Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 4 (22.1.1930)
- Date
- 1930-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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jederzeit Rechnung getragen hat, heute einen solchen Gewrssensdruck in seinem Lande ausM und unter' Androhung von Gefängnisstrafen die Befolgung religiöser Vorschriften der Sache nach verbietet. Es wird darum die Bitte gestellt, der Bayerische Landtag möge in dem Gesetz, über das Schlachten von Tieren eine Ausnahme für das den Israelitischen Kultusgemeinden obliegende rituelle Schlachten Massen. gez. Dr. Neumeyer. (Jta) Hilfswerk für jüdische Studenten Deutsche Lehranstalten sind von jeher von jüdischen Studierenden aus den östlichen Ländern Europas ^gern aufgesucht worden. Dies geschah wegen des hohen Standes der deutschen Wissenschaft und des auch schon in der Borkriegs^ zeit in Osteuropa herrschenden Antisemitismus. Der Hilfs verein der Deutschen Juden, der es sich u. a. num Ziel ge setzt hat, an der kulturellen Hebung der Juden im Osten mitzuarbeiten, hat sein besonderes Jnteresie den Studierenden zugewandt, denen die Wege zu ibrer Fortbildung so gut wie verschlossen waren. Nach dem Kriege besanden sich in Deutschland mehrere tausend jüdische Studenten zum grüß teit Teil in bitterer Not, die sich umsomehr steigerte, als die Möglichkeiten, von den Angehörigen unterstützt zu werden, infolge der politischen Wirren und wirtschaftlichen Zerrüttung irr Osteuropa immer mehr schwanden. Die Lage vieler junger Menschen, die jahrelarrg unter den größten Entbehrungen gearbeitet hatten, war eine ver zweifelte. Es galt zunächst ihnen .Hilfe zu bringen. Tr. Paul Nathan, einer der Mitbegründer und Führer des Hilfsvereins, regte im Sommer 1924 beim .Hilfsverein eine Hilfsaktion an und setzte sich mit größter Hingebung für die Durchführung derselben ein. Der Hilfsverem übernahm die Leitung der Aktion; er interessierte die. Jewish Eoloni zation Association und das American Joint Distribution Committee für dieses kulturelle außerordentlich bedeutungs volle Hilfswerk. Bon diesen zwei Organisationen sind im Lause der letzten Jahre dem .Hilfsverein für das Studenten hilfswerk beträchtliche Summen zur Verfügung gestellt worden. Ferner sind von einzelnen jüdischen Gemeinden und Privatpersonen Beträge beigcftcuert worden. Die dem HilsSverein üb erwiesenen Gelder wurden dem Verband der Jüdischen Studentenvereine in Deutschland zugeführt, der den Hilssverein von Semester zu Semester über die .Höhe der jeweils erforderlichen Summen für Prüfungs- und Studiengebühren sowie für Stipendien informierte. Der .Hilssverein bewilligte dem Studentenverband ans eigenen Fonds nicht unbeträchtliche Mittel und unterstützte noch gesondert eine Anzahl von Hörern. Im Ganzen sind für diese Aktion von Mitte 1924 bis Ende 1929 rund M k. 177 000, vom Hilssverein aufgebracht und verausgabt worden. Mit diesen Summen konnte der Hilssverein einer sehr großen Zahl von jüdischen Studenten den Abschluß ihres Studiums an deutschen Lehranstalten ermöglichen; insbesondere auch solchen jüdischen Akademikern, die infolge der numerus clausus-Bewegung in Ungarn, Polen und Rumänien deutsche Hochschulen aufzusuchen genötigt waren. Tie Aktion wird fortgesetzt. Im Ganzen wurden vom Sommersemester 1924 bis zum Sommersemester 1929, 1471 Studenten unterstützt, an den Universitäten in Berlin, Breslau, Erlangen, Frankfurt, Freiburg, Gießen, Göttingen, Halle, Jena, Kiel, Köln, Königsberg, Leipzig, Marburg, Würzburg, beu Technischen Hochschulen in Berlin, Braunschweig, Tarmstadt, Hannover und den Technischen Anstalten in Altenburg, Arnstadt, Franken- Hausen, Hainichen, Köthen, Mittweida, Oldenburg, Strelitz, Wismar, Zwickau. 