Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 44 (30.10.1929)
- Date
- 1929-10-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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deuten feiner Loge gesandt hat und der mit Behagen al* Logenbries bi der zionistischen Rundschau abgedruckt wird. Angeblich sott natürlich der Briefschreiber verboten haben, daß sein Brief als Logenbrief veröffentlicht wird, und die Jüdische Rundschau drückt auch ihr Bedauern über die Tatsache aus, aber was hätte die Veröffentlichung denn für die Jüdische Rundschau für einen Zweck gehabt, wenn nicht gerade der Oeffentlichkeit gezeigt iverden sollte, so wird die Erklärung deutscher Juden innerhalb der Logen bewertet. Diese zielbewußte, irreführende Bearbeitung der Oeffentlichkeit ist eine der Hauptwassen des Zionismus. Im Kampfe um die Gewinnung und Brachlegung großer Organisationen spielt die Gewinnung von 15» Hauptvorstandsmitgliedern des C.-B. natürlich ebenfalls eine Rolle. Daß diese nichtzionistischen Mitglieder der Agency sich keineswegs den Zionisten zurcchnen, haben sie wieder und wieder erklärt, und ich bin der Letzte, der bezweifeln wollte, daß sie es mit ihrem guten Glauben nicht ernst meinen. Stehe ich auch aus entgegengesetztem Standpunkt wie diese Herren, so habe ich doch Achtung vor dem Mut, mit dem sie sich optimistisch der Hoffnung hingeben, sie könnten zwar im Rate der Agency wirken, aber trotzdem in Ablehnung der zionistischen Pro paganda die kolonisatorische Förderung des Palästinawerks durchsetze». Ich freue mich über die Einsicht eines liberalen Mannes wie Katzcnstein, der offen erklärt, für seine Entscheidung liege ein etwaiger TrennungSpunkt nicht bei der Terminologie der Jewish Agency, sondern bei der Frage, ob der Palästinaausbau im Sinne und mit den Methoden des Rationalismus oder gemäß den sittlichen Anschauungen unserer Zeit über das Selbstbestimmungsrecht aller, guch der kolonialen Völker, betrieben werde. Katzenstein sieht die Möglichkeit voraus, daß sich seine Wege von denen der Agency trennen können, wenn diese nicht versteht, das Araberproblem aus gerechte und friedliche Weise zu lösen und man sich dafür lieber auf die englischen Bajonette oder aus eine für alle Zukunft sehr problematische Selbstlvehr stützt. Tamil steht und füllt für ihn ndie ganze Zukunft des jüdischen Palästina. Der kühldenkende Nichtzionist sagt sich, man kann ein großer Gelehrter, ein tüchtiger Bankier sein, deswegen braucht man noch lange nichts von jüdischen Dingen zu verstehen. Die Prominenz dieser Persönlichkeiten sollte mit Achtung und Anerkennung aus denjenigen Arbeitsgebieten gewertet iverden, aus denen sie erfolgreich gearbeitet haben. Aber auch das Reklamemittel der Werbung von Prominenten ist nur ein Schachzug im Spiel um die Beeinflussung der öffentlichen Meinung, ivie sie von den Zionisten so erfolgreich geübt ist. Im Laufe der Jahre hat man immer wieder unter anderem Namen eine neue Organisation geschaffen oder mit schaffen Helsen mit der Zweckbestimmung, die jüdische Umwelt für sich zu gewinnen. DaS letzte Glied in der Kette dieser Schöpfungen nach dem Keren Hajessod, dem Keren Kajemeth und dem Pro Palästina Komitee ist die Jewish Agency. Mit ihr gelang es zum ersten Male eine größere Anzahl Nichtzionisten zu erfassen. Sie behielte» das Recht, ihren Namen weiterzuführen, im übrigen sollten sie für die Ziele des Zionismus arbeiten und insbesondere Geld für seine Zwecke sammeln. Die Zionisten haben sich bei dem Ausruf des Keren .Hajessod und der Agency mit Recht gesagt, wie groß muß erst die Wirkung auf die übrigen Nichtzionisteu sein, wenn es gelingt, Arm in Arm mit den neuen Brüdern ein neues