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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-11-06 · 45 (6.11.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
45 (6.11.1929)
Date
1929-11-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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gewohnheitgemäß abgewickelte Nummern, aus denen die Seele Mtflohen ist. Es kann der Natur der Sache nach gar nicht anders sein. Besonders die bezahlten Choristen, denen doch die Ausführung der Kunstgesänge anvertraut ist, müssen schließlich dem schlimmen Teufel der Routine verfallen — T'filloh w'ssachanunim wird durch Kewa ersetzt, lebengezeugter und lebenzeugender Gehalt durch tote und lötende Form. Aus welcher Seite, meine Herren Liberalen, ist nun also die Erstarrung, die „Orthodoxie" im schlimmen Sinne? Und gerade hier hätte der Liberalismus zeigen müssen, wie er neue Formen — den Chorgesang — mit ständig neuem Inhalt zu füllen und vor der Erstarrung zu bewahren vermag! Aber schon höre ich einen Einwand: die Tradition, die Stetigkeit im Gottesdienst müsse gewahrt werden. Das, soll sie auch. Aber sie ist es genügend durch die stetig wiederkehrenden traditionellen Motive des kantoralen Vortrags, durch die nahezu unveränderlichen einstimmigen Responsen der Gemeinde. Was darüber ist, ist ja gar nicht Tradition, sondern Schlamperei und vom Uebel. Niemand wird behaupten wollen, daß die Katholiken kein Verständnis haben für die Bedeutung der Tradition im Gottesdienste. Wie wunderbar wissen sie aber dieses Element mit dem der immer neu schaffenden Bewegung zu vereinen! Wie ergreifend wirkten an jenem Sonntag in der Hedwigskirche gerade die immer wieder im alten gregorianischen Stil einsetzenden Worte des zelebrierenden Geistlichen, umrankt von den musikalisch so hochwertigen Chorteilen, deren Texte natürlich schon am Sonntag drauf i n anderer Komposition wiederkehren. Hat man sich bei uns schon einmal die Köpfe darüber zerbrochen, wozu eigentlich unsere gottbegeisterten Tonkünstler so viel Schönes und Ergreifendes für die Synagogenchöre geschaffen haben? Offenbar nicht, damit es in den Partituren verstaube. Aber die Pflicht, „freie Bahn den Tüchtigen" zu bereiten, scheint für das Leben innerhalb unserer Gemeinden nicht zu bestehen. Nach dem Gesagten wird man vielleicht begreifen, daß musikbegabte jüdische junge Leute, nachdem sie etwas Einblick in die musikalischen Zustände in unseren Synagogen gewonnen haben, wahrlich keine Lust verspüren, einer solchen Institution einst ihre Kräfte zu weihen. Das Element der Mchrstimmigkeit, im Gottesdienst eben vertreten durch dev Chorgesang, spielt nun einmal, seit wir in den europäischen Kulturkreis eingetreten sind, eine nicht unwichtige Rolle für uns alle, sei es, daß wir Empfangende oder Gebende sind. Und man vergesse nicht, daß ein starkes Gefühl für die hohe Bedeutung gerade dieses Elementes sowohl bei der allgemeinen Musikerziehung der Heranwachsenden Jugend wie ganz besonders bei der speziellen Fachausbildung der jungen Musikstudierenden entwickelt wird. Aber schon höre ich einen weiteren Einwand: ja, sollen wir denn unsere Gottesdienste mit dem Gedanken an junge Musikadepten einrichten, sollen wir die Synagoge zum Konzertsaal machen? Das sind so diese billigen, hohlen Redensarten, mit denen immer die Faulen der Fäulnis, die ihrer Faulheit entspringt, nachträglich sachlich erscheinende Grundlagen unterzulegen versuchen. Ist diese Forderung: gebt das Beste im Gottesdienst und gebt es in bester Form! vielleicht gleichbedeutend mit: macht einen Gottesdienst für Fachleute? Also: man führt möglichst gute Opern möglichst gut auf — für Fachleute? Man gibt in Konzerten das Beste vom Besten in bester Form — für Fachleute? Der Prediger predigt nicht so schlecht, sondern so gut er kann — für