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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-11-27 · 48 (27.11.1929) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
48 (27.11.1929)
Date
1929-11-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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g. Jahrgang Nummer 48 Ic ♦f l. M iiitsan IfyilH Das Zesusblld des modernen Wenkvms Von L. Neufeld, Berlin. In Kürze wird in deutscher Sprache das viel umstrittene Jesus-Buch des zionistischen Theologie-Professors Klausner erscheinen. Es ist anzunehmen, daß dann auch erneut das Jesus-Problem in der jüdischen Oesfentlichkeit Deutschlands erörtert werden wird. Der folgende Aufsatz gibt einen beachtlichen Ueberblick über die Erörterungen, die im liberalen Judentum verschiedener Länder in den letzten Jahren stattgesunden haben. ' Die Red. Eine seltsam anmutende Nachricht ging vor kurzem durch die Presse. Danach soll ein Ausschuß von Rabbinern sowie voll jüdischen Juristen urü> Wirtschaftlern beabsichtigen, demnächst in Jerusalem den Prozeß Jesu wieder auszurollen und — nach dem doch wohl zu erwartenden Urteilsspruch, daß die Kreuzigung Jesu ein. Justizmord war — Gott und die christliche Kirche um Verzeihung im Namen des Judentums zu bitten. Der Plan, der amerikanischen Hirnen entsprungen sein dürfte, ist zu absurd, als daß man ernstlich darüber diskutieren könnte. Vor allem ist seine historische Voraussetzung, die Prozeßgeschichte der Evangelien, heute von der Forschung längst als unhaltbar erklärt worden. Man muß sich daher fragen, was hier revidiert werden soll und ob man nicht besser getan hätte, wenigstens solange zu warten, bis uns einmal zuverlässige Quellen erschlossen werden, die die wirklichen Vorgänge zu jener Zeit schildern. Eine andere Revision freilich, die weit wesentlicher ist, hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte bereits vollzogen. Das moderne Judentum, oder doch wenigstens die geistige Elite des Judentums, sieht in Jesus nicht den Abtrünnigen oder den Jrrlehrer, den die Rabbinen früherer Jahrhunderte in ihm erblickten, sondern den wohl größten Mann, den das jüdische Volk je hervorgebracht hat. W« kennt heute noch die Aftermärchen des „Toledoth", jenes mittelalterlichen Machwerkes, das Jesus als Betrüger schilderte? Im Judentum unserer Tage hat die Vorstellung festen Fuß gefaßt, daß Jesus der Wiedererwecker und Vollender der großen prophetischen Tradition war, die das Vermächtnis des Judentums an die Welt darstellt. Wir sind zwar heute noch weit von einer einwandfreien historischen Deutung des Lebens Jesu entfernt. Aber wir können eine ganz deutliche Entwicklung bemerken, die sich in der letzten Zeit vollzogen hat, und die für historisch und theologisch interessierte Kreise des Christentums beinahe überraschend gekommen ist. Wir Haben den Zusammenbruch des konventionellen Jesusbildnisses des früheren liberalen Protestantismus erlebt: Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, das Gottesreich verkündete und starb, um seinem Werke die Weihe zu geben, hat niemals existiert. Ebensowenig hat der Jesus je gelebt, der, ein universales religiöses Genie, die abstrakten Probleme unserer heutigen Theologieprosessoren erörterte. An seine Stelle ist ein Mensch von Fleisch und Blut getreten, ein Mensch der jüdischen Umwelt, der manche ihrer Jrrtümer und schwärmerischen Ideen teilte, aber auch ein Mensch, aus dem der göttliche Funke entsprang, aus dem eine neue Kultur und eine neue Welt erstehen sollte. Dieser Jesus paßt nicht mehr in das dogmatische Lehrgebäude des Christentums hinein, auch nicht des Christentums der freiesten Richtung. Er wird wieder das, was er war, der verkannte und unverstandene spätjüdische Rabbi, der im Gedankenkreis der mystischen Messiashosfnungen