Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 46 (13.11.1929)
- Date
- 1929-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ilchen Gemeinoegesang zu wecken und zu pflegen. Als eine ver wichtigsten Ausgaben bei einer musikalischen Ausgestaltung oes Gottesdienstes erscheint es mir, daß, Gemeindcgesänge geschussen werden, die im alten Geiste, würdig, sangbar und leicht in oas Gehör eingehen. In svlgenoem soll versucht werden, Fingerzeige für die Ausstellung einer Liturgie des Freitagabend- und Sabbatmorgmgottesoienstes zu geben: Ein chronisch groß angelegtes „Ma towu" soll oen Gotiesoi.nst einleiten. Es schließt sich daran „Aschre", zum Teil im Wechselgang zwischen Kantor und Gemeinde unter Führung des Chores. Das Kaddisch-Gebet kommt in Fortfall und auch, wenn der Widerstand überwunden werden kann, der laute Vortrag der Mincha-Sch'mme Eßre; evtl, wäre letztere nur leise zu beten. „L'chu n'rannanu" wird abwechselnd zwischen Vorbeter und Gemeinde, und zwar in der kcute noch in Süodeutschland und Polen heimischen älteren Fassung, skanoierend vorgetragen. Hier können auch außer oenl 85. Psalm wechselweise die folgenden Psalmen 98 bis 99 zum Vortrag gelangen: sie wären demnach*in das Gebetbuch mit auszunehmen. „L'cho oaudi" gekürzt und ebenso wie dieses einer der folgenden Sabbath-Psalmen 92 oder 93 in großer musikalischer Anlage. Aus ein Einleitungsgebet oes Rabbiners sür den Sabbath folgt „Borchu" und ohne oie Zwischensätze sofort daran anschließend das „Sch'ma", von ' Vorbeter und Gemeinde gesungen. Ein Saß des,, „Sch'ma" wird hebräisch oder deutsch, je nach Wahl, vom Rcbbiner gelesen. Nach oem „Emeßj", bei dem ebenfalls die Gemeinde im Wechselgesang zu beteiligen ist, wäre „Haschliwenu" oder „W'schomru", von Kantor und Chor zu singen. Es folgt unter Weglassung des Kaddisch die Tefillah, leise gebeiet, uuo daran anschließend „Waj'chullu" in einem kräftigen Gemeinoegesang und in freier Gestaltung zu einem zweiten Höhepunkt des Gottesdienstes entwickelt „M'en schewa". Sofern Preoigt stattfindet, hätte sie hier ihren Platz zu suchen. Nach der Predigt der vom Vorbeter vorge tragene Kiddusch und als größerer Schlußchor ein Satz aus dem Olenu-Gebet. Das Kaddisch-Gebet für die Leidtragenden mit einem Vorspruch des Rabbiners beschließt den Gottesdienst. Tie Geschlossenheit im musikalischen Teil, des Gottes dienstes ist, soweit die Berliner Synagogen in Frage kommen, eine ungleiche. Ist beispielsweise beim Mussas-Gottesdienst an den hohen Feiertagen eine Einheitlichkeit und schöne Steigerung bis einschließlich der Keduscha zu konstatieren, so fehlt dem Sabbat-Vormittags-Gottesdienst alles, was ihn musikalisch anziehend machen könnte. In mehrfacher Hinsicht vorteilhaft wäre es, anstatt sofort mit der Aushebung zu beginnen, den einen oder anderen der Psalmen aus dem Schacharith-Gebet als Choraufführung und Einführung zum Gottesdienst voranzustellen. Die Aushebung selbst müßte, durch feierlichere und anspruchsvollere Musik unterstützt, als wir sie in der synagogalen Literatur besitzen, vor sich gehen. Zum musikalischen Höhepunkt des Gottesdienstes wäre nach den einleitenden Vorsprüchen der Tefillah die Keduscha auszugestalten, um dann ohne großen Aufenthalt mit dem Olenu- und Kaddischgebet beschlossen zu werden. Ohne der Tradition Gewalt anzutun, wäre sür eine musikalische Ausgestaltung noch soviel Raum geschaffen, daß sie sich auswirken kann, ohne die Alleinherrschaft im Gottesdien^ an sich zu reißen. Wo aber sind die prominenten