Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 48 (27.11.1929)
- Date
- 1929-11-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Logen-Erholungsheim Oberrochwitz bei Dresden entsandt werden kann. In großangelcgter Rede feierte der Großpräsident der U.O.B B, Rabbiner Dr. Baeck, die Siebzigjährige, die anscheinend das Gcl)eimnis besitzt, nicht jung zu bleiben, sondern jung zu s e in, und zwar durch die unablässige Pflege ihrer seltnen Jvcale. Im Namen des „Mütter- und Säuglingsheims" sprach der Anstallsarzt Dr. Jose s Hirsch seiner in zwanzigjähriger gemeinsamer Arbeit treu erprobten Vorsitzenden den Dank der Mütter und Kinder aus. Für die Toynbechalle feierte Kommerzienrat Maximilian Stein in formvollendeter Rede Frau Schwarz als „die Frau von heute", die nicht altert, sondern reift; die allseitige Anerkennung eröffne der Gefeierten — nach Goethes Wort an Zelter — „eine zweite Jugend". R.-A. Abraham Loeb sprach im Namen der Berthold Auerbach-Loge, R.-A. Heinrich Stern im Namen der „Liberalen Vereinigung" und der liberalen Fraktion des Landesverbandes, indem er darauf hinwies, das; die liberale Partei zuerst die Gleichberechtigung der Frau im Gemeindelcbcn aussprach; stolz ist der jüdische Liberalismus aus die hingcbende Mitarbeit dieser seltenen Frau, die trotz drückender Arbeitslast im Dienste jüdischer Nächstenliebe noch Zeit und Schwung für den Kampf um die Erneuerung unseres Glaubens in modernem, fortschrittlichem Sinne, d. h. für Wahrheit und Frieden im Gcmeindeleben findet. Prof. Dr. Schneider sprach für den C.-V., R.-A. Rosenberg für den (gemeinsamen Wohlfahrtsausschuß der Berliner Logen, Frau Bertha Falkenbcrg innig und geistvoll für den Jüdischen Frauenbund, .Herr Aronsohn sehr humorvoll als Beauftragter des Logen-Altersheims in Lichterfelde. Nach cinrn^vcitercn Dankwort des Sanitätsrats Dr. Mülle r h e i m im Namm des „Vereins der Pommern" — Minna Schwarz stammt aus Pyritz i. P. — spielte Prof. Alfred Wittenberg mit gewohnter Meisterschaft ein Violinkonzert von I. S. Bach. Am Abend fand im Mütter- und Säuglingsheim eine schlichte Feier im engeren Kreise der Vorstandsmitglieder statt, bei welcher nach einer Ansprache des Anstaltsarztes eine von Jakob Plcßners Meisterhand entworfene Gedenktafel enthüllt ivurdc, die unter einer wundervolle» Brr izeplakette „Mutter und Kind" den folgenden von Josef Hirse', gedichteten Weihespruch trügt: „Es töne hinfort — Dein Motto, Dein Rat: — Vom Gedanken zum Wort Vom Worte zur Tat!" Berlin. (Festabend der M a g i u e R ö i nt.) Ter Festabend der Wohltätigkcitsgejellschast Maginc Reim (Verein zu gegenseitiger Hslfe) am 17. November 1929 im Kaiserhof wurde zu einem künstlerischen und gesellschaftlichen Ereignis. In den festlich geschmückten Räumen des Kaiserhofs drängte sich ein gewähltes Publikum, das der Einladung zur Feier des 125 jährigen Bestehens des Vereins gern gefolgt lvar. Der Vorsitzende, Herr Direktor Dr. Wilhelm Klecmann, gab in seiner Begrüßungsansprache einen sehr instruktiven Rückblick über die Entwicklung des Vereins und umriß seine Ausgaben und Ziele in dieser Zeit. Nachdem .Herr Karcski die Grüße des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlins überbracht hatte, hielt Rabbiner