Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 44 (30.10.1929)
- Date
- 1929-10-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9. Jahrgang Nummer 44 AH »» « * * M . « . . Betlinet_ Tie öffentlichen Auseinandersetzungen über den Aufruf der Jewish Agency und die „Erklärung deutscher Juden" fanden in der letzten Sitzung der Berliner Repräsentantenversammlung ein Nachspiel. Vvn liberaler Seite wurde hierbei, wie die nachstehend wiedergegebenen Reden erkennen lassen, gründlich mit der zionistischen Kampfesweise abgerechnet. Es kann nicht überraschen, daß die Führer der Jüdischen Bolkspartei in Berlin, Rechtsanwalt Tr. Klee und Professor Loewe sich auch bei dieser Gelegenheit glaubten, in persönlichen Angriffen ergehen zu dürfen. Taß Herr Tr. Klee den Redakteur dieser Zeitung fortgesetzt persönlich an den Stellen verunglimpft, wo diesem eine Erwiderung unmöglich ist, zeugt von einer merkwürdigen Art seiner Kampsmcthvdeu. Ta hier in der vorigen Woche ein sozialistischer Journalist, Alexander Szanto, eine Bilanz der reaktionären Politik der Berliner Zionisten gezogen hatte, kam cs zu beschamcndetl Ausfällen der volksparteilichen Führer gegen diesen als von einem Repräsentanten aus dem Artikel eine Stelle wiedergegeben wurde. Mehrere zionistische Repräsentanten überhäuften den am Pressetisch anwesenden Verfasser des Artikels mit beleidigenden Zurufen. Sie führten dazu, daß die am Prcfsetifch sitzenden Journalisten den Saal verließen. Wenn Herr Tr. Klee neben seinen zionistischen Parteigeschäfteit noch Zeit erübrigen würde, um sich um Angelegenheiten der Arbeiterbewegung zu kümmern, würde er viel leicht wissen, daß der „angebliche Sozialist" in der sozial demokratischen Presse aktiv tätig ist und u. a. im „Bund religiöser Sozialisten" mitarbeitet, der sich die Bekämpfung der Reaktion innerhalb der Religionsgemeinschaften zur Aufgabe gemacht hat. Wenn man dafür auch kein Verständnis bei solchen sozialdemokratischen Parteimitgliedern voraussetzen kann, deren Sozialismus erst seit den neuen Verhältnissen in Teutschland datiert, so dürste man doch von ihnen wenigstens ein Mindestmaß gesitteten Benehmens erwarten. Wie wir hören, hat der Vorsitzende der Repräsentanten Versammlung nach dem Verlassen des Saales durch die beteiligten Pressevertreter das Verhalten des Herrn Tr. Klee und seiner Freunde gerügt. Herr Tr. Klee hat ferner, wenn wir recht unterrichtet sind, seine zahlreichen persönlichen Beleidigungen noch in der gleichen Sitzung zurückgenommen. Wir glauben aber, daß es damit nicht genug sein kann. Ter Vorsitzende der Repräsentantenversammlung hat nuferes Erachtens die Pflicht, dafür zu sorgen, daß nicht fortgesetzt derartige Vorfälle möglich sind. Wenn Herr Tr. Klee glaubt, in der Berliner Repräsentantenversammlung den Platz für persönliche Beleidigungen zu finden, die er notfalls eine Stunde später wieder zurücknimmt, so wird dadurch eine Vechandlungsart gebilligt, die der Würde des Judentums widerspricht und die Arbeit der Repräsentantenversammlung zu widerlicher Parlamentsspielerei erniedrigt. Bericht. Für den Gemeindevvrstand vertritt der Vorsitzende K a r e s i i die Auffassung, daß der Grundsatz der Freiheit auf der Kanzel jeg liches Einschreiten verbiete. Rechtsanwalt K l e c bezeichnet die veröffentlichte ..Erklärung deutscher