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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-12-04 · 49 (4.12.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
49 (4.12.1929)
Date
1929-12-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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wie eine vor Jahrhunderten stehen gebliebene Uhr, die nun ewig unveränderlich dieselbe Stunde und Minute anzeigt, so hätte er die Zeit und die Lebensumstände ebenfalls in unveränderlicher Starre dauern lassen, ewig gleichförmig und unwandelbar. Denn seine Thora ist eine Lehre des Lebens, das verkündeten seine Propheten unzählige Male, und sie ist nicht den Erzengeln im Himmel gegeben worden, sondern den Sterblichen hier auf Erden, sie kann nicht außerhalb der Bedingungen, die diesen Sterblichen auferlegt sind, begriffen, gelehrt und beobachtet werden. Man muß ferner bedenken, daß die Gebote der Thora so ausgeprägt den Charakter der Zeit und der Umstände tragen, in denen sie den Menschen gegcken wurden, daß sie häufig wie Ueberschriften zu bestimmten Kapiteln der Kulturgeschichte klingen. Die Thora redet zu den Menschen in ihrer Sprache, lehrt der Talmud. Im Zeitalter des Ochsengespannes und des Holzpfluges konnte Gott zu den Menscherl nicht die Sprache reden,.die erst im Zeitalter des Radio und des Luftschiffes verständlich wäre. Aber gleich wie Gott aus jenen primitiven Kulturmitteln auf dem Wege der Entwicklung, d. h. stetiger Integration, Veränderung und Anpassung, Radio und Luftschiff hervorgehen ließ, so hat er es in den jenen: Zeitalter gegebenen Gesetze:: hineingelegt, daß sie auf dem Wege steter Veränderung und Anpassung die Kraft gewinnen, unter der Generation des Radio und des Luftschiffes dieselbe lckensregulierende Funktion ausüben und dieselbe Idee zu verwirklichen, wie ursprünglich, nur in veränderter, den neuen Umständen rngepaßten Gestalt. Nicht in der starren Beharrung liegt die Ewigkeit, sondern in der steten Verjüngung, der Idee, des Grundgedankens, der sich in immer neue, dem Leben angepaßte Gestalten kleidet, aber im Kern sich ewig treu bleibt. Große Gedanken, Ideen, die bestimmt sind, der Menschheit auf viele Generationen hinaus oder gar in alle Ewigkeit voranzuleuchten, werden nur in Jahrtausenden einmal, etwa durch geniale Führer, meist in der Morgenröte der Völker, verkündet. Wir nennen das göttliche Offenbarung, Ausgabe der Menschen ist es, diesen großen Gedanken und Ideen Formen zu schaffen, die den jeweiligen Bedürfnissen und Notwendigkeiten des Kulturlebens entsprechen und ihnen so ermöglichen, sich zu allen Zeiten auszuwirken. Die Instrumente dazu hat die Vorsehung in den Menschen gelegt, indem sie ihn mit der schöpferischen Vernunft und mit dem kritischen Verstand ausgestattet hat. Die Erlebnisse und Erfahrungen der Generationen sammeln sich zu dem gemeinsamen Kulturgut, das ein Zeitalter dem anderen überliefert. In der Art, wie ein Zeitalter sich dem Vorgefundenen Kulturgut gegenüber verhält, in der Art, wie es den ewigen Widerstreit zwischen Beharrung und Fortschritt zum Ausgleich bringt, kommt seine kulturelle Reife und Fähigkeit zum Ausdruck. * * * Jeder Kulturinhatt, welcher Art immer er sei, tritt in einer bestimmten Form auf, die eine Funktion des Inhaltes ist, in langsamem kontinuierlichen Werden ans dem Inhalt herausgewachsen ist und organisch zu ihm gehört. Dabei ist der Inhalt das Entscheidende, die Hauptsache, Darum läßt die Natur, die nach dem Grundsatz des kleinsten Kraftaufwandes arbeitet, die Form, als das Minderwichtige fortbestehen, auch wenn der Inhalt längst eine Erneuerung erfahren hat, ungeachtet der Diskrepanz, die dadurch zwischen beiden entsteht. Doch wird der Unterschied zwischen diesen beiden Elementen nur dem scharfen Äuge offenbar, für den Durchschnitt fließen Inhalt und Form in eins zusammen, und da die Form das Auffälligere, Näherliegende ist, so hält sich der Durchschnitt vornehmlich an diese, ohne