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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-12-25 · 52 (25.12.1929) · page 3

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Gottesdienst« BÜCHERSCHAU Rudoff Schay: Juden in der deutschen Politik. Mit 16 Bildnissen auf Tafeln. 320 8. Welt-Verlag, Berlin 1929. Die bekannte Serie von Büchern, mit denen der rührige Welt-Verlag in den letzten Jahren die jüdische Literatur bereichert hat: „Juden in der deutschen Literatur“, „Juden auf den deutschen Bühnen“, „Die Juden in der Kunst“ wird in dem vorliegenden Werk fortgesetzt, das sich seinen Vorgängern würdig und ebenbürtig anreiht. Es ist ein dankenswertes Unternehmen, die ersprießliche Teilnahme der Juden an den geistigen und kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Bestrebungen ihrer Zeit in wohlgeordneter und dem gebildeten Laien durchaus verständlicher Uebersicht, in objektiver Darstellung und in lebendiger, einwandfreier Sprache aufzuzeigen; und es ist um so notwendiger, als es geeignet ist, in einer Zeit, in der die Wogen des Antisemitismus in Deutschland von neuem mit Ungestüm an das Ufer unseres Lebens branden, die innere Haltung des Juden zu stärken und sein Selbstbewußtseiu zu heben. Wir müssen wissen, was wir Deutschland gegeben haben, um uns den Platz, der uns nach Recht und Gebühr zukommt, von niemandem streitig machen zu lassen; wir müssen aber auch erkennen, wie Juden für allgemein menschliche Ideale gekämpft und gelitten, wie sie für den Aufbau und eine glücklichere Zukunft unseres Vaterlandes ihr Leben eingesetzt und geopfert haben, um schon daraus allein den Anspruch auf unser unverkürztes Recht ableiten zu können. Diesem Wissen und dieser Erkenntnis dient das vorliegende Buch, indem es im Rahmen der gesamtpolitischen Entwicklung Deutschlands von den Freiheitskriegen bis zur Gegenwart die bedeutendsten jüdischen Politiker, die Größe, aber auch die Grenzen ihres Einflusses darstellt. So erstehen in voller Lebendigkeit jüdische Führergestalten wie Karl .Marx, Ferdinand Lassalle, Moses Heß, Johann Jacoby, Gabriel Rießer, Eduard Laskcr, Ludwig Bamberger, Eduard Bernstein, Ludwig Frank, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner, Hugo Prcuß, Theodor Wolff, Georg Bernhard und Walther Rathenau; so wird selbst dem Gründer der preußischen Adelspartei, Friedrich Julius Stahl, ein aufschlußreicher Abschnitt gewidmet und auch, wenngleich nur nebenher und in wenigen Worten, an Raphael Jacob Kosch, Martin Eduard Simson, Heinrich Friedberg, Oscar Cohn, Erich Miihsgm, Gustav Landauer, Ernst Toller u. a. erinnert. Der Sinn dieser biographischen Skizzen ist nach den Worten des Verfassers lediglich: „Kenntnis zu geben vom Leben und Schaffen dieser Persönlichkeiten und beizutragen zur Erkenntnis, in welcher Weise und mit welcher Kraft sich die Stellung der Juden in Deutschland und ihre besondere Geistigkeit ajif das politische und geistige Schicksal des deutschen Volkes ausgewirkt haben.“ (S. 26.) Darüber hinaus aber gewinnen wir den Eindruck, daß diese großen jüdischen Persönlichkeiten, ob sie dem Judentum treu geblieben sind oder ihm den Rücken gekehrt haben, ob sie sich zu jüdischer Art positiv oder negativ eingestellt bähen, Repräsentanten jüdischer Geistigkeit, Erben prophetischen Geistes und Träger prophetischen Schicksals sind; denn bei aller Verschiedenheit jm einzelnen sind sie doch einig im Kampfe für die Menschenrechte, für die Arbeiter, Armen und Bedrückten, im Kampfe für die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit. Und gleich den Propheten haben sie für ihre heiße Liebe keine Gegenliebe, für ihr reines, edles Wollen keinen Dank und keine Anerkennung gefunden, gleich den Propheten wurden sie verfolgt und verbannt, gequält und zum Teil feig und brutal ermordet; gleich den Propheten Israels mußten sie die leidvolle Erfahrung machen: Nomo propheta in patria. Das Buch von Rudolf Schay, das der Verlag überaus ansprechend ausgestattet hat, verdient die weiteste Verbreitung. Es gehört in die Bibliothek jedes gebildeten Juden. Am liebsten möchte ich es der denkenden Jugend in die Hand geben. Prof. Di . G o I i n s k i. Hans Margolius: Die Ethik Franz Brentanos. Leipzig, bei F. Meiner. 