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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-12-11 · 50 (11.12.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
50 (11.12.1929)
Date
1929-12-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Jazz-Lieo von Irving Berlin von den andern, ungezählten modernen anglo-scvchsischen populären „Schlagern"? Sie können weder nach Motiv noch Form, noch Stil, noch! Geist, von einander unterschieben werden. Die Music Ernst Blochs i'ft jüngst als „jützisch" bezeichnet wvroen. Ihr Judentum besteht indessen in" elnemUwerfluß vermehrter Stufen nno in einer gewissen Melancholie. Aber diese Eigenschaften sind nicht ausschlieUich. jüdisch, da alle semitischen und tartarischen Völker den gleichen.'charakteristischen Takt haben und was den melancholischen Eindruck anbelangt, den orientalische Musil aus den Abendländer macht, so wissen wir, daß, er aus dem Geschmacksunterschied zwischen Orientalen und Okzidentalen beruht. Bestenfalls kann man von Blochs Musik sagen, daß, sie ein AystM-vön Ovientasisrnus habe. A. Änstein sagt von ihm: „Entschlossen, jüdische Musil zu machen, wendet er sich für Entwürfe nicht an die wirkliche, orientalische oder jüdische Musik, sondern versucht, den Charakter und Geist seiner Rasse selbst zu konstruieren/' Auf ähnliche Art uno Weise würde ein Engländer, Deutscher vdev Nüsse, der im Orient geboren oder in arabischer Atmosphäre 'auferzogen worden ist, versuchen, englische, deutsche oder russische Musi, zu komponieren, ohne tatsächliche Kenntnis des Gesanges seines Stammes. In der Musik, wie sie Blocks geschaffen hat, finden wir die Widerlegung der leichtherzig gefaßten und unbedenklich akzeptierten heutigen Meinung, daß, der Musiker, auch wenn er die Musik und Kunde seines Volkes nicht kenne, instinktiv dessen Rassenmerkmale manifestiere. So verführerisch diese Theorie für vernünftige Nationalisten sein mag, so gibt es in der Musik nicht nur Mnen greifbaren Beweis dasür, sondern sogar positives Zeugnis dagegen. Nicht durch Komponisten ohne jüdischen Hintergrund und nicht getränkt mit dem Lied ihrer Völker, hat die jüdische Musil einen einzigartigen Eindruck in der allgemeinen Kunst-Musik hinterlassen. Jüdische Musiker trugen viel zur Jnternationalisierung der Musil bei. Seit Meyerbecr hat der jüdische Komponist gelernt, verschiedene Stile in einem gemischten zu vereinigen und Virtuosen haben italienische, deutsche oder russische Musil in dem echten Temperament jedes Voltes, dessen Musik sie wiedergeben, gespielt, indem sie dem Geist des betreffenden Voltes Ausdruck gaben und ganz in das Innerste der Gefühlsslala dieses Volkes eindrangen. Sodann waren die jüdi scheu Musiker in großer Anzahl. Tie Liste der Jaden unter den Großen in allgemeiner Musil steht ganz außer Verhältnis zu oer Zahl der Juden und Andersdenkenden der Nationen. Das musikalische Talent ist unzweifelhaft ein ausgesprochenes Merkmal oes jüdischen Volkes. Tie Geschichte lehrt, daß die Rasse allein nicht die Originalität in der Musik schasst. Sie dient bloß als fruchtbarer Boden, der, wenn mit dem Samen der geistigen Kultur dieser Rasse besät, besondere Früchte trägt. Der Jude in der allgemeinen Musik hat nicht als Jude geschrieben, sondern er hat aus der Kultur heraus zu der Kultur beigetragen, in