Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 1 (1.1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2613366-2614053-2614054--3413-2620999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
nach ihrer Steuerkraft und nach der Art und Höhe der Einkommen der Steuerpflichtigen dem Durchschnitt der deutschen Gesamtbevölkerung entspricht, könnte man sogar ohne weiteres annehmen, daß dos Steueraufkommen höher sein muß als im Jahre 1928. Seit der Stabilisierung ist unabhängig von dm Schwankungen der Wirtschaftslage das Aufkommen an Reichseinkommensteuer ständig gestiegen. Tie ungünstige Entwicklung des Jahres 1926 hat sich lediglich dayin ansgewirkt, daß im Jahre 1928 statt einer Steigerung ein Still stand eingetreten war. So betrug das Gesamtaufkommen au Einkommensteuer im Jahre 1925 2,258 Milliarden im Jahre 1926 2,258 Milliarden im Jahre 1927 2,781 Milliarden im Jahre 1928 8,110 Milliarden Tie Entwicklung der Eiiitonunensteuer ging dabei durchaus parallel mit der Entwicklung des Volkseinkommens, das nach den Schätzungen des Instituts für .Kcmjnnktucforschinig >vie solgt stieg: im Jahre 1925 ans -78.8 Milliarden im Jahre 1926 aus 54,7 „ ini Jahre 1927 aus 60,1 60,6 ,, im Jahre 1928 aus 65,8 66,7 ,, Für das Jahr 1929 schätzt das Institut für Kon)un>lnrsoc schung das deutsche Volkseinkommen aus 67,5 bis 68,5 Mil liarden, so daß also das Auftommen an Einlommensteuer bei gteichbleibendei d-leseugebung aus etiva 8.8 Milliarde» steigen müßte. Würde also dir jüdische Bevöltecung einen genauen Quer schnitr durch Die gesamte Bevölkerung in allen ihren Teilen darstellen, so bestünde teiueriei Berauteissung zum Dceprizis mus. Rechtfertigt nun die besondere Struktur der jüdischen Bevölkerung in Deutschland eine abweichende Pessimistische Beurteilung? Es scheint nicht so zu sein, denn an der Stei gerung des gesamten Volkseinkommens haben gerade die jenigen Teile am weuigsteir Anteil, die im allgemeinen nicht gerade als die Einkommen der Berufsgruppru zu gelten haben, in denen. Juden besonders stark vertreten sind. Das Einkommen aus Landwirtschaft ist trotz der starken Steige rung des -Gesamt-Volkseinkommens vm: 3,2 Milliarden im Jahre 1925 ans 3,4 bis 8,6 Milliarden im Jahre 1929 gestiegen, während das Einkommen aus .Handel und Oie werbe vom Institut für Koujunktursorschnng für das Jal>r 1929 um 100 Millionen höher angenommen wird als für 1928, und auch trotz der vermehrten Arbeitslosigkeit das Oie samteinkommeu aus Lohn und Gehalt im Jahre 1929 um etwa eine Milliarde gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist. Vor allen Dingen aber hat sich das Einkmmne» aus Kapital vermögen in den letzten Jahren ständig erhöht und ist von 1,4 Milliarden im Jahre 1925 auf 2,8 Milliarden im Jahre 1928 und 8,4 Milliarden im Jahre 1929 gestiegen. Gerade die drei letztgenannte» Einkommens-Kategorien dürsten es aber sein, die für die jüdischen Gemeinden die ausschlag gebenden sind. Täuschen aber diese Iahten nicht? Man sieht doch die zahlreichen Zusammenbrüche, man hört die vielen Verlust abschlüsse, die Klagen über das große Heer der Arbeitslosen. - Sollte nicht vielleicht bei den gewerblichen Betrieben eine starke Umschichtung