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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-10-30 · 44 (30.10.1929) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
44 (30.10.1929)
Date
1929-10-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Unterschriften unter dem Aufruf der Jewish Agency zustande gekommen ist, wollen wir hier nicht erörtern. Wenn Herr Klee übrigens meint, wir hätten bereits eingesehen, daß wir einen Fehler begangen haben, und der Katzenjammer sei schon über uns gekommen, so weiß er mehr als wir selbst. Wenn er ferner behauptet, daß wir eines aktiv-revolutionären pazifistischen Atheisten wegen unser Bekenntnis zum religiösen Judentum „in die Ecke gestellt hätten", so irrt er wiederum. Ter betreffeirde Herr hat sich gerade wegen des Bekenntnisses zum Judentum, zu seinen religiös-sittlichen Aufgaben von unserer Aktion zurückgezogen. Toch zur Sache selbst. Worüber die Aufregung? Was haben wir so furchtbares getan? Es sei geschmacklos, sagt Nahum Goldmann, sein Deutschtum in bezahlten Annoncen zu bekennen und sich dabei von Rücksichten auf die nichtjüdische Umwelt leiten zu lassen, um sich bei ihr anzubiedern. Ich hoffe, daß die Annoncen, in denen Goldmann und seine Freunde das große Werk „der Einigung der Judenheit" für den Palästinaaufbau anzeigen, auch schon bezahlt sind. Ter Hergang war folgender: Z u e r st erschien die A n n o n ce der Jewish Agency. Sie enthielt die irreführende Behauptung, daß die Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaften aller Länder sich verpflichtet hätten, mit aller Kraft an der Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte mitzuarbeiten. Tie „Erklärung deutscher Juden" (nicht „der deutschen Juden") war die Antwort auf diese Behauptung, die den Anschein erwecken sollte, als ob alle Juden sich zur Idee des Zionismus und des Nationaljudentums bekennen. W i r hätten trotz der Artikel von Hellpach und anderen nichtjüdischen Politikern diese innerjüdischen Gegensätze nicht in die breite Oesfentlichkeit getragen, wenn wir durch das Vorgehen der Gegner nicht provoziert worden wären. Tas Recht, durch die Presse vor die Oesfentlichkeit zu treten, das die Zionisten für sich in Anspruch nehmen, haben auch wir. Umsomehr, da die Wahrheit auf unserer Seite ist. Tiefe gebot uns zu erklären, daß die nichtzionistischen Mitglieder der Jewish Agency nicht das Recht haben, sich als Vertreter der nichtzionistischen Juden Deutschlands zu bezeichnen. Tiefe Klarstellung war den Herren Zionisten und besonders auch Herrn Oskar Wassermann (siehe seine Rede in Dresden) offensichtlich besonders peinlich. Wie unangenehm es ihnen ist, vor aller Welt so bloß gestellt zu fein, zeigt sich am deutlichsten in der Verschiedenartigkeit und Haltlosigkeit der gegen unsere Feststellung vorgebrachten Scheinargumente: Herrn Wassermanns Behauptung, daß die Großgemeinden Deutschlands nn Jnitiativ-Komitee der Jewish Agency vertreten seien, wird durch die eindeutige Erklärung in der Jüdischliberalen Zeitung (Nr. 42) über das Zustandekommen der Beteiligung von zwei dieser vier Großgemeinden in das rechte Licht gerückt. Herr Waldmann sagt (Jüdische Rundschau vom 11. Oktober): Wir hätten irreführende Behauptungen aufgestellt. Es sei ja allgemein bekannt, daß die Liberale Vereinigung sich gegen den Eintritt in die Jewish Agency ausgesprochen und vom C. V. sich nur eine Minorität an ihr beteiligt habe. Es sei also kindisch, anzunehmen, daß die