Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 6 (5.2.1930)
- Date
- 1930-02-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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einmütiges Bekenntnis zur Wallung unserer Vereinigung eivlegte, indem sie sich die Percinigurrgs Resolution vom 8. Mai 1H27 durch einstimmigen Beschluß zu eigen machte. — Aus der Tätigkeit des Arbeitsanschusses, und des Gesamtvorstandes berichtete der Referent über die bekannten Entschließungen zur Jeivish Agency so>vie über einige Beschlüsse, die das Kompetenzverhältnis z>vischcn der Ber einigung und der Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung" dahin regelten, daß die Vereinigung die Gesamt Tendenz ihres Blattes be stimmt, daß ferner selbstverständlich Aufsätze, die die Vereinigung offiziell in irgend ivetchen Frage» festlegen würden, vom Arbeitsausschuß genehmigt iverden müssen, daß aber im »beigen die Stellung des Redakteurs eine Vertrauensstellung ist. Aussätze, die Rabbiner § Landes fragen sowie die „Vereinigung der liberalen Ravbincr Tentschlands" als Organisation betreffen, iverden dem rabbinischen Mitglied des Arbeitsausschusses vorgelegt. Es folgte eine Ncberficht über die rege Vortragstätigkeit der Vereinigung inil einem Tank au alte Redner, die sich in der Verichtsperiode zur Verfügung gestellt hatten, sowie eine Ucbersicht über die publizistische Tätigkeit. Tie „Jüdisch liberale Zeitung" ist als erste dazu übergegangen, Fragen des all gemeinen Lebens in den >treis jüdischer Erörterungen einznbeziehen. Diese ihre ivegiveisende Arbeit hat n. a. in hohem Maße die Auer Kirnung der amerikanischen liberalen Rabbinerkoiiserenz gesunden. In bedauerlichem ltzegensatz zu diese» ideellen Forlschritteu stehen die materiellen Rückschläge, llnier F-rennd Rechtsainval! Tr. Siegfried Kü u s in a » n. (Mül 11 halte 10'Jfi oie ..»einer Indisch liberale Jeil»»g" und ebenso Tr. H o f s in a n n in Frankfurt a. M. die „Liberalen Blätter" geschaffen. Diese beide,r vorzüglich redigierien Propaganda mittel sind ini Laufe der Berichtsperiode eingegangen. Tie beab sichtigte theologische Zeitschrift konnte aus finanziellen Gründen nicht geschaffen werden. Trotz aller schweren materiellen Hemmungen tonnten aber, besonders unter dem Eindruck der jüdisch liberalen Wetttoiifeiei,,; vom Jahre I!>28 erhebliche Fortschritte des Liberalismus insofern fest gestellt werden, als liberale Gedankengänge und liberale Forderungen auf gottesdienstlichem und gemeiiidepolitzschem Gebiet mehr' als früher zu allgemeiuer Aiiertenuuiig und praktischer Verwirklichung gelangt sind (liberale Gottesdienste nach dem Ritus Faltenbcrg, Tountagsseiern mit Themen aus dem allgemeinen Leben, Abschaffung «'mau in vcr schiedeuen Groß und Mittelgemeiudeu des Reiches». Tiefes tatsäch liche Borankommen des Liberalismus darf uns aber teiiiesiveg-,^ befriedigen, eS inuß uns int Gegenteil vor Augen stellen, wie viel mehr wir m>d> teilten könnten, wenn der Finanzbericht .günstiger aussähe, den der lKeneratse.kretär in Vertretung oes plotzlicti am Ersrh-eine» in Breslau verhinderten Schatzmeisters dev Vereini gung, Herrn Direktor Tr. h. e. Wilhelm » l e e m a n n ^Berlin nunmehr erstatte,. Ter Jahres Etat konnte von 102H uns 1020 iurt fast 23 00(1,-- Mk. verringert iverden, lvas aber kein Vorteil ist, Iveil wir ja für unsere Ideen nur iverden können, tvenn mir für sie mehr ausgeben und also dementsprechend höhere Einnahmeu haben. Trotz der schtvereu wirtschaftlichen