eiugetreten sein, sollte tiicht vielleicht jetzt ein Umstand für die .Kirchensteuerverhältnisse wenig günstig ins Gewicht fallen, der zu früherer Zeit sich besonders ungünstig auswirkte: die Umbildung von Einzelsirmen in juristische Personen, die der Kirchensteuer nicht unterworfen sind? Sollte es aber nicht durchaus möglich sein, daß dem Rückgang vieler Betriebe das Vorwärtsschreiten anderer ge gmübersteht? Sicherlich ist von alledem etwas richtig. Es kann nicht übersehen werden, daß in den Zeiten Wirtschaft licheu Niedergangs die Klagen derer viel lauter ertönen, die unter dieser Not leiden, als die Klagen derer, denen es gelungen ist, ihren Platz zu halten, genau wie umgekehrt in dm Zeiten des Aufstiegs die Zurückgebliebenen nicht gern von sich reden machen. Sicher ist ferner wohl auch, daß gerade die Großbetriebe, die in der Form von Aktiengesellschaften und G.m.b.H.'s betrieben werden, durch Zinsverlustc und anderes viel häufiger Bcrlustabschlüsse zu verzeichnen haben als die kleinen und Mittelbetriebe, die auch in Zeiten der schlechten Konjunktur immer noch ihre» Mann, wenn auch schlecht, so doch recht, ernähren. Diese Betriebe aber scheiden in den meisten deutschen Ländern — eine Ausnahme stellt wohl nur Baden dar, das Kirchensteuer auch von juristischen Personen erhebt - für die uns interessierenden Ergebnisse aus. Wie die Dinge sich steuerlich auswirken, kann erst übersehen werden, wenn die Veranlagung für 1929 feststeht. Aber einen gewissen groben Ueberblick kann uns die Erfahrung der letzten Jahre geben, weil ja das Jahr 1926, wie bereits erwähnt, dem Ergebnis des Jahres 1929 nicht unähnlich ist. Von 1925 auf 1926 ist da-? veranlagte Einkommen aus Oiewerbebcirieb um 2,65 von 7,9 Milliarden auf 7,7 Mil liarden gesunken. Gleichzeitig aber stieg das veranlagte Ein kommen aus freie» Berufen um 2,8 " , von 910 ans 976 Mil fioucu und das Einkommen aus .Kapi:alrermögen um 81.8 "» von 484 auf 685 Millionen. Der Rückgang der Gewerbe Einkünfte wurde also ausgeglichen durch den Zuwachs an anderen Einkommensarten. Hierbei in außer Acht gelassen, daß daneben auch noch das Steneranskvmmen ans bYv Ein kvmmensteuer vom Arbeitslohn sehr ivesentlich gestiegen ist.! Aber ans das Einkommen in seiner Gesamweu tomuu es j nicht an. Wichtig, ja sogar ausschlaggebend ist seine Vertei! lnng. Ta die Einkommensteuer ebenso wie die KnUiissteuer! das Einkommen des Steuerpflichtigen progressiv belaste!, zaln! len 10 Personen mit einem Einkommen von je 10000, wenn! ger Steuer ats eine Person mit einem Einkommen von 100(>00, RM. Aber auch hier drobt keine Oiefahr. Es zeigt sich nämlich, daß nicht etwa ein immer stärkerer Ab sinken in die niedrigeren Einkoinniensstnsen zu verzeirl'nen ist. sondern im Oiegente.il, daß das gesamte Steneranfkommen sich stärker nach den höheren Einkeinmen-.