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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-01-30 · 5 (30.1.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
5 (30.1.1930)
Date
1930-01-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Hurtg sich auf die historische Rolle des Liberalismus besrnttt Dld sich wieder einmal der Unzufriedenen annimmt. Man M doch nicht übersehen, daß die Grenze zwischen Orthodoxie und Liberalismus sich längst verschoben hat. Wenn auch der Ideologie nach die Gegensätze von einst fortbestehen, so ist doch für die Praxis auch die liberale Gemeinde längst orthodox geworden, orthodox nicht im Wortsinn als „rechtgläubig", sondern übertragen als „rückständig", „überaltert", „überlebt". Man har die Orgel und die deutsche Predigt, ja— aber man streitet sich um das Kurz oder Langtragen des Tallis. um rituelle Anstaltsführung, und das in einer Zeit, die ganz andere Sorgen hat und die die Religionen zur Lösung ihrer politischen und sozialen Nöte heranzichen will. Tie vielgeschmähten „Jirdifferenten", in allen kulturellen Organisationen arbeiten sie mit, helfen dort den Geist des Judentums, den Geist Jesajas, Amos und Jeremias realisieren, und nur unsre Gemeinden, unser konkret vorhan denes „Judentum" läßt sie ohne Wirkensmöglichkert! Und nun unsere kommende Breslauer Hauptversamm lung, — „das Judentum als Weltreligion" ist ihr Thema. Tie Tagung wird klarzulegen haben, daß wir eine Weltreligion nur haben. wenn unsere Religion sür die Welt ist! und ihr wirklich zu sagen, zu geben hat. Tas hat vor zweij tauserrd Jahren bereits Paulus gewußt, als er das „Gesetz"! aufhob, aber er hat mit ihm auch die Idee aufgehoben und ' verfälscht. Bon der Idee, vom Geist des Judentums geben! wir nicht nur nichts preis, sondern sie zu bewahreil, zu ver! breiten und zu verwirklichen ist überhaupt der Sinn unseres; Judeseins und unsrer jüdischen Arbeit. Aber wir sind nicht,! wie eine sentimentale Redensart lautet, der Meinung, daß! die Tradition das Judentum erhalte (so daß wir nur die! Tradition zu - erhaltet! hätten, damit diese das Judentum! erhalte!), sondern wir meinen, daß es zu allen Zeiten das Judentum gewesen ist, welches immer neue formen, neue „Traditionen" aus sich hervorgebracht hat: und nun erwächst unserer Generation die Pflicht, für die neu angebrochene! Zeit die neue Form zu finden. Tas Judentum Weltreli gion? Nur wenn es Religion für die Welt ist: es dazu zu gestalteil -- irud wenn nicht in den Einheitsgemeinden, oann gegen sie das ist unsere vornehmste Aufgabe. Lebensnahe des Judentums muß geschaffeli werden, uiid es besteht Aussicht, daß die alles umstürzende Reform, die diese Aufgabe in sich schließt, mehr Hände und Herzen finden wird, als allgemein geglaubt wird. Tie Zahl der Unzufriedenen, der von dem Status quo Unbefriedigten ist wiärer einmal sehr groß geworden, und wer in Teutschland umherreist, erlauscht viel. Tie Einheitsgemcindcn und der Einheitsliberalismns müssen sich klar darüber sein, daß ohue sie gemacht werden wird, was llicht mit und in ihnen gemacht werden kann. Und wenn Seligmann 1913, zur Orthodoxie gewendet, schrieb: „Wie Amerika uns um fünfzig bis hundert Jahre voraus ist, so sind wir fünfzig bis hindert Jahre der deutschen Orthodoxie voraus", — so wögen er und die ganze liberale Führergeneration von heute sich denen nicht verschließen, die nicht die Absicht haben, fünfzig bis hundert Jahre hinter Amerika zurück zu sein! Tenn: Gewinnung der Indifferenten, wahrer Liberalismus in den Einheitsgemeinden oder außerhalb vor: ihnen, Judentum als Welt-Religion, d. h. als Religion für Welt und Wirklichkeit, das sind die Meilensteine, die wir zu passieren haben, bevor uns das Ziel: Judentum als Weltreligion, d. h. die Werbung und Durchsetzung des Judentums unter den nichtjüdischen Völkern der Welt, auch nur von weitem sichtbar werden