Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 45 (6.11.1929)
- Date
- 1929-11-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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s. Jahrgang Nummer 45 MWhÄMkZMmz Umschau Fortdauer der antisemitischen Universitatskrawatte in Wien. Tie Hochschule für Welthandel mußte für zwei Tage geschloffen werden, da hakenlreuzlerische Studenten unaufhörlich Krawalle veranstalteten und die Vorlesungen störten. Angehörige zionistischer Studentenkorps wurden ebenso wie sozialistische Studenten wiederholt verprügelt. An der- Universität wurden massenhaft Flugzettel, in denen für die Einführung des Numerus clausus Stimmung gemacht wird, verteilt. Tie Polizei konfiszierte große Massen solcher Flugzettel. Tiefes Erstaunen weckt die Haltung der Universitätsbehörden und insbesondere des neuen Rektors Professor Gleispach, die offen auf der Seite der hakenkreuzlerischen Studenten stehen. Tie Universitätsbehörden gestatteten der „Völkischen Arbeitsgemeinschaft", einen Universitätsführer herauszugeben, der der antisemitischen Propaganda dient und ein Verzeichnis aller Professoren und Dozenten mit dem Hinweis auf ihre Rasse und Abstammung enthält. Das Vorwort zu dem Führer hat Professor Gleispach geschrieben, der auch vor wenigen Tagen als Rektor die Studenten aufsorderte, dem akademischen Freikorps der Heimwehrverbände beizutreten. Gegen die Prefsehehe in Oesterreich. Tie „Union österreichischer Juden" hat dem Bundestanzleramte eine Eingabe übermittelt, die Anregungen zur Pressereform, auch in Bezug auf den Ehrenschutz des Judentums enthält und auch die wichtige Frage der geschlichen Schaffung der Legitimation zur Vertretung von nichtkonstituierten Personenmchrheiten, z. B. Religionsgesellschaften, welche zur Wahrung ihrer Ehre ein legitimiertes Organ besitzen, hervorhebt. Tie Notwendigkeit der Ergänzung des ösierreichischen Preß- bzw. des Strafgesetzes ergibt sich aus der Lektüre jedes antisemitischen Hchblattes, dessen jede einzelne Nummer von den niedrigsten Verunglimpfungen des Judentums strotzt und durch Lügen und Entstellungen zu Haß gegen das Judentum ausreizt. Tie von der „Union" angeregten Bestimmungen würden sehr wesentlich zur Gesundung der Presse beitragen. Tiefe Bestimmungen gipfeln in der Forderung: es soll von Gesetzeswegen den Organisationen einer Gemeinschaft — für die jüdische Gemeinschaft kämen die Kultusgemeinden, aber auch, Vereine wie z. B. die „Union" in Betracht — die Legitimation verliehen werden zur Wahrung der Rechte und Interessen der Angehörigen ihrer Gemeinschaft. kreis jungjüdischer Pazifisten Vor kurzem hat sich in Deutschland ein Kreis jungjüdischer Pazifisten als die radikale Gruppe innerhalb des Jüdischen Friedensbundes gebildet. Seine Aufgabe ist: die Gestaltung des Lebens und aller seiner Erscheinungsformen (Gesellschaft, Politik, Wirtschaft) aus der Grundlage der Verwirklichung des jüdisch-ethischen Gesetzes. Ter Kreis jungjüdischer Pazifisten bekennt sich ohne Einschränkung zum entschiedenen Kampf gegen den Krieg und seine Ursachen. Ter Kreis hat sich nunmehr dem Jüdischen Friedensbund formell angeschlossen; die Aufnahme ist auf Grund eines einstimmigen Beschlusses des Leitenden Ausschusses des Jüdischen Friedensbundes erfolgt. Ter Kreis, der im ganzen Reiche seine Mitarbeiter hat, verfügt über gute Beziehungen zu den Organisationen der jüdischen Jugend. Tie Leitung des Kreises besteht gegenwärtig aus: Lehrer I. Raphael, Beckum i. W., Redakteur M. Reinheimer, Berlin, und Berthold Simonsohn, Bernburg i. A. *jj Sprechsaal;j*j; 9&r diese Rubrik übernimmt die Echristlettung lediglich die Pechaelekltche Derantwortuna. Weltsprache — Weltfrieden Nachdem über die grundsätzliche Bereitschaft und Pflicht der