Dr. Baeck eine gedankenreiche und fein abgewogene Weiherede. Ter lünst Irrische Teil der Veranstaltung stand auf einer bcmerkcnsivcrten .Höhe. Frau Mirriam Elias, als Gast anwesend, sprach in ihrer einprägsamen Art Stücke aus dem Dybuck. Lotte Schöne fang unter großem Beifall aus „Manon" und einen Konzertwalzer von Strauß. Alexander Granach gestaltete die Wedekindsche Novelle „Rabbi Esra", Emanuel Lifts sonore Stimme erfreute mit Arien von Mozart und Nicolai, Vera Schwarz, direkt vom Metropol-Theaier kommend, sang mit entzückender Koloratur „O, schöner Mai" von Johann Strauß und mußte sich zu einer Zugabe verstehen. Den Abschluß bildete die witzige und mit großem Charm vorgetragene Variete-Parodie von Ilse Bois. Eine große Anzahl führender Persönlichkeiten der Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst war der Einladung gefolgt. Berlin. (Wird H c r m a n n I a d l o w k c r K a n t o r in Berlin?) Die Indische Telcgraphen-Agenlur verbreitet die nachfolgend abgedruckte Nachricht: Kammersänger Hermann Jadlowker, der frühere Heldentenor der Berliner Staatsoper und jetzige Oberkantor der Rigaer Großen Synagoge, weilte vor einigen Tagen in Berlin. Seitens der Jüdischen Gemeinde Berlin tvurde mit Jadlowker wegen Uedcrnahmc eines Kantorpostens an einer der Berliner Synagogen — in Betracht käme vor allem die neue Synagoge in der Pri»zregentenstraße — verhandelt. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Nach den außergewöhnlichen Erfolgen, die Jadlowker tvährend der hohen jüdischen Feiertage in seiner Vaterstadt Riga errungen hat, versucht die Rigaer Gemeinde, ihn zum Verbleiben zu veranlassen. Andererseits aber ist — wie der Rigaer Jta Korrespondent meldet -- zwischen Oderkantor Jadlowker und dem Rigaer Rabbinat sowie einem Teil der Vcrwaltungsmitglieder der Rigaer jüdischen Gemeinde uird der Großen Synagoge ein Konflikt ausgebrochen, da Jadlowker auf der Beibehaltung der vor kurzem eingebauten Orgel besteht, während das Rabbinat und weite Kreise der Gemeinde für die Abschaffung der neuen Einrichtung eintrcten. Es erscheint darum wahrscheinlich, daß Jadlowkcr den Konflikt dadurch beenden ivird, daß er sich entschließt nach Berlin zu gehen. Berlin. (Hauptversammlung des Reichsbundcs jüdischer Frontsoldaten.) Ter Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hielt am 23. und 24. d. M. seine diesjährige Hauptversammlung ab, die von Hunderten von Delegierten aus Berlin und aus dem Reiche besucht war. Nach einem Bcgrüßungsabend, den die Ortsgruppe Berlin in den Festräumcn bei Kroll am Sonnabend gab, wurden am Sonntag vormittag im Logenhaus Klciststraße die geschäftlichen Verhandlungen mit einer Ansprache des Bundesvorsitzendcn Hauptmann a. D. Dr. Löwenstein eröffnet. Neben bedeutsamen politischen und kulturellen Resera cn ivurdcn insbesondere die brennenden Probleme der Abwehr und der Siedlung in ausgedehnten Diskussionen behandelt und cntspreelicnde Beschlüsse gefaßt. Tie Verhandlungen, die sich auch mit den Folgen der letzten Kommunalwahlen befaßten, waren interner Natur. Blumenthai (Eifel). Synagogen Inbiläum.) Unsere Ge mcinde konnte mit den ihr angeschlosscneu Filial Gemeinden das 25jährige Bestehen ihrer Synagoge festlich begehen. Das Gotteshaus