kann. * * » Ueberblickt man die hier aufgezeigte Entwicklung, so wird man hoffnungsfreudig die zweite geschichtliche Aktionsperiode des neuzeitlichen Liberalismus erwarten. Mitte des vorigen Jahrhunderts geschah es zum ersten Mal, daß die Unzufriedenen sich der Gemeinden bemächtigten. Tie damaligen Forderung^ such bis weit in die Kreise der sogenannten Gemeindcorthodoxie hinein seit langem erfüllt; und wir stehen nun vor einem neuen Sturm der Unzufriedenen. Ganz gewiß, so wird es kommen. Aber diese Unzufriedenen dürfen, wenn wir uns nach Führern umsehen, nicht verwechselt werden mit den ihnen sehr ähnlich sehenden Mißvergnügten. Wir sind unzufrieden mit den Gemeinden, weil sie mehr und mehr in orthodoxes und zionistisches Fahrwasser geraten. Ter Zionismus als der innerjüdisch und anßerjüdisch aktivere, gefährlichere Gegner beschäftigte uns bisher am meisten. So mußten wir in einem Beschluß ideologisch niederlegen, daß für uns der Gott des Judentums nicht Schutzheiliger von Palästina, nicht jüdischer Stammesgott ist, daß unser religiöser Universalismus die Negation des Nationaljudentums in sich schließt; und später haben wir in weiteren Beschlüssen die realpolitische Erkenntnis ausgesprochen, daß Palästina in jüdischer Wirtschaftspolitik keine Sonderstellung einnehmen kann und die Juden in allen ihren Heimatländern um ihr Heimatrocht zu tämpfen haben. So kamen wir zweimal aus jüdischen Gründen zur strikten Ablehnung des Zionismus, so ist unsere Bereinigung das letzte starte Bollwerk gegen alle prozionistischen Bestrebungen. Taran darf nichts geändert werden, aber es darf damit auch nicht sein Bewendet! haben. Tenn das ist gewiß: A n t i z i v n i s - m us allein i st kein j ü d i sch es P r o g r a m m, am wenigsten der ideenlose A n t i z i o n i s m u s aus bloßem Asfett. Wen mit dem Judentum lediglich ein anti zionistischer Affekt verbindet, der ist Nationaljnde mit umgekehrtem Vorzeichen, der ist religiös uninteressiert und wird nie imstande sein, fruchtbare Arbeit im Tienste des religiösliberalen Judentums zu leisten. Und auch über unser eigenes Slindenmaß müssen wir uns klar sein: wir ließen in Ge Ter Z-üU Hal-maun ist eo» vielen Leiten als ei» Produkt antiicmitischer Woiid]tC'lHmcil önri]cfti'üt worden. Wir fwUm eine derartige Aussassirng sür verseht!. Nicht nur, iveit dem Problem der 0>?rechtigteit dadurch nicht gedient ivird, sonder» in dem besonderen Hynll auch, weil sowohl stuöen ivie Nichtjirde» sich sür die Freiheit Hatsmanns in Wort und Lehr,st mit Entschiedenheit ei» gesetzt habe». Ter nachstehende Artikel beleuchtet diese g-emeinsanien >kümpse sür die Nchabilitierung ldulsinauns im Tienste der Gerechtigkei! und gibt gegenüber den vielfach einseitigen Darsteltnnjien in südischen Blättern eine unvoreingenommene Betrachtung. Man heißt nicht ungestraft Mardochai. Weder in Innsbruck, noch in Wien, noch wahrscheinlich an vielen anderen Stätten und in vielen anderen Städten unseres Erdballs. Tiefer Erdball, der da vermeint, es tu der Kultur so herrlich weit gebracht zu haben und der doch nur allzit häufig Zivilisation mit Kultur verwechselt. Man heißt nicht ungestraft Mardochai. Tas ist der eigentliche Wesenskern des am 23. Januar zu Wien vom Obersten Gerichtshof, also der höchsten Instanz der österreichischen Justizhierarchie gefällten Urteils, d. h. der Verwerfung der Nichtigkeitsbeschwerde im Mordprozeß Halsmann. Wenn man schon das „Unglück" hat, mit Vornametr Mar dochai zu heißen und aus dem Nordosten Europas zu stammen, so genügt es keineswegs, daß der Tourist Halsmann senior, identisch mit besagtem Mardochai, auf verstecktem Bergpfade von noch unbekannter Hand ermordet utrd beraubt wird. Oh nein, der Name Mardochai wirkt sich aus imd es wird naturnotwendig der schon viel „westlicher" geartete Halsmann junior, ein einundzwanzigjähriger Jüngling, namens Philipp, zum