Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-12-11 · 50 (11.12.1929) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
50 (11.12.1929)
Date
1929-12-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614050--3386-2620970
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

IMchKberaleZeiümg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/.jährlich 3L 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten, verantwortl. Redakteur: Bruno Woyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11. tzallesche Slr. 1 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin RW 7. 137069 (Vereinigung für das liberale Zudentums Rachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redamon gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronparaillezeile 0.45 Goldmark. die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: «Jüdisch.liberale Zeitung" Inferatenabtellung: Berlin SW 11. Hallesche Straße 1 (Bergmann: 3358-59). sowie sämtl. Annoucen-Expe-itton. Rr. 50 Berlin. 11. Dezember 1929 9. Zahrgang Sie Mission des Judentums Von R. V. Loudenhove-Kalergi Anteil der Zu den an der Musik Von Pros. A. Z. I o c l s v h n Ordinarius zur jüdische Musil am Hcbrc.r Unio., Eollege in (iiuciiuiati. Es ist allgeineiu bclanut, daß, ein Komp.mftt seine Musil aus oen Grundlagen der Musil schasst, die in se.ncr nächsten Umgebung vorherrschend ist. Gr wählt seine harmonischen Elemente unwilllüriich ans dem Volt und ans der Music- Kunst, von denen er von Jugend an umgeben ich Ta jede Nc.iiou ihren besonderen Voitsgesang hat, und, zu einem gelrissen Grade, auch ihren originalen Stil in der Mnsik besitzt, so leistet eine neue Komposition im allgemeinen -inen zusätzlichen Beitrag an die Mußt der Nation des Künstlers. Trotz oer erttärtcn Tendenz der klassischen Musir Europas zur Jnternationalitat, zu -einer europäischen Musil ftir alte europäischen Böller und ftir diejenigen, europäischer Abstammung, trägt die Rassische Musit der Germanen den Stempel germanischen VollsgesangS u'uu GharaltcrS: während russische Musi! unmißverständlich die Zeichen russischen Votisgesaugs und EharatterS trägt. In ähnlicher Weise ftuoen wir angtv-sächsische und gallische Bolksgesairgs-Merkmale in der englischen Musit und in der skandinavischen Musit Motive aus dessen BolkSgesang. Wir kennen viele Fälle, ju denen Musiker ctitti Nation den musualischeu 3tü anderer "Nationen aussogen und versuchten, in diesem adoptierten Ltil zu komponieren. Tas Resultat war indessen anders als sie vorausgesehen hatten. Händel, Gluck und Mozart, die durch italienische Musil stark augczogeu wurden, erzeugte,i deutsche Musil mit italienischem Geschmack. In jedem Falte erwies sich nationaler Instinkt und nationale Kultur stärker als individueller Einfluß und persönliche Bemühungen. Musiker jüdischer Abstammung repraseniieren ein anscheinend einzigartiges Phänomen, das aus ihre in der Welt verstreuten Wohnorte und den öfters vorwiegenden Einfluß, der nichtjüdischen Majorität zurückzuführen ist. das indessen mit den oben bemerkten Tatsachen übereinstimmt. Die schufen oder trugen Musik im Stile ihrer Umwelt vor und wurde» als gute Komponisten aus dem Gebiete der Musil ihrer "Jiachbarschast betiachtet. Ter Anteil der Inden au der europäischen Musil hat seit dein Anfang des 19. Jahrhunderts ungeheuer zngenommeu, d. h. seit ihrer Zulassung zu dem gesellschaftlichen und iüünrellen Leben Europas. Eine unzählige Menge von Musu'ern ci'jiUUc die Nlnsitlvelt, Komponisten und besonders Vortragende Virtuosen aus verschiedenen Instrumenten. Die pftcgteu alle Arten und Zweige der Musit, von der Kirchenmusik bis zu oer komischen Oper und Jazz-Schlagern. Die wurden ausgezeichnete Theoretiker und Lehrer, Musiltrititer und