Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 49 (4.12.1929)
- Date
- 1929-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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-L1L?S MKHMeraleZeilmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich Ul. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.28 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im TNitgliedsbeitrage enthalten. Verantwortl. Redakteur: Bruno Woyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11. Hallesche Skr. 1 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto. Berlin 31B 7, 137 069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Noaparaillezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmart, bei' Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung- Inserate nabteilung: Berlin SW 11» Hallesche Strotze 1 (Bergmann: 335S-5S). sowie sämtl. Aunoncen-Expedition. Ar. 49 Berlin, 4. Dezember 1929 9. Jahrgang Sie jüdische Hot im Offen Dr. Singalowsky und Justizrat Vrvdnitz über einen ..Wenvepuntt in der Arbeit des Ort' Beharrung und Fortschritt in der Religion Eine sozialpsychologische Studie. Von Binjamin Segel. I Es soll hier eigentlich von der Religion in ihrer Ausj Prägung im Gesetz die Rede sein, wie es sich im alltäglichen bürgerlichen Leben manifestiert und die Verhälluisse regelt, wohl auch beherrscht, also System der Speisegesetze, der Ehe- und Scheidungsgesetze, der Reinheitsgesetze, der Gesetze über Mein und Dein, Gesetze über Sabbat und Jestheiligung, kurz alles das, was man mit einem nicht ganz zutreffenden Worte als das Zeremonialgesetz zu bezeichnen pflegt. Schon im Talmud wird zwischen dem Zeremonialgesetz und den eigentlichen Lehren der Religion (Verhältnis des Menschen zu Gott, Jenseits, Vorsehung, Lohn und Strafe, Eschatologie usw.) sowie dem weiten Gebiet der Ethik streng unterschieden. Im allgemeinen wird das ganze Zeremonialgesetz gleichsam als die äußere Schutzhülle, als die Schale der Religion angesehen, deren Kern die Lehre und die ethischen Vorschriften bilden. Das kommt auch in der sehr alten Ueberlieferung zum Ausdruck, daß die Zeremonialgejetze in messianischer Zeit ihre Verbindlichkeit verlieren werden. Es ist Gott gleichgültig, ob das Tier von der Seite des Halses oder der des Nackens geschachtet wird, sagt der Talmud; die „M i z - woth", wie hier das ganze Zeremonialgesetz kurz bezeichnet wird, sind nur gegeben worden, um den Menschen zu läutern, zu erziehen. Die Einteilung in Gebote, die sich aus die Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch (ethische Gebote) und solche, die sich auf das Verhältnis zwischen Mensch und Gott beziehen (Zeremonialgebote) ist ungenügend, denn die erste Kategorie geht doch Gott wohl mindestens so viel an wie die andere. Viel mehr zusagend ist die Einteilung in Vernunftgebote, nämlich solche, die sich jeder Begründung durch die Vernunft entziehen und die der Mensch aus Gehorsam gegen den göttlichen Witten befolgen muß. Diese letztere Kategorie umfaßt fast das ganze Zeremonialgesetz. Aber obgleich der Wertunterschied zwischen den beiden Kategorien schon den älteren talmudistischen Autoren klar war, galt doch innerhalb des überlieferten Judentums im allgemeinen der Grundsatz, daß beide, Schale und Kern, innig miteinander verbunden sind, daß die Schale an der Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Kerns Anteil hat. Wer die ethischen Gebote beobachtet, aber die Zeremonialgesetze bewußt vernachlässigt, wird im Talmud ein unvollkommener Gerechter geuauur. Ja, zeitweise wurde auf die Wichtigkeit der „Schale" für die Erhaltung des Ganzen besonderes Gewicht gelegt, justament um der möglichen Meinung entgegenzuwirken, daß sic gar gering zu achten sei, wobei sie Gefahr liefe, ganz der Vernachlässigung zu verfallen. Aber schon früh traten im Lause der geschichtlichen Entwicklung Momente ein, die Aendernngen im Religionsgesetz notwendig erscheinen ließen. Es