Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 1 (1.1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Bruno Voyda In dem führenden antisemitischen Verlag Deutschlands, bei I. F. Lehmann, München, ist vor kurzem von Tr. Hans F. K. Günther unter dem Titel „Rassenkunde des jüdischen Volkes" ein umfangreiches Werk erschienen, das einen Versuch darstellt, „das Judentum vor allem als eine bestimmte Auswirkung rassischer Erbanlagen und als Ergebnis eines bestimmten Auslesevorgangs zu erweisen". Tr. Günther meint, oaß die Juden nicht als eine Rasse ausgefaßt werden können, sondern ein Rassengemisch darstellen, und daß bei ihnen in der Hauptsache außereuropäische Rassen in einem bestimmten Mischungsverhältnis vertreten sind. Er kommt zu dem Schluß, das; das Judentum weder als Rasse noch als Glaubensgemeinschaft, noch als irgendeine Kulturerscheinung, sondern als Volkstum aufzufassen ist. Als Volk werden die Juden auch zum Forschungsgegenstand der Rassen- und Vererbungswissenfchaft. Eine gewisse Einsicht in lebensgesetzliche (biologische) Vorgänge, in das Wesen von Vererbung, von leiblichen und seelischen Erbanlagen, von Rassenkreuzung und von Auslese ist. meint Tr. Günther, Voraussetzung einer Erörterung der Judensrage. Es wäre abwegig, wollte man sich der Ausgabe unterziehen, Einzelheiten des Güntherschen Buches zu widerlegen. Tr. Günther widerspricht in seinem Buche ausdrücklich der Auffassung vieler Antisemiten, die versuchen, irgendeine rassische Minderwertigkeit der Juden zu erweisen; „sie werden von rassenkundlich-vererbungswissenschaftlicher Seite kaum Zustimmung erfahren, denn es würde schwer sein, irgendeinen brauchbaren allgemeinen Maßstab zur Beurteilung von Rassen und Völkern zu finden... Nicht irgendeine „Minderwertigkeit' des jüdische)! Rassengemisch.es macht den Kern der Judenfrage aus, sondern dessen rassisch-bedingte Andersartigkeit, vor allem dessen rassenseelische Fremdheit innerhalb der rassisch anders zusammengesetzten abendländischen Völker." Liest man derartige Sätze, so glaubt man sich zunächst in Betrachtungen über die Tierwelt verloren. Nur die Auffassung, daß der antisemitische Zweck Maßstäbe der Tierwelt als Mittel der Menschenerkenntnis heiligt, macht derartige Betrachtungsweisen verständlich. Aber wenn man selbst alles gelten lassen wollte, was hier auf 350 Seiten wissenschaftlichem Gewände vorgetragen wird, so läßt sich doch nicht das Wort beseitigen, das Müller-Claudius zum Thema einer recht lesenswerten Schrift wählte: „Deutsche Rassenangst". Weshalb, so fragt man sich immer wieder, sollen verschiedene Rassen nicht in einer Volksgemeinschaft miteinander wetteifern können? Weshalb sollen ein Prozent jüdischer Deutscher den neunundneunzig Prozent nichtjüdischer Teutscher eine Gefahr sein? Doch weit mehr als die Rassenangft scheint mir die Rassentheorie bekämpfenswert. All das, was dem Menschen ausmacht, was die Persönlichkeit, die Individualität bildet, wird hier zur Folge von Materiellem. Unter den zahlreichen Bildern des Buches fand ich beispielsweise eine Photographie von Paula Ollendorff mit der Unterschrift: „Abb. 240. Jüdin aus Deutschland. Frauenführerin. Vortv. Vorderasiat, mit geringem nord. Einschlag." Tie Photographie von Oscar Coh-n wird gekennzeichnet: „Ostbaltischer Einschlag oder vorderasiatischer und nordischer