Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 49 (4.12.1929)
- Date
- 1929-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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■t'1 wurden Hilfsmaßnahmen beschlossen, die sowohl der geistigen, wie der praktischen Seite des Problems gerecht zu werden versuchen. In einer ausführlichen Diskussion wurde das Programm der nach München einzuberufenden Telegiertentagung des Berbanoes festgestellt. Nach einem eingehenden Referat des Verbandsvorfitzenden Dr. Hahn (Essen) über die äußere und innere Situation des Verbandes wurde nachstehende Resolution einstimmig angenommen: „Der Verbandsvorstand billigt die Maßnahmen der Verbandsleitung innerhalb der Jewish Agency. Er erwartet von der Verbandsleitung, daß sie sich für die Bestrebungen einsetzt, die den neutralen Charakter des Palästina-Aufbaues immer stärker in Erscheinung treten lassen. Der Verbandsvorstand erwartet, daß auf diese Weise die innerjüdische Befriedung in Deutschland am ehesten herbeigeführt und dre friedliche Besiedlung Palästinas gewährleistet wird. Der verbandsvorstand betrachtet es als eine Selbstverständlichkeit, daß auf dieser Grundlage die Berbandsvereine tätigen Anteil an den Arbeiten des neutralen Aufbauwerkes nehmen." jüdisches Zentrum Von Joseph K a u f f m a n n, Wcißensee. In seinem schönen Aufsatz „Entscheidung" in Nr. 39 dieser Zeitung vom 25. September d. I. hat Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern auch dein sogenannten „jüdischen Zentrum" eine ausführliche, absolut ablehnende Behandlung gcwiomet. Umer anderem schreibt er: „Ich will hier die Frage nicht erörtern, ob die jüdische Geschichte nicht laut gegen die Idee eines jüdischen Zentrums spricht, gegen die Idee, daß die Länder der Zerstreuung ein seelisches Galuth, Frcmdland der Juden, gewesen sind, wie Fluß und Berg in der Natur; sic sind immer das eine Stück Welt und dennoch, jedes Malers Auge sieht sie verschieden, nach dem Empfinden seines Herzens." Um diese Frage, die säe unsere auchzisnistischen und selbst für viele unserer antizionistischen Brüder von großer Bedeutung ist, darf man aber nicht wie die Katze um den heißen Brei herumgehen, man muß sie entschlossen ansasscn, schon weil unsere Rabbiner, Lehrer und Unterrichtsbücher ihr vorsichtig aus dem Wege gehen oder sie recht einseitig beantworten. Es kommt auch nicht daraus an, wie ein anderes, als wirklich liberal eingestelltes Auge die Vergangenheit betrachtet, sondern nur darauf, was die jüdische Geschichte uns wirtlick, sagt »der sagen kann. Die zu untersuchenden Fragen lauten: Wann wurden Jerusalem. oder Palästina zum jüdischen Zentrum; wann waren Jerusalem oder Palästina das religiöse Zentrum des Judentums? In der ältesten biblischen Gesetzgebung ist von einem religiösen Zentrum nicht die Rede. Das Bundesbuch sagt im Gegenteil (£1. Mo ses 20, 21): „An jeglichem Ork-, an dem ich meinem Rainen ein Andenken stifte, werde ich zu dir kommen und dich segnen." Uever all, „aus jeder Höhe und unter jedem grünen Baume", wurde geopfert, kamen die Umwohnenden zum Gottesdienst zusammen, — wenn von einem solchen in diesen alten Zeiten überhaupt geredet werden kann. Auch der Salomonische Tempel brachte keine Aenderung. Schon unter Salomos Sohn zerfiel das Reich in zwei Teile, die in religiösen Beziehungen auseinanderstrebten. Die Höhen und Haine blieben bestehen, die Bedeutung des Tempels blieb auf Jerusalem und nächste Umgebung beschränkt. Erst Hiskia machte den Versuch, den Jerusalemitischen Tempel zum alleinigen Heiligtum für das Reich Juda zu gestalten, der Versuch führte nicht zu einem Dauererfolg, denn schon unter seinem Sohne Mauasse traten die früheren Zustände wieder ein. Zur Zeit des jugendlichen Nachfolgers dieses