Vatermörder gestempelt. So will es die Logik einer von Großdeutfchen und Klerikalen, von deutschen Hakenkreuzlern und österreichischen .HeimWehrhelden verhetzte Demagogie, deren Einfluß Bevölkerung und Gerichtsbarkeit („Gerichtsbarkeit" wär's möglich denn? Nun, nun, man hat Exempel von Beispielen) scheinbar hernmungslos unterliegen. Zwar: der junge Halsmann zeigt keinerlei Spuren eines echten, ahasvenschen Parricida, wie Schiller ihn zeichnete. Nicht nur, daß die ihm zur Last gelegte Tat jeglichen Motives entbehrt; fährt er auch nicht „schaudernd vor sich selbst zurück" und fleht auch nicht „O wenn Ihr Mitleid fühlt mW Menschlichkeit". Jtn Gegenteil: er bcharrt aus seiner tlnschuld und gibt eine stereoskopische Darstellung des tragischen Vorganges, die alsbald von allen - Richtern, Zeugen, Sachverständigen - als unmöglich zutreffend erkannt wird, den Verdächtigen der Lüge überführt und ihm meiitbeu und Organisationen nicht nur die Zionisten, wir ließen auch die Nichts-als-Antizionistett zu stark werden; und wenn uns nun in Breslau das Wort von der Weltzreligion erklingt, so liegt der Ton nicht nur auf dem Worte Welt, zurückweisend alle die, die das Judentum zu einer Stammessache bagatellisieren; sondern er liegt vornehmlich auch auf dem Worte Religion, aufrufend diejenigen, die — gleich fern von lebensabgewandter Orthodoxie und einengendem Nationalismus — zu religiös-jüdischer Zukunftsgestaltrutg entschlossen sind uub die. da sie die Entwicklung' nicht nur für die Vergangenheit bejahen, auch nicht zurückbeben vor dem Gedanken, daß es eine konkrete Form des Judentums gchen kann, die sich von der heutigen so weit unterscheidet wie die heutige vorn alten Opferjndentum. Religiöser Gestaltungswille allein dient der Erhaltung dessen, was unvergänglich und auch unwandelbar ist am'Judentum: seiner Gotteslehre und, wenn man so sagen darf, seiner Forderung nach Gott-Verwirklichung in der Welt. Mag unsre Tagung in Breslau abermals ein Meilenstein sein auf dem Wege dorthin! (Tos genaue Programm der Hauptversammlung wird in der dicswöchigen Nummer auf der 4. Seite der Beilage veröffentlicht. ) Wittne i\ bei den Hütern des Gesetzes ungemein schadet. Ein ertappter Lügner il n'y a qu'un paS kann, nein, muß wohl auch ein Verbrecher, des gräßlichsten Frevels, des Batermordcs fähig sein. So wollte es hinwieder die unzweifelhafte, unantastbare Logik der Innsbrucker Richter urtd Geschworenen. Ter junge Halsmann aber verbohrte sich immer hartnäckiger und halsstarriger in seine falsche Darstellung, forderte Recht mrd Gerechtigkeit und gefährdete die Position der Verteidigung durch die notorische Unwahrheit eben dieser Tarstellung außerordentlich. Da trat die Medizin auf den Plan. Psychiater und Psychoanalytiker von internationalem Ruf boten sich an zur Beweisführitng dafür, daß das Lügengewebe des jungen Halsmann kein Indiz für jeine etwaige Schuld zu sein brauche, sondern im Gegenteil, daß es eher auf seüte Unschuld Hinweise, da es eine nach dem erhaltenen Schock über den jählings erfolgten Tod seines Vaters eingetretene. Gedächtnisstörung bedeuten körnte (wie matt sie bei unzähligen Verschüttetgeweseneit im Weltkriege beobachtet hat). Von dieser totalen „Amnäsie" befangen, wie der Fachausdrnck lautet, vermochte sich der junge Halsmann nur in eine Konstruktion des ihm mysteriösen Geschehnisses zu retten, eine Fabel, an der er umso zäher fefthielk, je weniger ihm sein eigenes Gedächtnis zu .Hilfe zu kommert vermochte. Ter übernervöse, vermutlich auch etwas neuropathisch veranlagte Jüngling reagierte mit außerordentlicher Sensibilität auf jedes schreckhafte, etwa mit Blut oder Grauen verbundene Erlebnis. Dafür lieferte ein Brief aus längst vergangener Zeit Zeugnis, wo Philipp Halsmann unfreiwillig einem Straßenunfall mit tödlichem Ausgang etlicher ihm ganz fremder Personen hatte beiwohnett