war aus diesem Anlaß renoviert und mit elektrischer Beleuchtung versehen worden. Gleichzeitig wurde eine von dem Gemcindcmitglied Kaufmann in Kirschseiffen gestiftete Thorarolle geweiht. Auch ciu neuer Vorhang zur heiligen Lade war zur besseren Ausstattung gespendet worden. Rabbiner Dr. Wolf, Köln, hielt bei den Feftgottcsdiensten am Freitag-Abend und Sabbat-Morgen die Weihepredigten. Auch eine gemütliche Feier vereinigte noch die Fcstteilnehmer. Die geist ilichen Vertreter der anderen ^Konfessionen hatten ihre Glückwünsche schriftlich übermittelt. Breslau. (S o n n tag sg o t tc s di e n st.) Am Sonntag, den 24. November, nachmittags 5 Uhr, fand wieder in der Neuen Synagoge ein Gottesdienst mit Predigt und Ehor statt. Die in sehr großer An zahl erschienene Gemeinde bewies, daß diese Gottesdienste nicht cttva zur Befriedigung radikaler Reformabsichtcn dienen, sondern für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Gemcindemitglieder eine notwendige Ergänzung ihres religiösen Lebens bilden. Die Anwesenden folgten mit wirklicher Andacht der Liturgie und nahmen mit wahrstem Interesse den Inhalt der Predigt auf. Gemeinderabbiner Dr. Bogelstein legte dieser aus dem Prophetenstück des Sabbats die Antwort der Sunnamitin an ihren Mann zu Grunde (2. Könige 4). „Und er sprach: Warum willst Du heute zu dem Gottesmann gehen, an keinem Neumond und an keinem Sabbat? Und sie sprach: Friede!" Es war ein Predigttext, wie er die Lage derer, die sich für Gottesdienste an werkfreien Tagen einsetzen, nicht besser schildern konnte. Darmstadt. (S ch e n k u n g.) Zum ehrenden Gedächtnis an feine allzu früh verstorbene Schwägerin Frau Lilli Rchfcld machte Herr Alex Rehfeld aus Hildesheim vor kurzem unserer Gemeinde einen kostbaren Thorarollenschmuck zum Geschenk. Diese heiligen Geräte stammen aus der einst blühenden Gemeinde Crone a. d. Brohe, die jetzt, da sie nur noch einige Mitglieder zählte, aufgelöst ist. Die Geräte aber hat Herr Rchfeld erworben und sie zum Teil der Gemeinde Hildesheim, zum Teil der Religionsgemeinde Darmstadt nunmehr geschenkt und sie so mit pietätvollem Sinn ihrer heiligen Bestimmung wieder zugeführt. Dresden. (Schächt frage in Sachsen.) Zur Schächtfrage in Sachsen schreibt unser Mitarbeiter in Dresden: Daß sie, wie hier gemeldet, erneut wieder ausgerollt wird, um demnächst den Sächsischen Landtag zu beschäftigen, kann denjenigen nicht überraschen, der die Verhältnisse in Sachsen kennt, der da »veiß, daß solche Bestrebungen seit Jahrzehnten immer wieder auszurauchen pflegen, daß, zumal in Sachsen, bereits Aktenbände darüber, gefüllt mit gelehrten pro- und contra-Gutachtcn und mit weniger gelehrten Verhandlungsberichten teils privater, teils öffentlicher Natur vorliegen. An den Verhältnissen in Bezug aufs Schächten hat sich an und für sich nichts geändert; daß der neue Antrag von rechts gerichteten Kreisen ausgeht, unter deren Schutz und Förderung Treibjagden und ähnliches, wenn auch nicht mehr in dem Maße wie früher, stattfinden, ist ein fast grotesk anmutender Beweis dafür, daß ihm nichts weniger als tiersreundliche, daß ihm rein antisemitische, mcnschen- und kulturfeindliche Motive zugrunde liegen. Ob im Ernstfälle weite Kreise der sächsischen Judcnheit