814 Studenten haben ihr Studium beendigt. Hiervon studierten Technische Wissenschaften 322, Medizin 229, Naturwissenschaften 105, Philosophische Wissenschaften 82, Landwirtschaft 31, Handelswissenschaft 28, Rechtswissenschaft 12, Musikwissenschaft 5. Ten Absolventen mußte» Mittel zur Heimreise etwa 57"/„ der Gesamtzahl der Absolventen kehrten nach ihren Heimatländern zurück - zur Verfügung gestellt werden. Ter Hilssverein trug zu den Kosten aus seinem Emigrationsbudget vielfach bei. Ein Teil verblieb in Deutschland, andere begäben sich nach Frankreich, Palästina und überseeischen Ländern, wobei wiederum der Hilssverein. dank seiner weit verzweigten Verbindungen mit jüdischen Organisationen und ' : * : : .! rcnmlungskalender Aachen. Sonntag. Lea 2 - Januar, nachmittags 5.30 Uhr, im Adamsaal, Wilhelmstrah.. niinst.. che Veranstaltung von Frau Edith Herrnstadt- Oettingen, 'j.oetragsk-itlerin, Berlin: „Aus zeitgenössischer jüdischer Dichtung". . Berlin- Liberaler Verein sür die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. Anläßlich einer in Berlin stattsindenden Borstandsfttzung des „Wellverbandes für religiös-liberales Judentum (World Unlion foc Progressive Judaism)" findet am Montag, den 27. Januar, abends 8 Uhr, im ehem. Herrenhaus, Leipziger Straße 3, eine große liberale Kundgebung statt. Näheres s. Hauptblatt Seite 1. Köln. Gemoinschaft e. B. Köln. Bortrag des Herrn Rabbiners Dr. Gottschatt, Frankfurt a. M.. über das Thema: „Der moderne Jude und die Religion". Donnerstag» den 6. Februar, abends 8.30 Uhr, in der Lese. Gottesdienste * Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 162s. Freitag, 24. Januar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Weyl. Sonnabend, vormittags 10 Uhr. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten (Aula Kaiserstraße 29-30). Freitag, 24. Januar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Hermann Cohn. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westend (Aula Leistilowstraße 7, nahe Reichslanzlerplatzj. Freitag, 24. Januar, abends 7 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cerilienschule, Nikolsburger Platz). Freitag, 24. Januar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarsensly. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienst am Sonntag, den 26. Januar, n u r Johannisstraße 16, vormittags 10.30 Uhr: Predigt Dr. Jelski. Jüdische Reform-Gemeinde. Abend-Weihestunde am Sonntag, den 26. Januar, nachmittags 5 Uhr, im Tempel des Logenhauses Kleiststraße 10. Ansprache: The Hon. Lily H. Montag», London. Eintritt nur gegen Karlen vom Büro, Johannisstraße 16. Institutionen in diesen Ländern die nötigen Informationen einholen konnte. Als die Hilfsaktion eingesetzt halte, hob Paul Nathan irr einer Ansprache, die er in einer ernberusenen Konferenz gehalten hatte, hervor, daß, die Studenten aus dem Osten dank ihrer Ausbildung iu Deutschland eine bedeutsame Mission in ihren Heimatländern zu erfüllen berufen seien. Es sei darum Pflicht der deutschen Judenheil, die Notlage der Studierenden zu erleichtern und ihre intellektuelle Entwicklung zu fördern. Plan der Gründung liberaler Synagogengemeinden in Polen Eine Abordnung der Vereinigung sür das liberale Judentum in Polen begibt sich iu diesen Tagen nach Berlin, um mit den Repräsentanten des Weltverbandes