welcher er aujerzogen wurde. (Jüdische Pressezentrale Zürich Nr. *72.) * " Auden Gemeinden * Aachen, (F e stL o t t k s d i e n st n. u s SH n \ a h , p >e s A b z u > ges der belgischen . Besntzu n g.) Im Rahmen der offizielten Festlichkeiten, die in Aachen aus Anlaß des Abzuges der beigischen Besatzung veranstaltet wurden, fanden in den' Kirchen beider christlicher Konfessionen sowie auch in der Synagoge am Sonntag, den 1. Dezember, Festgottesdienste statt. Die synagogale Feier wurde durch ein Orgelspiei eindrucksvoll eingeleitet. Sodann sang Herr Oberkantor Bernhard Alt mit seiner großen und warmen Stimme Hitlers „Gebet". Tie Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Schönberger. Er führte ans, daß die Synagoge nicht der Platz wäre, um politische Erörterungen anzustellen: Krieg, Besatzung, Truppenabzug, sind Menfcheinvcrk, mit denen man Gott nicht in Verbindung bringen solle, pbweyl das am Anfang des Krieges durch die Geistliä>en aller Konfessionen und Nationen geschehen fei. Gotteswerk ist die Beseitigung des Unrechts, da ja alle Völker gefehlt haben und deshalb nicht nur ein Volk die Schuld tragen könne. Die heutige Feier ist daher nicht als Siegesfeier zu betrachten, und wenn wir dennoch die Stunde der Befreiung festlich begehen, so deshalb, weil »vir in ihr die göttliche Ausgabe erkennen, uns nicht nur passiv an der Beseitigung des Unrechts zu freuen, sondern auch aktiv an der Verwirklichung des Rechtes mitzuarbeilrn. Die Ausgabe, für die das bisher besetzte Gebiet frei geworden ist, ist gekennzeichnet durch das altjüdischc Wort von den drei Dingen, aus denen die Welt steht: Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden. Mit dem Ansporn dieses Wortes nehmen wir Juden teil an der Freude unserer vatcrstädtischen Besreiungsseier: in solchem Liner aus dem Frankfurter Ghetto (Eine neue Börne-Biographie.) Seit dem Erscheinen des Buches „Börnes Leben" von Karl Gutzkow Hamburg 1840 — ist die Lebensgeschichte dieses großen und wirkungsreichsten Schriftstellers aus dem Sturmkreise des Jungen Deutschland nicht mehr einer eingehenden Behandlung unterzogen worden. Das ist recht verwunderlich, denn .Ludwig Börne zählt durchaus nicht zu den Vergessenen und sein geschriebenes Wort besitzt heute noch in so mancher Beziehung seinen Gegenwartswert. Ludwig Marruses Buch „Revolutionär und Patriot. Das Leben Ludwig Börnes" (Verlag Paul List in Leipzig) füllt demnach wirklich eine Lücke aus. Das Buch Marcuses, die erste umfassende Börne-Biographie, die bisher geschrieben worden ist, sucht seinen Vorzug darin, daß es Biographisches und Zeitgeschichtliches in sich öcretmgt, daß es gleichsam das Lebensbild des großen Schriftstellers zu einem zeitgeschichtlichen Gemälde erweitert. Indem uns Marcuse das Bild des Zcitschriststellers Börne innerhalb des Rahmens seiner Zeitepoche zeichnet, erschließt er uns das Wesen des Mannes und den Sinn seines Werkes. Wir sehen, wie die äußere Umwelt und ihre Wirklichkeiten die Richtung der (Entwicklung bestimmten, und lernen in diesem außerordenklichkn Falle die Wechselbeziehungen zwischen Literatur und Leben ernennen. H)as Lebe»» Ludwig Börnes war erfüllt mit Erlebnisaehatt. Es ist vielleicht das Charakteristischste im Leben dieses Schriftstellers, daß er eigentlich flüchtig? Erlebnisse, jene