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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-11-06 · 45 (6.11.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
45 (6.11.1929)
Date
1929-11-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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hohe Selbstmordziffer der Juden auffiel und der folgendes schrieb: „Die städtische Bevölkerung ist in jeder Hinsicht viel ausgiebiger differenziert als die ländliche. Darin finde ich den Urgrund ihrer höheren Selbstmordziffer, denn auch die Vermehrung der Selbst-- morde ist eine.Difserenzierungserscheinung der Gesellschaft. Was bei primitiven Zuständen in der Brust vieler als gelegentlicher schwacher Wunsch des Nichtseins auftritt, das verdichtet sich bei fortschreitender sozialer Differenzierung bis zur Tat.Die Typen dieser differenzierenden Entwickelung aber sind die Großstädte." Dieser Tatbestand läßt sich sehr genau bei den Juden Bayerns verfolgen, »vo mit zunehmender Konzentration in den Städten auch ihre Selbstmord- Ziffer stieg, und zwar derart, daß letztere schnell die der übrigen Bevölkerung übertraf. Der Jude wurde überwiegend Städter, die Mehrheit der übrigen Bevölkerung bewohnte das Land. Die starke Zusammendrängung der deutschen Juden in den Großstädten ohne die Möglichkeit einer Blutsauffrischung, einer Verjüngung vom Lande, läßt, auch wenn kein statistisches Material zur Verfügung stände, den Schluß zu, daß das Kontingent jüdischer Selbstmörder größer sein muß als das der übrigen deutschen Bevölkerung, die noch immer stark aus ländlichem Boden verwurzelt ist. Herbert PhilivpÄhal. Persönliches In meinem Artikel „Der neu« Bund" (Nr. 42 der „Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 16. Oktober d. Js.) hatte ich aus dem Aufruf der deutschen „Jewish Ageney" eine Stelle wie folgt zitiert: „Zehntausend junge Juden in Deutschland stehen bereit." Das war nicht ganz richtig, es heißt „Z e h n t a u s e n d e junge Inden stehen bereit". Die Worte „in Deutschland" fehlen im Original. Ich hatte beim Schreiben des Artikels den Ausruf nicht zur Hand. Da er von deutschen Juden ausging, hatte sich bei mir wohl der Eindruck festgesetzt, daß von jungen Juden in Deutschland die Rede fei. In Wirklichkeit ändert mein nicht ganz tertgetrcues Zitieren ja auch nichts an der Tatsache. Wenn von „z c hn t a u s e n de n" die Rede war (nicht nur von einem Zehntausend), so ist doch wohl anzunehmen, daß sich unter diesen mehrsachen Zehntauseuden «ine entsprechende Menge deutscher junger Juden befindet. Der deutsche Zionismus besteht doch schließlich nicht nur aus .Heim und Etappcnzionisten. Und tvenn zehntausende junger Juden als „Kanonen futter" nach Palästina gehen sollen, so erscheint es mir gleich, ob es sich um deutsche, oder amerikanische oder um Ostjuden handelt. Sie sind als Juden gleich wertvoll und zu schade, in einer englischen Kolonie möglicherweise sür ein Phantom geopfert zu werden. — Was macht aber die zionistische Presse aus diesem, meinem kleinen, ganz belanglosen Irrtum?! Wie ich aus der „Jüdischen Zeitung sür Ostdeutschland" ersehe, nennt ihn die „Jüdische Rund schau" eine „Fälschung" und das erstgenannte, hier in Breslau er scheinende Zionistenorgan greift diesen Ausdruck auf und