sich bewußt zu sein, daß er gegen das Naturgesetz handelt. Darum kommt es häufig vor, daß in Epochen der Krise, wo eine bewußte Aenderung des Inhaltes eines bestimmten Kulturgutes notwendig ist, der Eifer und die Betriebsamkeit der Neuerer die überlieferte Form voreilig zerstört, dm: nach Verjüngung dürstenden Inhalt eine künstliche Form aufdrängt und so die organische Entwicklung beider in harmonischem Zusammenspiel hindert. Vielleicht erklärt es sich dadurch, daß auf dem Kontinent nach einem jeden heftigen Umsturz eine lang andauernde Reaktion eintrat, die alle Errungenschaften der Revolution auf lange hinaus zunichte machten. Kein höheres Kulturgut, das auch seelisch verankert, ist denkbar, an dem nicht mehrere Generationen gearbeitet, jede der nachfolgenden den Faden zum Weiterspinnen reichend. Das „Erbe der Väter" hat nun einerseits die Funktion eines festen Bodens, auf dem stehend man weiter bauen kann, zugleich aber wirkt er wie eine Last, die niederzieht und überwunden werden muß. Demgemäß verhält sich jede Generation der Ueberlieferung der vorangehenden gegenüber auf eine zweifache Weise; konservativ und negierend. Das konservative Prinzip ist, wie in der Natur so auch im Bereiche der Kultur, eines der wirksamsten Mittel des Ausbaues und des Selbsterhaltungstriebes. Je tiefer veranlagt eine Menschengruppe ist und je bedeutsamer, also komplizierter, das in Betracht kommende Kulturgut ist, desto länger ist die Zeit, die erforderlich ist, damit diese Menschengruppe von dem betreffenden Kulturgute erobert wird, mit ihm verwächst, vi^r ihm in Besitz genommen wird, ihr seine ganze schöpferische Kraft spendet und von ihr dafür auf Leben und Tod geliebt und verteidigt wird. Das ist natürlich nicht das Werk einer einzigen Generatton. Im Bereiche des religiösen Lebens gewinnt alles Ueberlieferte noch dazu die Bedeutung des Heiligen, das mit doppelter Scheu und Liebe mngeben wird, da es schon den Borfahren heilig und geliebt war. Es ist also nicht zu verwundern, daß Menschen mit überwiegendem Gefühlsleben geneigt sind, alles ohne Ausnahme, was sie ererbt haben von den Vorfahren, als unantastbar zu betrachten, alles was die Vorfahren gedacht und gewirkt haben, ohne die leiseste Veränderung, ohne den geringsten Abstrich und ohne die mindeste Zugabe ins lebendige Leben hinüberzunehmen, sie setzen ihren Ehrgeiz darin, treue Kopien des vergangenen Geschlechtes zu sein. Die natürliche Ehrfurcht vor den Vorfahren wird gesteigert, so daß man ihnen eine nie wiederkehrende Weisheit und Unfehlbarkeit andichtet, vor der man nur in Demut ersterben kann, die man aber nimmer einer kritischen Beurteilung unterziehen darf. Für den Chinesen ist diese Dank- und Empfindungsweise bezeichnend. Aber auch im Talmud findet sich ein, allerdings vereinzelter Ausspruch: „Wenn die Vorfahren den Engeln glichen, so sind wir bloß gemeine Sterbliche; waren aber die Vorfahren gewöhnliche Sterbliche, so gleichen wir den Eseln." Nach dieser Anschauung geht es mit dem Menschengeschlecht immer tiefer abwärts, ewiger Rückschritt und Verkümmerung ist das Wesen der Weltgeschichte. Indessen bedarf es nur einer tieferen Erwägung, um die Haltlosigkeit dieser Anschauung und ihre Unvereinbarkeit mit eben dieser Ehrfurcht vor den Vorfahren, in deren Namen sie spricht, einzusehen. Wir vergessen nämlich nur zu leicht, daß nach einem bestimmten, längeren oder kürzeren Zeitraum, auch wir jetzt Lebenden aus der Kategorie der Nachfahren in die der Vorfahren aufsteigen werden. Werden wir nun von den nach Jahrhunderten Wenden Generationen für unsere Gedanken, Handlungen und Aussprüche die gleiche Demut, den gleichen unbedingten Gehorsam 'fordern, die man von uns denen gegenüber verlangt, die so und so viele Jahrhunderte vor uns gelebt? Wollen wir uns unseren Nachfahren gegenüber unfehlbar dünken und es ihnen im voraus als Sünde und mangelnde Ehrfurcht anrechnen, wenn sie von unseren Pfaden und unseren Gedankengängen