Schauspiel auszusühren. Tie Kosten für das Theaterstück sollten ja gerade die neuen Sozien einbringen. Prunkvolle Kulissen und blendende Lichteffekte konnte man sich leisten. Ju Zürich ging die Erstausführung in Szene. Geschickte Bearbeitung der Presse hat wie immer für günstige Berichterstattung gesorgt. Man hat ein Zugstück geschaffen, mit dessen .Hilfe die öffentliche Meinung im zionistischen Sinne lveiter beeinflußt und irregeführt werden kann. Da plötzlich, noch sind die Kulissen frisch, noch versuchen die Mitspieler sich auseinander einzuspiele», kommen die Hiobsnachrichten aus Palästina. Die Glut, die längst unter der Asche schwelte, schlägt zum .Himmel empor, und vor den entsetzten Augen der Mitwell fallen die potcmkinschen Dörfer des zionistischen Aufbaus in Palästina in Trümmer zusammen. Schaudernd erlebt die sich nach Frieden sehnende Menschheit die Tragik entsetzlicher Kämpfe im heiligen Lande. Sofort tritt ein Umschwung der öffentlichen Meinung ein. Hat sich bisher die Presse von den Scheinerfolgen des Zionismus blenden lassen, so erheben jetzt mit einem Male angesehene Wortführer der öffentlichen Meinung ihre Stimme und legen die ganze Hohlheit des zionistischen .Kartengebäudes bloß, dem mit Unterstützung der Nichtzionisten durch die Agency ein neues Fundament gezimmert werden sollte. Die Jude» aller Richtungen bedauern die beklagenswerten Opfer der zionistischen Politik, die die Zeche mit ihrem Blut bezahlen müssen. Kommt der Zionismus angesichts dieser Tragik zur Selbstbesinnung? Stellt er Ueberlegungen an, ob er seine Einlvanderungs - Politik abändern muß, um wenigstens aus den Trümmern veruichteler Hoffnungen noch zu retten, was zu retten ist. Weit gefehlt! Wohl kommt es zu ernsten Konflikten innerhalb der Gesamtorganisation des Zionismus, aber man bemüht sich nach außen, die einheitliche Fassade zu wahren. Statt zur .Hilfe für die Opfer anfzurufen,. rufen Zionisten und Mitglieder der Agency zu erneuten Anstrengungen auf, um den Ausbau in Palästina zu fördern. Sie verlangen vergrößerte Einwanderung, und um neuerdings die öffentliche Meinung wiederum irrezuführen, hat inan die Kühnheit, die nichtzionistischen Mitglieder der Agency als Repräsentanten der gesamten nichtzioni stifchcn Judenheil zu bezeichnen. Halbseitige Ausrufe in den Tageszeitungen werden veröffentlicht, in denen für die Unterstützung des zionistischen Werkes geworben wird. Dieser Ausruf des Keren Hajessod und der M i t g l i c d c r brr I e w i s h A jene h iv n r eine Provokativ n und mußte als eine Provokation wirken. Das hat der Vorsitzende der zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld, indirekt bestätigt, indem er in seiner in der Jüdischen Rundschau vom 4. Oktober >929 veröffentlichten Antwort an Dr. Kollenscher schrieb, daß man in dem Aktionskomitee die Frage erwogen habe, ob man eine Hilfsaktion machen oder die Arbeit unter der Parole „Hilfe durch Aufbau" unbeirrt fortsetzen solle. Blumenfeld fügt hinzu: „Der Ausruf der I. A. wurde allgemein als ein starker Appell an das jüdische Volk empfunden." Man hatte also eingestandenermaßen die Absicht, unter Nichtachtung der Anschauungen der nichtzionistischen Kreise die Gelegenheit zur Vertiefung und Stärkung der nationaljüdischen Bestrebungen zu benutzen. Ich vertveise auf die Ausführungen, die dieserhalb Kammer gerichtsrat Wolfs in einem offenen Brief an Herrn Rabbiner Weiße gemacht hat, lvelcher in einer jüdischen Zeitung unlängst veröffentlicht wurde. Bezeichnenderweise sind einige sehr wichtige Ausführungen, die sich im Manuskript befanden, beim Abdruck des Briefes eigenmächtig fortgelassen. Sicherlich aus Raummangel! Kam mergerichtsrat Wolfs sagt