Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 5 (30.1.1930)
- Date
- 1930-01-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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/ Die Bewertung jüdischer Gruppen in staatsbürgerlicher Hinficht In einem Artikel, der hier in der Ausgabe Dom 15. 1. 1930 veröffentlicht wurde, hatte ich Bedenken gegen einen Beschluß des Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden geltend gemacht, demzufolge „die Austragung von Meinungsverschiedenheiten ohne jede Mnderbewertung einzelner jüdischer Gruppen in staatsbürgerlicher Hinsicht erfolgen" müsse. Ich hatte die Auffassung vertreten, „daß in einem Nationalstaat die nationale Zugehörigkeit zu der Staatsnation Voraussetzung für die Bekleidung gewisser staatlicher Funktionen ist.... Uoberall da, wo für staatliche Aemter nicht nur staatsbürgerliche Loyalität, sondern nationales Zugehörigkeitsgefühl wesentlich ist, muß für den Zionisten eine Minderbewertung in staatsbürgerlicher Hinsicht die natürliche Folge des Bekenntnisses zu einer Nation sein, die ihre Heimat außerhalb Deutschlands sieht." , Aus meine Ausführungen hat hier in der vorigen Woche Herr Rchtsanwalt Heinrich Stern erwidert und eine Lanze für die deutschen Zionisten gebrochen. Seine Zuschrift zwangt mich zur nochmaliger: Wortmeldung. 5>err R.-A. Stern stimmt mir merkwürdige: werfe in der Theorie zu — und kommt in der Praxis zum entgegengesetzten Ergebnis. Er schreibt: „Mit Rudi Meyer stehe ch auf dem Standpunkt, daß in Deutschland nach der herrschenden Auffassung nicht nur Staatsgesinnung, sondern Volksgesinnung verlangt wird, das heißt nicht nur ein Bekenntnis zur Staatsform und zur juristischen Erfüllung der Bürgerpflichten, sondern auch der Wille, sich kulturell dem Volksganzen einzuordnen." Warum kommt er in der Praxis dennoch zu dein entgegengesetzten Ergebnis als ich? Ich hatte als Beispiel für die irrige These des Landesverbandes auf den zionistischen Vizepräsidenten, Herrn Dr. Max Kollenscher, verwiesen und gesagt: „Es wäre doch völlig absurd, wenn das Deutsche Reich etwa in der Posener Ueber- ^angszeit Herrn Dr. Kollenscher wichtige staatliche Funktionen, deren Erfüllung im politischen Interesse Deutschlands tag, übertragen haben würde." (Bekanntlich hat Herr Dr. Kollenscher damals bei den nationalen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen urtd Polep. Neutralität aus Grund des Bekenntnisses zum Nationaljudentum als Parole ausgegeben.) Herr R.-A. Stern macht sich ditz Antwort sehr einfach: „Ebenso habe ich es nicht verstanden, warum gerade Kollenscher, der bekanntlich einer der schärfsten Gegner der Theorie von der Galuthverneinung ist, sein Buch herausgegeben hat, wobei ich ihm keinen Vorwurf daraus mache, daß er seinerzeit in oer ungeheuren Verwirrung der Ereignisse glaubte, so Hanseln zu müssen, wie sein Buch mitteilte. Aber die spätere Sanktionierung dieser Handlungen durch Herausgabe des Buches scheint mir schlecht zu der sonstigen mir bekannten Haltung Kollenschers zu passen." Ich habe die Empsttrdrmg, baß hier das Bedürfnis zur Verteidigung des Herrn Kollenscher und einer abwegiger: These stärker ist als die tatsächliche Kenntnis von der Haltung des Hern: Kollenscher. Bon einer besonderen Einstellung während der „ungeheuren Verwirrung Ser Ereignisse" kann hier überhaupt keine Rede sein. (Obwohl das als Ergebnis nationaljüdischer Ideologie auch recht charakteristisch wäre.) Herr Dr. Kollenscher^ hat bereits vor dem Kriege einen Herrn R.