abweichen, um eigene Wege zu suchen? Und ist es nicht eher ein Mangel an Ehrfurcht vor unseren Vorfahren, wenn wir ihnen zumuten, sie hätten beabsichtigt, uns in alte Ewigkeit an ihre Meinungen und Anschauungen zu fesseln und es uns als Mangel an Ehrerbietung, als Untreue gegen ihr Andenken auszulegen, wenn wir die Grenzen des ihnen vertrauten Bereiches überschreiten und Anregungen für unser Denken und Tun aus Welten schöpfen, die ihnen unbekannt waren? Man darf das Gegenteil versichern, sie freuten sich bei dem Gedanken, daß ihre fernen Nachkommen, den von ihnen übernommenen Faden weiterspinnend, zn neuen Erkenntnissen, neuen Wahrheiten gelangen werden, die sie kaum ahnen konnten. Ebenso wie wir es als den schönsten Lohn unserer Mühe erachten, daß einst eine ferne Zukunft, unsere Arbeit fortsetzcnd, es weiter bringen wird als wir. Bor mehreren Jahren behandelte ein frommes, orthodoxes Blatt eine religionsgesetzliche Frage, in der drei berühmte Geonim vor sehr langer Zeit einmal ihr strenges, erschwerendes Votum gesprochen hatten. Dann waren die drei Rabbiner gestorben. Das Blatt schrieb: „Da die drei Großen in Israel nicht mehr unter den Lebenden weilen, so hat niemand die Möglichkeit, Einwendungen gegen chre Entscheidung zu erheben, noch sie auf die neuen, von ihnen nicht vorausgeahnten Umstände aufmerksam zu machen (was ihren unbeugsamen Spruch vielleicht erreicht hätte). Ergo muß es bei der von ihnen getroffenen Erschwerung bleiben in alle Ewigkeit und es gibt keine Instanz dagegen." Man denkt dabei unwillkürlich an das Wort des Beaumarchais in Figaros Hochzeit: „Der Edelmann des ancien regime brauchte sich nur die Mühe zu geben, geboren zu werden." Der orthodoxe Rabbi, der „Machamir", braucht sich nur die Mühe zu nehmen, zu sterben, und er darf sicher sein, daß seine strengsten Erschwerungen für die Ewigkeit das Gewicht der Unfehlbarkeit erlangen und nimmermehr gemildert werden. Ueberflüssig zu betonen, daß der Gedankengang jenes Blattes von ebensoviel Unwissenheit wie Frömmigkeit zeugt. Ein talmudisch und rabbinisch gründlich geschulter Kopf muß sie absurd finden. Auch diese Neigung zu Erschwerungen, ein charakteristischer Hauptzug namentlich der späteren Dezisoren, der vielfach Gegenstand der schärfsten Kritik und sogar des Spottes von seiten der Freidenker war, muß zunächst entwickelungsgeschichtlich verstanden werden. Es wäre sehr ungerecht und grundfalsch, wenn man die Erschwerungen lediglich als Ausfluß des „gesetzgeberischen Sadismus" betrachten würde, der „Freude am Verbieten", wie sie etwa am monarchistischen Preußen von freisinniger und sozialdemokratischer Seite vielfach höhnisch getadelt wurde. Solche psychischen Motive mögen wohl bei einzelnen, sehr kleinen Geistern auch unter den Rabbinen vorgekommen sein, aber diese Geister waren so klein, daß sie keine literarische Spur zurückgelassen haben. Im großen und ganzen entsprang diese Neigung zu Erschwerungen dem seelischen Verhältnis der Juden zu Gott, dem Urheber und Spender der Thora und ihrer Gesetze. Dieses Verhältnis besteht seit den Zeiten der Urväter bis aus den heutigen Tag in einem fraglosen, hingebenden Vertrauen in die absolute Güte Gottes, der es mit den Menschen nicht anders als gut meinen kann und dessen Wille am Ende zur Glückseligkeit führen muß. Trotz des gelegentlichen Aufbäumens gegen den Lauf der Welt, das schon in Hen Psalmen stellenweise prächtig zu Tage tritt, trotz mancher skeptischen Anläufe im Mittelalter und in der Neuzeit bleibt dieses optimistische Vertrauen in die besten Absichten der Vorsehung Gottes, als Lenker der Menschenschicksale, in den endgültigen Sieg des Guten in der Welt, ja, manchmal ein unbewußter Glaube, daß das Böse in der Welt nur Schein und Schale, das Gute dagegen der Kern und die Wiklichkeu ist, unerschütterlich in der Seele des Juden. Der Jude als Einzelmenich und als Gemeinschaft hat seit jeher mit Gott „gehadert". Zeugen dessen sind einige