mit Bezug aus den Aufruf der I. A.: „Wir hätten auch diese Provokation ruhig hingenommen, weil es uns schließlich gleich sein konnte, was in einem Ausruf gesagt wird, für den wir nicht verantwortlich find. Die Fassung des Aufrufs mußte aber den Anschein erlvecken, als ob alle deutschen Inden seinen Inhalt billigten. Es heißt darin, daß zu der Jewish Agency, von der der Aufruf ausgeht, „neben den Vertretern der zionistischen Organisationen die Repräsentanten oer jüdischen Gemeinschaften aller Länder" gehören. Das ist, soweit Deutschland in Frage kommt, unrichtig. Die deutschen nicht zionistischen Mitglieder der I. A. haben nicht das Recht, irgend einen anderen deutschen Juden außer sich selbst zu vertreten, denn keine deutsche jüdische Gemeinschaft hat in die I. A. einen Vertreter abgeordnet. Für den Vorstand der Gemeinde Frankfurt am Main ist dies kürzlich in der Sitzung der Gemeindevertretung bereits öffentlich erklärt worden. Es kommt Folgendes hinzu: Der Ausruf „Hilfe durch Aufbau" ist nicht nur von den deutschen Mitgliedern der I. A., sondern auch von dem „Jnitiativ-Comite für die Erlveiterung der Jewish Agency in Deutschland", dessen Mitglieder genannt werden, unterzeichnet worden. In einer kürzlich in Dresden gehaltenen Rede hat Herr Dir. Wassermann zwar erklärt, daß in diesem Initiativ- Komitee die Großgemeinden Berlin, Frankfurt, Hamburg und München vertreten seien. Er wird diese Behauptung aber nicht aufrecht erhalten können. Tie jüdischen Gemeinden sind lediglich eingeladen worden, Vertreter in das Jnitiativ-Komitee behufs Teilnahme an der von ihm veranstalteten Beratung über die Erweiterung der I. A. zu entsenden. Mit der Beendigung der Beratung, die wohl im Juni 1929 stattgesunden hat, war somit auch das Mandat der Gemeindevertreter beendigt, wie denn auch das „zur Erweiterung der Jewish Agency" eingesetzte Komitee mindestens seit der erfolgten Erweiterung zu bestehen aufgehört hat. Ten nachher erlassenen Ausruf „.Hilfe durch Aufbau" konnten die früheren Mitglieder des Komitees zwar unterschreiben, sie tonnten das aber nicht mehr als Vertreter irgend einer Gemeinschaft, sondern nur als Privatpersonen, tun. Tic Behauptung, daß irgend eine jüdische Gemeinschaft noch jetzt in dem Initiativ Komitee vertreten sei, beruht also aus einem bedauerlichen Irrtum. Es lag übrigens gar kein Anlaß vor, sie aufzustellen, denn über die Berechtigung der früheren Mitglieder des Initiativ Komitees zur Vertretung jüdischer Gemeinden ist in der „Erklärung dem scher Juden" kein Wort enthalten. Diese besaßt sich lediglich mit den nichtzionistischen Mitgliedern der Jewish Agency und bestreitet ihnen das Recht, sich als Vertreter der nichtzionistischen Juden Deutschlands zu bezeichnen. Der Inhalt der Erklärung deutscher Juden ist somit in allen Punkten richtig. Es ist richtig, daß der Ausruf „Hilfe durch Ausbau" Jrrtümer enthält und daß in ihm die tief betrüblichen Verkommnisse i» Palästina zur Agitation für das zionistische Parteiwerk ausgenutzt werden. Ties auszusprechen, war Rechl und Pflicht derjenigen deutschen Juden, die den jüdischen Nationalismus ablehnen und sich als Mitglieder des deutschen, nicht eines jüdischen Volkes fühlen. Wenn dadurch in der Oeffentlichkeit die Verschiedenheit der Anschauungen unter den Juden hervorgetreten ist, so trifft die Schuld hieran jene, lvelche die Erklärung provoziert haben, nicht ihre Unterzeichner. Diese haben sich zu der Veröffentlichung nur entschlossen, weil sich ihnen die Ueberzengung ausdrängte, daß die nationaljüdischen Auslassungen der sich als Vertreter der deutschen Jude» gebärdenden Zionisten und Nichtzionisten eine Antlvort und eine Richtigstellung