-A. Stern offensichtlich unbekannten Vortrag über „Zionismus und Staatsbürg ertnrn" gehalten:, der von der zionistische:: Ortsgruppe Posen im Verlag der Jüdischen Rundschau herausgegeben wurde. Darin Heißt es: „Oft verwechselt man Patriot ismus mit Nationalität und nimmt patriotische Gesinnung in jedem Staate für die Auge hörigen einer Nationalität in alleinige Erb-pacht. So, meint mm, t'ömuen in Deutschland nur die Deutschen gute Patrioten sein, in Rußland nur die Russen usw. Wäre diese Anschauung richtig, dann müßten die Zionisten allerdings daraus verzichten, Patrioten in der: Staaten ihrer Wohnorte zu sein. Aber nicht nur die Zionisten müßten es; auch die Juden, die sich dem Zionismus gegenüber noch ablehnend verhalten, müßten daraus verzicknen, deutsche Patrioten zu sein. Tenn das muß doch ein für alle Maie sestgestell: werden: Deutsche sind >oic nichts mir siird Juden." Kam: schon hiernach von einer Sondereinstellung wäh send der Posener Nebergangszeit nicht die Rede sein, so ergib: sich das ebenso eindeutig aus Kollenschers Buch „Jüdisches aus der deutsch-polnischen Uebergangszeit". Ich weiß nicht, ob Herr R.-A. Stern dieses Buch gelesen hat. Hier wird jo gerade die These „Deutsche sind wir nichts wir sind Juden" in ihrer Anwendbarkeit auf die Praxis dargestellt. Be: der Schilderung,der Stadtverordnetenversammlung in den Rcvomtionstagen 1918 heißt es beispielsweise in dem Buch vop stollenscher: „Als Vertreter tnr deutschen Bürgerschaft ergriff i>er jüdische Stadtverordnetenvorsteher, Justizrat Placzel, das' Wort: auch er erklärte sie Bereitwilligkeit der Kreise, für die er auftrat, zur Mich arbei:. Aber Mas er sagte, mar nicht so wichtig, umdie Tatsache, saß hier zum letzten Mat und als Abschluß einer nunmehr der. iunken«n Zeit ein Jude als vermeintlicher Vertrauensmann aller deutschen politischen Parteien deren Standpunkt in einer politischen Versammlung zum Ausdruck bringen mollte. Die selbstbewußte Judenschaft hatte längst erkannt, daß es gerade jetzr im Posener Lande für alle Nationalitäten darauf antam, die nationalen Rechte zu postulieren und zu Mahren, daß der verpaßte günstige Zeitpunkt eine langdauernde Entrechtung mit sich bringen könnte. Darum mar es gerade für die beiden nationalen Minderheiten, Deutsche und Juden, notlvendig, sich zu organisieren und eine jede für sich 'elbs: nationale Rechte zu fordern und durchznsetzen." Dieses Buch, in dem Kollenscher seine jüdischnallonaie Minoritätenpolitik rechtfertigt, erschien im Jahre 1925! Ist kct noch möglich, von der „ungeheuren Verwirrung der Ereignisse" zu sprechen? Als dam: das Erscheinen dieses Buches weitesten .Kreisen zum Kopfschütteln Anlaß gab, erwiderte Kollenscher ausführlich in der Jüdischen Rundschau und vetteidigte sein Werk. Aber nicht als Produkt der „ungeheuren Verwirrung der Ereignisse", sondern als Konsequenz nationaljüdischer Ideologie! Mir scheint desbalb Herr M.-A. Stern „päpstlicher als der Papst" zu sein. Wenn schließlich jetzt aus dem Jenaer Delegierteutag der deutschen Zionisten Herr R.