Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 47 (20.11.1929)
- Date
- 1929-11-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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s. Jahrgang Nummer 47 Beilage 20. November 1929 Klärung ln der Zewijh Agency? Am vergangenen Sonntag jona in den Kroll-Feslfälen zu Berlin ein Palästina-Abeno statt, zu dem die deutschen Mitglieder der Jewish Agency und das Präsidium des deutschen Acren Hajessod eingeladen hatten. Tie Veranstaltung verdient gerade auch im Kreise derer, die eine Beteiligung von Nichtzionisten an der Jewish Agency abgelehnt haben, größte Bcochtung, zumal in eingeweihten Kreisen in der letzten Zeit bereits mehrfach über Differenzen zwischen Zionisten und Nicktzionisten in der Jewish Agency gesprochen worden ist. ' Tic Veranstaltung wurde geleitet von dem Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung Deutschlands, Kurt Blumensilo, der in den Erösfnungswotten die Mitarbeiter begrüßte, die weiterhin an der Errichtung der jüdischen nationalen .Heimstätte in Palästina Mitarbeiten wollen und von dem Recht der Judenheit aus Leben in „Erez Israel" sprach. Als erster Redner führte das Mitglied des Präsidiums des Keren Hajessod, Alsred Leonhard Tietz-Köln, aus, daß er dem Zionismus stets sehr skeptisch! gegen übergeüanden habe, daß aber die Baljour-Erklärung und die verhängnisvollen Folgen eines etwaigen Zusammenbruchs der zionistischen Arbeit in Palästina für die Gesamtjudenheit eine Zusammenarbeit von Zionisten und Nichtzionisten erforderlich mache. Um die Zukunstsarbeit in Palästina erfolgreich gestalten zu können, müssen die Juden lernen, daß aus eine Unterstützung durch die englische Regierung trotz der Balsvur- Erklarung nicht unbedingt zu rechnen ist. Im Gegenteil liege es ini Bereich. der Möglichkeit, daß von der englischen Regierung der Bevölkerung Palästinas erweiterte Selbstbestim-- mnngsrechte, ähnlich wie dem Irak, eingeräumt werden. Ferner müsse damit gerechnet werden, daß die Araber ständig die Mehrheit im Lande behalten würden. Um Frieden in Palästina zu schassen, müßten die Zionisten erklären, daß sie leine jüdische Mehrheit in Palästina erstreben. In öffentlichen Ausrusen etc. dürfe nicht mehr von „Erez Israel" die Rede sein. Für die deutschen Juden sei ihr Aufenthalt in Deutschland kein „Galuth". Das müsse von den Zionisten in den össentlichcn Diskussionen berücksichtigt werden. Tie Parole der Judenheit müsse lauten: Scholaum hier in Europa, Scholaum in Palästina. Professor Tr. Brooetzky, London, Mitglied der zionistischen Executive, bestritt als nächster Redner, daß es sich in Palästina um einen Kampf zweier Völler handelt. Tie Vorkommnisse seien nur als Uebersälle von halbzivilisierten Menschen zu werten. Tie wahre Gefahr der jetzigen Ereignisse habe darin bestanden, daß die Juden in der ganzen Welt nun plötzlich im Zusammenhang mit Palästina von „Hilfe" gesprochen hätten. Den Armen und Geschädigten zu Helsen, sei Pflicht der Regierung. Pflicht des jüdischen Volkes sei es, durch praktische Arbeit zu beweisen, daß das Ziel unverändert tue Errichtung der jüdisch-nationalen Heimstätte bleibe. Jeder Jude in Palästina war bei den Uebersällen Vertreter von hundert Juden im Galuth. Der arabische Angriff war nicht gegen die Juden in Palästina gerichtet, sondern gegen die Juden der ganzen Welt. Verdoppeln und verdreifachen müsse jetzt die Parole sein, schon mit Rücksicht auf das Problem der Sicherheit im Lande; denn Vertrauen könne das jüdische Volk nur zu seinen eigenen Menschen haben. Die englische Regierung habe erklärt, daß über die zukünftige Politik in Palästina erst