-stiisen hin verschiebt. Für 1927 entfallen auf „veranlagte Steuerpslsthtige" mit Eintoinmen bis 8009, - 90,8'°., der Steuerpflichtigen, die. aber nur 51,94".. der veranlagten Einkommensteuer ans brachten; 0,5 der Tteucrvslichtigen mii Einkommen über 50 000, brachten aber 12,81", der Einkommensteuer: für 1925 entfielen nur 54,6 des gesamten Steueranfkommens auf die Eintoinmen bis 8000, und nur 9,9 "<• ans die Einkommen über 59 999, . Auch unter diesem Oiesichts Punkt ist daher kaum eine erhebliche Beeinträchtigung zu erwarten. Soweit die veröffenllichten Zahlen der Berliner Jüdischen Gemeinde eine Beurteilung zulassen, ist mindestens bei dieser das Verhältnis dem Reichsdurchschnitt nicht unähnlich, denn im Jahre 1925 entfielen aus die Einkommen über 59 000, nur etwa 2 ".> der Steuerzählen. (Diese erheblich geringeren Zahlen erklären sich daraus, daß bei den genannten Zahlen aus dem Reichsdürchschnikt lediglich die Zahl der „veran tagten" Steuerpflichtigen berücksichtigt ist, d. h. die Steuer pflichtigen, die ihre Steuer aus Grund des Steuerabzugs vom Arbeitslohn entrichten, nur insoweit berücksichtigt sind, als sie ein Einkommen über 8900, - bezogen haben, während bei der Gemeinde-Statistik sämtliche Steuerpflichtigen zusammen gerechnet wurden.) Bei den Gewerbetreibenden im Reich verteilten sich im Jahre 1927 die Einkommensstufen wie folgt: > 61,2 des Einkommens entfielen auf die Einkommen bis 8000,; 27,6 11 „ auf die Einkommen von 8990, bis 50 000,; 11,2 "n auf die Einkommen über 50 099, . Bei dieser Einkommensverteilung ist kaum damit zu rechnen, daß das Jahr 1929 aus den wirtschaftlichen Ursachen heraus in den jüdischen Gemeinden zu ernsten Schwierigkeiten führen kann. Allerdings werden sicherlich verschiedene Gemeinden dadurch Schwierigkeiten erleiden, daß gerade vereinzelte besonders große Steuerzahler in Fortfall kommen. Mer nur solche Gemeinden mit einer besonders ungünstigen Verteilung des Steueraufkommens bei bestimmten Steuerzahlern werden zu besonderen Maßnahmen gezwungen sein. Anders liegen die Dinge in Bezug auf die künftige Entwicklung und insbesondere in Bezug auf die zu erwartende Finanzreform. So gern man auch Ankündigungen von Steuerermäßigungen zur Kenntnis nimmt, können sie für die jüdischen Gemeinden außerordentlich wesentlich werden. Auch hier läßt sich Abschließendes nicht sagen, solange nicht die Verteilung des Steueraufkommens in den jüdischen Gemeinden bekannt ist und solange nicht auch die groben Züge der Einkommensteuer-Reform übersehbar sind. Wenn die Einkommensteuer- Reform nach den bisherigen Ankündigungen zur Tatsache wird, so verteilt sie sich auf: 1. Erhöhung des steuerfreien Eristenzmininurms, 2. Auseinanderziehung der mittleren Steuergruppen und 8. Ermäßigung dev .Höchst-Steuersatzes vvn gegenwärtig 40 ... Tie ErpöliUng de: fteuevfreien EzistenzmiuimumS bringt ohne weiteres eine unter Umständen erhebliche Ermäßigung der Steuer aus Lohn uuo Gehalt; man wird aber wohl nicht fehl gelieit, wenn man annimmc, daß diese Srenersenkung ausgeglichen wird durch das ständige Steigen der Ertragnisse aus dieser Art der Einkoinmenbesteuernng überlianpi. Auch 1929 ha! die Zahl der Lohnsteuerpflichtigeii noch zugenommen. Wohl aber tverden die beiden anderen Aendernngen unter Umständen sehr wesentliche Ausfälle zur Folge haben. Es fragt sich, welche Maßnahmen hierfür in Frage komme». Ter eine Weg eine Weg scheint zunächst der zu sein, ob es uul): möglich in, die Finanzierung der Gemeinden stärker als bisher auf andere Weise als durch die .Kirchensteuer, also