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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-12-11 · 50 (11.12.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
50 (11.12.1929)
Date
1929-12-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nochmals die Neujahrspredigt des Herrn Dr. Jsmar Freund Boa Rechtsanwalt Tr. Ernst Emil Schweitzer, Berlin. I. In der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 2. November 1929 habe ich einen Artikel veröffentlicht „Ter Kampf der jüdischen Parteien", in deni ich mich mit besonderer Schärfe gegen che Neujahrspredigt des Herrn Tr. freund gewandt habe. Ich bin bei Abfassung meiner Arbeit davon ausge gangeii, daß diejenigen Ausführungen, die Rechtsanwalt .Hei» rich Stern in der Repräfenlanlenverfammlung geinacht hatte, inhaltlich nach jeder Richtung hin zutreffend waren, und daß insbesondere Tr. Freund die von Herrn Rechtsanwalt Stern in feirrer Rede »viedergegebenen, die Unterzeichner des Ans rujcs schwer belrioigrnden Ausdrücke gebraucht batte. Ich habe diese Annahme zugrunde legen müssen, weil itarh den mir vorliegenden Berichten Sterns Ausführungen in talsäch licher Hinsicht nicht bestritten worden waren. Andererseits hatte her Gemeindevorstand, worauf gerade der Ton meines Artikels lag, jede Nachprüfung des Berhaltcns des Tr. Freund gnindfätzilch abgelehnt. Wir Unterzeichner des Allsrufes waren also in folgender Hage: Pr ach den vorliegenden Berichten waren wir in einer Predigt in der denkbar schwersten Weise persönlich angegriffen und beleidigt worden. Jede Aufklärung des Faltes durch disziplinarische Untersuchung, wie sie an sich dem Wesen einer ordnungsmäßigen Verweil tung entsprochen hätte, wurde ttns von voritherein grnnd sätzlich verweigert. Wir selbst hatten keinerlei juristische Be juguis, uns au; eigene Faust als Et ja'."Ti sz: pl i nar behöree rinznsl.'^cn itnc Herrn Freund, sowie seine Zuhörer einander gcgtnülnr-nße;len. Ta sich de^ Gemeindevorstand nach seiner Erklärung einer Erm'itUuug des Tatbestandes grundsätzlich entzog, so konnten wir uns nur an die vorliegenden Berichte Hallen, und lvir mußten unsere elementaren Interessen dadurch schäl en, das wir Herrn Tr. Freund so enlgegentraten, wie dies durch den Inhalt der B>.richte über peiue Rede als geboten erschien. Inzwischen ist eine Wandlung eingelreien. Tr. Freund hat in Inlcrejsenttutst eisen einen stenographischen Bericht über seine Rede verbreitet und legt Wert daraus, das; er gerade die uns schwer beleidigenden Ausdrücke nicht gebraucht uat. Ta mit ist ein moralischer Erfolg der Gegenaktion der Jüdisch liberalen Zeitung herbei geführt worden.. T emr Tr. Freund bringt dadurch -um Ausdruck, daß er solche Angriise. wie. er sie nach den, zunächst vorliegenden Berichten gegen die Unterzeichner der Erklärung gebraucht haben so'!, selbst in einer Predigt nicht für zulässig erachtet. Es wird also damit der empörende Eindruck beseitigt, beit wir aus dem Ursprung Ucheu Bericht der Repräscnranteuversammluug gewinnen mußten, und der dahin ging, daß, die Unterzeichner der Erklärung selbst im Gotteshause jedem noch so l'.e,Ligen Angriffe schutzlos ausgesetzt wären. Während ursprünglich seitens des Ge meindevorstandeS snach dem von mir wicdergegebenen Berichte der Jüdischen Rundschau vorn l. ll. 1929) die beinahe höhnische Erklärung abgegeben worden war „Ueber Fragen des Taktes lassen sich eindeutige Urteile nicht abgeben" eine