Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 44 (30.10.1929)
- Date
- 1929-10-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614044--3339-2620917- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
für den Palästinaaufbau wird es niemals gelingen, liberale Synagogen zu füllen; im Gegenteil: die Leute, die ohne religiöses Interesse sich schließlich zur Aufbauarbeit für Palästina heranziehen lassen, werden damit erst recht glauben, ihre jüdischen Verpflichtungen erfüllt zu haben, und werden gerade die uns so sehr am Herzen liegende Arbeit in religiösen Dingen erst recht weigern. Das Ziel, das Herrn Kollegen Katzenstein, wie ich weiß, ebenso sehr am Herzen liegt, wie mir selbst, wird daher auf diesem Wege niemals erreicht werden; im Gegenteil, wie werden Leute, die wir vielleicht in harter Arbeit zu tätigen Gesinnungsgenossen auf liberal-religiösem Gebiet heranziehen oder heranbilden könnten, durch Einspannen in die Palästinaarbeit für unsere Zwecke erst recht verlieren. Mir ist nicht jedes Mittel recht, das geeignet wäre, „die jüdischen Menschen zu wecken, zu verbinden und zu begeistern". Wenn nämlich das Judentum sich darin erschöpft, am Palästinaaufbau mitzuarbeiten, oder in sozialen Dingen tätig zu sein, oder zu entdecken, daß man irgend welche Stammes- oder Blutsgemeinschaft hat, dann muß ich sagen, daß ein solches Judentum für mich ein außerordentlich geringes Interesse hat. Meine Arbeit für das Judentum richtet sich auf die Erhaltung desselben als Religion, und da ich im liberalen Judentum die Zukunft des Judentums überhaupt sehe, muß ich eben für die liberal-religiöse Richtung wirken und werben. .Hierfür ist aber der Weg des Kollegen Katzenstein, wie oben gezeigt, ungeeignet. Mit der bloßen „Sammlungstendenz" mit dem Zwecke, überhaupt Menschen in irgend einer Form für das Judentum zu interessieren, kommt man nicht weiter; denn das Judentum, das erhallen werden soll und das ich durch mein Eintreten für die liberale Richtung aus beit oben gedachten Grüirden fördern, und durch meine Tätigkeit im Centralverein als Religion schützen und erhalten will, ist etwas völlig anderes, als das Judentum, für das Katzenstein in weitherzigem Wohlwollen Interesse erwecken will. 2.) Viel bedenklicher als die Ausführung Katzensteins, dessen innere Zweifel aus Ton und Inhalt seines Brieses deutlich hervorleuchten, ist aber die bereits zu Eingang dieses Artikels erwähnte „Friedenseinstellung". Man soll, so habe ich in unendlich vielen Besprechungen sagen hören, den Streit der Meinungen über den Palästina- Aufbau nicht immerdar fortsetzen, sondern soll an das Einigende im Judentum denken und deshalb denen nicht entgegentreten, die als Nichtzionisten die Agency unterstützen wollen. Ich weiß, offengestanden, nicht, was die Vertreter ihrer Ansicht sich bei solchen Worten denken. Wie aus allen Aeußerungen, die zu dieser Frage von auf anderem Standpunkt stehenden Nichtzionisten getan worden sind, deutlich hervorgeht, handelt es sich um grundsätzliche Dinge. Die Nichtzionisten, welche sich gegen jede Unterstützung der Agency-Arbeit aüssprechen, tun dies nicht aus Rechthaberei und nicht zum Vergnügen, sondern deshalb, weil sie in der entgegengesetzten Auffassung und so z. B. in dem Aufruf der deutschen Mitglieder der Jewish Agency einen schweren inner- und außenpolitischen Fehler und eine schwere Schädigung des deutschen Gesamtjudentums erblicken. Es ist völlig unverständlich, daß man diesen