indischen Musiker, die eine zeitgenössische gottesdienstliche Musik zu schreiben in der Lage sind? Daß Musiker, die bereits in der Ocfftsntlichkeit sich Anerkennung erworben, und deren innerer Trieb sie auf weltliche Gebiete gelenkt hat, nicht ohne weiteres auch schon befähigt zu gelten hätten, sich auf kultischem Gebiet zu bewähren, beweist, daß manche, von der ganzen musikalischen Welt anerkannte Größen auf diesem Gebiete völlig versagt haben. Ich erinnere dabei an den Sabbat-Psalm, den Schubert auf den Wunsch Sulzers komponiert, und in diesem Zusammenhang auch an eine Aeußerung Meyerbeers, der, zur Komposition jüdischer Gesänge angeregt, gesagt hat, daß ja Lewandowski auf diesem Gebiet viel Besseres zu leisten imstande sei. Wo aber der Hebel anzusetzen ist, das ist bei der Ausbildung der dem Synagogendienst sich widmenden Kantoren und Dirigenten. Hier liegt noch alles im Argen. Ich beziehe mich auch hier wieder auf Ausführungen, die ich in diesem Blatte im Januar 1927 zur Kantorenfrage gemacht habe, und die ich mir erlaube, weil sich bisher nach dieser Richtung hin nichts, aber auch garnichts geändert hat, noch einmal anzuführen: „Um den Weg zu finden, der für die Heranbildung des Nach Wuchses an Kantoren einzuschlagen ist, muß erst festgestellt' werden, was an der bisherigen Methode der Kantoren-Heranbildung richtig, und was falsch an ihr war. Der Bildungsgang der Lehrer-- kantoren war im früheren Deutschland ein durchaus ungleichartiger. In süddeutschen Seminaren, hauptsächlich in Bayern, erfuhren die Musikfächcr eine bevorzugte Behandlung. Es trat daher eine Abwanderung musikalisch weniger befähigter Seminaristen und Präparanden nach den Bildungsanstalten des übrigen Deutschland ein. Hier wurden in musikalischer und gesanglicher Hinsicht nur die allernotwendigsten Grundbegriffe vermittelt. Fstr das Examen war Musik ohne ausschlaggebende Bedeutung, daher auch die Lehrkraft nicht in notwendiger Autorität. Schlimmer. stand es noch um die gesangstechnische Ausbildung. Das Seminar konnte bestenfalls die musikalische Seite des Singens (Blattsingen, Treff- Übungen, Chorgesang usw.) fördern, und es war schon viel gewonnen, wenn in gesangstechnischcr Hinsicht nichts verdorben wurde. Selbst die Kenntnisse im liturgischen Gesang wiesen bei den angehenden Lehrerkantoren erhebliche Lücken auf. Gar manches Seminar hat seine Zöglinge mit einigen mehr oder weniger brauchbaren L'cho daudi's und Mussaf-K'duschaus entlassen. Erst die Zeit nach dem Seminaraustritt schied die Böcke von den Schafen. Erst jetzt, in der ersten Stelle, setzte das eigentliche Studium des Kantorats ein. Teils als Autodidakten, teils in privatem Studium, von ihrem kärglichen Gehalt die Mittel absparend, .suchten sie ihre kantorale und musikalische Weiterbildung. Dies die eine Gruppe der Kantoren. Der Studiengang der anderen Berufskollegen weicht völlig ab von 'dem bisher gezeichneten. Teils als die geborenen Chasanim aus dem Osten eingewandert, teils ihre Neigung für den Kaittorcnberuf im vorgeschrittenen Lebensalter entdeckend, haben sic der profanen Bildung in jüngeren Jahren weniger Aufmerksamkeit zugcwandt. Ihre Bildungsgrundlage beruht zumeist (aber auch dies durchaus nicht immer) auf der Kenntnis des jüdischen Schrifttums, der Mischnah und des Talmud. Den traditionellen Synagogengesang haben sic mit -er Muttermilch eingesogcn. Er ist sür sie etwas Gegebenes. Zu Füßen des Chasan ihres Heimatortes haben sie gesessen und gehorcht, als Mcschorerim seinen