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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-11-27 · 48 (27.11.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
48 (27.11.1929)
Date
1929-11-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Bisher nahm man meist an, daß die Evangelien entweder ganz historisch oder ganz unhistorisch seien; man wollte nicht die Möglichkeit anerkennen, daß in die Geschichte des jüdischen Rabbi später Mythisches hineingetragen worden sei. Manche gingen so weit, daß sie sich eher mit der Vorstellung abfinden wollten, das Urevangelium des Markus sei ein frei erfundener Roman gewesen. Heute ist man sich dagegen einesteils darüber klar, daß die Jesusgestalt nicht eine literarische Erfindung sein kann und daß es eine machtvolle Persönlichkeit gewesen sein muß, die den Anstoß zu der neuen religiösen Bewegung gab. Tabei ist man aber gleichzeitig hinsichtlich der G^schichtsoarstellung selbst, die die Evangelien geben, immer skeptischer geworden. Nicht einmal die Er zählung des Lebensendes Jesu, die man bisher für sicher historisch hielt, gilt heute tnehr als verbürgt. Tas einstweilige Ergebnis läßt sich dahin zusammenfassen, daß ein großer Teil der Lehren und Aussprüche Jesu, die wir in den Evangelien finden, aus die Erinnerung der Jünger und der ersten Gemeindemitglieder zurückgeht, daß im übrigen aber vieles, so vor allem bte Tarstellung oes Prozesses, tendenziös gefärbt und aus den beginneudett Gegensatz der jungen Gemeinde zum offiziellen Judentum zurückzusühren 'ist. Tas Verdienst, aus die ltnrnöglichleil der Prozeß und Rrenzigtmgsgcschick e auflnertsam gemacht zu haben, gebührt Ealomon Rer nach, dem srarizösischen Religionshiftoriker, eirrenr der zahlreichen (belehrten, die die jüdische Familie Rernach hcrvvrgebracht hat. Reinach har nachgcwiesen, daß die Tarsteilung des Prozesses Jesu nach den Evangelien nicht mit dem jüdischen Prozeßrecht in jener Zeit in Einklang zu bringen ist. Er erklärt sehr viele Partien der evangelischen Berichte als rriu mythisch, hält aoer durchaus an der Ge schichtlichreit Jesu fest. Tiefes Bild, dessen Umrisse noch kräftiger uachzuzeichncn sind, hat sich heute im wesentlichen dutchgcsctzck. Mail hat eine scharfe Trennung des itebciliefe rnugsstofses in Lp räche (Logiauud Levensbceickft (Perikopendurchgeführr, wobei die ecstere Partie zum größeren, die letztere zum kleineren Teil als historisch betrachtet wird. I". nencster Zeit ist das Fvtschcn nach -oen außercvangelische'.r Quellen für das Leben Jesu mit besonderem Eifer betrieben worden. 'Tabei steht heute die Frage nach der Echtheil des Josephns Berichtes in der altslawischen Urbertragung im Vordergründe. Tie Lle.lr des griechischen Josephus- Tertes über Jesus ist seil langem als völlig verstümmelt oder ganz eingeschooen erkannt roordcu. Ter slawisch? Ja sepyus geht auf einen Urievr in arautäischer Sprache zurück, der mit der griechischen Fassung nicht ganz ubereinßimmt. Auch die slawisch.' uebenragung ist von den Absck.terbern verstümmelt ivorden und man wollte früher den Partiea. über Jesus, die darin enlha!??n sind, jeden historischen Wert absprechrrr. In den letzten Jahreit ist es nun o-?m tu Ästen lebeitdeu jüdischen Rcligionshistoriter ckiobect Eisler geiungell, den i'.rs? rüugncheu slawischen Terst mit einiger Sicherheit zll rekonstruieren. Tas Ergebnis seiner Forschungen hat Eitler in dein großen, noch nicht galt; abgeschlossenen Werke „Jesus Basileus" niedergelegr. Für