Juden" als unwahrhaftig, die die zionistische Seele, da sie nach seiner Uebcrzcngung denunziatorischen Eharaklcr hatte, aufs tiefste empören mußte. Der Erörterung des gesamten AgenetpProblems lag die folgende Anfrage der Liberalen Fraktion zugrunde: Am zweiten Tage des Neujahrsfestes hat .vh-it Tr. Freund von der Kanzel der Synagoge Lützvtvftraßc am Ende feiner Predigt heftige Angriffe gegen die Unterzeichner eines in den Tages»- zeitungen erschienenen Aufrufes erhoben, unter denen sich auch Mitglieder des Gemeindevorstandes und der Repräseiitamenvcrsamm lung befinden: das Gleiche ivird auch von anderen Predigten be richtet. Was gedenkt der Gemeindcvorstand zu tun. um zu verhindern, daß die Kanzel zu politischen und polemischen Predigten mißbraucht ivird. Tie Jnterpcttaüon ivird von dem Vorsitzenden der Liberalen Fraktion, Rechtsanwalt .Heinrich Stern, begründet. Er betont, in der Predigt feien Worte gebraucht worden, die Unterzeichner seien ..Friedensstörer, Störer der Einheit der Gemeinde" und sic hätten sich einer „verantivortungslosen Haltung" schuldig gemacht. (Sehr richtig bei den Zionisten.) Ob eS richtig ist oder itieht, das zu untersuchen ist eine Sache für sich. Tie hier zunächst zur Tebatte stehende Frage ist, ob die Kanzel der Ort ist. gegen einzelne Männer und Frauen, die sich nicht verteidigen tonnen, Vorwürfe der erwähnteit Art zu erheben. Selbstverständlich ist niemand hier im Saale, der dem Prediger ans der Kanzel nicht volle Gewissens, jreiheit zubilligt. Wir haben sämtlich eine Reihe von Rabbinern gewählt, von denen ivir vorher tvnßten, daß sic aus der Kanzel Ansichten vertreten, die mit den unsrigen nicht übereinstimmen. Es ist nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht des Rabbiners, seiner Weltanschauung entsprechend zu reden. Es haben sich denn auch mehrere Rabbiner mit dieser Angelegenheit beschäftigt, ivir haben Zustimmungen und Ablehnungen gehört — in diesem einen Falle aber ist die erlaubte Grenze überschritten worden, indem der Rabbiner einzelne Personen, die jeder aus der Gemeinde kennt, mit ehrenrührigen Vorwürfen bedacht hat, wobei noch hinznkommt, daß die Männer und Frauen, gegen die sich diese Vorwürfe richteten, ja nichl in der Lage waren, sich dagegen zu verteidigen. Tie Sache ist ernst, meine Tamcn und .Herren. Entweder sie wollen Zustände verallgemeinern, ivie sic sich neulich ereigneten, als in einer Synagoge von den Anwesenden Zwischenrufe ertönten, oder aber Sie müssen dafür sorgen, daß bei aller notivcndigcii Freiheit der Gesinnung des Rabbiners der notwendige Takt von ihm gewahrt wird. Gerade weil der Rabbiner das schöne Vorrecht hat, allein zu sprechen, muß er auch die Gewähr bieten, über den Tingen und über den Personen zu stehen, und muß seine Gemeinde als eine Einheit vor sich sehen. Namentlich dann, wenn man aus Grund seiner parteimäßigen Einstellung für Frieden und Einheit tu der Gemeinde eintritt, muß man alles vermeiden, was einen Teil der Gemeinde verstimmt und verletzt. Ich darf sagen, daß die Verstimmung weit über die Kreise meiner engeren Freunde hinausgegangen ist. Meine Fraktion wünscht keinen Gesinnungszivang und keine Gesinnungsschnüffelei; wir glauben aber, daß alle Mil glieder der Gemeinde den Schutz haben müssen, nicht von der Kanzel her an den Pranger gestellt