schimpft kräftig mit, »m (wie schon so häufig) einem ihm in hiesigen jüdischen Kreisen verliehenen Beinamen Ehre zu machen. Aus eine Auseinandersetzung mit meinen an das Zitat geknüpften Ausfüh - rungen läßt sich die Schristlcituug der „Jüdischen Zeitung sür Ostdeutschland" garnicht erst ein. Das wäre denn doch eitvas schwieriger gewesen. Schimpfen ist leichter! Ich darf es wohl den. Lesern der „Jüdisch-liberalen Zeitung" überlassen, sich über meine „Fälschung" ein Urteil zu bilden. — Breslau, 3. 11. 1929. ‘ I. Wolsssohn. Aus den Gemeinden Berlin. (Kundgebung des KE.) Die Verbindung im KC und der Altherrenbund Sprevia hatten aus Aulaß ihres 30jährigen Bestehens zu einer Kundgebung unter dem Motto: „Für deutsche Volksgemeinschaft! Gegen judenseindliche, staatsfeindliche, kulturfeindliche Bestrebungen aus deutschen Hochschulen!" eingeladen. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Georg Cohn, begrüßte die zahlreich erschienenen KCer und vor allem die Gäste, die in großer Zahl dem Aufruf gefolgt waren. 'Man sah u. a. den Potizeivizopräsidenten Weiß, Vertreter des Reichswehr- und Kultusministeriums, viele Parlamentarier, so den Rcichstagsabgeordneten Breitscheid. Von den verschiedensten politischen Parteien waren Vertreter anwesend, zahlreiche Organisationen hatten Delegierte entsandt. Der Rektor der 'Universität, der am persönlichen Erscheinen verhindert war, hatte eine Sympakhieerklärung gesandt. Nach den Begrüßungsworten übernahm Referendar Dr. Rosenber-g die Leitung und erteilte das Wort dem Rcichstagsabgeordneten Ludwig .Haas, der selbst KCer ist. Danach sprachen San.-Rat Dr. Alfred Goldschmidt, Generalsekretär der Großlogcn, und Syndikus Dr. tzcrrnann Bcrlak. Anschließend fand ein Festkommcrs statt, aus dem der Kommersleitcr Rosenberg namens der Verbindung im KC Sprevia ein Bekenntnis zum deutschen Vaterlande und zum heutigen Staate ablcgte. Frankfurt a. M. (Heinrich Emden gestorben.) Am 27- Oktober verstarb hier im 78. Lebensjahre Herr Heinrich Emden. Der Verstorbene war einer der angesehensten und ausgezeichnetsten Mitbürger der Stadt Frankfurt, ein Kaufmann und ein Schönest. Nach gründlicher kaufmännischer Vorbildung in Frankfurt, Paris and Wien gründete Heinrich Emden 1875 seine nach ihm benannte Banlfirma, die cs, dank der Aktivität ihres Inhabers, rasch zu Bedeutung brachte und 1899 eine Berliner Filiale errichien konnte. Auch als I o u r n a l i st hat er sich vielfach und mit Ertolg betätigt; der von ihm hercmsgcgcbene „F in a n z h c r old" berücksichtigte wohl in erster Linie Handels- und Börsenfragen, beleuchtete, aber ebenso das gesamte geistige Leben Frankfurts. An diesem hat ja Heinrich Emden mit einem nie erlahmenden Interesse teilgenommen wie nur ganz wenige: Es gab kaum eine der ernsthaften Fortbildung unserer Erkenntnis dienende Gesellschaft ohne seine Mitgliedschaft. Vielseitige Verdienste um die Universität trugen ihm die Ernennung zum Ehrensenator «in; die Schopenhauer-Gesellschaft, das Hochstift, die mit von Heinrichch Emden ins Leben gerufene Gesellschaft der Freunde der Stadtbibliothek, die Deutsch-Südslawische Gesellschaft, sie all« hatten an ihm einen warmen Freund und Förderer. Auch für die „Kricgsgräberfürsorge" hat «r, der den geliebten jüngeren Sohn dem