Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-11-20 · 47 (20.11.1929) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
47 (20.11.1929)
Date
1929-11-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614047--3365-2620946
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Trotz allen. Vertrauens in die Lebenskraft der Juden auch in der Diaspora sche ich noch die Gegenwart eltras weniger optimistisch — ich möchte fast sagen: etwas realistischer — an als Sie es tun. Sie bestreiten das Vorhandensein der Indifferenz in den Kreisen des deutschen Judentums! Ich wünscbte,, das geschähe zu Recht. Aber es scheint mir, daß in Wirtlichkeit viel zu tun ist, um die Indifferenz zu bannen und auch das deutsche Judentum zu einem lebendigen Zentrum zu machen. Auch dabei kann das Echo eines jüdischen Ausbaus in Erez Israel mithelfen. Indem ich diese Hoffnung ausspreche, sage ich schon, daß mir eine völlige Unabhängigkeit der Diaspora von Palästina unerwünscht und undenkbar erscheint. Wenn das Judentum eine sinnvoll einheitliche Aufgabe in der Welt hat, so darf uns nichts wahrhaft Jüdisches fremd sein, so müssen wir einen lebendigen Austausch zwischen allen Zentren jüdischen Lebens wünschen. Warum sollte Palästina davon ausgeschlossen sein? Freilich das könnten wir nicht anerkennen, daß Palästina das einzige und allein würdige jüdische Zentrum werden und die Diaspora ganz von ihm abhängig sein sollte. Eben darin unterscheiden wir uns vom Zionismus. Aber wir haben darauf verzichtet, daß die Zionisten ausdrücklich unseren Standpunkt als Grundlage der gemeinsamen Arbeit anerkennen. U eber unser Verhältnis zum Judentum — genau wie zum Deutschtum — entscheidet unsere eigene U e b e r z e u g u n g u 11 b unser eigenes Verhalten, an dem sich unsere Umgebung orientiert. Daran vermag keine Erklärung der Zionisten etwas zu ändern, weder in dieser noch in jener Richtung. Darum machen wir unser Verhalte:: auch nicht davon abhängig, daß die Zionisten es authentisch interpretieren. Es genügt uns, daß sie unseren Standpunkt kennen, und daran kann doch wohl nicht gezweifelt werden. Welchen Sinn bätte es sonst, von Zionisten und Nichtzionisten in der Agency zu sprechen? Wenn aber .Klarheit besteht über das verschiedene Gewicht des Ausbaus innerhalb des jüdischen Weltbildes hier und dort, so kann man diesen Unterschied nicht als ein Hindernis der Zusammenarbei^betrachten. Jeder von uns arbeitet Tag um Tag an ernsten wie an belanglosen Aufgaben mit Menschen zusammen, die eine andere Meinung vom Sinn der gemeinsamen Arbeit haben. Wie wäre sonst heute eine Kooperation unter den Menschen überhaupt möglich? Kooperation aber ist nötig -- im Judentum wie anderwärts. Wir halten es für unsere Pflicht, mit den Zionisten in der Agency zusammenzuarbeiten, weil der Aufbau in Erez Israel mindestens eine bedeutsame Chance für die Entwickuling des Judentums in der ganzen Welt darstellt, und überdies, weil nach unserer Meinung gerade der Liberalismus dieses Arbeitsgebiet den Zionisten nichts allein überlassen darf. Daß eine Zusammenarbeit möglich ist, und daß sie den Grundgedanken liberalen Judentums keineswegs widerspricht, das hoffe ich mit meinen Ausführungen gezeigt zu haben. Ni ch t um eine Entscheidung zwi - scheu Liberalismus und Agency h a u fr e 11 e s s i ch, sondern um eine klare Erkenntnis der Zusammenhänge. Das liberale Judentum sollte sich zu dieser Erkenntnis hindrrrchfinden, nicht allein um einer unbefangenen Bejahung des Palästmaaufbaus willen, sondern zunächst einmal in seinem eigenen Interesse. In der letzten Zeit hat der Kampf um die Agency im liberalen Lager schon eine gesunde und natürliche Verteilung der Kräfte auf diese und die anderen jüdischen Ausgaben gehemmt — zum Schaden des deutschen Judentums und des Liberalismus. Tie Jüdisch-liberale Zeitung hat ihren Kampf gegen die Agency geführt, als ob es für den Liberalismus überhaupt keine wichtigere Arbeit mehr gäbe, und der Vorstand der Liberalen Bereinigung hat die Ablehnung der Agency sozusagen zum Parteidogma erhoben (in bemerkenswertem Gegensatz zum Eentralverein, der lediglich eine offizielle Beteiligung ablehnte!). Es besteht kein Zweifel, daß die liberale Organisation dabei keinesfalls ihre Anhänger geschlossen hinter sich hat. Es kann natürlich niemandem verwehrt werden, seine ablehnende Haltung gegenüber der Agency zu vertreten, und wertes für zweckmäßig hält, zur Unterstreichung seines Standpunktes sich mit dem Verband nationaldeutscher Juden zu verbünden, der möge das tun. Aber die Führung der liberalen Organisation sollte sich und ihre Organe von einer solchen Agitation fernhalten. Ter Liberalismus hat dabei nichts zu gewinnen und viel zu v erl i er e n. Wenn der Zwiespalt in seinen Reihen weitergreift, so ist es unausbleiblich, daß der Liberalismus empfindlich geschwächt und zur Einflußlosigkeit verurteilt wird aus Gebieten, die seine Aufgabe und seine Ziele viel unmittelbarer berühren, als die Stellung zur Agency. In diesem Sinne sind wir jetzt wirklich zur Entscheidung gezwungen und vor allem zur Besinnung verpflichtet. Ihr ergebener Tr. Franz Wolf, Frankfurt a. M. Miriam Elias: Hebräische und jüdische Dramatik Matinee im Renaissancs-Theater, Berlin. Miriam Elias, ehein. führendes Mitglied des Habima Theaters, jetzt am Jiddisch Art Theatre in New Jork, rezitiert äug der Bühne in Neuhebräisch und dann in der Art ihrer Väter den Psalm „An den Wassern Babylons". Und' der in der deutschen Kulturwelt erwachsene Jude fühlt, daß 'beide Wiedergaben sterbende Welten verkörpern, daß hier ein Schersen aus der Wirklichkeit die Flucht in die Kunst erzeugt hat. Was Miriam Elias den Zuhörern zeigt, gleichviel ob es sich um die Darstellung des Talmud schülers Chan an aus dem Tybuk, um die Vision einer jungen Witwe nach dem Begräbnis oder um Bibelauslegung nordamerikanischer Neger handelt, stets m , man die künstlerische Leistung bewundern. Ihr Sprechsang, der noch verstärkt wird durch eine cch.-.tische Gebärdensprache bezaubert selbst dann, wenn an die Stelle der Worte die wortlose Melodie tritt. Das vorw.eeeno ans ostiirdischen Kreisen bestehende Publiküm zollte dw Künstlerin der: verdienten Beifall. ~»t Willi himii in iiiiimi Ii^.jiiii I MIHI JIMIH Ml «»»» Audsn w'chk erwünscht Aus unserin Leserkreis geht uns die Meldung zu, daß der Inhaber der Atlantic-Lichtspielc, Berlin, Potsdamer Str. 3l a, Herr Porroy, es ablehnt, Juden und Ausländer in seinem Betrieb anzustellen. Wir fühlen uns verpflichtet, unsere Leser davon in Kenntnis zu setzen.; * I Sprechsaal | * i. 0fet diese Rubrik übernimmt die Echristleitung lediglich die yc+ flrfridid« Berantwortuoa. And es fiel ihnen eine Aktentasche auf den Kopf. Ja! So ist es geschehen in der letzten Repräscntantenversammlung am 14. November dieses Jahres. Vor einem Jahr, fast aus den Tag genau, am 16. November 1928, hatten wir au dieser Stelle auf die unhaltbaren Zustände auf der Tribüne des Rcpräsentantensitzungssaales hiugewiesen. Damals wurde gesagt, daß eS durch eine fachgemäße Umgestaltung des ganzen Saales und der Tribüne möglich sei, das Interesse an Gegenwartsfragen in der jüdischen Bevölkerung zu wecken. Denn alles, was sich draußen in der jüdischen Welt ereignet, findet hier seinen Abglanz und Widerhall. Es wurde auch daraus hingewicscn, daß die Ausführungen einiger älterer Repräsentanten nie zu verstehen seien, und die Tribüne im Jahre 1866 bei der Erbauung des Saales den Erfordernissen genügt habe, heute