Erkläruttg, die im Zusammenhang mit jeirer Debatte von der Oeffentlichkeit dahin ausgelegt werden mußte, daß der Bovstand die Angriffe, auch wenn sic in der von Rechts anwalt Stern wiedergegebenen Weise erfolgt waren, billige und, auch wenn sie in Zukunft wiederholt würden, gern dulden würde legt man jetzt, nachdem die Gegenaktion erfolgt ist, umgekehrt Wert daraus, daß jene Angriffe in der seinerzeit von Tr. Stern angenommenen Weise nicht erfolgt sind. Tatsächlich finden sich die von Rechtsanwalt Stern wiedergegebeuen Wendungen nicht in dem von Tr. Freund selbst verbreiteren stenographischen Berichte. - .Herr Rechtsanwalt Ster» hat mir persönlich mitgeteilt, das; er in die Richtigkeit der Freundschen Wiedergabe keine ßweisel setze und daß davon auszugehen sei, daß sein ihm als durchaus Vertrauenswsürdige Persönlichkeit bekannter Gewährsmann doch im vorliegenden Falle kein absolut genaues Bild von der Rede gegeben habe. Tanach erkenne ich gern an, daß der jetzt vorliegende Text das Freundsche Borgehen doch nicht;o kraß erscheinen läßt, als ich bei Abfassung meines Aufsatzes in der Rümmer vom 29. November d. Is. annahm. Wäre mir der Text der Freundschen Rede in der jetzt vorliegenden Form bekannt gewesen, so hätte ich zwar auch dann noch mich mit allem Nachdruck sowohl gegen das Verhalten des Gemeindevorstandes, als auch gegen das Vor gehen des Tr. Freund gewandt, ich tvürde auch daun nach wie vor betont habe», daß die Angriffe des Tr. Freund gegen die Unterzeichner der Erklärung ganz abgesehen von der in diesein Zusammenhänge belanglosen Frage, ob sie nun sachlich berechtigt gewesen waren oder nicht im Hinblick aus den Ort und die Stunde der Ausführung geschmacklos und Unzulässig waren. Ich würde aber diejenigen Wendungen meines Artikels vermieden haben, in denen man persönliche Nnwerturteile über Herrn Tr. Freund erblicken könnte. Ich stehe also nach der nunmehr erfolgten Berichtigung nicht an, zu erklären, daß ich jene Wendungen meines früheren Artikels nicht mehr aufrecht erhalte. II. Was nun die Predigt des Herrn Tr. Freund selbst an betrifft, so scheint sie mir sowohl im Hinblick aus die Billigung, die sie durch den Gemeindevorstand erfahren hat, als auch mit Rücksicht aus die besondere Stellung, die Tr. Freund sowohl in der Berliner Gemeinde wie im Preußischen Landesverband einnimmt, einer näheren Betrachtung wert. E S b e ft e h t die Gefahr, daß andere Prediger und insbesondere die jüngere Generation sich aus Grund dieser Predig;, die ja in den Mittelpunkt des Interesses gestellt und nunmehr weitere n Kreisenzugänglich ge m a ch t worden i st,s i ch ein ganz f a l s ch e S B i t d darüber machen, w a s dem Prediger i in Gotteshaus erlaubt und was i h in verboten i st. Gerade im .Hinblick daraus, daß diese Rede auch noch in der Zukunft fortdauernd Böses gebären und nicht nur den inneren Frieden, sondern auch den religiösen Geist in unseren Kreisen schwer gefährden kann, erscheint es notwendig, nochmals mit aller Klarheit auszusprechen, daß die Predigt des Herrn Dr. Freund auch nach dem nunmehr vorliegenden eigenen Bericht ein Beispiel dersür ist, wie eben gerade an Feiertagen aus der Kanzel nicht gesprochen werden darf. Hierbei hebe ich nochmalS hervor, daß es die Hineintragung der politischen Zwietracht in das politische Leben ist, was so verurteilenswert erscheint, und daß es bei dieser grundsätzlichen Stellung nähme nicht darauf ankommt, ab