Essayisten, Dirigenten, Verleger und Förderer der Musik. Tie nach,otgenoa Liste der wichtigsten und erfolgreichsten Musiker jüdischer Abstammung, die zu dem Ausbau moderner, klassischer rmd populärer Musil enorm beigetragen haben, möge genügen, um ihre Tätigkeit während des letzten IabrhundeAs bis zum heutigen Tage zu illustrieren: Jacob (Giaeomo Lirbmann-Meyerbeer (Berlin 179! — Paris 1864); Jacques Fromenthal-Halevy (Paris 1799 - Nizza 18(52); Felix Jacob Mendelssohri-Bartholdy -Hamburg 1809- Leipzig 1847); Ignaz Moschctes (Prag 4794 Leipzig 1870); JacaneS Ostcnbach (Köln 1819 -Paris 1889): Dir Michele Eosta (Neapel 1810—Brighton 1884); Ferdinand Heller (Frank,urt 1311- Köln 1885)st Anton Nübinstein (Wcchotyi'.ctz 1829—Prterhos 1894); Karl Goldmark (Ungarn 1840 - Wien 1915); Joses Joachim (Kitsee bei Preßsburg 1841 Berlin 1907); Leopold Tamrosch -Posen 1842-New Port 1885); Gustav Mahler (Kalischt 1860— Wien 1911); Hermann Levy (Gießen 1639—München 1900); Adolph Bernhard Marx (Halle 1795-Berlin 1866); Dalomon JadaSstchn (Breslau 1831-Leipzig 1902); Guico Adler (EibenschrG 1855); Leopold Auer (Beszprem-Ungarn 1845); Arnold Schönberg (Wien 1874); Maurice Ravel (Eiboure 1875) der seine jüdische Abstammung verleugnet; Ernest Bloch (Gens 1880): Irving (Israel); Berlin (Balinch (Rußland 1888); Georg Gershwin (Brooklyn 1898); Erich Korngold (Brünn 1897) und Jascha Hersetze (Wilna 1901) u. v. a. Alle diese Musiker schufen oder sührtcn europäisch; Musik sür die europäischen Völker vor. Beinahe keiner derselben war in ausgesprochen jüdischer Umgebung auserzogen worden oder hatte jüdische Erziehung erhalten. Als Resultat traten einige dieser Musiker zum .christlichen Glauben über; einige versuchten sich der Gesellschaft, die sie adoptiert hatte, zu 'assimilieren. Mendelssohns und Rubinsteins Eltern z. B. hielten sie von jüdischem Einjluß sorgsältig fern und erzogen sie in der Kultur ihrer christlichen Umgebung. Es gab Musiker der jüngeren Generation, deren einzige Kenntnis ihres Judentums lediglich die nackte Tatsache ihrer Abstammung war. An, jeden Fall kannten nur wenige die jüdische Synagoge und den jüdiscken Votksgrsang. Ter seines Judentums am meisten bewußte Jude unter oen früheren Musikern, Halüvy, ver- Im Paneuropa Vertag e,scheint in Kürze eine Neuauflage des Buches von Tr. Heinrich Gras Eoudenhove Katergi „We.'eu des Antisemitismu-.", zu dein R. N. Eoudeuhove Kalergi, der bekannte Vorkämpfer der Paneuropa Idee ein Effuy iioer die Judenfrage unserer Zeit unter dem Tilel „Antisemitismus nach dem Wellkriege" gesthrieveu dar. Wir veröffentlichen nachstehend das Schlußkapilet dieser Abhandlung, ohne uns die beachtenswerten Aus führungen die'es verdienstootleir Bor kämpfers für eine Befriedung Europas in alten Einzelheiten zu eigen zu machen. Wir werden aus diese wesentliche Neuerschei nung, die in weitesten politischen Kreisen Europas größte Beachtung finden dürfte, bei Vorliegen des Gesamtwertes noch ausführlich zurücktommen. Tie Red. Tas europäische Judentum selbst befindet sich heute in einer Krise: soll es den antisemitische» Nationalismen einen z i o n i st i s ch e n N a t i o n a l i s m u S entgegensetzen oder soll es den Zusammenbruch des Antisemitismus abwarteir und sich inzwischen immer weiter assimilier c u? Tie zionistische Forderung nach Zusammenfassung des Weltjudentums zu einer selbständigen Nation mit territorialen Forderungen ist ein Unglück für die Westjuden, die in England, Frankreich und Italien als vollberechtigte Glieder ejner Nationen anerkannt sind und die in Deutschland um die gleiche Anerkennung ringen. Tiefe Forderung widerspricht auch dem Wesen der Nation. Tenn Nationen sind bewußte Kultur gern e i n s ch a f t e n, n i ch t B l u t s g e m e i n s ch