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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-11-20 · 47 (20.11.1929) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
47 (20.11.1929)
Date
1929-11-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Bünde bieten: eine jtfte „hündische" Grundlage, «erprobte, und doch wandelbare Erziehungsmethoden mit dem Ziel einer Erziehung zur Ge samtverantwortlichreit. Diese GesamtverantWörtlichkeit sangt im Kleinen an, in der Gruppe und im Bund, sie seht sich fort im späteren Leben in einer Arbeit für die Gesamtheit im Allgemeinen und die jüdische im besondern. Denn das die jüdische Arbeit im Bunde und auch später für den Einzelnen eine dominierende Rolle spielt, ist eine Selbstverstänolichkeit. Sie wird erhärtet, trenn man Zahl und Art der Aelteren, aus „Bünden" Heroor-- gegangenen vergleicht mit denen, die aus „Vereinen" hervor gegangen sind. Versteht Heinz Kellermann die Korrelation zwischen Idee und Gemeinschaft in diesem Sinne, so müßte der Jli zunächst das erreichen, was die anderen Bünde schon zur Voraussetzung haben (als Selbstzweck existiert das „Nur"- Bündischc in keinem jüdischen Bund), nämlich das Bündische. Mit andern Worten, der Jli müßte sich umstellen von einem T e n d e n z o e r e i n aus einen E r z i c h u n g s - -und. DaS ist aber nicht damit getan, daß man sich Jüngerengruppen „anlegt", man muß sie auch zur Entfaltung bringen. Wo aber geschieht dies, ja, wo sind Ansätze hierzu vorhanden? Wo ist die verantwortungsbenußt zusammenhaltende Aelterenschicht? Wo schließt sich ihr organisch eine breitere Mittlerenschicht als Trägerin des Gruppenlebens an? Wo ist eine sestzusammenhaltenoe, frische Jüngerenschicht, geführt von Menschen, die ein festes Erziehungsideat vor Augen haben? Wo werden die Jüngerensührer in die Methoden und Schwierigkeiten praktischer Gruppenarbeit eingeführt? Gewiß, das Entscheidende liegt letzten Endes in der Persönlichkeit, aber es gibt im Leben der Bünde eine Menge von Fehlern, die nicht durch Uneignung, sondern durch Unkenntnis verursacht sind. Nicht nur Ideologien, auch derartige Dinge lassen sich anerziehen und erarbeiten. Statt alledem begnügt man sich mit Halbheiten, die beinahe noch gefährlicher sind als Nichtigkeiten und auch in dem Maße ihre Existenzberechtigung verlieren, in dem der Religionsunterricht an den Schulen besser wird. Belastet mit einer jahrzehntealten Tradition, iß eine organische, generations-- mäßige Gliederung in der Bundesarbeit weder entstanden noch im Entstehen. Tie Jüngcrenacbeit Ä ein verbesserter Religionsunterricht mit „jugendbewegtem" Drum und Dran, d. h. mit sonntäglichen Wanderungen. Nun könnte man ja aus dieser Not eine Tugend machen und sagen, die Jugendbewegung, die den „ganzen" Menschen verlange, müsse auf zahlenmäßige Ausbreitung zu stark Verzicht leisten. Im Interesse der jüdischen Weiterentwicklung sei es aber notwendig, auch die „Massen" zu erfassen. Wo aber sind die Massen des Jli? Ein Blick auf die Berliner Verhältnisse zeigt, daß die Bünde mit „Ausleseprinzip" größere Massen haben, als die Bünde, die das Ausleseprinzip ablehuen. Also man verzichte auf Halbheiten und überlasse die Jüngerenarbeit den Bünden, bei denen die Grundlage hierfür vorhanden ist. Und man lege das Wort „hündisch" so aus, wie es zwar nicht die Jugendbewegung, wahrscheinlich aber Heinz Kellermann meint: ein Kreis „Aelterer" (etwa ".ber 18 Jahre), geistig Interessierter, der sich, getragen on einer persönlichen Beziehung zum Stoffe, mit jüdischen terten wissensmäßig und kritisch besaßt. Der persönliche lsammenhang der einzelnen