sich im Einzelplle eine derartige Methode gegen die Unterzeichner der Erklärung oder gegen irgend eine andere Richtung wendet. Zunächst ist gegenüber dem falschen Bild, das sich aus der Repräsentantenversammlung leicht ergeben könnte, folgendes festzustellen: Es steht nicht etwa so, baß Tr. Freund' die „Erklärung deutscher Juden" von Anfang an zum ausdrücklichen^ Gegenstände seiner Predigt gemacht hätte. Tie Rede umfaßt in der mir vorliegenden Wiedergabe Seiten. Trvvn wären die ersten reichliche Seiten einwandfrei gewesen, wenn Freund mit ihnen die Rede geschlossen hätte. Erst der Schlußteil dieser Rede gibt zu den Beanstandungen Anlaß, und es erscheinen dann freilich auch die früheren Ausführungen, wenn man sie von der Beleuchtung des Schluß'.eils ansieht, in einem ganz anderen Lichte. Ten Ausführungen ist das Motto vorangesetzt: „Und sie sollen werden alle'zu einem Bunde, Deinen Willen friedlichen .Herzens zu erfüllen." Im Anschluß hieran heißt es dann etwa im eisten Teil der Rede: „Dieses Gebet ist für uns in diesen ernsten Stunden der Einkehr eine ernste Mahnung, den Gedanken der Einheit ausznrichlen als Ziel und Leitstern unseres Lebens. Es ist eine Mahnung, die nicht nur an den Einzelnen geht, es ist vielmehr die Botschaft des Judentums an die Menichheit. Es ist ein Gedanke, der anknüpst an den Grundgedanken der Schöpfungsgeschichte; daß, mie die Welt von der Einheit der Menschheit ausgegangen ist, sie ein mal wieder über alle Zersplitterung und Zerklüftung der Böller hinweg sich zurücksinden muß zu dieser Einheit; das; die Menschen begreifen müssen, daß sie nicht dazu da sind, sich zu hassen und zu zerfleischen, und die Nationen nicht dazu, die Gegenstände herauszukehreu, um sich zu bekämpfen." Aber dieser Wunsch „Gott zu dienen mit einem Herzen voll Friedfertigkeit" schließt dann nicht aus, daß Freund im letzten Teil feiner Rede trotz des Ernstes des Feiertages schwere Angriffe gegen die Unterzeichner der Erklärung erhebt. Es heißt dori: „Wir erheben gewiß in dieser Stunde keine Angriffe und sprechen niemand zuliebe und niemand zuleide. Aber ü'ir müssen uns klarmachcn, bis zu welchem Grade die Verwirrung in unseren eigenen Reihen gediehen ist, wenn es möglich i;t, daß in diesen Tagen als Auftakt unserer heiligen Feste ein Ruf hinansging in die Welt, der das Judentum nicht nur innerlich zerreißt, sondern der die Achtung vor ihm draußen in der Welt aufs Tiefste gefährdet ." sonne ferner: „Es ist für uns unverständlich, daß in dem Augen blick, rvo das Weltgewissen ausschreit nach Sühne für das Furchtbare, ein Ruf erschallen konnte, von dem man sich wohl nicht bewußt war, aber sich doch sagen mußte, daß er geeignet war, unseren Brüdern in dem Kampf um ihr Schicksal in den Rücken zu fallen und den Schrei der Pergeltung zu lähmen." Sehen wir einmal ganz davon ab, in wie kränkender Weise sich diese Ausführungen gegen die Unterzeichner der Erklärung richten, so erscheinen diese schon aus anderen Gründen höchst anstößig. Es wird der Erklärung insbesondere zum Borwurf gemacht, daß sie geeignet wäre, „den Schrei der Vergeltung zu lähmen". Hierzu ist zunächst vom politischen Standpunkte aus zu sagen, daß die Untersuchung der Unruhen der englischen Regierung und den englischen Gerichten obliegt. Daß dieser Rechtsstaat sich seiner Pflicht vollauf bewußt ist, geht gerade auch aus den eingehenden regelmäßigen Berichten der Jüdischen Rundschau hervor. Wenn nun