Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 51 (18.12.1929)
- Date
- 1929-12-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Würzbmg. (Kamps um das Frauen Wahlrecht.) Die Küllusgcmeinde Versammlung vom 8. Dezember 1929 verlief äußerst bewegt. Die Erörterungen bezogen sich lediglich auf di« Frage des passiven Wahlrechts der Frau. Von der liberalen Seite wurde dieser Antrag gestellt und von Frl. Dr. Stahl sehr geschickt begründet, insbesondere unter Betonung der Notwendigkeit, daß die Frau Einfluß auf den Unterricht in der jüdischen Schule und auf den ganzen Kreis der sozialen und charitativen Aufgaben gewinne, die den Kultusgemeinden obliegen. Von Seiten der Orthodoxie wurde der Antrag bekämpft mit dem Hinweis darauf, daß seitens der orthodoxen Rabbiner diese Frage als religiöse Frage bezeichnet sei. Rabbiner Dr. Hanover betonte dresc Auffassung als die vorherrschende und vertrat den Stand-- Punkt, daß die Mitarbeit der Frau in Ausschüssen möglich gemacht lverden könne. Demgegenüber nahm der Vorsitzende des liberalen Vereins, Justizrat Dr. Rosenthal, mit Entschiedenheit den Standvunkt ein, daß die ablehnende Haltung der orthodoxen Kreise auf den, Minderwertigkeitsgedanken bezüglich der Frau hinausläuft, der mit der Stellung der Frau im heutigen politischen und Wirtschaftsleben im Widerspruch stehe. In einem Brief des orthodoxen Rabbiners Dr. Nobel in Frankfurt a. M. ist die Auffassung vertreten, daß Bedenken gegen das passive Wahlrecht der Frau nicht bestünden, die Frauen seien bereit, die Einschränkung zu dulden, daß sie weder als Vorstandsmitglied der Kultusgemeindcn gewählt werden könnten und saß ihr Stimmrecht ruhen werde, wenn es sich um ausschließliche Fragen des Kultus und Ritus handle. Eine im Hinblick auf die sehr zahlreich besuchte Versammlung sehr schwierige und unübersichtliche Abstimmung ergab eine starke Mehrheit für die Ansfassung der ortho doren Richtung. Augsburg. (Juden in d c r Medizi n.) Am 12. Dezember sprach Herr Sanitätsrat Dr. Julius Raff auf Grund einer Einla dnng der Vereinigung für das liberale Judentum, des Israelitischen Frauenvercins und des Jüdischen Jugendvereins Augsburg über das Thema: „Jrrden jn der Medizin". Schon im alten Testament und im Talmud spielte die Gesundheitspflege eine große Rolle. Man denke an die Speisegesetz«, an die vorgeschriebenen Waschungen, die Sabbatruhe, die Beschneidung. Wenn auch in Mitteleuropa die geschichtlichen Quellen der medizinischen Wissenschaft bis ins 5. Jahrhundert zurück reichen, so beginnt doch eigentlich erst mit der Reformation die Ueoerlieferung häufiger zu werben, während das eigentliche Studium überhaupt erst im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter des Rationalismus, -anhevt. Von einem jüdischen Leibarzt hören tvir erstmals um die Mitte des 9. Jahrhunderts. Darnach weist erst das 15. und die sol genden Jahrhunderte eine große Reihe jüdischer Aerzte, auch Aerztinnen, aus. Der Vortragende sprach bann von ihrer Stellung in den einzelnen Ländern rurd wies aus die Mediziner hin, bi« sich eines besonderen Ansehens erfreuten; so Jehuda den Halevi und Maimonides in Svanien, Raschi in Frankreich. Besonders eingehend behandelte Herr Dr. Raff die Geschichte der jüdischen