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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-01-30 · 5 (30.1.1930) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
5 (30.1.1930)
Date
1930-01-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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16. Zahrgavg Hummer 5 IWchiibemlLNÄias Kundgebung des liberalen Judentums Der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen. Gemeinde zu Berlin" hatte zu Montag, den 27. Januar, zu einer großen liberalen Kundgebung anläßlich einer in Berlin stattsind enden Vorstandssitzung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum eingeladen. Um 8 Uhr abends sollte die Veranstaltung beginnen. Dreiviertel Stunden vor Beginn stauten sich bereits vor den Portalen des Herrenhauses die' zahllosen Einlaßbegehrenden. Als eine halbe Stunde vor Beginn die Tore des Herrenhauses geöffnet wurden, füllte sich sofort der Plenarsaal. Die Tribünen wurden geöffnet, aber auch hier konnten nicht alle, die der Kundgebung beizuwohnen wünschten, Ausnahme finden. Eine Parallelvecsammlung, deren Leitung Rechtsanwalt Dr. Julius L. Seligsohn übernahm, gab erst allen die Möglichkeit, auch an der Versammlung teilznnehmen. Die .Hauptkundgebung im Plenarsaal wurde von Landgerichtsrat Dr. Martin Lefser, dem 1. Vorsitzenden des Berliner Liberalen Vereins, geleitet. Er begrüßte namentlich die auswärtigen Gäste, den Präsiden ten des Rates des Preußischen Landesverbandes, Kammergerichtsrat Wolfs, den Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde, Georg Kareski, und den Vorsitzenden der Jüdischen Reformgemeinde, Paul Pineus. Er verweist darauf, daß der Saal des Herrenhauses für das liberale Judentum bereits eine traditionelle Stätte geworden sei, da hier die zweite Tagung des Weltverbandes im Sommer 1928 stattgesunden hat. An dieser Stätte haben die Führer der religiös-liberalen Idee aus aller Herren Länder ihre Stellung zum jüdischen Liberalismus zum Ausdruck gebracht. Das Wesen des jüdischen Liberalismus liegt darin, daß er den Geist über die Form stellt und zur Verwirklichung dieses Geistes in der Welt die ständige Entwicklung und Erneuerung der Form anerkennt. In keiner Religion kann man Formen, kultische HaMungen und Symbole entbehren, denn sie dienen der Befriedigung des religiösen Bedürfnisses. Falsch und gefahrvoll ist es aber, solche Formen und Handlungen lediglich deswegen ohne weiteres auszugeben, well wir den ihnen seit Jahrhunderten anhaftenden Sinn heute nicht mehr anerkennen wollen. Da hat gerade der jüdische Liberalismus die Pflicht, solche alten Formen sortzuentwickeln, sie zu vergeistigen und zu Trägern neuer, neuzeitlicher Ideen zu machen. Erst wenn dieser Entwicklungsprozeß sich als unmöglich erweist, dann schaffe man ruhig solche veralteten Formen ab. Wenn wir so handeln, so bewirken wir zweierlei: einmal betätigen wir religiös-liberales Wesen, und dann vermeiden wir es, Tradition und Pietät zu verletzen. Als erster Redner ergreift das Wort der Vorsitzende der Bereinigung für das liberale Judentum Rechtsanwalt Heinrich Stern-Berlin: Diese Stunde soll Zeugnis Mögen, sie will Künder sein. Worte sind es, die zu Ihnen sprechen, aber Worte können Taten gebären. Nicht jedes Wort führt zur Tat. Ohne Wirkung bleibt die Phrase. Das Wort muß ein Bekennen sein, das aus dem Erkennen hervorgeht. Das Judentum soll in uns den Drerklang Mensch, Gott, Menschheit erklingen lassen. Air müssen erkennen, daß ein höherer, ein ewiger Plan uns alle geschaffen. Gott schuf den Menschen, alle Menschen, in seinem Ebenbilde. Wir sind alle gleich vor Gott, seine Kinder und streben ihm entgegen höhenwärts. Alle seine Kinder müssen wir als unsere Brüder