Männern und Frauen zumuten will, sie sollen aus den oben erwähnten „Friedenserwägüngen" heraus schweigen und mit sehenden Augen eine Sache dem Abgrund zutreiben lassen. Ich bin im Gegenteil der Ansicht, daß es unverantwortlich und pflichtwidrig wäre, wenn jemand, der aus den gedachten Gründen die Tätigkeit der Nichtzionisten in der Agency für einen so schweren Fehler der gedachten Art hält, schweigen und nicht jede Gelegenheit benutzen würde, um auf diesen Fehler hinzüweisen. Er würde eine Verantwortung auf sich nehmen, die er weder vor dem Gesamtjudentum der Jetztzeit noch vor seinen Nachkommen jemals tragen könnte. Nur nebenbei sei übrigens erwähnt, daß diese Friedfertigkeit, die jetzt den Vertretern der entgegengesetzten Ansicht zugemutet wird, auf zionistischer Seite bisher noch niemals zu beobachten war und gerade diejenigen, die am lautesten die Unterzeichner der „Erklärung deutscher Juden" als Friedensbrecher anprangern, sind es, die ihrerseits niemals Bedenken getragen haben, ihren zionistischen Standpunkt mit aller Schärfe öffentlich zu betonen und sowohl die liberalen Nichtzionisten, als auch die Mitglieder des Centralvcrerus mit wenig erfreulichen Angriffen zu bedenken. 3.) In einem im „Israelitischen Familienblatt" kürzlich veröffentlichten Artikel „Falsche Bahnen" hat Herr Rabbiner Weiße die „Erklärung deutscher Juden" sogar in gewisser Richtung als „unjüdisch" bezeichnet. Was heißt zunächst „unjüdisch"? Sofern sich dieser Begriff überhaupt sollte umschreiben lassen, ist „unjüdisch" in den Augm des Zionisten sicher etwas Anderes als in denen des Nicht- Zionisten, für den Orthodoxen etwas Anderes als für den Liberalen und daher für Herrn Rabbiner Weiße wahrscheinlich etwas Anderes als für mich. Es handelt sich nämlich bei der Bezeichnung „unjüdisch" nicht um eine absolute „Eigenschaft", sondern nur um ein Werturteil, also um den Ausfluß einer höchst subjektiven Anschauung, — und deshalb kommt man damit, daß man etwas als „unjüdisch" bezeichnet — gesehen vom Gesichtspunkt der Beweiskraft — nicht einen Schritt weiter. Man verletzt nur, ohne zu überzeugen. Es ist leider eine Beobachtung, die man seit einiger Zeit machen kann, daß, wenn innerhalb des jüdischen Lagers eine Meinungsdifferenz ausbricht, die öffentlich äusgetragen wird und eine gewisse Schärfe annimmt, dann regelmäßig der Vorwurf der „Unjüdischkeit" wiederkehrt. (Dabei ist „unjüdisch" meist das, was nichtliberalen Kreisen des Judentums nicht angenehm ist.) Wenn man sich schon über „Kampfesweise" beschwert, sollte man endlich mit derartigen Vorwürfen aufhören. Es zeugt weder von der Stärke der eigenen Position, noch von der nötigen Achtung vor der Auffassung des Gegners, wenn man ihm die Zugehörigkeit zu der eigenen Gemeinschaft abs.pricht, also denjenigen Juden, der in einer nicht genehmen Form eine abweichende Ansicht äußert, als „unjüdisch" abtut. Ein solches Verfahren erscheint mir erheblich „unjüdischer" zu sein, als die, wenn auch noch so kräftige, Aeußerung eines entgegengesetzten Standpunkts. 