Königs, Josias, trat ein Umstand ein, der einen kurzen Umschwurlg bereitete. Das Deuteronomium, das V. Buch Moses, oder wenigstens der Kern desselben, Kap. 12—26, wurde veröffentlicht. In diesem fanden sich drei Stellen (12, 5; 12, 11; 12, 13 und 14), die.ausdrücklich ei» Zentralheiligtum als alleinige Opserstätte forderten. Josia bestrebte sich, Götzendienst, Höhen- und Hainopferung abzuschasfen, seine Nachfolger fielen aber wieder in den Götzendienst zurück, bis Jerusalem; zerstört wurde. Das Volk folgte dem Beispiel der Könige, cujus regio ejus religio. Die Mahnveden der Propheten, von Elia bis Jeremia, hatten keine Erfolge. In dem ganzen Zeiträume, von der Einwanderung in Palästina bis zum babylonischen Exil, könnte auch von einem jüdischen Zentrum schon deshalb keine Rede sein, weit es das, was wir jüdische Religion nennen, noch nicht gab. „An den Bächen Babylons saßen sie nnd weinten." Es waren aber nur Wenige, die über den Fall Jerusalem und des Tempels trauerten, die große Masse lebte sich rasch in die neuen Verhältnisse ein. Sie setzten die frühere Lebensweise fort und verblieben beim Götzendienst. Die Mahureden Ezechiels, die Verheißungert Jesaias II blieben wirkungslos, bis ein Umschwung infolge der Eroberung Babylons durch die Perser eintrat. Vierzig Jahre nach der Zerstörung Jerusalems erlaubte Cyrus die Rückkehr nach Palästina, nur ein kleinerer Teil des Volkes machte von der Erlaubnis Gebrauch. In den ersten hundert Jahrerr nach der Rückkehr war aber in Palästina noch wenig von religiöser Wandlung zu bemerken, davon legen die Reden der nachexilischen Propheten Haggai, Secharja un-d Maleachi deutliches Zeugnis ab. In Babylonien erwachte aber neues Leben. Ein kleiner Kreis von Priestern, Dichtern und Schriftstellern war eifrig am Werke, die mündlichen und schriftlichen ilebcrlieferungen, die geschichtlichen Berichte, die gesetzlichen Vorschriften, die religiösen Dichtungen und die Prophetenschristen zu sammeln. In Babylonien wurden die Erzählungen aus den Zeiten Josuas, der Richter und Samuels neu bearbeitet; die Bücher der Könige wurden von Baruch, dem Schüler Jeremias, wie mau vermutet, verfaßt. In Babylon i e n sammelte man die alten Tempellieder und verfaßte viele neue herrliche Gesänge, stellte alte Weisheitslehren als „Sprüche Salomos" zusammen. Dort entstanden die herrlichen Trostdichtungen Jesaias II, auch manche später dem Jeremia zugeschriebenen Feuer reden, ebenso die gesamten Reden des Ezechiel und das religions philosophische Buch Hiob. Und in Babylonien geschah eine wahrhaft wunderbare Tat, die Thora wurde geschaffen! Die aus dem Zusammenbruch geretteten alten Schrillen, die Jahrhunderte früher, teils im Reiche Israel, teils im Lande Juda verfaßt und bereits vor dem Exile zum jehovistischen Buche zumm mengearbeitet ^waren, das Deuteronomium, die prieslerlichen Gesetze und Erzählungen, die schriftlich und mündlich überliefert rvaren, wurden zu einem einheitlichen Ganzen zusammenu,rd übcrgearbeitei — In Palästina wußte man damals noch nichts von diesem Wirken und Streben, während in Babylonien die neue Thora bald verbreitet war und als Richffchnur für das religiöse und soziale Leben diente. Als man in Babylonien erfuhr, daß m Palästina recht uner sreuliche Zustände herrschten, daß Priester und Volk in Gleichgültig feit gegen religiöse und soziale Vorschriften dahinlebten, machte sich Esra. der Schriftgelehrte, auf, die Thora auch den palästinensischen Juden zu überbringen — 150 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems Ihm folgte der vom persischen König zum Statl-Haiter Judäas er nannte Nehemia, um die Aufgabe energischer zu betreiben. Von ihm wurde eine große Volksversammlung einberufen. Das ganze Volk strömte herbei, Männer und Frauen, Greise