erkennen, als uns gleich. ZÄokoh stammt ans der Erkenntnis des gleichen Wertes aller Menschen, sie führt zur Z'dokoh, dem Liebes werk. Judentum erschöpft sich nicht im Kultus, es fordert die soziale Tat. Unsere Berbundenheit mit den Juden der gesamten Welt darf keinen Wschlnß kennen, nicht den Abschluß des Blutes, nicht die Begrenzung durch die Scholle. Aus unserm Gottwissen um den Menschen ergibt sich unser Eintreten für den Menfchheitsfrieden. Aus dem Zusammenklang der Forderung nach Gleichheit, Gerechtigkeit, Euch eit und Friede ergibt sich die Ausgabe der Juden. Biele Kämpfe um dieses Ideal in allen Zungen und Zonen nennt uns die Geschichte, aber nur eine Gemeinschaft lebt als lebendiger Zeuge der Unzerstörbarkeit des Dreiklangs der Ewigkeit: Israel. Wir glauben an die Menschheit, wir leben für ihre Bollendnnig, also müssen wir mit ihr leben; wir wollen uns nicht trennen von denen, die GE auf andern Wegen suchen. Darum keine Absonderung hier oder aus anderm Boden. Wo unser Vaterland ist unserer Kinder Land, ist Menschheitsland. Unser Judentum, unsere Gemeinschaft, als Wegweiser zu diesem Ziel zu bewahren, ist unsere Pflicht. Wir müssen die Gemeinschaft, nicht nur den Einzelnen erhalten, müssen Gemeinschaftstat bekunden. Diese Gemeinschaftstat darf nicht nur ererbt sein, sie muß erlebt werden. Da Grundlage der Gemeinschaft die Wahrheit ist, muß jede Generation selbst Richter über die Ausdrucksformen sein, die sie mit der Gemeinschaft verbindet. Der Redner begrüßt die Freunde, die aus dem Ausland zur Präsidialsitzung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum nach Berlin gekommen sind. Mag das äußere Bild und der Pfad des liberalen Judentums in den verschiedenen Ländern auch verschieden sein, Einigkeit besteht in der Richtung des Weges und dem ewigen Ziel. Als nächste Rednerin behandelt The. hon. Lily H. Montagu-Londvn das Thema „Die Frauen und das liberale Judentum". Sie meint, es sei höchste Zeit, daß die Frauen von den Gallerten der Synagogen heruntersteigen und in das Leben der Synagoge selber eingreifen. In England und Amerika ist diese Reform bereits durchgeführt worden. In England ist es den Frauen seit 1915 erlaubt worden, die Liturgie zu lesen und von der Kanzel der liberalen Synagogen herab zu predigen. Ihr Zögern hierzulande, mit Ausnahme der Reformgemeinde, zeigt, daß sie die Notwendigkeit nicht vollkommen eingesehen haben, unsere Religion in Uebereinstimmung zu bringen mit dem täglichen Leben. In keinem andern Lande der Welt haben die Frauen mehr erreicht als gerade in Deutschland, namentlich aus dem Gebiete des Studiums und der sozialen Arbeit. Warum soll diese hoch-entwickelte Frauenschaft nicht auch Mitwirken an der Förderung des Lebens in den Synagogen? Ich bin keineswegs eine absolute Frauenrechtlerin. Ich glaube nicht, daß die Kräfte und Interessen von Mann und Frau identisch sind, und eben weil sie meiner Ansicht nach verschiedener Aft sind, bin ich überzeugt, daß wir zu unserer geistigen Bereicherung die Zusammenarbeit beider Geschlechter benötigen. Wenn Ellern und Kinder bei dem öffentlichen Gottesdienst zusammensitzen, bezeugen sie damit ihren Glauben an die Heiligkeit des Familienlebens. Frauen haben eine Botschaft zu bringen, nicht nur was das Familienleben betrifft, sondern auch in Bezug auf die Angelegenheiten der Stadt und des Staates, von dem religiösen Gesichtspunkt aus betrachtet. Als Staatsbürger ftiib die Frauen in Ihrem Lande vollständig gleichberechtigt. Mit den Männern zusammen sind sie verantwortlich für die Erziehung und Pflege der Kinder des Staats. Mit den Männern zusammen sind sie verantwortlich für die Gesundheit und das Glück der kommenden Generation. Es ist nur richtig, daß