Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 46 (13.11.1929)
- Date
- 1929-11-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang VerAnlisemilismus an devUulversmteu Tie Rektoren der Universität, der Technischen Hochschule, der Hochschule für Bodenkultur, der Tierärztlichen Hochschule und der Hochschule für Welthandel in Wien sind am Donnerstag, 7. November, abends, zu einer Beratung zusammengctreten und haben beschlossen, die genannten Hochschulen bis auf weiteres zu sperren. Nicht betroffen von dieser allgemeineil Hochschulsperre sind die Akademie der bildenden Künste urrü die Hochschule für Musik. Zutritt zu den Hochschulen haben nur Studierende, die zu einer Prüfung oder Promotion vorgeladen sind. Es verlautet, daß durch diese Maßnahme alle Studenten das Semester verlieren und ein Halbjahr länger studieren müssen. Tie zahlreichen pogromartigen Exzesse, zu denen es am 4., 5. und 6. November an den Wiener Hochschulen wiederholt gekommen war, zwangen zu dieser Maßnahme. Am 4. November hatten sich schon vor Beginn der Vorlesungen Hakenkreuzstudenten und nichtstudierende Heimwehrleute im Gebäude der Hochschule eingefunden, die fortwährend den Ruf „Juden raus!" ausstießen. Zu erregten Zwischenfällen kam es aber erst nach einer Vorlesung des reaktionären Geschichtsprofessors Tr. Turba, der die Hörer aufforderte, seinen demnächst stattsindenden Vortrag über die Kriegsschnldlüge zu besuchen und dabei von der„schmachvollen Haltung" eines „gewissen Teiles des deutschen Volkes" sprach. Daraus setzten lärmende Kundgebungen der anwesenden studierenden und nicht studierenden Hakenkreuzler ein. Hakenkreuzstudenten und Heimwehrleute besetzten den Ausgang des Hörsaales und verprügelten die jüdischen und sozialdemokratischen Studenten mit Stöcken und Stahlruten. Uebersälle auf jüdische und sozialdemokratische Studenten kamen auch an mehreren anderen Stellen der Technischen Hochschule vor. Mehrere jüdische Studenten erlitten erhebliche Verletzungen. Ter Rektor ließ den Ausgang der Hochschule mit Polizisten besetzen und ordnete Legitimationszwang an. Dabei wurden mehrere Hakenkreuzler, die sich nicht als Hochschüler ausweisen konnten, sestgenommen. Ta unter den verprügelten und verletzten Studenten sich Angehörige auswärtiger Staaten, insbesondere rumänische Staatsangehörige befinden, werden Verwickelungen in dieser Angelegenheit erwartet. Am Dienstag, den 5. November, wiederholten sich in Wien die Ausschreitungen gegen die jüdischen Studenten. Wie am Montag die Technische Hochschule, war am Dienstag die Universität Schauplatz wüster antisemitischer Szenen. Tie völkischen Studenten postierten sich arrs der Rampe und forderten alle Studenten, die die Rampe passierten, zur Ausweisleistung auf, diejenigen, die sich nicht als Mitglieder der Deutschen Studentenschaft ausweisen konnten, wurden verprügelt und die Treppen hinuntergeworfen. Am Fuße der Rampe kam es zu einer ernsten Schlägerei, als sich eine Gruppe Hakenkreuzler mit den Rufen: „Hoch den Numerus clausus! Pfui Juden!" auf eine lleinere Gruppe jüdischer Studenten stürzte. Tie Polizeiwache trennte die Studenten, indem sie mit den Gummiknüppeln dreinschlug. Schließlich zogen die Angegriffenen unter lauten Protestrufen ab, während die Hakenkreuzler die Rampe weiter besetzt hielten. Tie antisemitischen Studentenausschreitungen in Wien wiederholten sich am Mittwoch, den 6. November, an dem in der Universität die Inauguration des neuen Rektors Professor Gleispachs stattsand. Es kam in und vor der Universität zu Schlägereien, denen