Episoden, die rasch vorübergehen, ohne irgendwelche merkliche Spur zu hinterlaffen. fast gar nicht kannte. In Börne blieb jeder Eindruck hasten, in ihm war alles, was er erlebte, von dauernd sortwirkender Kraft. Insbesondere waren es die Kindheitseindrücke und JugenderlÄniffe, die aus seine spätere Entwicklung eine nachhaltige WirAmig ausübten. Deshalb ist denn auch in der Biographie Börnes die Geschichte seiner Jugend das ausschlußreichste Kapitel. Sinne sprechen auch wir Juden: „Ehre sei Gott in der Höhe!" — Die Weiherede machte einen tiefen. Eindruck auf die zahlreich versammelte Gemeinde; allgemein besteht der Wunsch, sie durch Druck einer breiteren Meffentlichkeit und auch einer spateren Zeit zugänA- "lich zu machen. — Die Feier,' über die auch in den Tageszeitung-en Aachens eingehend berichtet wird, fand ihren Abschluß durch den vorzüglichen Vortrag von Glucks „Hoch tut euch auf, ihr Tore der Welt" durch den Synagogenchorverem. Ältenburg. (N a t i o n a l so z i a 1 i st is ch c r u e b e r f a l l.) Das sozialdemokratische Hauptorgan „Vorwärts" teilt unter der Ueberschrnt „Pogrom in Altenburg" mit: „Im Anschluß an eine Wcrbeveranstaltung der Nationalsozialisti scheu Arbeiterpartei kam es in Altenburg verschiedentlich za Schlägereien. In der Aallstraße überfiel ein Trupp Nationalsozialisteir eine Anzahl jüdischer Bewohner und mißhandelte sie. Au der Ecke Berg- und Fraue»,gasse »vurden von den Nationalsozialisten einige Reichsbannerleute geschlagen. Die Angegriffenen haben teilweise nicht unerhebliche Verletzungen davongetragcn. Die Täter haben sich bisher nicht ermitteln lassen. Die durch die Vorkvlnmnijse erreglen Beivohner und Straßenpassanten konnten nur durch energisches Eingreifen der Polizei davon abgchallen ivcrdcn, aus die Nationalsozialisten einzudringen." Zum Schluß bemerkt „Vorwärts". „Tie Polizei von Alten bürg hat also die Rowdies geschützt und derweil die Täler lausen lassen. Das ist eine seltsame Auffassung der Aufgabe der Ordiiungs Polizei." Berlin. (Aus d e r A r b e i t d e s P r c u ß i s ch e n La ub c * Verbandes.) A mtIi ch. Unter dem Vorsitz des Oberkailtors Zivi-Elberfeld trat am l. Dezember 1920 zu Berlin die Musik koinmission des li&etaleu Kiiltusausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zusammen, der die Chvrdirektorcn Badrian-Königsberg, Arno Nadel und Alexander Weinbanm-Berlin, ferner Oberkantot Guttmann-Potsdan» und R.-A. Heinrich Stern Berlin angehören. Als Vertreter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin nahm Ehrenreich an den Beratungen teil. Der einzige Punkt der Tagesordnung lautete: Inangriffnahme der Arbeiten zivecks Herbei sührnng von einstimmigen Gemeindegesängen aus Grund der Texte, die im „Einheitsgebetbuch" bzw. (n dessen „Anhang" niedergeleg! sind. Er wurde in mehrstündiger Sitzung durchberaten. Die Schwie rigkcit des Problems einer Reform des synagogale» Gesanges kam im Lause der Verhandlungen immer deutlicher zuin Ausdruck. Tie Kommission verdichtete die von ihr geivonnenen Erkeniitnisse in Nicht linien, die für die lveiteren Arbeiten sorlan maßgebend fein sollen. Es besteht die Hoffnung, daß neben dem Einheitsgebetbuch nun auch ein „E i n h e i t s g e s a n g b u ch" in nicht allzu ferner Zeit den jüdischen Gemeinden zur Verfügung gestellt