des liberalen Judentums, die sich am 28. Januar in Berlin zu einer Sitzung vereinigen, über die Bildung liberaler Synagogen - gemeinden in verschiedenen Städten Polens Beratungen zu pflegen. Gegenwärtig existieren in Polen keine liberalen Synagogen oder Synagogengemeinden, cs besteht nur ein libe raler Verband. Dr. Vruva Weil über den Dreyfutz-Prozeh In der Reihe der Montagsvvrlesungen, die die Hochschule sür die Wissenschaft des Judentums zum besten ihres Stipendienfonds ihrer Anstalt veranstaltet, sprach Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, Stellvertretender Vorsitzender des Central-Vereins, über den Prozeß des Hauptmanns Dreysus. In klarem Aufbau lies; er diesen dramatischsten aller Prozesse der letzten Jahrzehnte an den .Hörern vorüberrollen und schilderte die damalige Lage Frankreichs, die diesen Prozeß begünstigte, aber auch die glänzende Rehabilitierung aller Beteiligten ermöglichte. Frankreichs das katholische Land, hatte schon früher in dem Fall des Jean Callas Gus Toulouse einen Justizirrtum begangen, als es diesen Pro testanten ohne genügende Beweise als Sohncsmörder ver urteilte. Auch damals wurde der Gerechtigkeit Genüge getan, und nach einigen Jahren das Urteil wieder aufgehoben, nachdem sich Voltaire mit der ganzen Wucht feiner dichte rischen Persönlichkeit für den Unschuldigen und seine Familie eingesetzt hatte. Mer die schlimmste Folge dieses Prozesses, die Hinrichtung des zu Unrecht- Verurteiltem, konnte nicht wieder gut gemacht werden. In dem Dreyfus-Prozeß, der 130 Jahre später spielte, war der Beschuldigte kein Protestant, wohl aber ein Jude, n ch dazu ein Elsässer, also gewissermaßen wieder ein Außenseiter im katholischen Frankreich; zwar kannte Frankreich einen Antisemitismus in der bei uns üblichen Schärfe nicht, — es hatte damals bereits mehr als 1000 jüdische Offiziere, iu ihm nahm z. B. damals der Vater des vor wenigen Tagen in Berlin gefeierten Henry Torres die Stelle eines Präfekten ein, aber Staat und Kirche herrschten in engster Verbindung. Dr. Weil schilderte den Dreyfus-Prozeß als den Kampf der militärischen Gewalten gegen die bürgerliche Gewalt, der mit dem endgültigen glorreichen Siege der bürgerlichen Macht, der Republik, endete. Und er bezeichnete ihn als das Ringen selbstloser, dem Rechtsgedanken völlig hingegebener Menschen um das Recht. Von einem wahren Rechtsfanalismus beseelte Elsässer, wie Scheurer-Käftner, Leblois, Picard, edelste, im wahrsten Sinne geistig-vorurteilslose Franzosen wie Zola, Clemeneeau, Labori, und viele andere Nichtjuden setzten sich gegen die von der Macht des Militärs und vom Ressentiment gegen den Juden geblendete öffentliche Stimmung ein, zum Kamps ums Recht, obwohl der Beschuldigte ein Jude war. Dr. Weil schloß seinen fesselnden Bortrag mit dem Wunsche, daß allen Menschen, gleichgültig ob Juden oder Nichtjuden, bei ähnlich tragischen Verwicklungen, vor denen kein Mensch geschützt ist, Äenso edle Verteidiger erstehen mögen, die den Ged ankert des Rechts und der Menschlichkeit über ihr eigenes Ich zu stellen wagen. 