zu werden, und zwar gerade an dem Tage, an dem sie besonders das Gefühl der Einigkeit haben, sollen und an dem der Rabbiner verpflichtet ist, dieses Gefühl zu erwecken und zu verstärken. Damit ist der formelle Teil der Interpellation erledigt und ich könnte meine Rede schließen, wenn ich nicht voraussehen würde, daß von der Gegenseite das Grundsätzliche des Falles aufgerollt werden wird. Ich glaube, man wird es auch mir nicht verübeln, wenn ich auf die Hintergründe eingehc. Es waren in meiner Fraktion zunächst Zweifel darüber, ob einer von den Herren die Jnterpellarion begründen sollte, die selbst zu den „Friedensstörern" gehörten. Ich habe persönlich darum gebeten, der Sprecher der Fraktion sein zu dürfen, um hier einmal vor der Oessenttichkeit die Tinge zu besprechen, und zu zeigen, wie wir unter nnS zu jüdischen Ereignissen Stellung nehmen können, »nenn ivir sie nicht nnbedigt parteimäßig auSzuschlachtcn uns verpflichtet fühlen. Was liegt also vor? Zwei Aufrufe sind erschienen, von denen der eine von der Jewish Agench und dem Keren Hajessod unterschrieben ist und eine Antwort auf diesen Ausruf. Dem ersten Aufruf waren Vorgänge hinter den Kulissen vorangegangen, die einmal in aller Tcntlichkeit beleuchtet werden müssen. Es ist nur das Endergebnis der Verhandinngen bekannt, die über die Beteiligung der Berliner Gemeinde an der Jewish Agency geführt worden sind. Plicht allen .Herren aber ist bekannt, daß der Ablehnung meiner Freunde Verhaudlnngen voraus gegangen find, die durch Zeitungsartikel hüben und drüben eingcleitet wurden, und die sich bedauerlicherweise zerschlagen haben. Wir haben seinerzeit nnaufgefordert von uns aus in dem offiziellen Organ unserer Partei Stellung zu der Frage genommen, ob sich das organisierte liberale Judentum an der Jewish Agency beteiligen könne oder nicht. Tie Meinungen waren geteilt. Ich persönlich habe als Vorsitzender der Organisation auSgcsührl, es gäbe keinen liberalen Inden, dem die Aufbau Arbeit in Palästina als solche nicht am .Herzen liege und wir seien gerne bereit, gemeinsam einen Weg zu finden, um dort Juden unter solchen Verhältnissen anznsiedeln, die am günstigsten für sie sind. Wir wüitschtcn nur, für unsere Mitarbeit fcstzulegen, daß unsere Beteiligung am Aufbau werk in Palästina zweifellos anders aufzufassen ist, ivie von denen, die auf dem Boden des Basler Programms stehen, und daß daraus für unsere Einstellung zur TiaSpora, zur Frage des Gatnth, keine Schlüße gezogen werden dürfen. Leider ist seinerzeit diese Erk l ä r u n o mit eine r mir ganz unbegreiflichen Schroffheit z n r ü ck g e w i e s e n iv o r d e n. Tamil ivar auch für diejenigen meiner Freunde, die bisher den ernsten Wunsch hatte», mirzuarbeilen, ganz klar geworden, daß unsere Mitarbeit nicht gewünscht werde ats eine neutrale Arbeit ans dem materiellen Gebiete deS AufbauS, sondern als eine g-esinnnngSmäßig gebundene. So lagen also die Tinge. Ich ivill nur vorübergehend die Ereignisse streifen, die sich in Zürich abgespielt haben, ivo auf dem Zionislentongreß der Referent von seinem Standpunkt aus mit Recht gesagt hat, das; der Kongreß das Statut für die I e >v i s h A g c li c y absolut annehmen könnte, da es k a u in v o in B a s l e r Programm zu unterscheiden wäre. Nun!am das große Unglück in Palästina. Sie wissen, daß