Gruppengiieder soll natürlich u.i möglichst starker sein, doch soll die Gruppe und der Bund nicht kür den Einzelnen die Aufgabe sein, der er sich ganz hingibt, und aus der er alle seine Kräfte zieht. Mit dieser sachlichen Abgrenzung, die naturnotwendig auch eine generationsmäßige sein muß, rechtfertigt sich — unter dem Gesichtswinkel der deutschjüdischen Jugendbewegung gesehen — die Sonderexistenz des Jli. Und soweit diese Blätter einen Rückschluß gestatten, scheint in dm meisten Ortsgruppm dieser Weg beschritten zu werden. So, aber auch nur so, steht der Jli an dem Platze, den er innerhalb der deutschjüdischen Jugendbewegung auszusüllen hat. Werner R o s e n st o ck, Berlin. Zugendgemeinschaft der Jüdischen Reformgemeinde Am 30. Oktober tzano im Mosse-Haus am Leipziger Platz die zweite offizielle Veranstaltung der Jugertdgemeinschätzt in diesem Semester statt. Das Thema des Abends lautete: „Ausbau in Palästina? Traum uno Wirklichkeit des Nationaljudentums". Der Vortrag war sehr gut besucht. Außer der zahlreich erschienenen Jugend nahmen Vertreter des Vorstandes der Repräsentanten und des Predigerkollegiums der Reform gemeinde teil. Helmut Galliner begrüßte im Namen des Ausschusses der Jugendgcmeinschaft die Anwesenden und dankte ihnen für ihr Erscheinen. Er knüpfte an das Thema des vorigen Abends (Ort-Arbeit) an, indem ec auf die Wichtigkeit der ökonomischen Basis der Juden in ven Völkern hinwies. Er zeigte,, daß das Grundlegende eines Volkes bei den Juden nicht vorhanden ist und endete feine Ausführungen mit drei Fragen: Was ist jüdische Kultur? Ist zur Verwirklichung des Judentums ein geistiges Zentrum notwendig? Wie sind die wirtschaftlichen Aussichten des Palästinaausbaus? Danach ergriff der Redner des Abends, Herr Bruno Woyda, das Wort. Herr Woyda ging vom Gedanken des träumenden ewigen Juden aus; des Juden, vor dessen geistigem Auge all das Schwere erscheint, das Israel seit der Zeit in Aegypten durchlebt hat. Der ewige Jude durchlebt träumend Jahrhunderte; er gedenkt des Erlasses im Jahre 1492 in Spanien, der alle Juden aus dem Larrde vertreibt, er gedenkt der Zeit der Kreuzfahrer, gedenkt des zaristischen wie des neuen bolschewistischen Rußlands und immer ertönt vor seinem geistigen Ohr als Schimpfwort der Ehrenname: Jude. Und diesem träumenden Juden erscheint eine Erlösung im Gedanken an die biblische Verheißung: Jahwe, dein Gott to'irfr' dich sammeln aus allen Völkern und dich in das Land bringen, das deine Väter besessen haben. Durch die Wandlung dieser messianischen Vision in das Herzl-Wort: „Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen" entsteht der politische Zionismus. Wie sieht nun die Wirklichkeit aus? Palästina ist seit 1922 Mandatsgebiet von Großbritannien. Und wenn auchden Juden von englischer Seite während des Weltkrieges Besprechungen gemacht worden sind, so ist auch den Arabern in Bezug aus die Bildung eines panarabischen Staates viel versprochen wo wen. Außerdem leben in Palästina gegenwärtig 700000 Mohammedaner, 160000 Juden und 80 000 Christen. Tie Juden beanspruchen ein historisches Recht aus Palästina. Weit länger als die Juden haben M oh amm Iraner Palästina bewohnt; außerdem, wie würde schon allein Europa aussehen, wenn alle historischen Rechte maßgebend wären? Das zweite Recht, das die Zionisten aus Palästina geltend machen, rührt von der Baltzour-Deklaration aus dem Jahre 1917 her. Sie fordern wie Shylock: Ich steh hier aus meinem Schein. Abgesehen von der nationalen Heimstätte erstrebt der Zionismus die Schaffung eines jüdischen Kulturzentrums in Palästina. Doch Spanien, Deutschland, Polen sind