durch Erhebung von Gebühren n. dergl. dnrchzuführen. Dieser Weg wird kaum gangbar sein. Wenn inan z. B. berücksichtig:, daß die Ziuseinkünfte der Berliner Jüdischen Gemeinde non 545 000, im Jahre i9i I aus 33 000, im Jahre 0)26 gesunken, sind, so zeig! sich bereits ein erheblicher Einnahineverjnst, der »ich! nur mir gutem Willen ansznglei chen ist. Trotzdem hat nie Berliner Indische Gemeinde ihre gesamten Ausgaben 1926 ungefähr in demselben Prozentsatz ans Stenern finanziert wie 1914. Ausgaben von 8,8 Millionen ini Jahre 1926 standen 4,9 Millionen Aufkommen von 67 000 Zensiten gegenüber, während 191 l von 5,7 Mil lionen Ausgaben 8,1 Millionen ans Steuern von 11 009 Zensiten ansgebracht wurden. Diese Prozentsätze zu senken, höhere Einnahmen aus anderen Quellen als der Steuer zu erzielen, dürfte kaum möglich sein. Vielleicht lassen sich aber andere Wege finden, um eine» Ausgleich herbeizuführen. In verschiedenen deutschen Ländern haben die jüdischen Gemeinden die Möglichkeit, neben Zuschlägen zur Einkommensteuer auch Zuschläge zur Vermögenssteuer zu erheben. Baden z. B. hat den Weg gewählt, daß die Landeskirchenfteuer, die die Kosten der Synode ansbringt, von der Einkommensteuer berechnet wird, während die Ortskirchensteuer in Form von Zuschlägen zur Steuer vom Grundbesitz, Betriebsvermögen und vom Gewerbeertrag errechnet wird. Daneben kennt Bade» noch, wie bereits eingangs erwähnt, die Besteuerung der juristischen Personen, die naturgemäß nicht etwa nach der .Konfession des Anteilseigners zur Steuer herangezvgen werden, sondern die für sämtliche Konfessionen Beiträge zur Ortskirchensteuer zu leisten haben. Vielleicht wäre es angängig, auch in Preußen einen ähnlichen Weg dergestalt zu schaffen, daß z. B. die Finanzierung des Landesverbandes durch Zuschläge zu anderen Steuerarten erfolgt, oder daß den Gemeinden wahlweise oder kumulativ eil, Zuschlagsrecht auch auf die Vermögenssteuer eingeräumt wird. Wie immer man aber die Dinge henrteill, glauben wir dach, nach den genannten Zahlen vor einem übertriebenen Pessimismus Wanten zu müssen. Keinesfalls darf aber auch die Frage unterschätzt werden. Unabhängig von der Parteieinstellung eines jeden muß man anerkennen, daß jede Tätigkeit der Gemeinden eine gesunde Finanzlage voraussetzt, ohne diese ist die Gemeinde arbeitsunfähig, lind nichts wäre unrichtiger, als etwa zu glauben, daß im Falle eines Defizits im Gemeindehaushalt ein Anziehen des Einkommenzuschlages um 1 bis 2 Prozent das Loch im Gemeindesäckel schon zustopsen wird. Der Zweck dieser Zeiten ist vielmehr, anzuregen, rechtzeitig die Folgen der heutigen Situation zu durchdenken und nach geeigneten Abhilssmaßnahmen zu suchen. Aendek den fälligen Veilrag für das 1. Quartal 1930 auf das Postscheckkonto der Bereinigung für das liberale Jude«« tum Berlin Nr. 137 069 ein. Psalm Bon A r t h u r 2 i l b e r g l e i t. Deine Berge, o Herr, umlagern oft wie Löwen den Abcndfrieden Deiner Muße, wenn Du müde von der Ten tung der Sternenschristen aus einem Felsen hoch über den Menschen ebenen Rast hältst. Deine Täler liegen wie Lämmer friedlich zu Deinen Füßen, und wenn der Nachtwind durch ihre weißen Blüten psalmodierend tanzt, dünkt