jedoch, wo man die Redner bald mittels Bildübertragung zu Hanse sprechen hören kann, unzeitgemäß, und unzweckmäßig sei. Auch im Februar dieses Jahres wurde in diesen Spalten über die völlige Unzulänglichkeit des RepräsentantensitzungSsaakcs geschrieben, und bescheiden gefragt, iinum der Antrag der liberalen Fraktion, der die Umgestaltung des Saales forderte, und der auch bewilligt wurde, zur Wirklichkeit tverdeu ivürde. Eine Kritik in der Presse ist dazu da, diejenigen, die es angeht, und die ja doch nur am grüne,! Tisch sitzen, auf ihre Fehler auf merksam zu machen. Dies hat in: öffentlichen Leben schon viel geholfen. Ai u ch di e R e p r ä s c n tauten täten gut da r a n, auf die Stimmen von oben zu hören. Da oben geht's nun wirklich nicht mehr so weiter. Ein Jahr ist vergangen. Doch es bleibt noch immer so: Zwei wacklige Garderobenständer, an denen mystische Nummern befestigt sind, haben je 31 gleich 62 Haken. Bon diesen 62 Kleiderhaken sind sage und schreibe 62 (zweiundsechzig) abgebrochen! Ein Hut ist überhaupt nicht zu befestigen, und man kann jedesmal zufrieden sein, wenn man ihn vollkommen zertrampelt, zerlumpt und vcrdreckt an irgend einer Stelle des Tribünenlaufbrettes wiederfiudet. Bisher hatte man sogar noch besser für das Wohl und Wehe der Besucher gesorgt, denn es gab außerhalb des Saales, wo man nach den stundenlangen Sitzungen bestimmt niemals etwas wiedergefunden hätte, noch solch ein Monstrum von Garderobenständer. Daran waren 9 ganze, 2 verbogene und ein mit Strippe befestigter Kleiderhaken. Aber jetzt ist auch er verschwunden. Die Repräsentanten haben es nicht leicht. Sie müssen überlegen, wie sie das jüdische Interesse wecken, zanken und feilschen über die Auslegung von alten Rundschreiben, und hier liegen die Verhältnisse so einfach, aber sie tun und hören nichts. Nur zwei Repräsentanten auf dem äußersten linken Flügel, die erheben manchmal ihre Angen in die .Höhe, stoßen sich gegenseitig an, ... und sehen wieder Iveg. Wird von Ihnen endlich Hilfe kommen? Aber auch sie können nicht sehen, daß die schlechten Stühle stets doppelt besetzt sind, und viele interessierte Leute müssen wieder weglaufen, weil sie tatsächlich nicht Stunden und Stunden stehen können. Und eine Bank ist noch da, wo man weder sehen noch hören kann. Und die gute Lnft, hm. Die gute Luft, — — — die gibt's gratis. Und da sage noch mal einer, aus der Tribüne herrschen schlechte Zustände. — Gratis gibl's sogar etwas!!!!! Heinz Lev y. Aus der Jli-Vewegung Verantwort.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine Deutschlands Vorsitzender: Dr. Hugo Hoffmann, Frankfurt a. Main Wo stehl der „3ü“? Werner Nosenstock nimmt mit den folgenden Ausführungen Stellung zum Artikel „Wo steht der Liberalismus" von Tr. Hoffmann (Nr. 26 dieser Zeitung) und „Sinn und Ziel" von Heinz Keilermaun (Nr. 29 dieser Zeitung). Trotzdem sich die Darlegungen znm Teil gegen die Arbeitsmethode und Auffassung der Jlis richten, geben wir ihnen in dieser Rubrik Raum, da sie letzten Endes nicht gegen, sondern für unsere Arbeit sprechen. Aus diesem Grunde ist denc ersten Teil der Ausführungen Werner Rosenstocks, die wir heute veröffentlichen, eine Erwiderung 2r. .Hofft manns angeschlossen. Ter zweite Teil des Artikels, der sich mit dem Aussatz von -Heinz Kellermann befaßt, veröffentlichen >vir in der nächsten Nummer. Außerhalb des „Jli" stehend, aber doch innerhalb der deutsch-jüdischen Jugendbewegung, sei es mir gestattet, zu einzelnen Ausführungen, die in diesen Blättern gemacht wordert sind, Stellung zu nehmen. Zwei Fragen sind es hierbei, die bei der Betrachtung für freit Außenstehenden in den Vordergrund rücken: die Idee des Jli und die Methoden zur Verwirklichung der Idee. Ausgangspunkt der Betrachtung müssen hierbei die Aussätze von Herrn Tr. Hoffmann: „Wo steht der Liberalismus?"