Religionen im Hinblick auf Weltfrieden viel, vielleicht genug gesprochen und geschrieben wurde, dürfte es Zeit sein, Einzelausgaben auch von ihrer Seite aus zu benennen und in Angriff zu nehmen. Auf eine solche Aufgabe weisen uns die wieder neu aufgeschlagenen ersten Blätter der Bibel hin Wird doch dort wieder erzählt, daß Adam den Tieren Namen geben sollte, aber für sich kein Wesen geeignet erfand. Erst als Gott die Frau erschaffen hatte, erkannte er das ihm gleiche Wesen und gab ihm den Namen „Männin", denn vom „Manne" ward sie genommen. Schon Steinthal sieht in dieser Erzählung mehr als Legende, sieht den Versuch, das Wesen der Sprache zu erfassen und ihre Aufgabe abzugrenzen. Sie ist „Ausdruck der menschlichen Hoheit", „Mittel zur Betätigung seiner Würde", wie sie sich in der Geselligkeit, vor allem im Leben der Ehe kundgrbt. Aber auch die Geschichte vom Turmbau zu Babel sieht Steinthal in ihrem letzten Sinn: Einheit der Sprache ist ursprüngliche Gottesabsicht, weil diese Einheit den Frieden sichert, Vielheit der Sprache trat nur als Folge der Sünde ein. Und hier sind wir bei unferm Thema und der Einzelausgabe, die wir meinen. Das Weltgefühl, das heute schon so stark ist und immer stärker werden soll, bedarf endlich auch einer Weltsprache. Es ist ein Widerspruch, zu Weltfriedenskongressen zusammenzukommen und sich im Wesentlichsten fremd gegenüberzustehen. Wie will man und soll man dm Menschen kennen lernen, der da aus fernster Gegend kommt, die wir noch nie betreten haben? Nur das Zusammensein kann unmöglich genügen und der Dolmetscher auch nicht. Wieviel kostbare Zeit geht gerade durch ihn verloren, wieviel Teilnahmslosigkeit wird fast zwangsläufig herbeigeführt, wmn er die Rede des andem „wiedergibt", wieviel Mißverständnisse werden nicht oft herbeigeführt. — Aber es geht ja gar nicht um Kongresse allein, die schließlich nicht immer stattfinden und nur von einigen besucht werden, es handelt sich eben um das Wellgefühl und das Weltkennen für alle, insbesondere die Menschen der Friedensgesinnung. Es muß selbstverständlich werdm und nicht bloß Gelegenheitsfache bleiben, daß wir die Bücher und Zeitungen der andern lesen, in ihre Länder gehen, mit ihnen sprechm und fei es nur am Radio. Kinder müsfm zusammen spielen, Erwachsene müsfm diskutieren. Bon allem geschieht ja schon etwas, aber es ist ebm nichts -Planmäßiges, es wird nicht vom Gedanken des Weltfriedens in seiner ganzen Wucht planmäßig unterbaut. Wie es geschehm könnte? Welche Sprache man wählen sollte, die im Werden begriffene Esperantosprache oder die am meisten verbreitete Knltursprachr, wird Sache der Ueberlegung sein. Das Wesmtliche ist, daß der Plan im Völkerbund in Angrisi gmommm wird, das Wesentliche, daß sich alle Länder zur Einführung des Unterrichts in dieser Weltsprache für alle — also nicht bloß die höheren Schulen — bereit erklären, wichtig, daß sich die Regierungen zu jeder Förderung der Angelegenheit bereit erklären. Daß die vorhandenen Nationalsprachen nicht angetastet und ausgerottet werdm sollen, braucht kaum erwähnt zu werdm. Es soll sich ja bei der geforderten Weltsprache um das dringend notwendige Mittel zur gegenseitigen Verständigung handeln und nicht um unmögliche Gleichmachung der Geister. Selbstverständlich wird dieses Verstehen um so tiefer sein und unmißverständlicher, je tiefer man in Volksleben und Geistesleben, in Dichtung und Soziologie der andem eingedrungen ist. Es wird ja aber dann nur eine Sache der Technik, der Uebersetzungen sein, uns die entsprechenden Geisterzeugnisse zugänglich zu machen. Jedenfalls stelle man dm Antrag: Weltsprache, zur Förderung des Weltfriedens! Rabbiner Tr. G o t t sch a lk, Frankfurt a. M. Chauvinismus Von Franz Meidner -- Breslau. In 9fr. 42 