Depression konnte die lansende Berriebsschuld in der Berichtszeit um 7 f»(X», — Mt. verringert iverden, doch ist noch immer ein Defizil von zirka 10 000,-- Ml. zu verzeichnen. Die Litnalio» ist um jo ernster, als selbst dieses Ergebnis nur mit Hilfe ilinsangreicher Lpendensairimlung zu erziele» geivesrn ist. Allen denjenigen, die sich an diesen Spenden und an der Spendenwerbung beteiligt haben, besonders dem Schatzmeister Herrn Direktor Dr. h. r. K l e e m n n n , unsere» Freunde» Alfred Jaul r, o (Berlin ), Georg M r ct l e n bürg (Eyemiiitz/, Rabbiner Dr. Schönberger (Aachen- und unseren Dortmunder Freunden, gebührt der Dank der Bereinigung. Zur .Hebung der finanziellen Nöte »ud zur Be wältigung der für 1030 bestehenden Aufgaben ist es notwendig, den Hilfsfonds des liberalen Judentums durch erhöhte Speirdeutverbung noch mehr als bisher zu fördern: die Ortsgruppen selber müssen sodann die Mitgliedcrwerbung in die Hand nehmen, auch müssen ihre Vorstände daran denken, in ihnen benachbarten Gemeinden Ortsgruppen zu gründen; und schließlich ist der Inseratenteil zu fördern, es müßte Ehrenfachee aller liberalen Juden fein, der „Jüdisch liberalen .Zeitung" Familien und Geschästsanzeigen zuzuführen.. Alle diese Maßnahmen werden sich aber nur durchführen lassen, wenn jeder Einzelne sich mit unserer Organisation und Beivegung verbunden fühlt. Gemeinschaftsgeist, Parteidisziplin und innerer Zusammenhalt, in anderen ,jüdischen Gruppen so vorbildlich, muß auch bei uns herbrigeführt iverden, sonst kommen mir nicht voran. Generalaussprache — Anträge und Beschlüsse. Der Vorsitzende unterstreicht besonders die letzten Ausführungen des Finanzberichtes und verliest hierauf die zahlreich eingcgangenen Anträge. Es schließt sich eine ausführliche Generalaussprache au, die um Mitternacht abgebrochen iverden muß und deren Fortsetzung aus Sonntag Nachmittag verschoben wird. Wir werden den Bericht über die Diskussion in der nächsten Nummer unseres Blattes bringen, ebenso die Anträge uud Entschließungen. Entlastung — Neuwahl des Vorstandes. Kurz vor der zwölften Nachtstunde, nach Abbruch der tstenerat aussprache, euischlicßt sich die Versammlung, zwei Punkte der Tages ordnung noch zu erledigen. Auf Grund des Geschäfts und Finanz berichtes erteilt sie dem Vorstande E n t l a st u u g und nimmt so dann die Neuwahl des Vorstandes vor. In besondere» Wcihtgäiigen iverden satzungsgemäß die beiden Vorsitzenden getvähl,. und zwar erfolgt einstimmige Wiederivaht des .Herrn Rechtsaiuvall Heinrich Stern (Berlin) zum l. Vorsitzenden und des .Herrn Rechtsanwalt Tr. Rudolf Geiger (Franksurl a. M. zum 2. Vor sitzenden der Vereinigung. Eiustimmig wiedergewähll Iverden ferner die bisherigen Vorstandsmitglieder: Rechisanwalt Dr. Walter Bres lauer, Rabbiner Dr. Leo Baeck, Frau Bertha Falkenberg, Rabbiner Dr. Julius Galliner, Rechtsanwalt Dr. Moritz (Kalliner, Dr. Moritz Garbüth, George Goetz, Frau Annie .Heinrichsdorfs, Alfred Jaulns, Bauldireltor Dr. h. e. Wilhelm Kleeman», Landgerichtsrat Dr. Arlhur Lilienthal, Direktor Hugo Ostoerg, Jnftizral Wilhelm Plonsker, Rechtsanwalt Dr. Julius L. Seligsohn, Rabbiner Dr. Martin Saiv monski, Dipl. Ing. Bruno Woyda, sämtlich Berlin: Erich Bayer iBreslan,, Alfred Berger «Breslau), Isidor Fabian «Königsberg i. Pr.., Rechtsanwalt Dr. .Heinrich Fraul (Köln), Rechtsanwalt Dr. Hugo Hossmann (Franksurl n. M. , Rechtsanivalt Richard Jnng «Nürnbergs, Rechtsanwalt Tr. jur. Kann (Düsseldorf), Rechtsanivalt Dr. Willy Katzenstein (Bielefeld „ Rechtsanivalt Tr. Siegfried Kauf mann äKöln', Wilhelm Krvnheini ^Magdeburg), Georg Mecklen bürg «Chemnitz,, Rechtsanwalt Dr. Ernst Scheper «Liegnitz), Frau Ottilie Schoenewald (Bochum,, Rabbiner Dr. Caesar Seiigmann (Frankfurt a. M..,, Landgerichtsdireklor L- Stern (Stuttgart), Hanpi lehrcr Karl Stiesel (Mannheim., Jacob Ball (Hamburg), Rabbiner Dr. Hermann Vogclstein (Breslaui, Frau H. Vvrrenter (Dortmund). Neugewählt wurden, und zwar ebenfalls durch einstimmigen Be schluß der Versammlung'. Dr. med. Waller Blank (Köln, Georg Berg hold (Danzig«, Dr. Hermanu Berlak «Berlin«, Wilhelm Graetz (Berlin-, Landgerichlsrat Dr. Martin Lesscr (Berlin)-, Justizrat Dr. Carl O e st r e i ch (München), Frau Paula Lllendorfi (Breslau, Paul Pineus «Berlin). Rabbiner Dr. Dnvin Schönberger «Aachen-, Rabbiner Dr. Albert Wolf f Dresden . Arbeitsausschuß. Wir setzen den Bericht über die Hanplversammtung i» der nächsten N ii mm er fort und erwähnen lediglich noch, daß der Gesamt Vorstand Sonntag Nachmittag zu einer konstilniereiideil Sitzung zu sammentrat und satzungsgemäß de» A r b e i t s -a u s f ch u ß tvählte. Es erfolgte einstimmige Wiederivaht sämtlicher bisherigen Mitglieder des Arbeitsausschusses, und auch die Aemterverteilung ist die gleiche geblieben. Dem Arbeitsausschuß gehöre» au: Rechtsanivalt Heinrich Stern (Vorsitzender), Landgerichlsrat Tr. Arthur Lilienthal (Schriftftthrer), Direktor Tr. h. e. Wilhelm Kleemann (Schatzmeister), Tiret io r Hugo Ostberg (Stellv. Schatzmeister, Rabbiner Dr. Julius Galliner und Bruno Wohda. Zufammenlunfl der Jlis. ^l'achdem die erste Sitzung der Hauptversammlnng, die am Sonn abend kurz nach ö Ehr nachmittags angefaiigeii hatte, um Mitternacht zu Ende gegangen >var, traten die zahlreichen Delegierten der jüdisch liberalen Jugendvereine noch zu einer nächtlichen IN Sitzung zu sammen, an der auch Delegierte der Liberalen Vereinigung gastweije teilnahmen. Ueber diese Jli Zusammenkunst iviro an anderer Steile dieses Blattes berichtet; hier sei nur als Zeichen der Begeisternng und Energie unserer jüdisch liberalen Jugend vermerkt, daß unsere jungen Freunde und Freundinnen bis zum Morgen um f> Uhr zu sammenbliebcii und trotzdem ebenso frisch wie vollzählig Sonntag vormittag um 10 Uhr zur Eröffnung des zweiten Tages der .Hauptversammlung erschienen. Kundgebung des Breslauer Liberalen Vereins. Sonntag abend veranstaltete im Großen Saal der Neuen Börse der „Liberale Verein der Synagogengemeinde Breslau" eine große öffentliche Kundgebung, die von annähernd fünfzehnhundert Menschen besucht ivar. Lilh H. M v n t a g u , Rabbiner Dr. Arnold La za r u s (Frankfurt a. M. und Rabbi Dr. Israel M a t l u cf (London) rissen die Versammtung zu immer wieder neuen Beifallsstürmen hin. Ein ausführlicher Bericht über die gehaltenen Reden folgt nächste Woche. lytenfeindlich, vhne Expansionskraft und Exparisionswille gewesen sei, hundertfach widerlegt und als historischer Irrtum erwiesen. Es gab eine Zeit in der Geschichte, da das Judentum die denkbar gewaltigsten Anstrengungen machte, die heidnische Welt zu bekehren, da es in der Hoffnung sich wiegte, in naher Zukunst seinen Glauben über die ganze Erde ausgebreitet zu sehen. Und es gab einen Augenblick, da es den Anschein hatte, als ob die ganze antike Welt jüdisch werden wollte. Jüdische Gotteserkenntnis durchflutete ein gattzes Zeitalter, uud mit brennendem Durst trank die zum Untergang reise Welt die jüdische Lehre und vernahm begierig das Evangelium