Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 46 (13.11.1929)
- Date
- 1929-11-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau Frau; Werfel gehört doch dem Jrtdentttm an. Wie der Jta-Bertreter erfährt, ist der Dichter Franz Werfel wiederum Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde. Tie Meldungen, daß er aus dem Judentum ausgetreten ist, waren einem Mißverständnis entsprungen. 75 jähriges Jubiläum des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslam Am 2. und 3. November fanden hier die Feierlichkeiten anläßlich des 75 jährigen Bestehens des Jüdisch-Theologischen Seminars statt. Zahlreiche jüdische Gemeinden des In- und Auslandes, Organisationen und wissenschaftliche Institute waren vertreten. Auch eine sehr große Zahl der früheren Hörer des Seminars, die heute in Ge meinden des In- und Auslandes Rabbiner-, Prediger-, Lehrer und Dozentenstellen bekleiden, waren erschienen. Die Feier lichkeiten nahmen ihren Anfang am Sonnabend mit einem Festgottesdienst in der Seminarsynagoge, bei dem Seminarrabbiner Professor Dr. M. Guttmann die Festpredigt hielt. Hieran schloß sich unter sachkundiger Führung des Dozenten I. Rabin eine Besichtigung der Schätze der Seminarbibliothek (Handschriften, Wiegendrucke) und des jüdischen Museums, das wertvolles Material zur Geschichte der Juden Schlesiens birgt, an. Der Abend vereinigte die Festgesellschaft in einem Emp fang, bei dem Dr. Posner im Namen des Vereins der Seminar-Freunde und Herr Ludwig Laqueur im Namen, des Kuratoriums der Fränkelschen Stiftungen, von denen das Seminar ressortiert, die Gäste begrüßte. Die gegenwärtige Hörerschaft des Seminars bot in Form einer Revue ein humoristisches Bild des heutigen Lebens und Treibens im Seminar. Am Sonntag vormittag fand in feierlicher Weise ein akademischer Festakt im „Kapitol" statt, der von musikalischen Darbietungen umrahmt war. Oberkantor Borin sang in bekannter Meisterschaft das Arioso von Händel. Namens des Kuratoriums begrüßte R.-A. Kober die Festversammluyg urü> machte Mitteilung über die Stiftung eines Alexander Kohut-Preises für wissenschaftliche Arbeiten durch den Sohn Alexander Kohuts in New?)ork. Den Festvortrag hielt, tiefschürfend und nach Inhalt und Form gleich vollendet, Dozent Dr. I. Heinemann, der die historisch-positive Richtung des Breslauer Seminars: Erhaltung von Tradition und Erhaltung jüdischer Eigenart in Verbindung mit moderner Wissenschaft, entwickelte, wie sie seit den Anfängen des Seminars bis heute in klarer Linie festgehalteu sei. Den Reigen der Begrüßungen eröffnete im Aufträge des Ministers für Wissenschaft, Kunst, und 'Volksbildung und des Oberpräsidenten der Provinz Schlesien Herr Regierungspräsident Tr. Jaenicke, der den Leistungen des Semi nars die höchste Anerkennung der Staatsregierung aussprach. Namens der Universität, für die neben den Professoren der evangelisch-theologischen und katholisch-theologischen Fakultäten unter Führung ihrer Dekane fast sämtliche Professoren der geisteswissenschaftlichen Abteilung der Jeschiwah-Hochschule erschienen waren, sprach der rektor magnificus. Für die früheren Hörer begrüßte Professor Dr. Wiener-Dresden, für die Stadt Breslau Stadtschulrat Lauterbach. Deu Ansprachen Dr. Vogelsteins für die Breslauer Rabbiner, des Gemeindevorsitzcnden für die Jüdische Gemeinde und des Sprechers des tatkräftigen Vereins der Seminar-Freunde Herrn Hugo Lesser, der mit besonderem Dank auf die dem Seminar in den Krisenjahren aus Amerika zuteil gewordene .Hilfe hinwies, folgte eine formschöne Rede des Vertreters der jüdischen Landesverbände Deutschlands Kammergerichtsrat Wolfs, die die Bedeutung des Seminars für das deutsche Judentum umriß. Für den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde sprach Dr. Freund, der, selbst ein Absolvent des Seminars, auf die verdienstvolle Wirkung des Seminars für Friede und Einheit im deutschen Judentum hinwies. Die Berliner Repräsentantenversammlung und die Jewish Colonisation Association vertrat R.