Vaterland opfern mußte, viel getan, und im Kunstleben spielte der Verstorbene eine führende Rolle, liebte Musik und Zeichnen und war einer der besten Goethe-Kenner. Die gesamte Lehensleistung des Dahingegangcnen spiegelt den Geist der Schule wider, in der er sich die Grundlagen seiner Bildung erworben und als deren Schüler er sich während seines ganzen Lebens mit Stolz bekannte: des Philantropins. Aus dieser Schule hervorgegangen, hat er aber nicht nur im Leben ihren Geist verwirklicht, sondern er ist in reiferen Jahren als Mitglied und während der Inflation als Vorsitzender ihres Schulrats wieder in «ugste Berührung mit ihr getreten; nach seinem Ausscheiden wurde «r wegen seiner hohen Verdienste zum Ehrenvorsitzenden des Schulrats gewählt. Durch die Mitarbeit am Philanthropin stand er auch in unmittelbarer Fühlung mit dem jüdischen Gemeindeleben unserer Stadt. Am Mittwoch, 30. Oktober, fand die Beisetzung statt. In der Trauerhall« hatte sich eine große Gemeinde versammelt; man sah führende Persönlichkeiten des Frankfurter öffentlichen Lebens, der Wirtschaft und der Wissenschaft. Die Trauerrede hielt Herr Rabbiner Dr. Lazarus, der zugleich auch für die Freimaurerloge Sender den faltigen Beitrag für das 4. Quartal 1929 in Höhe von Mk. 2,59 auf das Postscheckkonto der Vereinigung für dar liberale Jude«' tum Berit« Nr. 137 089 ein. „Zur aufgehenden Sonne" und für den „Eklektischen Bund" sprach, dessen Ehrenmitglied der Verstorbene war. Es sprachen ferner der Rektor der Universität, Prof. Dr. Küntzel, sür das Philanthropin Dr. Richard Merzbach und OberstMcndirektor - Dr. Driesen und viele andere Vertreter von Vereinen und Körperschaften. Für die Stadt Frankfurt und auch für die jüdische Gemeinschaft bedeutet das Hinscheiden dieser großen Persönlichkeit ein schwerer Verlust. Hörde. (Aufklärungsarbeit.) Auch chn der hiesigen Stadt zeigt sich in den Reihen der Schüler und Schülerinnen der höheren Lehranstalten ein lebhaftes Interesse für jüdische Angelegenheiten Nach der Beendigung der Synagogenrenovierung übermittelten die Klassenlehrerin der 1. Klasse des Lyzeums sowie die Schülerinnen dieser Klasse dem Prediger der Gemeinde die Bitte, mit ihnen eine Besichtigung der Synagoge vorzunehmen und mit derselben einen Vortrag über den jüdischen Gottesdienst und jüdisch-religiöse Gebräuche zu verbinden. Am Dienstag-Nachmittag voriger Woche versammelten sich nun die drei obersten Klassen sowie fast vollzählig das Lehrer-Kollegium des Lyzeums in der Synagoge, wo Prediger Slern in einem Inständigen Vortrag über die Einrichtung des Gotteshauses, die historische Entwicklung des jüdischen Gottesdienstes, über Synagogengeräte und jüdische Zeremonien zu den Versammelten sprach. Durch Vortrag einiger hebräischer Gesänge wurden die Zuhörer mit der Eigenart und den tiefen Stimmungsgehalt der Synagogengesänge bekannt gemacht. Mit lebhaftem Interesse lauschten die Schülerinnen den Ausführungen und stellten nach Beendigung derselben noch eine große Zahl Fragen über jüdische Feste, Sabbat, Trauergebräuche, Eheschließung usw. Der Direktor der Schule sprach dem Vortragenden den Dank seiner Anstalt für den Aufklärungsvoctrag aus, der sicherlich zur Beseitigung der Unwissenheit aus dem Gebiete jüdisch-religiöser Angelegenheiten beigetragen