1929. Das Schriftchen gibt eine gute und feinfühlige Einführung in die ethische Gedankenwelt Brentanos. Die Kritik, die an Brentanos Lehre geübt wird, ist liebevoll und wirkt um so überzeugender, als Margolius selbst dem Denken und Philosophieren Brentanos nicht allzufern steht. Freilich hat dieser letztere Umstand auch verschuldet, daß der Verfasser des Schriftchens dennoch nicht bis zum eigentlichen Grundfehler des Brentanonschen Systems vordringt, den tnan nur durch schärfste Kritik seines empirischen Psycholozisnms bloß- Seriitt’Horten. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 162). Chanvlahfestgottesdtenst Freitag, 27. Dezember, 7.15 Uhr abends. Predigt: $. Fattenberg. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten (Kaiserstraße 29-30). Chauukahfestgvtteshtenst Freitag, 27. Dezember, 7.15 Uhr abends. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Weftend (Aula Leistlkowstraße 7, nah« Reichskanzlerplatz). Chanukahfestgollesdienst Freitag, 27. Dezember, abends 7 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecittenschule, Nikolsburger Platz). Chanukahfestgottesdienst Freitag, 27. Dezember, 7.15 Uhr abends. Predigt: Dr. Swarsensky. Berlin. Jüdische Refvrmgemeinde, Johannisstrahe 16. Gollesdirnfte am Sonntag, de» 29. Dezember. Johannisstraße 16: nachmittags 5 Uhr; Predigt: Dr. Rosenthal. Der Gottesdienst im Logentempel Kleiststraße 10 fällt am 29. Dezember aus. legen kann. Es kan» indessen nicht Aufgabe einer kurzen Anzeige des Werkchens in einer Zeitung sein,” diesen Fehler wieder gut zu machen. Der Verfasser hat auch die Persönlichkeit Brentanos dem Leser nahezubringen vermocht. Die Schrift ist also, trotz des oben aufgewiesenen Mangels, allen, die Brentano und seine Philosophie kennen lernen wollen, sehr zu empfehlen. Prof. Dr. W. Kinkel. Armand Lunel, Nicolo Peccavi. Die Weltgeschichte in Carpentras. Ein tragikomischer Roman. Im Weltverlag, Berlin W 57. Pallasstraße 10-11, ist dieses Buch vom Heinebund jetzt erschienen; es ist uns eine Freude, hierüber zu berichten. Dem Verfasser, der als Gyinnasialprofessor in dem kleinen Städtchen Monako lebt, hat das Werk einen ansehnlichen Literaturpreis eingebracht. Wenn auf dem Titelblatt der Roman als tragikomisch gekennzeichnet wird, so hat er auf uns einen weit mehr tragischen als komischen Eindruck gemacht. Es handelt sich um die D r e y f u s - A f f ä r e , die der älteren Generation noch in lebhafter Erinnerung ist, und die Wirkung, die es in Carpcntras — nahe bei Avignon auslöst. Das Hauptinteresse konzentriert sich auf den Juden Abramet und den Judenstämmling Nicolo Peccavi, den Judenhasser, der beim katholischen Klerus durch seine Heuchelei eine angesehene Stellung und Reichtum erwirbt. Er stürzt von seinem Piedestal herab, verfällt in Armut und Wahnsinn und wird ein Gespött des Pöbels. „Die gleichen Gassenbuben verhöhnten hundert Jahre früher, in den gleichen Straßen, seinen Ahn.