Tenn wo gibt es denn in aller Welt dieses allgemein Menschliche in der realen Wirklichkeit? Wo gibt es eine Gemeinschaft, die nicht historisch oder stammesmäßig oder national verwurzelt wäre? In der Idee wohl, im ersehnten Gottesreich, aber nicht in der erdgebundenen Wirklichkeit. Nein, diese Menschheit gibt es nicht. Bis an das Eitde der Tage wird sie sich teilen in Nationen und Religionen. Nein, nicht in die Menschheit gehen wir auf, wenn wir uns untrnr werden, sondern in das Christentum, die herrschende Religion, die trotz ihres Anspruchs auf Weltgeltung immer nur ein Partikularistisches, so sogar recht Ausschließjliches ist, das nichts neben sich dulden will. Das Christentum ist die Menschheitsreligion nicht geworden, die das Judentum erträumt. Das Christentum wartet, wie wir „auf einen zweiten Weihnachtstag, auf ein zweites Kommen des Messias, aus das Kommen seines Reiches, da alle Völker zu einer Familie sich vereinigen, auf ein Reich, des Friedens, da nach des Psalmisten Wort Liebe und Treue sich begegnen auf Erden und Gerechtigkeit und Frieden sich küssen werden." Nicht darum haben wir unser Sondersein auf uns genommen, nicht das kann der Sinn unserer heroischen Geschichte sein, daß, wir vor dem geschichtlichen. Erfolg uns beugen. Das Judentum ist der lebendige Protest gegen Macht und Zahl; es war es gegen Macht und Zahl des Heidentums in antiker Zeit, es ist es gegen Macht und Zahl des Christentums. Das Judentum ist der zweitausendjährige gewaltige Einspruch gegen den Anspruch der Kirche, die allein seligmachende zu sein. So ivenig wir Juden von den anderen verlangen, daß sie Juden werden, daß sie von ihren geschichtlichen Bindungen und Traditionen sich losreißm, so wenig haben die anderen das Recht, solches von uns zu verlangen oder zu erwarten. Alles Leben ist Notwehr. Und Notwehr fordert die Stärkung aller erhaltenden Mächte. In unserer Sache verteidigen und bewahren wir die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Gerechtigkeit. Das ist der Sinn unserer Berufung, unserer Erwählung. Ten Glauben an diese Erwählung ausgeben, hießz: fid); selbst ausgeben. Wir bedürfen in dieser an Idealen verarmten Zeit eines großen fortreißenden Gedankens, um den es sich lohnt, auszuharren. Wir bedürfen des leidenschaftlichm Pathos eines großen Ideals. Darauf kommt es überhaupt an, in diesem unbeschwingten Leben ein Ideal zu haben, den Glauben an sich und au seine Zukunft, den Glauben, der die Nützlich kcitsinstin'lte überwindet und dem Leben Sinn und oen dähingleitendcn Tagen den Rythmus der Ewigkeit verleiht. Tenn an sich glauben muß der Mensch, damit er das Leben erträglich finde. An sich glauben muß ßas Judentum. Nur dieser Glaube wird uns groß und frei und vornehm machen. Aber nicht als Träumer der Menschheit nur wollen wir unseren Glauben an die Menschheit und die Menschlichkeit in uns tragen. Sondern in dieser von nationalem und religiösem, von politischem und gesellschaftlichem Haß und Hader zerrissenen Zeit ist dem Judentum die Mission aufcrlegt, für den Menschheits- und Menschlichkeitsgedanlen schassend tätig zu sein. Uns weist unsere Geschichte und Berufung die Ausgabe zu, allem zu dienen, was die Völker und Menschen verbindet und gegen Völkerhaß und Menschenhaß. gegen Ungerechtigkeit und Gewalt im Namen der Menschheitsreligion als Bürgen des Gottes der Gerechtigkeit und der Liebe den ewigen Kampf zu kämpfen, dem Frieden drinnen und draußen die Wege zu bereiten und so in der Sache der Menschheit die eigene Sache zu verteidige». Tann mag am fernen Horizont der Tag leuchten, da Jakob den mitternächtlichen Kampf mit dem Geist Edoms aus gekämpft haben wird, der Tag der Ernte, für den Israeli das Schicksal seiner Geschichte auf sich genommen hat, getreu dem messianischen Prophetenwort: „mögen alle Völker jegliches im Namen seines Gottes wandeln, wir aber wollen in Zeit und Ewigkeit wandeln im Namen des Ewigen, unseres Gottes." Die Vorstandssihung des liberalen Welkverbandes Vorbereitung der Londoner Tagung. Der geschäftsführende Vorstand des Wellverbairdeo für religiös-liberales Juderrtum hielt am 28. und 29. Januar in Berlin und am 31. Januar in Breslau seine diesjährige Tagung ab. Anwesend waren Rabbiner Dr. Mattuck und die ehrenamtliche Geschäftsführerin Lily H. Montag», Rabbiner' Perlzweig (London), R.