Kulturzentren gewesen, Amerika kann es werden, Palästina ist heute von 1«/» der Judenheit bewohnt, während £0% der Judenheit in Osteuropa leben. Zum Schluß führte Herr Woyda noch aus, daß die jüdische Religionn selbst kein Stück Land als Zentrum benötigte, sondern „ein Zentrum besitze, ein Zentrum des Geistes, Gott". Nachdem Herr Woyda unter großem Beifall geendet hatte, ergriff Herr Tr. Lehmann als erster das Wort zur Diskussion. Auch, er sprach von dem zionistischen Traum, dem die Wirklichkeit gegenüberstänoe. Man wollte für die jüdische Seele eine Symbolgestält finden und wählte hierzu Ahasver, während Elia die wahre jüdische Symbolgestält sei. Tie Zionisten sprechen von Blut und Rasse wie die Antisemiten. Ste sind weltfremd wie Shylock, der eine Phantasiegestalt Shakespeares war: ihnen gegenüber steht Lessings Nathan, der nach -dem Leben geschaffen wUr, nach Moses Mendelssohn. Tr. Lehmann forderte aus zu wählen zwischen den beiden Symbolen: Shylock oder Nathan? Alsdann meldete sich Tr. F. Brodnitz zum Wort. Er wandte sich zunächst gegen die Jugend selbst. Sie dürfe sich keine Vorträge über Zionismus von dessen Gegnern halten lassen. Er sprach dann für die Agency, an der sich auch viele Nichtziomsien beteiligten. Tie jüdische Wirklichkeit fei kein Traum. Zum Schluß forderte er die Jugend'auf zu rebellieren, denn nur so könnte sie etwas erreichen. Ais nächster ergriff Herr W. Graetz das Wort. Auch er forderte, daß die Jugend rebelliere, aber gegen den Jrrtune, in den man sie mit hereinziehen wollte. Auch er betonte, daß Palästina kein Kulturzentrum sei, und wer diese Behauptung aufstellte, wollte einem Teil der Juden dienen und schadet der Gesamtheit. Er hat Palästina selbst gesehen und hält eine Einigung zwischen Juden und Arabern für unmöglich. Frau Heinrichsdorft, die als nächste sprach, betonte vre Leistung, die die Jugendgemeinschaft bisher vollbracht hätte. Sie ist der Meinung, daß der Reform als Vertreterin des aktiven Liberalismus die Zukunft gehöre. Herr Gunversheim wandte sich gegen das jüdische Kulturzentrum in der Weise, daß er es als Bestimmung hinstellte, daß die Juden irr alle Welt zerstreut seien, und nicht als Tragik. Zum Schluß betonte Herr Woyda noch, daß cs lein Argument sei, daß ein Gegner einer Idee nicht über sie sprechen dürfe. Außerdem umfasse die Agency keineswegs die Vertretung aller Juden, sondern sie sei von weiten Kreisen äbgelehnt. Schließjlich sprach er aus, daß den Zionismus nur seine ärgsten Befürchtungen begleiteten. Helmut Galliner rechtfertigte die Jugendgemeinschaf! gegen die Angriffe des Herrn Tr. Brodnitz und beschloß ven eindrucksvolle'.: Abend mit der Mitteilung, daß die Jugendgemeinschaft der Resormgemeinde vom November ab alle 14 Tage inoffizielle Disküssionsabende in der Johannisstraße stattfinden lassen will,, um daraus weitere Anregungen für die Einzelnen zu schöpfen. Aus der Ili-Arbeik Frankfurt a. M. (Hcrbstsahr t.) Der schöne, wenn auch etwas kühle Herbsttag führt uns nach Cronberg im Taunus. Wenn wir Frankfurter nach Cronberg fahren, so gibt es gewöhnlich eine Feldbergtour, und so geht es in flottem Tempo zum Fuchs-- tanz, wo wir uns in dem Gasthcmsc in fröhlicher Gesellschaft nochmals für den Weg stärken. Auf uns wohlvertrauten Pfaden, die jeder rechte Frankfurter ebensogut kennt wie die Zeit, wandern wir weiter zum Fcldberggipfel, und dort auf dem Brunhildisselseu lassen tvir uns den frischen gesunden Taunustvind um die Backen wehen. In dem Feldberghaus tverdeu die üblichen Karteiigrüßc an gute Freunde geschrieben. Am Nachmittag geht cs in gemütlichem Tempo bergab nach König st ein. Bei