“ Der Roman ist spannend geschrieben, kulturhistorisch wertvoll und verdient weite Verbreitung. Dr. M. Spanier (.Magdeburg). Jacob Simon (Joske Burstein): Jüdische Provitizbilder aus Litauen. Verlag von F. W. Siebert. Memel 1929. Ein kleines Buch voll köstlichen Humors, das uns in eine für uns fremde Welt führt: In die kleinen Städtchen und Dörfer Litauens mit ihren jüdischen Menschen, ihren Leiden und Freuden. Es ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, jede einzelne für sich abgeschlossen, aber verbunden durch die gemeinsame Auffassung vom Leben, dem geschäftlichen und dem Familienleben der kleinen Juden in den Städtchen eines wenig bekannten Bezirkes. Liebe und Haß, Konkurrenzneid und Wirtschaftskämpfe spielen auch dort ihre Rolle. — Die Wärme der Schilderungen sind hervorzuheben, und die lebensvollen Darstellungen dürfen den besten Erzeugnissen östlicher Heimatkunst angereiht werden. Heinrich Kurtzig. Maximilian Stein: Vorträge und Ansprachen. (J. Kauffmann Verlag, Frankfurt.) Eine so zitatengcwaltige liebenswürdige Rednerpersönlichkeit wie Max. Stein kann man nicht besser ehren als indem | SrOUbWERO^ Qillig, idohlSchmecJiend, L nahrhaft. man ihr zur Begründung dafür, daß die Großloge U.O.B.B. (der er als im wahrsten Sinne hervorragendes Mitglied angehört) sich zum Lautsprecher seiner klingenden Gedanke« gemacht hat, auch etwas ins Album schreibt, nämlich: „Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen.“ Das flüchtige Wort, meist an Raum und Zeit gebunden, verhallt, ist auch meistens nicht der Erhaltung wert. Hier aber ist aus zwei Jahrzehnte umfassender privater Lebensarbeit eines Mannes, in dem sich der praktische Sinn des Kaufmanns mit der Geistigkeit des nachdenklichen Kulturträgers verbindet, das ausgewählt und festgehalten, was in der Tat über de» damaligen Anlaß hinaus Bedeutung für die weiteste jüdische Oeffentlichkeit besitzt. Zeiten und Anschauungen haben gewechselt — die Probleme als solche tauchen in veränderter Gestalt immer wieder auf und erheischen Lösung, Stellungnahme, so wie Max. Stein sie von der ethischen Warte des Logenmenschen aus zu geben versucht hat. Dabei ist die Gliederung in Vorträge und in Ansprache* durchaus glücklich und berechtigt. Nicht nur nach Wert und Bedeutung des Gesprochenen, auch hinsichtlich der in Frage kommenden Themen selbst. Mag es sich um bestimmte Geistesgrößen wie Nietzsche oder Beethoven, um Heyse, den Berliner Salon, um Religion an sich, Zionismus, de» Krieg handeln, so spricht, wenn auch nicht mit Kraft der Rede, so doch mit der Einprägsamkeit des nun gedruckt vorliegenden Wortes überall der jüdische Mensch zu uns, der entgegen sonstiger Gewohnheit nicht eigentlich Kritik üben, nein zur Klarheit gelangen und damit auch die anderen, die Brüder, zu einer geläuterten und gehobenen Weltanschauung bringen will. Zugleich ist dieses aus seinem eigenen Geiste geformte Denkmal eines Großen im Reiche der Loge sozusagen eine abgekürzte Ordenschronik, in der strahlengleich die verschiedensten Ereignisse aufgefangen sind, beleuchtet von dem Humor, der Gefühlswärme und Belesenheit des gewandten Redners Max. Stein. Rieh. E I b (Dresden). W. Schmidt: Der Oedipus-Komplex der Freudschen Psychoanalyse und die Ehegestaltung des Bolschewismus. (Sonderabdruck aus „Nationalwirtschaft“, Berlin W 57.) 36 Seiten. Der Verfasser bekämpft die bekannte Auffassung Freuds vom Sexualtrieb aufs schärfste, wirft ihm vor, daß er die neusten Ergebnisse der 'Ethnologie gar nicht kennt, zeigt, daß man sich jn Sowjetrußland offenbar ganz nach der Freudschen Theorie richtet, da dort Geschwisterehen oder Eltern-Kindcrehen möglich sind und wendet sich auch gegen die „Zukunft einer Illusion“. Uns geht das an dieser Stelle aber alles nur vvege* zweier Behauptungen am Schluß an, die der Verfasser freilich nur zitiert. Danach ist der Pausexualismus der Freudschen Theorie „wahrscheinlich in weitem Maße der sozialen Umgebung zuzuschreiben, in der diese Theorie ihren Ursprung hatte“. Und „man könnte den Pausexualismus aus den besonderen Kreisen erklären, aus denen ihre Vertreter und vielleicht auch die von ihnen behandelten Patienten vor allem hervorstammen“. Wenn das im Hinweis auf Freuds Judentum und das Judentum der Anhänger oder seiner Forschungsobjekte sein soll, so muß man diesen Kritikern Freuds — wozu der Verfasser unserer Schrift dann auch gehören würde — das Recht zur Kritik energisch bestreiten. Das würde heißen, antisemitische Hetzereien und Maßlosigkeiten an Stelle wissenschaftlicher Wahrheit setzen. Wir haben nicht nötig, den Kampf der Bibel gegen sexuelle Unmoral hier darzulegen. Forscher, die ernst genommen werden wollen, haben selbst die Pflicht, sich zu unterrichten. Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. sagen: er ist ein Jude. In den verzweifelten Tagen meiner Not Hatte ich die wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof zu wandern und die in der Leichenkammer zur Schau gestellten Toten zu betrachten. Es ist mir, als Ware nur bei den Toten Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn was diese tun, ist ganz und gar unerträglich." Jn diesem Buche betonte Wassermann, daß er ebenso stark wie Jude auch Deutscher sei. Beides ganz und gar, beides hundertprozentig, keins vom andern zu trennen. Diese Versicherung dünkt mir durchaus nicht etwas besonders Feststellungswürdiges zu sein, da sie für unzählige Juden des vergangenen Jahrhunderts und der Gegenwart etwas Selbstverständliches und garnicht mehr zu Diskutierendes ist. Die einfachere Tatsachen — es handelt sich hierbei nicht um Behauptungen oder Meinungen - zeigen, das; die beiden geisti- Emanationen „Deutschtum" und „Judentum" (ich meine gutes Deutschtum und gutes Judentum) durchaus nichts Gegensätzliches an sich haben, sondern sich in vielen Menschen zu großartigen und nacheiferungswürdigen Synthesen formten. Wir kennen ja auch in der anorganischen Chemie Metalle, die in ihren Legierungen etwas Höheres und Besseres darstellen, als in ihren beiden ursprünglichen Einzelbestandteilen. Warum soll soziologisch-politische Triebrichtung (Deutschtum) urrd ethisch-metaphysischer Idealismus (Judentum) nicht auch zu idealer Einheit verschmelzen können? — Mit welch zornigem Gelächter hat das achtzehnte Jahrhundert mit dem Hexenaberglauben des Mittelalters aufgeräumt, wie wird sich die Zukunft in nicht zu ferner Zeit über den Rassenaberglauben unserer Zeit amüsieren! Jn dem—Essay „Antisemitismus und Rassenfrage" fetzt sich Wassermann in geradezu klassischer Weise mit diesen Dingen auseinander, und in den folgenden ausgezeichneten Aufsätzen „Offener Brief an den Herausgeber einer Monatsschrift für kulturelle Erneuerung", „Zwei Briefe an einen deutschen Philosophen", „Der Jude als Orientale" und „Rassenantagonismus" legt er seine Ansichten über jüdische Probleme dar. Wie früher bekennt er sich mit Würde und Entschiedenheit zum Judentum und verficht in den meisten Punkten mit großer Entschiedenheit just die Anschauungen des deutschen liberalen Judentums. Mit aller Nachdrücklichkeit lehnt er dm Zionismus ab und wendet sich mit bitterem Sarkasmus gegm den bequemen und ungeistigen Antisemitismus, der so gern „die Rückkehr der Juden ins Land ihrer Väter" vorbereiten und durchführen möchte. Er ist mit Recht der Meinung, daß die geistige Rolle der Juden für immer zu Ende wäre, wenn sie sich den heute herrschenden, flachen Nationalismus zu eigen machen würden. Dann aber, in dem zlveiteu „Brief an einen deutschen Philosophen", bezeichnet Wassermann die Juden nur noch als eine Summe von Individuen, möchte ihnen jede Gemeinschaft absprechen und erklärt von sich, daß er aus eine Höhe gelangt wäre, auf der er bloß noch Individuen sähe, und von der aus jede Vergemeinschaftung wesenlos erschiene. Diese Ideal-Konstruktion ist übrigens auch - echt jüdisch und nicht neu. Spinoza hat einmal in einem Briefe an Rentsmer ganz Aehnliches geschrieben. - Wenn ich Wassermann widerspreche, tue ich es sicherlich mit tiefstem Respekt vor ihm und gewissermaßen mit dem Hut in der Hand; aber diese seine Ansicht scheint mir doch eine bloße F-tttion zu sein. Ebenso könnte jemand in schlechter