*') und von Heinz Kellermann: „Sinn und Ziel" sein. 1. Zwei Kategorien jüdischer junger Menschen stellt .Herr Tr. Hoffmann gegenüber: die einen sind religiös gefestigt, und' die andern müssen „mangels eigener religiöser Einstellung den Kern des Judentums in anderem suchen". Ten-Kern des Judentums! Ist die Judenheit und ist das Judentum ein Gebilde eigener Art — weder eine Religion schlechthin, noch ein Volt schlechthin — so wird wohl auch der Kern des Judentums von eigener, einzigartiger, vcrstandesmäßig nicht erfaßbarer Beschaffenheit sein. Wichtig ist aber, daß man zu diesem Kern vordringt, und nicht die äußerlich erkennbare Schale mit ihm verwechselt. Teshalb fomitc sich eine Jugend, der es ernst um ihr Judesein war, mit dem engen K o n s e s s i o n s b e g r i f f, wie ihn die vorige Generation geprägt hatte, nicht begnügen. Sie mußte sehen, wie Feiern, Vorträge und künstlerische Veranstaltungen mehr der Betäubung einer inneren jüdischen Unsicherheit dienten, als daß sie den Menschen bis zum Letzten erfaßten. Gerade die in den Bünden erzogene Jugend hatte ein feines Organ dafür, das Echte von dem Falschen zu unterscheiden. Tenn wenn es eine historische Sendung der Jugendbewegung gab oder gibt, so liegt sie darin, daß sie an einer Ueberwindung eines einseitigen Rationalismus arbeitet, daß sie, durch das tiefe persönlichieitsgebundene, natürliche und naturhasle Leben freu Einzelnen erkennen läßt, daß es neben den Kräften des Geistes auch Kräfte der Seele gibt, die gleichfalls ausgelöst und entfaltet werden wollen. In ihren Auswüchsen führte dies vielfach zu einer Ueberbetonung des Gefühls und zu einem Mangel an Wirklichkeitssinn, und Menschen, die die Jugendbewegung nicht näher kennen, schließen von einzelnen Uebertreibungen hie und da auf den Kern der Jugendbewegung und lehnen sie als „romantisch" ab. Neu hingegen ist der entgegengesetzte Vorwurf, den Herr Tr. Hoffmann erhebt, daß die Jugendbewegung zu einseitig auf rein praktische Ziele eingestellt sei. In Wirklichkeit aber ergibt sich bei einer Betrachtung der „jugendbewegten" Bünde eine sinnvolle Harmonie von persönlicher Vertiefung und praktischem Wirklichkeitssinn. Sucht eiire derartig eingestellte Jugend bis zum Letzten ihres Seins einzudringen, so wird sie auch in ihrem Jüdischen eine Sinngebung, finden, die über das rein 5? o n f e s s i o n e l l e h i n a u s g e h t. Und damit entfällt die Gegenüberstellung, die Herr Tr. Hofsmann in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellt. Nicht religiös — oder nicht religiös ist die Frage, sondern religiös — oder konfessionell, erfüllt bis zum Letzten — oder gestreift an der Peripherie. Wer aber wirklich erfüllt ist, dem wird es auf den Vokabelstreit nicht ankommen, er wird jüdisch bis zum Tiefsten seines Jchs sein und wird das Wort „religiös" als zu heilig empfinden ,als daß er es durch eine mehr als notwendige Hervorkehrung entwertet wissen möchte. Hiervon ausgehend ist auch die häufige Abwendung der Jugend vom „P a r t e i"st a nd p un k t, von der Herr Tr. Hoffmann spricht, zu verstehen. Ta das Judesein dieser Jugend keine außerhalb ihres Selbst liegende Weltanschauung bedeutet, sondern etwas Urpersönliches, so läßt sich die Behaupsich — mutatis mntandis - - sagen, daß es eigentlich „nur' persönliche Gründe waren. Ganz entschieden aber ist eine Vagatellisierung des Religiösen abzulehnen, wie sie Herr Tr. Hoffmann vor nimmt: Tie Menschen seien im Grunde ihres Wesens religiös, es komme nur darauf an, dies in Verbindung zu ihrem Judeseiu zu bringen. Käme es nur daraus an, so brauchtet wir nicht viel Aufhebens zu machen. Tenn dann