Aerzte in Deutschland. Ta in Siiddeutschland die Emanzipation erst spät eintrat, vermißt man hier ursprünglich auch hervorragende Gestalten. Erst nach 1848 nahm die Zahl der jüdischen Aerzte rapid zu, zumal den Juden eine Reihe anderer Berufe versperrt blieb. Bon Kapazitäten wurden genannt: Traube, Senator, Weigert, Romberg, Mendel, Oppenheim, Hirschberg, 'Wassermann, Ehrlich, Israel, Jakobi, Freud, Hirschfeld, Gerson u. a. Tie Anzahl der jüdischen Aerzte wird leicht überschätzt, da sic sich in veu Städten zusammendrängen, während man sie auf dem' Land kaum antrifst. Trotz der Uebersetzung des Aerztestands und der Möglichkeit eines Boykotts hegt aber Herr Dr. Raff für die Zukunft! keine Befürchtungen, wenn die jüdischen Aerzte fortfahren, mit Eifer und Geschick ihren Beruf auszuübeir. Reicher Beifall lohnte die interessanten Ausführungen des Vortragenden. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B., Bezirk-s gruppe Süde n.) Am Dienstag, den 10. Dezember, veranstaltete die Bezirksgruppe Süden des Liberalen Vereins einen Vortragsabend. Nach der Eröffnung der Versammlung durch Herrn Rechtsanwalt Tr. Manfred Meyer hielt Herr Tr. S. L o n d o n niicu Vortrag über „Gemeindepolitische Tagesfragen". Der Redner ging von der Entwickelung des Liberalismus aus und zeigte an praktischen Beispielen den Weg, den der jüdische Liberalismus dis zur Jetztzeit gegangen ist. Er ging dann toeiter auf die Verdienste der Liberalen und des Gemeindewesens, die Wohlfahrtspflege, die Gottesdienstausgestaltung und vieles andere ein und sprach über die Tätigkeit der liberalen Fraktion in der jetzigen Repräsentantenversammlung, seren Zusammensetzung er zeigte, und ihre bisher geleistete Arbeit. Als besonders verdienstvoll für den Liberalismus erwähnte er die Gleichstellung der Frau im Gottesdienst, sowie die Einführung des Zusammensitzens der Geschlechter in der neuzuerbauenden Synagoge Priuzregcntenstraße und wies darauf hin, was der Liberalismus für die religiöse Unterweisung der J-ugeud getan hat, wobei die Frage der konfessionellen Schule kurz berührt wurde. .Nachdem der Redner noch die innenpolitischen Aufgaben der liberalen Fraktion in der Repräsentantenversammlung erörtert hatte, wobei er eine Einmengung 'n die Abwehrbetvegung von seiten der Gemeinde ablehnte, schloß er feinen eindrucksvollen Vortrag mit einem Appell, die jüdisch-liberale Bewegung zu unterstützen, damit bei den Wahlen 1930 der Liberalismus den Sieg davontragen möge. Jn der sich anschließenden Diskussion beteiligten sich die Herren Dr. Tomke, Dr. Goldmann und Herr Silberstein lebhaft. Mit einem Dank des Vorsitzenden an den Referenten des Abends für seine prägnanten Ausführungen, die die Ziele des jüdischen Liberalismus und die einzuschlagenden Wege in kurzer Zeit aufzeigten, schloß der interessante Abend. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Be'rlin E. V.) Die Bezirksgruppe Chartoltenburg-Ost des Liberalen Vereins für sie Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V. hatte am 10. Dezember 1929 pn Trausaal der Synagoge Fasaueustraße eine Mitgliedewersammlung einberuscn. Herr Ernst Kohn, der bisherige Leiter der Bezirksgruppe, erstattete den Geschäftsbericht über das vergangene Jahr. Alsdann schritt man.zur Neuwahl des Boritandes der Bezirksgruppe Charlottenburg-Ost. Danach gehören nunmehr ^dem Vorstande an: Alfred Jaulus als 1. Vorsitzender,, R.