-A. Dr. Klee. Rabbiner Dr. Baeck-Berlin, der die Rabbiner-Verbände Deutschlands und die Groß Loge des Unabhängigen Ordens Bnei Brith repräsentierte, äußerte sich über das Eharaktische der „Breslauer Theologie" und ihre Bedeutung. Professor Dr. Blau- Budapest sprach namens der ausländischen .Hochschulen, er überbrachte die Grüße der .Hebräischen Universität in Jerusalem und der Hochschulen in Wien, London, Budapest, Warschau und Eincinnati. Professor Dr. Elbogen feierte die Jubilarin im Aufträge der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, die sich, wenn auch einst in einem gewissen Gegensatz zu Breslau begründet, mit ihr eng verbunden fühlt; seien doch vier von den Lehrern der Berliner Hochschule Schüler der Breslauer alma mater. Professor Guttmann-Berlin gratulierte für die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und die Gesellschaft des Judentums. Das Organ der Gesellschaft, die „Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums", sei von Breslau ausgegangen und in allen Zeiten von einem Breslauer Dozenten redigiert worden. Die Wissenschaft des Judentums in Deutschland sei undenkbar ohne den Strom von Anregung und Arbeit, der von Breslau ausgegangen sei. Für die heutige Hörerschaft des Seminars sprach Dr. Laupheimer den Dank der studierenden Generation von heute an Dozenten und Kuratoren aus. Damit schloß die außerordentlich stimmungsvoll verlaufene Feier. Den Abschluß fanden die Feierlichkeiten mit einem großartigen Festbankett. r Die Tätigkeit des „Ort". Unter dem Vorsitz des Herrn Direktors Dr. Wilhelm Kleemann fand in den Räumen der Dresdner Bank eine Plenarsitzung des Vorstandes der Gesellschaft „Ort", Abt. Deutschland, und des Aktions-Ausschusses des „Ort"-Wiederaufbau-Fonds statt. Ter Generalsekretär der Gesellschaft „Ort". Abteilung Deutschland, Dr. M. Traub, berichtete über die Tätigkeit der deutschen Landes Organisation des „Ort"-Verbandes während des lausenden Jahres. Seit dem 1. Januar sind in 19 Städten neue Aktionsausschüsse der „Ort"-Gesellschaft - gegründet worden. Tie Zahl der lokalen „Ort"-Gruppen im Reiche ist von 20 im Januar 1928 auf 28 im Januar 1929 gestiegen und beträgt gegenwärtig 45. Tie Zahl der Mitglieder hat sich feit Januar 1928 annähernd vervierfacht. Kennzeichnend für die zunehmende Würdigung der „Ort"-Arbeit ist die Tatsache, daß neben dem preußischen Landesverbände bis jetzt bereits 15 jüdische Gemeinden Subventionen für die „Ort"-Arbeit in ihren Etat ausgenommen haben. Für die kommenden Wintermonate wird neben zahlreichen weiteren Aktionen in der Provinz besondere Aufmerksamkeit der Werbearbeit in Berlin zugewendet werden. - *{ Versammlungskalender j* ..... Berlin. Jugendgemeinschaft der Jüdischen Reformgemeind«. Am Dienstag, den 3. Dezember, findet im Mvffe-Haus am Leipziger Platz 15, abenvs um 8 Uhr, ein Vortrag von Dr. Karl Rofmthal statt über: „Vaterlandsliebe und Völkerversöhnung im Lichte des Reformjudentums". Dortmund. Montag, den 18. November 1929, abends 8.38 Uhr, im Gemeindehaus, Beginn der Diskussionsabende über: „Judentum und Christentum". Den einleitenden geschichtlichen Vortrag hält Herr Lehrer Siegmund Nußbaum über: Die Entstehung des Christentums und der Kampf zwischen Judentum und Christentum zur Zeit seiner Entstehung". Der Vortrag wird umrahmt von Gesängen von Frau Herz. — Wir bitten um rege» Besuch. Einführung von Kästen erwünscht. Mannheim. Wir fordern die Wähler und Wählerinnen auf, sich an der Wahlhandlung (S y n o d a l - W a h l e n) am Sonntag, 17. November (9.30 bis 12.30 Uhr) zahlreich zu beteiligen und hierdurch ihr Interesse am jüdischen Leben und ihr Vertrauen zu den aufgestellten Kandidaten zu bekunden. (Näheres siehe unter der Rubrik „Aus den Gemeinden".) Der Vorstand der Liberal-Jüdischen Vereinigung Mannheim. * Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 162). Freitag, 15. November, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Prof. Friedländer. Sonnabend, den 16. November, vormittags 16 Uhr, Gottesdienst. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westend (Aula Leistikowstraße 7, nahe Reichskanzlerplatz). Freitag, 15. November, 7 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarfenfky. Die Gottesdienste beginnen bis auf weiteres um 7 Uhr. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienfchule, Nikolsburger Platz). Freitag, 15. November, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Berlin. Jüdische Reformgemeinde, Berlin N. 24, Johannisstraße 16. Gottesdienste am Sonntag, den 17. November: Johannisstraße 16: vormittags 10.30 Uhr. Predigt: Dr. Jelski. Kleiststraße 10: vormittags 10.30 Uhr. Predigt: Dr. Lehmann. Tr. A. Singalowfky hielt einen sehr instruktiven Vortrag über die „Ort"-Arbeit in Osteuropa. In einer gedrängten. Form gab er eine ziffernmäßige Zusammenfassung der von „Ort" in den letzten Jahren' erzielten Ergebnisse und wandte sich dann der Analyse des für das laufende Jahr 1929/30 aufgestellten Arbeitsplanes zu. Letzteren bezeichnete er mit Rücksicht auf die vergrößerten Aufgaben in Polen, sowie auf die Hervorhebung der Jndustrialisierungsarbeit in Sowjetrußland als einen Wendepunkt in der „Ort"- Täiigkeit. Tie Schilderung der stillen Tragödie der polni schen Juden und des ungeheurer! Ausmaßes her auf Grund I theoretischer und praktischer Untersuchungen eiugeleiteteu Rettungsaktion zugunsten der deklassierten'Juden' in Rußland, mit der die Organisationen für den jüdischen Wiederaufbau im Osten sich gegenwärtig zu befassen haben, schloß Tr. A. Singalowsky mit dem Mahnruf, dafür zu sorgen, daß der verschärften ökonomischen Not der osteuropäischen Juden über all mit gesteigerter Hilfsbereitschaft begenet werde. An die Vorträge knüpfte sich eine lebhafte Aussprache, an der sich Direktor Tr. Wilhelm Kleemann. Wilhelm Graetz, R.-A. Heinrich Stern, Kommerzienrat N. Hamburger, Prof. Ludw. Stein u. a. beteiligten. Justizrat Tr. I. Brodnitz sprach u. a. über die von ihm durch seine Mitarbeit in der Zentralverwaltung gewonnene Einsicht von dem Ausmaße der Selbsthilfe der Bevölkerung im Osten und von den Opfern, die diese Bevölkerung für die Erhaltung der „Ort"-Anstalten bringt. Er betonte den allgemeinen jüdischen Charakter des „Ört" und sagte, es müsse eine tiefe Befriedigung geben, hier, unbekümmert um die sonstigen Meinungsverschieoenheiten, eine von allen Beteiligten gleich hoch gewürdigte jüdische konstruktive Arbeit verrichten zu können. - Justizrat Tr. Maxheimer hob die Notwendigkeit hervor, die „Ort"-Tätigkeit neben der Palästina-Arbeit zu fördern und zu unterstützen. — Zum Schluß stellte der Vorsitzende fest, daß die Versammelten darüber einig sind, daß mit Rücksicht auf die fortschreitende Verelendung der Juden in Polen und auf die katastrophale Lage der deklassierten jüdischen Bevölkerung in Rußland die Tätigkeit der „Ort"-Gesellschaft, Abt. Deutschland, eine weitere Vertiefung und Verbreiterung erfahren müsse. Neugestaltung des Synagogengesanges (Erwiderung und Vorschläge.) Bon E. E h r e n r e i ch, Berlin. Der in der vorigen Woche veröffentlichte Artikel des Herrn Felix Saul, Stockholm, hat zahlreiche Zuschriften an die Redaktion veranlaßt. Teils wird in diesen Zuschriften der Gedankengang des Herrn Saul sortgesührt, teils wird der Kritik des veröffentlichten Artikels aber auch mit Entschiedenheit widersprochen. Wir geben nachstehend einen Beitrag wieder, der der vorgebrachten Kritik ans Grund der Berliner Verhältnisse entgegentritt. Die Red. In der letzten Nummer der „Jüdisch-liberalen Zeitung" hat Herr Felix Saul, Stockholm, unter dem Titel „Neugestaltung des Synagogengesanges" Ausführungen gemacht, die nicht unwiderlegt bleiben sollen. Es ist nicht zu verkennen, daß die Kritik des Artikelschreibers in manchen Punkten berechtigt ist. In seiner Schilderung ber herrschenden Zustände aber schießjt Herr Saul weit über das Ziel hinaus und übersieht vor allem, wie die Dinge geworden und" im Laufe der Zeit sich gestaltet haben. Er zimmert sich einen Popanz zurecht und schlägt nun lustig daraus los. Man hat den Nndruck, baß jahrelang aufgespeicherter Groll hier zur Entladung drängt und den Sinn für die Wirklichkeit getrübt hat. Bon einer vorgefaßten Meinung heraus geübte Kritik verfehlt aber den Zweck und verleitet zu falschen Schlüssen. Die Darlegungen des Herrn Saul lassen die Meinung aüfkommen, daß seit Lewandowsiis Zeiten in Berun keine Gesänge anderer Komponisten anfgesührt worden sind. Demgegenüber hat eine vor längerer Zeit stattgefundene Enquete erwiesen, daß in den letzten zwei Jahren zirka 40 Kompositionen von 13 Komponisten neu einstudiert und aufgeführt worden sind, von denen es nur fraglich erscheint, ob alle als eine Bereicherung oer gottesdienstlichen Musik angesprochen werden können. Wic ist die heutige synagogäle Musik überhaupt entstanden? In den ältesten Zeiten ist der synagogale Gesang in der Hauptsache Sologesang gewesen; nur bei wenigen Stücken oer gottesdienstlichen Liturgie findet man nachgewiesenermaßen oen Gemeindegesang. Ein geregelter Gememdegesang ist in den Synagogeit Deutschlands erst mit dem Auftreten von Weintraub, Sulzer und Lewandowski eingeführt worden. Wie Berlin zu seiner synagogalen Musik gekommen ist, habe ich ausführlich im „Gemeindeblatt" der Jüdischen Gemeinde zu Berlin erschienenen Artikeln „Der erste Synagogenchor in Berlin" geschildert. Ich möchte das dorr Gesagte daher hier nicht wiederholen, nur daraus verweilen, daß ein Drang nach Verbesserung des Gottesdienstes sich erst am Anfang des vorigen Jahrhunderts, der Zeit der Emanzipation, stärker geltend gemacht hat. Wie tann man da Vergleiche ziehen zwischen der Qualität der katholischen uno protestantischen Kirchenmusik einerseits, die jahrhundertelang die stärksten Kräfte au sich gezogen haben, und der synagogalen Musik andererseits, die in Wirklichkeit erst vor knapp 100 Jahren in geregelte Bahnen gelenkt wurde! Gewiß, haben jüdische Musiker sich auf profanem Gebiet alsbald nach der Emanzipation der Juden hervorragend betätigt uno sich Anerkennung erworben. Daß fit ihre Kräfte u'cht in oen Dienst der geistlichen jüdischen Musil gestellt hoben, darf nicht wundernehmen, wenn man bedenkt/ welch schwache Resonanz die jüdische Kultmusik auf die Außenwelt ausübt uno welch geringe Wirkungsmöglichkeit der jüdische Gottesdienst für einen Musiker bietet, besonders bei einem jüdischen Gottesdienst, der noch voll aus der Tradition ruht, und bei dem die Fülle des vorhandenen Gebetstofses eine stärkere Ausbreitung der musikalischen Darbietungen überhaupt schwer zuläßt. So ist denn auch die geflissentliche Herabsetzung des Wertes der Lewandowskischen Kompositionen, der man irr letzter Zeit häufiger begegnet, nicht gut oerstän.dlich, besonders wenn man weiß, daß nur sehr wenig besseres seitdem hervorgebracht worden ist. Lewandowski, der, aus Sulzer fußend, im Lause seiner langjährigen Wirksamkeit iu Berlin den gesamten Gottesdienst eingerichtet hat, war sich sehr wohl bewußt, daß eine grundlegende Aerrderung, die mit der Tradition völlig gebrochen hätte, unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnet wäre. Wie er selbst in seinem Vorwort zum „Tooah w'simrah" angibt, hat er in voller Absicht uno unter Verzicht aus kompositorische Feinherten und Ausgeklügeltheiten einen natürlichen und ungekünstelten Stil von einfachster Form in feinen