iverden kann. Am Sonntag, den 24. November, tagte unter dem Vorsitz von Dir. Ostberg der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Die Sitzung dehnte sich bis 4 Uhr nachmittags ans. Nach der Mittagspause übernahm die stellvertretende Vor sitzende, Frau Siddy Wronsky, den Vorsitz. Bei Beginn der Tagung gedachten Herr Dir. Ostbcrg und Frau Wronsky des verstorbenen bisherigen Vorsitzenden des Wohlfahrtsausschusses, Herrn Prof. Tr. Moritz Türk, und seiner besonderen Verdienste gerade auf dem Gebiet der jüdischen Wohlfahrtspflege. Herr Ostberg dankte Frau Wronsky, welche nach dem Tode Prof. Türks bis zur jetzt erfolgten Neubesetzung des Vorsitzes durch den Rat die Arbeiten des Ausschusses geleitet und die heutige Sitzung vorbereitet hat, für ihre Tätigkeit und bat um ihre und der übrigen Ausschußmitglieder weitere tatkräftige Unterstützung. Anstelle von Prof. Türk wurden die folgenden Ans schußmitglieder in die Unterausschüsse delegiert: Berger in die Kom Mission zur Verteilung der für Handwerkerausbildung vorgesehenen Mittel, Frau Wronsky in die Studentenhilfe und Frau Meyer-Star gard in die Stipcndien-Kommission für soziale Ausbildung. — Das Gesuch einer Gemeinde um Gelvährung eines Zuschusses zu der dort bestehenden Haushaltungsschule mußte mit Rücksicht auf die Knappheit der Mittel, die dem Landesverband im Augenblick nur die Er siMuirg der atlerdringendsten Aufgaben ermöglicht, zurückgestellt tverden. Trotz dieses vorläufig negativen Beschlusses wurde die dringende Not Wendigkeit von .Haushaltnngsschulcii allseitig anerkannt. Vor allem wurde darauf hingewiesen, daß es sich tveniger um die Ausbildung von Lehrerinnen als darum handelt, junge Mädchen zu zweckmäßiger Wirtschaftsführung zu erziehen, ivas heute nötiger ist als je. — Die Probleme jüdischer Fürsorgeerziehung wurden, insbesondere unter pädagogischen und organisatorischen Gesichtspunkten, cingehend erörtert. Die für das Erziehungswerk des D.J.G.B. vorgesehene Unterstützung tvird zunächst in Form eines Darlehens gewährt. — Um die Förde rung jüdischer Studenten planmäßig und produktiv zu gestalten, wurde es für unerläßlich gehalten, die verschiedenen in Deutschland be stehenden Stube,itcnhilfsvereine in einer Spitzenorgaiiisativii zusammen zufassen. Die Zentralivohlfahrtsstcllc hat bereits die entsprechende organisatorischen Maßnahmen eingelcitet. Es wurde beschlossen, sie hierin in jeder Weise zu unterstützen und in die zu gründende Zentralstelle ebenfalls Mitglieder zu delegieren. Das vorliegende Gesuch eines Studentenvereins wurde mit Rücksicht aus die bevorstehende Umorganisalion abgelehnt. — Bezüglich der seit langem geplanten Umwandlung des Kinderheims in Bad Ems in ein Alters und Erholungsheim für jüdische Kantoren und Lehrer wurde einer kleinen Unterkommission die Anszahlung der bereits in der vorigen Sitzung! zurückgestelllcn Summe unter der Voraussetzung übertragen, daß die Verhandlungen mit dem Kantoren und Lehrerverband den finanzielle» I Ausbau und die Frequenz des Heims gesichert erscheinen lassen. — In der richtigen Erkenntnis, daß hier die Leiderfahrungen des Jungen den Charakter des Mannes geformt haben, hat Marcuse gerade die Jugendzeit Börnes breit ausführlich und sehr anschaulich geschildert. Das betreffende Kapitel, „Einer aus dem Frankfurter