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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-11-06 · 45 (6.11.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
45 (6.11.1929)
Date
1929-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ohne uns mit den Einzelheiten der in den Artikeln enthaltenen und oft sehr zugespitzten Kritik zu identifizieren, halten mir doch eine Veröffentlichung als Diskussionsanregung sür gerechtfertigt. Die Red. „Christ lag in Todesbanden!" Erschrick nicht, lieber Leser. Hier sollen keinerlei Bekchrungsversuche gemacht werden — im Gegenteil. Schon die Anführungszeichen dürften dir sagen, daß nicht „mein Mund es ist, der zu euch redet". Hier spricht der große Johann Sebastian Bach, der eine ergreifende Kantate obigen Namens geschrieben hat. Dieser Kantate widerfuhr unter anderm das Geschick, daß sie bei der Trauerseier sür den vor etwa einem halben Jahre dahingegangenen großen Chorleiter Siegfried Ochs ausgeführt wurde. Was? Du bist erstaunt? Du weißt, daß dieser Siegfried Ochs ein jüdischer Musiker gewesen. Aber hier stock' ich schon. Ein jüdischer Musiker? Ja, so wie Friedrich Nietzsche vielleicht ein christlicher (!!) Philosoph oder Chamisso ein französischer Dichter war... Der Kenner der Verhältnisse hatte bei der Bahre Siegfried Ochs' in der Tat doppelten Anlaß zur Trauer. Den einm brauche ich nicht zu nennen. Aber der andere Anlaß war, daß neben der Musikwelt nicht auch das Judentum Anlaß zur Trauer hatte. Denn dieser lebensprühende Erneuerer des gemischten Chorgesanges, der Wiederbeleber der gewaltigen Kunst Bachs, der größten Musik des Protestantismus, war dem Judentum als aktiver Posten schon in seiner Jugend verloren gegangen. Können wir uns den Luxus derartiger Verluste gestatten? Ta wird gejammert über die leeren Synagogen, über das ständig zurückgehende synagogale und religiöse Interesse besonders bei unserer Jugend, über Mischehen, Austritte usw. Es bleibt aber nicht nur beim Jammern. O nein, man — klagt auch an: die Heranwachsende Generation, den Zeitgeist u. dgl. Was ist das aber für ein merkwürdiges Abstraktum, dieser Zeitgeist? „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist." Es ist zu merkwürdig: bei „den andern" sind, ganz besonders nach verlorenen Schlachten, immer gleich ein paar Dutzend ehrlicher Köpfe am Weick, die sehr bald dahinter kommen, daß „der Herren eigner Geist" einen erheblichen Teil der Schuld an der Niederlage trug. Mit welch rührendem Eifer hat man sich nicht in Deutschland und in Oesterreich nach dem verlorenen Kriege an die Arbeit gemacht, um dem Heranwachsenden Geschlecht eine' den Zeitersordernissen gemäßere Schulerziehung zu garantieren! Ja, wären wir eine politische Gemeinschaft, dann würden uus schon die äußeren Verhältnisse zwingen, unsere Institutionen in lebenskräftigem Zustande zu erhalten. Mer wir sind im großen genommen „nur" eine Religionsgemeinschaft — und wenn es da drunter und drüber geht, unterbindet das nicht so unmittelbar unsere Lebensmöglichkeiten. Glaubt man. Und jammert weiter. Und klagt weiter an. Aber nie sich selbst. Niemals diejenigen, die die Verantwortung tragen dafür, ob unsere jüdisch-religiösen Lebensformen wirkliches Leben haben und geben. Das ist die schwerste Wunde, die der sog. Antisemitismus uns geschlagen hat. Wer ständig in Verteidigungsstellung ist oder zu sein glaubt, landet schließlich beim Größenwahn. Stets hat er die weiße Unschuld bei sich darzutun und die schwarzen Flecken des Angreifers aufzuzeigen. Wo der andere schreit: Ihr seid Teufel, muß er schreien: Nein, wir sind Engel. Und er schreit es so lange, bis er selbst daran glaubt. Wie