nichtzionistischen Mitglieder der Jewish Agency entgegen diesen bekannten Tatsachen, sich als Vertreter aller nichtzionistischen Juden in Deutschland bezeichnet hätten. Herr Waldmann beweist das Gegenteil von dem, was er beweisen möchte. Ihm und seinen Freunden waren diese internen Vorgänge wohl bekannt, nicht aber der großen Masse unserer Glaubensgenossen und noch weniger den nichtjüdischen Mitbürgern. Sie sollten durch den Wortlaut des Aufrufs „Hilfe durch Aufbau" irregeftihrt werden. Man hat wohl darauf gerechnet, daß man bei der bekannten Rücksichtnahme der meisten Nichtzionisten diesen Unwahrheiten nicht entgegentreten würde und war nun empört, daß sich diesmal eine große Anzahl von Männern und Frauen gefunden haben, die den Zionisten ihre Kreise störten. Noch interessanter war es zu hören, was die Redner in der erwähnten Kundgebung, die so gern die Worte Demokratie und Fortschritt im Munde führen, unter der „unzweifelhaften Vertretung des heutigen deutschen Judentums" verstehen: An die Spitze einer Bewegung müßten sich oft Menschen ohne Auftrag stellen, kraft einer höheren Wahrheit und Berechtigung, als die der Wahlzettel verleiht, nämlich kraft der Wahrheit der Geschichte, die jeden Menschen, der für Palästina aufträte, legitimiere, das Judentum zu vertreten. Unsere Erklärung sott eine feige Anbiederung bei unseren nichtjüdischen Mitbürgern und eine Anprangerung der Juden des Palästina-Werkes als Menschen minderer Gesinnung sein. Kein Wort davon) auch nicht dem Sinne nach. Nur die Feststellung, daß wir anderer Gesinnung sind. Wer hat denn zuerst behauptet, daß es Juden gibt, die sich zu einem jüdischen Volke bekennen? Doch jene, die behaupten, ihre Gesinnung sei die bessere, sie feien die einzig wahren Juden. Wenn ihnen jetzt die Betonung unseres gegenteiligen Standpunktes so unangenehm ist und sie darin eine Herabsetzung des ihrigen erblicken, so ist das ihre Sache. Es zeigt, daß sie sich in ihrer Haut nicht ganz wohl fühlen und nicht gern die Konsequenzen ihrer Ueberzeugung ziehen. Sie möchten so gern zwei Vaterländer haben, neben „ihrem Land" auch das deutsche Vaterland, wenigstens vorläufig. Uns und den meisten unserer deutschen Volksgenossen geht das Verständnis für diese Ideologie ab. Uns wirst man Feigheit vor und zittert selbst bei dem Gedanken, allmählich könnten immer weitere Kreise des deutschen Volkes erkennen, daß man nicht gleichzeitig Nationaljude und Nationaldeutscher sein kann, wie die zahlreichen Artikel in der deutschen Presse zeigen, die vor unserm Aufruf erschienen finb. Vor Jahren konnte mit einem Schein von Recht behauptet werden, die Betonung unseres Deutschtums in der Oesfentlichkeit sei überflüssig, da selbstverständlich. Durch die Züricher Beschlüsse hat sich die Sachlage vottständig verändert. Und wenn ein Mann wie Hellpach am 7. September mit Recht schreibt: „Jedes politische Lager werde in eine unsäglich schwierige Lage geraten, das den ausschließlich religiösen Charakter des Judentums und.hie Teutschheit der Juden als Voraussetzung der Zurückweisung aller antisemitischen Losungen setze, wenn sich nicht große Teile des Judentums von der Unterstellung klar abkehren, daß die ganze Judenheit der zionistischen Uridee, der nationalen Idee und Realität des Judentums zustimme und an der symbolischen Verwirklichung dieser völkisch-jüdischen Wahrheit in Gestalt der nationalstaatlichen Wiedewereinigung zunächst eines Teils des Weltjudentums Mitwirken wolle. Wenn dann