erforderte, aus der sich ergibt, daß der bei weitem überwiegende Teil der deutschen Inden vom nationalen Judentum nichts wissen will." Wird eine Stimme in der Judenheit laut, die gegen die ungewohnten Inserate in Tageszeitungen polemisiert, in denen in der Phraseologie und der Terminologie der zionistischen Bewegung vom jüdischen Volk gesprochen wird? Nichts rührt sich außer dem nicht zu vermeidenden Protest einiger Organisationen gegen einige der zu stark übertriebenen Unrichtigkeiten des Aufrufs. Tamil ist die Sache erledigt, denken die Zionisten und ihre Mitläufer. Aber diesmal irren sie sich. Eine Anzahl Männer, die es satt sind, sich von den Zionisten terrorisieren zu lassen, die es nicht erlauben, daß man rechtswidrig in ihrem Namen spricht, halten es für ihre Pflicht, unbelastet von den Komproinißnotwenbigkeitcn, die die großen bestehenden Organisationen lähmen, die Oeffentlichkeit aufzuklären über die Irreführung, die sich die Zionisten und deren Trabanten unbestraft bisher erlauben durften. Diese Männer nehmen genau das gleiche Recht für sich in Anspruch, genau so wie die Zionisten, mit der Bekanntgabe ihrer den Zionisten entgegengesetzten Welranschauung ebenfalls an die Oeffentlichkeit zu appellieren. Daß man ihnen das übelnimmt, >vaS die Gegner sich erlauben, ist selbstverständlich, weniger, daß nunmehr Kübel von giftiger Druckerschwärze über sie ausgegossen iverden, daß man sie beschimpft und anprangert in der niedrigsten und widrigsten Weise. Es ist bezeichnend und muß her vorgehoben iverden, daß gegen die knappe sachliche Antwort der deutschen Juden und Jüdinnen nicht ein einziges sachliches Argument gesagt ivird. Uebereinstilnmcnd aus allen Teilen Deutschlands kommen die Mitteilungen über die Gleichartigkeit dieser Taktik. So schreibt mir Frau Paula Ollendorsf, Breslau, Folgendes: „Eine sonst sehr vernünftige bekannte Zionistin schreibt mir, sie hatte trotz entgegengesetzter politischer Anschauung geglaubt, ich könnte eine Zierde des Judentums sein, sie muß inrn konstatieren, daß ich eine Schande für das Judentum bin uslv. Eine sehr intelligente Philosophin, die vor kurzem ihr Examen mit summa cum laude gemacht hat, schreibt mir im Gegenteil, die Erklärung deutscher Inden habe sie davor bewahrt, die Absicht auszusühren, die sie nach der Erklärung der I. A. gefaßt hätte, aus dem Judentum anszutreten." Auch mir ist von einem angesehenen Professor erklärt worden, sowohl er als auch seine Freunde hätten bereits erwogen, angesichls der anscheinend widerspruchslos hingenommenen Herrschaft des Zionis mus aus der Gemeinde auszutreteii und nur unser Aufruf habe sie davor bewahrt. Der Erfolg unseres Ausrufes ist ein ganz ungeheuerlicher. Zuschriften über Zuschriften ans allen Teilen des Landes. Aus Süddeutschland, aus einem Ort, in dem die Zionisten noch in jüngster Zeit nnederholt Kundgebungen veranstalte! haben, geht uns eine Zuschrift mit 200 Namen ans Stadt und Land zu, in der man uns den Dank für unsere Aktion aussprichl und unseren Ausführungen zustimmt. Wir erhalten auch Vorwürfe, daß >vir ,licht noch mehr Stimmen gesammelt haben, um zu zeigen, das; an allen Orten unserer Auffassung beigetreten wird. In verschiedenen Orten bittet man um die Erlaubnis, unsere Erklärung abdrucken zu dürfen. So ist dies von Herren aus Gotha und Hannover geschehen. Und wir haben nichts von dem Katzenjammer gemerkt, der nach den Ausführungen Dr. Klee's unter den Unterzeichnern herrschen soll. Herr Dr. Klee sagt, er sei in unserer Lifte bis zum Buchstaben N gekommen und habe bis dahin schon einige Namen gesunden von Leuten, die ihre Kinder getauft haben. In seiner Liste stocken ivir bereits beim Namen B. Ich bin gern