wir alle innerlich bestrebt waren, die Einheitlichkeit aller Juden bei jeder Gelegenheit zu bezeugen. Man tonnte dazu eine großzügige gemeinsame Hilfsaktion für dle durch das llngtück Geschädigten wählen, und ich bin sicher, daß unter eurem derartigen Ausruf keine liberale Unterschrift ge fehlt hätte. Man hat beivußt diesen Weg nicht gewählt. Ich brauche nur zu zitieren, was der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung geschrieben hat, daß nämlich dieser Ansrus, ivie er erschienen ist, b e iv n ß t nicht als ei n e H i l f s a k t i o n in dem üblichen Sinne, sondern in d e in Sinne ,,H i l f e D it r ch A n f - bau" versaßt worden ist. In dem Augenblick, wo diese Eni fcheidnng getroffen wurde, ivar natürlich für diejenigen unter uns, die aus keineswegs leichten Erwägungen heraus diesem Ausbanwerk serngeblicbcn waren, nicht mehr die Möglichkeit gegeben, sich anzu schließcn. pinn war aber noch ein zweiter Weg möglich. Man «nute seinen Standpunkt in einem Aufruf in der Oeffciitlichkeit aussprechen. Wenn nun in dem Ausruf „Hilfe durch Ausbau" tatsächlich samt liche Sätze, die nach dem ersten Absatz stehe», unverändert ausgenommen wären, so wären höchstens faktische, nicht aber grundsätzliche Bedenken möglich gewesen. Anstatt dessen hat man aber beivußt einen Absatz vvrangestellt, der mit dem materiellen Inhalt des Aufbauwerkes nichts zu tun hat, und in dem es heißt: „Das große Werk der Einigung der Jud-enheit für den Palästina Airsbau ist in Zürich gelungen. In feierlicher Form haben sich neben den Vertretern der zionistischen Organisation die Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaften aller Länder verpflichtet, mit aller Kraft an der Errichtung der jüdischen »atio nalen Heimstätte in Palästina mitzuarbeilcn." Meine Damen und Herren! Es unterliegt keinem Zweifel, daß für den materiellen Effekt und für die Wirkung dieses Ausrufes der erste Absatz überflüssig und überhaupt nur dazu da war, um den Eindruck zu erwecken, daß hinter diesem Ausbanivcrk die gesamte jüdische Welt stehe. Tatsächlich ist das nnrichtig. Die Dinge liegen so, daß in Teutschland zumindest ein sehr erheblicher Teil der Jndenheit einen gegenteiligen Beschluß gefaßt hat. Das Gleiche liegt ja auch in England vor (Widerspruch bei den Zioniste»). Nachdem nun in einer bewußten und durch die Sache nicht gcrechlseriigtcn Weise in der Oessenttichkeit eine Behauptung ansgestellt worden ivar, die alle ans einem anderen Standpunkt Stehenden schon deshalb verletzen mußte, weit sie als eine unbeachtliche und verächtliche Minderheit hingestellt ivnrden — nachdem dieses durch einen Ausruf in den Tageszeitungen gescheheil ivar, haben eine Reihe von Männern und Frauen, die ans dem gegenteiligen Standpunkt stehen, in einer Form, die auch von Ihnen nicht angegriffen wird, die aber in der Sache sicher un angeil chm ist, in der Oessenllichkeit dagegen Stcl lung genommen. Tiefer Annonce» Wettstreit ist gewiß »ich! erfreulich. I ch st e l l e a b e r a n s drücktich und vor der jüdischen O e s f c u t l i ch k e i t f e st, d a ß d e r z iv e i t e A u f - r ii r h ervorgernf c n und v c r a u l a ß l iv o r d e u i st einzig und allein d n r ch d e n e r st e r e n , den Sie s e l b st i n breite st e r A u f m a ch u n g v e r ö s s e n t l i ch t haben. Tie