hat. Das Interesse der Schülerinnen war so stark geworden, daß eine Anzahl derselben am Simchath-Thora-Fcste dem Gottesdienste beiwohnte. Kitzingrn. (8 0. Geburtstag.) Das frühere Mitglied des Gemcindevorstandes, Herr A. Reiß, feierte unter Beteiligung weiter Kreise seinen 80. Geburtstag. Fast ztvei Jahrzehnte hat der Jubilar die Gemcindeinlcressen mit Eifer und Tatkraft vertreten. Die dankbare (Gemeinde ließ cs an Aufmerksamkeiten nicht fehlen. Köln. (Goldene .Hochzeit.) Moritz Falkenstcin, das liberale Mitglied des Gemeindcvorstandes, über dessen 80. Geburtstag hier vor kurzem berichtet tvurde, begeht am 9. November mit seiner treuen Lebensgefährtin das Fest der goldenen Hochzeit. Köln. (Um das G c m c i n d e b l a t t.) Der Gemeindcvorstand hat, wie hier bereits mitgcteilt wurde, die Herausgabe eines offiziellen Gemeindeblattes beschlossen und den bisherigen Schriftleiter der Kölner Jüdisch-liberalen Zeitung Dr. Siegfried Braun mit der Erledigung der erforderlichen Vorarbeiten betraut. Inzwischen ist beim Vorstand ein Protest der zionistischen und der konservativen Fraktion der Repräsentanz eingegangen, in dem gegen das Vorgehen des Vorstandes Widerspruch erhoben wird. Man verlangt, daß die Rrpräscntantenversnmmlung mit dieser Angelegenheit besaht werde. Wie wir hören, wird der Vorstand dem Protest Folge geben und die Herausgabe eines offiziellen Organs von dem Beschluß der Repräsentanz abhängig machen. Köln. (Vom Jüdischen L e h r h a u s.) Zu Anfang der vorigen Woche wurde hier das Jüdische Lehrhaus eröffnet. In einer feierlichen Versammlung, der ein meisterhafter Vortrag Martin B u b c r s über den Ursprung des Messianismus das Gepräge gab, hielten Glückwunschansprachen die Herren Emil Blumenau, Rabbiner Dr. Kober und Rabbiner Dr. Roscnthal. — Die Dozenten des Lehrhauses haben bereits die Vorlesungen begonnen, und es wird ein das jüdische Leben befruchtender Einfluß von ihrem Wirken erwartet. Köln. (Bon der jüdischen Schule.) Fräulein S. Löwendahl ist von der Schulbehörde als Lehrerin an die Städtische israelitische Volksschule berufen worden. Dieses größte deutsche jüdische Schulsystem verfügt nunmehr über 17 Lehrkräfte, zu denen Ostern 1930 noch eine weitere hinzutreten wird. Königsberg. (R e pr ä s e n t a n t e n > i tzu n g.) In der letzten Sitzung der Königsbcrgcr Repräsentantenversammlung fand die Etatberatung statt. Der Etat balanciert mit etwa 300 000 Mark. Dabei tyurde beschlossen, eine Senkung des Synagogensteuersatzes von 20 "/ü auf 18 °,'o vorzunchmen, da der bisherige Satz >.in wertesten Kreisen der Gemeinde als allzu drückend empfunden wurde. Als Ersatz hierfür soll die Vermögenssteuer mit zur Synagogenstcuer herangezogen werden, und zwar in einer Form, die dem > Gesetz vom 3. Mai 1929, das auch sür die beiden christlichen Bekenntnisse gilt, zugrundegelegt ist. Es kommt jedoch nur die höhere der beiden Steuern zur Erhebung. Vermögen bis zu 20 000 Mark soll überhaupt steuerfrei bleiben. Von höheren Vermögen sollen 50 o/o der staatlichen Vermögenssteuer erhoben werden. München. (Persönliches.) Dieser Tage beging Kommerzienrat Siegmund A. Weil hier seinen fünfzigsten Geburtstag. Der Jubilar spielt im hiesigen Gemeindeleben eine führende Rolle und gehört auch seit einer Reihe von