am folgenden Tag in der Tagespresse ein Aufruf erscheint, der den falschen Anschein erweckt, als ob tatsächlich die Gesamtjudenheit, also auch alle deutschen Juden, den Führern von Zürich folgen wollen, die nach Hellpachs Ansicht ihre weltjüdischen Scharen in ein neues Weltghetto führen werden, dann war es sittliche Pflicht aller derer, -öffentlich auch ihren Standpunkt kmrdzutun, die sich mit der überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden als Glieder des deutschen, nicht eines jüdischen Volkes fühlen. Für eine jüdische Solidarität mit denjenigen, die durch unwahre Behauptungen uns und unfern Nachkommen die Gleichberechtigung in unserm Vaterlande untergraben wollm, fehlt uns allerdings jedes Gefühl. Hier handelt es sich nicht um feige Anbiederung, sondern um ein eigentlich Selbstverständliches, aber durch die laute nationaljüdische Propaganda leider notwendig gewordenes Bekenntnis. Ich behaupte, es gehört in der heutigen Situation sogar Mut dazu, sich öffentlich als Gegner der zionistisch-nationaljüdischen Idee zu bekennen, weil alle, die es tun, sich der Gefahr aussetzen, begeifert und mit Schmutz beworfen zu werden. Obwohl die Zionisten innerhalb des deutschen Judentums nur eine kleine Minorität bilden — das beweisen doch klar die Gemeindewahlen — wenn man die nichtdeutschen, aber wahlberechtigten Ostjuden bedenkt, haben sie es in geschickter Weise verstanden, die öffentliche Meinung zu täuschen. Hierbei kam ihnen der für uns unglückliche Ausgang des Weltkrieges zustatten: Nach Beendigung des Krieges sah England sich gezwungen, sich des in der Balfour-Teklaration gegebenen Versprechens zu erinnern, obwohl ihm gar nicht gehörte, was es versprochen hatte. Seitdem gehört es für einen fortschrittlichen Europäer, für einen Freund des Völkerbundes beinahe zum guten Ton, sich für Palästina einzufetzen. Mancher, der unfern Standpunkt und unfern Ausruf billigte, hat uns die Unterschrift verweigert, weil er seine zionistischen und prozionistischen Freunde nicht vor den Kopf stoßen wollte. Allmählich bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß man die Araber als Machtfaktor nicht unterschätzen darf und die Balfour-Teklaration eines Tages religiert werden muß. Es mehren sich die Stimmen, daß die Idee der nationalen Heimstätte zum Scheitern bestimmt ist. So ist uns auch deshalb die Unterschrift versagt worden, weil man einem Sterbenden nicht den Todesstoß versetzen solle. Es scheint, daß die Geschehnisse nicht über uns hinweggehen werden, sondern über diejenigen, welche die Weltgeschichte um 2000 Jahre zurückdrehen möchten. Um in dem sonst so wenig erfreulichen Streit auch die Komik, allerdings die unfreiwttlige, zu ihrem Recht gelangen zu lassen, vcrstieg sich der letzte Redner jener Kundgebung zu der kühnen Behauptung, Hellpach sei ein Reaktionär, seine Ausführungen eine Schande. Wenn das, was er sagte, ein Vertreter der Temokratie sagen könne, sei das ein Zeichen, wie weit man in Deutschland von wirklicher Freiheit entfernt sei. Ter weltanschauliche Kampf der deutschen Juden — nicht nur in jüdischem Sinne, sondern auch in deutsch¬ und europäisch-freiheitlichem — gehe nicht gegen die Hitler und Hugenberg, sondern gegen Hellpach und seine Gesinnungsgenossen. Ich denke, Herr Hellpach wird sich von Hern: Nahum Gotdmann über die Begriffe demokratisch, reaktionär und deutsch ebenso gern belehren lassen, wie wir darüber, daß wir nur als interessante Objekte jüdischer