-A. Kollenscher die Zionisten als „Experten für nationale Mindert) eitssragen" bezeichnet hat, so muß das nach den: Voraufgegangene:: mit in den Kreis der Betrachrungen gezogen werden. Ich frage nun Herrn R.-A. Stern, ob er tatsächlich be haupten will, daß Herr Dr. Kollenscher die gleichen staatsbürgerlichen Rechte beanspruche:: kann wie diejenigen jüdischen Deutschen, die sich nattonal dem deutschen Volke verbunden suhlen. Ich erwarte, daß Herr R.-A. Stern auf diese Frage eine klare und, falls sie bejahend ausfallen sollte, begründete Antwott erteilen wiü>. Ungern, aber notgedrungen will ich noch aus einige Ar- Znmenke des Herrn RA. Stern furz eingeben. obwohl sie mit dem geschilderten Fall Kollenscher nichts zu tun habe::. Herr R.-A. Stern kann sich offensichtlich von dem Gedanken nicht freimachen, daß man den Zionisten „diffamiert", wmn man ernsthaft die Frage prüft, ob diejenigen, die bewußt ihre Zugehörigkeit zur deutschen Nation abstreiten und sich zur jüdischen Nation bekennen, im deutschen Nationalstaat volle Staatsbürgerrechte beanspruchen können. Ist wirklich diese Frage unzulässig oder überflüssig? Ist es eine Diffamierung? Ich erkläre ausdrücklich, daß ich das Verhalten des Herrn Kollenscher in der Posener Ueberga:rgszeit auf Grund seiner nationaljüdischen Einstellung vollauf verstehe, daß ich es durchaus ehrlich finde, daß ich, wäre ich Zionist, ebenso gehandelt hätte — nur daß ich dann nicht auf bet: Gedanken komme:: würde, nun zu behaupten, daß ich im deutschen Nationalstaat in staatsbürgerlicher Hinsicht die nationale Gesinnung für irrelevant halte. Gewiß, und darin stimme ich Herrn R.-A. Stern durchaus zu, ergibt sich für eine veränderte Staatsstruktur auch eine veränderte Antwort. Mer das steht doch wahrhaftig nicht zur Diskussion. Die Resolutton des Preußischen Landesverbandes, die ich als abwegig kennzeichnen wollte, bezog sich ja wohl nicht aus die Verhältnisse in England oder auf Verhältnisse, wie sie vielleicht in Deutschland erstrebenswert sind, sondern aus das Deutsche Reich in seiner gegenwärtigen Struktur. Herr R.-A. Stern verweist darauf, daß die liberale Ratsfraktion dem Beschluß des Rates einstimmig „von Blau bis Ostbcrg" zugestimmt hat. Ich bin ketzerisch genug, um Hu sagen, daß mich das nicht überzeugt; denn ich kenne unter ihnen beispielsweise auch eine:: Hern:, der gleichfalls zustimmte, als jetzt der Vorkämpfer der Paneuropa-Bewegung, R. N. Coudenhove-Kalerghi, in seiner Abhandlung „Antisemitismus nach den: Weltkrieg" aussührte: „Diese Einstellung des Zionismus gibt bei: Antisemiten eine neue Waffe. Sie gibt ihnen die Möglichkeit, die Juden als fremde Nation zu betrachten, nicht als Mitbürger. Sie erleichtert es ihnen, den Juden als Ausländer das einheimische Bürgerrecht zu bestreiten und Ausnahmegesetze gegen sie vorzuschlagen." Und mir ist unter Ihnen .ein anderer Herr bekannt, der jetzt für die zionistischen Beamten Badt und Goslar eintritt, und vor zwei Jahren auf einem internen Abend des Berliner Liberalen Vereins ihre Legitimation für diese Aemter bestritt. Wenn Herr R.