bereit, .Herrn Klee persönlich, wenn er nicht von selbst darauf kommen .sollte, den Namen dieses in Berlin angesehenen Herrn zu nennen. Wir sind so gerecht, daß wir die Verdienste dieses Mannes um das Judentum würdigen und ihn lvegcn seiner getauften Kinder nicht angrcifen. Vielleicht ist aber Herrn Klee auch nicht ganz unbekannt, daß die Tochter des führenden englischen Zionisten, Alfred Mond, jetzt Lord Melchett, jüngst in der Kirche getraut worden ist. Auch der Sohn von Herzt gehört dem Judentum nicht mehr an und jahrelang hat in Berlin auf der Gemeindekanzel ein Rabbiner amtiert, dessen Sohn getauft ist. Sind das Argumente? Ist es nicht anmaßend von einem Laien, eine Erklärung als unjüdisch anzusprechen, unter der Namen wie: Rabbiner Dr. Galliner, Rabbiner Tr. Vogelstein, Rabbiner Dr. Lazarus, Rabbiner Dr. Rieger, Jakob und Schönberger, stehen? ' Mit all' den Mätzchen über den Zeitpunkt unserer Veröffentlichung braucht man sich nicht zu befassen. Unsere Erklärung war die Abwehr eines Aufrufes der Agency. Sic war zeitlich also bedingt, umsomehr, als die Indische Rundschau wenige Tage vor dem Fest die Entschließung veröffentlichte und der provozierende I. A.-Ausruf zwischen den Feiertagen erschien und in der Jom-Kippur Nummer der Jüdischen Rundschau zu einer Versammlung eingeladen lvurde, die nur wenige Tage nach Jom-Kippur stattsand. Was von der Prominenz oder Nichtpromiuenz der Unterzeichner gesagt wird, steht aus der gleichen Stufe der Anmaßung. Ist Frau Ollendorsf keine prominente Jüdin oder sind Mitglieder des Borstandes der Jüdischen Gemeinde in Berlin, der Präsident des Preußischen Landesverbandes keine prominenten Juden? Wir wollen dem Urteil der Oeffentlichkeit getrost überlassen, ob unser Aufruf „instinktlos, unjüdisch und reaktionär" ist. Wir sind hier, um mit Ihnen in der Repräsentanz sachliche Arbeit zu leisten und weder die Oeffentlichkeit noch wir werden uns durch ihre Anwürfe beirren lassen. Was es mit ihren reaktionären Leistungen auf sich hat, das weist Herr Szanto in der letzten Nummer der Jüdisch-liberalen Zeitung nach, wo er folgenden Kontoauszug aus ihrer Bilanz veröffentlicht: „Sollte es wirklich so schwer sein, den durchaus nationalistischen und reaktionären Kern des Zionismus unter der Hülle der Phrasen zu erkennen? Gerade für die Berliner Juden eigentlich nicht. Tenn das reaktionäre Wesen des Zionismus, das in seinen großen Grundzügen enthalten ist, hat sich auch im Kleinen, in der Gemeindepolitik, geltend gemacht. Wer war es, der in den vergangenen Jahren in der Berliner Gemeindeverwaltung und in der Repräsentantenversammlung mit der Orthodoxie durch Dick und Dünn ging, wer verhinderte den Fortschritt, wer verlcugnetc alle demokratischen Grundsätze? Wer trat — entgegen allen sozialistischen Programmen, entgegen allen demokratischen Forde rungen — für die konfessionelle Schule ein? Wer zeigte sich intolerant auf religiösem Gebiete, wer wetterte gegen den Sonntags- Gottesdienst? Wer kämpfte für die Trennung der Geschlechter in der Synagoge und damit gegen die Gleichberechtigung der Frauen? Wer wollte den Friedhof am Sonnabend geschlossen halten und damit dem Arbeitnehmer die Möglichkeit zum Besuche der Gräber verkürzen? Taten das altes die „kleinbürgerlich reaktionären" Assi milanten? Nein — es waren die Zionisten, die sich hier um* in vielen anderen Fällen als Vertreter des Rückschrittes aufspielten, es waren die Zionisten,'die in ihrer Gemeindepolitit den reaktionären Grundzug ihres Wesens offen enthüllten, den sic in ihrer allgemeinen großen Politik leider noch allzuoft geschickt zu verhüllen imstande sind. Mögen noch einzelne urteilslose Kreise an das Märchen von der