die Polizei ein Ende machte. Als dann die Ehrengäste zur Jnaurationsfeier einträsen, waren die Aufgänge von völkischen Studenten, die am Arm oder im Knopfloch das Hakenkreuz trugen, besetzt, nur ein schmaler Mittelweg war sreigeblieben. Tie Ehrengäste mußten sich bei den Hakenkreuzlern legitimieren, ehe ihnen der Eintritt in das Universitätsgebäude gestattet wurde. Wegen der antisemitischen Ausschreitungen richteten sozialdemokratische Abgeordnete an die Regierung eine Anfrage, ob sie bereit sei, Rektoren und Prosessorenkollegien über ihre Verpflichtung zur Unparteilichkeit und zur Feststellung und Bestrafung der Gewalttäter zu unterrichten. Am Tonnerstag, den 7. November, wandte sich die Hakenkreuzler-Aktion hauptsächlich gegen den Leiter des Anatomischer. Instituts der Universität Wien, den weltberühmten Anatomielehrer Professor Julius Tandler, der Jude ist und im sozialen Leben Wiens eine führende Rolle spielt; er ist Stadtrat und Leiter der Gesundheitsfürsorge. Mehrmals versuchten die Hakenkreuzler am Tonnerstag vormittag, den Hörsaal, in welchem Professor Tandler eine Vorlesung hielt, zu stürmen. Ter Hörsaal war jedoch schon am frühen Vormittag von Hörern Tandlers besetzt worden, die die wiederholten Angriffe der Hakenkreuzler zurückschlugen, so daß Professor Tandler seine Vorlesung beenden konnte. Mittlerweile hatten die Hakenkreuzler aus anderen Hochschulen und von der Straße Zuzug erhalten. Sie stürmten das Anatomische Institut und zertrümmerten in einer regelrechten Schlacht alles, was sich in Tandlers Hörsaal befand, so daß jetzt Fensterscheiben, anatomische Objekte wie Leichenteile und Knochen, Trümmer von Stühlen und Bänken sowie Instrumente durcheinander liegen. Tie Ausgänge wurden gesperrt, damit die Hörer Tandlers nicht auf die Straße gelangen können. Tie Pedelle und Tiener halfen den gefährdeten Studenten, durch Bereitstellung von Leitern ins Freie zu gelangen. Einige sprangen aus den Fenstern des ersten Stockwerks auf die Straße. Tie Hochschüler aus den anderen Hör- und Uebungssälen konnten nur durch einen Kordon völkischer Studenten das Gebäude verlassen. Mehrere jüdische Studenten erlitten Verletzungen und mußten sich verbinden lassen. Vom Anatomischen Institut zogen die Hakenkreuzler- und Heimwehrstudenten vor die Universität, wo aufhetzende Reden gehalten wurden und die Rufe „Juden hinaus!" ausgestoßen wurden. Ein antisemitischer Stoßtrupp drang in die Universitätsbibliothek ein und verprügelte dort zahlreiche Studentinnen. Tann wurden jüdische Studenten und Studentinnen in die Universitätsaula getrieben, wo sie mit Ochsenziemern empfangen und schwer verprügelt wurden. Trupps antisemitischer Studenten zogen mit den Rufen „Juden hinaus!" durch alle Korridore und zertrümmerten die Glasscheiben der Anschlagtafeln der sozialistischen und jüdischen Hochschüler, wobei wiederum mehrere Juden und Sozialisten mißhandelt wurden. Mehrere Juden erhielten Fußtritte. In allen Sälen wurde die Unterbrechung der Vorlesungen erzwungen. Damit sich die Schlägereien nicht auf die Straße ausdehnen, wurde berittene Polizei ausgeboten, die die Ringstraße vor dem Universitätsgebäude abriegelte. Tic Presse greift Rektoren und Dekane an, die sich mit schwächlichen Beschwichtigungsversuchen abmühteu und es nicht über sich brachten, die Polizei in oie Gebäude zu rufen, wie es ihnen xechtlich zusteht, um den ungeheuerlichen Zuständen schnell ein Ende zu machen. Besonders wird die Haltung des Universitätsdekans Prof. Hold getadelt, der, nachdem der letzte Jude und Sozialdemokrat