Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 5 (30.1.1930)
- Date
- 1930-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchÜberaleZeltung Organ -er Vereinigung für das liberale Iu-enium e. D. lUliprili d«rch M« Geschüst»fir«e '/.jührkch M. 2^9 Mazelnnmwer 0L9. Del freier Aasend««, l Inland OJS 4P» di« Mlgkeder der Vereinig««, ist der Vez«,«prei» i« Mtglledrbeitrage enthalten, »arantwertl. Redaktenrr Vra»a A«,da. vU »Jüdisch-liberale Zeitungerscheint seden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SM 11, -allesche Ltr. 1 Jernruf: v«eg««»» 3368, 3369 Postscheckkonto: Berka 7tW 7. 137 099 (Vereinigung für da» liberal« Judentum) Tlachdrack sämtlicher Origiaal-Bei trüge «ar «U Vorheriger Genehmig««, dar Redakkcm gestattet. Viederholaage« Rabatt. »n,«i,e« ann ah« IvseraienabteHungr B« (Bergman«: 33SS-5S). sowie sämü. t ^»disübentte ZaUaa," &$ iU -allesche ttratze l i Nr. 5 Berlin. 30. Zanuar 1930 10. Jahrgang Zur Vresllmer öaWkverjammlung Meilensteine Bon George Goetz. Als unsere letzte Hauptversammlung Oktober 1927 in Frankfurt a. Ai. beendet war, hieß es von ihr in diesen Blattern, sie sei mehr gewesen als eine nur durch die Satzung gebotene Zusammenkunft, mehr als eine bloße Pe radeversammlung preisend mit viel schönen Reden..sie sei ein weithin sichtbarer Meilenstein aus dem Wege zur Lösung drängender Fragen gewesen. Tas könnte man mit Fug von allen unseren Tagungen der letzten Jahre sagen, denn genau so, wie ihre Hauptthemen zeitlich aufeinander folgten, genau so ist auch die rein logische und die realpolitische Aufeinanderfolge der zu lösenden Probleme. „Wie gewinnen wir die Indifferenten zurück?" war das Thema der Berliner .Hauptversammlung vom Jahre 1924. Jirdem wir uns dieses Thema stellten, zeigten wir, daß wir uns der historischen Aufgabe des Liberalismus bewußt waren, welche darin besteht, alle diejenigen zu sammeln, die mit den bestehenden Formen des Judentums unzufrieden sind und die aus dem Judentum hinausströmeu würden, wenn nicht der Liberalismus wäre, der ihnen durch Schaffung neuer Formen das Verbleiben im Judentum ermöglichte. Daß solcherart der Liberalismus das Auffangnetz für alle Hinausstrebenden, die Schutzvorrichtung gegen den als Reaktion auf die Orthodoxie erfolgenden Abfall gewesen ist, daran hat mit ergreifenden Worten Seligmann in seiner vorjährigen Predigt zur Jüdisch-liberalen Weltkonferenz wieder erinnert; und daß es schon immer so gewesen ist, nickst erst seit hundert Jahren, sondern daß die Reform im Judentiun so alt ist wie das Judentum selbst und auch stets den. gleichen Sinn gehabt hat, Präventivmittel gegen den Abfall aus Unzufriedenheit mit dem Bestehenden zu sein, das hat 'Norden in seiner Schrift über das liberale Judentum nachgewiesen. Orthodoxie — Jndifferentismus unb Abfall als Reaktion auf die Orthodoxie — Reform als Heilmittel gegen die von der Orthodoxie angerichtete Verheerung: die Reihenfolge ist stets dieselbe: und die Hauptaufgabe des Liberalismus ist also, Zufluchtsort der Unzufriedenen, besser: der Unbefriedigten zu sein. Es genügt aber keineswegs, diese historische und logische Betrachtung nur dann anzustcllen, wenn es sich um die Rechtfertigung bereits durchgeführter, also vorhandener Reformen handelt. Was unsere Urgroßväter und Großväter in den Jahren 1817 bis 1866 schufen, hat ganz gewiß dmnals dem Abfall Einhalt getan, — aber tut es das heute noch? Fiirdet in unfern neuzeitlichen Groß- und Mittelgemeinden, die fast alle Schöpfungen der eüengenannleu Epoche sind, findet in ihnen der moderne Jude von 1930 seine Befriedigung? Man glaube nicht, daß die Austrittslisten hieraus die Antwort geben, sie sind erstaunlich kurz; aber die nicht vorhandene Liste der Indifferenten gibt uns Antwort und sagt: „Eure Gemeinden gehen uns nichts an; was ihr da tut und treibt, interessiert uns