Fachleute? In Kirchen, deren Leitung es ernst mit ihrer Ausgabe meint, gibt man den Besuchern immer wieder neue Proben der besten geistlichen Musik — auch für Fachleute? Und was ist es mit dem Vorwurf, hier solle das Gotteshaus zum Konzertsaal gemacht werden? Was macht man im Konzertsaal? Gute Musik zur Erbauung seiner Mitmenschen. Soll vielleicht ein Unterschied zwischen Gotteshaus und Konzertsaal dadurch hergestellt werden, daß man im Gotteshaus minderwertige Musik minderwertig aussührt? Natürlich ist ein Unterschied da: im Konzertsaal ist die Musik als Kunst Selbstzweck, iw Gotteshause ist sie dienende Kunst, Zweckkunst. Da ist es wohl selbstverständlich, daß sie so beschaffen sein muß, daß sie chrem Zweck am besten und nicht am schlechtesten dient. Welches ist nun der Zweck der Synagogenmusik? Sie hat der Ausdeutung des Gebetswortes zu dienen und dessen, in Worten nicht ausdrückbare, Stimmungen den Betern oder Zuhörern zu vermitteln, oder richtiger: sie in ihnen zu erwecken. Gerade daraus ergibt sich aber wiederum eine, keineswegs leicht zu lösende Sonderausgabe für unsere Synagogen- Versammlungskalender * Liegnitz. Liberaler Verein der Synagogen-Gemeinde. Am Sonnabend, den 9. November. Vortrag von Herrn Rechtsanwalt Heinrich Stern über: „Liberales Judentum, Rativnaljudentum und Palästinaaufbau". Unsere Mitglieder und Freunde werden gebeten, recht zahlreich zu erscheinen. Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 182s. Freitag, den 8. November, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 9. November, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westend (Aula Leistilowstratze 7, nahe Reichskanzlerplatz). Freitag, den 8. November, 7.15 Uhr abends, Gottese dienst. Predigt: Dr. Andorn. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdors (Cecilienschule, Nikolsburger Platz). Freitag, den 8. November, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskandidat van der Zyl. Berlin. Indische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 10. November: Johannisstratze 16: vormittags 10.30 Uhr. Predigt: Dr. Lehmann. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Jrlski. musik, besorrders für die Chorteile. Die Gebetsworte wiederholen sich in jedem Gottesdienst und müßten naturgemäß ihre andachtweckende Kraft nach und nach verlieren — wenn eben nicht die als stimmungzeugendes Moment weit stärkere Macht der Töne dazu käme. Hier, wenn je, gilt das schöne Wort Luthers: Die Noten machen den Text lebendig. Wie sollen aber die Töne diese Aufgabe erfüllen können, wenn sie selber allmählich zum Geplapper werden, d. h. wenn sie nicht ständiger Erneuerung unterworfen werden? Wir hätten wahrhaftig gerade in unserer Zeit allen Grund, vor den Pforten der Synagogen den Grundsatz nicht halt machen zu lassen, dessen Herrschaft uns auf allen kulturellen Gebieten selbstverständlich ist: Nur das Beste ist gut genug! Das Beste in allen Beziehungen, also vor allem an Material und Art der Ausführung! Und speziell für die Synagoge: ausgeführt von den Besten! Nun haben wir aber gesehen, daß gerade die Besten, d. h. hier diejenigen, die als Chorleiter den Gottesdiensten immer wieder neue Wirkungskraft verleihen könnten, schon in jungen Jahren, abgestoßen von dem herrschenden Schlendrian, der Synagoge und ihrer Musik notwendig entfremdet werden — gerade sie werden natürlich das Tote in unfern Gottesdiensten am stärksten empfinden —; vielleicht hat auch der eine oder andere von ihnen von den Schwierigkeiten gehört, die verständnislose Gemeindeverwaltungen strebsamen, auf das Beste des Gottesdienstes bedachten Berufsgenossen — wenn sich solche je einmal finden sollten — in den Weg zu legen wissen! ((Was der größte der wirklichen Synagogenmusiker, Salomon Sulzer, im Vorwort zu seinem Schir zion über dergleichen, an christlichen