man's in der „großen Zeit" bei den kriegführenden Völkern erlcken konnte, so ist es mit uns geworden: wir haben durch die ständigen Angriffe von außen die Kraft zur Selbstkritik verloren. Kommt hinzu die krankhafte Vertuschelungssucht, um nur ja „dm andern" nicht zu zeigen, daß auch im Staate Juda einiges faul ist. (Man muß den bestm unter dm Zionisten zugute Hallen, daß sie mit dieser verhängnisvollen Politik aufzuräumen versuchen.) Da hat man nun also wirklich entbedt — es gehörte offenbar das Entdeckergenie eines Columbus dazu —, daß die Erfolge unseres Religionsunterrichts minimal sind (Jakob Wassermanns Aeußerungen über dm jüdischm Religionsunterricht in „Mein Weg als Deutscher und Jude" stehen nicht einzig in ihrer Art da), daß das Interesse der jüdischm Jugend für diesen Unterrichtszweig sehr schwach ist, daß es mit dem Interesse derselben Jugend für unsere Gottesdienste sehr schlecht bestellt ist, daß auch die Erwachsenen sich der Synagoge immer mchr entfremden, daß Austritte und Mischehen zunehmm — lauter Niederlagen! Und was gel, Stockholm. schieht über Jammern und Anklagm hinaus? Es ist wirklich schon etwas darüber hinaus geschehen: Austritte, Mischehm u. dgl. sollm mit Flugblättern und ähnlichen naivm Eisenbartkuren bekämpft werden. Bis zu dm Stätten, wo sich „der Herren eigner Geist" am unmittelbarsten offenbart, dm Religionsschulen und dm Synagogen, scheint man noch nicht gekommen zu sein. (Dort ist natürlich alles gut so wie es ist.) Erstere bilden ein interessantes Kapitel für sich, wert einer besonderen, eingehenden Behandlung, Reden wir für diesmal nur von den Synagogen, und zwar noch weiter einschränkend von den liberalen, die uns ja hier zunächst angeh en. Damit sind wir auch schon auf besagten Ochs zurückgekommen. Hat sich schon einmal jemand von denen, die sich so gern die Führer des liberalen Judentums nennen lassen, ernstlich Kopfschmerzen darüber gemacht, warum unsere Gottesdienste, in denen doch das gesanglich-musikalische Element vorherrscht, so gar keine Anziehungskraft auf begabte jüdische Musiker ausüben? Da haben wir also Siegfried Ochs, da haben wir (Vota bene: gehabt!) einen Blech, einm Klemperer, einen Bruno Walter, einm Rosenstock — auch hatten wir einmal einen Hermann Levi. Und wir haben noch sehr, sehr viele andere.... Aber w ir haben niemals auch nur einm von ihnen gehabt. Lassen wir nun mal alle gefühlsmäßigen Erwägungm beiseite und haltm uns an die nackten Tatsachen, dann ist es doch eben so: gegenüber unseren ganz großen musikalischen Begabungen ist die Synagoge nicht konkurrenzkräftig im Vergleich mit Oper und Konzert saal, die Synagogenmusik, wie sie in unseren Synagogen in die Erscheinung tritt, nicht konkurrenzkräftig im Vergleich milder christlichen Kirchenmusik. Es hat keinm Sinn, sich hier an Ausdrücken wie „konkurrenzkräftig" zu stoßen; wollen wir weiterkommen, so müssen wir die Dinge beim rechten Namen nennen. Führen wir also ruhig das Bild aus dem kaufmännisch m Se&en weiter: der Kaufmann, der sicht, daß die besten Kunden, ja, auch diejmigen unter ihnen, die vielleicht einmal an hervorragender Stelle in seinem eigenen Betriebe großen Nutzen stiftm könntm, zur Konkurrenz laufen, wird sich nicht aufs Schimpfm verlegen, sondern sich bemühen, in all dem, was er selber zu bieten hat, die Konkurrenten an Qualität zu überbieten. Welche Qualitäten treten nun einem musikalisch begabten jüdischen jungen Mann, der etwa in Berlin auswächst, auf seinem eigensten Gebiet von jüdischer Seite mtgegm? Er besucht seine Orgelsynagoge an Feiertagen, an Freitagabenden, auch wohl einmal am Sabbat. Was wird ihm an künstlerisch-religiöser