von dem Verbot betroffen würden, bleibt — und damit hat der Fall Aehnlichkeit mit jenem, der kürzlich die nunmehr erreichte Schulbesreiung am Sabbat betraf — völlig außer Belang. Unabhängig vott Standpunkt und Richtung des Einzelnen gilt es, einen erneuten rein politischen Angriff auf unsere Gewissensfreiheit abzuwchren und da werden sich endlich einmal alle jüdischen Kreise zu einer geschlossenen Phalanx zusammentun. Selbstverständlich beschäftigen sich bereits die Gemeinden und die entsprechenden Organisationen auch außerhalb Sachsens mit der Angelegenheit; entscheidend bei dem Abstimmungsverhältnis im Landtag sind voraussichtlich die Kommunisten. Der uoch irgendwie Bclchrbare, nicht mit 'politischen Scheuklappen die Welt Betrachtende, muß cinschen, daß hier eine lies eingewurzelte religiöse Ueberzeugung vergewaltigt werden soll, daß die Frage, ob andere Tötungsarten den Vorzug vor dem Schächten genießen, sehr stark umstritten ist und daß gerade die Kreise, die hier für Tierschutz zu kämpfen vorspiegeln, dann in erster Linie dafür sorgen müssen, daß Tiertötungen, wie sic der Jagdsport in gewissen Formen verkörpert, unterbleiben. Flörsheim a. M. (Aus der Gemeinde.) Zu einer, erheben den Feier für die ganze Gemeinde wurde der 75. Geburtstag des .Herrn Altmaier, des langjährigen ehrenamtlichen Vorbeters, dem zu Ehren ein Festgottesdienst angesetzt worden tvar. Der erste Vorsteher Sali Kahn widmete in einer Ansprache dem Jubilar für sein gemeinnütziges Wirken anerkennende Worte und hob besonders seine selbstlose Tätigkeit während der zwanzigjährigen Zugehörigkeit zum Vorstand hervor. Als Zeichen des Dankes überreichte er im Auftrag der Ge meinde silberne Kultgegenständc. Der stellvertretende Lehrer Rosenbcr'g. Wiesbaden-Bierstadt, feierte den Jubilar noch besonders in seiner Festpredigt. .Herr Altmeier dankte gerührt für die ihm bereitete Ehrung, an der sich am Vorabend auch der „Sängerbund" dem der Jubilar seit mehr als' einem halben Jahrhundert angehörtc, beteiligt hatte. Frankfurt (Oder). (T o d e s s a l l.) Frau Anna Philipp, ge borene Simon, ist unter starker Teilnahme auf dem jüdischen Friedhof bestattet worden. Sie war 40 Jahre im Vorstand des jüdischen FrauenvcreinS. Durch ihre segensreiche Tätigkeit als Leiterin des Vereins hat sie vielen Armen Gutes getan. Ihr Andenken ivird bei allen unvergeßlich sein. Mit ihren Angehörigen betrauerte den Heimgang dieser seltenen Frau der große Kreis derer, die ihr nahe gestanden haben. Hannover. (Sitzung des Repräs entanten tolle g i - u m s.) Nach entsprechenden längeren Ausführungen der Herren Kommerzienrat Berliner und Dr. Schleisnec wird der Vorstand ermächtigt, den Austausch des Grundstückes Ohestraßc 9 gegen das anschließende Friedhofsgelände in Bothfeld „schlicht um schlicht" vorzunehmen. Bei Beratung des Hundertsatzes für die Gemeindesteuer werden folgende Gesichtspunkte geltend gemacht. Laut Etat sind aus Steuern 222 000 Mark zu beschaffen. Die jüdischen Zcnsiten haben an das Finanzamt in diesem Jahre etlva 1 750 000 Mark zu zahlen. Danach müßten cttva 12—13 «o zur Erhebung an Gemeindesteuern kommen. Zu berücksichtigen sind ferner im Etat bislang nicht vorgesehene Ausgaben. Der Betriebsfonds ist stark