Kirchen kaum denKare Schwierigkeiten berichtet, ist auch nicht gerade ermutigerrd.) Und dabei hat man doch, den kritischen Blick eben "immer wieder nach außen gerichtet, besonders in zionistischen Kreisen immer wieder gestöhnt — in Max Nordaus Reden trieft es von solchen Klagen —, die jüdische Begabung könne sich in unseren europäischen Gemeinwesen nicht recht entfalten! Es scheint aber, daß unsere jüdischen Gemeinden die einzigen Stellen sind, wo dergleichen nicht geht — jedenfalls nicht aus dem Gebiete der Musik. Die Tradition der christlichen Kirchen, die besten unter den musikalischen Führerbegabungen für die musikalische Ausgestaltung ihrer Gottesdienste heranzuziehen, ist auch heute noch nicht erstorben. Und es mutet den Kenner der Verhältnisse wie eine Selbstverständlichkeit an, daß in die Reform, die das gesamte musikalische Unterrichtswesen in Preußen in den letzten Jahren erfahren hat, auch die Kirchenmusik einbezogen wurde, vor allem die Ausbildung der — katholischen sowohl wie evangelischen — Kirchenchorletter. Unsere Synagogenchorleiter saugen stotgedrungen das, was sie für dieses unendlich komplizierte und anspruchsvolle Spezialgebiet brauchen, aus der Tiefe ihres Gemüts. Denn der Verstand — und verschiedenes andere, was hochnotwendig — kommt leider, trotz des Sprichwortes, nicht mit dem Amt, das Gott einem gibt. (Vereinzelte rühmliche Ausnahmen bestätigen auch hier wieder nur die Regel.) Und wer sich ein Bild davon machen will, wie wenig die Dirigenten unserer Synagogenchöre auch außerhalb des Gottesdienstes ihrer Aufgabe gewachsen sind, der studiere einmal die Programme der Synagogenkonzerte, besonders in den Provinzstädten; man weiß oft nicht, ob man lachen oder weinen soll ob all der kläglichen Hilflosigkeit, die sich da offenbart. Die gegebenen Führer und Anreger in all diesen Fragen wären ja die Kantoren. Gerade die Einsicht, daß die Chormusik in der Synagoge nicht um ihrer selbst willen da ist, sondern Zweckkunst ist, hätte schon längst dazu führen müssen, sie demjenigen musikalischen Faktor in unserem Gottesdienst aufs engste anzugliedern, der zunächst dem religiös-erbaulichen „Zweck" dient, dem Führer der Gemeinde im Gebet, also dem Kantor und seiner Tätigkeit. Der Vortrag der Chorgesänge müßte bis ins kleinste, zunächst vom Gebetworte her, dann aber mit den Kunstmitteln der mehrstimmigen Musik, von derselben Innigkeit, derselben Intensität durchglüht sein, die den: Vortrag unserer besten Kantoren jene wundervoll erhebende Kraft verleiht. Dann erst würde der synagogale Chorgesang seinen „ßtvtd" wirklich erfüllen, ein mit dem Kantoralen organisch verbundener Bestandteil des Gottesdienstes zu sein. Das würde aber eine ganz neuartige, über die bisherige weit hinausgehende Ausbildung der Kantoren erfordern. Diese ist bisher, zum Schaden der modernen Gottesdienste, viel zu einseitig aus dgs Solistisch-Kantorale spezialisiert gewesen. Da lese ich z. B. neulich eine Notiz über kantorale Fortbildungskurse in Berlin; alles sehr schön und gut und vielseitig - aber mit einer selbstverständlichen Ignorierung des Chorgesanges, als könnte es gar nicht anders sein. Die hier gegebene Kritik mag manchem scharf erscheinen — zu scharf ist sie nicht. Geboren ist sie aus einer klaren, bis ins einzelne gehenden Anschauung dessen, was sein könnte, und einem Vergleich mit dem, was ist. Ich habe innerlich die Gottesdienste der Zukunft erlebt, wo sich die Scharen drängen, um sich — in des Wortes wahrstem Sinne — „ergreifen" zu lassen von den hehren Klängen, in denen unsere besten jüdischen Tonmeister seit langem das Lob des Ewigen gesungen; ich habe auch die Stätten geschaut, wo sich unsere musikbegabte Jugend Unterweisung holt in der Kunst, diese Klänge „ergreifende" Wirklichkeit werden zu lassen. Zukunftsmusik! Gewiß; aber gerade