der Rückfahrt durch den nächtlichen Taunus hatten wir nochmals Gelegenheit, auf den Plattformen der Eisenbahnwagen die frische Abcndluft zu atmen Liegnitz. (Jüdische Jugend — jüdische Zuku n st.) Am 4. November d. I. sprach bei uns der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Jlis in Deutschland, Herr Max Gundcrsheim, Berlin, über das Thema: „Jüdische Jugend, jüdische Zukunst"'. Die Jugendgruppc, die zu neuem Leben erwacht ist, war erfreulicherweise fast vollzählig anwesend. Ter erste Vortrag des .Herrn Vulkan, Breslau, zwei Wochen vorher, hat das Interesse in unserer Jugendgruppc so geweckt, daß nicht nur die unserer Einladung gefolgt waren, die das Vulkansche Referat gehört hatten, sondern über diesen Zuhörerkreis hinaus fast die gesamte Jugend der Gruppe. Die Bedeutung des Vortrages des Herrn Gundcrsheim lag darin, daß er nicht nur Theorie erörterte, sondern der Jugend praktische Wege wies. In seinem einftündigen Referat, das trotz seines wissenschaftlichen Aufbaus für alle jugendlichen Hörer leicht verständlich war, tvies er uns den Weg, den die jüdische Jugend in der heutigen Zeit zu gehen hat. An diesen Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Gerade die Tatsache, daß sich auch die Jugend an der Aussprache beteiligte und aus sich herausging, bewies, daß Herr Guudersheim es verstanden hat, praktische Arbeit zu leisten und daß cs nicht bei dem theoretischen Lehrvortrag geblieben ist. Wir hoffen und wünschen, daß wir Herrn Gundcrsheim recht bald wieder in Liegnitz und in unserer Jugendgruppe begrüßen können. Magdeburg. (Jüdisch-liberaler I u g e II d b u n d „Heimat".) Am Dienstagden 5. November, hielt Hans Meyer einen Lichtbildervortrag über das Thema: „Ins Elsaß und nach Verdun". Er schilderte eine Bildungsfahrt, die er in diesem Sommer mit seiner Klasse machte, und die ihn über die Städte Franlsurt, Worms, Speyer, Heidelberg nach Straßburg und in das Kampfgebiet von Verdun führte. Straßburg erscheint auf den ersten Blick fast als eine französische Stadt. Aber man erkennt sehr bald, daß der Grundcharakter deutsch ist, und daß nur ein Schleier von französischer Zivilisation darüber liegt. Die Elsässer sind ein unglückliches Volk; sie sind auch unter der Herrschaft Frankreichs nicht glücklicher geworden, im Gegenteil haben sie unter der französischen Machtpvlitik sehr zu leiden. — Als ein Zeuge aus vergangener Zeit und gleichsam als ein Symbol für das Elsaß erhebt sich das Münster von Straßburg aus dem Häusermeer der Stadt empor. Dieses Münster ist wohl das vollkommenste Werk der deutschen Gotik, denn cs verkörpert in geradezu wundervoller Weise die Idee, die die damalige Zeit beherrschte, die Gottesidee. Man kann sagen, daß hier die Idee vollständig über die Materie, den Stein, gesiegt hat; und so strahlt das ganze Kunstwerk in seinem .Aufwärtsstreben eine wundervolle Harmonie aus. — — Die stärksten Eindrücke der ganzen Reise vermittelte, wie der Redner aussüyrte. die Fahrt durch die Schlachtfelder von Verdun. Was hier durch das Feuer der Granaten alles vernichtet wurde, das läßt sich mit Worten nur schwer ausdrücken. Wo früher Hochwald war, da ragen heute zerschossene und verkohlte Baumreste hervor. Dürres Gestrüpp deckt den Boden, der das Blut von Hunderttausenden von Soldaten getrunken hat. Allerorten begegnet man den Zerstörungen, die jem furchtbare Bernichlungsschlacht verursachte. Bei der Fahri durch die alten Kampfstätten tauchen die bekannten Namen auf: Fort Vaux, Fort Douaumont, Fort Souville, Höhe 304 und Toter Mann. Ueberall bietet sich dasselbe Bild der furchtbaren Vernichtung. Und dazwischen liegen