-A. Dr-. Jul. L- Seligsohn als Delegierter des Hauptvorstandes, ferner Dr. Jacques Abraham, Regierungsrat Dr. Ludwig Berliner, Rabbiner ll' nct' 3rrau Max Jaffe, Karl Jandorf, Bruno Kantorowicz, Ernst Kohn, Georg Poppers, Siegmund Salinger, Moritz Schloß. Es erfolgte dann eine Aussprache über eine neu ins Leben zu rufende liberale Jugendorganisation, an der sich die Herren Alfred Jaulus, Heinz Levy, Moritz Rosenthal, Baumeister Kohn und Direktor Dr. Kleemann beteiligten. Im Lause dieser Unterhaltung gab Herr Jaulus seine Zusage ab, diesen Bestrebungerr ganz besonders mit Rar und Tat zur Seite zu sichen. Herr Rabbiner Dr. Weyl nahm dann das Wort zu seinem Vortrag: „Aus der ältesten Geschichte der Berliner Juden". Er bekuB man das Jahr 1671 das Geburtsjahr der Berliner Jüdischen Gemeinde nenne, es aber schon vorher einmal eine Gemeinde gegeben haben soll und von dieser Zeit wolle er sprechen. Kurfürst Friedrich erließ im Jahve 1446 den Befthl, alle Juden gefangen zu nehmen und zu vertreiben. Dem damaligen Bischof war es zu verdanken, daß dieser Befehl rückgängig gemacht und die Juden wieder zurückkehren durften. Dies geschah nicht etlva aus Menschenfteundlichkeit, sondern nur der Abgaben wegen, die sie an die kurfürstliche Kasse zu machen hatten. Jn den Vordergrund seiner Erzählungen stellt der Reserent erneu Prozeß, der sich im Jahre 1510 abspielte und in den die Juden mithineingezogen wurden. Der zu dieser Zeit regierende Kurfürst gestattete den Juden m mehreren kurfürstlichen Städten Aufnahme gegen den zu zahlenden .-»rns. In einem Dörfchen im Havelland waren eine Monstranz und zwei geweihte Hostien aus der Kirche gestohlen worden. Ein Kesselflicker wurde beschuldigt, der schließlich auch die Tat gestand. Durch Folterungen brachte man ihn zu der falschen Aussage, daß an dem Diebstahl auch Juden beteiligt gewesen seien, nur um dem Kurfürsten zu zeigen, wie sein freundliches Entgegenkommen den Juden gegenüber gedankt würde. Der Prozeß endet damit, daß 51 Juden an dem Verbrechen an der Kirche mitbeschuldigt werden, die aus Angst vor Herr Folterqualen ihre Schuld zugeben. Sie wurden teilweise auf dem neuen Markt gehängt und geköpft. Es war dies ein einfaches Verfahren, da man dadurch gleichzeitig auch die Schulden an die Juden los war. Zum Schluß seiner Ausführungen bemerkt der Referent, daß er mit seinen Ausführungen nur den praktischen Wert seiner geschichtlichen Studien zeigen wollte. Jeder Einzelne soll sich von seinen philiströsen Eigenschaften frei machen und tragen Helsen an der Last des Ganzen. Wer sich aber zur Mitarbeit meldet, der müßte «ine zwiefache Kunst beherrschen, die Mängel zu scheu, die noch da sind, aber auch den Fortschritt, der erzielt wurde. Würzburg. (Bedeutung und Ziele des liberal e n Judentum s.) Am Donnerslag, den 5. Dezember 1929, referierte in einer überaus gut besuchten Versammlung im hiesigen Bahnhof-Hotel Herr Generalsekretär Goetz-Berlin über „Bedeutung und Ziele des liberalen Judentums". Im wesentlichen führte er aus, daß die Bedeutung des liberalen Judentums bereits vor ca. 800 Jahren erkannt und festgelegt worden sei. Es wolle den Geist von seinen Erscheinungsformen trenne», Judentum izr seinem Wesen nur als Religion betrachten, und Gotteserkenntnis und Liebe in einem Begriffe verschmelzen. Das historische Judentum stellte er als einen Teil bczw. 