und Jugend. Von einem hohen Gerüst las Esra dem Volke die Thora vor; Wieder holer und Erklärer unterstützten ihn dabei. Das Volk, dem zum ersten Male Kenntnis der Thora gegeben wurde, war tief ergriffen auf fein Verlangen hin mußten die Vorlesungen an einer Reihe folgender Tage fortgesetzt werden. Nach etwa drei Wochen wurde ein schriftlicher Vertrag aufgesetzt, in welchem eine große Zahl Volksvertreter sich zu der Thora bekannte und verpflichtete, dem trat das I ganze Volk bei. > Diese Versammlung, 1000 Jahre nach M o s e s, j war die Geburtsstunde des Judentums. \ N i ch t von Zion ging die Lehre aus, nicht von Jerusalem das Wort Gottes, sondern von Babylonien. Nur schwache Erinnerungen sind uns aus den zweihundert Jahren nach. Esra und Nehemia, meist in sagenhafter Form, überliefert. Aber Palästina blieb in politischer und religiöser Beziehung von Babylonien—Persien abhängig, später in politischer Beziehung von den ptolomäischen und seleucidischen Reichen. In diesen zweihundert Jahren machten sich persische Einflüsse ungemein geltend. Babylonien blieb daS religiöse Zentrum, von dem die Anregungen ausgingen. Es drangen viele wichtige Ideen aus der persischen Zendreligion in öas Judentum ein: Die Lehren von Engeln und vom Satan, der Auferstehung der Toten und der zukünftigen Welt, vielerlei Reinheitsgesetze, das Morgengebet bei Tagesanbruch, die Segenssprüche bei Genüssen und besonderen Gelegenheiten und namentlich die aramäische Sprache und Schrift. Letztere wurde die für die heiligen Bücher vorgeschriebene, sie blieb es bis auf den heutigen Tag. Die althebräische Schrift wurde nur noch für profane Zivecke benutzt und geriet allmählich in Vergessenheit. Es wird behauptet, daß sich aus der Nehemianischen Versammlung ein ständiger Rat als höchster religiöser und bürgerlicher Gerichtshof entwickelt habe, es gibt aber dafür nur sehr schwachen Nachweis. Dieser Gerichtshof soll regelmäßige Thoravorlesungen und Gottesdienste eingerichtet haben. Es erscheint aber wahrscheinlicher, daß die regelmäßigen Gottesdienste eine Folge des aus Persien stammenden täglichen Morgengebets waren und von Babylonien her eingeführt wurden. In diesen zweihundert Jahren wurden aber die Gesetze immer mehr ausgebaut, der berühmte „Zaun um die Thora" wurde errichtet. Das geschah sicherlich in Palästina, wenn sich hierbei auch weitere persische Einflüsse, namentlich bei den Sabbatvorschriftcn und den Reinheits- und Speisegesetzen bemerkbar zu machen scheinen. Das von Esra verlesene BuH war aber nicht die ganze Thora, sondern nur ihre erste Fassung. Die Vollendung der fünf Bücher Moses in der Form, die wir heute besitzen, nahm noch lange Zeit in Anspruch. Es dürfte toahrscheinlich sein, daß die Weiterbearbeitung dort bewirkt wurde, wo der größere Teil der Juden, namentlich seine Gelehrten, weilten, in Babylonien. Dort hatte sich auch die hebräische Sprache reiner erhalten als in Palästina. Hier konnte es anfänglich schwerlich geeignete Männer für die Vollendung der Thora geben, solche lassen sich nicht aus dem Boden stampfen. In Babylonien war aber schon ein Jahrhundert lang Gelehrsamkeit getrieben und dauernd fortgesetzt worden. Dj:r talmudische Bericht, daß der berühmte Hillel aus Babylonien kam und von dort Gesetzesbestimmungen mitbrachte, die in Palästina unbekannt waren, beweist, daß in Babylonien reges Geistesleben war. Erft vom Ende dieser zweihundert Jahre an haben wir genauere Nachrichten. Persien und Egypten waren von Alexander dem Großen Johann-Georg- Garagen (am Kurfiirstendamm) Johann - Georg Str. 9/10 Tel.: H2 Uhland 5300*9825 Modernster Komfort erobert worden, Judäa wurde erst egyptische, nach hundert Jahren syrische Provinz. In Judäa gab cs zwei Parteien, die eiye hielt es mit Egypten, die