Lust atemholend sagen: es ist mir hier zu stickig und muffig, ich ziehe es vor, in einem luftleeren Raum zu leben. Das ist mm einmal praktisch unmöglich. Und auch nicht erstrebenswert. Schon das Lebenswerk des Dichters widerspricht dieser Fiktion. So vieles in seinem Wesen - und vielleicht sein Bestes, wie zum Beispiel seine sich in jedem seiner Werke manifestierenden sittlichen Forderungen, sind Engramme der jüdischen Gemeinschaft. Das Wirken dieser ist heute nötiger denn je. Die Mission des Judentums, das schon in grauer Vorzeit mit noch nie auf Erden dagewesener Glut ethische Postulate formulierte und durchführte, hat, wie mir scheint, in gegenwärtiger Zeit verstärkt und tteu zu beginnen, wenn das Dasein lebenswert werden soll. Ohne Organisation, Vergemeinschaftung ist praktische Wirkung aber unmöglich. Richtiges „Judentum", das ist nichts anderes als Sittlichkeit, „jüdisch Wirken" ist nichts anderes als die Menschen bessern, als das „deinen Nächsten wie dich selbst" in die Praxis umsetzen. Auch die Sowjet-Machthaber wollen die Welt „verbessern" (Praxis: jede Woche ein paar Dutzend Erschießungen). Man beachte hiergegen zum Vergleich den vor kurzem erfolgten flammenden Aufruf russischer Juden gegen dieses Treiben! — Noch eins. Sehr starke und scharfe Worte hat Wassermann zegen die Ostjuden, gegen diese „Scharen halb barbarischer, lebens- und beutegieriger, generationenlang in Ghettowildnis gefangen gewesener und infolge des Krieges unglücklicherweise auf Deutschland losgelassener polnischer und russischer Juden" geprägt. Wo blieb das Gerechtigkeitsgefühl des Dichters, als er dies schrieb? — Inzwischen hat er seine harten Aeußerungen bereut und sie ösfentlicht widerrufen. Es ist aber bedauerlicherweise anznnehmen, daß seine geänderte neue Erklärung zu dieser Frage nicht in alle die Hände gelangen wird, die nach seinem großen Essay-Werk gegriffen haben. Ohne Zweifel sind manche Ostjuden recht unsympathisch und ethisch minderwertig, oder, richtiger gesagt, noch ethisch minderwertig. Ist es aber ihre Mehrheit? Werden es ihre Nachkommen sein? Muß man beim Begriff „Ostjude" immer nur an gewisse Schädlinge der Gegenwart denken? Allein in Preußen gibt es mehrere Universitäts- Ordinarien, die Gelehrte von Weltruf sind, der Gesamtheit unendlich viel genützt haben und ihrer Herkunft nach reine Ostjuden sind. Der Ruhm des großen Zauberers Max Reinhardt (Nathan Goldmann, ein Ostjude!) ist in alle fünf Erdteile gedrungen! —- Einer der tüchtigsten deutschen Verleger, der für die deutsche Kultitr außerordentlich viel getan hat, der auch fast alle Bücher von Wassermann verlegt hat, Samuel Fischer, ist Ostjude und hat Berlin wohl auch zum ersten Mal iit seinem Leben vom Schlesischen Bahnhof aus betreten! — So einfach liegen diese Dinge nicht. Das wirkliche Leben ist so vielgestaltig und bunt, daß es sich nie auf eine Formel bringen läßt. Wassermann hat Recht, wenn er den Katrtpf gegen den Antisemitismus als aussichtslos bezeichnet. Aber schließlich wurzelt alle judenfeindliche Propaganda, soweit sie sich geistig gebärdet, in bloßen Theoriett. Und die beste Widerlegung gegen jede Theorie ist der lebende Mensch! Das Leben und Schaffen des Dichters Jakob Wassermann weist ebenso wie das vieler anderer deutscher Dichter jüdischen Blutes eine unlösliche Verflochtenheit und Verschmelzung deutscher itnd jüdischer Kultur und Geistigkeit auf. Jeder unbefangen Urteilende wird zugeben, daß die großen jüdischen Schaffenden in Deutschland nicht nur ihre räumliche Heimat hier haben, sondern, auch nach jeder Richtung hin ihre geistige. Die jüdische Nuance im Kulturleben und in der Kunst unseres Vaterlandes stellt für dieses eine wertvolle und unerläßliche Bereicherung bar. Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin.

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