'Faktor der Welt hin unter den Gesichtspunkten: Reform, Assimilation und .Emanzipation. Redner beendigte seine geistig überaus hochstehenden Ausführungen mit einem warm und herzlich gefallenen Appell, daß es nur ein frisches Vorwärts in die Zukunft gäbe für uns Juden, für das gesamte Judentum zum Wohtc der gesamten Menschheit u,rd jeder Jude nach bestem Können dazu beisteuern möge. Daran anschließend eröfsnete der Vorsitzende des Vereins, Herr Justizrat Tr. Karl Rosenthal, eine allgemeine Aussprache über den Entwirf der neuen Gemeindesatzung, die noch in einigen Punkten einer Aenderung bedurfte. Mit einer Debatte über diese Frager: und einer entsprechenden Formulierung der Aenderungsanlräge ait die Gemeindeverwaltung fand die aus einem hohen geistigen Niveau gestandene Veranstaltung ihren Abschluß. Der Friedhofsschänder Von L i e Lassmann-Heinemann Peter Lohmann, der Schmied, war Antisemit. Er war Antisemit mit Haut und Haaren, sozusagen von Stammes her. Schon Peters Vorfahren hatten den Ruf von Judenfressern besessen. Als vor etlichen hundert Jahren jüdische Familien um die Erlaubnis zum Ansässigmachen im Orte nachgesucht hatten, war es eine Ahne Peters gewesen, der den Zuzug der Juden mit allen Mitteln zu hintertreiben versucht hatte. Aus einem unbegründbaren, gewissermaßen angeflogenen Antisemitismus heraus. Die Genehmigung wurde erteilt. Die Juden ließen sich nieder. Der angeflogene Haß des alten Lohmann gegen die Juden schlug Wurzel, wurde seßhaft in der Familie. Und ebenso, wie sich das Schmiedehandwerk bei den Lohmanns immer wieder vom Vater auf den Sohn fortgeerbt hatte, so war auch der Judenhaß in der Familie Erbgut geworden. Im Orte hatte Peter das Ansehen eines rechtlichen Mannes. Zwar neigte er zu Jähzorn und Gewalttätigkeit, — Eigenschaften, die von jeher bei den Lohtnanns zu Hause waren, — doch hatte eine gewisse Biederkeit in seinem Charakter bisher die Oberhand behalten. Als einige Jahre nach Ausgang des Weltkrieges eine durch Hetzreden fanatischer Anführer aufgewiegelte Generation unter dem Schlagwort nationaler Wiedergeburt gegen den jüdischen Teil der Bevölkerung Front machte, hielt auch Peter die Zeit für gekommen, gegen die verhaßten Juden vorzugehen. Beeinflußt von der allgemeinen Stimmung jener Tage leistete mehr als die Hälfte der männlichen Bevölkerung des Ortes seiner antisemitischen Propaganda Gefolgschaft. Die Mannen wurden bewaffnet, Peter Lohmann hielt blutrünstige Reden. Es sah aus, als sollte im Orte keine jüdische Seele mehr übrig, kein Stein jüdischen Besitztums mehr auf dem anderen bleiben. Die antisemitische Welle flaute ab. Der im Grunde genommen triedlichen Bevölkerung schien die Besinnung wiedergekehrt zu sein. Der Schwarm um Peter Lohmann verlief sich. Nach kurzer Zeit stand Peter allein. Da erhielt er einen Genossen, der ihm merkwürdigerweise in der Blütezeit jener Bewegung fern geblieben war. Es war der „Krämer Jakob". Der Krämer Jakob galt als Judenfreund. Seine