unterlag int vorneherein keinem Zweifel, daß derlei Aendernngen an der Schale zulässig waren, vom Kern aber selbst um den Preis des Martyriums serngehalten werden mußten. Drei Sünden darf der Jude nicht verüben, lehrt der Talmud, und wenn es ihm das Leben kosten müßte: Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen. Doch das gilt nur, fügt ein späterer hinzu, in ruhigen Zeiten, während einer Religionsversolguug aber muß der Jude sich selbst um euies Schuhricmen willen töten lassen, um nur kein Gebot zu übertreten. Hier hat wieder der Märryrerstolz das Wort, der vorhin schon die breiten Volksmassen derart ersaßt^ hatte, daß die religiösen Behörden genötigt waren, die Todeebcreitschasl aus icnc drei Kardinalsünden j zu beschränken. Betrachte; man diese Trias, so wird man gewahr, daß sich unseren Vorfahren nicht nur der Unterschied zwischen ethischem und Zeremonialgesetz ausdrängte, sondern daß ihnen auch der^Unterschied zwischen oer Idee und deren Auswirkung in der Institution und im Gesetz klar wurde. Hier steheu wir vor dem Problem der „Ewigkeit der Thora". Die Idee der Thora ist ewig, unveränderlich, die Institutionen, in die sie sich kleidet, sind bestimmt, in der Welt und im Leben zu wirken. Da aber Gott die Welt und das Leben so geschaffen hat, daß sie nicht einen Moment stille stehen, sondern in fortwährender Umbildung und Veränderung begriffen sind, so müßten diese Jnstilutionen, wenn sie ewig veränderlich blieben, nur zu bald die Kraft verlieren, auf Welt und Leben regulierend einzuwirken. Das Leben würde dann ohne Kompaß bleiben. Tie Institutionen und Gesetze müssen also den Anforderungen des Lebens gemäß verändert werden dürfen. Tie Grundidee der jüdischen Religion ist die Einheit und Heiligkeit Gottes. Diese Idee ist ewig, unabänderlich, der Jude darf sie nicht verleugnen, auch wenn ihr Bekenntnis ihm das Leben kostet. Aber die Institutionen, in die sich diese Idee kleidet, von denen der Sabbat z. B. eine ist, dürfen nicht um den Preis des Lebens erkauft» sie dürfen ruhig ausgegeben werden, wenus ums Leben geht. Die Idee ist unabänderlich, nicht aber das Gesetz. Die Idee muß über dem Leben herrschen, sie muß im Leben verwirklicht werden, sie ist es, die dem Leben Wert und Inhalt verleiht. Vor einem im Hause des Direktors der Dresdner Bank, Herrn Dr. Wilhelm Kleemaun, versammelten Kreise prominenter jüdischer Persönlichkeiten Berlins sprachen die Herren Dr. A. S i n g a l o w s k y und Justizrat Dr. Julius B r o d - nitz über das Thema „Ein Wendepunkt in der Arbeit des Ort". Sellen — bemerkte Tr. A. Singalowsky einleitend — war die jüdische Oefsentlichkeit in einer solchen Bewegtheit, wie in unseren Tagen. Nicht äußere Feinde, sondern innrere jüdische Fragen find es, die die Gedanken und Gefühle in Wallung gebracht haben. Es ist nicht seine, des Redners, Aufgabe, zu diesen Fragen und deren umstrittenen Lösungsarten Stellung zu nehmen. Was aber sestgestellt werden' darf, ist die Tatsache, daß all die Auseinandersetzungen nichts mit der brennenden Frage der materiellen Existenz der Millionen osteuropäischer Juden zu tun haben. Ist dieses Problem wirklich so unbedeutend, daß man es ohne weiteres von der Tagesordnung der jüdischen Oeffentlichkeit absetzen darf? Wir kennen die Formel, wonach das Materielle im Leben der Völker nicht die Hauptfrage ist. Wir betrachten die Normalisierung der jüdischen Materie als die entscheidende Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung des Geistes. Zum eigentlichen Thema übergehend, stellte Dr. A. Singalowsktz fest, daß das ungeheure Ausmaß der jüdischen materiellen Not in allen Ländern des europäischen Ostens sich aus dem Widerspruch zwischen den überlieferten wirtschaftlichen Lebensformen der Juden und den Entwicklungstendenzen der Umgebung ergibt. Bei einer verschlechterten Situation für den Privathandel im allgemeinen sehen wir gegenwärtig im Osten eine ständig anwachsende Masse