Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 6 (5.2.1930)
- Date
- 1930-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchÄrmleZeiimg Organ der Vereinigung für da- Überaie Ludentn« e. V. Veranlworll. Re d aktenr Bruno Boqba. | jni^ vi* WU9VVUUIIU; ui« «i« ii ob« in intern «uffrage verfaßt gekennzeichnet fm», antwortnna. Alle anderen Artikel. Aeuhernngennnd Vorschläge erscheinen unt« d« V«antwort«ng der Redamon. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerschein» seien Mittwoch, »edatlia« nab GeschästssteUe: Vertln SW 11. tzaiiesche Str. 1 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin 71W 7, 137069 (Pereiiügung für dar liberale Judentum) Rachdruck sämtlich« Original-Beiträge nur mit vorherig« Genehmigung d« _Redaktion gestattet._ Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei frei« Zusendung i. Inland 0.30 Für die Mitglied« d« Bereinigung ist d« Bezugspreis im rNikgliedsbeitrage enthalten. Anzeigeupreife: Die 12geipalt. Ronpareillezeile 0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigen« n »ahme bei d« Geschäftsstelle u. famtl. Annoncen-Lxpedit 7lr. 6 B«lin, 5. Februar 1930 10. Zahrgaug Die Breslauer Hauptversammlung Tie Breslauer Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum wurde weit über die Kreise der liberalen Juden Deutschlands hinaus mit Interesse erwartet. Ja man kann sagen, daß außerhalb des Kreises der Freunde des liberalen Judentums mit irgendeiner Sensation, die bei der Breslauer Tagung sich ergeben würde, gerechnet worden ist. Ter Verlauf der Tagung und ihre Ergebnisse, auf die wir im einzelnen noch zurückkommen werden, haben eindeutig klargestellt, daß selbstverständlich bei Nuancierungen im einzelnen, die bei einer umfassenden Organisation ja niemals fehlen können, die Bereinigung für das liberale Judentum als Gesamtheit betrachtet, geschlossen und gefestigt dasteht. Tie Tagung muß deshalb in erster Linie als eine Enttäuschung all derer gewertet werden, die glaubten, daß Rechts- und Linksliberale, Agency-Anhänger und Agency-Gegner in Zukunft nicht mehr würden in der Vereinigung zusammenarbeiten können. Erfreulicherweise hat sich gezeigt, daß das Gefühl innerer Verbundenheit und die Erkenntnis der Notwendigkeit einer gemeinsamen Arbeit bei allen Kruppen des liberalen Judentums vorhanden ist, daß von einer Opposition, wie sie sich etwa auf Zionistenkongressen findet, hier überhaupt nicht gesprochen werden kann. Wenn von gegnerischer Seite so gern behauptet wird, daß die Vereinigung für das liberale Judentum in entschiedenem Gegensatz zur liberalen Jugend stehe, so muß demgegenüber betont werden, daß die Verbiiwung zwischen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine und den Trägern der Vereinigungspolitik sogar besonders eng unb harmonisch ist. Außenstchende mögen enttäuscht sein darüber, welche geringe Rolle beispielsweise die Agency-Frage in den Erörterungen gespielt hat. Ihre Enttäuschung ist die Folge einer völligen Verkennung vom Charakter der Vereinigung. Ta diese eine religiöse Organisation ist, stehen naturgemäß im Zentrum ihrer Betrachtungerr religiöse Fragen. Hier hat die Tiskussion offensichtlich gemacht, auf welchem Wege dringendste Arbeit zu leisten ist. In den Spalten dieser Zeitung ist ständig die Forderung nach größerer Lebensnahe der Religion erhoben worden, ist betont worden, daß bei der Neuordnung aller Lebensverhältnisse, die sich, gegenwärtig voltzieht, die Religion wieder zum gestaltenden Faktor des Lebens wird. Ter geistige Gehalt des Judentums muß ausgeprägt werden für die Ordnung des Alltagslebens. Es wirv die Ausgabe der nächsten Jahre sein, diese Forderung, die nunmehr allseitig vertreten wird, zu verwirklichen. Es ist selbstverständlich, daß