andere mit Syrien, beide, ließen aber griechischen Sitten vielen Einfluß. Ihnen standen die jüdisch-religiösen Parteien gegenüber, die Pharisäer, Essäcr und Sadducäer. In Egypten wohnten viele Juden, namentlich seit Alexander dem Großen. Diese nahmen allmählich die griechische Sprache an, die Bibel wurde in die griechische Sprache übersetzt, das Hebräische wurde nach uud nach ganz vergessen. Sie erbauten sich in Heliopolis einen eigenen Tempel, blieben aber in losem Zusammenhang mit Palästina. In Palästina kam cs dann zu den Makkabäerkämpsen und nach endlicher Vertreibung der Syrer zur Gründung des selbständigen jüdischen Staates, der sich hundert Jahre erhielt, dann kam das Land unter römische Oberhoheit. Auch in dieser Periode kann man Palästina nicht als religiöses Zentrum bezeichnen, die Egyvicr und die sonstige Diaspora gingen ihre eigenen Wege. Der Tempel zu Jerusalem galt allen Juden als .Heiligtum, sie schickten Spenden dorthin, aber Religionslehren gingen von den Tempelpriestern nicht aus. Unter den makkabäischcn Königen entstand das Synhedrion, der höchste Gerichtshof für religiöse, bürgerliäw und kriminelle Rechtsfragen, für letztere aber nur während neunzehn Jahren. ES bestand auch noch unter Herodes und den römischen Statthaltern. Die „Sprüche der Väter" berichten von einer fortlaufenden Ueberlieserung des mosaischen Gesetzes von Moses bis zu dieser Zeit. Die Geschichte weiß aber darüber nichts zu berichten, die Bibel verweist im Gegenteil, daß solche ununterbrochene Ueberlieserung nicht stattgefunden haben kann. Selbst der Talmud verkennt nicht, daß ein gewaltiger Unterschied zwischen der mosaischen Zeit und den Tagen kurz nach der zweiten Zerstörung Jerusalems bestanden hat; er erzählt: Als Moses zur Höhe gestiegen war, um von Gott die Thora zu empfangen, wunderte er sich über die Verzierungen, die „Kränchen", die verschiedenen Buchstaben in der Thorarolle zugesügt sind. Da belehrte ihn Gott, daß nach vielen Geschlechtern ein Mann, namens Akiba, erstehen würde, der ans diesen Krönchen viele Gesetzesbestimmungen herzuleiten vermöchte. Moses bat, diesen Mann später kennen lernen zu dürfen. Gott versprach cs ihm. Als die Zeit eintraf, stieg Moses zur Erde hinab und begab sich zu Akibas Lehrhaus. Moses suchte aufmerksam dem Vortrage des Gelehrten zu folgen, aber er verstand kein Wort. Als Akiba dann für eine Bestimmung den Zuhörern keinen anderen Grund angebcn konnte, als „so hat es Moses am Sinai empfangen", da kehrte Moses betroffen zum Himmel zurück. Mit der zweien Zerstörung Jerusalems trat eine neue Periode ein, die Zeit der Mischna Lehrer und die Trennung der unter römischer .Herrschaft stehenden abendländischen von den in den parthischen Gebieten, namentlich in Babylonien, Assyrien, Chaldäa und Persien wohnenden morgenländischeu Juden. Trotzdem wurde jetzt Palästina ein religiöses Zentrum der Judenheit, denn nun wurde hier das Judentum zu der Gestalt ausgebaut, in der «s in der Hauptsache bis zur lhegenwart geblieben ist. Aber dieser Zeitraum dauerte nur etwa einhundcrtunddreißig Jahre, dann wanderie das religiöse Zentrum wieder nach Babylonien. Dort wurde das Rieseniverk des Talmuds vollenbel. Etwa achthundert Jahre blieben oie babylonischen Hochschulen der religiöse Mittelpunkt, mehr als weitere achthundert Fahre war der babylonische Talmud der religiöse Leitfaden der Juden. Auch in Palästina entstand ein Talmud, dieser blieb aber ohne Einfluß, geriet für lange Zeiten ganz in Vergessenheit. Im Jahre 1040 gingen die babylonischen Hochschulen zu Grund«. Schon ’ hundert Jahre vorher sollen vier babylonische Gelehrte Nach Nordasrika, Spanien und Südfrankrcich ausgewandert sein und dort Hochschulen errichtet haben. Seitdem gibt es kein religiöses Zentrum mehr, nur