der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" beschäftigt sich Rechtsanwalt Föroer mit der „Erklärung deutscher Juden". Daß die Stellung, die er als Unterzeichner des Aufrufs „Hilfe durch Ausbau" gegenüber dieser Erklärung einnimmt, nicht gerade beifällig ist, wird niemanden wundern. Manche seiner Vorwürfe sind aber recht anfechtbar. Zunächst wird besonders bemängelt, daß die Erklärung gerade in der Zeit oes Neujahrs- und Berföhnungssestes erschienm fei, in der friedliche Gedanken die JudenlM beherrschen sollten. Die Herausgeber der Erklärung hatten aber doch gar keine Wahl in dem Zeitpunkt der Veröffentlichung, sie mußten, sobald es ihnen möglich war, mit der Erklärung hervvrtreten, solange noch der Aufruf der Jewish-Agency in aller Erinnerung war. An die Oesfentlichkeit mußten sie deshalb treten, weil die Zionisten schon vor ihnen diesen Weg beschritten halten. Zudem ist es fraglich, ob es nicht jeder religiöse Jude zu jeoer Zeit verantworten kann, auch einen innerjüdischen Streit auszutragm, wenn es sich darum handelt, einen Schritt zu verhindern, den seiner Meinung nach dem Unfrieden zwischen Juden und anderen in diesem Falle den Arabern — Vorschub leisten muß. Dann beschäftigt sich Herr Tr. Förder mit dem Anlaß der Erklärung. Zunächst stellt er in Abrede, daß der Amrns der Jewish-Agency antisemitischen Behauptungen neue Nahrung gegeben hat. Zu Unrecht. Denn im völkischen Lager sind natürlich Stimmen laut geworden, daß die Jnternationalität der Juden bestätigt sei, sie solltm ruhig auswandern usw. Aber Herr Dr. Förder hat Recht, wmn er sagt, daß solche Erwägungen niemanden von der Unterzeichnung hätten abbringen dürfen. In Wirklichkeit handelt es sich doch aber darum, daß in dem Aufruf der Anschein nicht vermieden wurde, als hätten sich alle Juden einem Gedanken zugewandt, den doch ein großjer Teil von ihnen ablehnt, weil er seine Durchführung nicht für wünschenswert hält und seine Durchführbarkeit überhaupt ernstliche bezweifelt. Man konnte also — nicht nur aus antisemitischer sondern allgemein auf nichljüoischer Seite — nur zu leicht den Eindruck gewinnen, als habe sich die gesamte Judenheit der zionistischen Idee zugewendet, habe also den Willm zu einer jüdischen Nation. Daß dieser Eindruck erweckt wurde, bestreitet Herr Dr. Förder. Tann war es aber doch recht unvorsichtig von ihm, Hellpachs Artikel zu erwähnen. Aus ihm ging doch, hervor, daß dieser gewiß nicht antisemitische Politiker den Eindruck hatte, den Herr Dr. Förder in dem Ausruf gerade für vermieden hält. Ob Hellpach in jüdischen Dingen nicht Bescheid weiß, wie es ihm Herr Dr. Förder vorwirft, ist hier völlig gleichgültig. Im Gegenteil, die Meinung derer, die in jüdischen Fragen nicht so Bescheid wissm, ist manchmal in jüdischen Fragen objektiver als die derjenigen, die, wie Herr Dr. Förder Bescheid wissen. Denn er behauptet weiter: „Wahrscheinlich denken die Herrm bei dem Ausdruck Repräsmtanten an die aus allgemeinm geheimen, direkten Wahlen hervorgegangenen Mitglieder unserer Gemeindevertretungen. Solche Wahlen haben bei der Bildung der Jewish Agency freilich nicht stattgefunden. Also ist der Ausdruck unkorrekt? Nicht einmal das. Denn es gibt in allen Gemeinschaften Menschen, die von der Umwelt als deren Repräsentanten angesehen werden." Die Herren" brauchen gar nicht an die Gemeindevertreter gedacht zu haben. Der Ausdruck „Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaften aller Länder"' ist mindestens ebenso leicht in dem Sinne „offizielle Vertreter dieser Gemeinschaften" aufzufassen wie in dem von Herrn Tr. Föroer, der erst eines Kommentars bedarf. Unklar und der Mißdeutung in einem den Zionisten nicht gerade unwillkommenen Sinne fähig ist der Ausdruck also mindestens. Daß die der