-A. Heinrich Stern, Prof. ELbogen, Direktor Dr. Kleemann, Rabbiner Dr. Lehmann (Berlin-, Frau Paula Ollendorff, Rabbiner Tr. Vogelstein (Breslau) und Rabbiner Tr. Seligmann (Frankfurt a. M.). Das Protokoll der Berliner Tagung des Weltverbairdes liegt gedruckt vor und ist durch die liberalen Organisationen der einzelnen Länder erhältlich. Für die bevorstehende Tagung in London vom 19. bis 21. Juli d. I. wird als Thema gestellt: „Liberales Judentum und das Denken der Gegenwart". Die Erörterung des Themas, das nach den drei Gesichtspunkten 1. Der Gottesgedanke, 2. Das Gebet, 3. Persönliche Frömmigkeit behandelt werden soll, wird die Beziehungen zu den Ergebnissen der Natur- und Geisteswissenschaften berücksichtigen. Tie Vovträge sind von Vertretern der verschiedenen Lander (Amerika, Deutschland, England) übernommen. Die praktische Verwirklichung der leitenden Gedanken soll in eingebender Diskussion (round table discussion) erörtci: werden. In Verbindung mit der Tagung finden ös,enltiche Versammlungen statt, in denen Gelehrte und Schriftsteller von Weltruf über die Stellung des liberalen Judentums und die geistige Lage der Juden in der heutigen Welt sprechen werden.. An die Tagung des Weltverbandes in London werden sich besondere Tagungen der Jugend und der Frauen anschließen. Infolge des Berichts der Geschäftsführeriu Miß Li!» Montagu wird beschlossen, dem von Südafrika und Au st r a l i e n ausgesprochenen Verlangen nach Organisierung von liberalen Gemeinden und Vereinigungen zu entsprechen. Der gleiche Beschluß wird bezüglich Polens gefaßt. Die Beziehungen zu liberalen Persönlichkeiten und Vereinigungen in anderen Ländern (Holland, Tschechoslowakei, Oesterreich usw., werden an der Hand der Berichte erörtert. Osteuropa betreffend, werden die besonderen Schwierigkeiten erörtert, die durch die Nichtübereinstimmung der staatlichen mit der jüdischen Gesetzgebung auf dem Gebiete des Eherechts entstehen. Die Angelegenheit soll auf Die Tagesordnung der Londoner Konferenz gesetzt werden. Tritte Melikonsereuz des liberalen Judentums. 19. Juli in London. Ter Vorstand des Weltverbandes für das Liberale Ju- I dentum, der soeben in Berlin eine Beratung abhielt, har beschlossen, die dritte Weltkonferenz des liberalen Judentums für den 19. Juli 1930 und die folgenden Tage nach London einzüberufen. In der Beratung wurde das Thema der Wellkonfercnz festgesetzt, auch wurden Organisationssragen besprochen. lieber die Beratung wird ein Kommuniauee berausgegeben werden. Fastnächte Gebäck (BeriinerfTannkuchen*l/rapfen»Muzen) nurindemnatuminen! Cocos• Speisefett Jttdische Gemeinde Ge mein de abend in den Union-Festsälen, Greifsvvalder Strasse 221 Donnersiag, de» 13. Fetiruar abends 8 Uhr Lichtbildervortrag „Die Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde“ Redner: Direktor Georg Kareski Dr. Karl Schwarz Eintritt frei empfiehlt den jüdischen Gemeinden und Verlagen seine bestbewährten Dienste für Gemeinde-, Wochen- und dergl. Blätter. Gell. Angebote unter y9G8WiSSBI)ltaftu die Geschäftsstelle dieses Blattes. an SeMtairellie i. Iferelalpa f.d. II. JMeimun k. t Ren Br. i Die Grundsätze des jüdisch« religiösen Liberalismus Von Rabbiner Dr. Lewkowitz-Beriin Preis 0.50 Mk. Bett NP. 3 in zweiter Auflage die seit Jahren vergriffene Broschüre Grundlagen und Ziele des religiös-liberalen Judentums von Dr. Joseph Rorden-Etbenoin Preis 0.75 MIL j Bestellungen beim Verlag der „Jüdisch-liberalenZeitung* Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 ereln für * tfuerbefitattnnf ln Berlin von f S74„ e. V. verrn. koetealose Venerbeststtvn; Annahme W 35, LütnowstraSt 44, Telephon: Lüttow '>611-61 Elegant eingerichtetes Schlafzimmer und Herrenzimmer mit allem Komfort, Zentralheizung, Tischtelefon, unmittelbar am Kurfürstendamm an Ehepaar für sofort oder später zu vermieten. Anfragen von 9—11 Uhr vormittags Bismarck 3016 mir. “ Vormittags-Abendschule Private Vorbereitungsanstalt. Direktor Danziger Berlin, Alte Jakobstraße 124 Haushallimgsschule der Breslauer Ortsgruppe des 1. F. B. im Baate-Guttmann-Heim Eröffnung 1. 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