es Dir, als wollte er ihre zarten Felle liebkosen. Abertausende von Hirtenstäben hast Tu in grüngesiederten Wipfeln vor Deine Herden ausgepflanzt, und zuweilen wimpeln Dir ihre Lenzflaggen und Sommersahnen Segensgrüße und leise Hosiannas zu. Das beglückte Liebespaar, das im Boot an Deinen Zeptern, den steilen Schilfpflanzen, vorübergteitet, scheint Deine Seligkeit weiterzulacheln, und die Libellen, die blauflügligen Doppeldecker der Lust, ahmen die Rhythmen aller schwebenden Wolkenschwester» nach. Ter Flötenspieler am buntgesprenkelten User erfüllt das Rohr seiner Schalinei mit der Süße Deiner Melodien und scheint in jedem Atemzug Deinen Odem zu wiederholen. Selbst die Gaukler und Jahrmarktsnarren schreiten ehrfurchtsvoll an Deinen Tempeln vorüber, und Begeisterungswelleu durchrauschen Deine Völker, wenn sie sich Deinen Festen nahen dürfen. Die Blinden schauen Dich in ihren Träumen, und die ewigen Träumer, die Dichter, wissen Dich ständig wach. Die Lenchtturmwächter erwarten Deine Ankunft beim Nahen jedes Bootes, und manche von ihnen trösten sich mit dem Bewußtsein, daß Tn übet die fließenden Meeresflächen mit trockenen Sandalen zu schreiten vermagst. Längst hüllten sich Deine Engel in Menschentrachten, und wenn wir einer gütigen Frau begegnen, so ahnen wir in ihr eine Deiner Dienerinnen, die ihre gefalteten Flügel unter ihrem Gewände verhüllt, aber Deine Seele durch ihre frommen Taten nie verleugnen kann. Wie oft dachte ich beim Anblick selbstloser Krankenschwestern an Deine irdischen Boten, wie oft spiegelte sich mir in ihren Blicken Tein Aether, wie oft deuteten mir die Blumen vor Krankenlagern upd die Eisblüten auf Fensterscheiben Deine künstlerische Meisterschaft an! Die Gärtner, welche die Kinder der Frühlinge und Sommer betreuen, ahnen Dich stets in ihrer Nähe, die Fischer suchen mit ihren ausgeworfenen Angelschnüren die Lote Deiner Gerechtigkeit, und die Flugzeugführer steilen sich zu immer giganterischeren Höhen empor, um auch nur aus der Ferne einen Blick in Dein Mondschloß oder in einen Deiner Sonnenpaläste zu wagen. Ehrfürchtig schauern Meer und Himmel vor der Allmacht Deiner Weltmajestät auf, und der Sturm, der die Wogengeschwader wie Ahasvere von Ufer zu Ufer jagt, posaunt Tein Triumphatortum. Die Steppen wedeln Dir Hohelieoer in ihren Gräsergrüßen zu, die wilden Rosse stanzen mit ihren Husen die Initialen Deines Wappens der Erde ein, die Orkane schmettern Deine Zornwucht, und die Geisire sprudeln Deine kochenden Wntströme nach, wenn ein Frevler, der Tein Ebenbild trägt. Dich zu höhnen sucht. Du aber besänftigst immer wieder den Ansruhr der Elemente und deutest nur zuweilen in brennenden Vulkanen Deine.Abwehrkraft gegen die Sünder an. Selbst die titanischste Musik der registerreichsten Orgeln vermöchte sich nicht mit Deiner Stimmengewalt zu messen, und wenn der .Hirt in morgendlicher Nebelsrühe auf den Gräserschneiden Tautropfen erblinken sieht, weiß er hier Deine Freudentränen über die Tienstbereitschaft Deiner hohen Magd Sonne, die sich selbst erst an Deinem Herzen erwärmte, um die kühle Welt zu wärmen. Tie Löwen hallen das Echo Deiner Stimme nach, und das gewaltige Grauen, das bei ihrer elementaren