nicht." Es ist billig, auf diese Indifferenten zu schelten, — man sollte lieber fragen, ob die. Schuld an ihrem Jndifferentismus nicht vielleicht bei uns liegt. Und wer sind diese Indifferenten? Tie Kultivierten, die Proletarier und Angestellten, und die Jugeiw — also die drei Schichten, die das Leben und seine Probleme am besten kennen, am intensivsten damit in Berührung kommen und anr entschlossensten in jeder idealen Kulturbewegung Mitarbeiten; aber unserm jüdischen Gemeindeleben bleiben sie fern. Tas spricht wahrlich nicht gegen sie; das spricht gegen uns. _ Es war also folgerichtig, daß ans der Frankfurter .Hauptversammlung im Oktober 1927 zum ersten Male offiziell die Frage angeschnitten wurde, ob es im Rahmen der Einheitsgemeinde möglich fein wird, die berechtigten Wünsche der Unzufriedenen zu erfüllen. Tenn berechtigt sind die Wünsche; das ist u. a. dadurch demonstrativ anerkannt worden, daß man sie sich in Form von Resolutionen zu eigen machte. An eine von ihnen sei hier erinnert: „Ter jüdische Gottesdienst muß in Form und Inhalt so gestaltet werden, daß er mit dem religiösen Empfinden und den geistigen Bedürfnissen der deutschen Juden, insbesondere der Jugend, in Einklang gebracht wird. Ter Vorstand wird beauftragt, für diese dringlichste Aufgabe der Vereinigung für das liberale Judentum alle Kräfte einzusetzen." Zur Durchführung dieses Beschlusses konnte bisher nichts unternommen werden, weil man zunächst das Liberale Einheitsgebetbuch abwarten mußte, welches der Liberale Kultusausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden schaffen sollte und nun geschaffen hat. Tie Aufgabe, die dieses Werk zu erfüllen hatte, ist vor der Frankfurter Tagung vom Vorsitzenden unserer Bereinigung an dieser Stelle klar formuliert worden: „Ich habe an diesem Jom Kippur, an dem ich von morgens bis abends die Synagoge nicht verlassen habe, an mir selbst erfahren, daß es einfach unmöglichist, mit Inbrunst und Ueberzeugung ein Gebet an einem Tage in derselben Form vier bis sechs Mal unb darüber hinaus zu sprechen und zu fühlen. Können wir den Gottesdienst nicht zum Gottesdienst der Gottsuchenden umgestalten, sondern bleibt er für viele ein Erlebnis anderer, dem sie nur bciwohnen, so ist das wichtigste und größte Gemeinschastserlebcn der Juden für sie nicht gelebt." Ter Landesverband, dessen liberaler KultusauLschuß uns das nunmehr vorliegende Einheitszebetbuch beschert hat, ist zur Zeit die repräsentativste Stelle unserer Einheitsgemeinden; und wenn er bisher nichts tun konnte, um die in obigen Zitaten enthaltene selbstverständliche Forderung zu erfüllen, so wird die aus der Frankfurter Tagung angeschnittene Frage nach der Existenzberechtigung der Einheit^ gemeinden nur immer dringlicher. Tas zeigt sich auch auf andern Gebieten als nur auf dem des Gottesdienstes. In meinem Frankfurter Geschäftsbericht z. B. durste ich die Schaffung eines Reichsvcrbandes als die vornehmste gemeindepolitische Aufgabe der Liberalen bezeichnen, und doch ist inzwischen der R eichsverband am Widerstand gerade der Liberaten gescheitert. Warum? Weil der vorgelegte Entwurf dem Liberalismus unserer Großväter, nicht aber dem unserer Kinder entspricht und alle dahingehenden Entwicklungsmöglichkeiten abschneidet. „Tie Form ist Sache des Einzelnen", hat Tienemann auf der Weltkonscrenz als unveräußerliches Postulat des Liberalismus hingesteltt, woraus folgt, daß die Einheitsgeiueinde oder der Einheitsverband jeder namhaften Gruppe Platz einräumen muß, nicht nur der Orthodoxie und dem Status-quo-Liberalismus, die beide ein schon Vorhandenes vertreten, sondern auch einer Gruppe, die gänzlich Neues will, sofern sie es nur aus jüdischem Geiste, will. Tie oben zitierte Resolution will zweifellos nicht den schon vorhandenen Gottesdienst des Einheitsgebeibuches, sondern einen gänzlich