müssen. Tiefe Begebenheit hatte in ihm physische Reaktioneit ungewöhnlicher Art erregt, und er selbst hatte feinen Eltern schriftlich noch mit vibrierendem Entsetzett über dieses Ereignis berichtet. Ein Fingerzeig dafür, daß er sich auch nicht zu überwinden vermochte, etwa die Leiche des ermordeten Vaters zu besichtigen. Es bedurfte gar nicht einmal besonderer psychoanalytischer Finessen, um dieses seelische Trauma des jungen Menschen auch mit psychoanalytisch ungeschultem Blick zu erkennen und richtig zu deuten. Trotzdem verneinten die Hochschullehrer der medizinischen Fakultät Innsbruck in ihren Gutachten alle diese Forschnngserkenntnisse uttd lehnten jede Hcrabminderung des ans Philipp Halsmann ruhenden Verdachtes mit brüsker Schroffheit ab. Tie freie Wissenschaft beugte sich der politischen Gebmtdenheit der Situation. Tie „Völkischen Belange" erhielten die Oberhand. Tie Straße .- in Italien sagt man die „Piazza" - siegte und Philipp Halsmann erhielt vor dem Innsbrucker Schwurgericht vier Jahre Ge- Nm heißt nicht ungefirast Mardochai Zum Halsmann-llrteil Von Toris Neueinstudierung von Schnitzlers Professor Bernhardt im Theater in der Königgrätzer Straße zu Berlin am 23. Januar 1930. lieber diese, ausgezeichnete Neu-Ausiührung eines ausgezeichneten Werkes, das der jüdische Dichter Schnitzler vor mehr als 20 Jahren, längst vor der Kriegszeitwende, schrieb,! läßt sich nach verschiedenen Richtungen hin heute wieder! Bemerkenswertes sagen. Jüdisches Leid und jüdisches Schick-! sal haben in Schnitzlet von jeher einen eindringlichen und zu Herzen gehenden Künder gefunden. In den ersten Jahrzehnten seines Schadens klagte er oft in seiner leisen, weichen, unau,dringlichen Art über die Wunden, die ihm der törichte Antisenntismus und das politische Wirrsal in Oesterreich geschlagen hatten. Ter erste große Roman Schnitzlers, „Der Weg ins Freie" (1905), ist erfüllt von Trauer über den Judenhaß und die Ungerechtigkeit in seiner Heimat, ist schwer von Selbltdurchlittenem und Selbsterlebte,n. Tie ganze Tragik, aufreizende Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit der österreichischen Psyche iift hier von jemandem geschildert, der schmerzlicher und hoffnungsloser an alledem gelitten hat, als die meisten Andern, weil er dort am schwersten verletzt wurde, wo er am meiüeit liebte. „Ter Weg ins Freie" ist eine einzige schwermütige, mit Herzblut geschriebene Paraphrase über die Judenfrage, vor allem in Oestierreich. Aber das Entscheidende: sie ist ganz im Dichterischen gelöst, ins Allgemein-Gültige, Poettsche emporgehoben. Wie haben sich — nebenbei bemerkt -- erst tn unseren Jahren die in diesem Buche gemachten Prophezeiungen erfüllt! Ten „Professor Bernhardi" hat Schnitzler auf der Höhe seines Lebens geschrieben. Es ist vielleicht sein reifstes, männlichstes, innerlich freiestes Werk. Der im deutschen Handbuch der Literaturwissenschaft als „melancholischer Erotiker" ckbgestempelte Autor hat hier ganz auf „Erotik" verzichtet. Frauen kommen in dieser Komödie — eine kleine Epifodenszene abgerechnet — Überhaupt nicht vor! Nur Vertreter ihres Berufs, gute und schlechte. Ja, die paar guten machen es säst ztt einem Hohelied des Berufs! Und nach einer Richtung hin, nicht in keinem tiefsten Grund. il das Stück eilte Art Apologie jüdftck'-'n Wesens, also ein T e n d enzsttt ck. Aber eins der ganz wenigen der neueren Literatur, bei denen die Tendenz wie derum völlig im Dichterischen aufgelöst, ins Typische erweitert, erhöht und nur zur Folie stärkster Gestaltungskraft geworden ist. Wieviel tieue Stücke, wieviel Anklage-Tramen und ireue dramatische Themata vott 'Allerlei „Neutönern", größeren und kleineren Könnern sind vor allem in der Nachkriegszeit über die deutschen Bühnen gegangen! Mit welch hochmütigem Naserümpfen sprechen viele von den Jüngstest über die ältere Generation, zu der Schnitzler