hinausgeprügelt war, in der Aula erschien und die folgende Ansprache aa die Hakenkreuzler hielt: Sind alle hier Versammelten Mitglieder der Deutschen Studentenschaft? Ich bringe ein Hoch auf die Deutsche Studentenschaft aus. Wenn Sie aber hier „Juden hinaus" rufen, so begehen Sie eine Ungeschicklichkeit und machen den akademischen Behörden die größten Schwierigkeiten. Im übrigen können Sie in Ihren Bemühungen um das Deutschtum immer auf die Unterstützung des akademischen Senats rechnen." Die österreichische Regierung verspricht jüdischen Studenten Gleichberechtigung Der Bunoesminister für Unterricht empfing das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde Wien zwecks einer von diesem sofort nach Ausbtnch der Unruhen an den Hochschulen erbetenen Aussprache. Das Präsidium erhob schwär,sten Protest gegen die an der studierenden jüdischen Jugend schon seit mehreren Tagen verübten Beschimpfungen und Gewalttaten, durch welche die jüdischen Studenten unter brutalen Mißhandlungen förmlich Spießruten zu lausen, daß verhetzende Aufrufe gegen die Juden nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Hochschulen zur Verteilung gelangen und daß in den Anschlagskästen die Judenschast schwer beleidigende Plakate, literarische Erzeugnisse u. ogl. ohne vorschriftsmäßige Bewilligung des Rektorats ausgehängt werden, durch welche der Baden für die maßlose Verhetzung der deulschvöMschen Studentenschaft in allererster Linie vorbereitet wird. Tie Repräsentanz der Wiener Judenschast erklärte, daß rs ihr lebhafter Wunsche sei, daß die Sperre der Hochschulen in allerkürzester Zeit aufgehoben werde, daß aber Garantien geschaffen werden müsien, daß die staatsgruudsätzlich gewährleistete Lernfreiheit und Gleichberechtigung auch gegenüber oer jüdischen Studentenschaft gewahrt und gehandhabt werde. Der Bunoesminister erklärte, daß die Regirung voll und ganz aus diesem Boden stehe und sich mit allen Kräften bemühen weroe, die Gleichberechtigung und die gleichen akaocmrschen Rechte auch für die jüdischen Studenten zu gewährleisten. Diese Vorfälle, welch« er ungemein bedauere, konnten in dieser Ausdehnung nicht vorgesehen werden, denn sonst wäre oie Sperre der Hochschulen, welche mit seiner Zustimmung erfolgte, schon früher verfügt worben. — Schon aus höheren politischen Gründen sei die Erhaltung der Ruhe aus den Hochschulen dringend zu wünschen und er beklage lebhaft, daß die politische Verhetzung außerhalb der Hochschulen auch aus diese übergegrifsen habe. Ueber die Verwahrung des Präsidiums, daß in diesen politischen Kämpfen die jüdischen Studenten als Prügelknaben dienen müssen, teffte der Herr Minister mit, daß er von dem Rektor der Universität selbst erfahren habe, daß dieser gegenüber einer Abordnung der jüdischen Studentenschaft diese als einen ordnungsliebenden, lernbegierigen Teil der Studentenschaft anerkannt habe. Das Präsidium wies insbesonders auf die Gefahren hin, welche mit einer Wiedereröffnung der Hochschulen verbunden sind, wenn nichts seitens der maßgebenden Faktoren der Studentenschaft nachdrücklichst bedeutet werden würde, daß die HaMungen, welche zur Sperre der Hochschule geführt haben, sich als strafgesetzlich verpönte Uebergriffe darstellen und daß insbesondere die Anrede, welche der Dekan Dr. Holdt laut Mitteilung der Neuen Freien Presse gehalten haben soll, nicht geeignet sei, oen Frieden aus den Hochschulen zu fördern und dauernd zu erhalten. Ter Herr Minister antwortete, daß die im anatomischen Institut vorgekommenen Ausschreitungen gewiß mit den Gesetzen in Widerspruche