die Verwirklichung, wie stets die Verwirklichung von Ideen, weit schwieriger ist, als die Forderung selbst. Taß dabei auch die Differenzierungen, die jetzt in der Praxis Geltung besitzen, bestehen bleiben werden, ja daß sie dann erst in ihrer ganzen Schärfe deutlich! werden dürfte::, das zeigt ein Bericht von Rabbiner Tr. Max- Wiener über die „Berliner liberale Kundgebung" im Herrenhaus, der in dem Hauptorgan der Zionisten, der „Jüdischen Rundschau", veröffentlicht worden ist. Wenn dort eine Lösung der Fragen ohne Verbundenheit mit dem kleinen Land Palästina bespöttelt wird, so ist hier der Gegensatz zu all denen, die in der Vereinigung für das liberale Judentum zusammengeschlossen sind, klar aufgezeigt. Herr Tr. Wiener schreibt: „Wie man zumal den Geist der biblischen Sozialgesetzgebung preisen kann und zeitgemäß nutzbar machen möchte, ohne zugleich dem Juden ein Stück Land zu gönnen, auf den: allein solch hohe Ideale für ihn mehr werden können als schöne Erinnerungen, bleibt unerfindlich." Tie Tiskussion der Hantzlversammlung hat gezeigt, daß bei denen, die in der Vereinigung für das liberale Judentum zusammengeschlossen sind, die Überzeugung vorhanden ist, zu Lösungen im Geiste jüdischer Religiosität für das Leben der Einzelnen und das Lü>en der Gesamtmenschheit auch ohne die zionistische Begrenzung beitragen zu können. Tie zukünftige Arbeit an der Durchdringung der Welt mit jüdisch-religiösem Geist, die Überprüfung politischer, wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse unter religiösen Aspekten wird nicht nur die Bereinigung für das liberale Judentum fördern, sondern sie wird weit mehr sein: ein Versuch zur Ueberbrückung der jetzt bestehenden Kluft zwischen Religion und Leben. Hinter dieser gewaltigen religiösen Aufgabe, die die Breslauer Tagung kenntlich machte, treten alle andern Fragen naturgemäß weit zurück. Nur ein Problem, dessen Klärung mit Rücksicht aus die geringe zur Verfügung stehende Zeit dem Vorstand übertragen wurde, der in der nächsten Hauptversammlung über seine Entscheidung wird Rechenschaft ablegen müssen, sei mit Rücksicht aus die aktuelle Bedeutung nach erwähnt: die Einheitsgemeinde. Bereits bei der Frankfurter Hauptversammlung wurden einzelne Stimmen hörbar, die an der unbedingten Zweckmäßigkeit dieser Organisationssorm zweifelten. Ihre Zahl ist seitdem nicht unbeträchtlich gewachsen. Uird nahezu Einmütigkeit besteht darüber, daß die Erhaltung der Einheitsgemeinde zur Voraussetzung hat, daß in ihr Entwicklungsmöglichkeiten im jüdisch-liberalen Sinne nicht unteckunden werden, daß in ihr freie Betätigungsmöglichkeit auf religiösem Gebiet uneingeschränkt sowohl für Konservative als auch für Liberale gegeben ist, und daß sie auch, in Zukunft den Charakter einer Religionsgemeinde behält. Eine Kritik an der äußeren Gestaltung der Hauptversammlung sei zum Schluß gestattet. Ter Liberale Verein der Breslauer Synagogengemeinde hat sich den Tank aller erworben, die an der Tagung teilnahmen. Tas Aeußere der Tagung war durch unsere Breslauer Freunde vorzüglich geregelt. Hingegen waren in der Gestaltung der Hauptversammlung im einzelnen zahlreiche Mängel erkennbar. Tie Tagesordnung ließ sehr viel zu wünschen übrig, eine ergiebige Tiskussion war insbesondere beim Hauptreserat, das in dieser Nummer ab gedruckt wird, uahezu unmöglich . Für die Zukunft sollte die Festsetzung von Fristen für die Einreichung von Anträgen vorgesehen und ferner die Öffentlichkeit der gesamten Hauptversammlung beschlossen werden. Ferner wäre es wohl angebracht gewesen, wenn für die Behandlung des Hauptthemas „Tas Judentum als Weltreligion" den Delegierten vorher Thesen zugegangen wären, damit ein Ergebnis für die Praxis hätte gezeitigt werden können. Bruno