Einschlag". Selbstverständlich fehlen auch die Großen nicht. Albert Einstein: „Vorwiegend orientalisch mit geringem vorderasiatischem Einschlag." Hugo Preuß: „Anscheinend orientalisch-vorderasiatisch-innerasiatisch." Tie wenigen Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, wie hier Menschen nicht mehr gruppiert werden nach dem Charakteristikum des Menschseins, dem Geist, sondern wie sie gerade so wie Tiere betrachtet werden als Produkte von Rassischem. Politik und Religion, das gesamte Geistesleben, Wirken und Schaffen des Einzelnen werden als rassebedingt gewertet. Etwa so wie bei den Marxisten Geist und Seele als ideologischer Ueberbau der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände angesehen werden, gelten sie hier als Ueberbau von Rassen und Rassenmischungen. So ist denn die Rede von dem „einzigartigen Blutbewußtsein des Judentums", von „rassenseelisch bedingtem Geist", von „arteigenem und artfremdem Geist" und dergleichen mehr. Derartige Betrachtungsweisen müssen, wenn sie allgemeine Geltung erlangen, natürlich das Wesen jeglicher Re lrgion vernichten. Ter rein körperliche Rassenbegriff wird hier zum Götzenbild gestaltet. Seelische Rassengemeinschaften werden als Funktion der körperlichen angesehen und gelten als unveränderlich und unaufheblich. Ein Materialismus greift Platz, der alle geistigen Vorgänge auf Blutzusammensetzung zurückführt und von ihr abhängig macht. Ter Mensch wird der Gefangene seiner Rassenmischung. Vererbung ist alles, Erziehung, Wille, Erkenntnis sind demgegenüber bedeutungslos. Ethische, geistige, religiöse Gesichtspunkte werden geleugnet zugunsten biologischer Gesetzmäßigkeit. Heber diese Tinge läßt sich nicht streiten. Wer den Geist bejaht, wird sich auch: dann, wenn er etwa für die hier zum Götzenbild gestaltet. Seelische Rasseneigenschaften wesentlich ausieht, den Glauben nicht rauben lassen, daß der Mensch Freiheit der Entscheidung, Kraft und Möglichkeit zu sittlichem Handeln besitzt. Ter religiöse Mensch wird in sich die Gewißheit tragen, daß es über allen Rassenverschieden heften eine Menschengleichheit gibt, und daß jeder Mensch die Fähigkeit zur Gotieserkenntnis und zuf" religiösen Tat besitzt. Ter völkische Rassentheorelikcr hingegen wertet und erkennt nicht den Menschen, sondern nur das Produkt der Rasse. Eine derartige Auffassung widerlegen zu wollen, ist unmöglich: möglich ist nur, das Bessere, Umfassendere, Geistigere ihm als Lebeusprinzip entgegenzustellen, auszuzeigen, wie gefahrvoll die von Völkischen propagierte Lösung der Rassenfrage gerade für den kleinen Teil der Kulturmenschheit sein wird, dem nran sich durch Blutmischung, nicht durch geistige Bande auf Gedeih und Verderb verbunden glaubt. Und gefordert muß werden, was Frank Thieß in seinem vor kurzem erschienenen Buch „Erziehung zur Freiheit" mit der erforderlichen Klarheit ausgesprochen hat: „Das Rassegefühl als politisches Kampfmittel muß endlich aufgegeben werden, denn dadurch wird die Verwirrung nraßlos vergrößert und das Unheil zu Ungunsten der großen geistigen Standpunkte permanent gemacht. Es geht nicht an, daß jeder siebzehnjährige pommersche Jnspektorssohn einfach durch die nichts sagende Tatsache seines unjndischen Blutes sich für einen erlesenen Sproß Gottes hält und bei den Namen Liebermann, Rathenau oder Einstein ausspuckt. Hier wird nicht der Jude