asten. Tie Blutsverwandtschaft der Norddeutschen mit den Dänen ist sicherlich größer a!S ihre Blutsverwandtschaft mit den Süddeutschen: und dennoch ist das nationale Band der Sprach- und Kutturgemeinschaft stärker als das der Blutsverwandtschaft. Es gibt heute keine K ul t u rg e m ci n sch a ft, die das Weltjudentum umfaßt: die englischen Juden gehören der englischen Nation und Kulturgemeinschaft an, die französischen der französischen, die deutschen der deutschen. Darum sind die Juden in England Engländer, in Frankreich Franzosen, in Deutschland Deutsche. Denn sic haben nicht bloß passiven Anteil an diesen nationalen Kulturen, sondern sie haben aktiv am Ausbau derselben mit gewirkt. Jeder Versuch, sie von jenen Nationen zu trenne», um sie künstlich einer altiüdischen Nation einzugliedern, wäre sür sie verhängnisvoll. Anderseits widerspricht es dem Selbstbewußtst!!! jedes Menschen, sich in eine Gesellschaft einzudrängen, in der er unerwünscht ist. Dies veranlaßt die stolzesten Juden Deutschlands, sich dem Zionismus zuzuwenden, statt weiter ihr Herz in unglücklicher und einsertiger Liebe an Deutschland zu hängen. Tas Westjudeiitum kann diesem Dilemma entgehen, wenir es erkennt, was es in Wahrheit ist und sich nicht durch Schlagworte beirren läßt. D a S W e st j u d e n t u m ist k e i n e Nation, sondern eine K a st e. Denn Kasten sind horizontale Nationen, die sich mit vertikalem Nationalbegrisf überschneiden. Dies wird klar durch einen Vergleich mit einer zweiten europäischen Kaste: dem europäischen H o ch a d e l. Auch die Mitglieder dieser Kaste gehören den Nationen an. deren Sprache sie sprechen, und bilden dennoch bluts und gefühlsmäßig eine internationale Gemeinschaft, die über ganz Europa verstreut ist; trotz ihrer nationalen Zersplitterung Pflegen sie ihr internationales Solidaritätsgesühl und ihre internatronalen Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen. In ähnlichem Sinne bildet das Westjudentum eine internationale Kaste, die durch den großen Einfluß, den viele ihrer Mitglieder besitzen, in gewissem Sinne den Ansatz zu einem zweiten europäischen Adel darstellt. Viele Juden sind, in ihrer Art ebenso adelsstolz wie der Feudaladel. Sie sind stolz auf das Alter und die hervorragenden Eigenwendete nur ein einziges Mal ein jüdisches Motiv (für die Arie oes Eleazar, in seiner „Jüdin", Akt IV), während Goldm ark und Ossenbach — beides Söhne von Synagogen-"Sängern — in ihren Kompositionen niemals jüdische Motive verwendeten. Diese jüdischen Komponisten bezogen ihr Material aus dem Musikborn ihrer angenommenen Nationalitäten. Bei Prüfung ihrer Schöpsungen entdecken wir nicht ern einziges Element, das jüdische Merkmale auj'weistz das deutlich als jüdischer Beitrag bewertet werden könnte. Von allen war cs Rub inst ein, der mit bewußter Absicht gelegentlich jüdische \ Motive in Verbindung mit jüdischen oder orientalischen Epischasten ihres Blutes und auf die Fülle bedeutender Männer unb Frauen, die es auf alten Gebieten der Kultur yervorge bracht hat und hervorbringt. Daruin find sie ebenso exklusiv wie die Aristokraten. Sie fühlen sich als treue Angehörige ihrer "Nationen und verleugnen dennoch nicht das Band der Kaste und des Blutes, das sie international verbindet. Nur diese Erkenntnis karr» das Westjudentum vor den Verwirrungen und Gefahren eines neuen Nationalismus schützen. "Nur diese Erkenntnis kann die Juden ihren Nationen erhalten, ohne ihr Judentum zu verleugnen und ihnen die Kraft geben, auch in Deutschland die neue antisemitische Welte zu übersteheu, ohne sich zu erniedrigen. Anders ist die Lage der Ostjuden. Hier bilden sie eine nationale M i n o r i t ä t mit eigener Kultur und eigener Sprache: hier bilden sie eine Nation. Die Lösung ist hier die