W o y d a. Tagungsbericht Erster Tag. Festgottesdienste. Die Tatsache, dag eine große jüdische Organisation Breslau zum Ort ihrer .Hauptversammlung gewählt hatte, veranlaßtc die Syna gogen-Gcmeinde, den Sabbat-Gottesdienst in der Großen Synagoge als besonderen Fcstgottcsdienst abzuhaltcn. Bereits am Freitag-Abend würdigte in seiner Predigt Herr Rabbiner Dr. S a e n g e r die religiöse Aufgabe des liberalen Judentums, dessen Wesen darin bestehe, bei allem Wandel der Formen dem Geist des Judentums, dem Geiste Moses, unwandelbar treu zu bleiben. Ans neuen Wegen zum alten Ziele zu streben, sei der Sinn des Liberalismus. Das liberale Juden»' tum wolle für alle seine Anhänger ein Gotteshaus, ein Lehrhaus, ein Familienhaus im geistigen Sinne bilden. — Am Sabbat-Vormittag fand der eigentliche Festgottesdienst statt. In die kantoralen Funktionen teilten sich die Herren Kantoren B o r i n und Warten berg; die Liturgie war durch Gesangseinlagen süc den Chor und insbesondere durch Einfügung der deutschen Keduschah anstelle der hebräischen festlich ausgestaltet. Herr Rabbiner Dr. Hermann Vag elfte in hielt die Festpredigt. Er wendete einen Rückertschen Vers aus der „Spruch- Weisheit des Brahmanen" sinngemäß auf das Wort des Thora-Abschnittes an: „Ich bin erschienen deinen Vätern Abraham, Isaak und Jacob als der allmächtige Gott, aber unter dem Namen Ewiger war ich ihnen nicht bekannt." Keinen neuen Gott lehre das liberale Judentum, sondern den alten Gott, den es in immer wieder neuer Erkenntnis neu gewinnt, verehrt es auch in immer wieder neuen Formen. Es sei auch keine neue Religion, die wir schassen, sondern so, wie jeder lebendige Organismus nur durch ständige Formerneucrung lebt, so bedeutet der Wandel der Formen im Einklang mit dem Wandel der Zeiten auch das Leben unserer alten Religion. Deshalb führen wir auch keinen Kampf gegen andere religiöse Richtungen, sondern wir führen den Kampf für uns und unsere Sache in dem Sinne, in dem nach einem talmudischcn Wort der Kampf um geistige Güter ein wahrer Gottesdienst ist. In dem Wunsche, daß auch die liberale Tagung, ihre geistigen, ihre gemeindepolitischen, ihre organisatorischen und selbst ihre geschäftlichen Erörterungen und Auseinandersetzungen ein Gottesdienst sein sollen, klang die mit innerster Begeisterung und Bewegung vorgetragene Predigt aus. Hauptversammlung. Nachdem am Nachmittage der Arbeitsausschuß und der Haupt Vorstand ihre letzten vorbereitenden Sitzungen abgehalten hallen, wurde um ö:f/j Uhr die Delegicrtentagung in den Räumen der Spinoza- Loge am Rcichspräsidentenplatz eröffnet. Es waren etwa 130 Delegierte aus allen Teilen Deutschlands anwesend; als besonders erfreuliche Tatsache kann die recht rege Beschickung der Tagung durch die westdeutschen Ortsgruppen vermerkt werden. Eine weitere große Freude war, daß Lily H. Montag» und Rabbi Dr. I. M a t t u ck aus London als Vertreter des Liberalen Weltverbandes und des englischen Liberalismus an der Versammlung teilnahmen. Die inländischen und ausländischen Teilnehmer wurden von dem Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Heinrich S t-crn (Berlin), kurz begrüßt; alle anderen Begrüßungen verschob der Vorsitzende auf die für Sonntag früh angesetzte Festsitzung. Sitnationsbttichl. Das einleitende Referat hatte diesmal der Vorsitzende selbst übernommen. Er begann mit einem großen historischen Rückblick auf die Entwicklung des liberalen Judentums in Deutschland seit der Gründung unserer Vereinigung im Jahre 1908. Auf die gegenwärtigen Verhältnisse eingehend sprach der Vortragende davon, wie die fortschreitende Neigung zu Orthodoxie und Mystizismus in den Gemeinden zu einer Gefahr für den Liberalismus und für das Judeuetum überhaupt werde. Wir