von kleinen jüdischen Gelegenheitshändlern vor uns. Allgemeine Ursachen bewirken die fortschreitende Krise des Handels. Durch die Vermehrung der Grenzpfahle gewann zwar der Nationalismus breitesten Spielraum, der Handel jedoch verlor seine ehemalige Bewegungsfreiheit. Aber auch in seinen Landesgrenzen selbst wird er stiefmütterlich behandelt. Das gilt nicht iiur in Bezug aus Sowjetrußland, sondern auch auf andere Länder und namentlich auf Polen. An die Sielte des wirtschaftlichen Liberalismus trat die aktive Wirtschaftspolitik der Regierungen, die vor allem auf die Einschränkung des privaten Handels gerichtet ist. Eine unbarmherzige Ossensive ist gegen den Zwischenhändler eröffnet worden, wobei die gesetzgebende und administrative Gewalt die Nolle des Hauptangreisers spielt. Drei Faktoren sind es - - Regierung, Produzent und Konsument —, die in dem Bestreben vereinigt sind, den Privathandel nach Möglichkeit auszuschalten oder mindestens aufs äußerste zu begrenzen. Daraus folgen die Regierungsmonopole, die Förderung der Kartelle und das Wachstum der Genossenschastebewegung: Totengräber des jüdischen Handels. Auch in Polen sind zirka 23 rtu der jüdischen Bevölkerung in die Deklassierung hinabgesunken. Diesem fortschreitenden Miedergang muß eine folgerichtige jüdische Wirtschaftspolitik entgegenwirken, die überfüllten jüdischen Händlerberufe müssen in der Richtung der handwerklichen, industriellen und landwirtschaftlichen Beschäftigungen immer mehr entlastet werden. Unter den gegebenen Umständen liegt der^ Schwerpunkt der Ausgabe nicht mehr in der geographischen, sondern vor allem in der „sozialen Emigration". Im zweiten Teile seines Vortrages sprach Dr. Singatowsky über die praktische Ort-Tätigkeit. In der letzten dreijährigen Berichtsperiode 1926 28 wurden vom Ort-Verband rund 4 015 000 Mark ausgegeben (in den vorangegangenen drei Jahren betrugen die Ausgaben 2 893 000 Mark). Nicht eingeschlossen sind die bedeutenden Summen der kooperativen Einkaufsgesellschaft, die Maschinen und Werkzeuge an jüdische Handwerker und Deklassierte gegen Kredit geliefert hat. Zu den verausgabten Summen steuerte das Joint Distribution Das einzelne Gesetz aber, die Mizwah, ist eine der vielen Verkörperungen der Idee, jedesmal bestimmt, ihre Verwirklichung im Leben zu symbolisieren. Das Gesetz kann nicht anders, als den Mannigfaltigkeiten und Notwendigkeiten des Lebens sich anzuschmiegen, um es regulierend zu begleiten. Nur durch das Variieren des Gesetzes kann die Idee in ihrer Unversehrtheit erhalten bleiben. Indem wir das äußere Gewand der Idee, ihre Verkleidung, ihre Inkarnation den Notwendigkeiten des Lebens anpassen, bewahren wir der Idee unverbrüchliche Treue, ermöglichen wir es, daß sie durch die Zeiten ihre Kraft bewährt. In manchen Fällen bedeutet gerade die Aushebung der Thora ihre Erhaltung, sagt der Talmud. Es gibt unter'uns, und es gab zu allen Zeiten, Leute, die da meinten, die Ehrfurcht vor Gott und der Heiligkeit der von ihm gegebenen Thora erfordere es, den Begriff der Committee 1 192 000 Mark bei, die restlichen 2822 000 Mark wurden von der Zentrale und deren Zweigorganisationcn aufgebracht. 40 «o der in den Ländern außerhalb Amerikas gesammelten Mittel wurden in den osteuropäischen Ländern aufgebracht. Die lokalen Einnahmen des Ort sind dort im steten Wachsen begriffen. Sie stiegen 1927 gegen 1926 um 48 <Vo; 1928 gegen 1927 um 92 o/o und gegen 1926 um 186 %. Der Etat des Ort-Verbandes für das Jahr 1929,30 in .Höhe von 3 916 090 Mark sieht 86100!) Mark lokaler Einnahmen im Osten vor. Insgesamt unterhält der Ort-Verband gegenwärtig 83 Handwerksschulen und Lehrwerksstätten, in denen im laufenden Jahre 7242 Personen ansgebildet werden. Zirka 8000 Jugendliche und Erwachsene absolvierten während der dreijährigen Berichtsperiode die Ort-Fachschulen und fanden fast alle Beschäftigung in ihren Berufen. In 141 Siedlungen kam die Hilfe des Ort 4737 