Jahren dem Hauvtvorstand der Vereinigung für das liberale Judentum an. Wir sprechen dem Jubilar auch an dieser Stelle unseren Glückwunsch aus. Schlochau. (Einweihung der Synagoge.) Tie Gemeinde Schlochau beging am 3. November die Einweihung ihrer aus dem 16. Jahrhundert stammenden Synagoge, welche von Grund auf umgebaut worden ist. An dem Zustandekommen dieses Werkes hat sich namentlich die Landsmannschaft der Schlochauer in Berlin sehr verdient gemacht. Das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt, nicht nur von den Mitgliedern der Gemeinde Schlochau und den Vertretern fast aller Gemeinden der Grenzmark Posen- Westpreußcn, sondern namentlich von den früheren Schlochaucrn in Berlin und andern Orten, die herbeigeeilt waren, um diesen Festtag in ihrer alten Heimat zu verleben. Nach einleitendem Chor-» gesang entzündete Kantor Daniel das ewige Licht. Bon den Mitgliedern des Vorstandes und der Repräsentanz wurden die Thorarollen unter Gesang in das Gotteshaus gebracht. Darauf gab in tiefempfundenen Worten der Vorsitzende der Landsmannschaft der Schlochauer in Berlin, Seminaroberlehrer Falkenberg, der Stimmung Ausdruck, in welcher die ehemaligen Schlochauer an den Umbau der Synagoge herangegangen waren und sprach van den Erinnerungen, die diese Stunde in allen jetzt erweckt. Nach abermaligem Gesang hielt der Bezirksrabbiner Dr. Rosenzweig-Schneidemühl die Weihepredigt. Mit Segen und Schlußgesang klang die eindrucksvolle Feier aus, an der auch die Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden teilgcnommen hatten. Schotten. (Synagvgenwcih e.) Die von einem Darmstädtcr Kunstmaler renovierte Synagoge ist durch feierlichen Gottesdienst wieder geweiht worden. Vertreter der evangelischen und katholischen Geistlichkeit, der Stadtverwaltung und anderer Behörden nahmen außer vielen auswärtigen Gästen an der Einweihungsseier teil. Lehrer Kaufmann sprach herzliche Begrüßungsworte und dankte allen, die die Erneuerung des Gotteshauses gefördert hatten. Provinzialrabbincr Dr. Hirschfeld, Gießen, bielt eine eindrucksvolle Weiheprcdigt. Sinsheim. (Todesfall.) In Sinsheim ist der im Ruhestand lebende Lehrer M. Rosenberger im Alter von 59 Jahren gestorben. Der Verewigte gehörte dem Vorstand des Naphlali-Epstcin- Bereins in Baden an, der sich die Unterstützung notleidender Religionslchrer und deren Hinterbliebenen zur Ausgabe gemacht hat. Der Vorstand erkennt die warmherzige Mitarbeit des Heimgegangenen in einem tief empfundenen Nachruf an. Worms. (Persönliches.) Lehrer L. Agulnik beging unter lebhafter Anteilnahme seinen 60. Geburtstag. Vertreter des Gemeindcvorstands und der Gemeinderabbiner brachten dem Jubilar die Glückwünsche aller Freunde dar. Rabbiner Dr. Holzer gratulierte besonders im Namen aller Gemeindebca inten. In Würdigung seiner ersprießlichen Arbeit in der Synagoge verlieh die dankbare Gemeinde ihrem beliebten Beamten unter Ucberrcichung anderer Geschenke den Titel Oberkantor. * BUCHERSCHAU * Jüdischer Jugendkalender 5690 — 1929/30, herausgegeben unter Mitwirkung der Jugendschriften-Kommission der Großloge für Deutschland U.O.B.B. von Emil Bernhard Cohn, Jüdischer Verlag, Berlin. Es ist der 2. Jahrgang dieses Jugendwerkes, der hier angezeigt wird. Der erste erschien im vergangenen Herbst