zusammengeschmolzen. Für den laufenden Geschäftsbetrieb sollen Bankschulden unter keinen Umständen gemacht werden. Einnahmen aus dem Friedhofsgebäude- Konto sind vorerst noch nicht zu erwarten. Von Herrn Herzbcrg (liberal) ivird geltend gemacht, daß es heute ein Gebot der Selbsterhaltung sei, den Steuersatz möglichst zu senken. Trotzdem angesichts der schwierigen Wirtschaftslage von mehreren Herren die schwersten Bedenken hinsichtlich der Eingänge der Veranlagungen geäußert werden, beschließt das Kolleg einstimmig, den Steuersatz (von 13 o/o im Vor fahre) auf 12 «o zu senken. Kommerzienrat Berliner gibt bekannt, daß der Magistrat den Zuschuß zum Religionsunterricht um 2500 aus 6160 Mark erhöht habe. — Von Seiten der Schlachter liege eine Eingabe um Ermäßigung der Schächtgebühren vor. Der Antrag bc:r. Errichtung eines Urnenhains auf dem neuen Friedhof in Bothfeld könne noch nicht beraten werden, da man durch ein Versehen erst jetzt an den Landrabbiner mit der Bitte herangetrcten sei, sich schriftlich zu dieser Frage zu äußern. Sodann tritt man in die entscheidende Beratung der seit mehreren Jahren gewünschten Aenderung des Verwaltungsstatttts. Das alte Statut stammt aus dem Jahre l869. Wesentliche Aendertutgeit: Die Zahl der Repräsentanten wird von 12 aus 16 erhöht, dazu kommen die 5 Vorstandsmitglieder, so daß im ganzen 21 Gemeiudevcrlrctcr im Kolleg sitzen werden. Während bislang der erste Vorsteher gleichzeitig Rcchnungsführcr, der zweite Leiter des Armenwescns war, verteilt künftig der Vorstand die Geschäfte unter seine Mitglieder. Ferner findet 8 19: „Zu allen Sitzungen des Vorstandes, des Repräsentaittenkollegiums und der Gemeindeversammlung, welche Kultusangelegenheiten be:rc>scn, ist der Landrabbiner zuzuziehen und führt den Vorsitz in denselben, .ohne ein Stimmrecht attszuüben", noch folgende Erweiterung: „Bet allen die Jugendpflege betreffenden Fragen ist der mit der Jugendpflege betraute Ortsrabbiner zuzuziehen". Zu dem heißumstritteneit 8 12, die Slimmfähigkcit betreffend, hatte der Vertreter der jüdisch-demokratischen Volkspartci folgenden Abänderungs-Antrag cingebracht: „Stimmfähig in der Gemeindeversammlung sind alle Juden ohne Unterschied des Geschlechts, tvelche seit 6 Monaten in Hannover ansässig sind. Nicht stimmfähig ist, wer nach Maßgabe der bestehenden Gesetze und Statuten zur Zahlung von direkten Gemcindebeiträgen herangezogen, mit denselben in den letzten drei Quartalen schuldhaft im Rückstand geblieben ist." Obgleich Vertreter der Einheitspartei diesen Standpunkt teilen, sind sie ooch im Interesse der Erhaltung der Einheit der Synagogengemcinde für die vorgeschlagene Fassung. Diese ivird dann auch gegen eine Stimme angenommen und lautet: „Stimmfähig in der Gemeindeversammlung sind alle Mitglieder der Gemeinde ohne Unterschied des Geschlechts, welche zum Gewerbebetriebe oder zur Führung eines eignen Haushaltes sich niedergelassen haben oder nach Maßgabe der bestehenden Gesetze und Statuten zur Zahlung von direkten Gemeindebcträgcn herangezogen, auch mit denselben in den letzten 3 Quartalen nicht schuldhaft im Rückstand geblieben sind und der Gemeinde mindestens ein Jahr angchörcn. Weiter sind ftirnmsährg in der Gemeindeversammlung außer den