seines Volkes lebte, der aber in seiner Gottesnähe wieder jenen alten Geist Israels spürte, aus dem heraus die Propheten zum Volk gesprochen hatten. Wenn die historische Forschung unserer Tage noch keine volle Klarheit in die Lebensgeschichte Jesu hat bringen können, so hat sie doch dieses Bild, das Bild des jüdischen Rabbi, mit einiger Deutlichkeit festgestellt. Man geht heute daran, das, was man solange versäumt hat, nachzuholen: Die Erscheinung Jesu aus der innerjüdischen Entwicklung und Zeitgeschichte zu erklären. Daher wenden sich heute protestantische Theologen dem Studium des Talmud zu, den man bisher als fast bedeutungslos für die Lösung der Leben-Jesu-Frage betrachtete. Dieselbe Entwicklung hat es mit sich gebracht, daß man auch im Judentum an diesen Dingen Anteil nimmt. Von den verschiedensten Gesichtspunkten aus geht man an die Frage heran. Der eine sucht den jüdischen Propheten Jeschu rein intuitiv zu erfassen, der andere macht ihn zum Gegenstand einer historischen Spezialuntersuchung. Fast alle geistigen Führer des modernen Judentums aber, von den konsequenten Orthodoxen abgesehen, sind sich über die Bedeutung des Jesus-Problems für das Judentum unserer Tage einig. Am entschiedensten hat sich Constantin Brunner in seinem Werk „Unser Christus" ausgesprochen. „Unser ist der Jude Christus; wir wollen ihn zurück für uns, nach unserem Sinne" heißt es einmal bei ihm, und an einer anderen Stelle: „Christus muß hinein in die Synagogen." Der Repräsentant einer ganz anderen Richtung des Judentums, Martin Buber, urteilt in mancher Hinsicht ähnlich; auch er nennt Jesus „den zentralen Juden, in dem sich der jüdische Verwirklichungswille sammelte und durch den er sich brach" (Martin Buber, „Der heilige Weg"). Buber geht sogar noch weiter, -indem er auch Paulus einen repräsentativen Juden nennt, „dessen Werk die Brechung des Judmtums in seiner Übermittlung an die Völker war". In Werfels „Paulus unter den Juden" sehen wir die weltgeschichtliche Krise, die sich in der Seele des Paulus abgespielt hat, durch die Konrposition einer dramatischen Handlung hindurch. Aus Werfels Paulusdrama spricht die Erkenntnis, daß die Entscheidung des Mannes von Tarsos der Ausgangspunkt der weltgeschichtlichen Tragödie des Judentums war, der Ausgangspunkt zur rabbinischen Verknöcherung und zur Abschließung des Judentums von der wahren Welt der Ideen und Taten. Obgleich man Emil Ludwigs „Menschensohn" nicht als ein eigentlich jüdisches Leben Jesu ansprechen kann, so muß man ihn doch hier einreihen, weil sein Buch immerhin typisch ist für die Anziehungskraft, die die Jesusgestalt heute auf alle jüdischen Kreise ausübt. „Der Menschensohn" ist im übrigen nur einer jener zahllosen Jesusromane, wie sie seit den Tagen des Wolsfenbütteler Ungenannten, des Hermann Samuel Reimarus, immer wieder neben den Werken der historischen Kritik anftauchten. Bereits im Jahre 1838 erschien ein Jesusroman eines jüdischen Autors, das Buch „Jesus Christ et sa d o ct rin e", eines französischen Inden, der sich Salvator nennt. Salvators Darstellung beruht auf dem Jesusroman des deutschen Rationalisten Ventnrini. Nach Salvator ist Jesus das Produkt eines jüdischen Mystizismus, der seit der Zeit des Königs Salomo neben der offiziellen jüdischen Religion bestand. Bei Jesus tritt zu diesem Mystizismus noch seine'Messiasbegeisterung hinzu. Eine Erneuerung dieses jüdischen Mystizismus wird von Salvator als die Religion der Zukunft bezeichnet. .Auch ein Jesusroman in englischer Sprache verdient Beachtung. Er stammt von Josef Jacobs, einem Freunde Israel Zangwills („Jesus as others saw him"). Das Auftreten Jesu in Jerusalem und sein Ende wird hier als der Bericht eines Juden aus der griechischen Diaspora geschildert. Die Darstellung basiert leider, wie dies bei den