der Liberalismus hätte alle Ursache, diese Zukunftsmusik, die in ihrer Kraft an die Gottesmusik vergangener Zeiten in der alten Heimat unserer Väter erinnern müßte, Gegenwart werden zu lassen. Gerade der Liberalismus sollte alles daransetzen, um die vielen Gebildeten, die komplizierten, anspruchsvollen Naturen in seinen Reihen der Synagoge zurückzugewinnen. Mit den bisherigen Mitteln geht's nicht, darüber ist sich wohl jeder Einsichtige klar. Wir leben in ungewöhnlichen, schwierigen Zeiten. Solche Zeiten erfordern aber ungewöhnliche Maßnahmen! Das neuartige, einst durch den Liberalismus der Synagoge zugeführte Element des mehrstimmigen Chorgesanges, ohne das nun einmal für uns Moderne ein Gottesdienst nicht denkbar ist, das aber bei uns noch in den Anfängen steckt, gilt es endlich auszubauen zu der Macht, die ihm zu tiefst iunewohnt — eine schwere, aber dankbare Ausgabe, mit deren Lösung der Liberalismus unserer Tage zeigen könnte, ob er wirklich noch fähig ist, neues Leben aus Ruinen blühen zu lassen. Bolschewismus — Zionismus Emanzipation Von Edith Falk, Frankfurt a. M. Der Jude des Ostens, unser ferner Bruder — fern uns in seiner Kultur, fern uns in seiner Lebensgestaltung — er ist es, dem wir unsere Aufmerksamkeit, dem wir unsere Augen zuwenden müssen. Heute ist er der Gequälte, Stetsniedergchaltene, der zwischen Pogrom und Pogrom ein kümmerliches Leben darbt, — morgen schon kann.er der sein, dessen Orientierung zur Rechten oder zur Linken die Zukunft der gesamten Judenheit bestimmen wird. Der Jude des Ostens lebt das Leben des Proletariers, dumpf und schwer arbeitend für trockenes Brot; der Boden snner Seele wäre also gepflügt für die Saat der Lehre des Weltsozialismus, er stünde bereit zum Mitkampf in den Reihen der Proletarierfront, da doch nichts Wesentliches zu verlieren ist (wie wäre das Leben noch wesentlich, da es schon zu ungezählten Malen sinnlos zu Tausenden abgeschlachtet wurde?) — wenn nicht der Jude in seinem für chn typischen Konservativismus und in seiner Nichtanerkennung des Argumentes „Gewalt" eben doch nicht „Revolutionär" im eigentlichen Sinne sein kann, solange er innerlich und geistig im Judentum wurzelt. Generationen auf Generationen, so lebten sie bisher ihr dumpfes Arbeitsdasein, nicht achtend seiner Kärglichkeit, weil das Leben eben „nicht der Güter höchstes" für sie war. Erst das Lernen und Diskutieren der heiligen Bücher war gelebtes Leben. Doch die Generation, die heute heranwächst, die Jungen, die in kurzem alleinige Träger des Begriffes „Ostjudenheit" sein werden, die leben nicht mehr dumpf daher, die sind in die Wirbelstürme der Weltprobleme hineingeraten, und sie lassen sich mitreißen. Wie in ein träges, dickflüssiges, stehendes Gewässer ein Wirbelsturm, so ist in sie die neue, bis ins Mark erregte Zeit hineingefahren, und peitscht sie hoch, daß sie aufspritzen und überschlagen nach allen Seiten. Ueberschlagen: manche in den Bolschewismus hinein, d. h. Einsetzen der ganzen Person für den Weltkampf der Unterdrückten n tont prix, heißt Ablehnung der Religion als „Verdummungsmittel Mächtiger", heißt Aufgabe des Judentums. Das sind die Wenigen. Das Gros ist seinem Judentum treu. Nicht dem Judentum, wie es Vater und Mutter Vorleben, eng, bourgeois, schwungslos, ohne frischen Lebensodem, — sondern dem gedachten Judentum als Weltanschauung, als Programm. Was wäre da natürlicher, als daß das ausgepeitschte Wasser Werschlägt in den Zionismus hinein? Hier winkt die große Ausgabe, einen Staat zu schaffen, wie die Lehre ihn vorschreibt, ein Leben zu leben der scholleverwachsenen Natürlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit, ein Kulturzentrum zu werden der gesamten Judenheit, in staatlicher Hinsicht ein Beispiel allen Nationen der Welt. Mit geradezu hinreißend schönen Worten schildert Arnold