vorbezeichneten Mitgliedern der Gemeinde, deren Ehefrauen und deren eheliche Kinder, soweit sie dem Judentum angehören und aus der Synagogengemeindc nicht ausgetreten sind, die Kinder jedoch nur, soweit sie im Haushalt der Eltern oder eines Eltcrnteils leben .und eine wirtschaftliche Selbständigkeit nicht haben, wobei als wirtschafte liches selbständiges Einkommen ein Mindesteinkommen von 2400 Mark angesehen wird. Wer zufolge rechtskräftigen Strafurteils der bürgerlichen Ehre verlustig ist, kann während der Dauer des Verlustes sein Stimmrecht nicht ausüben. Stellvertretung in der Gemeindeversammlung ist unzulässig. Stimmfähig ist jedoch nur, wer das 21. Lebensjahr vollendet hat." Hiernach wird das Statut für die Verwaltung der Synagogengemeinde (23 Paragraphen) sowie die Wahlordnung (47 Paragraphen, letztere ohne Debatte) einstimmig angenommen, obgleich man sich allerseits darüber klar ist, daß die Wahlordnung nur ein Provisorium darstellt, deren. Lebensfähigkeit erst die Praxis erweisen oder neugeftalten wird. Der vierstündigen öffentlichen folgt eine vertrauliche Sitzung, in der u. a. über die Aufnahme neuer Gemcindemitglieder beraten wird. Termin zur Neuwahl ist auf den 8. Dezember angesetzt. Da kaum anzunchmen ist, daß bis zu diesem Zeitpunkt die neue Wahlordnung regierungsseitig genehmigt sein wird, stehen zur Neuwahl nur zwei Vorstandsmitglieder an Stelle der rurnusgemäß nussch.'idcnden Herren Tr. Max «chleisner und Jsaac Thalheimer und drei Repräsentanten an «teile der turnusmäßig ausscheidenden Herren Julius Wechsler, Dr. Gustav Gumprl und Georg Goldstein. Königsberg. (G e m c i n d e a b c n d: „Dasjüdiche B u ch.") Im überfüllten -saale des Löbenichtschen Realgymnasiums veranstalteten Vorstand und Repräsentanz der Synagogengemeindc einen öfient.ichen Gemetndeabcnd unter der Devise „Das jüdftche Buch", der einen au«- gezetchncten Verlauf nahm. Erster Kantor Dr. Pick jang zunächst: „Wie schön sind dein» Zelte, Jakob" nach der Vertonung von Louis Badrian, »vorauf Herr Horst Ladcndorff vom Neuen Schauspielhaus Rezitationen von Zloeisti, Bialik und Abeles brachte. Den Mittelpunlt des Avends bildete der Vortrag von Gemeinderabbiner Dr. Lewin der in ebenso formvollendeter wie inhaltlich tiefer Weise über , Das jüdische Buch und das jüdische Haus" sprach. Dr. Lewin stellte die Forderung auf. daß heute in einer Zeit, in der der Synagogenbcsuch Nachgelassen habe, das jüdische Heim den Mittelpunkt für jüdisches Wesen darzustcllen habe. Das sei aber nur dann möglich, ivenn sich auch in jedem jüdischen Heim das jüdische Buch befände. Als Mindestforderung stellte er ans, daß sich in jedem Hause eine Bibel befinden müsse. Der Redner ging sodann auf die deutschen Bibelübersetzungen kritisch ein und gab eine Reihe von Empfehlungen Als weitere Forderung müsse erhoben iverdcn, dag auch eine jüdische Geschichte im jüdischen Hause vorhanden sei. Wiederum gab der Redner wertvolle _ Hinweise. Schließlich forderte er, daß überall ein 353011 vorhanden sei, daß die jüdischen Sitten und Gebräuche erkläre. Auch hier machte der Redner wieder praktische Vorschläge. Daraus sang Kantor Weinstein das Jargonlied „In Cheder" von Milner und ein hebräisches Rezitativ nach Talmudmotivcn „Elu