beleidigt, sondern in ihm der Geist durch einen, der noch nicht einmal das ABC des Denkens gelernt hat. Airs Grund nicht der geringsten Leistung wird so ein unchristlicher, barbarischer Hochmut erzogen, der sich wie jede Hybris am ganzen Schicksal der Rasse rächen muß. Freilich: wenn wir der Rassenanschaunng und der Rassenüberheblichkeit entgegentreten, so darf das nicht nur ftkr eine Seite gelten. Auch in jüdischen Kreisen findet sich immer und immer wiÄer, insbesondere in nationaljüdischen Kreisen, die Auffassung, Israel sei das auserwählte Volk; auserwählt aber nicht etwa um des göttlichen Geistes willen, den es in der Welt verwirklichen soll und den jeder Mensch als Israelit mitwrwirklichen kann, wenn er nur will, sondern auserwählt im L-inne allein seligmachender nationaler Begrenzung. rassenmäßiger Bedingtheit. Hier wie dort gilt es zu betonen, daß der Geist keine Funktion des Blutes ist, sondern über dem Blut steht. Was der Sozialist Gustav Landauer gegenüber dem Materialismus der Marxisten aussührte, das sollten wir auch all denen zurufen, die sich zum Materialismus der Rassentheorie bekennen: „Wir sind Dichter; und die Wissenschastsschwindler, die Kalten, die Hohlen, die Geistlosen wollen wir wegräumen, damit das dichterische Schauen, das künstlerisch konzentrierte Gestalten, der Enthusiasmus und die Prophetie die Stätte finden, wo sie fortan zu tun, zu schassen, zu bauen haben: im LÄ»en, mit Menschenleibern, für das Mitleben, Arbeiten und Zusammensein der Gruppen, der Gemeinden, der Völker." Die 7 „ “ Zukunft der Gemeinden Von Dr. Hermann Vertat, Berlin Tie schwierige Lage, in der sich die Finanzen sämtlicher öffentlicher Körperschaften heute befinden, legt es nahe, sich auch einmal mit der finanziellen Zukunft der jüdischen Gemeinden zu befassen. Wenn man die Klagen hört, die über die Lage der Haushalte des Reiches, der Länder und der Städte überall laut werden, so ergibt sich die Frage, ob und inwieweit auch die jüdischen Gemeinden unter den Auswirkungen der gleichen Erscheinung stehen. Verschiedene Ursachen sind es, die eine solche Betrachtung fordern. Zuuächst ist zu prüfen, inwieweit die ungünstige Wirtschaftslage durch Senkung der Einkommen und in Verfolg hiervon durch einen Rückgang der Einkommen-Erträgnisse den finanziellen Rückgang unserer Gemeinden beeinträchtigt. Daneben kann aber auch die geplante Finanzresorm des Reiches sich unter Umständen sehr wesentlich auf die Finanzgebarung der jüdischen Gemeinden auswirken. Tas Rückgrat der Gemeinde-Einnahmen bildet überall, namentlich aber in Preußen, die nach dem Ertrag der Einkommensteuer erhobene Kultussteuer. Wird die ungünstige Wirtschaftslage eine Senkung dieser Erträgnisse bringen, wird es notwelidig sein, daß zu deren Ausgleich die ohnehin außerordentlich hohen Sätze dieser Steuer noch erhöht werden, wird die etwa zu erwartende Senkung nicht noch dadurch verstärkt werden, daß bei per Veranlagung des Jahres 1929 zum ersten Male der Verlustvortrag in die Einkommensteuer ein gefügt wird und hierdurch d,as finanzielle Ergebnis des Jahres 1929 noch ungünstiger erscheint? Bestehen diese Gefahren? Es ist außerordentlich schwierig, diese Fragen klar zu ve antworten, weil es leider an einer Finanzstatistik der jüdischen Gemeinden vollkommen fehlt, und es liegt gerade aus diesen Gründen nahe, daß die jüdischen Gemeinoen