sie dafür zeugen sollen, daß ihr Denken und Handeln gereinigt und durchleuchtet sind durch ihren Glauben an. das Judentum. Ganz besonders möchte ich meinen Glauben daran her vorheben, daß die Synagoge sowohl der intellektuellen wie der gemütvollen Seite des Lebens bedarf. Je mehr der einzelne Mensch nach allen Seiten hin ausgebildet ist, um so wertvollere Dienste kann er oder sie leisten. Ich möchte nicht gern unseren Gefühls- oder intellektuellen Beiträgen den Stempel eines besonderen Geschlechts aufdrücken, hingegen möchte ich betonen, daß das Zusammenarbeiten beider Geschlechter das Leben in der Synagoge wirksamer und harmonischer gestalten wird, und ich kann durchaus nicht zugeben, daß irgend eine Seite dieses Lebens außerhalb der Sphäre der Frau steht. Die veraltete Auffassung der physischen Minderwertigkeit der Frau hat die Entwicklung des Judentums zu einer universalen Religion nur zurückgehalten. Das liberale Judentum hat in der Theorie diese entwürdigende Einschätzung beseitigt und die Zeit ist nunmehr gekommen, da Ihre Führer ihrem Glauben in die Emanzipation der Frau auch praktischen Ausdruck geben müssen. Wenn Sie das tun, so werden Sie davon bin ich überzeugt — das religiöse jüdische Leben dieses Landes stärken und einige von den Hindernissen beseitigen Helsen, die die Frauen in den Staaten Zentraleuropas uiü> des Ostens schwer bedrücken, indem sie der Entwürdigung und Jmmoralität Vorschub leisten. Wir hoffen, im Lause unserer Weltkonserenz im Juli auch eine Versanrmlung abzuhalten, um das Problem der Frau zu behandeln. Ich hoffe zuversichtlich, daß bis dahin ein großer Schritt vorwärts getan sein wird, in Ihrem Lande die notwendigen Reformen einzusühren, damit wir auf diesem Gebiete wie ans so vielen andern zu unseren deutschen Brüdern als zu Führern anfschauen können. Ein weiteres Präsidiumsmitalied des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum, der Prediger der Liberal Jewish Synagogue Rabbi Dr. % Mattuck-Lmrdvn kommt zu Wort. Er spricht aus Englisch, doch seine llare Aussprache und starke Gestikulation machen das Gesagte so deutlich, daß der größte Teil der Versammlung ihm zu folgen vermag und reicher Beifall am Ende seiner Ausführung ett die Zustimmung der Versammlung erkennen läßt. Seine Darlegungen werben von Professor Dr. Josua Friedländcr auszugsweise in deutscher Sprache wiedergegeben. Dr. Mattuck verwies darauf, daß das liberale Judentum sich heute nicht mehr zu entschuldigen brauche, denn es wisse und habe gezeigt, daß es gegenüber der Orthodoxie nicht als ein Judentum minderen Wertes zu betrachten sei. Die Berechtigung des liberalen Judentums ist erwiesen in Deutschland, in Amerika, in England, ja in der ganzen Welt. Das liberale Judentum will die jüdischen Menschen wieder zum Träger der jüdischen Idee machen und so die Religion stärken. Ein jüdisches Volk ohne die jüdische Religion, ohne ethischen Monotheismus ist bedeutungslos für die Menschheit. Das liberale Judentum will bei den Menschen, die sich als Juden bezeichnen, den jüdischen Glauben neu einpslanzen, will die Kraft der Religion im Leben dieser Menschen stärken. Es will nicht mehr, wie das in.seinen Anfawgsjahren erforderlich war, kämpfen gegen die Orthodoxie, sondern es will kämpfen für den Liberalismus. Die Juden von heute wollen wieder belehrt werden über das Wesen des Judentums und das liberale Judentum will diese Forderung erfüllen, will sie belehren über Gott, Wahrheit und Freiheit. Es will den Menschen wieder die Wahrheit des Bibelwortes nahebringen, das lautet: „Meine Knechte seid ihr, aber nicht Knechte von Knechten." Wird das liberale Judentum den Menschen die religiösen Werte in den Ausdrucksformen der Zeilen darstellen, so