Erbauung geboten? Wenn er Glück hat, der Vortrag eines ausgezeichneten Kantors, des Vertreters jahrhundertealter Tradition in der Synagoge. Nun hat sich zu diesem traditionellen „musikalischen" Element seit etwa hundert Jahren ein neueres gesellt: der mehrstimmige Chorgesang. Was ist da, wenn wir uns nun an Berlin halten, in dieser Zeit geschehen? Von 1840—94 war Lewandowski beherrschender Leiter des Chorgesanges der Berliner Synagogen. Kein Vernünfttger wird etwas dagegen einzuwenden haben, daß Lewandowski, mit seiner starken künstlerisch-religiösen Begabung, dem Chorgesange in den seiner Leitung unterstellten Synagogen den Stempel seiner Persönlichkeit aufdrückte. Aber er faßte dieses natürliche Recht in einer Weise auf, die für die Gestaltung der Gottesdienste und ihre Wirkungsmöglich leiten nicht nur in Berlin, sondern fast überall im Reiche verhängnisvoll wurde. Als Religionsdiener glaubte er ganz besonders Gott nacheisern zu müssen und machte dessen Herrscherdevise zu seiner eigenen: „Ani hu w'lau ach er" Ich bin es und kein anderer! Daß Lewandowski die Berliner Kantoren zu seinen Untertanen machte, kann man ihm nicht übelnehmen. Denn bei dem musikalischen Niveau der meisten damaligen Kantoren konnte man ihnen kein Bestimmungs- oder Herrscherrecht in musikalischen Dingen einräumen — zumal man jemand hatte, der das immerhin besser verstand. Aber daß Lewandowski seine Herrscherstellung ausnutzte, um seinen Kompositionen eine Monopolstellung an den Berliner Synagogen zu sichern, kann im Interesse der Sache nicht genug bedauert werden. Mer nun sind ja 35 Jahre seit Lewandowskis Tode verflossen — was hat sich in Bezug auf den Chorgesang inzwischen gebessert? Im großen genommen: nichts. Im Gegenteil: Lewandowski wußte immerhin seine eigenen Kompositionen in wirkungskräftiger Art vorzuführen. Das hörte nach seinem Tode auf — die gute Lewandowskische Tradition verschwand, aber die schlechte: die Beschränkung auf seine Chöre blieb. Wäre nicht die Fähigkeit zur Kritik an unfern eigenen Institutionen in so hohem Grade geschwunden, so könnte unmöglich eine solche Ungeheuerlichkeit fortdauern. Aber vielleicht weiß man gar nicht einmal, wo der Schuh drückt. Nun, dann sei's gesagt: die Lewandowskischen Chöre gehören, bis auf einige Ausnahmen, zum Schlechtesten, was wir auf tzem Gebiete haben. Ihre Tonsprache ist in einem nachmenoelssohnschen, schwächlich-romantischen Singsang befangen, der in der Regel nichts von d-er ungeheuren religiösen Tiefe der Texte achnen läßt, deren Ausdeutung sie dienen soll. (Hier ist nur von den vierstimmigen Chören die Rede.) Wenn Lewandowski selbst die wunderbar tief jüdisch-religiösen Chorwerke eines Sulzer, eines Deutsch, Weintraub, Naumburg usw. den Berliner Synagogen fern hielt, so kann man dafür immerhin Gründe finbert. Mer seine Nachfolger hatten die Möglichkeit größerer Objektivität. Ach ja, diese Nachfolger! Man erspare mir Namen, auch das Aufzählen der paar Ausnahmen! Im ganzen genommen fehlten diesen Herren, die gewöhnlich nur durch einen Zufall auf das Dirigentenpult einer Synagoge hingeschneit kamen, die wichtigsten Vorbedingungen zur „Leitung" synagogalen Chorgesanges. Wo hatten sie die Beherrschung des eigenen synagogalen Sttls, wo die Kenntnis der synagogalen Chorliteratur erworben? Wenn ich mich recht entsinne, stand auch einmal der gute Vittor Holländer an der Spitze eines Berliner Synagogenchors. Man stelle sich etwa. Paul Lincke als Leiter des Berliner Domchors vor! Dabei gehört die Kirchenmusik immerhin zu den Dingen, mit denen jeder studierende Musiker, auch wenn er spater einmal Operettenkapellmeister werden sollte, wenigstens