u i! g e h e u r e A u s r e g n n g , in die S i e n a ch d e in z w e i - t e n A u s r u s g e r a t e n sind, zeugt eigentlich n i d) l ooii d e r Stärke Ihrer Positiv». Jetzt soll m i : e i n e n» M nie d e r A u s r ns ei n e T e n n n z i a l > o n s ein. Dass e ii i g e also, iv a s iv a h r ist, d a r i nt a u in d e r O c f f e n t! i ch k c i t n i ch t sagen; w a s a b e r nicht w a h r ist, d a s dar f m a n a u s s p r e ch e n , n n d w e it u s i ch di e Leute dagegen >v ehren, dann i st e s e ine T e n » n ziaiivn! T i e Wahrheit i st n i ch l ertaubt, die Hu >v a h r h e i l i st erlaubt! Was ist darauf »veiler geschehen? In der zionistischen Presse und in den Bersamniinngen hat ein Sturm gegen die Unterzeichner der Erklärung eingesetzt. Von ^Männern, die seit Jahren anerkannte Führer und Lehrer der jüdischeil Gcmeinschast sind, hat die Jüdische Rundschau gesagt, cs seien „Menschen, denen geistige Trägheit und Ghettofurchtsamkeit Richtschnur ihres Handelns fei". Tie Erklärung wurde „unjüdisch, instinktlos und in höchstem Maße reaktionär" genannt. Zum Schluß hieß es, daß jene Leute nur noch dem Namen nach Inden seien, die nicht mehr wüßten, was wirkliches Judemnni ist, und die eine schändliche Missetat vollführt hätten. Herr Tr. Klee persönlich hat es für richtig befunden, besonders die Mitglieder der Reformgemeinde als eine „völlig unjüdische Sekte" hiiizustellen, die aus Leuten mit getauften Kindern bestehe. Ich stelle fest, daß eine derartige Erregung immer ein Zeichen dafür ist, daß ein wunder Punkt getroffen wurde. Ich m ö ch t e als « i n Mann, der weltanschaulich i u vielen Punkten bet SHeformq cmeind c s e r n st c h t, hier mit aller Entschiedenheit gegen die dauernde Herabsetzung und Vcr u n q l i m p f ll n g der B c r l i n e r R c s o r m g e m e i n d c in der O e s s c n t l i ch k e i t eutfcfjiebcu Verwahr» n a c i n l e g c n. 2. Beilage 30. Oktober 1929 Ich tue das im Namen der Lebenden und der Toten. Tenken Sie au Georg Minden, an Prof. Türk, an den Vorsitzenden des Eentral- Vereins, Justizrat Brodnitz, Mitglieder dieser „völlig uiijüdischen Sekte", der Reformgemeindc. Und sind Louis Marshall, Lee K. Frankel auch Angehörige einer „völlig uiijüdischen Sekte"? Wollen Sie das auch von Ihrem zionistischen Freund Stephan Wisc sagen? Wenn ich die richtige Antivort aus Ihre Anwürsc provozieren tvollte, so brauchte ich bloß die betreffenden Nummern der Indischen Rundschau an meine und Ihre Freunde in Amerika senden, die sich noch heule mit Stolz als ails dem Reformjudentum erwachsen bezeichnen. Ich kau» nicht anerkennen, daß die Wertung in jüdischen Tingen einzig und allein davon bestimmt sein soll, welche Stellung Männer und Frauen zu dem Palästina-Problem cinnehincn. Ich protestiere namens deS großen Teiles der deutschen Inden, der sich mit dem .Inhalt der Erklärung identifiziert, dagegen, daß hier etwas verboten sein soll, dessen Anwendung Sic für sich beanspruchen. Wir haben ein volles Jahr unter Zurückstellung unserer Differenzen absolut friedlich und verständig miteinander gearbeitet. Was dem einen recht ist, muß dem andern billig feilt. Deshalb, weil Ihnen diese Erklärung nnangmchm ist, und weil sich viel mehr Namen darunter befinden, als Tie geglaubt haben, darf nicht — um mlit ihren Worten zu sprechen — „in einer jüdisch imb menschlich unqualifizicrbaren Weise" dagegen Front gemacht werden. W i r w o l l e n einmal gründlich damit a n j r ä um t u , daß das Privileg f ü r a l l e S, >v a S jüdisch richtig ist, von Ihnen beansprucht wird, ll n d daß alle Leute anderer Ansicht als Leute min deren Judentums und minder e n R echte s h i n g e st e l l t w e r d e n. Tun Sie nun also nicht dasselbe, was Sie uns jahrelang vorgeworsen haben und mißkrcditiercn Sie nicht unser Judentum, nur, weil es ein anderes Judentum ist als das, ivaS in Ihre Partcischablone hincinpaßt. J!m antwortet von der liberalen Fraktion Tirektor Hugo O st - berg. Er verwahrt sich eingangs gegen die Ausführungen des Herrn Klee, die sich, mit den immer wiederkehrenden Ailwürfcn zionistischer Kreise decken. Er berichtigt die zionistischen Berichte über die Bersammllung im Kaiserhof zu Berlin und verwahrt sich und seine Freunde gegen die Bezeichnung „nnjüdisch". Angesichts der ungeheuren Erregung und der Erörterungen, die die Erklärungen der Jewish Agency für Palästina und deS Keren .Hajessod und die dadurch bedingte Gegenerklärung der deutschen Jndenheit auSgelöst haben, erscheine es notwendig, iich die Entwicklung der Tinge einmal historisch klarzumachen. Tritt man unbefangen und objektiv an daS Problem heran, so ergibt sich die merkwürdige Tatsache: auf der einen Seite Scheitern der zionistischen Idee bei dem Versuch ihrer Umsetzung in die Praxis, auf der anderen Seite ständige Vergrößerung der Gefolgschaft des Zionismus. Wie find diese Widersprüche auszitklären? Tie Balfour-Deklaralion ivar eine politische Kriegsmaßnahme im Interesse der Engländer. Sie erfolgte aus denselben Gründen wie in Teutschland der Ludendorfssche Ausruf „An meine lieben Jidcn in Paulen", Nach beendigtem Krieg besinnt man siä) aus die Notwendigkeit der wichtigen Freundschaft mit den Arabern und beim ersten akuten Anlaß wird in der öffentlichen englischen Meinung kühl sestgesteilt, es müsse Sache der Juden sein, v h n e englische Hilfe auf die Verwirklichung ihrer Ziele hinzuarbeiten. Jede englische Regierung, ob sie nun in den Händen der Labour party, der Liberalen oder der Konservativen liegt, ivird natürlich das Gesicht wahren und platonische Liebeserklärungen abgeben. So ist es auch beim Empfang der Delegierten der Agency unter Führung von Felix Warburg durch MacTonald geschehen. Selbstverständlich erkennt er an, daß die jüdische Einwanderung in Palästina eine unbedingte Notwendigkeit für die Errichtung eines jüdischen nationalen Heims gemäß den im Mandat nicdergelcgten Bedinguilgeil ist, aber, so führt er fort, die Einwanderung müsse von der wirtschaftlichen Kapazität des Landes, seiner Fähigkeit, neue Einlvanderer aufzunehmen, abhängcn. Er, der Premierminister, kenne die bestcheilden Schwierigkeiten, will zunächst die Resultate der Untcrsuchungskom Mission abivarten und betont erneut die Wichtigkeit einer Zusammenarbeit und Verständigung zwischen den jüdischen und arabischen Bcvölkerungsteilen Palästinas. Erkennt England an, daß ohne Verständigung mit den Arabern und ohne B e r ü ck s i ch l i g u n g der wirtschaftlichen Kapazität des Landes keine neuen E i n w a n d e r er a u f g c n o m in e u iv erbe n können, f o i st damit das Schicksal der politischen Unterstützung des Zionismus