fortschrittlichen Gesinnung der Zionisten glauben — allmählich bricht sich die Erkenntnis von dem loahcen Wesen ihrer Ideologie Bahn. Schon haben namhafte Publizisten Deutschlands ihre >var nende Stimme gegen den Zionismus erhoben, schon wendet sich ein großer Teil der Weltösscntlichkeil gegen ihn. Gleichzeitig mehren sich die inneren Schwierigkeiten im nationalsüdischen Lager. Kein Zweifel — der zionistische Gedanke hat nach einer kurzen Blüte- Periode seine» Höhepunkt überschritten und beivegt sich bereits auf absteigender Linie. Der Zionismus, der ausgezogen ist mit dem Anspruch, die Probleme des Judentums zu lösen, hat in Wirklichkeit kein einziges Problem gelöst, er hat vielmehr neue aufgetürmt. Sache der jüdischen Nichtzionisten wird es sein, diese Probleme zu liquidieren, ohne daß bas Gesamtjudentum dabei Schaden erleidet. Abkehr von der Katastrophenpolitik — das ist die Parole aller wahren Demokraten im jüdischen Lager. Sie werden sich dabei von dem Geschrei der jüdischen Utopisten, der jüdischen Reaktionäre, der jüdischen Chauvinisten, mit einem Worte: der Zionisten, nicht beirren lassen." Während der Vorlesung aus dem Szantoschen Artikel wird der am Pressetisch als Stenograph des Berliner jüdischen Gemeindeblattcs amvesende Journalist Alexander Szanto von Angehörigen der volksparteilichcn Fraktion mehrfach beschimpf!. Die am P ress e t i s ch anwesenden Journalisten verlassen hierauf die Versammlung. Aus den nachfolgenden Reden geben mir noch die Ausführungen von Dr. Fleischer (liberal) wieder. Alexander Szanto, ein sozialistischer Journalist, har den Mut gehabt, mit seinem Namen einen antizionistischen Artikel zu zeichnen Er hat damit riskiert, das, was er hier verdient, aufs Spiel zu setzen. Diesem junge» Journalisten beim Verlassen des Saales zu sagen: „Also Sie verlassen Ihre Stellung", ist eine Handlungsweise, die ich nicht charakterisieren möchte. Dieser Journalist impo niert mir mehr als mancher alte und fette Mann, der auf seinem Geldsack sitzt. Er hat leider das Pech gehabt, daß seine Meinung nicht die Meinung derer ist, die hier regieren. Zu der Anfrage über Herrn Dr. Freund habe ich folgendes zu sagen: Bereits vor einem Jahr hat hier eine Debatte über diese Angelegenheit stattgesunden. Der Vorstand und die Versammlung waren sich darüber einig, daß die Geistlichen an unseren hohen Feiertagen ihr Amt so aussasse» sollen, daß sie die einigenden, versöhnenden, großen Ideen des Judentums auf der Kanzel zu verkünden und nicht die Kanzel als Hetzapostel für politische und demagogische Reden zu benutzen hätten. Damals war der Vorstand dieser Meinung, heme ist er anderer. Wir halten es nach wie vor für unzulässig, wenn ein Mann, der zeitweise auch Rabbiner sein kann, und der auch im politischen Kamps steht, davon spricht, daß ein Teil der Gemeindemitglieder einem anderen Teil in den Rucken gefalleir sei, daß ein Teil der Gemeindemirglieder sich einer feigen Kampsesweise bedient hätte. Wir sehen in diesen Ausführungen eine völlige Verkennung der Aufgaben des Rabbiners und legen gegen das Auftreten dieses Herrn entschiedene Verwahrung ein. Wenn Sic Wert darauf legen, daß mir auch weiterhin Pre digten anhören, so wollen wir keine zionistischen oder C.-V.