müssen bei unserer Tätigkeit deshalb den Blick künftighin wieder mehr nach rechts wenden. Die letzten zwei Jahre mußten wir uns wegen der Vorgänge in der jüdischen Oeffentlichkeit vorwiegend mit dem Nationaljudentum beschäftigen, so daß wir vielfach dem Vorwurf ausgesetzt waren, wir seien ausschließlich eine 'Kampforganisation gegen den Zionismus. Man soll doch aber nicht verkennen, daß die große Aktivität nach dieser Richtung, uns durch die Ereignisse aufgczwungen waren. Keiner von uns Religiös-Liberalen saßt unsere Vereinigung als nur antizionistisch auf, und falls die Entwicklung im Zionismus allmählich zur Anerkennung des jüdischen Universalismus führt, so werden wir uns I mit solcher Entwicklung freuen. Unsere eigene Stellungnahme in dieser Frage werden wir nicht ändern und haben wir nicht geändert; sie ist seit Jahren die gleiche geblieben, wie der Referent an Hand von Beschlüssen aus dem Jahre 1919 und späterer Zeit nachweist. Auch unsere Stellung zur Jcwish Agency steht in völligem Einklang mit der Grundeinstcllung zum Zionismus; und zwischen uns und denjenigen unserer Freunde, die von unseren ofsiziellen Beschlüssen abivichcn, wird die Entwicklung der Geschichte selbst Richter sein. So viel zur Außenpolitik. Was ist aber zu sagen über unseren inneren Ausbau? Da ivärc viel zu sagen und auch viel zu klagen. Eins möchte ich an die Spitze stellen: wir deutschen Juden stehen vor einem Entscheidungsjahr. Wenn das Jahr zu Ende geht, werden Wahlen in den wichtigsten Gemeinden erfolgen. Diese Wahlen werden lange Jahre für das Schicksal des Liberalismus entscheidend sein. Denn »nenn auch jetzt schon in einigen Gemeinden die Liberalen nicht die Mehrheit haben, so konnte das ein Zufall sein. Bestätigt die neue Wahl die Eindrücke der alten, dann haben wir es nicht mit Zufall, sondern mit organischer Entwicklung zu tun und in der Praxis wird die Zurückhaltung auf der Gegenseite bald einer bewußten Parteipolitik weichen. Dieser Ernst der Situation soll uns leiten, soll uns veranlassen, unsere innertiberai'en Auseinandersetzungen auf ein Minimum zu beschränken. Ist uns nicht allen das liberale: Judentum diejenige Form des Judentums, in der allein wir Juden sein können? Wenn wir die Absicht haben, unsere Kinder auf der Grundlage des Sch'ma Jisroel zu erziehen und in den Gemeinden unter Wahrung der Rechte der anderen auch dem Liberalismus volle Gleichberechtigung zu schaffen, so ist angesichts dieser Grundaufgabe alles das, worüber wir uns unter uns auscinandersctzen, nur noch eine Verschiedenheit der Nuance. Unsere Ortsgruppen sollen daher sich zu gemeinsamer Aufbauarbeit zusammenfinden. Für diese Aufbauarbeit fehlten leider die Anregungen von der Seite, von der wir sie in erster Linie erwarten müssen, von den Rabbinern. Wenn diese vielfach meinen, das Niveau unserer Auseinandersetzungen beanstanden zu dürfen, so sollen sie nicht vergessen, daß sie sich des Einflusses auf dieses Niveau der geistigen Kämpfe so lange begeben, als sie nicht selber Seit? an Seite so mit uns kämpfen, wie wir das Verhältnis zwischen Rabbinern und Laien ausgestaltet wissen woftcn. Noch immer fehlt die seit Jahren geforderte theologische Grundlegung der „Richtlinien". Wo sind überhaupt in den letzten Jahren große Werke liberalen Inhalts erschienen? Seit Baccks „Wesen des Judentums", Elbogens „Geschichte des jüdischen Gottesdienstes" und Selig manus „Geschichte der jüdischen Rcformbewegung" haben wie fast nur noch von bedeutenden Werken zionistischer Schriftsteller gehört. Auch kleine Handbücher und populäre Broschüren sind nicht mehr erschienen; da darf man sich nicht wundern, wenn unsere Jugend mehr und mehr in zionistisches Fahrwasser gerät. Die „Vereinigung liberaler Rabbiner" hat