Werken gewahrt und es „bewußt vermieden, kunstvolle musikalische Gebilde hinzu stellen, die die Bewunderung der Musikk'enner erregen". Sein Bestreben war vielmehr darauf gerichtet, „der Gemeinde Ersatz für das zu geben, was ihr genommen werden stützte". Daß er imstande gewesen ist, auch sehr gediegene Kompositionen, die von Anfang an die polyphone Anlage erkennen lassen, zu schreiben, hat er gleichwohl vielfach bewiesen. Man braucht nur seine Sabbath-Psalmen daraufhin anzufehen. Die er wohl ein Dutzend mal und immer in gleich packender und fesselnder Weise vertont hat. Sie gehören unstreitig zu Hem Besten, das auf dem musikalischen Gebiet des jüdischen Gottesdienstes geschaffen worden ist. Wer aber will Dar aus, daß er im Stile seiner Zeit geschrieben, einen Vorwurf herleiten? Wo sind nun aber die Vorschläge, die Heer Saul aus der Wahl ftines Themas „Neugestaltung des Synagogengesaugcs" vermuten läßt? Soll das Heil darin liegen, daß ein bißchen Abwechslung geschaffen wird, daß einzelne Chorge-ängc, von denen noch nicht einmal gesagt werben sann, daß sie von. besserer Art und höherer Kunstleistung stnd, in den Gottesdienst eingefübrt weiden? Wo sind die großen Gesichtspuntte? Läge es nicht näher, zu verlauaeu, daß beispielsweise die Gottesdienste musisalisch geschlossen au,- gebaut werden, daß sie von Anfang bis zn Ende durchl o nrpo ui er t und musikalisch folgerichtig gegaltct werden, damit die musikalische Unruhe, die durch den häufigen Wechsel der Tonarten erzeugt wird, gebannt werde! Gewiß wäre eine solche völlige Umwälzung möglich, nicht aber dann, wem: alles, was jetzt besteht, aufrecht erhalten werden soll uno muß. Starke Streichungen würden notwendig sein, um der Musik den Platz im Gottesdienst einzuräumen, der von vielen Musikern gewünscht wird. Dieser Wunsch deckt sich nicht immer mit den Absichten und Wünschen der Synagogenbesucher, die eine gewisse Stetigkeit im Gottesdienste gewahrt wissen wollen, um in einer Vertrautheit mit Form unc Inhalt erst die notwendige Andacht zu gewinnen. Schon des öfteren hat man die Erfahrung machen müssen, daß das die Synagogen besuchende Publikum lebhafte Klage darüber führt, wenn die altgewohnten Gesänge durchl andere ersetzt werden. Bon dieseni Gesichtspunkt aus betrachtet, der musikalischen Geschlossenheit des Gottesdienstes, können die von Herrn Saul gemachten Vorschläge feinen Gewinn darstellen. Eine Besserung ist nicht durch den Austausch dieser oder jener Melodie gegen ei ne andere zn erzielen, sondern durch eine völlige Neugestaltung und Umbildung des Vorhandenen. Zunächst muß dem Gemeindegesang eine sehr umfangreiche Betätigung zugewiesen werden. Im planvollen Organismus des Gottesdienstes muß jedes Glied seinen bestimmten Platz einnehmen und der Bedeutung entsprechend geformt sein. Wenn der Gemeindegesang im Kunstwert mitunter auch gering einzusch atzen ist im Gefüge des Ganzen kann er schön und zweckdienlich wirken und vermöge seiner Kraft, die menschliche Seele am tiefsten und nachhaltigsten zu ergreifen, am vorzüglichsten für den Dienst der Offenbarung geeignet. Mit der Einführung des Chorgesanges ist der Gemeinde ein Teil ihrer Ausgaben genommen worden. In Verkennung seiner eigentlichen Bestimmung hat sich der Chor stark in den Vordergrund geschoben und dadurch die Beteiligung der Gemeinde zurückgedrängt. In ihrem Bestreben, sichihren Anteil zurückzuerobern, und mehr und intensiver beim Gottesdienst aktiv zu fein, ist die Gemeinde unter Ueberschreitung der naturnotwendig gezogenen Grenze in den ihr fremden Bezirk eingedrungen, hat in den Kunstgesang eingestimmt und sich an ihm beteiligt. Sie hat sich bei einem Teil des Gottesdienstes den Part angeeignet, der dem Chor Vorbehalten bleiben sollte. Hier wrro es notwendig sein, den Trieb zum Aktivfein in richtige Bahnen zu lenken und einen eigent-