Musik Kinderherzen überwältigt, erschüttert oft auch die Großen. Die Könige sind Dir nur Sklaven, und die Sklaven wandeln sich zu Seelenkönigen, wenn Tu sie mit einem Deiner gütevollen Blicke streifst. Aether, Erde, Hochwalo und Meer sind uns nur Gleichnisse Deiner tausendfältigen Macht, und unsere innigste Seelentochter, Demut, dient Dir Tag und Nacht. So verleihe mir. Allgütiger, auch nur einen kleinen Teil der großen rhapsodischen Kraft, die Dich durch den Stimmenbund von Wald, Welt und Aether von Anbeginn bis in Myriaden Jahre melodisch preist. Adolf Stahr über Juden und Judentum In Adolf Stahrs nachgelassenem Werk „Ein Jahr Italien" steht unter der Ueberschrift „Tie Juden aus dem Kapitol zu Rom" eine charakteristische Schilderung der römischen Juden des vorigen Jahrhunderts, die unter Tarbrinaung eines Tributs alljährlich vor dem Steckt ob ersten erscheinen mußten und ihre Bitte um weiteres Verbleiben für ein Jahr vorbrachten. Stahrs philosemitische Einstellung, seine reine Menschlichkeit, sprechen aus diesen im Jahre 1846 geschriebenen Zeilen. Gewiß steht dieses Jahr - von dem Stahr als deni schönsten und reichsten seines Lebens spricht unter einem guten Stern. Damals hat er Fanny Lewald dort in Rom gefunden, die einst Jüdin, durch deren natürliches und wahrhaftiges Wesen ihm wohl Juden und Judentum näher gebracht worden war. Aber Stahr war auch im Innersten seines Wesens frei von Vorurteilen, darum auch, ein glühender Verehrer Lessings, dessen Leben und Werke er als einer der ersten dem deutschen Volke in einein populären Buche nahe brachte. Er hat es seinem ebenso mutigen, unerschrockenen Freunde, dem bekannten Königsberger Arzt und Politiker Tr. Johann Jakoby gewidmet. Hier redet er über „Nathan den Weisen" in eindringlicher Sprache, nennt sie „eine Dichtung des vollendeten Frizens und der religiösen Gesinnung" und ebenso beurteilt er Lessings frühes Jugendwerk „Tie Juden" als eine Tat im Interesse der befreienden Humanität. So wirkt auch Stahrs eigene Schilderung von jenem Erlebnis in Rom wie eine mutige Mahnung zu Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Ali G a [ f i n e r. Tie Juden aus dein Kapitol zu Rom. In seiner unübertrefflichen Schilderung des römischen Karnevals hat Goethe gleich zu Anfang eine Feierlichkeit mit Stillschweigen übergangen, die doch für Rom und römische Zustände zu charakteristisch ist. um bei der Darstellung einer solchen bedeutenden Lebensäußerung, wie der römische Karneval, unbeachtet gelassen zu werden. Es ist dies das Erscheinen der Deputation her unglücklichen Bewohner des römischen Ghetto auf dem Kapitol im Palaste der Konservatoren, um vom Senat und Volk von Rom die Erlaubnis ferneren Aufenthalts in der Stadt für sich und ihre Glaubensgenossen unter Darbringung eines Tributs zu erflehen. Ich hatte so viel vorr der Sache reden hören, daß ich beschloß, mich durch den Augenschein zu überzeugen, was von all den mannigfaltigen Erzählungen, in denen mir ältere und neuere Zeiten und Sitten wunderlich in einander gemengt erschienen, denn eigentlich noch wahr sei. So schritt ich denn etwa anderthalb Stunden nach Mezzogiorno gestern in Begleitung einiger befreundeter Römer dem