Agency fernstehenden Juden, als sie sich vor den Aufruf gestellt sahen, die Erklärung Herausgaben, ist also völlig berechtigt. Besonders befremdend ist, daß Herr Dr. Förder den Unterzeichnern dec Erklärung nationalistische, chauvinistische, fanatische Gesinnung und Gleichgültigkeit vorwirft. Die Zronisten grellen den jüdischen Zusammenhang als einen vorwiegend nationalen und beziehen damit Menschen in diesen nationalen Zusammenhang ein, die ihn nicht national faßen, ja sogar diese Fassung stritt ablehnen. Die Zionisten haben nach den Unruhen in Palästina nationales Märtyrertum gepredigt, sie verteidigen den historischm Anspruch. Wie darf Dr. Föroer also denen nationalistische Gesinnung vorwerfen, die demgegenüber in wirklich nicht aufdringlicher Weise — wir betrachten uns als Glieder des deutschen Volkes — ihr Deutschtum ftftstellen. Tie Zionisten haben die Liberalen maßlos angegriffen (Klee, Kanowitz), ihnen ihr Judentum abgesprochen usw.; Herr Dr. Förder stellt sich schützend vor Beilage 6. November 1929 die Zionisten. Warum dreht er sich nicht ein Mal um und blickt ans seine Schützlinge, anstatt denen Fanatismus vorzuwerfen, die sich nur dagegen wehren, daß man ihnen Ideen aufdrängt und Meinungen in den Mund legt, die ihnen fern liegen. Wie darf er schließjlich denen Gleichgültigkeit vorwetfen, die, als' sie die Unterschrift unter die Erklärung setzten, sich darüber klar sein mußten, daß sie solche Angriffe wie die dev Herren Klee, Kairowitz und auch Förder zu erwarten hätten. Auch erklärt Herr Dr. Föroer alle Unterzeichner der Erklärung für halbe Gesinnungsgenossen Naumanns. Gewiß zu Unrecht. Denn daß z. B. die Männer aus dem Central-» verein, die die Erklärung unterschrieben haben. Naumann gegenüber wenig freundlich gesinnt sind, sollte doch gerade Herr Tr. Föroer wissen. Darüber hinaus muß man sich überhaupt wundern, daß Naumanns Gesinnung hiec so scharf kritisiert ist. Tenn deutsch national und jüdischnatioual sind ja nur Abwandlungen desselben Prinzips, und wer es in der einen Prägung gelten läßt, sollte es in der anderen nicht verwerfen. Wenn sich nach Herrn Tr. Förders Meinung unter dem Aufruf die Unterschriften von Zionisten und Richtzioniften vertragen konnten, dann muß er auch zugeben, daß sich unter der Erllärung die von Naumann mit denen seiner sonstigen Gegner vertragen. Erst recht haben wir Liberalen reinen Grund, Naumanns Unterschrift für unerwünscht zu halten. Tenn wir sind keine Eiferer, die sich scheuen, ihren Namen neben den eines anderen zu setzen, der in manchen politischen Fragen anderer Ansicht ist. Unsachlich ist auch der Angriff, daß. sich unter den Unterzeichnern der Erklärung „Leute, die ihre Kinder wie männiglich bekannt, dem Christentum zugeführt haben", befinden. 'Tie Privatangelegenheiten dieser Leute haben nichts mit der Gesinnung der Erklärung zu tun. Verallgemeinerungen sind unzulässig; wenn sie z. B. von antisemitischer Seite kommen, wird sie auch Herr Tr. Förder ablehnen. Einzelfülle haben die Einzelpersönlichkeiten zu verantworten. In allen jüdischen Lagern gibt es Leute, deren Kinder getauft sind. Außensteheirden sind die Gründe dieses Schrittes meist unbekannt, oft geschah es gegen den Willen der Eltern. Es ist auch nicht erfreulich, von jüdischer Seite Sticheleien zu hören, die man sonst aus völkischen Kreisen gewohnt ist: „Freilich, in der Liste der patentierten deutschen Juden wimmelt es förmlich von ehemaligen Kriegsfreiwilligen, die 1914 zu den Waffen eilten — da ist keiner, der sich nicht in der Uniform des Jndantur- oder Kriegsgerichtsrats zehnmal Wühler fühlte als in der des Infanteristen". Und das alles, weil es in der Erklärung heißt „Glieder des deutschen und nicht eines jüdischen Volkes", womit allerdings ein Entwvier — Oder ausgesprochen ist, das die Unterzeichner der Erklärung bestimmt verantworten können. Zum Schluß spricht Herr Tr. Förder diesen noch die Ehrlichkeit ihres Mitgefühls ab, denn ihre Erklärung richte sich zweifellos gegen die Hilfe durch Ausbau, die 60 Waisen und 23 Witwen usw. Tie Erklärung richtet sich nicht dagegen, daß diesen geholfen wird, sondern dagegen, daß noch mehr Menschen dort angesiedelt, wie es der Aufruf „Hilfe durch Ausbau" verlangt, und damit der gleichen Gefahr ausgesetzt werden. Tas ist ebenso ehrliches Mitgefühl wie das der Zionisten. Auf Herrn Tr. Förders Angriffe gegen die Breslauer Persönlichkeiten, die di6 Erklärung unterschrieben haben, „obgleich" sie an exponierter Stelle in ihrer Gemeinde stehen, brauche ich allgemein nicht weiter einzugehen. Tenn meines Wissens hat Herr Tr. Förder nicht dagegen protestiert, daß ebensolche Persönlichkeiten den Agency-Aufrus unterschrieben haben. Daß dieser Aufruf neutral sei, wäre kein zutreffender Einwaud; er war deutlich prozionistisch, und seine Neutralität ist schon dadurch durchbrochen, daß es, wie die Erklärung zeigt, auch noch eine andere Partei im Judentum gibt. Alles in allem wird den Liberalen Unehrlichkeit, Chauvinismus, Lügen, Nationalismus, Gleichgültigkeit, Friedensfeindlichkeit, blinder Haß vorgeworfen, also ziemlich alle üblen Eigenschaften. Wie nennt man doch diese Einstellung, die dem Gegner alles Uebel, sich selbst aber alles Gute zuschiebt, die Aufrichtigkeit des Gegners bestreitet und ihm nicht einmal die Ehrlichkeit seiner Gesinnung glaubt? Chauvinismus! Oie jüdischen Selbstmörder in Preußen i. " Jüdisch-liberale Zeitung Berlin SW. 11 Hallesche Straße 1. In Ihrer Nummer 43 vom 23. Oktober 1929 bringen Sie «ine Notiz „Die jüdischen Selbstmörder in Preußen". In dieser Notiz wird auf das hohe Kontingent jüdischer Selbstmörder hingewiescn und cs werden verschiedene Gründe für diesen Tatbestand angegeben. Ich möchte nun daraus Hinweisen, daß m. E. die Statistik «in falsches Bild gibt, weil si« nicht berücksichtigt und nicht berücksichtigen kann den verschiedenen Altersaufbau der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung. Bei den Juden sind bekanntlich die höheren Altersstufen viel stärker vertreten, dagegen, die Kinder und Jugendlichen verhältnismäßig schwach. Gerade diese letzteren Altersstufen aber kommen für Selbstmorde fast garnicht in Betracht. Um also sestzustellen, inwieweit wirklich Selbstmorde bei den Juden häufiger sind als bei der übrigen Bevölkerung, wäre eine nach Altersklassen getrennte Statistik der Selbstmörder nötig, und es dürfte nicht die Gesamtzahl der Selbstmörder mit der Gesamtzahl der Angehörigen desselben Religionsbekenntnisses verglichen werden, sondern immer nur die Selbstmörder einer gewissen Altersstufe mit der Zahl der der gleichen Altersstufe angehörigcn des betr. Religionsbekenntnisses. Hierfür dürften aber wohl die statistischen Unterlagen fehlen. Immerhin scheint cs mir wichtig, bevor nach Gründen für eine Erscheinung gesucht wird, erst die Schlüssigkeit der vorliegenden Statistik einer Prüfung zu unterziehen. Ein kurzer Hinweis in dieser Richtung dürfte für Ihre Leser von Interesse sein. Hochachtungsvoll Dr. Paul Hamburger. II. Der Hinweis des Verfassers obiger Zuschrift ist berechtigt, daß der Altersaufbau der Juden und Nichtjuden ein verschiedener ist, so vaß ein Vergleich der Selbstmordstatistik ohne seine Berücksichtigung als hinkend angesehen werden muß. Gleichwohl ist der Unterschied der Ziffer der Selbstmörder von Juden und Nichtjuden so groß, daß zweifellos besondere Ursachen vorliegen müssen und auch vorliegen. Ich möchte mich auf Deutschlands größten Statistiker, Georg von Mayr, beziehen, dem vor länger als zwanzig Jahren bereits die