Jesusromanen meist der Fall ist, auf einer rein subjektiven Auffassung der Evangelien, die in weit größerem Maße, als sie es verdienen, historisch bewertet werden. Die jüdischen Jesusromane kommen freilich im allgemeinen der Wahrheit näher, als ähnliche Werke aus christlicher Feder, weil sie Jesus, wie es allein richtig ist, ausschließlich vom innerjüdischen Standpunkt aus sehen. Heute wird ja sogar hin und wieder von christlicher Seite zugegeben, daß die Persönlichkeit Jesu nur von einem Juden wirklich verstanden werden kann. Wenn trotzdem auch die jüdischen Versuche, Jesus auf Grund der Evangelien zu deuten, als gescheitert betrachtet werden müssen, so liegt dies an der rein objektiven Unmöglichkeit, aus diesen Quellen das Bild eines wirklichen Menschen zu lassen. Nur die sorgfältigste historische Kritik vermag aus den Evangelien bruchstückweise sicheres Material zu gewinnen. Auf diesem Wege, der freilich bisher noch lange nicht zum Ziel geführt hat, sind auch jüdische Forscher vorgegangen, und einige dieser Werke aus jüdischer Feder sind als wertvolle Beiträge zu dem schwierigen Problem zu betrachten. Hier ist in erster Linie Claude G. Montefiore, der große Vertreter des englisch-jüdischen Liberalismus, zu nennen. Montefiore hat den ersten jüdischen Kommentar zu den Evangelien geliefert, d. h. einen Kommentar zu den drei ersten, als wenigstens halbhistorisch betrachteten, den sogenannten Synoptikern.(„The Synophic Gospels" London 1909). Montefiore verwendet ausgiebig die kritischen Arbeiten der deutschen protestantischen Schule und sucht eine Reihe von Einzelfragen aus jüdischen Quellen zu klären. Der Wert seines großen Werkes liegt jedoch weniger aus auf dem Gebiet dieser Spezialuntersuchungen, als darin, daß hier zum ersten" Mal die Frage des jüdischen Jesus in ihrem Gesamtumfange in Angriff genommen wurde. Montefiore hat mehr praktische als rein wissenschaftliche Ziele verfolgt, trotz der Kommenlarform, die er seinem Buche gegeben hat. Er hat ausschließlich für jüdische Leser geschrieben, denen er das Bild des Jesus, so wie ihn die moderne Forschung sieht, vermitteln will. Montefiore betont, daß Jesus nicht der bewußte Gründer der christlichen Kirche war; nicht einmal der Gedanke einer Trennung vom Judentum sei ihm gekommen. Das Königreich Gottes, das er verkündete, war nichts anderes, als die reformierte jüdische Lehre. In seiner Verkündigung liege der Keim einer Verständigung zwischen einem reformierten oder liberalen Judentum und einem entwickelten Christentum, das das Dogma der Dreieinigkeit aufgebe. Dieses Judentum und dieses Christentum könnten beide Jesus als den ihren reklamieren. Man sieht, daß Montefiore sich seine Aufgabe sehr vereinfacht hat, daß er die wirklichen Schwierigkeiten nicht erkennt oder nicht erkennen will. Denn wir kommen mit den Evangelien nicht an den wirklichen Jesus Heran, auch wenn wir das ganze Rüstzeug der Geschichte zu Hilfe nehmen. Der Jesus der Evangelien ist nicht mehr der jüdische Mensch., der er war, sondern ein Halbgott, und es sind Ansätze Vorständen, die der späteren kirchlichen Dogmatik das Feld ebnen. Es kommt hinzu, daß die Evangelien zu einer Zeit abgefaßt wurden, als der Bruch der Gemeinde mit der Mutterreligion bereits vollzogen war. Jüdische Dinge werden vielfach verzerrt geschildert, und selbst das Evangelium des Matthäus, dessen Vorlage zum mindesten vom juden-christlichen Standpunkt ausging, sieht doch in Jesus nicht den jüdischen Propheten, sondern dm Stifter der Kirche. Daneben macht sich mehr oder weniger störend der Einfluß der griechischen Dekadenz-Philosophie geltend» und wir finden schon die Ansätze zu einem Synkretismus, der von den vorderasiatischen Volksreligionen beeinflußt ist, und der den Siegeszug des Christentums in der verfallenden antiken