unter der Bezeichnung „Jüdischer Kinderkalender“. Schon dieser erste Jahrgang legte beredtes Zeugnis ab für die hohe jugendbildnerische Befähigung des Herausgebers, der ein begeisterter Prediger des Judentums ist, ein warmherziger Pädagoge und ein wahrer Dichter dazu. Trotzdem konnte und kann jener erste Jahrgang zur Anschaffung für die Jugend nicht empfohlen werden, weil er (von geringeren Mängeln abgesehen) durch einen — nicht vom Herausgeber herrührenden — grob geschmack- und taktlosen tendenziösen Beitrag entstellt war. Gegen diesen neuen Jahrgang sind solche Bedenken nicht zu erheben. Vielleicht findet ein sehr kritischer Leser noch das eine oder andere Wort, das ihn stört; die Empfindungen und Empfindlichkeiten der Menschen sind ja nun einmal verschieden. Aber in jedem Falle werden die Billigung, das Lob gegenüber dem vorliegenden Werk überwiegen müssen. Erzählungen heiteren und besinnlichen Inhalts, leichte Ware und bedeutsames, charakterbildendes Gut, wechseln, wie cs not tut, untereinander ab. Verskunst und Spieltrieb finden ihre Stätte. Rätsel, Scherzfragen „Fragmichwas“ beschäftigen den kindlichen Geist. Die Bildbeigaben sind meist recht ansprechend, die buchhändlerische Ausstattung gut, ohne zu anspruchsvoll zu sein. Fast jeder Beitrag betont" die spezifisch jüdische Note, wie es bei einem derartigen Werk — das neben Werken allgemeinen Inhalts dem jüdischen Kind in die Hand gegeben werden sollte — selbstverständlich ist. Ist der Kalender so durchaus zu empfehlen, so gibt er doch noch Anlaß zu grundsätzlichen Betrachtungen aus der besonderen jüdischen Auffassung heraus, die wir in diesen Blättern vertreten. Der Herausgeber dieses Werkes, der, wie bekannt, unseren Anschauungen sehr fern steht, vertritt mit seinen Mitarbeitern von der Loge den berechtigten Standpunkt, daß einem solchen, für jüdische Kinder aller Richtungen bestimmten Buch alles fernbleiben soll, was verletzen" könnte. Er vertritt aber weiter mit gleichem Recht die Auffassung, daß eine derartige pädagogische Schrift nicht färb- und charakterlos sein darf. Ein jüdischer Schriftsteller hat vor Jahren einmal einen literarischen Beitrag wie folgt beurteilt: „er ist weder konservativ noch liberal, sondern Schund, und Schund ist parwe.“ Mit der gebotenen Einschränkung kann man diesen Ausspruch umkehren und sagen „was weder konservativ noch liberal (noch nationaljüdisch), was einfach charakterlos, parwe in dem hier gebrauchten Sinne ist, ist in der Regel Schund“. In der literarischen Leistung einer charaktervollen Persönlichkeit muß sich ihre Gesinnung ausprägen. Und deshalb haben wir Liberalen das lebhafteste Interesse, daß sich charaktervolle Männer und Frauen unserer Anschauung an einer solchen Arbeit für das jüdische Kind beteiligen. Für den vorliegenden Jahrgang hat der Herausgeber das gute Beste getan, worüber die Vielheit der in dem Buch erscheinenden Verfassernamen nicht hinwegtäuschen möge. Seine oben gekennzeichnete schöpferische Persönlichkeit darf dem Werk auch für die folgenden Jahrgänge nicht fehlen. Aber eine Erweiterung der Zahl seiner Mitarbeiter ist erwünscht, nach eigenem Ausspruch auch ihm selbst. Und deshalb bitten wir alle unsere Freunde, deren literarische oder dichterische Befähigung auf jugendbildnerischem