Frau war Schneiderin. Ihre Kundschaft bestand fast ausschließlich aus jüdischen Familien. Er selber führte einen Kramladen. Da er es nicht verstand, mit seinen jüdischen Konkurrenten Schritt zu halten, ging sein Geschäft sehr schlecht. Das mochte wohl der Grund sein, weshalb der Krämer Jakob im Innern den Juden nicht grün war. Jedoch mit Rücksicht auf die jüdische Kundschaft seiner Frau geschahen seine Besuche beim Schmied im Geheimen, wie es der Krämer Jakob überhaupt verstand, seine feindselige Gesinnung gegen die Juden hinter einem besonders freundlichen Gebahren zu verbergen. Die Zwei saßen häufig beisammen und ergingen sich in Schmähreden und Drohungen gegen ihre Feinde. Der Schmied tat öfter die Bemerkung: Ich werde es ihnen schon zeigen. Sie sollen nichts zu lachen haben! Wenn bis jetzt von ihm auch noch nichts geschehen war, so lag nach seinem Ausspruch der Grund darin, daß ihm noch nichts Rechtes eingefallen war. Sein Sinn stand nicht danach, einen einzelnen Juden zu schädigen, — alle sollten sie getroffen werden. Und das, ohne daß ihm etwas nachgewiesen werden konnte. Das war nicht so einfach und brauchte seine Zeit. — — Peter Lohmann stand am Amboß bei der Arbeit. Da hörte er durch die offene Türe der Werkstätte herein Pferdegetrappel und den Schritt langsam gehender Menschen. Neugierig geworden trat er vor die Türe. Er trat zurück, wie von der Natter gebissen. Sie fuhren einen Juden zu Grabe. Wie ein Blitz flammte ein Oedanke in ihm auf. Er lachte wild auf, daß der Geselle verwundert zu ihm herüberblickte. „Laß die Arbeit liegen! Gehst mir zum Krämer Jakob! Er soll gleich nerüberkommen!" Bald kam der Geselle zurück und meldete: „Der Krämer Jakob ist mit der „Lavaje" gegangen. Er käme abends herüber, habe die Frau gesagt." Der Schmied brummte etwas von „Duckmäuser" und noch Schlimmeres. Als ihm Peter Lohmann seinen Plan auseinandergesetzt hatte, lachte der Krämer. „Das ist nichts Neues mehr. Alle paar Tage steht in der Zeitung, daß in einem Judenkirchhof ein paar Steine umgeschmissen worden sind. Aber es ist schon das Richtige. Da werden sie schreien!" Er lachte sich eins im Vorgefühl der Tat.- Sie warteten Neumond ab. Durch das Fenster, auf einer Leiter, die der Krämer von außen an das Haus angelegt hatte, verließ der Schmied gegen Mitternacht seine Kammer. Er hatte sich mit einem Schmiedehammer ausgerüstet, der Krämer trug eine Laterne. Auf Umwegen gelangten sie zum Friedhof. Der Krämer entzündete seine Laterne. Sie überstiegen die Mauer und standen im Friedhof. Ein Besuch bei den Toten zur Nachtzeit ist keine mutmachende Angelegenheit. Man braucht kein Hasenfuß zu sein und man darf eine weniger schurkische Tat im Schilde führen als die Beiden, und es könnte einem angesichts der Reihen stummer Gräber, angesichts der Bäume, deren Aeste sich im Scheine der Laterne gespenstig bewegen, ein Gruseln befallen. Der Krämer zittert. Er macht sich Mut, indem er ein lautes Gespräch beginnt, Witze reißt und hin und wieder lacht. Der Schmied bleibt stumm. Sie kommen von der Seite auf die Gräber zu. Der Schmied macht Halt. „Heb’ die Laterne hoch!" Es ist der Stein des Samuel Levi, vor dem sie stehen. Den „Schmuhl" haben sie beide gekannt. Es mögen ungefähr zehn Jahre