gehört. Und doch, die gesamte Moderne hat nur wenig dramatische Kunst-- werke hervorgebracht, die sich mit „Prozessor Bernhardt" in Bezug aus Reichtum alt menschlichen Gestalten, Vielfältigkeit und Buntheit der Charakterisierungsknnst, an dramatischem Anchau und an Totalität, sowie Tiefe der Weltbetrachtung messen können. Tie leise verschwimmende Elegie, die allen früheren Dichtungen Schnitzlers anhastet, ist hier sack ganz! vermiedeit, es handelt sich in diesem Aerztestück um die Männerjragen der Lebensarbeit, der Bernfsausübung, der Pflichterfüllung. Und im traurigen Gegensatz hierzu verketten sich diesen Idealen die Niederungen kleinlicher Partei- Politik, eitlen Strebertums, antisemitischer Rassenhetze und bösartiger Jntriguen. ... Es gibt eine kosmische Allmacht die nennen wir — Gott; es gibt aber auch eine irdische Allmacht, die heißt — Gemeinheit! Der „Professor Bernhardi" ist fast die klastische Tragikomödie menschlicher, im Soziologischen sich entwickelnder mrd ausbretender Gemeinheit. Dabei ist die gesamte Diktion des Stückes bet all seiner Klugheit unendlich bescheiden, unaufdringl'ch, klar und doch, wiederum schnitzlerisch-weichi. Als das Stück 1913 in Berlin zum ersten Mal aufgeführt wurde, erregte es außerordentliches Aufsehen. Mnige behaupteten, daß es ein leidenschaftliches Bekenntnis Schnitzlers zum Judentum sei, anders daß es Angriffe gegen heilige Institutionen der Kirche, die Aerzteschaft, die Staatsordnung enthalte. Heute nach zwanzig Jahren, da die Regierungsformen und äußeren Verhältnisse gewechselt habe», sehe» »vir bei aller historischen Bedingtheit den dauernden Wert des 'Stückes, seine sich gleichbleibende Aktualität, erkennen tvir, daß der Einzelsall hier ins Allgemein Menschliche und Tichterisch-jmmer-Gült'ge erhoben ist. Ueber die jetzt wieder so brennende Aktualität des Werkes lassen ftd} bittere Betrachtungen nicht unterdrücken. Damals gab cs noch jüdische Ordinarien und Leiter staatlicher Kratlkclrhänser, heute nicht. Damals randalierten noch rrichl verhetzte Studenten sür einen Numerus clausus gegen die Inden: und heute -? Zahlreiche Prozesse der letzten Jahre in Oesterreicks haben gezeigt, wie schmerzlich gegenwärtig Schnitzlers damalige Antlagcu heute noch sind! Und trotzdem, menschliche und poetische Gerechtigkeit ist gerade eine der größten Vorzüge dieses Kunstwerks und auch detr Judeir werden recht unangenehme Wahrheiten gesagt. Jüdische Fehler und jüdische Entartung werden mit verstehender Wehmut, aber mit aller Entschiedetrheit gebrandmarkt. Der assimilationswütigc, getaufte Jude, der würdelose, der kriecherische, der undankbare, der gedankenlose — sie alle erscheinet: irr wohlgelungenen Konterfeis auf der Bühne. Ter Inhalt der Komödie ist bekannt. Im Krankenhaufe des jüdischen Professors Bernhardi liegt ein rettungslos verlorenes, an einenr verbotenen Eingriff sterbendes Mädchen, das kurz vor ihrem Tode in einen seligen Zustand von Euphorie gerät und von Gesundung und neuem Glück träumt. Ter gütige Arzt, dessen Pflicht es ist, seinen Patienten das Sterben so leicht und schmerzlos wie möglich zu machen, und der weiß, daß der die Sterbesakramente bringende Pfarrer die Aermste in Verzweiflung iMrjen würde, verwehrt dem Geistlichen den Zutritt zu der schon ins Jenfeüs Hrnüberdämmernden. Tas wird nun gegen den überragenden Menschen und Juderr ausgenützt; zuerst geht es gegen „den Inden an sich", dann ebenso gegen den wegen seines sachlichen Gerechtigkeitssinnes vechatzten Direktor der Klin'k. Und nun beginnt die Hetze. Bernhardi wird von der Leitung des von ihm begründeten Krankenhauses entfernt und in einem Verfahren wegen ReligionMrung wird er dann zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Als er aber aus der Hast entlassen wird, zeigt uns Schnitzler in ihm erst den wirklchen

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