der schönsten Psalmen und der herrlichsten Prophetenworte und aus der neuen Zeit, eine Reihe von Volksliedern und von individuellen Erzeugnissen namhafter Dichter; aber es ist niemals vorgekommen, daß die Juden nach einem allgemeinen großen Unglück Gott die Treue öffentlich gekündigt, ihre Bibeln und Gebetbücher fortgeworfen und die Synagogen geschlossen hätten, wie es z. B. ein so hoch zivilisiertes und tief frommes Volk wie die Buren nach dem endgültiger: Siege der Engländer getan! Die Irreligiosität kann sich bei einzelnen, an der Peripherie des jüdischen Lebens stehenden Juden als Atheismus äußern, aber zu allermeist ist dieser Atheismus unecht; und den sogenannten Freidenkern oder Monisten in Europa möchte ich dringend geraten haben, ihrer: jüdischen Bundesgenossen nicht allzuviel zu trauen; letzten Endes werden sie sie doch verraten und Umfallen. Max Nordau z. B. hat sein Leben lang gegen den Gottesglauben gekämpft, aber als er einen Artikel zu schreiben hatte, der in hebräischer Übersetzung zu Jerusalem gedruckt werden sollte, also in der nächsten Nähe der Stelle, wo der Tempel stand und die Schechina, die Herrlichkeit Gottes, ruhte, wurde er förmlich sentimental. Am Ende seiner Tage schrieb er ein Buch „Biologie der Ethik", das an Atheismus und — Plattheit nichts zu wünschen übrig ließ. Aber er ordnete in letzter Die Affäre Dreyfus in der Berliner Volksbühne. Mit der Aufführung der Rene Kestnerschen Dramatisierung des schon historisch gewordenen Dreyfus-Prozesses holte sich die unter Karl-Heinz Martins kluger Leitung stehende Berliner Volksbühne mit Recht einen rauschenden Erfolg. Hinter dem Pseudonym Kestner verbergen sich die beioen bekannten Berliner Autoren Wilhelm Herzog und Hans Jose Rehfisch, die sich leider wegen des Anteils ihrer Autorschaft bös in die Haare geraten sind. Gerade dieses geistigen Kindes wegen hätten sie sich nun gerade nicht so zu verzanken brauchen, denn es ist schließlich kein Dichtwerk von Belang, nichts für die Nachwelt, ja es hat mit Kunst und literarischen Prätentionen eigentlich wenig oder gar nichts zn tun. Es ist nur künstlerische Reportage erst vor einem Menschenleben gewesener, schauerlicher Wirklichkeit. Mit sympathischer Ehrlichkeit verzichtet das Stück auf poetische Deutung, auf irgendwelche willkürliche Formung. Es läßt lieber das Leben, die Wirklichkeit „dichten", es stellt nur, die Forderung des Historikers Ranke's erfüllend, har, „wie sich denn eigentlich alles abgespielt hat". Der künstlerische Mangel, das Fehlen des dichterischen Elements bewirkt diesmal gerade die erstrebte Absicht: wirkungsvoll rekonstruierte politische Geschichte Hur Belehrung und Besserung der Gesamtheit zu bieten. D:e .Reden der handelnden Personen sind völlig wortgetreu, ohne irgendetwas hinzuzufügen, den stenographischen Protokollen des riesigen Prozesses entnommen. Und daß die damaligen Vorgänge eben ungeheuer interessant, und dabei spannender und aufregender als der phantastischste Hintertreppenroman sind, ist nicht das Verdienst der beiden Bühnenbearbeiter. Diese haben jedoch in der unparteiischen Exzerpiemng, der Gliederung und Darbietung des unübersehbaren Materials recht gute Arbeit geleistet und damit ein ganz ungewöhnlich theaterwirksames Drama zusammengezimmert. Es hat ja etwas von Aktualität im üblen Sinne des Wortes an sich, wenn Ereignisse, die wir einst persönlich burchlitten, und Zeitgenossen, die zum Teil heute noch am Leben sind, realiter auf der Bühne erscheinen. Fataler Panoptikums-Wachsfiguren-Geruch steigt auf. Allein das Ganze wirkt doch wiederum so fesselnd, so lebendig arrangiert, daß die Unannehmlichkeiten und Einwände zum Schweigen gebracht werden, und der starke Eindruck bei weiten: überwiegt. Die Generation von heute weiß ja nicht mehr, was für eine Aufregung und Anteilnahme die Dreyfus- Affäre Ende des vorigen Jahrhunderts in der ganzen zivilisierten Welt hervorgerufen hat. Zustände, die für alle europäischen