wie Sammelpunkte die Stätten, die den Toten von Verdun geweiht sind: Der französische Nationalfriedhof mit dem Ossuaire de Douaumont, jenem Denkmal, das zu Ehren der 250 000 unbekannten Soldaten errichtet wurde; der prächtige amerikanische Friedhof mit 15 000 weißen Marmorkreuzcn aus grünem Rasen und ein sehr armseliger deutscher Friedhof mit schlichten schwarze» Holzkrcuzen. Auf einem langgestreckten Sand- und Steinhaufen steht hier ein kleines Eisenkreuz; es soll anzcigen, daß sich hier ein Massengrab mit 10 000 deutschen Soldaten befindet. Es ist ein trauriger Anblick für Deutsche. — Ueberall bietet sich dasselbe Bild: zerschossene Häuser, Granattrichtcr neben Granattrichtcr, teilweise wiederausgebaute Dörfer, sonst Vernichtung und Zerstörung, soweit man sehen kann. Das ist Verdun!! — Die Bildnngsfahrt trug keinen offiziellen Charakter; sie diente auch nicht offiziell der Verständigung; aber sie diente der Erkenntnis und dem Verständnis; und Verständnis ist der erste Schritt zur Verständigung. Jugend gruppe: Am 2. November fand ein Tiskussionsnachmittag unter Leitung von Gerd Schaeser statt. Wir behandelten das Thema: „Mensch und Weltanschauung". In der Diskussion stellten wir fest, daß es gut für denn Menschen und die Gemeinschaft ist, wenn der Mensch Ideale hat. Aber ohne gewisse reale Tinge kann man heute seine Ideale nicht verwirklichen. Moritz Schermann führte uns am 9. November in das Gebiet der modernen Literatur ein. Er sprach und las von Hauptmann, Schaeser, Dostojewski, Ringclnatz u. a. m. Diese Schriftsteller bc schreiben zum Teil das Leben der unteren Volksschichten. Verschiedene verdecken durch Sclbstironie und Humor, an den sic selbst nicht glauben, die Bitterkeit des Lebens. Ein Nachmittag über niederländische Maler folgte am 16. November. Ruth Hadra schilderte das Leben und die Tätigkeit der be rühmtesten niederländischen Maler des Mittelalters. Bilder von Rubens, van Dyck, Hals und Brouver lassen deutlich die Blütezeit der Kunst im Mittelalter erkennen Das Haupttätigkcitsseld der großen Meiste.r ist Antwerpen. Ratibvr. (Die Umwelt und wir.) Ungefähr 40 Personen füllten, trotz des Sabbatabcnds, den Versammlungsraum. Nach Begrüßung und Verlesung des Protokolls unseres letzten Abends trug Peter Berliner mit viel Gefühl Heines „Prinzessin Sabbat" vor. Gleich darauf begann Mar Gnndcrshrim, der Schriftführer der Arge, seinen Vortrag „Die Umü'elt und wir". Kurz der Inhalt: Gerade vor einem Jahre saßen in Magdeburg junge jüdische Menschen, Delegierte der Jlis, beisammen, um über geleistete und zu leistende Arbeit zu sprechen. Von dort aus ging ein Ruf, einmal in uns zu blicken, aber auch Umschau zu halten. Und was treffen unsere Augen an? Vcreinzelungsbcstrebungen hier und Gruppenbildungen, Kollekri vismus dort, Spezialisierung, Sachlichkeit in allen Gebieten, Annähe rung zwischen Nationen und noch unendlich viel anderes. — In Sym Dolen leitete der Redner nun zum Judentum über: Jahrhundertelang verfolgt, ins Ghetto gesperrt.... Plötzlich die Emanzipation. Die Folgen: Assimilation bei den einen; die anderen »vollen durch Orthodoxie das Judentum der Nachwelt erhalten. Der Liberalismus wird geboren. (Abraham Geiger, Gabriel Rießcr, Moses Mendelssohn u. a.) Der Gedanke des Zionismus entsteht. Zwischen all diesem aber immer ivieder der Jndifferentismus. Die Indifferenten kennen das Judentum nur bei Todesfällen, nur dann tröstet sie die Religion. Für uns aber ist sie keine Religion der Trauer, nein, eine Religion der Lebensfreude, der Lebendigkeit, die wir in tiefstem Herzen fühlen. Und wir Jlianer sollen für das Judentum leben, sollen