Gesang begleitet und umrahmt. Ausgestattet mit dem oft nur lückenhaften Wissen in profanen Fächern, suchen sie dann die Fremde auf, um dort ein Tätigkeitsfeld für ihre Fähigkeiten zu finden, müssen aber erfahren, daß auch sie nur am Anfang ihres Weges stehen, daß viel zu tun übrig bleibt, um den Ansprüchen des Westens in seiner Art gerecht zu werden. Jetzt setzt der Eifer in der Ausbildung in den musikalischen Fächern, hauptsächlich der gesanglichen Ausbildung, ein, und nur diejenigen, die es wirklich ernst mit dem Studium nehmen und den nötigen Intellekt mitbringen, Mühe und Arbeit bei häufigen Entbehrungen nicht scheuen, gelangen zum Ziel. (Zuweilen wird auch erst der Umiveg über das Konzertpodium oder 'über die Bretter, die die Welt bedeuten, gemacht, um späterhin zum Kantorenberuf überzugehen). Wie wir sehen, in beiden Fällen ein schwieriger Weg, bisher kaum erleichtert von den Instanzen, zu deren Aufgabe die Vorsorge für die Aus- und Weiterbildung von Kultusbeamten gehört." Tie Aufgabe der Heranbildung der musikalischen Funktionäre kann nur von den Landesverbänden oder Von dem noch kommenden Reichsverband ganz erfüllt werden. Dringend zu T77R S,TOLtWERCJh( billig, iDohlfchmeckctid, L nahrhaft. fordern ist daher die Errichtung einer Akademie zur Aus- und Fortbildung des geeigneten Nachwuchses, wie dies für die christlichen Konfessionen das staatliche Institut für Kirchenmusik besorgt. Daß aber bisher die Zeit nicht nutzlos verstrichen ist, Schaffen aus der Befürchtung der Leistung nutzloser Arbeit unterbunden werden könnte. Der Pessimismus, der in dm Ausführungen des Herrn Saul zum Ausdruck gelangt, erscheint mir nicht angebracht. Es geht, wenn auch langsam, vorwärts. und daß auch die Berliner Gemeiirde in erheblichem Maße an einer Weitertreibung der Bestrebungen für die Verbesserung des Synagogengesanges mitgewirkt hat, beweist, daß sie die Herausgeber synagogaler Werke (zuletzt Lampel und Kornitzer) durch die Abnahme einer größeren Anzahl von Exemplaren unterstützte, daß sie unter Aufwendung erheblicher geldlicher Mittel den äuf dem Gebiete der synagogalen Musik wohlbekannten Forscher Arno Nadel mit der Aufgabe der Sammlung aller traditionellen Gesänge betraut hat. Wohl ist die Entwicklung nicht mit Riesenschritten vorwärts geschritten, wohl hat die Berliner Gemeinde lange dm Standpunkt vertreten, Neues in den Synagogm nur zuzulassm, wenn unzweifelhaft feststeht, daß es besser als! das Vorhandene ist, und es ließe sich vielleicht darüber streiten, I ob es zweckmäßig ist, so zu verfahren, da die Anregung zum Aus der Ili-Vervegung Verantwort: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine Deutschland- Vorsitzender: Vr. Hugo Hoffmann. Frankfurt a. Main Gottesdienst der Zugend im Philantropin Zum ersten Male würbe am diesjährigen Versühnungsfest im Gottesdienst im Philantropin ein Jugendgottesdienst gehalten, der zwischen dem Hauptgottesdienst und der Seelenfeier eingereiht wurde. Fritz Cohen, der Sohn des Leiters dieses Gottesdienstes, betete vor, Jakob Flärshetmer, Mitglied des Jli, hielt die Ansprache, Hans Grüneb a u m, Jli-Mitglied, sang einige Lieder und Walter Würzburger spielte die Orgel. Die Ansprache sei, da sie allgemeines Interesse verdient, nachstehend wiedergegeben: Der jüdischen Jugend gelten meine Worte. Auch Ihr feiert Jaum Kippur, auch Ihr habt Oschamnu, Bogadnu gesprochen; - Wir haben gesündigt, wir haben gefrevelt. — Gegen wen aber habt Ihr gefrevelt? Ihr seid Kinder, Ihr gleichet noch der