-A. Stern in diesem Zusammenhang darauf verweist, „daß die Staatsregiernng und Reichsregierung selbst, die ja wohl noch mehr befugt sind, über die nationale Gesinnung ihrer Beamten zu wacher: als Herr Rudi Meyer, diese Gesinnung für ausreichend halten, trotzdem die genannten Herren niemals ihr Natiomlljudentum verheimlicht habeiftl, so scheint mir diese Argumentation für einen Bolksftaat .reichlich abwegig. Es ist die Umkehrung des bekannten Wortes von Friedrich Julius Stahl: „Die Gründe der Regierung kei:ne ich nicht, aber ich muß sie mißbilligen". Dabei ist ja ein offenes Geheimnis, daß Bedenken der hier vorgebrachten Art auch in maßgeblichen offiziellen Kreisen bestehen. Ob wohl, wenn einmal in Palästina die Zionisten die Bevölkerungsmehrheit erlangt haben solllen, ein Araber Pressechef der Palästinaregierung werden wird? Herr R.-A. Stern kämpft gegen Windmühlen, wenn erfordert, daß auch beim Gegner die gute Gesinnung vorausgesetzt werde. Das ist selbstverständlich u:tb hier nicht bestritten worden. Nicht um gute oder schlechte Gesinnung geht der Streit, sondern um die Frage, zu welchen Folgerungen die Gesinnung in der Praxis Anlaß gibt. Schließlich noch ein Wort zu der Andeutung in den: Wort von dem „Volksstaat, in dem die „internationale Sozialdemokratie" so stark den Ton angibt". Es mag der Hinweis genügen, daß die internationale Einstellung der Sozialdemokratie sich aus die Lösung von Fragen internationalen Charakters bezieht, daß sie aber nationaldeutsch ii: Fragen der deutschen Nation eingestellt ist. Muß man daran erinnern, daß ein Sozialdemokrat das Lied ..Deutschland, Deutschland über alles" zum Nationalgesang der deutscher: Republik deftimmt hat? ' ' Rudi Meyer. Äug!»>» »I »»♦»»» » Beritt:, ß astv » rlesu r. g P r 0 j e i f 0 1 B 0 r t h 0 1 c t « a 11 b 0 r H 0 cf) s d) u 1 e für b i e W i s s e >t f ch a j: ö v Jus e :i t u m $.) Am Montag, den 3. Februar, abends 8 Uhr, sprich: in der Aula der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums Proimor D. "Jfifreb Bertholct, der bekannte evangelische Ddeowge der Berliner Unioerutäc und Leiter des Jnstitntum Judaicum an der Uniberfnäl, über bas Thema: „Der Opfergedanke in der ekletigion". Professor Bert!,ose: ist einer der besten Kenner des alten jüdischen SBriftmiue, er schrieb ein Kommentar zur Bibel u. a. rn. Berlin. (2 :> n agogePr: nz r e gen: e:: ft r a ft e„ Gemeinde abend des Synagogenvereins Prinzreg-ntenftraftr. Am 20. Januar fand in den Räumen des Bürgersaals des Ralyauses Sckönederg der zweite Gemeinbeabend statt. Mehr als 700 Personen waren der Einladung gefolgt. Die Konzerriongeriu Hilda Lind und Oberkautor Manfred Lewandowsli leiteten den Abend durch Sologesänge uns rin Duett ein und crnrcren begeisterte,; Beifall des Publikums, das tun: geräumigen Saal bis auf bas letzte Plätzchen gefüllt batte. Herr Architekt Julius Peyfer schilderte da::.; in einem groß angelegten Bortrag die Entstehungsgeschichte und den Ban der neuen Synagoge Prinzregenlenstraße, die ein Meistertocrt der Syeagoqenbanlunst und ein uirsterdliches Denkmal für deren Erbauer, den Regierungsbaumeister Alexander Leer, zu rverden versprich:. Die dort cingeführten Nene rungen: Rund-ban unter Vermeidung von Santen, der freie Sich: vor: allen Plätzen bietet, die Möglichkeir der Umwand!l'.ug des sakralen Raums in einen für ernste BeranstaUungen geeignlleir Vor.