Gelehrtenkreise, die erhebliche Bedeutung für das Judentum hatten. Solche Kreise waren in Spanien, Süd und Nordfrankreich und am Rbein, vom Beginn des elften Jahrhunderts an. Die Verfolgungen im Jahre 1348, infolge des „schwarzen Todes", zerstörten die geistige Arbeit in Frankreich und Deutschlaus. Viele Flüchtlinge wandten sich nach Polen; dort fand die jüdische Gelehrsamkeit, namentlich das Talmudftudium, eine neue Wohnstätte. Die jüdische Wissenschaft konzentrierte sich jetzt fast ganz in Polen, namentlich nach dem Sinken der spanischen Wissenschaft und dann der Vertreibung der Juden aus der pyrrenäischen Halbinsel. Von Polen aus wurde der Schulchan Aruch des Joseph Karo mit den erschwerenden Zusätzen des Moses Jsserles in Krakau über die ganze damalige jüdische Welt verbreitet. Dreihundert Jahre hatte das Talmudstudium in Polen geblüht, dann traten dort aus zwei Gründen schreckliche Judenmetzeleien ein. Durch den Kosackcnaufstand unter Chmelnicki (1655) kam eine ungeheure Zahl von Juden ums Leben, die größten Gemeinden, wie Wilna, Krakau, Dublin, Posen uud Lissa gingen zu Grunde. Viele Flüchtlinge wendeten sich nach Deutschland, wo der dreißigjährige Krieg die Bevölkerung, Juden wie Christen, gewaltig verringert hatte. Viele dieser Flüchtlinge hatten talmudische Bildung; dadurch konnten sie Anstellungen als Lehrer oder Rabbiner finden. Die deutsche Judenheit, bis in das Herz Deutschlands hinein, verpolonisierte. Diese Verhältnisse dauerten bis in die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts an. Nur wenige deutsche Juden vermochten sich aus einen höheren geistigen Standpunkt zu erheben. Durch Moses Mendelssohn trat eine Aenderung ein. Es entwickelte sich ein neues, geistiges, religiöses Judentum in Deutschland; die Wissenschaft des Judentums erstand durch Männer wie Leopold Zunz, Abraham Geiger und Heinrich Graetz. Von Deutschland aus wurde die jüdische Wissenschaft durch eine Reihe junger Rabbiner nach Amerika, England und andere Länder verpflanzt; aber Deutschland blieb das jüdisch-religiöse Zentrum. Und nicht nur für Liberale und Konservative, sondern auch für die von Samson Raphael Hirsch gegründete Hochorthodoxie ist Deutschland das ZentrumbiszurJetztzeitge blieben und wird es hoffentlich weiter bleiben. Die Rabbiner in Jerusalem haben im Lause der Jahrhunderte oft versucht, sich als religiöse Zentralbehörde hinzuslellen, es ist ihnen aber nicht gelungen, weil es an geeigneten Persönlichkeilen gefehlt hat. Diese Versuche haben aber schon lange Zeit ausgehört. Jerusalem war niemals das religiöse Zentrum der JuSenhcit; Palästina wurde in gewissem Sinne zum religiösen Zentrum für die Zeit von 70 bis 200 nach der ffchchen Zeitrechnung. In gewissem Sinne, denn wohl wurde durch die Mischna die Grundlage für das Judentum gelegt, aber damals blieb der Kreis, in dem die Lehren Einfluß harten, noch ein recht kleiner. Erst als in Babylonien die Lehren weiter ausgebildet und in weitem Maße verbreitet wurden, als der Talmud abgeschlossen und veröffentlicht war, erhielten sie Bedeutung für die gesamte Judenheit. Diese Bedeutung beruhte aus dem Werke, nicht auf dem Ursprungsland«. Der Talmud scheint weit entfernt davon zu sein, Palästina für das religiöse Zentrum anzusehen, sonst würde xr nickt eine Rückkehr nach Palästina verboten haben. Lange Zeit nach Abschluß des Talmuds erwachte erst der Sehnsuchtsgedanke nach Zion. Er entstand, als die Lage der Judenheit in der Diaspora sich sehr verschlechterte und dadurch eine weitgehende seelische Depression eintrat. Der erste Sehnsuchtsdichter war Eteasar Kalier, der im 8.