die iveitere Oeffeutlichkeit hat Eisler über den Fortgang seiner Arbeiten in der englischer! Zeuschrist „The Qnest" berichtet, bereit Herausgeber Eislers Studiert zum slawischen JosephuS als epochst machend ansieht. Sie bringen in der Tat, wenn sich der gewonnene Terst als authentisch herausstellt, den. ersten größeren verbürgten außei evangelischen Bericht über das Leben Jesu. Jesus erscheint hier überraschenderweise als der Führer einer Bewegung, die politische Ziele verfolgte, bei der es sich uni eine Auflehnung nicht nur gegen die jüdische Hierarchie, sondern auch gegen die römische Staatsmacht handelte. Damit erhält die Theorie Friedländers von Jesus als dem Führer der am-haarez, des Landvolkes, eine nachträgliche Unterstützung, eberiso wie die Auffassung Kautschs von Jesus als dem revolutionären Messiasprätendenten. (Kautsch „Ter llrsprung des Christentums", 1908.) Damit wiro auch deutlicher, weshalb die Zerstörung Jerusalems durch die Römer den eigentlichen Artstoß zur Bildung einer christlichen Gemeinde gegeben hat. Ti? Predigt Jesu vom nahenden Weltuntergang hatte mit dem Falle Jerusalems ihre erste Bestätigung erfahren. Um so jener tonnte jetzt bei den Jesusgläubigen die Vorstellung von der Nähe des Reiches Gottes Fuß, (offen. Tie Beugung ist aber erst allmältlich unpolitisch geworden, wobei der Fortfall der politischen Mcssiashvffnungen für die Zurunst in Betracht kam, ca es sich bei den Gläubigen ja nur um die Wieocrluuft des Herrn handeln tonnte. Während das Christentum ursprünglich wohl ebenso romseinolich war, wie Die Richtungen der Pharisäer und Zeloten, treten jetzt andere politische Motive in die Erscheinung: Tie Heidennrission wird wichtiger, als die Propaganda in Judäa. Tas Ehriienlum musste daher versuchen, niit der römischen Staatsmacht möglichst im nuten fertig zu werden und sich von dem politischen Rebellentum deutlich zu trennen. In diesem Sinne sind die Evangelien und offenbar auch schon ihre Vorlagen abgnaßt. Die ursprüngliche Bewegung hatte ja bereits mit dem Kreuzcstooe des Führers eine starke Umbildung erfahren. Von jetzt an wird der Glaube daran, daß Jesus wieder ausersranden sei, die Grnndtatsache der neuen Religion. Tie Folge dieses Umbildungsvrozesses ist, daß schon bei Paulus bas' eigentliche Wirten Jesu recht bedeutungslos wurde. Für das Christentum mag überhaupt der Jesus, der nach Abtragung der historischen UberLrustrmgen entsteht, wenig Wert haben. Anders steht es ,ür dasr Judentum. Zwar liegt der Halbgott, Gott oder Gottessohn des christlichen Dogmas außerhalb unseres Gesichtskreises, aber uns interessiert der jüdische Mensch Jesus, der ein Kind seiner Zeit war und doch die gesamte geistige Welt ans den Angeln hob. Zur Wicdctcherstellung der wahren menschlichen Figur Jesus ist, wie wir in diesem Ueberblick gezeigt haben, von jüdischer Seite bereits viel geschehen. Es steht zu hoffen, daß. die STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNG BERLIN W 66 ™ MAUERSTR. 