o'ivorim" bildete den Abschluß. Sämtliche Darbietungen der Kantoren ,'owte des Rezitators bewegten sich aus künstlerischer Höhe. Bad Nauheim. (Todesfall.) Im Aller von 65 Jame» ist aus einer Reise der bekannte Badearzt in Bad Nauheim, Saiuiäwrat Dr. Hirsch, uncrtvartet gestorben. Er gehörte zu den ältesten Aerztcn des Bades und hak sich besondere Verdienste erworben um die Entwicklung des großen israelitischen Kinderheims, dem er seit Bestehen viele Jahrzehnte als leitender Arzt Vorstand. A.,ch das israelitische Fraucnheim stand bis vor wenigen Jahren unter seiner Leitung. Mit Nachdruck hat Dr. Hirsch, der selbst Turner und eifriger Wanderer im ^.aunusklub lvar, in Vorträgen und Aufsätzen den gesundheitlichen Wert des Sports auch für Frauen betont. Um Bad Nauheim hat sich Tr. Hirsch als Mitglied des Kurvertvaltungs-Ausschnsses und in der VerkehrSkommission besondere Verdienste erworben. Stets hat er mit Nachdruck gefordert, daß der Ruf Bad Nauheims als Heilbad erhallen bleiben müsse. Politisch gehörte er zur demokratischen Partei. Oppeln. (Fortgang des Rabbiners.) Herr Gcmcindcrabbincr. Dr. Lubasch hat einen ehrenvollen Ruf nach Barmen erhalten und wird demselben am 1. Januar 1930 Folge leisten. Herr Dr Lubasch hat sich namentlich um die Einrichtung einer ivertvollen Äememdebibliothek und um die Einführung deneuen Gebetbuches sehr verdient gemacht. Potsdam. (8 0. Geburtstag.) Am 28. November vollendet Herr Benjamin Cohn sein 80. Lebensjahr. Noch vor einem Jahre war cs ihm vergönnt, an der Seite seiner inzwischen verstorbenen Frau die goldene Hochzeit zu feiern. Vorstand und Gemein re werden dem langjährigen früheren Repräsentanten ihre Glückwüwche aussprechen. Potsdam. (S y n a g o g e n - B c s u ch.) In der vorigen Woche besuchte einer der hiesigen katholischen Geistlichen mit 30 Schülern und Schülerinnen der höheren Klassen unsere Synagoge. Herr Rabbiner Dr. Schreiber hielt einen Vortrag über die Einrichtung der Synagoge, über die Thora, die religiösen Gebräuche und einzelne Gebete, von denen einzelne von Herrn Oberkantor Guttmann und Herrn Professor Becker an der Orgel vorgesungen wurden. Sehr befriedigt verließen sie nach 11/2 Stunden unter Dank das Gotteshaus. Schneidemühl. (Besuch der Synagoge.) Wie in andern Orten, so haben auch hier die Schüler und Schülerinnen der höheren Lehranstalten den Wunsch geäußert, die Synagoge zu besuchen und deren Einrichtungen kennen zu lernen. Neulich besuchten nun etwa 40 Schülerinnen des Lyzeums unter Leitung des evangelischen und katholischen Rcligionslehrers die hiesige Synagoge und hörten mit sichtlichem Interesse die Erklärungen des Rabbiners Dr. Rosenzrveig über die Geschichte der Synagoge und den Gottesdienst. Die einzelnen Geräte des Gotteshauses wurden in ihrer Bertvcndung beim Gottesdienst erläutert, und boten die Fragen der Schülerinnen Gelegenheit, Aufklärung über manches Vorurteil und manche märchenhafte Anschauung zu verbreiten. Auch die Thorarolle wurde den Schülerinnett gezeigt und ihre Bedeutung nicht nur als Religionsurkunde des Judentums, sondern auch als Kulturquelle betont. Zum Schluß hielt Rabbiner Dr. Aosenzweig eine packende Ansprache über die Notwendigkeit und Wichtigkeit, andere Religionen kennen