Psychopathologie zu bewerten, unsere Handlungen nur aus pathologischen Hemmungen jüdischer Ghettopsychologie, als ghettosüdische Komplexe zu erklären sind, daß gerade wir noch tief im Ghetto stecken und weltenfern von jedem Emanzipationsbewußtsein sind, und als deutsche Juden in das Deutschland gehören, das heute das Volksbegehren macht. Tas einzige Mittel, um die letzten Reste dieses Ghettos zu beseitigen, sei die Brandmarkung dieser Menschen im jüdischen Leben (mit solchen Hochverrätern könne man keine Gemeinschaft haben) und die Verwirklichung Palästinas als Tatsache im jüdischen Leben) die wahre Emanzipation sei das national geeinte Judentum im großen jüdischen Palästina, dann würden diese Ton Quichottes nicht mehr wagen, solch einen pcchiernen Aufruf zu verfertigen, der ein „miefes Anhängsel" sei an einen heroischen Kampf und die Solidaritätskundgebung der ganzen Welt. Es wäre übrigens interessant zu erfahren, ob für Nahum Goldmann auch Helmuth von Gerlach ein Reaktionär ist, weil er es ja auch wagt, den Zionismus als Verirrung zu bezeichnen. Ten Ausführungen des Herrn Goldmann stellt sich ein „Schriftstück" würdig zur Seite, das in dieser:: Zusammenhänge auch noch erwähnt werden soll, nämlich ein Brief eines Herrn Sanitätsrats Simon an den Präsidenten seiner Loge, den die Jüdische Rundschau als ihr zur Verfügung gestellt abdruckt. Herr Simon verlangt in diesem Brief, der von kaum wiederzugebenden Vorwürfen gegen uns strotzt, eine Stellungnahme der Loge gegen diejenigen seiner Logenbrüder, die unfern Aufruf unterschrieben haben. Ich habe mir, obwohl ich keiner Loge angehöre, bisher etwas anderes unter dem Begriff der Brüdergemeinschaft vorgestellt als das — um es parlamentarisch auszudrücken — merkwürdige Vorgehen dieses Herrn, auf das es nur eine Antwort gibt: niedriger hängen! Ist es Ironie des Schicksals, daß dieselben Herren, die uns vorwerfen, wir lassen uns unser Handeln von nichtjüdischen Mitbürgern diktieren, sich fast dasselbe von ihren bisherigen Freunden sagen lassen müssen, weil sie nicht die genügende Energie in der Vertretung der Rechte des jüdischen Volkes aufbrächten, auch da dieselben Vorwürfe des „Ghettokleinmuts", „Gewinsels", „des Werdens um die Sympathie der Andersgläubigen", oder ist es — um bei der Terminologie des Herrn Goldmann zu bleiben — eine Psychopath alogische Abreaktion, indem man die Ohrfeigen, die man von rechts bekommt, nach links weitergibt? An dieser Stelle sei nur erwähnt, daß drei Männer, die auch etwas vom Zionismus verstehen müssen, weil sie selbst ursprünglich seine begeisterten Anhänger waren, heute den Zionismus im Sinne Brunners als Reaktion auf den Antisemitismus kennzeichnen („Los vom Zionismus" von Blankenfeld, Kimchi und Pinner), womit ausgÄrrückt werden sott, daß die Idee des Zionismus zurückgeht auf das Verhalten der antisemitischen Umwelt gegenüber den Juden. Es würde zu weit führen, sich im Rahmen dieses Artikels über die Begriffe „Emanzipation — Nationalismus — (der jüdisch- Nationalismus ist selbstverständlich ein anderer als jeder andere Nationalismus) — Binationalität — historisches und geschriebenes Recht auf Palästina" mit den Zionisten auseinanderzusetzen. Es sei nur noch auf folgendes hingewiesen: Niemals hätten wir etwas dagegen einzuwenden gehabt, daß für die unglücklichen Opfer der Palästina-Unruhen, die auch wir auf tiefste betrauern bzw. für ihre Hinterbliebenen in großzügigster Weise Geldsamnttungen veranstaltet werden, an