3ub Süß Von Selma Stern. Vorabdruck aus dem 1. Kapitel „Die Anfänge". (Mit Genehmigung des Akademie-Verlag, Berlin.) In Wirklichkeit tritt in Süß mehr das Wesen des vornehmen Frankfurter Juden als des deutschen Adligen in Erscheinung. Der Frankfurter Jude unterscheidet sich in Lebensführung und Gesinnung vielfach von den andern deutschen Juden. Die Jahrhunderte alte, kaum unterbrochene Seßhaftigkeit in der gleichen Stadt, die seinem Handel Stetigkeit, seinen Unternehmungen Reichtum gewährleistete, verlich ihm eine gewisse seelische Haltung und machte eine feinere Lebensgestaltung möglich. Die Judenstättigkeit erzeugte ein Gefühl der Sicherheit, und diese ein Selbstgefühl und einen Stolz, wie sie der Angehörige ärmerer, beständig von der Gefahr der Vertreibung bedrohter Gemeinden in sich nicht entwickeln konnte. Das rege politische Leben innerhalb der autonomen Stadt und der Herrschuft eines selbstbewußten Patriziats wirkte als Vorbild und Anreiz auf die jüdische Gemeinde. Frankfurt galt als die Hauptstadt in Israel. Au<h die sozial und geistig tieferstchenden Glieder der Gemeinde nahmen an dem Gemeingeist, der sich, kastenmäßig Umschau Jüdische Einwanderungen. Im Laufe des letzten Halbjahres sind 2087 jüdische Einwanderer nach Kanada eingewanderl. Nach den soeben veröffentlichten statistischen Taten kamen in der Zeit vom 1. Juli bis 15. Dezember 1929 nach Pa-, lästina 1640 Chaluzim. 1310 von ihnen (über 80 Prozent) wurden in der Landwirtschaft untergebracht. Tie Hälfte dieser landwirtschaftlichen Chaluzim erhielten Beschäftigung in den Kolonien Judäas, die andere Hälfte in den Bezirken Samaria, Emek Jezreel und Galiläa. Kundgebung der Jüdischen Friedensgefellschaft in England. Die Jüdische Friedensgesellschaft von Großbritannien und Irland (Präsident Chief Rabbi Tr. I. H. Hertz, Vizepräsidenten Dr. Claude G. Montefiore, Sir Herbert Samuel, Lionel de Rothschild und Rev. Morris Joseph, Geschäftsführender Vorsitzender Sir Myer Spielmann) hat im Zusammenhang mit der bevorstehenden Flottenkonferenz die folgende Kundgebung erlassen: Die Jüdische Friedensgesellschaft von Großbritannien und Irland gibt ihrer großen Genugtuung über die zwischen dem Premierminister und dem Präsidenten Hoover gepflogenen Verhandlungen, deren Ergebnis die Fünsmächte-Flottenkonferenz in diesem Monat ist, Ausdruck. Das Angebot der Vereinigten Staaten, ihre Flottemnacht im Verhältnis zu jedem noch so niedrigen Standard, den die anderen Mächte akzeptieren würden, zu verringern, schafft die Möglichkeit zu einer umfassenderen Abrüstungsmaßnahme als je zuvor. Die Jüdische Friedensgesellschast legt Seiner Majestät Regierung respektvoll nahe, von der Gelegenheit, zusammen mit den anderen Mächten einen radikalen Abbau in allen Klassen der Kriegsschiffe und Unterseeboote herbeizufübren, in vollem Maße Gebrauch zu machen. Diese Angriffswafscn sind durch den Pariser Äriegsächtungsvertraa, unter den die Großmächte ihre Unterschrift gesetzt haben, als überwunden anzusehen, abgesehen davon, daß sie für die Steuerzahler aller Länder eine nutzlose Last und eine schwere Bedrohung jenes Gefühls der Sicherheit sind, ohne daß der dauernde internationale Friede unmöglich ist. In der festen Ueberzeugung, daß Krieg und menschliche Kultur miteinander nicht vereinbar sind, vertraut die Jüdische Friedensgesellschaft darauf, daß die Füirfmächte-Flottenkonferenz den Weg ebnen wird zu einer weiteren Maßnahme dauernder Vcrständigurrg von Nation zu Nation. Gesunder Menschenverstand, Menschlichkeit Und staatsmännische Ueberlegung weisen in gleicher Weise aus die friedliche Zusammenarbeit und internationale Harmonie als auf.die einzige Hoffnung der Menschheit hin. Vom Büro des Oberrabbinats ist ein Friedensgebet veröffentlicht worden, das in den englischen Synagogen jeden Sonnabend, vom 18. Januar angesangen - solange die Flottenkonferenz tagt im Vormittagsgottesdienst nach dem Gebet für den König gesprochen werden wird. Völkerbulldskommission zur