zeigen, daß es ein positives Judentum ist. An einer kurzen Geschichte, am Ende seiner ausgezeichneten Ausführungen, wies Max Gundcrsheim uns den Weg, unser Judentum in der Umtvelt zu erhalten. — Er sprach so klar, so überzeugend und so erschöpfend, daß die Diskussion vom Thema ein wenig abweichen konnte. Max Gundcrsheim hatte in seiner Rede uns, besonders die Schuljugend, so an sich gefesselt, daß wir in engerem Kreise nachher noch bis Mitternacht beisammen blieben. — Noch einmal, an dieser Stelle, wollen wir ihm für seine vielen Anregungen aufs wärmste danken. An diesen seinen Besuch werden wir uns noch nach Jahren gern erinnern. Gerth Fröhlich. ★ Das Ili-Programm Berlin. Gemeinsame Veranstaltung. Donnerstag, 21. November, 20 llhr, Schulgebäude Fasanenstratze 79-80. Martin Glatz: Rousseaus Stellung zur Religion. Gruppenoeranstaltungen. Pankow-Osten. Dienstag, 26. November, 20 Uhr, pünktlich: Gemeinsamer Besuch der Veranstaltung der Weltjugendliga im Zugscharenheim, Bergstraße 77. Dr. Else Hildebrandt: Gemeinsame Erziehung der Geschlechter zu gemeinsamem Leben. Norden. Dienstag, 26. November, 19 Uhr, im Jugendheim, Fehrbelliner Straße 92: Krieg und Frieden. Mittwoch, den 27. November, 8.30 Uhr, Führer- und Aelterengruppe bei Hilde Deutschland, Steglitz, Heinrich Seydelstraße 6. Leitung: Dr. Lilienthal. Thema: Sozialismus. Breslau. Hauptgruppe: Mittwoch, den 27. November, 20.30 llhr, in der Religionsschule II, Anger 8, zweiter Eingang: Vortrag von Franz Meidner: „Der Friedensgedanlr in den Weltreligionen". Jüngeren- Gruppe: Donnerstag, den 21. November, 16.30 llhr, Restaurant Schaal, Tauentzienstratze 12: „Der Gemeinschaftsgedanle im Jli", ein Gespräch zwischen Alfred Fabian und Erich Vulkan (Hauptgruppft. Frankfurt a. M. Freitag, den 22. November, 20.30 llhr: Feierstunde im Empfangssaal der Wrstendsynagoge. Montag, den 25. November, 20.30 Uhr, Sternstratze 11, bei Lion: Arbeitsgemeinschaft Dr. Gottschalk: „Religiöser Liberalismus". Dienstag, den 26. November, 20.45 Uhr, Westendsynagoge, Heimabend. Zyklus: Unser Judentum und die Probleme der Gegenwart. Rabbiner Dr. Lazarus: „Religiöse Beeinflussung in Haus und Schule". Jugendgruppe: Samstag, den 23. November, bei Dr. Edinger, Bockenheimer Anlage 49, Referat Frau Dr. Edinger: „Der Ursprung der Schrift unter Berücksichtigung des Hebräischen". Magdeburg. Dienstag, den 19. November 1929, abends 8.15 Uhr: „Literarischer Abend". Sonntag» den 24. November 1929, nachmittags 4 Uhr: Gemütliches Beisammensein. Montag, den 25. November 1929, abends 8.30 Uhr: Vortrag des Herrn George Goetz-Berliu über „Gegenwartsfragen im deutschen Judentum". Dieser Vortrag findet in der Freundschaft statt. Zugendgruppe: Sonnabend, den 23. November 1929, nachmittags 5 Uhr, Heimnachmittag. Thema: „Antisemitismus und wir". Aus der Werkstatt eines großen Lerikons. (56 Seiten mit 43 Abbildungen. Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig.) Die zahlreichen Bezieher des „Großen Brockhau s", dessen vierter Band noch rechtzeitig vor Weihnachten erscheint, werden gern einmal einen Blick in d-en vielgestaltigen Betrieb des Leipziger Verlags tun und den Werdegang dieses „Handbuchs des Wissens", das für den modernen Menschen zu einem unentbehrlichen Ratgeber geworden ist, vom Plan und ersten Buchstaben des Manuskripts bis zum fertigen Band verfolgen. Die interessante Broschüre, die in jeder gut geleiteten Buchhandlung, solange die Vorräte reichen, kostenlos abgegeben wirdbietet zugleich eine für viele willkommene Darstellung der Herstellung eines Buches überhaupt.

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