Kulturstaaten typisch waren und leider auch heute noch vielfach auf uns lasten, wurden damals in Frankreich von einigen mutigen Wahrheitsbekennern — unter Führung des Romanciers Emile Zola — öffentlich angeprangert. Verbrecherische Mitglieder einer überheblichen Militärkaste, die das berüchtigte „l'etat, c'est moi" für sich in Anspruch nahmen, hatten in engstirnigem, fanatischem Antisemitismus, im Bunde mit dem Klerus, an einem jüdischen Offizier ein furchtbares Justizverbrechen begangen, und als die Unschuld des unglücklichen Opfers vor aller Welt klargestellt wurde, sträubten sich die Regierenden mit widerlicher Hartnäckigkeit gegen das!Eingeständnis ihrer Schuld. Was schadete es, daß „nur ein Jude" wieder einmal ans Kreuz genagelt worden war, wenn bloß die militärische und juristische Maschinerie ihres Prestiges wegen nicht einzugestehen brauchte, daß sie aus Judenhaß heraus die verhängnisvollsten Funktionsfehler begangen hatte!... Es ist übrigens den Autoren trotz der auf der Hand liegenden Verleitung dazu geglückt und hoch anzurechnen, daß sie kein bloßes Tendenzdrama gegen Militär und Justiz schrieben. Sie haben einen Einzelfall herausgegriffen, der für das ewig-unausrottbare Unrecht der menschlichen Gesellschaft leider immer noch typisch ist. Sie haben mit geschmackvoller Unaufdringlichkeit die zeitgemäßen Parallelen herausgearbeitet und die Unterströme, die das Frankreich von damals mit dem Deutschland von heute verbinden, wie in einem Spiegel aufgefangen. Nicht nur das persönliche Schicksal des bedauernswerten französischen jüdischen Artilleriehauptmanns ist zu beklagen, das Ausschlaggebende sind die geistigen Antriebe, die zur Tragödie dieses Einzelnen führten; und über diese hinaus kommt es auf die moralische Verfassung unserer ganzen Epoche an. Leider Gottes handelt es sich ja bei der Affäre Dreyfus um keine dramatisierte Aktualität von vorgestern. Was sich damals in Paris ereignete, wäre um ein Haar vor kurzem in Magdeburg passiert, ist, wenn auch nicht in diesen Ausmaße, an einer ganzen Reihe deutscher Gerichte in den letzten Jahren immer wieder vorgekommen! Ueberall kann man die Soziologie des Antisemitismus studieren. Mit Bezug auf diesen sind in den letzten Jahren verschiedene größere wissenschaftliche Arbeiten erschienen (Zweig, F. Bernstein usw.) — ganz haben sie das Rätsel nicht lösen können. Das Problem ist uralt und immer das glerche. Die Antwort, welche die zionistische Ideologie gibt, ist sinnlos und undurchführbar, ein Allheilmittel gibt es nun einmal nicht. Neid und Ressentiment gegen „das andere", vielfach ethisch Höherstehende, soziologisch-biogenetisch verschicken Gewachsene ist der offensichtlichste Bestandteil dieses ungerechten und törichten Hasses. Im wirkungsvollsten Akt des Ab erlös, in der großen Gerichtsszene, haben die Verfasser dabei dankenswerterweise durchaus nicht auf psychologische und menschliche Nuancierung verzichtet. Die Offiziere sind nicht bloß die unmenschlichen Schurken, die etwas Schlimmeres als die Todesstrafe an einem Unschuldigen dulden, sondern sie handeln — das ist Pas Gemeingefährliche -- aus einer „Ideologie von ihrem Standpunkt" heraus. Sie verwechseln — bekanntes Gruppenlaster! — das Interesse ihrer Kaste mit dem der Nation, sie find die von einem falschen Standesideal betrogenen Betrüger. Der Gegensatz zwischen Geist und Ungeist, zwischen der Idee der Gerechtigkeit und dem Unrecht aus übel verstandener Staatsraison heraus, wird in diesem Akt beinahe auf eine dramatische Formel gebracht! Hier wurde wieder einmal geradezu die Bühne zur moralischen Anstalt! Das Essentiell-Dichterische in der großen Gerichtsszene fehlt leider Wickerum. Was haben Dichter wie Dhaw aus ihren Gerichtsszenen in der „heiligen Johanna", Büchner im „Danton" gemacht! Mit schwermütiger Ironie muß man feststellen, daß die Ethik, zur sittlichen Idee dieses Schauspiels erhoben, die

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