durch die Engländer besiegelt. Bleibt die Frage der Möglichkeit ber direkten friedlichen Verständigung zwischen Juden und Arabern. Ist es mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar, anzunchmen, die Araber ivürden die Verkündigung des Prinzips: „Ote toi que je m'y melle" mit »der höflichen Verneigung de. Ptatzanbietenden beantworten, sich aus einem Lande znrückznziehen, in dem sic die Majorität der Bevölkerung besitzen und das ihnen auch aus religiösen Gründen teuer ist. Das sittliche Recht ist durchaus auf ihrer Seite. Glauben die Zionisten, sich auf das historische Recht jetzt im 20. Jahrhundert ihren nationalen Staat in Palästina zu errichten, berufen zu müssen, so ist, wie ihnen Kautsky sagt, dieses historische Recht iiockt brüchiger als jedes andere historische Recht. Ansprüche köniien daraus nicht hergetcitet werden und Kanisky erklärt diese Ansprüche als eine zwar durch die traurige Lage des Judentums begreifliche aber völlig aussichtslose romantisch reaktionäre Utopie. Was von den zionistischen Zielen bann noch übrig bleibt, ist der bereits vor dem Zionismus bekannte charitaiive Charakter der Fürsorge für bedrückte Gtaubensgenossen, denen man für weniger Geld, aiS die Einwanderung in Palästina kostet, an anderer Stätte ein sicheres Unterkommen gewährleisten kann. Trotzdem ivird natürlich Palästina im Komplex des Problems eines jüdischen Gcsamtkolonisationsiverkes als Heimstätte für nolleidciidc Inden uns immer bedeutungsvoll erscheinen, nicht aber als nationales Zentrum der Inden. Ter Nichizionist hält es für ein Verbrechen, Mciischen in ein Land zu bringen, in dein sie au Leben und Gut bedroht sind, und macht diejenigen moralisch verantwortlich, ivelche andere veranlassen wollen, aus Grund der zionistischen Propaganda schlechte Verhältnisse gegen ebenso schlechte einzntauschen. Ter Nichtzionist halt die Verdrängung der Araber für niisitllich und der Nichizionist sicht auf alle Fälle in Teutschland sich in den Erruiigeiischaften der Emanzi pation bedroht, wenn er den Zionisten gcstailel, unbehindert ihre Ziele zu betreiben. Ter Nichizionist sieht es für sein gutes Recht an, den Zionismus zu bekämpfen, aber er steht mit Erstaunen vorder Tatsache, die ich bereits erivähnte, daß der Zionismus trotz des Scheiterns der in die Praxis übertragenen Idee an Macht zugc iiommen hat und eine große Gefolgschaft besitzt, die ihm Sym palhie oder eine wohlivoltende Neutralität entgegenbringt. Wie soll man das erklären? Znnächst haben die Zionisten es verstanden, einmal ihre eigenen Organisationeil glänzend auszubauen, weiterhin haben sic die Tatkraft großer indischer Organisationen dadurch gehindert, daß sie sie mit zionistischen Elementen durchsetzte» und damit zersetzten. Tic Zionisten gingen organisiert in die Gemeinschastcn hinein mit dem ausdrücklichen Bestreben, diese Gemeinschaften zu ihrem Werkzeug zu machen und sie nach ihren Wünschen zu lenken. Es fing an mit der neutralen Jngendbewcgung. Was sich in den Bnc Briß-Logen abgespielt hat, ivelche Versuche unternommen worden lind, sie in den Dienst der zionistischen Sache zu stellen, ist den Kenner» der Verhältnisse geläufig. In diesem Zusammenhang verdient natürlich auch der Brief Beachtung, den das zionistische Mitglied einer Bnc Bris; Loge an den Prüft- 57169784065492^4