4.) Und nun kommt der Hauptvorwurf, den sich auch die Redaktion des „Israelitischen Familienblattes" in einem besonderen Nachwort zu dem offenen Brief des Herrn Kammergerichtsrat Wolfs zu Eigen Macht. Es wird nämlich den Unterzeichnern der „Erklärung deutscher Juden" hauptsächlich zum Vorwurf gemacht, daß sie ohne Notwendigkeit und ohne angegriffen zu sein, die Flucht in die nicht jüdische Oeffentlichkeit ergriffen hätten. Dies sei ein umsoweniger erlaubtes Mittel, als sie durch besondere Betonung ihrer doch eigentlich selbstverständlichen Zugehörigkeit zum deutschen Volk in den Augen urteilsloser, nichtjüdischer Volksgenossen die Zugehörigkeit ihrer innerjüdifchen Gegner zum deutschen Volk gewollt oder ungewollt in Frage stellen. Soviel Worte, soviel Unrichtigkeiten. a) „Ohne Notwendigkeit und ohne angegriffen zu sein, soll die Erklärung hinausgegeben worden fein. Der Aufruf „Hilfe durch Aufbau" enthielt, wie nun wirklich sattsam festgestellt ist, zweifellos Unrichtigkeiten. Er mußte in der gesamten deutschen Oeffentlichkeit, d. h. bei der nach der Ansicht gerade der Redaktion des „Israelitischen Familienblattes" in dieser Frage „naturgemäß urteilslosen" n i ch t j üd i s ch e n Oeffentlichkeit die Ueberzeugung erwecken, daß die Gesamtheit der deutschen Juden hinter dem Aufruf der deutschen Mitglieder der Jewish Agency stehe, da dort gesagt war, daß d i e Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaften aller Länder sich verpflichtet hätten, an der Errichtung der nationalen Heimstätte in Palästina mitzuarbeiten. Daß diese Erklärung falsch war und die Oeffentlichkeit irreführen mußte, ist unbestreitbar und tatsächlich auch allenthalben anerkannt, wenn sie auch schamhaft von mancher Seite nicht gerade als falsch und irreführend, sondern nur als „ungeschickt" bezeichnet worden ist. Die Erklärung war auch ein Angriff auf alle diejenigen Gemeinschaften, die sich ausdrücklich gegen eine offizielle Betätigung an der Agency ausgesprochen hatten. Eine Zurückweisung dieser Erklärung war daher eine absolute Notwendigkeit. Es ist nicht so, wie man es jetzt hinzu stellen sucht, daß die Abwehr, die in der „Erklärung deutscher Juden" liege, etwa den Andersdenkenden in den Augen der nichtjüdischen Oeffentlichkeit die Zugehörigkeit zum deutschen Volf hätte absprechen wollen oder können, sondern umgekehrt; der beanstandete Satz in dem Aufruf „Hilfe durch Aufbau" mußte gerade in der nichtjüdischen Oeffentlichkeit den Glauben erwecken, als ob die Gesamtheit der deutschen Juden eine jüdisch-nationale Einstellung habe und mußte in der nichtjüdischen Oeffentlichkeit gerade nach der Richtung hin gefährdend wirken, weil man tu diesem Pronunziamento einen Beleg dafür sehen konnte, daß alle deutschen Juden nicht in deutschem, sondern nur in jüdischem Sinne national eingestellt seien -- eine in den heutigen Zeitverhältnissen und bei den heutigen politischen Kämpfen in Deutschland geradezu katastrophale Gefahr. Damit hängt eng zusammen: bt Es ist eine zwar bis zum Ueberdruß wiederholte, aber deshalb keineswegs richtige Behauptung, wenn immer wieder dargelegt wird, wir „hätten es nicht nötig", unsere Zugehörigkeit zum deutschen Volk zu betonen, weil sie selbstverständlich sei. Für u n s deutsche Juden ist sie selbstverständlich und uns brauchen wir sie allerdings nicht gegenseitig zu wiederholen: wohl aber müssen wir sie denjenigen immer wieder in dieOhren s'chreien, die uns diese Zugehörigkeit absprechen. Wenn man .solche Sätze liest, wie sie in dem fraglichen Nachwort der Redaktion des „Israelitischen Familienblattes" enthalten sind, muß man fast glauben, die Schreiber derartiger Zeilen gingen blind durch den deutschen politischen Kamps. Zu keiner Zeit sind die antisemitischen Wellen so hoch gegangen wie jetzt, und zu keiner Zeit war gerade dieses Argument der Nichtzugehörigkeit zum deutschen Volk, die Theorie