Kolonistenfamilien zugute. Mit Hilfe der ausländischen Verwandten konnte Ort im Laufe des letzten Jahres für 1200 Familien Maschinen im Betrage von 1700000 Mark nach Sowjetrußtand schicken. Zwei wichtige Erkenntnisse führten einen Wendepunkt in der Ort-Tätigkeit herbei. Die erste betrifft Polen, die zweite Wege und Methoden der Aufbauarbeit in Sowjetrußland. In der letzten Konferenz des Ort-Verbandes fand der Notschrei des polnischen Judentums stärksten Widerhall. Der neue Arbeitsplan des Ort rückt die Arbeit in Polen etwas mehr in den Vordergrund. In Sowjetrußland vollzieht sich die produktive Hilfe an die städtische Bevölkerung in folgenden Formen: 1. durch das Produktionsgenossenschastswesen, das weniger Geldkredit als Prodnttionsmittel benötigt, wurden nach zirka 200 Städten und Städtchen Maschinen und Werkzeuge geliefert; 2. durch die Organisation der produktiven Verwandtenhilfe wird dem einzelnen Deklassierten eine Existmzmöglichkeit gewährt; 3. in neun Städten wurden in der letzten Zeit genossenschaftliche Werkstätten gegründet, die eine Ernährungsquelle für zirka 200 Familien bilden. Zu erwähnen ist noch die Aktion für Instandsetzung der abgenutzten Maschinen. Mit Hilfe des letzten Transportes von Ersatzteilen wurden einige Tausend Maschinen wieder in Betrieb gesetzt. Eine wichtige Arbeit für die deklassierte Jugend leisten die auf Initiative des Ort geschaffenen Arbeitsvermittlungsbüros. All diese Errungenschaften sind nur ein bescheidener Anfang aus dem Gebiete der sogenannten Industrialisierung, die in Gemeinschaft mit der Agrarisierung den Weg zur Wittschaftsemanzipation bedeutet. Justizrat Dr. Julius Brodnitz sprach über die Bedeutung der Ort-Arbeit vom Standpunkte der deutschen Juden und befaßte sich insbesondere mit den von verschiedenen Seiten gegen die Arbeit erhobenen Bedenken. Er wies den gegen die Ort-Arbeit erhobenen Vorwurf des Internationalismus zurück, sowie die Behauptung, die deutschen Juden hätten in ihrem eigenen deutschen Vaterlande soviele Pflichten, baß sie kaum die Kräfte zu deren Erfüllung aufbringen. Gewiß erfordert die Erfüllung dieser Pflichten einen Kräfteaufwand, wie man shn früher für unmöglich gehalten hätte. Es ist aber leider die Signatur unserer Zeit, daß wir unsere Kräfte in einem weit höheren Maße als vor dem Kriege ansprnnen müssen. Die deutschen Juden dürfen auch die ideelle Bedeutung des Interesses für unsere Brüder im Osten nicht unterschätzen; dies im Hinblick aus unsere unter der Last fast zusammenbrechenden Brüder, sowie auch auf unsere Glaubensbrüder in den anderen Ländern, insbesondere in Amerika. Wenn irgend ein jüdisches Gemeinschaftsgefühl sich geltend machen muß, so hier. Justizrat Dr. Brodnitz schloß mit den Worten: .Helft unseren Brüdern im Osten, die sich nach ehrlicher, produktiver Arbeit sehnen, und wartet nicht, bis sie, dort wie hier, der Bettelei verfallen, weil sie nicht mehr die schwere Last tragen können. ' (Jta.) Thora so auszulegen, daß alle ihre Vorschriften ohne Ausnahme, die kleinsten wie die größten, gleich wie ihre Lehren (Ideen) starr und unabänderlich in alle Ewigkeit die Form bewahren müssen, in der sie ursprünglich gegeben wurden. Wenn ich annehme, dieses oder jenes Gebot der Thora habe in einem gewissen Zettmoment ober unter gewissen Umständen seine Geltung verloren und müsse abgeändert werden, so habe ich die Ewigkeit der Thora und damit die Ewigkett ihres Urhebers geleugnet, habe Gott der Zeit und den Umständen unterworfen, ihn von ihnen abhängig gemacht. Das aber wäre ein Gottesbegriff, der dem des Judentums stracks widerspricht. Diese Argumentation vergißt nur, daß Gott nicht nur der Urheber der Thora und des Religionsgesetzes ist, sondern auch der Urheber der Welt, der Zeit und der Umstände, deren fortwährende Wandlungen er lenkt und überwacht. Hätte er beabsichtigt, daß jedes Gebot der Thora in unabänderlicher Starre ewig in gleichen Formen durch die Zeiten dauere.