Ghetto" überschrieben, vermittelt uns ein anschauliches Bild von den gesellschaftlichen, poli tischen und kulturellen Zuständen jener Tage, von 'dem Gemeinwesen der Stadt Frankfurt am Main und voll dem mit hundert sichtbaren und tausend unsichtbaren Schranken umgebenen Ghetto, darin die Judenschaft dieser Stadt hauste. Das Bild, obwohl den meisten von uns nicht unbekannt, wirkt in der Darstellung Marcuses erschütternd. Wie sah denn das Ghetto aus, in dem der junge Löw Baruch, der später Ludwig Börne hieß, aufwuchs? Eine düstere, muffige Gasse. Im Zeitalter Voltaires lebten die Juden dor-t unter den Gesetzen, die das beginnende siebzehnte Jahrhundert gegeben hatte. Noch wurde die von Kaiser Matthias genehmigte „Stättigkeit" alle Jahre in der Synagoge von Ratschreibern öffentlich verlesen: die Juden durften sich nicht Frankfurter Bürger nennen; nicht mehr als fünfhundert Familien burftcu eingeschrieben werden; nur zwölf Paare durften jährlich heiraten: nur sechs Personen dursten jährlich ausgenommen werden: nur zu zweit durften sie die „Reichsstadt", vor allem den „Römer" betreten; nur längs der Häuser der Ostseite durften sie auf den Platz vor dem Rathaus kommen und dies auch nur zur Messezeit. Nachts oder an Sonn- und Feiertagen durfte nur der die Gaffe verlassen, der zum Arzt oder zum Apotheker wollte (erst 1784 wurde ihnen der Sonntags-Ausgang nach fünf Uhr nachmittag gestattet); Fußwege und Promenaden warm ihnen verboten, sie durften nur auf der Fahrstraße gehen. Der junge Börne machte einmal mit seinem Lehrer Jakob Sachs einen Spaziergang um die Tore Frankfurts. Es regnete stark. Der Fahrweg war völlig aufgeweicht. Der junge Löw Baruch wollte zum Fußweg. Der Lehrer erinnerte ihn an die Stättigkeitsvorschrift, die den Juden verbot, Fußwege zu betreten. Löw wendete ein: es sieht ja nie Fräulein Karminsky berichtete über den Stand der jüdischen Tuberkulosefürsorge. Die Erkrankungssälle gegenüber dem Vorjahre haben eit* Steigerung erfahren. Für Frauen und Kinder bestehen bereits Heime. In Anbetracht der großen Zahl der Erkrankungen von Männern ist die Gründung einer Männerheilstätte, für die ein Teil der Mittel bereits aufgebracht ist, besonders zu begrüßen. Die Mithilfe des Landesverbandes, insbesondere für die Unterhaltung des zu gründenden Heims, >vird als dringend notwendig erachtet. Die Zentralwohlfahrtsstelle soll auf Antrag von Frau Wronsky aufgefordert iverden, über die Ursachen des Ansteigens der Tuberkulose Erhebungen anzustellen. Dadurch wird erzielt, daß in einem Stadium eingegriffen werden kann, in dem vorbeugende Maßnahmen noch ausreichen. — Tic für das Lehrlingsheim Pankoiv bercitgestellte Subvention soll zur Ausschüttung gelangen, sobald die bereits in Angriff genommenen Reformen dieses Heims ausreichend erscheinen. — Bei der Ausbildung von Sozialbeamtiimen soll mehr Wert auf ihre Ausbildung auf den Gebieten jüdischen Wissens gelegt tverden. — Für ein jüdisches Kinder- und ein Altersheim wurden einmalige Bewilligungen beschlossen. Berlin. (A e r z l c b e i u dj in b c r Poliklinik der I ü - di scheu Gemeinde.) Professor Carl Lewin und Privatdozcnt Dr. Hugo Picard, die beiden dirigierenden Aerzte der vor 14 Tagen erösfneten neuen Poliklinik der Jüdischen Gemeinde Berlin (Linienstraßc 19, am Bülowplatz) haben die