nach Vorliegen des Berichtes der Untersuchungs- Kommission entschieden werden wird. Das Prinzip der Balsour-Erklärung werde unzweifelhaft bleiben. Aber nicht darauf komme es an, sondern aus die Administration. Das englische Volk sei, wie das Verhalten der englischen Presse zo.ge, völlig uninteressiert an Palästina. Tie Engländer haben ganz andere Sorgen. Wenn Palästina für die Engländer eine Belästigung werde, dann sei das nicht gut für das Palästina-Ausbauwerk. Der gewöhnliche Engländer ist bei Kcnsiikten zwischen Europäern und Eingeborenen aus Seiten der Eingeborenen. Deshalb sei die allgemeine Stimmung in England etwa durch die Anschauung charakterisiert: Was die Inden in Palästina bekommen haben, das haben sie verdient. Die außerordentlich! pessimistischen Ausführungen ließen mehrfach erkennen, daß für die Zukunft eine 'Einwanderungsbeschränkung in Palästina möglich ist. Professor Brooetzky wandte sich dann der Erörterung der Araberfrage zu. Hier waren seine Ausführungen denen des nichtzionistischen Vorredners völlig konträr. Selbstverständlich sei ein friedliches Zusammenleben mit den Arabern erwünscht. Zu diesem Zwecke müsse ausgezeigt werden, daß die Palästina-Arbeit auch im Interesse der Araber liege. So wmig das Palästina-Wett aber mit Machtmitteln verwirklicht werden könne, ebenso wenig könne das mit Nachgiebigkeit und Schwäche gegenüber den Arabern geschehen. Eine starke jüdische Bevölkerung in Palästina sei Voraussetzung. Die Frage des Wieviel Gnne niemand beantworten. Erstrebt werde in Palästina die Ansiedlung von 2 oder 3 Millionen Juden. (Die Zahl der Araber in Palästina beträgt etwa 700 000! Die Reo.) Es dürfe nur eine Beschränkung der jMschen Einwanderung geben: die Folge mangelnder Opserwilligkeit des jüdischen Volkes, lieber die Att des Zusammenlebens der beiden Völker in Palästina könne erst verhandelt werden, wenn von arabischer Seite das Prinzip der Balfour-Deklaration anerkannt werde und das Recht einer freien jüdischen Einwanderung, so weit das jüdische Volk das wolle. Neben dem englischen und arabischen Faktor gäbe es noch einen dritten Faktor und dieser sei entscheidend: das jüdische BE. Ter Vorsitzende Kutt Blumenfeld bemühte sich nunmehr, die durch die beiden Reden klar gewordenen Disserenzen innerhalb der Agency durch geschickte Dialektik zu vertuschen. Tie Jewish Agency sei ein außerordentlich interessantes Problem. Es sei nicht angängig, einem werdenden Werk ziffernmäßige Grenzen zu setzen. Die „EtforoeMchkleit des Unmöglichen" müsse allseitig anerkannt wetoen. Die Neutralität der Jewish Agency müsse darin bestehen, daß jeder sagen kann, was er will, aber niemand der Gesinnung des Arideren Vorschriften machen dürfe. Jeder müsse bei dem Bortrag ihm fremder Gedanken sagen: Auch diese Blüten wachsen am Baume der jüdischen Gesamtheit und da gibt es manchmal merkwürdige Blüten. Viele Quellen habe es zur Jewish Agency gegeben, sie alle hüben ein Ziel: die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina. „Erez Israel" sei sogar am, den palästinensischen Briefmarken in hebräischer Schrift zu lesen, und Oskar Wassermann habe als Nichtzionist bei einer gelegentlichen Besprechung, als er den Begriff Galuth noch nicht kannte, ganz naiv gesagt „Wir leben doch hier im Golus". Nach einer kurzen Pause erhält das Wort Ministerialrat Tr. Hirsch, Stuttgart, stellvertretendes Mitglied des Councils der Jewish Agency. Seine Ausführungen worden zu einer scharfen Ablehnung der zionistischen Kampfesweise der letzten Zeit. Man hätte erwatten können, führte er aus, daß der Agency-Zusammenschluß eine Befriedung der deutschen Judenheit