des Judentums, die gute Botschaft, die vom Judentum ausging. Aus jüdischem Boden ist zum erstenmal der Gedanke der Weltbekehrung entstanden. Der universelle Heist des Judentums hat die Idee der Weltreligion aber nicht nur theoretisch erzeugt, fotibern in tatsächliche Wirklichkeit umzusetzen sich gemüht. ' Lag doch der Gedanke der Weltretigion im iilnerfteu Wesen des Judentums von Urbeginn. Nicht nur, daß die Bibel iticht mit Israel, sondern in weitestgespauntem Universalismus mit der Schöpfung der Welt und der Mensch - heit anhebt und die Bölkertafet der Genesis alte Nationen der Erde umfaßt. Sondern auch in dem Moment, wo die Nationalgeschichte Israels beginnt, wird der Schein des Partikularismus sogleich ausgehoben, indem von Abraham gesagt wird, daß er Stammvater eines erwählten Volkes werde, damit buv ch i h n und seit, Volk alle Geschlechter de r E r d e g e s e g n e t lv e r d e n. Diese einzigartig in der Weltliteratur dastehende Begründung macht es unmöglich, der Urkunde der mosaischen Offenbarung einen Geist der Ausschließlichkeit zuzutrauen. Und diese Feststellung schielt dem Verfasser der heiligen Urkunde so wichtig, das; es ihm nicht genügt, sie e i n m a l auszusprechen, sondern daß er sie fünfmal bei Abraham, Isaak itnö Jakob mit denselben Worten wiederholt. Jli feierlicher Weise lvird diese Wahrheit bei der Bun desschließung am «:inai aufs neue verkündet: „Ihr aber sollt mir ein Priesterreich sein uud ein heiliges Polt", das heißt ein Voll, dessen Besonderheit darin liegt, daß es kein Volk wie andere Völker ist, sondern ein Religionsvolk. Und bedeutsam wird diesem Worte sogleich lftuzugesügt: „mir gehört die ganze Erde". Am eindrucksvollsten und wuchtigsten aber kommt dieser Gedanke der Einzigartigkeit des jüdischen Tascinsbegrifss in dem uralten Prophetenspruch Bileams zum Ausdruck: „Vom Gipfel der Felsen seh ich's, von Bcrgeshöh' erschau ich's: sieh da ein Volk, all-einsam ruht es, und zu den Völkern läßt es sich nicht zählen." Ja, Israel ist eine Anomalie in der Völkergeschichte, eine Einmaligkeit vhne gleichen. Damit ist kein Eigen düllkel, keilt Hochmut und Ehauvinismus verbundelt, so wenig wie mit dem Wort „auserwähltes Volk", sondern cs ist die nüchterne Feststellung einer Tatsache. Deitn in der Tal: alle Namen, die sich die großen Gesamtheiten der Erde geben: Volk, Nation, Rasse, Religion, Konfession erschöpfen sein Wesen nicht. Seine Eigenart hat keine Parallele in der Geschichte der Menschheit. Der treffendste Name wäre vielleicht noch Religionsvolk, wie das schon der Gaou Saadia, der erste bedeutende jüdische Religionsphilosoph vor mehr als tausend Jahren erkannt und ausgesprochen hat mit den Worten „unser Volt ist ein Volk nur durch seine Thora". Ja, es ist eine der unglaublichsten Erscheinungen der Weltgeschichte: ein Buch wurde unsere Nation, unser Königreich! Tie Lebensgcstaltung gemäß diesem Buche, das Auslegen dieses Buches, aus dessen unerschöpflich reichem Quellgebiet alle Ströme jüdischen Lebens fließen, wurde der Lebensinhalt, die Seele unseres Volkes. Noch stärker und kraftvoller als in der Thora kommt in den Propheten die Gewißheit von der Berufung Israels für die Menschheit zum Bewußtsein und energischen Ausdruck: „Ich, der Ewige, habe dich berufen zum .Heil, ich erfasse deine Hand und bewahre dich und setze dich ein zum Bunde der Völker, zum Licht der Nationen, blinde Augen zu öffnen, zu befreien... die int Finstern schmachten." „Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker genannt werden." „Viele Völker werden kommen und zahlreiche Nationeit, den Ewigen der Heerscharen zu sucher, in Jerusalem uttd vor seinem Angesicht zu beten. In jenen Tagen werden zehn Männer aus allen Zungen den Rockzipfel eines jüdischen Mannes ergreifen und sprechen: laßt uns mit euch zusammen gehen, denn wir wissen, daß bei euch Gott ist." Im berausch ettden Zukunftsklaug des messianischen Reiches, wie es bei Jesaja begonnen, klingt das Lied der Prophetie bei Secharia aus: „Gott wird König fein über die ganze Erde", und die Sendung alt die Menschheit toird für das judäische Volt, das aus dem Exil zurückgekehrt und das zweite Staatsleben aufgerichtet hat, zum leuchtenden Panier, zum unveräußerlichen Glaubensgut. Aber je bewußter das Judentum des zweiten Staatslebens dieser feiner Sendung für d i e Menschheit wurde, umso ängstlicher war es darauf bedacht, nicht in der Völkerwelle unterzutauchen, wie. die zehn Stämme Israels und wie all die anderen überwundenen Nationen, die nach endgültigem Verlust ihrer nationalpolitischen Selbständigkeit keinen Trieb der Selbsterhaltung mehr hatten, weil das Nationalpolitische ihr alleiniger Daseinsgrund war. Und so ist es aus diesem schwersten Verantwortungsbewußtsein zu verstehen, wie gerade der providctttielle Mann, der zu Beginn des zweiten Staatslebens die Juden zum Religions- Volk par excellence gemacht und seine Eigenart am stärksten ihm ausgeprägt und eingehämmert hat, wie Esra die rigorosesten Maßregelit trifft, daß das Volk als Eigenvolk inmitten der Völker sich ungemischt erhalte. Er ist es, der das absondernde Gesetz dem Volke aufzwingt, er ist es, der die Mischehe um der Reinerhaltung der Nation willen verpönt und mit unbeugsamer Strenge die fremden Frauen aus der Mitte Judäas aussondert. Er und die in seinem Geist und Sinn wirkenden Sopherim haben den Panzer des nationalen Gesetzes, zum Zwecke der Selbsterhaltung des messianischen Volkes, immer enger und enger geschnürt, haben Zäune um Zäune als unübersteiglrche Schranken um das jüdische Volk errichtet. Aber so stark waren in diesem jüdischen Volke die universalistischen Menschheitsgedanken verwurzelt, daß auch in dieser Zeit beginnender national-partikularistischer Abschließung die unterirdischen Ströme mit nicht zu hemmender Gewalt die aufgetürmten Schranken durchbrachen und Wege zur Menschheits ich bahnten. So verschärfte sich von Esra an jene, wohl schon in früheste Anfänge jüdischen Bewußtseins hinabreichende Anti- Das Judentum als ~" '7 Referat auf der Breslauer Hauptversammlung von Rabbiner Dr. Caesar 5eligmann, Frankfurt a. 2R. Nur einmal im Jahre, am Versöhnuugstag, durfte der Hohepriester das Allerheiligste betreten. In heiliger Ehrfurcht tund stiller Demut mag er mit verhülltem Haupt den Vorhang von dem Allerheiligsten zurückgeschlagen haben, erbangend vor der verantwortungsvollen Schwere, die aus ihm lastete. _ Sv überkommt auch mich ein Gefühl tiefer Scheu und Demut, indem ich dem ins Angesicht zu schauen und Ausdruck zu geben mich anschicke, was das Allerheiligste des In dentums ist, das Ewige und Einmalige, das über uns als Stern der Erlösung leuchtet und uns grüßt als oer lichte Genius unserer Vergangenheit und Zukunst. Einmal aber muß die jüdische Seele ihre Schwingen entfaltet,, einmal muß ein Gedanke von überragender Größe uns ergreifen und uns aus der Dumpfheit uttd Erschöpfung erlösen, aus der seelischest Notlage unseres unfruchtbaren, nüchternett Seins. Ein Gedanke voll quellender