wird dar Wort religiös zu einem Begriff, den man nur deshalb au- Opportunismus benutzt, um die eigene Position zr behaupten und Menschen, denen ihr Judesein mit das Tiefst, und Heiligste bedeutet, als „schlechtere" Inden zu brandmarken. Verlassen wir hingegen den Vokabeistteit, so werC wir als das Entscheidende nicht das Etikett, sondern i Inhalt ansehen. Wir werden als Erziehungsziel ansstell daß der Einzelne den Kern seines Judentums freilcgt, u 1 wir werden nicht fragen, wie er es nennt. Von dies. Grundeinstellung aus ergeben sich die verschiedensten Auswirkungen. So sehen wir in den Bünden der Jugendbewegung das Begehen jüdischer Feste, die Beschäftigung mit jüdischen Geschichts- und Kulturwerten, und ein Eintreten für die jüdischpotitischen Aufgaben innerhalb und außerhalb Deutschlands. Eine verhältnismäßig untergeordnete Rollc sprelt hierbei die Frage des Ritus in der Gegenüberstellung orthodox oder liberal, so wie sie im Liberalismus vor 60 Jahren etwa zu Zeiten Abraham Geigers im Vordergrund standen. Es hat sich nämlich in praxi herausgestellt, daß die religiös-orthodoxe Jugend (mag sie nun politisch zionistisch sein oder nicht) in eigenen Bünden zusammeugefaßt ist. Wohlverstanden, dies innerhalb der Bünde. Es schließ! dies aber nicht ans, daß orthodoxe und liberale Deutschjuden in anderen deutschjüdischen Organisationen, wie etwa dem Central-Verein, zusammenarbeiten. Für den Rahmen unserer Betrachtung können wir aber die Orthodoxie ausscheidcn, so daß, ideologisch gesehen, die Jugend der „liberale n" und der „d e u t s ch j ü d i s ch en" Bünde vor den gleichen Problemen und Aufgaben steht. II, Es fragt sich nun — und damit schneiden wir den zweiten Fragenkomplex an — ob und Imin in den Lösung s m e t h o o e n ein Unterschied besteht. Wir müssen undabei immer vor Augen halten, daß ein derartiger Unterschied keinen Unterschied der Ideen, sondern der Organisationen, wie sie sich entwickelt haben, darstellen würde. Heinz Kellermann geht bei oec Betrachtung dieses Problemes vor einer Rundfrage der Berliner Ortsgruppe aus und wil! wohl auch die Nutzanwendung seiner Ausführungen vorwiegend aus Berlin bezogen wissen. Daher möchte ich auch der Betrachtungscahmen aus Berlin einengen, in dem Bewußtsein, daß manches von dem, was zu sagen sein wird, aus andere Ortsgruppen vielleicht garnicht zutrifft. Heinz Kellermann fordert eine „Korrelation zwifcher Idee und Gemeinschaft" und ein Hinausgehen über „bii bloße Art des Bündischen". Will man aber über etwas hinausgehen, so muß man zuvor die Etappe, über die mar hinausgehen will, erreicht haben. Und diese Etappe wäri das Bündisch e. Wie der eine Eckpfeiler der „Jli"-Jdee, das Religiöse, so ist auch der andere, das Bündische, ein Begriff, der sehr vielen Mißverständnissen und Mißbräuchen ausgesetzt ist. Im allgemeinen oersteht man darunter bi< Lebensform, die sich die Bünde der Jugendbewegung gegeber haben. Man hatte erkannt, daß die schönsten Ideen nichtnützen, wenn die Menschen nicht da sind, die ihnen leben. Und so hatte sich naturgemäß der Aktionsradius der Bündi erweitert und vertieft. Die Menschen mußten erst empfänglich gemacht werden für die Idee, der sie dienen sollten. Die innere Bereitschaft mußte erst erzogen werden. Damit war dir breite bündische Basis entstanden: Erziehung kann nur wirken, wenn sie intensiv erfolgt (Gegenbeispiel unsere heutigen Lernschulen), intensive Erziehung erjordert intensives Zusammenleben, erfordert Milieu, Milieu wiederum bedeutet gemein) am es Leben auf allen Gebieten und gemein) a m e s Behandeln aller Fragen. Und damst ist auch gleich! das Bild gezeichnet, das heute die jüdischen ) Nummer 26 vom 26. 6. 29.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.