79 FERNRUF: ZENTRUM 5023 u. 5024 BLUMENSPENDEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK INNENDEKORATIONEN IN KOKSTLERISCHER AUSFÜHRUNG rege jüdische Anteilnahme auch weiterhin gewahrt bleibt. Nur die verknöcherte Orthodoxie und allenfalls noch engstirniger jüdischer Nationalismus können an der Jesnsgestalt vorbeifehen. Für alle anderen Juden aber wird die Lösung des Jesusrätsels von Bedeutung bleiben. Sie werden imrner wieder von dem Wunderrabbi Jeschu gebannt bleiben, der am kreuze starb mit den Worten des jüdischsten aller Psalmen aus den Lippen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Tu mich verlassen!" Zur Methodologie des Zionismus Bis zu den neuesten Ereignissen in Palästina wurde der Zionismus in jüdischen Kreisen vornehmlich als ein innerjüdisches Problem behandelt. Anhänger und Gegner des Zionismus strikten darüber, ob die Juden ein Volk oder eine Religionsgemeinschaft feien, ob sie sich assimilieren können oder wollen, ob eine nationale Wiedervereinigung der von so vielen verschiedenen Kulturen beeinflußten Juden verwirklicht werden könne, ob sich nichtzionistische Juden an der Arbeit in Palästina beteiligen sollen ober nicht ustv. Weil weniger hat man sich mit der anderen, sozusagen der außerjüörscyen Seite, des Problems beschäftigt, nämlich mit dem Verbal!nis zu dem Volk, in dessen Mitte der jüdische Staat errichtet we.den sollte. Tie Doppelnationalität Palästinas wurde natürlich nicht ignoriert, immerhin stand die Frage des Verhältnisses zwischen Juden und Arabern bzw. des Verhöltnisses der bl rauer zmn jüdisch-nationalen Ausbau werk in Palästina weit im Hintergrund, bis schließlich bas Blutbad in den Augusttagen die ganze Wichtigkeit dieses Problems aufi'oilte und auf einmal grell zeigte, wie wenig zutreffend die in der zionistischen Presse übliche Bezeichnung Erez Israel für Palästina ist. Wenn man sich der Geschichte der zionistischen Bewegung erinnert, so wirb es verständlich, daß im Zionismus das nationale Problem in Palästina so wenig ernst behandelt wurde. Man muß sich die Methode ins Gedächtnis znrückrusen. tnir deren Hirse Herzt Palästina zu erhalten hoffte und die von den Zionisten noch immer als eine so große staatsmäv.nische Tat dck'ackte> wird. Ter Beginn des poj ckiiftyen piiw'.it-tnus sackt in die letzten Jahre des vorigen u-.d die ersten Jahre uns'res Jahrhunderts. Tie Türkei war tzamars schon tauge nur non nominell eine Gryßmacht, sie st'istete ihr Dasein nur durch die gegensätzlichen Interessen, der im Nahen Orient rivalisierenden Großmächte, mußte immer dem zustimmen, was die Weltmächte ihr in mehr oder rvrioer nttstnatirm Form vorschrieben, sie befand sich dam in itändigee Gei,not. Es tonnte daher der Gedanke anskouunen - wenn man, wie Herzt, der Meinung war, eine Nation und einen Staat ausznbauen, sei nicht stpwerer, als .eine Aktiengesellschaft zu gründen, es müßte nur das Geld dafür vorhanden sein —, daß es genügen würde, ans den Sultan einen gehörig wirkungsvollen Truck auszw üben, um ihn zu veranlassen, einen Charter aus die' Rolou.isatiou von Juden in Palästina zu erteilen. Herzt wäre sicherlich raum auf den Gedanken gekommen, seinen Judcnstaat in Palästina anfrichten zu wollen, wenn das Heilige Land im Besitz einer Großmacht gewesen wäre, die genügend stark war, um jede Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten seitens fremder Mächte sich zu verbitten. Anders aber war es mit der Türkei, deren Lage einen Widerstand gegen einen ernsten Wunsch der europäischen Großmächte ausschloß. Es handelte sich für Herzt also nur darum, die in Betracht kommenden Monarchen zu mobilisieren, sie zu veranlassen, von der Hohen Pforte die Erfüllung des Planes des Ziouistcnführers zu verlangen. Es konnte erwartet werden, daß der Sultan auch seinerseits keinen allzu ernsten Widerstand leisten würde, wenn man ihm für den Charter eine entsprechende finanzielle Hilfe anbieten würde. Tie Einwohner Palästinas ging die ganze Sache