zu lernen, tvcil nur durch diese Er kenntnis allein tvahre Toleranz, welche zu echter Religiosität gehört, geübt werden könne. Nach der Besichtigung des Gotteshauses und seiner Einrichtungen baten die Schülerinnen, auch einem Gottesdienste beiwohnen zu dürfen, und so fanden sich fast alle Mädchen zu dem folgenden Freitagabendgottesdienste ein, dem sie mit gespannter Aus. merksamkeit folgten. Tapiau. Dcnkmalsein Iveihung.) Unter großer Beteiligung aus Stadt und Land fand hier die Einweihung des Kriegerdenkmals statt, an der neben den Vertretern der Religionsgemeinschaften und Behörden sämtliche Vereine teilnahmen. Unsere kleine jüdische Gemeinde, die aus 40 Seelen besteht und im''Felde drei ihrer Mitglieder verloren hat, war hierbei durch den Vorsteher und den Lehrer vertreten. Nach der religiösen Weihe des Denkmals durch den evangelischen und den katholischen Geistlichen ergriff als Vertreter der jüdischen Gemeinschaft, Lehrer Goldschmidt, das Wort zu einer feierlichen Weihercde, in der er die Verbundenheit der deutschen Juden mit dem Vaterlande schilderte und darauf hinwies, daß diese in Krieg und Frieden stets für die allgemeine Sache cingetreten sind. Die ticsvurchdachten Worte fanden bei allen Anwesenden starte Anerkennung. Ulm. (Alte jüdische Siedlung.) Die älteste sichere Kunde von einer jüdischen Niederlassung in Ulm <t- D. läßt sich aus Inschriften auf Grabdenkmalen schöpfen. Heute sind gerade 100 Jahre verstrichen, als man im Jahre 1829 das Pflaster an der Südseite des Münsters aufgrub, kam ein Stein mit hebräischer Schrift zu Tage, welcher einst zu Häuptcn einer im Jahve 1243 verstorbenen Jüdin, der Tochter des Rabbi Salomo ha Levi, stand. Ein zweiter Stein, jetzt gleichfalls, wie der vorige, in der Sammlung des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben ausbewahrt, fand sich 1846 als Werkstein am Münsterkranze verwendet Er bezieht sich auf das Jahr 1255 und stand zu Häupten des Rabbi Eljakim, eines Sohnes des Rabbi Juda ha Cohen. Ein dritter leider jetzt verlorener Grabstein wurde beim Abbruch des Herdbruckertorturmcs 1827 entdeckt. Die Frau, zu deren Gedächtnis er errichtet war, starb im Jahre 1274 und war eine Tochter des Rabbi Kalonimus, Namens Zcrujah. Mit dem Jahre 1281 beginnen nun auch die Urkunden zu reden, und zwar ist das Erste, was sie enthalten, die Erwähnung eines Judenkirchhofs: Otte der amman und die rihitärc alle und die burgäre gemäinliche alle von Ulme tuen kunt...daz wir den garten... zwischen den wegin vor der Jüdin kirchhove habin gcbin der -vbbitissein swester Gaotun und der saminunge aller samit von Sovilingin .... umbe ier ackirs .. hindir der Juden kirchhofe usw. Nehmen wir beides, die Anführung von Rabbinen und die Anführung eines Kirchhofs, zusammen, so werden wir für das dreizehnte Jahrhundert nicht bloß das Vorhandensein von Juden, sondern das Vorhandensein einer jüdischen Gemeinde in Ulm als gesichert zu betrachten haben und die Anfänge ifteser Gemeinde mögen dann wohl noch um ein Gutes früher anzusetzen sein. Verlag: Vereinigung für das liberal« Judentum «. B., Berlin SW. 11. — Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Jng. Bruno Woyda, Berlin SW. 29. — Druck: Hermann Wegnvc 6c Lo., Brrlin-Mariendorf