Welt begründen sollte. Wir werden daher niemals die Evangelien, so wie sie sind, als wirkliches jüdisches Religionsgut aufnehmen können. Es bleibt für uns nur die wahre Predigt Jesu übrig, die wir mit großer Mühe aus den späteren Berichten herauslesen können. Aber auch sie wendet sich nicht mit ihrem ganzen Inhalt an den Menschen von heute, mag er Christ oder Jude sein. Seine Lehre war zeitbedingt, sie wurzelte in einem Weltbild, das uns längst entrückt ist. Die Verkündigung vom nahenden Gottesreich, von den letzten Dingen, vom kommenden Weltgericht, bei dem der Menschensohn auf den Wolken des Himmels erscheinen wird, alles bas lebt in den Vorstellungen, wie wir sie im Buche Daniel, bei Henoch, im vierten Buche Esra und in anderen apokalyptischen Schriften jener Zeit wiederfinden. Dieser Jesus ist uns heutigen Juden ebenso fremd, wie er — nach dem Eingeständnis führender protestantischer Theologen — dem Christentum fremd geworden ist. Aber selbst wenn man sich dem Ewigkeitsgehalt der reinen Lehre Jesus zuwendet, so steht das .heutige Christentum auch dem jüdischen Rabbi, dessen Umrisse sich so, daß man sie eben noch wahrnehmen kann, hinter dem dichten Beilage 27.7lovember1929 Schleier der theologischen Umbildungen abzeichnet, mit völliger Verständnislosigkeit gegenüber. „Man beläßt Jesus eine Art historischer Ehrenstellung, weil seine erste Anhängerschaft, aus der das Christentum hervorgegangen ist, ihn nut dem Titel des jüdischen Messias geschmückt und ihm den Charakter eines orientalisch - griechischen Erlösergottes verliehen hat", schreibt Albert Schweitzer in seiner „Geschichte der Leben Jesu- Forschung". Hier liegt nml die Aufgabe des Judentums, und vor allem die der jüdischen Geschichtsschreibung. Für uns kann es gleichgültig bleiben, was die spätere Entwicklung aus dem Jesusbilde gemacht hat. Wir haben uns an den Jesus der jüdischen Geschichte zu halten, wir haben nach beiden Seiten hin zu korrigieren, nach der jüdischen wie nach der christlichen, solange, bis sich ein deutliches Bild des großen religiösen Menschen ergeben hat, der aus dem Judentum hervorgegangen ist. Diese Aufgabe schließt die Mission in sich ein, die zeitlose Lehre des Nazareners wieder herzustellen und zu verwirklichen. II. Montefiores Werk führte gleich bei seinem Erscheinen zu einer lebhaften Diskussion über die Stellung des Judentums zu Jesus überhaupt. Achad Haam griff Montefiore scharf an, wollte aber doch die Predigt Jesu unter gewissen Einschränkungen und Beoingungen für das Judentum allenfalls gelten lassen. Gegen Achad Haam machte sich eine Opposition aus verschiedenen Lagern, auch dem der Zionisten, geltend. Gegen ihn wandte sich u. a. auch Joseph Klausner, der die Jesusfrage ausführlich in seinem Werke „I esch u-ha - n oz e r i" behandelt hat (hebräisch und englisch erschienen). In der Synagoge der New Aorker Resormgemeinde predigte bald darauf der Rabbiner Wise über Klausners Buch. Es erhob sich, wie zu erwarten war, ein orthodoxer Proteststurm, zugleich aber wurde das Interesse des amerikanischen Judentums an der Jesussrage rege, und wir verdanken eine Reihe der besten Darstellungen dieses Problems gerade amerikanischen Juden. Eine ausgezeichnete Uebersicht gibt das Buch des amerikanischen Rabbiners H. G. Enelow „A Jewish View os Jesus" (1920). Enelow ging nicht so weit wie Montefiore, aber auch er nimmt Jesus als jüdischen Propheten in Anspruch und er spricht die Hoffnung aus, daß seine Gestalt zu einem Band der Einigung zwischen Juden und Christen werden möge, wenn man seine Lehre einmal besser verstehe und wenn der Bann des Verkanntseins, der heute noch auf seinen Worten und seinen Idealen liege, einmal behoben sein würde. Mehr apologetische Zwecke verfolgt ein anderer Amerikaner, Max Hunterberg, mit seinem im Jahre 