Dr. Freund dem Ausruf den Vorwurf macht, daß er „den Schrei der Vergeltung lähmen" könne, so läßt das nur die Ausdeutung zu, England sei erst durch den Aufschrei des Weltgewissens und insbesondere also durch die von zionistischer Seite in anderen Ländern erhobenen Proteste dazu veranlaßt worden, die Pflichten eines Rechtsstaates zu erfüllen und Erklärungen, die in Tentjchland abgegeben werden, könnten irgendwie dazu beitragen, die englischen Gerichte in ihrem Vorgehen zu fördern oder zu lähmen. Ich weiß nicht, ob eine solche Erklärung, wie sie hier von Herrn Freund abgegeben worden ist, gerade von richtig gesehenem zionistischen Interesse aus sehr erfreulich erscheint. Aus jeden Fall muß es als in hohem Grade unzulässig bezeichnet werden, daß der erste politische Beamte der Berliner Gemeinde es nnternimml, in einer Ncnjahrspredigt das Ansehen der englischen Justiz herabzusetzen und den Eindruck zu erwecken, twß diese Justiz vom Auslande her zu beeinflussen wäre; daß vollends der Gemeindevorstand eine derartige Predigt billigen kann, iß mir schon von diesem Gesichtspunkte aus völlig unverständlich. Verstoßen also diese Ausführungen schon gegen die elementaren Forderungen des politischen Taktes, so ergeben sich vom religiösen Standpunkt noch schwerere Bedenken. Tie Predigt sollte nach ihrem Motto dem Geiste der Friedfertigkeit dienen; sie schien.sich dagegen zu wenden, daß sich die Nationen hassen und gegenseitig zerfleischen. Wie aber paßt es.zu diesem Anfang, wenn dann eben diese Predigt schließt mit dem „Schrei der Vergeltung". Dieser Schrei der Vergeltung bedeutet ja die Verewigung allen Völkerhasses, er bedeutet den Tod aller friedlichen Gesinnung. Durch diesen Schluß hat man nachträglich bei Rückbetrachtung der früheren Ausführungen Freunds den Eindruck, als hätte sich Freund in dem ganzen ecsten Teil seiner Predigt nur äußerlich Vokabeln angeeignet, mit denen es ihm entweder im Grunde garnicht ernst war, oder deren eigentlichen Sinn'er überhaupt nicht verstanden hat. In wie peinlichen Gegensatz jteilt sich Freund mit diesem „Schrei der Vergeltung"' selbst zu jenem Zionistenkreise, der etwa durch den Namen Buber charakterisiert wird, und der auch jetzt nach den Unruhen die Tendenz proklamiert, zu einer friedlichen Verständigung mit den Arabern zu gelangen. Man mag über die praktische Realisierbarkeit der Buberschen Tendenzen deuten, wie man will, der Gesinnung nach ist sein Vorgehen jedenfalls sympathischer als jener „Schrei nach Vergeltung" am Schluß der Freundschen Predigt. Auch zu den menschlich achtungswerten Aufrufen, die gerade in der zionistischen Presse gegen die Vollstreckung der Todesurteile an den verurteilten Arabern veröffentlicht wurden, stehen die Freundschen Worte in einem schmerzlichen Gegensatz. So unerfreulich diese Freundschen Darlegungen schon von allgemeinen Gesichtspunkten aus find, so verletzend sind sie insbesondere für uns Unterzeichner der Erklärung. Wenn Freund sich schon in dem ersten Teil seiner Rede gegen die Zerrissenheit und Zerklüftung, gegen den Kamps und Haß in unseren Reihen wandte, so brauchte uns das zunächst nicht zu verstehen, weil wir eS als eine' Mahnung Mssusteii kannten, die Freund 'nach rechts und nach links richtet. Diese Darlegungen gewinnen aber eine ganz andere Beleuchtung in dem Augmrblick, wo Freund den letzten Teil seiner Rede dazu verwendet, um ganz einseitig die Spitze gegen jene Erklärung zu