wird es das Judentum als eine Religion für alle Zeiten ereilten. Das Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Direktor Dr. h. c. Wilhelm Kleemann-Berlin entwickelt ein Programm für liberale Gemeindepolitik. Als wesentliche Grundsätze aus religiösem Gebiet führt er an: Jeder liberalen Gemeindepolitik muß die Erhaltung der Einheitsgemeinde unter Zubilligung gleichen Rechtes für alle religiösen Richtungen wesentlich sein. Es ist dahin zu streben, daß jedes jüdische Kind religiöseu Unterricht erhält. Die Gemeinde ist verpflichtet, gemeinsam mit Staat und Stadt die nötigen Einrichtungen zu treffen. Der liberale Gottesdienst muß nach Form und Inhalt so gestattet werden, daß er dem religiösen Empfinden und den geistigen Bedürfnissen der Besucher .entspricht. Insbesondere soll die deutsche Sprache als unsere Muttersprache neben der traditionellen hebräischen Gebetssprache gebührend zur Geltung kommen; ferner soll die Mitwirkung der Gemeinde im Gottesdienst durch Schaffung von Gemeindeliedern usw. in erhöhtem Maße angeftrebt werden. Durch die Einrichtung religiöser ErbauungMunden, gegebenenfalls auch an Sonntagen, muß, den erwerbstätigen Gemeindemitgliedern, die nicht in der Lage sind, am Sabbat Beilage 36. Zamrar 1636 gottesdienst teilzunehminr, die Möglichkeit gegeben werdm, ihrem religiösen Empfinden Ausdruck zu geben. Die Dauer des liberalen Gottesdienstes muß durch Ausschaltung sich wiederholender Gebete verkürzt werden. Schaffung von Gemeindehäusern, in denen Veranstaltungen ftattftnden, die zur Vertiefung jüdischen Wissens führen, ist zu erstreben, ferner Bereitstellung von Räumen für Wohlfahrts- Mid Bersammlungszwecke. Die Freiheit der religiösen Meinung urck Uebung darf Niemandem, auch nicht den religiösen Führern, beschränkt werden. Aus sozialem Gebiete ist zu fordern ein zeitgemäßer Ausbau der Wohlfahrtspflege einschließlich der Krankenpflege m Zusammenarbeit mit staatlichen und privaten sozialen Einrichtungen und Vereinigungen; Unterstützung jüdischer Organisationen aus dem Gebiete der sozialen Fürsorge, des Kampfes um Gleichberechtigung und gegen Entrechtung; Sorge für die religiöse, geistige und körperliche Pflege der Jugend und Unterstützung der Jugendvereine; Ausbau der Einrichtungen für Stellenvermittlung, Berufsberatung usw. Am Schluß seiner interessanten Ausführungen fordert der Redner auf dem GÄiete der Verwaltung Sparsamkeit und Schonung der Minderbemittelten bei der Besteuerung. Die Abschaffung sämtlicher Kasualien sei erstrebenswert. Um eine zentrale Regelung zentraler Ausgaben zu ermöglichen, sei mit dein Plan der Schaffung eines Reichsverbandes jüdischer Gemeindeorganisationen endlich ernst zu machen. Der Vorsitzende der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann-Frankfurt a. M. spricht von dem Einigenden, das alle Juden binde, welche Sprache sie auch sprechen, und an welchem Orte sie auch ihre Heimat gefunden haben mögen. Als Jakob auf seinem Sterbebette lag und ihn die Furcht überkam, ob die so verschieden sprechenden Kinder Israels in Zukunft eine Einheit werden bilden können, da riefen seine zwölf Kinder wie aus einem Munde: Sch'ma jisroel, höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig. Seit dieser Zeit ist das Sch'ma das Einigende der gesamten Judenheil geworden, das Bekenntniswort zum ethischen Monotheismus. Die Folgerung aus diesem Bekenntnis habe Hillel auf die Frage nach dem Wesen des Judentums in einem Satz mit den Worten gekennzeichnet: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu." Aber Judentum erschöpft sich nicht in den: Bekenntnis zum Sch'ma jisroel, zur Einheit Gottes, zur Ethik. Es gibt ein Moment, das Juden von der übrigen Kulturwelt trennt. Wenn am Jom