herbeiführen würde. Statt dessen ist das Gegenteil eingetreten. Da ja den Zionisten sicherlich nicht nur an der finanziellen Unterstützung der Nichtzio nuten Deutschlands gelegen sei, so müsse ganz klar in voller Offenheit der Gegensatz von Zionisten und Nichtzionisten herausgeschält werden. Ter Zionist sieht in Palästina die Ausgabe der Judenheil, der Nichtzronist nur eine von viele n. Der Zionist glaubt dort die Lösung der Judensrage -zu finden, der Nichtzionist höchstens eine. Deutschland ist dem Nichtzionisten weder „Galuth" noch „Golus", sondern Heimat. Ter deutsche Jude sei fest überzeugt von der Möglichkeit einer Synthese von Deutschtum und Judentum im deutschjüdischen Menschen. So wenig es angängig sei, den Zionismus als eine „Tekaoenzerscheinung" zu bezeichnen, so wenig geht es an, daß von zionistischer Seite die „Erklärung deutscher Juden" als „noch unter dem Volksbegehren stehend" bezeichnet werde. Man kann auch ein guter Jude ohne Mitwirkung am Palästina-Ausbau sein. Der Palästina-Aufbau sei ein Werk, das, wenn nicht den ganzen Zionismus so doch einen Teil von ihm verkörpere. Es gibt auch sehr jüdische Menschen, die noch immer die Palästina-Arbeit ablehnen, weil sie in Händen von Menschen liege oder in einem Geiste geschehe, der ihrer Auffassung von Deutschtum und Judentum völlig entgegengesetzt sei. In der deutschen Judenheit seien diejenigen, die die Mitarbeit an der Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina ablehnen, unzweifelhaft in der Mehrzahl. Für eine dauerhafte Zusammenarbeit sei deshalb die Schaffung einer gemeinsamen Basis Grundbedingung. Nach diesen Ausführungen wurde die Versammlung ge. schlossen. Wer unvoreingenommen den Reden zuhörte, mußte immer wieder die Unmöglichkeit der jetzigen Kooperation in der Agency erkennen. So erfreulich die Feststellung ist, daß die verstärkte Tätigkeit der Antizioniften in der jüdischen Oeffentlichkeit zu einer llaren Absage der nichtzionistischen Agency-Anhänger an den Zionismus geführt hat, — bei den Worten darf es nicht verbleiben. Ein Zustand, bei dem die Nichtzionisten ihre Gesinnung proklamieren und Geld geben dürfen, das Werk aber in der Ausführung von zionistischem Geiste bestimmt wird, kann an der bisherigen Kritik der Jewish Agency nichts ändern. Was nutzt beispielsweise die ständige Beteuerung des Willens zum Frieden mit den Arabern, wenn diese Verständigungsabsicht mit zionistischen Forderungen verknüpft wird, die die Araber nie und nimmer akzeptieren werden. Will der Nichtzionist eine jüdische Arbeit in Palästina, so ist für ihn durch klare Betonung des siedlungsmäßigen Charakters eine Verständigung sofort ermöglicht. Will man aber die Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte 'in Palästina, wie das die Zionisten bekunden — worunter sie ja keineswegs nur eine nationale Autonomie der in Palästina lebenden Juden verstehen, sondern die nationale Heimstätte der Gesamtjudenheit — so ist an eine Befriedung der palästinensischen Verhältnisse vorerst wohl kaum zu denken. Wenn Herr Tietz fordert, daß auf eine jüdische Mehrheit in Palästina um des Friedens willen Verzicht geleistet wird und Professor Brodetzky diese Forderung ablehnt, ja sogar von zwei oder drei Millionen Juden in Palästina spricht, muß dann nicht jeder vernünftige Mensch erkennen, daß die Aeußerungen des Herrn Tietz dem Frieden nicht entfernt fo nutzen können, wie die Zionisten ihm schaden? Tie Erörterungen machten noch eine weitere Gefahr erkenntlich. In einer Zeit, in der in Deutschland der Antisemitismus ungewöhnlich stark sich äußert, kann gar nicht genug vor einer Kooperation gewarnt werden, die