neuen, etwas, was im engeren Sinne des Wortes vielleicht gar kein Gottesdienst mehr ist: und diejenigen, die den Reichsvcrband ablehnten, wollen, was unsere Väter nicht wollten, endlich Ernst damit machen, daß „jüdische" Lebensführung nicht gleichbedeutend sein muß mit „ritueller" Lebensführung, wollen diesen Grundsatz nicht nur theoretisch aufstellen, sondern an den Gemcindeanstalten zur Tat werden lassen. Unsere Urgroßväter und Großväter haben viel erreicht, sie haben die heutigen Gemeinden geschaffen; „Willkommen So ruft mit herzlicher Freude das liberale Judentum der Breslauer Synagogengemeiude den Delegierten der Vereinigung für das liberale Judentum entgegen. Tie Breslauer Liberalen erkennen cs dankbar als Vorzug an, daß Schlesiens Hauptstadt diesmal zum Tagungsort für die Telegiertcnversammlung auscrseheu wurde. Ter Osten im allgemeinen und Breslau im besonderen glaubten, nach langen Jahren wieder einmal ein Anrecht daraus zu haben. Es ist. nicht so alter Boden des Judentums wie Süd und Westdeutschland, aus dem wir unsere Gäste begrüßen können; Siedelungen von Bekennern des jüdischen Glaubens aus schlesischer Erde sind historisch erst vom 12. Jahrhundert au erwiesen. Aber Leiden um des Glaubens willen sind auch auf diesem Boden voll Juden erduldet worden: Juden mußtcn auch in Breslau auf dem Salzmarkt (dem jetzigen Blücherplal,) den Scheiterhaufen besteigen und mit dem Märtyrertod die Treue zu dem Beienntnis ihrer Väter besiegeln. Doch auch Erinnerungen anderer Art werden in Breslau wach, werden lebendig für alle deutschen Juden, vor allem für liberale Juden. Abraham Geiger hat hier ein Vierteljahrhundert gelebt, gewirkt und — gekämpft, schwer gekämpft. In Breslau, von Breslau aus hat er den Streit führen müssen jür düs, was heute liberales Judentum heißt, für systematisches Weiterentwickeln jüdischer Knltjormeir und für die Berechtigung ihrer Veränderung, wenn alte Hüllen durch Zeit und Gewohnheit versteinert, den inneren Kern nicht mehr zur Geltung und zum Bewußtsein kommen ließen. Aber nicht nur für liberales Judentum ist Breslau durch Abraham Geigers Wirken zu klassischem Boden geworden; auch für die Neuorthodoxie, also (bei der geringen Anzahl der Altorthodoxen in Deutschland darf man wohl so sagen) für das gesamte deutsche Judentum. Die protestantische Reformation hat die abendländische Christenheit in zwei getrennte Lager geteilt, doch die Kultformen und das System des Katholizismus hat sie nicht zu verändern vermocht. Tie jüdische Rezormbewegung hat auch die Orthodoxie zu ihrem allergrößten Teile umgchaltet. Nur dadurch konnte die Gnheitsgemeinde im deutschen Judentum bestehen bleiben. Dem Gesang der „W i ttenbe r g i s ch e n Nachtigal l" (wie Martin L u t h e r von einem zeitgenössischen Dichter genannt wurde) 'bat der Katholizismus ''ein Ohr fest verschlossen. (Ob mit Recht oder Unrecht heben die Generation unserer Väter erlebte eine Zeit des Stillstandes, und es ist mittlerweile üblich geworden, daß die Theologen und die Laien sich wechselseilig die Schuld an dieser Stagnation zuschoben: „Ihr seid nicht vorgegangen! - Ihr seid nicht gefolgt." Unfruchtbare Tislussion über die Schuldsrage, wir kennen dich aus der Politik! Wie aber, wenn nun wir Jungen kommen und sagen, die ältere Generation, gleich, ob Laien oder Theologen — ist nicht wcitergegangen, wir aber — ebenfalls gleich, ob Theologen oder Laien — werden weitergeheu, und die Weltkonferenz des liberalen Judentums 1928 hat uns gezeigt, daß wir weitergehen können! Tie Jüdisch-liberale Weltkonferenz 1928 in Berlin — ein antiliberaler Schreiber hat vor einigen Monaten von ihr sagen zu müssen geglaubt, sie hätte heillose Verwirrung in die Reihen des deutschen Liberalismus gebracht. In Wirklichkeit hat kein Ereignis der letzten Jahrzehnte den Liberalismus so gefördert wie diese