her sein, seit er gestorben ist. Der Schmied hebt die Arme. Ein Krach, und der Stein fällt vornüber auf das Grab des Schmuhl. Ein Hagel von Schlägen ergießt sich über den armen Stein, bis nichts weiter von ihm übrig ist als ein Haufen Geröll. Der Schmied rast. Stein um Stein fällt unter seinen gewaltigen Streichen. Keuchen entringt sich seiner Brust. „Ihr verdammten Juden! Ihr verdammten Juden!" Um nicht nur stummer Zeuge zu bleiben, zischt der Krämer, der mit der Laterne leuchtet: „Ha! So ists’ gut, Peter! Gibs’ ihnen nur, Peter!" Der Schmied bedarf keiner Anfeuerung. Glühender Haß, aus Respekt vor den Gesetzen und aus einem Rest von Rechtlichkeitsgefühl bisher zurückgedämmt, überströmt seine Ufer, schafft sich Befriedigung in dieser wahnwitzigen Tat. Der Krämer ist verstummt. Eine Reihe Steine liegt zerschmettert auf den Gräbern. Es scheint, als wolle der Schmied den Friedhof einlegen. Der Krämer zupft ihn am Aermel. Der Schmied blickt wild zu ihm herum. Angesichts seines Kumpanen, der ihm mit der Laterne ins Gesicht leuchtet, kommt er zur Besinnung. Er lacht, kurz, heiser, läßt den Hammer fallen und wischt sich die Stirne. Auf dem gleichen Wege, auf dem sie hereingekommen, verlassen die Beiden den Friedhof. — — Wer beschreibt das Entsetzen des Schammes, als er anderen Tags auf den Friedhof kam und die angerichtete Verwüstung entdeckte. Grenzenlose Trauer bemächtigte sich der Juden im Orte. Man wohnt zwei, drei Menschenalter in einer Gemeinschaft. Man ist gemeinsam aufgewachsen, hat zusammen gespielt, hat gemeinsam die Schulbank gedrückt. Ihre Söhne haben für das Vaterland geblutet, — auch unsere Söhne haben für das Vaterland geblutet! Man fühlt sich neben den Andersgläubigen als ein gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft. Barmherziger! Jetzt verwüsten sie die Stätten unserer Toten! Ehrliche Entrüstung erfüllte auch die christliche Bevölkerung des Ortes. Nach Feierabend steht man in Gruppen beieinander und bespricht bedrückt, fast beschämt, das Vorgefallene. Wie konnte so etwas geschehen! Es ist eine Schande! Es ist eine Schande! Wer kann das getan haben!? Selbst die den Juden Schlechtgesinnten sagten: „Das hätte es nicht gebraucht!" Der Krämer Jakob springt von einer Gruppe zur anderen, fuchtelt mit den Armen und schreit: „Totschlägen sollte man die Kerle! Totschlägen sollte man die Kerle! Trotz eifriger Bemühung gelang es der Polizei nicht, die Tat aufzuhellen. Ein gewisser Verdacht fiel auf den Schmied. Es konnte ihm jedoch nichts nachgewiesen werden, und nach fünf Tagen Haft mußte ihn die Behörde wieder freilassen. Der Geselle hatte ausgesagt, der Schmied habe sich am fraglichen Abend zeitig zur Ruhe in seine Kammer begeben und sie vor dem Morgen nicht wieder verlassen. Am Abend des Tages der Haftentlassung schlich sich der Krämer Jakob zum Schmied in die Stube. „Das haben wir fein gemacht, was? Sie können dir nichts nachweisen!" Der Schmied, der mit aufgestützten Armen ^m Tische saß, blieb stumm. Der Krämer fuhr geschwätzig fort: STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTEUUN« BERLINW 66 £ NAUERSTR. 79 MRNRUFs ZENTRUM 5023 n. 9024 BLUMENSPENDEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK IHHEEDEKOIATIOHEH ID MltMMI USfflNM