Knospe und rein sollte Eure Seele sein. Eure Eltern, Eure Lehrer sorgen sür Euch und sind bemüht, alles, was Euch und Eurem kindlich-reinen Gemüte Schaden bringen könnte, von Euch fern zu halten. Auf dm Schulen bietet man Euch das Wertvollste, was Menschengeist je ergründet hak; man lehrt Euch all das, was tausende von Jahren hindurch die Weisen aller Völker erforscht und erdacht haben, und als Höchstes von allem sollt Ihr doch erkennen, wie klein der Mensch im Weltall ist, und wie herrlich das Werk Gottes wie am ersten Tag der Schöpfung erscheint, wie der gewaltige, mächtige Gott die Geschicke der Welt lenkt. Habt Ihr aber all' das Schöne, Gute, Wahre im verflossenen Jahr willig in Euch aufgmommen? Ich glaube, wer aufrichtig diese Frage an sich selbst richtet, wird sie verneinen müssen. Die Jugmd fühlt sich oft den. Erziehern, Eltern und Lehrern überlegen. Die Ehrfurcht, der Gehorsam schwindet. Vieles, was der Vater oder die Schule Euch lehren will, wird als nebensächlich angesehen. Böse Beispiele verbreiten schnell böse Sitten und ersticken in Euch den Trieb zum Guten. Hinzu kommt, daß unsere Zeit eine ganz außergewöhnliche ist und sicher zu den größten und entscheidendsten der Menschheitsgeschichte zählt, danebm aber auch das ganze bisherige Weltbild umgeworfen hat. Das Kind und der junge Mensch, der noch im Reifen begriffen, stehen heute nicht einer festgefügten Welt gegenüber, sondern einem gewaltigm Chaos, einer Welt, die dazu bestimmt ist, neues Gigantisches aufzubaum, aber es ist eine schwankende Zeit, und die meisten Menschen stehm schwankend in ihr. Unter den Pionieren der neuen Menschheitsperiode sind auch viele falsche oder irregeleitete Propheten, Menschen, die das Alte unterschiedslos verwerfen und nicht einmal als Basis für ein neues Weltbild anerkennen wollen, Menschen, die selbst Gott leugnen. Diese falschen Propheten reden von Freiheit und Gleichheit und meinen Zügellosigkeit, Flachheit, Befriedigung niedriger Tricke. Die Lehre dieser Menschen ist bequem; gerade der Jugendliche ist leicht geneigt, die Autorität seiner Erzieher umzuwersm. Es ist gut, wenn wir im Kreise jüdischer Jugend hmte am höchsten und feierlichsten Festtage des Jahres erwägen, was Freiheit in Wirklichkeit für den Einzelmenschen * bedeutet. Frei sein heißt Herr seiner selbst sein; nur der kann wahrhaft frei sein, der gelernt hat, sich selbst zu beherrschen. Erst dann kann der junge Mensch sich seine Stellung zu den großen Lebensproblemen festigen, und das schwankende Weltbild nach seinen eigenen individuellen Gedanken neu aufbauen, ohne einseitig das nachzuahmen, was Eltern und Ureftern einst getan. Wer in der frühen Jugend sich willig der Autorität seiner Erzieher zu beugen gelernt hat, der demütigt sich' dadurch in keiner Weise. Alle großen Männer, von denen die Geschichte uns berichtet, haben sich gerne der Autorität ihrer Lehrer und Meister gefügt, bis sie selbst Führer waren, Führer, die ihre Wege selbst bestimmen konnten, Propheten, die schon vor Jahrtausenden für den Frieden der Völker sich eingesetzt haben. — Jüdische Jugend! Das heutige Jaum-Kippur-Fest soll Euch versöhnen, soll Euch näher bringen Euren Lehrern und Euren Ettern, die Alles zu opfern bereit sind, um Euch den rechten Weg zu führen. Jüdische Jugend! füge Dich den Geboten Deiner Erzieher, ehre Vater und Mutter, Die Deutsche Demokratische Partei tritt ein für Gleichberechtigung der Konfessionen kämpft gegen Völkische Hetze und versteckten Antisemitismus Wählt Liste 4