denen wir unter andern Umständen uns auch gern beteiligt hätten. Wohl aber wenden wir uns dagegen, daß Gelder gesammelt werden zum Wiederaufbau eines Unternehmens, das wir als aussichtslos und gefährlich ansehen, ebenso wie wir den heimatlos gewordenen Bewohnern eines vom Lavastrom eines Vulkans zerstörten Torfes unsere Hilfe angedeihen lassen würden u:w doch niemals die Wiedererbauung eines solchen Dorfes an der gefährdeten Stelle unterstützen würden. Aber nicht nur wegen der Gefährlichkeit und Aussichtslosigkeit wenden wir uns gegen die Errichtung der jüdisch-nationalen Heimstätte, sondern aus innerster ehrlicher Ueberzeugung, weil wir durch sie die religiös-sittlichen Aufgaben in der Welt gefährdet sehen und weil wir fürchten, daß unsere Jugend, geblendet durch die zionistische Phraseologie, dem Deutschtum entfremdet wird. Unser Deutschtum erschöpft sich nicht in der Erfüllung unserer staatsbürgerlichen Pflichten, wir wollen nicht nur selbst als Glieder des deutschen Volkes leben und wirken, zu dem wir sprachlich, kulturell und national gehören, sondern wir haben auch den Wunsch, daß Deutschland auch unfern spätesten Nachkommen das Vaterland ist und nicht nur eine Art Turchgangsstation zu einem zweiten Vaterland in Palästina. Ties ist meines Erachtens das Kriterium, das den Zionisten, der heute ein noch so guter und pflichttreuer Staatsbürger sein mag, in seinem Verhältnis zu Deutschland von dem-, jenigen jüdischen Teutschen unterscheidet, der sich — sit venia verbo — als Volldeutschen betrachtet. Dieser unserer innersten Ueberzeugung und unfern wahren Gefühlen Ausdruck zu geben, war uns Bedürfnis. Weil wir die Verantwortung dafür ablehnen müssen, daß Geldmittel wichtigen jüdischen Aufgaben in Deutschland entzogen und einem aussichtslosen Werk in Palästina zugewandt werden, und weil wir nicht wollen, daß unsere deutsch-jüdische Jugend in Elend und Pogrome verlockt wird, deshalb mußten wir unsere Stimme in diesem Augenblick erheben, damit es nicht zu spät wird. Wir erwarten von unfern politischen Gegnern im innerjüdischen Kampf, daß sie uns dieselbe Ehrlichkeit und Anständigkeit der Gesinnung und das Recht unserer Meinungsäußerung zugestehen, wie wir ihnen, dann wird sich der Kampf zwischen uns, die wir beide — jeder von seinem Standpunkt — für das Judentum kämpfen, in Zukunft in andern Formen abspielen als in den letzten Wochen. Zum Schluß noch eine Frage an Herrn Oskar Wassermann und seine zionistischen Freunde. Wie verträgt es sich mit dem Gedanken des K'lal Jisrael, zu dem Sie sich doch bekennen, daß man uns als Hochverräter und Feinde bezeichnet, die wir kein anderes Verbrechen begangen haben als anderer Auffassung über das Judentum und seine Aufgaben zu fein als sie? Die konfessionelle Schule und die religiösen Parteien im Judentum Von Tr. Arthur Galliner, Frankfurt a. M. (Schluß.) 2. Die heutige Lage. Für uns erhebt sich nun die Frage: Ist diese Mission heute beendet? Sind jüdisch-konfessionelle Schulen auch heute noch eine Notwendigkeit? Die Frage ist nicht mit einem glatten „Ja" oder „Nein" zu beantworten. Ein seltsamer Wandel hat sich vollzogen. Die religiöse Richtung, die einst mit bett schärfsten Kampfmitteln, mit Acht und Bann, die jüdische weltliche Schule verfolgte, ist zu ihrer Anhängerin geworden, die Liberalen, Fortschrittler, die Reformer, die sie begründet, stehen ihr lau gegenüber. Aber auch innerhalb der Anhänger finb die Motive nicht die gleichen. Die extreme