nichts an, die Angelegenheit konnte, nach dieser Auffassung, durch eine Verständigung zwischen den Regierungen der europäischen Großmächte und der Türke: erledig: 'werden. Tie ottomanische Regierung .wird gegenwärtig - schreibt Herzl am >4. August l90> an den damaligen russischen Innenminister Plehwe — alles tun, was man von ihr verlangen würde, um Rußland angenehm zu sein. Ter direkt ausgesprochene Wunsch Seiner Majestät des Zaren würde genügen, ich bin. davvn überzeugt." Rechtliche Zitate könnte man aus den Tagebüchern Herzls dutzendweise ansühren. Aus diefer Auffassung des ganzen Problems ergaben sich die Reisen Herzls zu allen möglichen Polentaten, um sie für die Pläne des Führers des Zionismus zu gewinnen; ihr Wohlwollen würde schon anöreichen, um das ganze Judenprobiem zu lösen. Bon diesem Gesichtspunkt aus erschien jeoes Gespräch mit einem Minister oder f onst einer einflußreichen Persönlichkeit, noch mehr natürlich ein huldvoller Empfang seitens irgend eines gekrönten Hauptes als ein außerordentlich wichtiger Erfolg der zionistischen Aktion, als ein Ereignis von historischer Bedeutung. ES gehört zwar nicht zum Thema dickes Aufsatzes, maß aber doch im Zusammenhang gesagt werden, daß die Herausgeber der Tagebücher Herzls dem verstorbenen Führer der zionistischen Bewegung schwerlich einen Dienst erwiesen haben, als sie seine Notizen über die von ihm gemachten Reisen und geführten Gespräche veröffentlichten. Namentlich^ gilt das vom Teil der Tagebücher, in welchem die Reise nach Petersburg im August 1903 geschildert wird. Es äußert sich iu diesen Blättern nicht nur eine vollständige Unkenntnis Rußlands und der damals Rußland leitenden Männer, sondern, was vielleicht noch viel schlimmer ist, eine nicht weniger vollständige Unkenntnis der Lage der Inden in Rußland. .Herzl kam nach Rußland einige Monate nach dem Pogrom von Kisckftncw, das russische Judentum stand noch ganz unter dein Eindruck dieses Pogroms, in welchem sich zum ersten Mal die Judenpolitik Plehwcs mit unverhüllter Brutalität äußerte. Der Kampf gegen die Revolution seitens der Regierung wurde unter Plehwe zum Kamps gegen die Juden, welche zu den eigentlichen Trägern der Umsturz-- bewegung gestempelt wurden, jede einigermaßen ernste Verbesserung der Lage der Juden ivurde undenkbar, da die Regierung darin ein Zugeständnis an die Revolution sah. Nun verhandelt -Herzl mit Plehwe über die Erleichterung der Auswanderung der Juden aus Rußland, was die russischen Juden garnicht wollten, denil sic bestanden darauf, in Rußland Gleichberechtigung zu erlangen, um eben nicht auswandern zu müssen. .Herzl, der ja Menschenmaterial für seinen Judcnstaat brauchte, war natürlich berechtigt, seine Ansicht für die richtige zu halten und eine Ausivanderung aus Rußland zu wollen. Was aber geradezu unbegreiflich erscheint, ist der Vorschlag, den er Plehwe macht, zur Besserung der Lgge der Juden in Rußland das Ansicdlungsrecht der Juden auf .Irland und Riga auszudehnen. Hätte Plehwe das getan, so wäre den Juden in Rußland außerordentlich wenig geholfen, die Qual der Wohnrechtsbeschränkungen wäre merklich nicht gelindert, denn für die Juden handelte es sich garnicht darum, in Kurland und .Riga wohnen zu dürfen, sondern in ganz Rußland. Plehwe hat übrigens damals etwas ähnliches gemacht, indem er den Inden gestattete, m 104 kleinen Flecken, in denen sie sich bis dahin nicht dauernd hatten aufhalten dürfen, zu leben. Dieses angebliche Zugeständnis wurde damals