die Grundlage der Gleichberechtigung der Juden in Deutschland erschüttern muß. Wenn die 160000 Juden in Palästina als Vertreter der Juden der Welt bezeichnet werd,en — das soll doch die Aeußerung besagen „jeher Jude Palästinas vertrete 100 Juden des Galuth" - wie kann inan dann das Heimatrecht der deutschen Juden in Deutschland verteidigen. Was nützt es, wenn die Nichtzionisten einerseits gemeinsam mit Zionisten am Palästina-Ausbau Mitarbeiten, andererseits Erklärungen gegen den Ausdruck „Galuth" oder „Golus" abgeben, so lange diese Ausdrücke von den Zionisten ungeniert weiter angewandt werden. Ter Irrtum der Nichtzionisten bei ihrer Mitarbeit in der 'Agency sitar die Anerkennung des Mandatstextes als Grundlage der gemeinsamen Arbeit. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem abgelehnten Streben des Zionismus, das im Basler Programm seinen Ausdruck findet, und dem Streben der Bal-> sour-Teklaration und des Palästina-Mandats, für das man trotz des Nichtzionismus seine Mitarbeit zur Verfügung gestellt hat. Eine Mitarbeit in der Jewish Agency ist unmöglich ohne Anerkennung der im Basler Programm zum Ausdruck gekommenen zionistischen Gesinnung. Soll eine Zusammenarbeit für Palästina von Zionisten und Nichtzionisten dauerhaft und erfolgreich sein, so ist hierfür eine Aenderung der für die Jewish Agency maßgeblichen Mandatsbestimmungen erforderlich, so daß die Sonderanschauungen der jüdischen Richtungen durch sie nicht tangiert werden. Bei den Verhandlungen zwischen der Bereinigung für das liberale Judentum rznd den zionistischen Führern wurde von dem Vorsitzenden der Liberalen Bereinigung betont, daß die Liberalen Mitarbeiten können an den Aufgaben der Siedlung in Palästina nur in der Erkenntnis der absoluten Unabhängigkeit der Diaspora, nicht nur in juristischer Beziehung, sondern auch in religiöser, geistiger und sozialer Beziehung. Tie Führer der deutschen Zionisten haben damals abgelehnt, eine gemeinsame Erklärung dahin abzugeben, daß die völlige Unabhängigkeit der Diaspora die gemeinsame Grundlage in der Agency bilden müsse, unbeschadet weitergehender Sonderziele der Zionisten. Tie Führer der Zionisten haben damals im Gegenteil gefordert, daß dse Nichtzionisten die Balfour-Deklaration nicht nur als ein historisches Fattum anerkennen sotten, sondern daß sie ausdrücklich als Zweck der Arbeit in der Agency festlegen sollten: die Verpirklichung der in der Balfour-Deklaration festgelegten Idee, eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Zutreffend hat der Vorsitzende der Liberalen Vereinigung diese Forderung hier kürzlich mit den Worten gekennzeichnet 2 „Man verlangte also, daß wir dieses historische Faktum nicht nur hinnehmen, sondern kraft eigenen Willens in unser jüdisches Bewußtsein aufnehmen sollten. Damit war die Frage für mich klar entschieden. Tie deutschen Zionisten verlangten nicht nur die neutrale wirtschaftliche Mitarbeit, sondern die Anerkennung Palästinas als ein jüdisches Zentrum." Es wäre müßig, über die weitere Entwicklung der Jewish Agency und der Mitarbeit der Nichtzionisten Deutschlands an ihr zu prophezeien. Daß eine Befriedung der deutschen Judenheit auf dem Wege, der gegenwärtig begangen wird, nicht erreicht werden kann, das freilich scheint gewiß. Eine Befriedung wird man weder durch Reden in der Agenct, noch durch Appelle erzielen, sondern nur durch die Eleminierung der Nationalen aus der Palästina-Arbeit. Solange diese Voraussetzung nicht erfüllt wird, erscheint uns, wie wir immer wiäwr betonen, die Mitarbeit von Nichtzionisten an der Jewish Agency ein Wide r s p r u ch i n s i ch. ' B. W. * » * Die Berichterstattung