Gebiete zu eigen ist, die Arbeit für den nächsten Jahrgang dieses Gemeinsciiafts* Werkes für unsere Kinder schon jetzt aufzunehmen, damit wir den kommenden Jahrgang ebenfalls und evtl, in noch höherem Maße loben können. Manuskripte wird die Jugend* kommission der Großloge sicher gern entgegennehmen; auch die Redaktion und der Unterzeichnete sind bereit, sie an die Jugendschriftenkommission und den Herausgeber weiterzuleiten. Dr. Walter Breslauer. Lion Wolff: Lehrbuch der israelitischen Religion für Proselyten. 1929. Verlag Engel, Leipzig. 97 Seiten. Der rührige Verfasser hat diese seine 14. Schrift an seinem 84. Geburtstage — im Juni dieses Jahres — vollendet. Sie zeigt ihn in ungetrübter Frische, denn auch dieses Buch ist wie seine anderen recht geschickt gemacht und für den gedachten Zweck sehr brauchbar. Es bietet Anleitung zum Hebräischlemen, die wichtigsten Gebete und Segenssprüche und Bräuche, eine Reihe religiös-ethischer Sätze, Betrachtungen über die Feiertage und schließlich einen guten epologetischen Teil. Natürlich bleibt es, wie der Verfasser auch bemerkt, dem Lehrer überlassen, was er für die Vorbereitung aus wählen will. Immer aber sollte er den Schüler veranlassen, sich das Buch anzuschaffen und auch später zur Lektüre zu benutzen. Das Buch kann aber über den gedachten Zweck hinaus recht wohl als Geschenk für die reifere Jugend verwandt werden, nicht zuletzt zur Vorbereitung zur Barmizwa oder Einsegnung der Mädchen. Eine spätere Auflage könnte vielleicht noch ein Kapitel über Leistungen bedeutender Juden in der Weltgeschichte bieten und einen umfangreicheren Literaturnachweis. Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. „Der Raw“, Kulturhistorische Erzählung von Judaeus. Hermon-Verlag, Frankfurt. Dürfte es nicht als erwiesen gelten, daß mit dem vorliegenden Büchlein orthodoxe Ziele verfolgt werden — der Verlag ist offensichtlich identisch mit dem des „Israelit“ —, 80 wäre gegen sein Wiederaufleben nichts einzuwenden Seit dem Kriege soll diese Verherrlichung eines c h a s s i - dischen Wunderrabbi vergriffen gewesen sein; literarisch war das kein Verlust, so sehr steht das dichterische Vermögen von Judaeus zurück hinter dem an dramatisch spannenden Momenten reichen Leben jenes Rabbi Salman, der, soweit nicht die Legende manches ausgeschmückt hat, in der Tat ein genialer Auserwählter gewesen sein muß. Seine Gefangenschaft in der Peter-Paulsfestung, seine Freundschaft dort mit dem von ihm als Jude erkannten, dem Judentum zurückgewonnenen Polizeioberst, sein Erkennen des Zaren auch in der Maske eines verkleideten Juden, schließlich, nachdem er ein zweites Mal gefangen genommen und freigesprochen worden ist, sein Hineingezogenwerden in die geheimsten Kriegspläne von 1813, seine wahrhaft prophetische Beurteilung der napoleonischen Politik, in der Folge seine und seiner weitverzweigten Familie Flucht durch das unwirtliche Rußland, endlich sein Tod nach einem Alter voller Abgeklärtheit und Milde — Stationen und Momente genug, einen jüdischen Dramatiker anzureizen, daraus ein Relief von hinreißender Großartigkeit und unbeschwert von irgendwelcher außerkünstlerischen Tendenz zu formen. Dr. Richard Elb, Dresden. Werbt neue Mitglieder!

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