richten. Wenn Freund auch die kränkenden Ausdrücke „Friedensstörer", „Störer der Einheit der Gemeinde" (wie sie ür der Steruschen Repräsentantenrede notiert werden) in Wahrheit vermieden hat, so mußten doch die Zuhörer aus dem Zusammenhang der 9iede den Eindruck gewinnen, daß es eben tatsächlich die Tendenz der Freundschen Ausführungen war, die Unterzeichner der Erklärung einseitig als die Friedensstörer hinzustellen. So ist denn jene nicht, ganz korrekte Information, die dem liberalen Führer zuteil wurde, ohne weiteres erklärlich und entschuldbar. Daß ein derartiger Angriff gegen einen Teil der Gemeinde in einer Neujahrspredigt durchaus zu verurteilen ist, bedarf nach den Darlegungen meines früheren Artikels keiner näheren Begründung mehr. Unsympathisch wirkt auch in formaler Hinsicht oie sophislische Form, in der Freund vorgeht. Er erklärt zunächst: „Wir erheben gewiß in dieser Stunde keinen Angriff" und dieser Satz soll nur dazil dienen, um daun einen außerordentlich scharfen Angriff gegen uns Unterzeichner der Erklärung cinzuleiten; cs wird uns voigeworwu, oaß wir die Schuld hätten, wenn diese Gemeinschaft innerlich zerrissen würde, und die Achtung vor ihr in der Welt aufs tiefste gefährdet würde. Ganz ungeheuerlich in einer Neujahrspredigt ist dann der Schluß der Äus-ührungen, wo uns zur Last gelegt wird, daß unsere Erklärung geeignet war, „unseren Brüdern in dem Kampfe um ihr Schicksal in den Rücken zu fallen". Das ist also der Tolchstoßvorwurf, der im politischen Leben Deutschlands in anderem Zusammen.!; an ge eine solche Rolle spielt, übertragen aus das jüdische Leben. Uebertragen in einer Neujahrspredigt, die vorgeblich im Zeichen der Friedfertigkeit gehalten worden war, und die trotz liberalen Protestes die Gutheißung des Gemeindevorftandes gesunden hat. Bei alledem muß schließlich noch beachtet werden, daß sich unter den Unterzeichnern Ser Erkläi ung auch (Berliner und auswärtige) Rabbiner befinden, und daß ein derartiger gegen diese gerichteter Angriff von der Kanzel aller kollegialen Rücksichtnahme, allen Anforderungen auf Selbstachtung der amtlichen Organe eines großen Gemeinwesens zuwiderlänst. Wenn so etwas, wi.' ich> wiederhvle, unter Gutheißung unseres Gemeindevorftandes geschehen konnte, so müssen wir uns mit allem Ernst fragen, ob unsere Körperschaft damit denjenigen öffentlichen Verpflichtungen gerecht wird, die den ihr verliehenen Befugnissen gegenübeistehen. Zusammensassend möchte ich Folgendes sagen: Tie Annahme, von der ich bei Abfassung meines Artikels in der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 20. November d. Is. ausging, daß die Freundsche Rede auch der Form nach die Unter zeichner in roher Weise angegriffen hat, war irrig, und aus diesem Grunde nehme ich, wie ich nochmals betone, diejenigen Wendungen zurück, die als allgemeine Unwerturteile über den Redner gedeutet werden könnten. Daß aber die Rede ihrem Inhalte nach geschmacklos und verletzend war, daß sie nach der Rechtsprechung der höchsten deutschen Gerichte einen Mißbrauch des PredigeramteS darstellte, und daß sie, wenn sie zu sofortiger Gegenwehr geführt hätte, daS Gotteshaus des Schutzes des § U>7 St.G.B. beraubt hätte, diese Behauptung muß ich leider aufrecht erhalten; ebenso, daß eine derartige Predigt, wenn sie etwa in der protestantischen Kirche zu Weihnachten oder Neujahr von einem Angehörigen ganz gleich welcher Richtung gehalten werden würde, ein