Zweigs dies der Verwirklichung harrende Ziel, in genialer dichterischer Intuition sieht er mit seinem geistigen Auge das „Neue Kanaan" und breitet das Bild vor uns aus, daß uns Sehnsucht überfällt, hinzugehen und zu siedeln auf diesem Heimatboden, der unser wartet. Aber wartet er denn unser? Und hätten wir das Recht, heimzukehren wie nach getaner Arbeit, da die Arbeit noch nicht getan ist? War sie absichts- und sendungslos, unsere Zerstreuung unter die Völker? Ist das Judentum Ziel oder Weg der Weltschöpfnng? Nicht rechts und nicht links sieht der alte, betende, lernende Ostjude; aber während er seines Leibes und seines Aeußern nicht acht hat, züchtet er sich empor zu einer intensivierten Geistigkeit, einem gesteigerten Intellektualismus; er gebiert keine neuen Ideen, dieser bourgeoise, nur-lernende Ostjude, — aber die Kinder, die ihm heranwachsen, übernehmen als sein Erbe sein Denkvermögen, und sind, da sie die Ghetti Wilnas, Kownos, Bialystoks sprengm wollen, bereits im Begriff, dies Ar Erbe und sich selbst an die Welt zu verschenken. Sie wollen die Schönheit, sie wollen ihren Körper, sie wollen das Leben, — und sie wollen ihre jüdische „Aufgabe". Warum sieht Zweig als „Ausgabe" nur Palästina? Sind wir nicht in die Welt zerstreut, um hier — und Äen hier! — unser Teil zu tun? Wamm stellt Zweig nicht *) Arnold Zweig: „Herkunft und Zukunft", Phaidon Verlag, Wien, 1929. als die dritte Möglichkeit auf (neben dem Bolschewismus, der aus dem Judentum herausführt, und daher keine jüdische Lösung ist, und dem Zionismus, den der größte Teil der Weltjudenheit als „verfrühtes Ausruhen" ablehnt) die Emanzipation an die westliche Kultur und Demokratie, das Einreihen in die große, umspannende, begeisternde Arbeit für den Weltfrieden? Die sozial gerechte, ethisch fundierte Staatszusammensetzung, wie sie einem Gustav Landauer, einem Walther Rathenau vorschwebte, — ist sie denn nur in Palästina zu verwirklichen? Zweig sagt: „Der kolonisierende, palästinensische Sozialismus ist wirklich eine reinere Darstellung der Idee als jeder, der erst gewalttätig zerstören muß, um aufbauen zu können." Gewalttätig zerstören? Und die Araberfrage? — Viele Schritte sind schon getan worden, in der gesamten außerbolschewistischen Welt, das demokratische Prinzip des Sozialismus zu verwirklichen. Und wir, die wir — basierend auf unserem Judentum, doch uneingeschränkt eingereiht in die Kämpferreihen Aller für Gerechtigkeit und Frieden! — der nächsten Schritte harren, wir wollen nicht verzichten auf die Intelligenz und die geistige Spannkraft, die das Reservoir des jWischen Ostens bereit hält, - wir wünschen eine Emanzipation des Ostens, um der Welt mit dieser Intelligenz, die sich ausströmen will, eine grenzenlose geistige Bereicherung für ihre Arbeit um den Frieden (die ja im Tiefsten der jüdischen Aufgabe entspricht) zu verschaffen. Man meint zwar nicht prinzipiell, wie beim Eintritt in den Bolschewismus, aber langsam und unmerklich werde die Emanzipation die jüdische Orientierung verwischen? Zweig selbst gibt eine Antwort: „Ter Haß der Völker ist eine Form politischer, bewahrender Vorsehung"; zwar, dies Argument wäre eine schwache Rechtfertigung. Aber es ist doch nicht gut einzusehen, warum man eine Farbe, unter der man kämpft, verlieren sollte, nur weil andere neben einem — zwar unter anderen Farben - um das gleiche Ziel kämpfen. Ta gibt eine andere Stelle des Buches doch mehr zu denken, weil sie dies ständig angeführte Argument gegen die Emanzipation eigentlich ad absurdum führt. Zweig spricht von der mimikrihaften Anpassungsfähigkeit des Menschen: „Was macht Juden aussehen in Deutschland ungefähr wie Deutsche, in Rußland wie Slawen, in China wie Chinesen — wo doch feststeht, daß z. B. diese altchinesischen Juden

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