-rags-aai. die Beheizung der Kuppel nird sonstige technische Neuerungen fanden, lebhaftes Interesse der Judo rer. In der nachfolgender. Aussprache, an der sich die Herren Rabburer Tr. Oüallirter und Dr. Salomonsti, d'.e Reoräsenranten Bloritz Rosenthal, Emil Pincue-, Dr. Nur: Fle: scher, Arnold Stein u:rd Dr. Gach beteiligten, wurden die ven'chic denen Ziikunftsanfgaben oer Synagoge und der zu ihr gehörigen Ge meinde erörtert. Der einl)titlichc Ton, auf der. die Reden gestimmt tvaren, klang in den Wunsch ans, das; sich um die Synagoge eine' Ivirkliche Kehilla versammeln möge, die deren alte Aufgaben: Verbreitung der Kenntnis der Gotteslehre, Ausbau des Gottesdienstes und Wohlfahrtspflege erfüllt. Der erste Vorsitzende des Vereins, .Herr Dr. Leo Caro, konnte den Abend mit der Feststellung schließen, daß er der Annäherung der Synaaogenbesncher gedient hat, die noch bis in die späten Nachtstunden in. den Räumen des Ratskdt'.ers gemntliü zu sammenblieben. — Im Mona: Februar »vrrd ein musikalischer Abend die Synagogenbesucher »weder vereinigen. Breslau. (Gründung einer M i t t e 1 :> a :: e i.', üim 20. Januar wurde in einer Versammlung in Breslau die „Jüdische Mittelpartei für die Syn-agogengemcinde Breslau und die Provinz Nieder und Oberschlesien" gegründet. Ein Programm, auf das wir vielleicht n-och zurückkommen werden, wurde angenommen. Zum Vorsitzenden wurde Rechtsanwalt Foerder gewählt. Breslau. (Feier tut I ü d isch - t he o l o g i s che n Seminar.) Am Sonntag, den 26. J-anunr, fand die alljährliche, feierliche Entlassung der Kandidaten, deren Ausbildung zum Rabbiner vollendet, im hiesigen Jüdisch theologischen Seminar (Fränckelsche Stiftung) statt. Der Tag ist immer in der Nähe des Todestag«» (diesmal der 75.) des Stifters, des Kommerzienrates Jonas Fränckel. Die Erinnerung an den Stifter, dem wir auch viele andere Wohlfahrtseinrichtungen verdanken, lebt dann immer wieder aufs neue auf. Das bewiesen die warmen Worte, die der den Jahresbericht abstattende Dozent Dr. Heinemann für Jonas Fränilel fand. Auch noch zwei anderer Toter des vergangenen Jahres, die dem Seminar nahe gestanden, gedachte Dr. H.; der Frau Martha Badt und vor allem des Justizrat Felix Hirschberg, der in seiner stets sein eigenes Selbst hingehenden Art für das Seminar gewirkt hatte. Dann nannte er die Preisträger der zloci vorjährigen Preisarbeiten und verkündete die neuen Preisthemcn. Durch die Freigiebigkeit eines ausländischen Spenders können für 1930 fünf Preise ausgesetzt werden. Nach Dr. H. nahm Dozent Dr. Rabin das Wort zu seinem Vortrag: „Stoff und Idee in der jüdischen Geschichtsschreibung". Dr. Rabin verglich zunächst den Geschichtsschreiber mit dem Künstler. Bei letzterem kommt es aus Kunst und Harmonie an, bei ersterem auf Wahrheit und Ahnung, auf Erkenntnis und Objektivität. Dr. Rabin unterscheidet drei Arten von Geschichtsschreibung: 1. Die reseriereiwe; sie ist die am niedrigsten stehende, :vcil oft von irgendwelchen Interessen beeinflußt. 2. Die pragmatische; sie steht schon höher. Sie „erfühlt", ob Zufall oder Schicksal, ob Willkür oder Notwendigkeit. 