stehen und daß diesbezüglich eine Untersuchung eingeleitet wird. Das angebliche Verhalten des Dekans Dr. Holdt sei ihm auch nur durch die Neue Freie Presse bekannt geworden, er werde selbstverständlich! authentische Informationen einholen. Ec versicherte schließlich nochmals, daß es seiner persönlichen und politischen Ueberzeugung widerspreche, daß irgendwelche Teile der Studentenschiäst an den Hochschulen Ausschreitungen ausgesetzt seien und daß er als Leiter der Unterrichtsverwaltung den ihm Anstehenden Einfluß aufbieten werde, damit in Hinkunft die Ruhe der Hochschulen aufrecht erhalten werde. k. <£. und Numerus Elaususpropaganda in Deutschland Das Mitteilungsblatt des Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens schreibt u. a.: Daß es so etwas wie einen Numerus Clausus überhaupt noch gibt, ist beschämend für das ganze Jahrhundert, das seine Entstehung sah. Heute, nachdem Lärm und Trubel der Umsturzjahre allmählich abgeklungen sind, spukt noch immer im deutschen Vaterland die haßverzerrte Wahnidee, man müsse die Juden und die Wissenschaft voneinander cckschnüren.... Der bayrischen Studentenschaft gebührt der traurige Ruhm, sich zum Anwalt einer mittelalterlichen Unduldsamkeit gemacht zu haben, die sich im Verlangen nach Einführung des Numerus Clausus auf deutschen Universitäten dokumentierte. Der zwölfte deutsche Studententag zu Hannover, dem seitens der Würzburger und Erlanger Studentenschaft dieser Antrag vorgelegt wurde, hat sich eine schimpfliche Blamage erspart, als er den Antrag ablehnte. Von 174 Stimmen sprachen sich 102 dagegen aus. Leider waren es überwiegend formale Gründe, die den völkischen Vorstoß zum Scheitern brachte; der Studententag ist einer unmittelbaren Klarlegung seiner grundsätzlichm Einstellung demnach ausgewichen. Das Verlangen der bayrischen Studentenschaft muß nicht nur als unakademisch gebrandmarkt werden, es entspricht auch allem anderen eher als deutscher Gesinnungsart. Steckt doch in dem Drang, den jüdischer: Mitstuüenten auszuschalten, ein gut Teil Scheu darin, sich mit ihm, dessen geistige Ueberlegenheit man fürchtet, auf geistigem Gebiete zu messen. Statt im ehrlichen Kampfe das Ringen mit ihm aufzunebmen, will man mit .Hilfe plumper Majorisierungsversuche sich den Konkurrenten vom Halse schaffen. Deutsch ist das nicht — und national gehandelt heißt es auch nicht, wenn man sich dieses probate Mittelchen erst aus dem Ausland verschreiben muß, noch dazu aus einem Ausland, über dessen Kulturniveau man sonst so gern die Nase rümpft. Sich mit Rumänien oder Polen zu vergleichen, steht einem teutscheu Recken sonst nicht an, aber die Manier, wie man dort auf die Juden spuckt, hat man ihnen gründlich abgeguckt.... Es ist wirklich hohe Zeit, daß das trübe Gewölk über so manchen Gehirnen sich endlich völlig lichtet. Gerade Deutschland, das zum Wiederaufbau alle seine Kräfte benötigt, kann sich den Luxus nicht gestatten, aus seinem geistigen Dasein diejenigen seiner Volksmirger zu eliminieren, die es am ehesten in der vordersten Front gebrauchen kann. Die volksparteilichen Studenten verlassen die antisemitische deutsche Studentenschaft Auf einer Sitzung der deutsch-volksparteilichen Hochschulgruppen von Nordwestdeutschland, der Delegierte von 15 deutschen Hochschulen beiwohnten, wurde beschlossen, eine weitere Betätigung in der deutschen Studentenschaft in ihrer heutigen Form abzulehnen. Eine Mitarbeit kommt nur in Frage, wmn die Deutsche 'Studentenschaft in der Koalitionsfrage und im groß-beutschen Gedanken den Antisemitismus ausscheide.