zweimal in letzter Zeit getagt, zweimal haben >vir gewartet auf einen Wegtveis. Einmal tvar es bei der Auseinander sctzung zwischen Liberalismus und Zionismus, wo wir eine Ent scheidung nicht nur vom deutsch-politischen, sondern vom jüdisch religiösen Standpunkt erwarteten. Herausgekommen ist keine Entschci düng, sondern eine Entschließung, die jedem Einzelnen die Stellungnahme überließ. Das Recht zu persönlicher Stellungnahme hatte der Einzelne aber auch vor Ihrer Diskussion. Die von Ihnen er wartete Tat ist ausgebliebcn. Ebenso ist es bei Ihrer Erörterung über das jüdische Eherecht gewesen. Sie haben diese Frage akademisch erörtert, aber die Schmach des jüdischen Eher e ch t s ist von Ihnen nicht beseitigt worden. Es sind auch immer nur dieselben wenigen Herren, die für den Liberalismus arbeiten, die z. B. jetzi am Einheitsgebetbuch mitgeschafsen haben. Bei lircrarischer Arbeit der fast hundert deutschen liberalen Rabbiner wären wir nicht darauf angewiesen, wenn wir nach religiös-liberalen Hand- und Andachts büchern gefragt werden, jetzt nur auf die englischen Werke zu verweisen. — Redner erwähnt noch Fragen der liberalen Frauenunt» liberalen Jugendbewegung und geht schließlich auf das Verhältnis ztvischen Liberalismus und Resormgemeindc ein. Die Frage nach einer Entscheidung zwischen Seligmann und Lehmann ist falsch; es sind nur verschiedene Uesancen, nicht aber verschiedene Ideologien, durch die sich diese beiden Richtungen unterscheiden. Zum Schluß leitet der Redner auf den nun folgenden Geschäfts- und Finanzbericht über und verweist nochmals auf die bevorstehenden Aufgaben für das Jahr 1930. Solange ivir die materiellen Mittel zur Bewältigung dieser Ausgaben nicht aufbringen, sind wir Schwätzer und weiter nichts; erst die Opfertat entscheidet über das Lebensrecht unserer Bewegung.*) -- Nach diesen allgemeinen Betrachtungen folgt der engere Geschäftsbericht durch den Generalsekretär der Vereinigung, Herrn George Goetz (Berlin). Ter Referent sprach über die Mitglieder- und Ortsgruppenbcwegnng in der mehr als zweijährigen Berichtspcriodc seit der letzten Hauptversammlung, die im Oktober 1927 in Frankfurt a. M. stattfand. Anschließend an die letzten Worte des Vorsitzenden wies er daraus hin, daß die rem materielle Entwicklung der Vereinigung ungünstig sei. Wenn auch nicht ein einziges wahres Wort an jene» Gerüchten sei, daß wir duräi unsere innerjüdische Stellungnahme Mitglieder» crluste gehabt hätten, so entspräche es doch andererseits keineswegs dem Sinn unserer Organisation, ihre Milgliederzahl, wie es geschehen ist, nur konstant zu erhalten. Wenn die Feststellung, daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden liberal ist, mehr sei» soll als eine Redensart, müßten wir statt unserer wenigen tausend Mitglieder deren hunderttausende haben. In Berlin, wo eine eigene Ortsorganisation besteht, hat die Werbung gute Fortschritte gemach!, was ein Fingerzeig für die Ortsgruppen im Reiche ist, die Werbung selbst in dic Hand zu nehmen und nicht altes der Berliner Geschäfts stelle zu überlassen. Unter den Neugründungen der Berichtsperiode ist die Kölner „Gemeinschaft" zu erwähnen, die richtungsmäßig zur Berliner Resormgemeindc gehört. Die angebahnte Ausdehnung der Reform-Richtung, des linken Flügels unserer Gesamtbewegung, erfordert in hohem Maße unsere Beachtung. Bon der liberalen Jugendbeivegung ist die Magdeburger „Arge"-Tagung vom November 1928 zu erwähnen, in der Dr. Hugo H o f f m a n n (Frankfurt a. M.) zum Vorsitzenden der „Arge" gewählt wurde und in der die jüdischliberale Jugend in der Frage der Stellung zum Zionismus ein *) Das einleitende Referat des Herrn RA. Stern wird in einer der nächsten Nummern in vollem Wortlaut erscheinen.