von allen russischen Juden, und zwar mit vollem Recht, direkt als Peitschenhieb ins Gesicht ausgenommen, als eine brutale Verhöhnung, was sie in der Tat war. Nichts anderes wäre geschehen, wenn Plehwe den Vorschlag Herzls ivegeu Kurland und Riga erfüllt hätte. Es ist ganz ausgeschlossen, daß die rnssck Ichen Zionisten, die die Lage natürlich sehe gut kannten, ihm den Auftrag, diesen Vorschlag zu machen, erteilt haben sollten. Er konnte nur bei einem Mann austauchen, der irgend etwas von Wohnrechtsgesetzen gehörr hat, vielleicht auch davon, daß es für Kurland und Riga besondere Bestimmungen gab, oabei aber die reale Bedeutung dieser Gesetze und Bestimmungen garnicht kannte. Man muß sich direkt an den Kopf fassen, wenn man in den Tagebüchern icherzls licit, daß er zu Plehwe sagte, ec hätte von ihm bisher in Europa in einer Weise reden hören, daß er sich habe sagen müssen, Plehwe „müsse ein sehr großer Mann sein", oder wenn ein anderes Mal, als Plehwe ihm sagt, er sei bloß ein Minister, der morgen vielleicht nicht mehr aus seinem Posten sein wird, Herzt ihm darauf erwidert: „Wollen wir hoffen, daß es nicht sein wiro." Leit der Ermordung. Plehwcs, die etwa ein Jahr nach^ dieser Uiuerhaltuiig mit Herzl stattgefunden ha:, sind schon . Jahre verstrichen, . Jahre voll schwerer katastrophaler Ereignisse. Die historische Distanz i|t schon genügend groß, um die Bedeutung Ptehwes und 1 eine Rolle in der russischen Geschichte obtzelriv beurteilen zu tonnen. Es kann jetzt ruhig gesagt iverden, daß Plehwe entschieden zu denjenigen Ministern in Rußland gehört Hai, die am meisten dazu beigetragen haben, der Katastrophe der Revolution den^ Weg zu bahnen. Nicht nur in seiner Behandlung der russischen Juden, die ihn schließlich dazu führte, die Pogrome sozusagen zu einer normalen Verwaltnngsmeknode zu machen, sondern seiner, ganzen russischen Politik hat Plehwe nichts anderes als rohe Polizeinntrei zu verwenden verstanden. Von staatsmännlichen Ideen, auch von konservativen, war bei ihm reine Rede, ec begnügte sich damit, altes mit Hitze von Ausnahme (Belagerung- -gjustand, Verbannung nach Sibirien ustv. zu „beruhigen". ' Als He'czt mit ihm sprach, war Piehwe nn. vollen, Grund der bestgehaßte Mensch in Rußland, aile, selbst konservative, die keine gedankenlosen Real livnäre waren, iahen in ihm nur die Lerlörperniig des Polizei regiirres. Er war nichts als ein Polizeiinanu. Aus dem Posten des Innenministers, aus weichem er tatsächlich der Beherrscher Ruß ianos ivar, benahm er. sich nur als Eh es des Polizeidepaetements, der er früher war. Es rst auch toiiservativen Niensche:i in Rußland nie eiilgefatten, ihn einen großni Mann zu nennen. Ihm ein solches Kompliment ins Gesicht zu tagen und den Wunsch ausdrücken, er werde nicht ',ooald ,einen Posten verlassen müssen, ist geradezu unfaßbar, namentlich int Munde eine? Mannes, der als Führer des indischen Volles anslrat und üvrigcns mit geradezu rührender BescheideuWt Plehwe gegenüber der Ueberzeugung Ausdruck verleih!, „die Judmi in Rußland würden sich veruhigen, uoenn seine Majestä: der star ihn jo. h..Herzl) empfangen würde" ... Schreiber dieser Zeilen ist selbst russischer Jude, erinnert sich der Reise .Herzls nach Petersburg noci) sehr gut, muß aber gestehen, daß Herzt sich davei in einem geivauigen Irrtum befand: nur ivoulen brauet! - tcu zu innerer „Beruhigung" etwas ganz was anderes . .. Restreu;iir nach Di cf ent vielleicht etwas langen Epe n cs zu uli',crem