3. Die genetische. Sic^ „erfüllt" das, was man von einer tiefer schürfenden, wissenschaftlichen, sich von jeder Ideologie frei haltenden, Stoff und Idee richtig beurteilenden Geschichtsschreibung verlangen kann, ^die Zuhörerschaft folgte den sehr interessanten Ausführungen bis zum .Schluß. — Nachdem dann einer der zu entlassenden Kandidaten dem Seminar und dessen Freunden sowie vor allem dem Seminarrabbiner Professor Dr. Guttmanu gedankt, ergriff letzterer das Wort. Er knüpfte an die Bibclstell« an, die die Berufung Moses zur Botschaft an die Kinder Israel in Aegypten schildert, übergab seinen aus dem Seminar scheidenden Schülenr ihre Diplome und sprach den dreifachen Pnestersegen über sie aus. — Gesang des Oberkantor Borm begann, begleitete und beendete die eindrucksvolle Feier. , s Danzig. (Vortrag in d e r Synagoge.) Der Versuch, die Synagoge wieder zum geistigen Zentrum der Gemeinde zu machen, hatte ein erfolgreiches Beginnen. Juden und Nichtjrrden füllten die hiesige Ha::ptsynagoge am Mittwoch, den 15. Januar, bis auf den letzten Platz anläßlich eines Vortrages, den der Gemeinderabbiner Dr. Grün über „Die Religion der Propheten" hielt. Er zeichnete den Weg vom Mosaismus zum Prophetismus als einen Weg vom Kultischen zum Ethischen, vom religiösen Individualismus zum Universalismus. Die Lehre des Mose spreche vom Paradies der Vergangenheit, aus dem der Mensch um seiner Sünden willen vertrieben worden ist, die Propheten sprechen von der Zeit des Messias, von einem Paradies der Zukunft, in das der Mensch einst sittlich geläuterr tvieder zurückkehren wird. So wie dem ersten Paradies die Schöpfung der Welt vvranging, so wird auch dem Paradies der Zukunft eine nochmalige Schöpfung, ein neuer Himmel und eine neue Erde, voraugehen. Das Wellende erhält so durch die Propheten den Sinn eines neuen Weltbeginwens. Orgelspiel u:rd Chorgesang umrahmten den Vortrag. Die Veranstaltung hinterließ einen tiefen Eindruck bei allen Beteiligten. Weitere Vortragsabende in demselben Rahmen sollen monatlich folgen.. Dortmund. (Neukonstitnierung des Gemeindevotst a u d e s.) Wir hatten in der vorigen Woche über die Wahlen zur Replüsentantenversammlung in Dortmund und ihr Ergebnis berichtet. Ter Vorstand der Gemeinde hat sich neu konstituiert, nachdem seines hohen Alters halber der verdienstvolle Vorsitzende der Gemeinde Herr D. Leeser sein Amt niedergelegt hat. Sein Nachfolger ist Herr Konsul Jakoby und neben ihm die Herren Leo Jonas, Landgerichtsrat Gans, Philipp Weiser ruck» Richard Flörsheim. Düsseldorf. (Jubiläum des L e h r l i n g s h e i m e s.) Ende dlpril sind 50 Jahre verstrichen, daß das Israelitische Lehrlingsheim gegründet wurde. Aus diesem Arckaß soll eine Feier stattfinden, zu der alle ehemaligeit Lehrlinge eingeladeu werden. Der jetzige Leiter Leop. Süßenwein, Bilkerstraße 26, Düsseldorf, erbittet die Mitteilung der Adressen. ©sieben. (G emci n d e >v ahl.) Bei der kürzlich stattgefundenen Repräsentantenwahl wurden Lehrer G. Mosbach und Dr. Lötocnstein auf die Dauer von fünf Jahren zu Repräsentanten gewählt. I. Herzfeld und S. Grabowski wurden als Repräsentanten-Stellvertreter bestimmt. Hamburg. (E i tt j ü d i s ch e r A r b e i t s i: a ch w e i s i n H a m - bürg.) Wie Hamburger Zeitungen milteilen, haben mehrere jüdische Orgnlnsationen beim Landesarbeitsamt Nordmark die Wiedererrichtung des früheren nichtgelvcrbsmäßigen Arbeitsnachweises der Bnei Brity Logen beantrag:. Im Jahre 1900 war von der Henry