Aerzteschast der Stadt Beilen zu einer Besichtigung der Poliklinik cingeladen. Etwa 150 Aerzte waren der Einladung gefolgt. Herr Dr. Aron Sandler, der Dezernent für die Klinik im Vorstand der Jüdischen Gemeinde, begrüßte die Gäste, woraufhin der zweite Vorsitzende der Aerztekammer Dr. Hildesheimer im Namen der Aerzteschast die Glückwünsche aussprach. Geheimrat Professor Sauerbruch, der Direktor der chirurgischen Universitätsklinik in der Charite, bei dem Dr. Picard längere Zeit erfolgreich als Assistent tätig gewesen ist, gab seiner Freude über die Errichtung und vortreffliche Einrichtung der neuen Poliklinik Ausdruck und sprach die Hoffnung aus, daß der Zusammenhang mit der Universität durch die Persönlichkeit Prof. Dr. Carl Lewins, Leiter der Abteilung für innere Krankheiten und die von Dr. Hugo Picard, Leiter der chirurgischen Abteilung, gewahrt bleibe. Pros. Letvin und Dr. Picard dankten den erschienenen Kollegen. — Neben den Warteräum er» und den Behandlungsräumen für Männer und Frauen erhält die Poliklinik einen aseptischen und einen septischen Operationssaal, ein mit modernster Apparatur ausgestattetes Röntgenlaboratorium, sowie Räume für Tiathermiebehandlung und Cystoskopie und ein Laboratorium. Hier behandelt diese in einem der ärmsten Viertel Berlins gelegene Poliklinik ausschließlich mittellose Kranke sämtlicher Konfessionen. Berlin. (G e m e i n d e a b c n d des S y n a g o g e I, v c r e i n s P r i ii z r eg e n t e n st ra ße.) Ter Synagogen verein Prinzregentenstraße E. V. veranstaltete am 5. d. Mts. seinen ersten Gemeindeabend, der einen so starken Besuch aufzuweiscn hatte, daß der Raum nicht genügte und viele Besucher umkehren mußten. Der Vorsitzende Herr Tr. Leo Caro erstattete ein Reserat über die Ausgaben des Vereins, die auf intensiver Betätigung der Gemeinde auf dem Gebiet der Erstarkung der Religiosität, des Ausbaus des Gottesdienstes und der Wohlsahrtspflrge beruhen. In der darauffolgenden Aussprache ergriffen die Herren Rabbiner Dr. Salomonski. die Repräsentanten Moritz Rosen-- thal und Dr. Kurt Fleischer, Matzdorfs, Dr. Max Mayer, Freymann, Dr. Gach und Arthur Simon sowie die Damen Brummer und Luiski das Wort, wobei die verschiedenen Aufgaben des Vereins durchgesprochen wurden. Insbesondere wurde dem einstimmigen Wunsch Ausdruck gegeben, daß die Synagoge i» den Borderräumen dem in Berlin entbehrten Jugendheim ein Heim bietet und diese entspre chend eingerichtet werden, damit die Jugend und die Jugendbewegung im Westen ein würdiges .Heim erhalte. Dieser Wunsch soll den Gemeindebehörden in entsprechender Form unterbreitet werden. Nach einem Schlußwort des Herrn Moritz Rosenthal konnte Herr Dr. Caro die Versaminlnng mit der Feststellung schließen, daß durch die Schaffung eines religiösen Zentrums in den westlichen Bezirken auch das Gemeinschaftsgefühl des Einzelnen geiveckt wird und der Hoffnung Ausdruck geben, daß die Ausgaben des Vereins durch die Vereinigung der Synagogenbesucher eine lebhafte Förderung erfahren werden. Eine Veranstaltung im größeren Rahmen wird Anfang Januar stattfinden, um auch denjenigen, die »vegen des Platzmangels keinen Platz mehr finden konnten, Gelegenheit zum Zusammenschluß zu geben. Mitgliedsanmeldungcn werden an den Boriitzenden, Herrn Dr. Leo Caro. Motzstraße 39, erbeten. Berlin. (Das