Lebenskraft, voll blühender Schönheit, ein stolzer Gedanke, der unsere Wurzeln in letzte Tiefen senkt und unfern Blick in unendlichen Horizont weitet. Der uns das Geheimnis unseres Selbst entschleiert und uits das Wissen um unseres Daseins Sinn und Zukunft gibt. Der uns den Blick der Sehnsucht aus das eine lenkt, was in verborgenster, letzter Tiefe des Judentums, und des liberalen Judentums vor allem, als tragender Grundstein uttd sonnmumgoldeter Gipfel ragt. Ein Gedanke freilich, lange verdunkelt und verdächtigt und in der Tat gar zu leicht als blutleere inhaltlose Rede verflüchtigt: der Gedanke von der Berufung des Judentums zur Weltreligiott, vott der Sendung Israels an die Menschheit. » G. A. In der Westminsterabtei zu Lotrdon hielt im Jahre 1893 der ausgezeichnete deutsch-englische Sprach- und Religionsforscher Max Müller eine Missionsrede, in der er ausführte: „Es gibt nur wenige Religionen > bie sich in der Geschichte Halt und Tauer errungen haben... Durch eine gründliche Erforschung des Ursprungs und der Entwicklung dieser Religionen und durch« eine kritische Sichtung der heiligen Bücher, aus welche sich jede dieser Religionen stützt, ist es möglich geworden, sie alle einer wissenschaftlichen Klassifikation zu unterwerfen... Durch eine Vergleichung der Züge, welche allen oder vielen gemeinschaftlich sind, and ebenso durch Bestimmung der Eigentümlichkeiten jeder einzelnen Religion, ist eine neue Wissenschaft ins Leben gerufen, eine Wissenschaft, gegen die niemand, der seine eigene Religion schätzt, gleichgültig bleiben kann, die vergleichet,de Religionswissenschaft. Unter der: verschiedenen Klassifikationen, die man seither aus die Religionen der Menschheit anzuwenden versucht hat, gibt es eine, die uns... von besonderem Interesse sein muß, nämlich die Einteilung in bekehrende und nicht bekehrende Religionen. Diese Klassifikation ist durchaus nicht, wie man wohl meinett köttnte, aus ein bloß äußerliches oder unwesentliches Merkmal begründet. Im Gegenteil, sie geht auf das innerste Mark des religiösen Glaubens. Unter den sechs Religionen der arischen und semitischen Welt gibt es drei, welche grundsätzlich alle Bekehrungs- oder Missionsideen ausschließen: die jüdische, die b r ahm a n i s ch e uttd die z o r o a st r i s ch> e. Von den Juden ist es bekannt, daß sie, namentlich in alten Zeiten, nie daran dachten, ihre Religiott unter attderen Völkern zu verbreiten. Ihre Religion galt ihnen als ein Schatz, als ein Segen, als ein Etwas, das das erwählte Volk Gottes von allen änderet, Völkern der Erde unterscheiden sollte. Ein Jude mußte vom Samen Abrahams sein; und wenn auch, bei der späteren Entwicklung ihrer politischen Lage, es unmöglich wurde, alle Fremden von den Privilegien der jüdischen theokratischen Staatsversassung aüszuschließen, ja, wenn wir auch von Zeit zu Zeit vereinzelte Bekehrungsversuche findet, , meistens im Interesse einer theologischen oder politischen Partei, so blickte das jüdische Volk doch stets auf solche zum Judentum Uebergetretenen nicht sowohl als Seelen, die vom Verderben gerettet und die als neue Brüder im Glauben mit offenen Armen bewillkommnet weiden sollten, sondern als Fremdlinge gerim, als Proselyten, als Eindringlinge, denen man, wie sie zu sagen pflegten, nicht trauen dürfe bis auf das 24. Geschlecht." Soweit Max Müller. Heute ist durch die neutestamentlichen Forschungen diese ehedem so allgemein verbreitete Annahme, daß das Judentum seinem Wesen nach! exklusiv, prose- 757592