cistcttUichcw Thema zurück, so müssen mir sagen. Daß das Merkwüroige au der jetziger!, zionijlijchen Politik Dnel ubcsteyt, das', der Zionismus auch nach dem Weltkrieg in Den Vnuü’nTt der Herzl ftijen Diplomatie ruhig weiterw-andeli. Bar 30 Jahren war es wenigstens noch verständlich, wenn malt glauben konnte, in ocr absolutistisch regierten Türke: müiDeu die arabischen Untertanen ruhig akUs hinnehmcu, was ihr „gelicbte: Souverän" anzuoronen allcrgnädigst geruhen irüröe. Nun ist aber jetzt der Snttau schon kattge nicht nrrhr Da, die arabischen Länder stehen nicht mehr unter der Herrschaft oer Tune', matt muß überall jetzt mit Bolksstimniuwgen rcchnen in einem Unpange, Der vor dem Weltkrieg un- Dern'bnr mar. Tie Politik wird jetzt von ganz anderen sozialen Gruppen kein,lnfrt als früher. Nichtsdestoweniger wird auch -jetzt der Schwerpunir der ganzen Aktion in den Handlungen Der Regierungen gesehen. Man bleibt von der Balsourdetlar.Nlvn laszinierk, als ob es noch nie vorgekommen sei, paß eine von einer Regierung übernommene Verpslichtung nicht, inncgehalten werden tonnte. Tie englische Regierung, so wird immer,ort wiederholt, ist durch die Balfourdeklaratiou gebunden) sic kann nichts anderes tun als das einmal gegebene Versprechen erfüllen. Tabcr zeigen gerade die Nachkriegsjahre, daß die sogenannten Siegerstaatcn eine ganze Reihe ähnlicher Versprechen, nachoem sie von ihnen gegeben worden waren, nickt einznbalien vermochten. Wir wollen nur einige Fälle anführen. So erkannte z. B. der Oberste Rat der Ententemächte im Januar 1920 Die Regierungen von Armenien, Georgien und Aserbeidschan de facto an. Am 27. Januar 1.921 erkannte oer Oberste Rat Georgien auch de jure an, aber einige Wochen Daraus wurde Georgien zu einer Sowjetrepublik innerhalb Sowjetrusftands, ebenso sind Armenien inu> Ascrbcidschan Sowjetrepubliken geworden. Ihre feierliche Anerkennung durch die Siegermächte hat an der Sachlage also nichts zu ändern vermocht. Ter Vertrag von Sevres vom 10. August .1920 erkannte ein selbltänDiges Armenien an, dessen Regierung auch den Vertrag mit Unterzeichnete. Tie Grenzen Armeniens wuroen im März 1921 durch einen Schiedsspruch des Präsidenten Wilson gezogen; durch das Vorgehen Der Sowjetregierung aber einerseits, von Mustafa Kemal, dem Führer der Angoratürtei andererseits wurde dieser Vcrtrag zu einem Fetzen Papier. Im Dezember 1918 best'.mnrte der Oberste Rat eine provisorische Ostgrenze von Polen, die sogenannte Eurzonlinie, welche Wilna außerhalb Polens ließ. TaS hinderte aber die Polen nicht, sich Wilnas zu bemächtigen. Marr könnte noch eine ganze Anzahl analoger Fälle aujül)Tui, aber schon die ausgezählten genügen vollstckndig, un: zu beweisen, daß es bestimmte Situationen gibt, in denen auch noch so feierliche Regierungsakte ihre Gültigkeit vertiereit. Tie Sicherheit also, daß die Balfourdeklaration eine unerschütterliche Basis der englischen Politik in Palästina bleiben muß. beruht, selbst wenn man an der Loyalität der englischen Regierung nicht zweifeln will, auf einer großen lleberschätzung der Allmacht der englischen Regierung wie auch aui einer ganz offenkundigen Verkennung der Labilität der Loge im Orient und der außerordentlichen Schwierigkeiten, N'.it denen England in dem von ihm beherrschten Gebiet von Aegypten bis Indien gegenwärtig zu kämpfen hat. Dr. I. Letüin- Berlin. Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtenl Deutschlands

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