Urteil gegen die Urheber der Berliner U n i v e r s i t ä t s f r a w a l l e.) Der Senat der Berliner Universitär verhandelte am 1. Dezember abends unter dem Borsitz des Rektors Erhard Schmidt in dem Disziplinarverfahren gegen die Vorstandsmitglieder der „Allgemeinen Deutschen Studentenscl)<ist", die für die Absendung eines respektlosen Ultimatums an den Rektor und für die darauf gefolgten stark antisemitisch betont gewesenen Kratvalle in dem Gebäude der Universität Unter den Linden verantwortlich sind. Das Urteil fiel sehr milde aus. Die Studentin von Ploctz wurde mit der Unterschrift unter das Conjilium abeundi (Androhung der Entfernung von der Universität) bestraft. Das Verfahren gegen das Vorstandsmitglied Busse ist eingestellt worden, da man ihm nicht Nachweisen konnte, daß er von dem an den Rektor gerichteten Ultimatum Kenntnis hatte. Der sind. jur. Hoppe, der erste Vorsitzende der Allgemeinen deutschen Studentenschaft, konnte nicht zur Verantivvrtuilg gezogen werden, da er nicht mehr Mitglied der Universität ist (sein Rcimmatrikulicriingsgesuch wurde wegen Mangels an Fleiß seitens des Ansuchendeii abschlägig beschieden). mand. Sachs moralisierte über die Heiligkeit der Gesche. Und Löw erwiderte mit einem Argument, das gegen alle geschriebene Gesetze für die gesetzgebende Kraft der in den individuellen Fall eindrittgenden Vernunft plädierte: „Ein dummes Gesetz! Wenn es nun dem Bürgermeister beikäme, daß wir Winters kein Feuer machen dürfen, würden wir da nicht erfrieren?" Liest man derlei, dann versteht man erst den ganzen Börne. Dann versteht man erst recht Börnes Kampf für Freiheit und Recht. Dann wird es einem erst klar, was die aufwühlenden Bekenntnisse, die der Mann niederschrieb, zu bedeuten haben. „Ihr habt mir die Spiele meiner Kindheit gestohlen, ihr schlechten Schelme! Ihr habt mir Salz geworfen in den süßen Becher der Jugend: ihr habt die tückische Verleumdung und den albernen Spott hingestellt auf den Weg des Manues - abhalten konntet ihr mich nicht, aber müde, verdrossen und ohne Freudigkeit erreichte ich das Ziel. Empfindung nach Empfindung hübt ihr mir getötet und einen Kirchhof geschaffen aus dieser lebensvollen Brust." - „Ja, weil ich als Knecht geboren, darum liebe ich die Freiheit mehr als ihr. Ja, weil ich die Sklaverei gelernt, darum verstehe ich die Freiheit besser als ihr." Löw Baruchs Jugenderlebnisse sind gleichsam der Schlüssel, der die heimlichsten Seelenpforten Ludwig Börnes auftut und in sein Inneres blicken läßt. Es ist wirklich so, wie es sein jüngster Biograph treffend ausdrückt: Ludwig Börne hat das Leid der Erniedrigung in kämpferische Energie umgesetzt. Aus diesem Leid zog er auch die Kraft, allen Windstößen Widerstand zu leisten und das Schiff seiner Überzeugungen duvch die schwankenden Strömungen der Zeit mannhaft zu steuern.. Aus Löw Baruch, dem man die Fußwege sperrte, entwickelte sich der Ludwig Börne, der stolze, unwandelbare Mann. Die Beständigkeit einer Gesinnung und die Kontinuität des Geistes, die durchgängig auf der ganzen Entwicklungslinie keine Brechnngspunkte aufweist, tritt bei keinem zweiten Schriftstefter des Jungen Deutschland so lückenlos zutage wie bei Ludwig Börne. Er hat nie eine seiner politischen Ueber-

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