gleiche wie für alle europäischen Minderheiten: der europäische Staatenbund, der die Minderheiten schützt und ihnen kulturelle Autonomie gewährt. Sonst bleibt ihnen, um dem Antisemitismus ihrer Umwelt zu entgehen, nur der Weg der Auswanderung übrig. Sind sie gezwungen, diesen Weg zu bejchreiten, so wird das Judentum sehr genau überlegen müssen, tvohin es diesen Menschenstrom lenkt. Tenn es gibt viele Länder, die hierzu geeigneter sind als Palästina, das zwar die alte Heimat und das Heilige Land ist, aber immer stärker voir der panarabifchen Bewegung bedroht ist und bleibt. Zum erstenmal beginnt sich heute das Weltjudentum zu organisieren. Tie Jewish Agency ist der erst: Versuch einer essiziellcn Vertretung des Weltjudentums. Diese Organisation kann eines Tages eine ähnliche politische B.-ceutunz erlangen wie der Vatikan. Ties ist aber nur möglich, wenn sie oct nationalistischen und territorialen Versuchung wiercrsteht. Denn auch die Kraft des Vatikans liegt in feinem w e l t u m s p a n n e n o e n und ü b ernational c n 0 harakter, in err Organisation des Klerus und der Krcche zu einer übernationalen Kaste uuo Gemeinschaft. Diese übernationale Zusammenfassung des Judentums tonnte mehr für die Menschheit und mehr ftlr die Juden bedeuten, als der territoriale und nationale Zionismus. Sie kann dem Frieden und der Verständigung der Völler dienen, sie kann Mitarbeiten an der Schäftung eines großeil curopäiscken Vaterlandes, in dem der religiöse Fanatismus abgelöst wird durch eine tiefe und innige Religiosität, die zu gleich die religiösen Ueberzcugungcu aller Mitmenschen achtet: indem der nationale Chauvinismus abgelöft wird durch eine t'.ese und innige Liebe zur eigenen Nation, die ergänzt wird durch die Achtniig und Ehrfurcht vor jedem fremden Naiicnatgefühl. Er l’aim milarbeiten am Ausbau oes VölterbuubeS und an der praktischen Verwirklichung des Kellogg- Pai'tes, dessen geistiger Vater ein amerikanischer Jude in: L e w i n s v h n. Tenn der Fortschritt der Technik fordert immer gebieterischer übernationale V e r st ä n d i g u il g; und der Krieg bedroht immer schwerer unsere gesamte Zivilisation. Tie Well ist an dem Punkt angelaugt, an dem iie mit den Nationalismen allein nicht mehr austommt. Sie braucht Mittler nno Voten des Friedens. Hier jetzt die große Mission des Judentums ein. Wurzelnd tu allen nationalen Kulturen, kann es vorangchen in der Schaiftltrg eines treuen W e l l g e w i s se it s so!rie es schon einmal durch das Eh> jstculn'.n der Menschheit eia neues Gewissen gcschenli hat. Dann famt es der Menschheit Helsen, die große Prophezeiung zu veurietlichen, die vor zweieinhalbtausend Jahren sein P r op h et Micha getan hat: „Sie wero-en ihre Schwerter i u Pflüge w a n - deln u n d ihre Sperre in Sicheln. Kein Volt wird g c g e re das a n b c i c zum S ch w e r t greise n, und sie werden nicht mehr l e r n c tt, einander z u bekriegen. U n o jeder wird ohne Furcht u u t e r seinem Weit! st o ck wohnen u tt d unter s e i - item Feigenbaum" soocu in seinen Opern oder Gesängen verw-endcte. Er nahm aber auch, anderes orientalisches Material, z. B. persische oder tartarische Motive. Was'stempelt nun die Musch von Mendelssohn, Mahler oder Korngold zu einer jüdischen? Einige behaupten, daß eine gewisse Geneigtheit zn lyrischen Eigenarten ein ausgeprägtes Merkmal in der Musit der^ Juden sei. Weist aber die Musik von Mozart, ihaydn utid Schubert nicht das gleiche Merkmal auf? Und wo finden wir den lyrischen Strom oes WohMa tt gs in der Musik von Schöltberg, Bloch! oder Koingold? Nach welchem Standard oder Maß können wir einen germanischen Sang Mendelsohns von Hunderten anderer, germanischer Lieder unterscheiden, oder ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.