Weltkonferenz. Allerdillgs nicht in theoretischer Hinsicht; es sei unumwunden zugegeben, daß für die Ideologie nichts Neues zutage gefördert worden ist. Wohl aber ist ein gewaltiger Anstoß .für das liberale Judeittum in Teutschland dadurch gegeben worden, daß wir die Liberalen Englands und Amerikas, die wir bis dahin nur aus Presse und Literatur kannten, nun leibhaftig bei uns sahen. Wir besannen uns, daß Teutschland zwischen dem Osten, d. i. den Ländern jüdischer Tradition, und dem Westen, d. i. den Ländern der Traditionslosigkeit und radikalen Reform, in der Mitte liegt; und daß entsprechend dieser Zwischenstellung sich die Doppelausgabe des liberalen Judentums in Teutschland ergibt. Die eine Seite, unserer Aufgabe haben wir stets erkannt; sie besteht darin, die Tradition wieder fruchtbar zu machen für diejenigen, die mit ihr noch Zusammenhang haben (Seligmanns Hagadah, Falkenbergs liberale Gottesdienste u. ä.); aus die andere Seite besannen wir uns nun, daß wir nämlich Möglichkeiten schaffen müssen für die sehr, ichr vielen, die aus keine Weise zur Tradition zurückzubringeu sind, die z. B. mit ihren gottesdienstlichen Wünschen weit über die Jüdische Reform gemeinde hinausgehen und doch bewußt, nach ihrem Gottesglauben und nach der Ethik ihrer Lebensgestaltung, Juden sind. Sie sind Juden, und ihre Zahl reicht aus, um den Anspruch zu erheben, daß die Einheitsgemeinden und Einheitsverbände ihnen gerecht werden. Bleibt es aber dabei, daß die Einheitsgemeinden und -verbände ihre Wünsche als „unjüdisch" abtuu, so ist es Zeit, daß die Liberale Vereiniin breslau!" wir nicht zu erörtern und noch viel weniger zu entscheiden.) Ten Tönen und Klängen des „Breslauer Geiger" konnte und durfte sich, das gesamte Judentum nicht verschließen, wenn es nicht seinen Bestund ernAich gefährden wollte. Das ist ein ewiger Rühm für das deutsche Judentum; seine Reformbewegung hat die Erhaltung von zehntauscndcn deutschen Juden sür die Religion der Väter bewirkt, hat (was noch viel mehr bedeutet) hunderttauscnde aus Glauben und Heimat entwurzelter Ostjuden wieder und weiter an das Judentum gefesselt. Hunderttausende, die sonst im Schmelztiegel der neuen Welt zu christlichen Sekten übergegangen wären. — Die jüdische Reformbewegung ging aus der Masse hervor, wurde von Laien ins Leben gerufen; aber, daß ein Abraham Geiger so für sie eingetreten. ihr ein religionswissenschaftliches Rückgrat gegeben, können wir der Vorsehung nicht genug danken. — Zeigt sich nun auch noch in der Jetztzeit der liberale Teil der Breslauer Gemeinde, würdig des Mannes, dec von ihrer Kanzel herab gewirkt und gekämpft hat? Man darf diese Frage wohl bejahen. Breslau ist die einzige Großgemeinde, in der es noch eine liberale Majorität gibt. Breslau hat durch, diese Majorität die Einführung von Gottesdiensten an wertfreien Tagen (also bisher meist an Sonntagen) ermöglichen können; die Einführung wirklich! er, echt jüdischer Gottesdienste, die ihren zahlreichen Besuchern zu wahrhaft religiösen Feierstunden werden. Zu seinen Gottesdiensten kommt nicht nur eine verhältnimäßig geringe Anzahl Prominenter und Intellektueller, sondern auch Huirderte, die im Jahr des Alltagslebens und dev Alltagsarbeit Sehnsucht nach dem Besuch des Gotteshauses empfinden. Ter Liberalismus kann aus dem Breslauer Beispiel ersehen, daß er nur auf diesem Wege die Menge für religiöses Gemeindeleben zurückgewinncn, daß er nur so die Glaubensgemeinschaft vor der „Entkonsessionalisicrung" bewahren rann. In Wahrheit bedeutet eine „Entkönsesfionalisicrung" nichts weiter wie ein denkbar starkes Zurückdrängen des „Religiöse n" zu Gunsten des „Nationale n". Wir hoffen, daß dieser Geist des „Religiösen" die Delegiertentagung von 1930 beherrschen wird und rufen unseren lieben Gästen noch einmal zu: „Herzlich willkommen!" I. Wol fssohn, Breslau.