1927 erschienenen Buche „The crucified Jew". Hunterberg hat eine Reihe von Vorträgen gesammelt, die er vor chrisüichen Auditorien gehalten hat und in denen er die religiösen Vorurteile gegen die Juden, die man in dem starr bibelgläubigen Amerika immer noch antrifst, zu zerstreuen suchte. Ergeht vor allem ans die Prozeßgeschichte ein und weist ohne großen gelehrten Ballast die Unhaltbarkeit der populären These von der Schuld der Juden an der Kreuzigung' Jesu nach. Ten Amerikanern kommt es, wie man sieht, mehr auf die praktische Wirkung an. Ter Anteil des deutschen Judentums an der Diskussion liegt weit mehr auf dem Gebiete der eigentlichen Forschung. Grundlegendes leistete Moritz Friedländer mit seiner „Entstehungsgeschichte des Christentums", ferner den „Religiösen Bewegungen innerhalb des Judentums im Zeitalter Jesu" und „Synagoge und Kirche in ihren Anfängen". Friedländers Ansicht geht dahin, daß das Christentum aus der jüdischen Essenersekte entstanden sei. Mit dem Essenertum, aus dem auch der Täufer Johannes hervorgegangen sein soll, stand nach ihm der amhaar ez, das jüdische Landvolk, in Verbindung, das sich der engherzigen Gesetzesauslegung des städtischen Schriftgelehrtentums widersetzte. Jesus erhält bei ihm die Stellung eines Führers dieses oppositionellen jüdischen Landvolks. Später hat Friedländer seine Theorie dahin abgeändert, daß Jesus in der Sekte der Nazoräer, Nasiräer oder Nazarener ausgetreten sei, von denen Frieöländer gemeinsam mit dem amerikanischen Forscher William B. Smith annimmt, daß sie einen vorchristlichen Kultus des gekreuzigten Gottes gekannt hätten. Damit nähert sich Friedländer der Schule, die einen mythischen Ursprung des Christentums annimmt. Trews hat denn auch in seiner „Christusmythe" die Werke Friedländers ausgiebig benutzt. Im übrigen wird jedoch auch von der regulären protestantischen Theologie die Bedeutung der Arbeiten Friedländers im vollsten Maße anerkannt. Auch unter den Bestreiteru der Geschichtlichkeit Jesu, die sich in Deutschland hauptsächlich um Artur Drews gruppieren, sind einige jüdische Schriftsteller hervorgetreten.' Von Samuel Lublinski erschien 1910 „Tie Entstehung des Christentums aus der antiken Kultur", ein Buch, das eine Zusammenfassung der Zweifel an der Geschichtlichkeit Jesu bringt. Im gleichen Sinne, schrieb auch Georg Brandes seine „Jesus- Sage". Der Theorie Albert Kalthofss, der das Christentum aus einer sozialen Bewegung im römischen Reiche geschichtlich herleiten will, schloß sich Benzion Kellermann an („Kritische Beitrage zur Entstehungsgeschichte des Urchristentums"). Heute ist die Erregung, die im ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts die Debatte über die Geschichtlichkeit Jesu mit sich brachte, beinahe vergessen. Alle Schriftsteller, die für die Theorien von Trews, Smith und Robertson in die Bresche traten, sind uns den schlüssigen Beweis dafür, HrH der Mensch Jesus nicht gelebt habe, schuldig geblieben, obwohl in dem reichen Material religionsgeschichtlrcher Art, das sie beibringen, immerhin manches Brauchbare für die weitere Forschung enthalten ist. Aus jeden Fall aber hat der Sturm um die Geschichtlichkeit Jesu die Skepsis um seine Gestalt vertieft, und manche protestantischen Theologen verzweifelten schon an der Möglichkeit einer historischen Rekonstruktion überhaupt. Erst heute, nachdem man Jesus wieder in seine spätjüdische Umwelt hineingestellt hat, sieht man, wie überflüssig die Aufregung war. Wir gelangen allmählich zu einem llnre» Einblick in die historischen, sozialen und geistigen Grundlagen, auf denen sich die Geschichte Jesu aufbaut. Wir lernen, wie die überlieferten Dokumente richtig zu lesen sind, und einige neue Quellen haben sich uns erschlossen. 71

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