—9. Jahrhundert, man tveiß nicht wo, gelebt Hai. Seine Dichtungen bilden den ältesten Bestandteil der Liturgie für den 9. Ab. Als wirklicher Begründer der Sehnsucht nach Zion muß aber der große Dichter Jehuda Halevi angesehen werden. In Zeiten solcher seelischen Depressionen traten dann Männer auf, die sich für den erwarteten Messias — in Vergröberung des Messiasgedankens — ausgaben und die Massen verleiteten, ihre Heimat aufzugeben und nach Palästina auszuwandern. Diese falschen Messiasse haben vielleicht mehr Juden in den Tod gejagt, als bei großen Verfolgungen, z. B. den Kreuzzügen, zum Opfer sielen. Für die Judenheit war die Zionssehnsucht seit fast tausend Jahren ivohl oft ein Trost, ein Strohhalm in der Not, aber sie war noch weit mehr ein Unglück. Man wende nicht ein, daß unser Hauptgebiet, die Tesilla (auch andere Gebiete) seit uralter Zeit schon die Zionssehnsucht enthalten hätten. Diese Gebete sind kurz nach der Zerstörung Jerusalems und vor dem Bar-Kochba-Aufstande, entstanden — vielleicht haben sie zu letzterem mitgewirkt. Sie sind unverändert stehen geblieben, wie so viele andere Gebete und Einrichtungen, tote z. B. das Gebet für das Wohl der Gelehrten der babylonischen Hochschulen, das Jekum Purkan. Sie wurden oder werden von der großen Masse des Volkes gedankenlos weiter gebetet, weil man sie „sagen muß". Bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts kam Niemand auf den Gedanken, Gebete (oder auch sonstige Einrichtungen) abzuschaffen, mau hat immer nur neue hinzugefügt, bis der Eisberg des Schulchan Aruch auch dieser Weiterentwickelung ein Ziel gesetzt hatte. Seitdem war alles erstarrt. Nicht nur Gottes Mühlen mahlen langsam. Auch unsere geistigen Führer nehmen sich recht viel Zeit. Nicht nur Gottes Mühlen mahlen sein, auch diese Führer arbeiten mit einer Gründlichkeit, die einen „Kaiser-Auszug" hervorbringen könnte. Aber Gottes Taten werden sichtbar, wenn auch vor ihm tausend Jahre wie ein Tag sind. Wir aber haben es in den wichtigsten Dingen im Lause von hundert Jahren noch nicht viel weiter gebracht. Aus dem Berliner Gebetbuch sind die Gebete um Rückkehr nach Zion seit siebenzig Jahren entfernt, aber sie sputen noch immer. j » J n Mr btcfc etubrifc übernimmt die Schrtftleitung lediglich die aötftlicbr Derantworuuia. Weltsprache — Weltfrieden Berlin-Halensee, den 20. November 1920. Joachim-Friedrichstraße 22-23. An die Redattion der „Indisch-liberalen Zeitung"' Berlin SW. 11. Zu den Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. Gottschalk in Ihrer Nummer 4'ö vom 6. November 1929 möchte ich folgende ergänzende Bemerkungen machen, für deren Aufnahme in Ihrer geschätzten Zeitung ich Ihnen dankbar wäre. Am Ende der Ausführungen über „Weltsprache — Weltfrieden" stellt Herr Rabbiner Dr. Gottschals den Antrag, die Weltsprache zur Förderung des Weltfriedens zu propagieren. Allerdings ist er der Meinung, daß nur für die Frage des Weltfriedens die Zeit der allgemeinen Erwägungen vorüber ist. Man muß aber und kann auch das Problem der Weltsprache heute genauer formulieren. Die Zeiten der Wahl zwischen einer Kultursprache und Esperanto sind vorüber, Schon der erwa-chende Nationalismus der außereuropäischen Völker verhindert die Wahl einer Kultursprache, die ja eine europäische sein müßte; ganz zu schweigen von den Widerständen, die dieser Kultursprache in Europa sich enigegenstellen würden. Die Wahl muß also auf eine neutrale Sprache fallen, die Entscheidung Esperanto lauten. Bei dem heutigen Stande des Problems der Weltsprache kommt auch nur es allein in Frage. Esperanto ist sprachlich vollendet; nur .ferne Verbreitung ist im Werden; jedoch schon auf einen solchen Stand gelangt, daß praktische Erfolge erzielt worden sind und werden. Gerade für unsere Frage „Weltsprache — Weltfrieden" zeigte der Kongreß Kongreß „Friede durch Religion". Jnterreligiöse Konferenz für den Frieden", der im vorigen Jahre im Haag ftattge-