-Predigten hören, sondern wir wollen die Gedanken hören, die uns als Juden einigen. Wir legen keinen Wert daraus, daß .Herr Dr. Freund weiterhin in liberalen Synagogen predigt. Herr Dr. Klee ist der Verteidiger und auch der Freund von Herrn Dr. Freund. Ich muß es also seiner Verteidigung überlassen, daß Herr Dr. Freund sich am Jom-Kippur einen Stenographen christlichen Glaubens auf den Chor der Synagoge gestellt hat, der seine Predigt stenographieren mußte. Ich bi» nicht in der nnawgenehmcn Lage, ihn deswegen verteidigen zu müssen. Die „Erklärung deutscher Inden". mit der wir nur einem Beispiel der Zionisten gefolgt sind, zeugt von unserem Willen zum Judentum. Wir wissen und haben Beweise dafür, daß wir mit dieser Resolution die Austritte aus der Gemeinde, die in noch größerem Maße erfolgt wären, verhindert haben. Der Redner verliest einen Brief des Literaturprofessors Hermann, der aus der Gemeinde ausgetreten ist, da die Zionisten in der Verwaltung der Berliner Gemeinde immer mehr ihre Macht mißbrauchten. Der Beschluß der Gemeinde, eine Vertretung in die Jewish Agency zu entsenden, haben ihn zu dem entscheidenden Schrill bewogen. Dieser Schritt sei ihm, wie er versichert, sehr schlver gefallen, und er habe um einen Weg gebeten, der es ihm möglich mache, die Steuergelder, die er bisher an die (Gemeinde bezahlt habe, anderen jüdischen Organisationen zukommen zu lassen. In gleichem Sinne habe auch die Frau von .Professor Hermann an den Gemeindevorstand geschrieben. Ich habe, so fährt Dr. Fleischer fort, Ihnen ein Beispiel dafür gegeben, daß große Kreise wertvoller Inden diese nationaljüdische Politik nicht mitmachen können, weil sie in die schtversten Gewissenskonflikte kommen. Und gerade diese Menschen hat die Erklärung, die wir veröffentlicht haben, uns erhalten. Wir glauben, daß das Unglück, das unsere Glaubensgenossen in Palästina betroffen hat, nicht aufhören wird, bevor der Gedanke des Nationalen aus den Siedlungen Palästinas -entfernt ist. Es handelt sich darum, daß die aus niedrigerer Stufe stehenden Araber unter national das verstehen, was man in der ganzen Welt darunter versteht und lvas ein Teil der Zionisten darunter versteht, die nicht zuletzt die Ereignisse in Palästina herbeigesührt haben. Es handelt sich da nicht bloß um arabische Exzesse, sondern um nationale, religiöse und ivirtschaftliche Ursachen, die diese blutigen Ereignisse herbeigeführt haben. Wenn die Kultur unserer Glaubensgenossen weit über der Kultur steht, die dort seit Jahrhunderten herrscht, so gibt uns das noch nicht das Recht, den Arabern, die dort seit 1300 Jahren wohnen, unsere Kultur auszuzivingen. Sie wollen ihre Kultur haben. Sie wollen so leben, wie sie bisher gelebt haben, und nach meiner Auffassung muß ich den Arabern recht geben. Und ivenn ich meinen Glaubensbrüdern in Palästina Helsen will, dann kann ich es nicht tun wie Herr Dr. Kollenscher, der in einer Versammlung in der Stadthalle erklärte, „Palästina, unser Vaterland ist in Gefahr". Wenn die Araber so etwas hören, dann, fürchte ich, müssen wieder ein paar Juden sterben. Wir wollen unseren Glaubensgenossen helfen, daß sie dort friedlich mit den Arabern beieinander wohnen können. Das ist der Grund, aus dem heraus wir gegen die nationale Besiedlung Palästinas sind, weil wir der festen Ueberzengung sind, daß nie Friede in Palästina sein tvird, tvenn der Jom-Kippur unter dem Schutz von Maschinengewehren weiter gefeiert werden muß. Wenn wir den Arabern beibringen, daß wir keine Ambitionen auf Palästina haben, sondern daß Juden dort anspruchslos ihre Felder bebauen wollen, dann ivird auch dort Frieden herrschen. Ich möchte schließen mit einem Wort Grillparzers, der über Oesterreich sagte: „In unserem Staat, da ging es von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität." Ich behaupte nicht, daß die Herren von der zionistischen Partei an solcher Bestialität beteiligt sind, aber ich fürchte, daß es dazu kommen kann, wenn lvir nicht dazu kommen, die nationalen Ideen aus der Besiedlung Palästinas her-* auszulassen. Das war der Sinn der „Erklärung deutscher Juden". (Beifall bei den Liberalen.)