Kippur-Abend das Sch'ma jisroel mit der ganzen Seele ruft, so legt es etwas in uns hinein, das alle Geschlechter Israels miteinander verbindet. Diese Verbindung mit den Generationen der Vergangenheit, das Bewußtsein dieser Verbindung mit allen Juden der Welt in der Gegenwart und der heilige Wille, diese Verbundenheit für die Zukunft aufrecht zu erhalten, ist das geheimnisvolle Etwas, das zu dem Bekenntnis des Sch'ma hinzukommen muß und soll. Jeder ein-' zelne, der sich liberaler Jude nennt, muß die Gemeinschaft aller Juden erleben und verwirklichen Helsen. Der liberale Jude muß sich bewußt werdm, daß er im Grunde der konservative Jude ist, denn er will lebenskräftig und zukunftskrästig erhalten, was das Wesen des Judentums seinen Vätern bedeutet hat. Wird wieder Gemeinschaftsgeist im Judentum unserer Zeit wirksam, dann wird der Tag kommen, da unter den Bekennern des Sch'ma Spracht» erschiedenheiten, Parteiungen und Richtungen nicht mehr trennen und aus der Weltorganisation des liberalen Judentums die Weltorganisation des gesamten Judentums werden kann. Bru-no Woyda-Berlin gibt einen Ueberblick über die wirtschaftliche Notlage im deutschen Volke und schildert, wie Arbeitslosigkeit, geringes Einkommen der Arbeitnehmer und Sorgen des Mittelstandes ein Zuschandenwerden des Glaubens, ein Zweifeln oder gar Verzweifeln an dem Sinn des Lebens zur Folge haben. Die Gestaltung des Wirtschaftslebens hat eine Welt der Pot geschaffen, in der der Frohsinn erstorben ist. Tie Religion muß wieder Beziehung zum Leben gewinnen, muß Welt und Lchen mit religiösem Geist dnrchdringen. Tie Religion habe die weltliche Aufgabe, die Kluft zwischen dem als göttlich gewollt Erkannten und dem menschlich Geschaffenen zu überbrücken. Sie muß der Omnipotenz der Wirtschaftsmächte und den oft nur einseitigen Forderungen der Schaffenden die Kraft des nach Lebensharrnonie strebenden Gottgeistes überordnen. Tie Tendenz unseres religiösen Handelns auch in diesen Fragen ivird von uns neu aus den Grundlehren des Judentums abgeleitet werden müssen. Tie Religion muß die Wirtschaftsmächtigen wieder lehren, daß jede wirtschaftliche Tätigkeit als gesellschaftliche Funktion zu betrachten ist, daß für den Wert des Handelns nicht der private Nutzen Einzelner, sondern der Gemeinnützen bestimmend sei. Die Religion muß für die Erhaltung des Persönlichkeitsgeistes in der Wirtschaft kämpfen, muß helfen, das Gefühl der ökonomischen Unfreiheit zu überwinden, muß die Auffassung wieder zur Geltung bringen, daß auch das Schassen Gottesdienst ist. Der nächste Redner Wilhelm Graetz-Berlin führt aus: Das liberale Judentum ist das Judentum der Zukunft, weil es die einzige Nlöglichkeit ist, die jüdischen Ideen organisch weiter zu entwickeln und immer in lebendiger Fühlung mit dem Leben zu bleiben, das nun einmal jetzt in anderem Tempo als bisher vorwärts schreitet. Judentum ist nicht um seiner selbst willen, nicht als ein Volk oder eine Nation unter Vielen, es ist nur um einer Idee willen geworden und nur darum existenzberechtigt. Im Augenblick erscheint mir für die Gegenwart als wichtigste Wurzel der jüdischen Ideen die aus seinem Gottesglauben entsprungene Überzeugung von der Einheit der Menschheit und alles dessen, was Menschenantlitz trägt. H i era u s quillt die Forderung an den Einzelnen und an die Gesamtheit nach verstehender Brüderlichkeit, Frieden, Versöhnung, Völkerbund, Selbstbeftimmungsrecht, soziale Form; die sittlich e Forderung der Ethik, die für alle und allen gegenüber gilt und die tätige Liebe. Auch diese Ideen sind an' die. Menschen, die von ihnen durchdrungen sind, gebunden, die sich zu ihrer Erhaltung berufen fühlen. Aus

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