Orthodoxie, die einst mit der Schule jegliche Allgemeinbildung wie auch das Erlernen u:rd den Gebrauch der hochdeutschen Sprache kategorisch abgelehnt hatte, konnte auf die Dauer der Macht des Zeitgeistes nicht widerstehen. Es ist vielleicht die größte Tat der „Gegenreform", die sich in der Trennungsorthodoxie organisierte, daß sie — geführt von Samson Raphael Hirsch — sich entschloß, die weltliche Bildung in ihren Wirkungsbereich auszunehmen und selber allgemeinbildende Schulen zu gründen, die unter der Devise „Tauroh im derech erez" ihre Aufgabe erfüllen sollten. Von einer Ablehnung oder Ausschließung des deutschen Bildungsgutes 83N8 phrase ist auch hier kaum eine Rede mehr — gewiß ein gewaltiger Erfolg der Reformbewegung —, aber von einer wirklichen Einheit ebensowenig! Unvermittelt und unversöhnt scheinen beide Welten nebeneinander zu existiere::, in einem Hirn, in einer Seele vereinigt, aber nicht geeint, nicht verschmolzen. So nur glaubte man die Gefahr bannen zu können, die von der modernen Bildung der Gesetzestreue drohte. Damit war allerdings das eigentliche Problem, die Beseitigung des Dualismus in der Erziehung jüdischer Kinder, nicht in Angriff genommen. Auch die Orthodoxen oder Konservativen der Einheitsgemeinde haben — wenn auch in gemäßigter Form — diese Einstellung bewahrt. Sie treten für die allgemein-bildenden jüdischen Schulen ein, weil sie in chnen die Möglichkeit sehen, die jüdisch-religiöse Bildung und Erziehung stundenplrnmäßig eng an die weltliche anzuknüpfen, ihr in diesem Rahmen einen weit größeren Raum als in nichtjüdischen Schulen zu gewähren. Deshalb verlangen sie, daß eine erhebliche Stu:ck>enzahl dem Religionsunterricht zur Verfügung steht, daß der hebräische Unterricht schon im ersten Schuljahr einsetze, daß ein gründliches, biblisches, liturgisches und nachbiblisches Wisse:: erworben werde. Sie verlangen aber auch einen Gesinnungsunterricht, der ihrer konservativen Richtung vollauf Rechnung trägt, eine Einwirkung auf die Schüler zur Uebung der traditionellen Formen, überhaupt für die gesamte Schule — nicht nur für den Religionsunterricht — eine Führung, die nicht im Widerspruch mit der orthodox-konservativen Anschauung steht, sie verlangen demgemäß auch von den Lehrern, die nicht Religionsunterricht erteilen, ein Verhalten — zum mindesten nach außenhin —, das in ihren Kreisen keinen Anstoß erregt, und sie drohen — da wo ihren Forderungen nicht entsprochen wird — mit der Gründung eigener Schulen. Das j ü d i schrei i g i ö s e Moment steht ihnen also im Vordergrund, an eine gegenseitige Durchdringung beider Welten, der jüdischen und der außerjüdischen, ist dabei kaum gedacht, wie denn auch die eigentlich pädagogischen Probleme hier in den Hintergrund treten. Demgegenüber erstreben die jüdischen Volksparteiler-Zionisten die Beseitigung des Dualismus, die Erziehung zur Einheit der Persönlichkeit, und sie scheu sich mehr noch als die Konservativen für Erhaltung, ja auch für Neugründung jüdischer Schulen ein, denn solche Schulen bieten ihnen in weit höherem Maße als die weltlichen Schulen die Gewähr für die Erreichung ihres Zieles, Erziehung des jüdischen Menschen aus einem Gesichtspunkt, aus einer Grunoanschauung heraus: aus dem jüdischen Volks- und Nationalbewußtsein. Das ist es, was sie wollen: Betrachtung, Ersassung des gesamten Weltbildes vom Judentum aus, Einordnung, Einschmelzung alles Kultusgutes in die jü*

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