bis zu einem gewissen Grade in Berührung kommt. Wer in welche Abgründe konnte man nicht schaudernd hinunterblicken, wenn einmal im Gespräch mit einem Berliner Synagogenchordirigenten die Rede auf Synagogenmusik kam. Man kann vielleicht mit Recht einwenden: was verlangte man denn von diesen Herren? Im Grunde nichts weiter, als daß sie Freitagabend für Freitagabend, Sonnabend für Sonnabend und Feiertag für Feiertag die gewohnten Gleise dahertrotteten, ihren Chor die seit Jahrzehnten „sitzenden" Gesänge heruntersingen ließen. Selbst wenn nun die Lewandowskischen Chöre von weit besserer Qualität wären, als sie tatsächlich sind, wäre eine solche Stagnation immer noch ein unbegreiflicher Zustand. Was würden etwa die Besucher des Berliner Domchors sagen, wenn man ihnen Sonntag für Sonntag und Feiertag für Feiertag jahrzehntelang dieselben Chorgesänge vorsetzen würde, und zwar sämtlich "komponiert von Albert Becker, dem früheren Leiter des Domchors? Nun, unsere liberalen Juden haben auch ihre Antwort auf die Versteinerung im Gottesdienst gegeben: sie kommen nicht. Es ist kein Zufall, wenn man, wie ich vor kurzem, einen Sonnabend nach dem andern die verschiedenen Berliner Synagogen besucht und die gähnende Leere gerade in den Orgelsynagogen feststellen muß, kein Zufall, wenn in der Neuen Synagoge an einem Freitagabend auf jeden Besucher ungefähr 25 Bänke kommen, während sich beispielsweise in der Hedwigskirche zwei Tage später die Besucher in den Gängm drängen. Ich muß aber sagen: solche religiöse Erbauung, wie sie an jenem Sonntag eine wunderbare alte Messe, vorgetragen von einem glänzend geleiteten und den feinsten Nuancen der Komposition nachgehenden Chor, den Kirchenbesuchern bot — so etwas bringen wir bei unserm Schlendrian nicht fertig. In diesen Blättern stand vor kurzem zu lesen: „Worüber wir aber immerhin trauern sollten, das ist eine Erscheinung, die wir, grundsätzlich betrachtet, überhaupt als die Tragik des neuzeitlichen Judentums ansprechen müssen: es konnte Ueberlebtes streichen, es konnte Vorhandenes ändern, aber es konnte kaum Neues schaffen." Das konservative Judentum braucht sich um dergleichen Fragen weit weniger den Kopf zu zerbrechen als das liberale, dessen Leiter seinen Anhängern gegenüber ganz andere Verpflichtungen haben. Vom Standpunkt des liberalen Judentums aus konserviert das konservative Judentum Formen, auch wenn diese inhaltleer geworden sind, während sich das liberale Judentum von derartigen Formen frei (= liber) macht. Wie stcht's denn aber heute damit im liberalen Judentum? Da hat man im Gottesdienst „Ueberlebtes gestrichen" und „Vorhandenes geändert', mit den Texten sind auch die vielen überlangen Rezitativ« des Kantors, die im konservativen Gottesdienst eine Haupterbauunasquelle bilden, gefallen. Während nun infolge des improvisatorisch -freien Charakters dieser Rezitative in beinahe jedem konservativen Gottesdienst „Neues geschaffen" wird, stehen die Leiter der liberalen Gottesdienste dem entstandenen Vakuum völlig hilflos gegenüber. Man hat den mehrstimmigen Chorgesang in die liberalen Synagogen hineingebracht, ohne zu bedenken, daß ihm hier gany andere Aufgaben zufallen müssen als in den konservativen Synagogen. Wie hat man je glauben können, daß dieses ewige Herunterleiern derselben Chöre schließlich noch irgend welche Kraft auf die Besucher ausüben könne? Ein Gottesdienst, in dem nicht wesentliche Teile jedesmal neu geschaffen, aus der Stimmung der Stunde heraus geboren werden, wird schließlich zum „Betrieb", an Stelle der andächtig ausgeführten Gebetgesänge treten Pflicht- und

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