Jones- Loge und dem Israelitisch Humanilären Frauenverein mit Unterstützung der Deutsch Israelitischen (.Gemeinde der Hamburger Verein für Arbeitsnachweis gegründet worden. Durch ihn sollte arbcitsuchendeir Jude,: beiderlei Geschlechts aus jedem Gebiet tausmänuijcher, gewerblicher und häuslicher Tätigkeit kostenlos Arbeit nachgewieseu werden. Wegen der Kriegsfolgeu wurde der Verein 1923 aufgelöst. Nach der Aussassuug der Antragsrekler hat es sich als nottvendig herausgestellt, den Verein wieder ins Leben zu rufen, lieber den Antrag wird demnächst durch Oie Ausschüsse des Landesarbeitsamres Nordmark beraten werden. Meiningen. ' V o r st a n d s w a h l.) Unter starker Beteiligung erfolgte hier die Vorstandswahl zur jüdischen Gemeinde. Erster Vorsteher tvurde Paul .Heinemann, zweiter Karl Hei manu und dritter Leop. Grünstein. Als Kassierer tvurde S. Pollmam: wicdergcwählt. Den bisherigen Vorsitzenden, Juslizrat Tr. Simon, ernannte die Gemeiiweveriretung zum Ehrenvorsitzenden. München. (E n I s ch ließ u n g z u m S ch ü ch t v e r b o t.) Der von der Regierung eingebrachte und von: Verfassungsausschuß des Bayerischen Landcags mi: einer Mehrheit angenommene Gesetzentwurf, welcher das betäubungslose Schlachten unier Verbot und Strafe stellt und somit einem Verbot des jüdische» rituellen Schächten glcichkomrur, gelangt am Mittlvoch, den '29. Januar, vor das Plenum de:> Landtags zur Beschlußfassung. Der Ra: des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, der Ständige Ausschuß der Tagung und die Bayerische Rabbinevkonserenz 'waren am 26. Jannax in Nürnberg versammelt und faßten die solgerrde Entschließung, die sofort dem Landtag zugeleitet tvurde: „Der Rat des Vcrbaitdes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, der Ständige Ausschuß der Tagung und die Bayerische Rabbiner tonferenz, d:e heute in Nürnberg zu gemeinschaftlicher Beratung ver-- sammeli sind, nehmen mit riesein Schmerz von dem Beschluß des Verfassungsausschusses des Bäuerischen Landtags Kenntnis, der den ausnalims'oseu Betäubungszwang beim Schlachten der Tiere fordert und so ras durch 'die Jahrtausend' geheiligte religiöse Gebot des Schächten^ d 'x Tiere verhindert. Die bernseucr: Vertreter des bayerischen Judentums legen hiermit Verivahruilg ein gegen die Herabsetzung ihres Bekenntnisses, die Beeinrrächtigutig der durch die Verfassung des Reiches und des Landes genmhrleisteten religiösen Gewissensfreiheit und die dadurch begründete Verletzung der staatsbürgerlichen Rechte. Die jüdische Bekenntnisgemeinschast erwartet, daß der Lcnrdtag ein« Ausnahme von dem Betäubungszwang für das rituelle Schlachten zuläßt. Im neuen Heim! Frau Lucy Sommerguth-Loescr, die bekanntlich unserer Bewegung großes Interesse entgegenbringt, begrüßte die Presse anläßlich der Einweihung des Prachtbaues der Firma Loeser & Wolfs. Mit allen Mitteln der modernen Technik ausgestattet, bildet dieses jüngste Hochhaus Berlins an der Potsdamer Brücke «in neues Wahrzeichen unserer Weltstadt und zeugt von der Größe der Weltfirma Loeser & Wolfs. Vom Dachgarten des schönen Hauses fchiveifr der Blick zum Rathaus und darüber hinaus zun: Aleranderplatz, tvo einst die Wiege der Weltfrrma stand. Wir wünschen dem Hauke Loeser & Wolff im neuen Heim das alte Glück.