Lösung der Klagemauer- Frage. Der Völkerbundsrat hat in seiner kürzlich abgehaltenen Nachmittagssitzung mit Einstimmigkeit, bei Stimmenthaltung des Vertreters Persiens Forenghi, den Beschluß gefaßt, gemäß dem Vorschlag der Maudatarmacht Palästinas eine spezielle Kommission cinzusetzen, die die rechtliche Seite des Klagemauerstreits zwischen Juden urrd Arabern in Jerusalem untersuchen und die Rechte der beiden Parteien eud gültig festlegen soll. Die Kommission soll aus drei Personen bestehen, die alle Nichtengländer sein sollen und von denen.mindestens einer über juristische Kenntnisse zu verfügen hätte. Die Kommission hat sich mit nichts anderem zu befassen, als mit dem arabisch-jüdischen Klagemauerfall und muß sich, nachdem sie eine Entscheidung hierüber ge trosfeu hat, auflösen. Die allgemeine Regelung der Frage der heiligen Stätten soll davon unberührt bleiben. Die Wahl der drei Kommissionsmitglieder untersteht der Genehmigung durch den Völkerbundsrat, der evtl, vom Ratspräsidenten aus dem Zirkularweg eingchott werden soll. In der Entschließung des Völkerbundsrates wird gesagt, daß der Rat der Mandatarmacht Englands die Tragung ihrer Verantwortlichkeit, sür die materiellen und moralischen Rechte der Bewohner des Mandatslandes zu sorgen, möglichst erleichtern wolle. Ter Minister des Aeußern der englischen Regierung Arthur Hendersou sprach sämtlichen Ratsmitgliedern, einherausbildete, teil. Auch außerhalb der Stadt erhielt sich die Verbundenheit durch Tradition und Erinnerung. Einem Tatenmenschen wie Süß, der dem Augenblicke lebte und rücksichtslos das Neue, das ihm Verschlossene suchte, wird man sentimentales Hangen an Erinnerungen und Traditionele nicht zutrauen dürfen. Was ihn bei aller Entfernung von der Judengasse, was den in seiner Lebenshaltung zum adligen Mann. Gewordenen innerlichst an sein Blut, seinen. Glauben, seine Erinnerung band, was ihn in seinem Stolz, seinem Hochmut, seinem Trotz, seiner Unbeugsamkeil, seiner Treue bis zuletzt als Juden zeigt, ist nicht Schwäche, sondern Kraft, ist innere Bindung, lebendiges Gefühl, bewußte Verbundenheit und weist eher aus das in dem Frankfurt seiner Ahnen wurzelnde Lebensgefühl als auf die Judengasse von Heidelberg zurück. Dagegen waren die Werte, die die Kultur der jüdischen Umgebung ihm vermitteln konnten, gering. Es fehlte dem noch mittelalterlich beengten, geistig verarmten Geschlecht des beginnenden achtzehnten Jahrhunderts die Triebkraft einer wÄenden und lösenden Idee. Der Gedanke an politische Befreiung lag noch fern in einer Zeit, da der deutsche Bauer hörig, die große Masse der städtischen Bürger rechtlos war. An den geistigen Strömungen des Jahrhunderts hatten sie keinen Anteil. Die jüdisch-deutsche Sprache bildete eine unüberwindliche Schranke. Und was man in dieser Sprache übersetzte, Volksbücher, Fastnachtsspiele und Schwänke, diente der Erheiterung, nicht der Bildung. Der Jude dieser Zeit war in Beruf, Sitte, Anschauung hineingeboren. Der individuelle Trieb war unterbunden. Die Religion beherrschte sein inneres und band jein äußeres Leben. Immer wicher das Geschäft, das Bethaus uzch das Lehrhaus, der Wochentag des niedrigen Dienstes urü> der geheiligte Tag der Ruh«, der dem Gedrückten das Gefühl der Freiheit und des Stotzes znrückgab, immer wieder die enge Gasse und der verstohlene Blick auf die geöffnete Wett. Was sich in dieser matten Zett an geistiger Karst noch regte, blieb in den Kreis der strengen und hohen rabbmischm Gelehrsamkeit gebannt. Der an den Erwerb gebunden« Mann