der Jta. Tie Jüdische Telegraphen-Agentur, die sich m der letzten Zeit völlig vom jüdisch-neutralen Nachrichtenbüro zur zionistischen Propaganda-Korrespondenz entwickelt hat, veröffentlicht über oen Palästina-Abend einen Bericht, der dem unorientierteu Leser ein völlig falsches Bild oon der Veranstaltung gibt. Schon die Ueberfchriften sind charakteristische Sie lauten: „Pro,efsor Brodetsky über die zionistische Politik und die neue Arbeit in Palästina. - Anerkennung für die Parole „Hitze durch Aufbau". — Leonhard Tietz und Ministerialrat Hirsch gegen oie „Erklärung der deutschen Juden". Bei der Wiedergabe der Auslührungen von Ministerialrat Hirsch, wird ihm folgender Satz unterschoben: „Tie „Er ■> rung deutscher Juden", die sich gegen die Einigkeit rich steht womöglich noch tiefer als das Volksbegehren." Wirklichkeit hat Ministerialrat Hirsch diese Bezeichnung ■ Zionisten gerade zurückgewiesen und von den Zionisten Anerkennung ihres jüdischen Wollens auch für diejenigen gefordert, die sich, der Mitarbeit an der Errichtung einer jüdischnationalen Heimstätte in Palästina verschließen. Der Kampf der jüdischen Parteien Ein Wort zur Abwehr von Rechtsanwalt Dr. Ernst Emil Schweitzer, Berlin. Bereits mehrfach hat sich die Jüdisch-liberale Zeitung mit den erstaunlich gehässigen Angriffen beschäftigt, denen die Unterzeichner der „Erklärung deutscher Juden" von zionistischer Seite ausgesetzt waren. Einige prinzipielle Bemerkungen zu diesem Thema seien mir als Mitunterzeichner gestattet. I. Es besteht die Gefahr, daß die Auseinandersetzung in innerjüdischen Fragen auf ein Niveau herabsieht, wie wir es für glücklich überwunden hielten. Die Methode, nach der man die Unterzeichner des Aufrufes bekämpft, ist dem übelsten patteipolitischen Tageskampfe entnommen; man sucht nicht den Gegner zu verstehen und sich mit seinen Ansichten loyal auseinanderzusetzen, sondern man sucht ihn verächtlich zu machen, indem man ihn als Menschen von „geistiger Trägheit", „innerer Knechtseligkeit", als verantwortungslos, als Denunzianten hinzustellen sucht. Sollte man in der deutschen Judenheit wirklich noch nicht allgemein einen solchen Grad geistiger Erziehung erreicht haben, um eine derartige Kampfesweise entrüstet zurückzuweisen — wenn nicht mitleidig zu belächeln. Wer fremde Gedankengänge nur dadurch zu bekämpfen vermag, daß er den Gegner persönlich schmäht, beweist einen Fanatismus der Gesinnung, der weitab von jeder persönlichen Kultur liegt. Wer fiitb denn die Fanatiker draußen im Politischen und hier im innerjüdischen Kampf? Doch nur diejenigen, die menschliche Wertungen nach dem Parteibuch treffen. Den Rang eines Menschen nach seinem Parteiprogramm zu bestimmen, vermag doch nur der, der seinen eigenen Wett nur nach diesem Programm bemißt. Je hohler einer ist, desto mehr bildet er sich auf die großen Volks- oder Menschheitsforderungen ein, die er plakatiert; wie es Gerhart Hauptmann einmal ausgedrückt hat: mancher errichtet in seinem Kopf eine Verschönerungsanlage und führt darin seinen Geist spazieren. (Es kommt nicht darauf an, ob diese Anlage nun nach Palästina projiziert ist oder nicht.) Der Ernsthafte weiß, daß für die Bewertung des Menschen das Programm allein noch verdammt wmig besagt. Gerade innerhalb des Judentums wirkt engstirniger Fanatismus besonders grotesk. Man kann heute vielleicht vier politische Hauptrichtungen der deutschen Juden unterscheiden: 1. die national-jüdisch-zionistische, 2. die Unterzeichner des Aufrufes der Jewifh-Agency und ihre Freunde, 3. diejenigen Juden, die zwar dm Naumannschen Standpunkt ablehnm, aber im entschiedenen Gegmsatz zum Na-