sofortiges Tisziplinareinschreiten der Vorgesetzten Behörde zweifellos zur Folge haben würde, und daß der Gemeindevorstand, indem er auch die zahmste Mißbilligung ablehnt, sich iu schroffsten Gegensatz zu denjenigen Gepflogenheiten stellt,M die nach deutschen Kulturbegriffen für religiöse Körperschaften selbstverständlich sind. * Aachen. (V orstaIIdssltz u n g.) Am 25. Novnnber fand fine Vorstandssitznng der hiesigen Ortsgruppe der „Vereinigung für das liberale Judentum" statt. Aus Anregung des bisherigen Vorsitzenden, Herrn Rabbiner Dr. Schönberger, übernahm — bis zur Bestätigung durch die nächste Mitgliederversammlung — vorläufig intercmistisch Herr Obcrkantor Bernhard Alt. An Veranstaltimgen sind in diesem Winterhalbjahr vorgesehen: je ein Vortrag der Herren Rabbiner Tr. Seligmann (Frankfurt a. M.), Rabbiner Tr. Levy (Bonn), Oberkantor Bernhard Atl «.Aachen), Generalsekretär George Goetz (Berlin), ierner eine künstlerische Veranstaltung von Frau Edith Herrnstadt Oellingen (Berlin), sowie eine Freitagabend und Purimfeier am 14. März mit verschiedenen Darbietungen. Augsburg. (Das Lcbensrcchl des liberalen I u - d c n t n in S.)' Am 27. November 192p sprach im Tranungssaal der Augsburger Gemeinde der Generalsekretär des liberalen Judentums Herr George Goetz aus Berlin über das Thema „Das Lebmsrecht des liberalen Judentums". Ter Redner zeigte in seinem Vortrag, dessen 1. Hälfte theoretischer Natur war und dessen 2. Teil praktische Beispiele und Erläuterungen gab, daß der Liberalismus diejenige Bewegung ist, welche allein das Judentum zu erhalten und in die Zukunft zu führen vermag, während sowohl Orthodoxie als auch der Zionismus dem Judentum jalsche Wege weisen. _ Die Orthodoxie vermag den modernen Menschen nicht dauernd zu befriedigen, so daß unter ihrer Herrschaft eine ganze Generation ans dem Judentum herauszuwachscn droht. Ter Zionismus schadet nicht nur uns deutschen Juden in unserer staalSbürgerlichen Stellung, sondern lenkt auch die osteuropäischen Juden von dem Kampf um die Emanzipation, ab. Tie Emanzipation aber muß und wird auch in Osteuropa kommen. Durch den nationalen Palästinaausbau werden die Juden, wie die jetzigen Unruhen zeigen, ins Unglück gestürzt; außerdem hat die zionistische Propaganda uns schon jetzt auch hier in Deutschland schwersten Schaden zngesüg'.. Tics zeigte der Redner an drastischen Beispielen und Zitaten. An den Schluß seiner trefflichen Ausführungen stellte der Vortragende nachdrücklich die Forderung nach größerer Lebensnahe des Judentums. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V„ Bez i r k s g r u p p e E h a r 1 o t t e n b n r g - W e st.) Die Bezirksgruppe Charlottenburg West des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V. hielt am Donnerstag, den 5. Dezember, eine Mitglieder-Versammlung im Gesellschastszimnrer des Cafe Stadion ab. Der Vorsitzende der Bczirksgruppe, .Herr Dr. Alfred Caro, eröffnet«! die Versammlung mit einem Jahresbericht, in dem besonders die religiös ausbauende Tätigkeit, die der Verein bei der Gründung der „Liberalen Svnagogc Westend" ansgeübt hat, hervorgehobcn wurde. ' Bei der dann folgenden Neuwahl des Bezirksgrnppen Vorstandes wurden die Herren Dr. Alfred Caro, Leopold Aschner, Moritz Engel und Dr. Nathansohn wieder und Herr Blumenthal neugewählt. Drei Damen sollen vom Vorstand kooptiert werden. Aus der Bewegung

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