oder etwa der Preußische Landesverband, wenn auch nicht jährlich, so doch mindestens alle zwei bis drei Jahre nach Muster der Reichsfinanzstatistik Zahlen veröffentlicht, aus denen sich die Zusammensetzung der Steueraufkommen der Gemeinden sowohl nach der Einzelhöhe als nach ihrer Gliederung in die verschiedenen Eiukommensarten (Einkommen aus Arbeitslohn, aus Gewerbebetrieb, Kapitalvermögen, sonstiger selbständiger Berufstätigkeit, Vermietung und Verpachtung) ersehen läßt und schließlich auch die Verteilung der Einzeleinkommen aus die verschiedenen Einkommensstusen. Bei dem vollkom menen Fehlelt dieser Zahlen mußte im folgenden zurückgegrisfen werden auf die Zahlen, die die R^ichsfinanz-Statistik uns bietet und hierbei versucht werden, das herauszunehmen, was für die jüdischen Gemeinden von besonderer Wichtigkeit ist. Für die speziellen Verhältnisse in Berlin bietet das Berliner Jüdische Gemeindeblatl vom Dezember 1926 gewisse Anhaltspunkte, die aber, da sie ebenfalls nur die Einnahmen für das Jahr 1925 betreffen, auch schon im wesentlichen überholt sein dürsten. Für die Auswirkung des Berlustvortrages lassen sich zahlenmäßige Anhaltspunkte überhaupt bisher nicht geben. Es kann jedoch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß das Jahr 1929 und damit - infolge des Prinzips der Vorauszahlungen — auch die Finanzgebarung im Jahre 1930 hierdurch nicht erheblich beeinflußt werden kann. Es könnte fidj lediglich darum handeln, daß Verluste aus dem Jahre 1928 vorgetragen werden und etwaige Gewinn-Ergebnisse des Jahres 1929 mindern. Das Jahr 1928 war jedoch verhältnismäßig günstig, und es werden hieraus wohl kaum erhebliche Verlustvorträge zu verzeichnen sein, insbesondere nicht in solchen Betrieben, die nicht bereits ohnehin im Jahre 1929 ohne Gewinn abschließen und aus diesem Grunde für eine Einkommensteuerzahlung ausscheiden. Aber auch hier zeigt sich die Notwendigkeit, so früh als möglich die Steuerergebnisse des Jahres 1929 auszuwerten, um Klarheit über die künftige richtige Finanzgestaltung zu gewinnen. Auch die ungünstige Wirtschaftsentwicklung, die das Jahr 1929 nahezu allgemein gebracht hat, legt nicht ohne weiteres den Schluß nahe, daß das Gesamt-Steueraufkommen und damit das Gesamt-Steuerauskommen der jüdischen Gemeinden Unsere T-eser werden sich erinnern, dass im Februar 192*> auf einer aus allen Teilen des Reiches besuchten Sitzung unseres Hauptvorstandes der „Hilfsfonds des libeberalen Judentums“ gegründet worden war, über den eine Zeit lang fortlaufend an dieser Stelle berichtet wurde. Mit Beginn des neuen Jahres soll die Werbung für den Hilfsfonds wieder aufgenommen werden. Wir beginnen daher heute mit der Veröffentlichung der Namen aller derer, die uns in letzter Zeit Spenden für den Hilfsfonds zugesandt haben. Diese Bekanntgabe soll ein Appell an alle unsere Freunde sein, die Aktion unseres Gesamtvorstandes auch im Jahre 1930 zu fördern. Alle, die ihren Sonderbeitrag noch nicht geleistet haben, werden gebeten, sogleich Mk. 10 auf das Postscheckkonto der „Vereinigung fiir das liberale Judentum e. V.“ Berlin Nr. 137069 zu überweisen. Jeder Einzelne muss durch einen Beitrag zeigen, dass er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle« der Vermögende mehr, der andere weniger, und—gebt schnellt Vereinigung für das liheraie Judentum e. V. C4-D 80834