des nationalen und stammesmäßigen Fremdkörpers so in Mode wie heute. Wenn es also selbstverständlich ist, daß dies eine Irrlehre ist, und wenn es selbstverständlich ist, daß wir zum deutschen Volk gehören, so müssen wir dies ebenso sellfftverständlich auch immer wieder betonen, nicht uns gegenüber, aber gerade der nichtjüdischen Oeffentlichkeit gegenüber, die dies zum großen Teil leugnet. Das ist, um mit dem zionistischen Sprachschatz zu reden, „kein Zeichen von Knechtseligkeit" und wir,chiedern uns auch an niemanden an", sonderrt es ist nichts anderes als die Zurückweisung einer unwahren, im politischen Kampf, gegen uns aufgeste l bb-en und agitatorisch ausgenutzten Behauptung und damit gleichzeitig die kampfmäßige Betonung der durch die Emanzipation errungenen, uns aber heute wieder im politischen Kampf st r e i t i g gemachten Gleichberechtigung. Deshalb muß auch jede Erklärung und Aeußerung vermieden uitd evtl, bekämpft werden, die auch nur so aus sieht, als ob sie geeignet wäre, billige Waffen für die judenfeinüliche Agitation zu liefern. Das ist mit ein Hauptgrund, weshalb mau sich gegen jenen unglücklichen Satz des Aufrufs „Hilfe durch Aufbau" gewehrt und i h iz durch den Gegenaufruk „Erklärung deutscher Inden" in der Oeffentlichkeit desavouiert hat. Aus diesen Gründen ist es absolut abwegig und sinnwidrig, wenn man den Unterzeichnern der „Erklärung deutscher Juden" zum Vorwurf machen will, daß sie die Flucht in die nichtjüdische Oeffentlichkeit angetreten hätten. Die jüdische Oeffentlichkeit allein hätte mit dieser Erklärung herzlich wenig ansangen können. Ueber die divergierenden Ansichten innerhalb der deutschen Judenheit, insbesondere bezüglich zionistischer und nichtztonistischer Anschauungen würden sich auch die Unterzeichner des Gegenaufrufs „Erklärung deutscher Juden" niemals in dem Sinne aufgeregt haben, daß sie Veranlassung genommen hätten, deshalb eine besondere Erklärung in der jüdischen Oeffentlichkeit abzugeben. Die Erklärung war vielmehr gerade für die nicht jüdische Oeffentlichkeit notwendig und mußte deshalb in der nicht jüdischen Presse erscheinen, weil sie sich mit Rücksicht auf die oben erwähnten politischen Fragen speziell an die deutschen Nichtjnden wenden mußte, um sie über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Aber außerdem; Wer ist denn z u e r st an die nichtjüdische Oeffentlichkeit herangetreten? Gerade der Ausruf der deutschen Mitglieder der Agency „Hilfe durch Aufbau" ist ja nicht etwa nur in der jüdischen Presse, sondern gerade auch in der nichtjüdischen Tagespresse erschienen. Es mutet daher mehr als sonderbar an, wenn die Verfasser und Anhänger jenes Aufrufs sich jetzt darüber beklagen, daß der Gegenausruf auch in der nicht jüdischen Presse erscheine! Es ist wirklich ein etwas naives Verlangen, daß zwar die eine Seite in der gesamten Oeffentlichkeit eine schwerwiegende, die politische Lage der deutschen Juden u. U. gefährdende, unrichtige Erklärung abgeben darf, nicht aber die andere Seite das Recht haben soll, in derselben nichtjüdischen Oeffentlichkeit jener Erklärung entgegenzutreten. Quis tulerit Gracchos de seditione querentes!! Es ist der Wunsch ausgesprochen worden, daß mit solchen Erklärungen einmal Schluß gemacht werde. Ich habe gewiß nichts dagegen; nur möge dann auch sreundlichst auf der anderen Seite alles unterlassen werden, was naturnotwendig Gegenerklärungen in der Oeffentlichkeit und namentlich in der nichtjüdischen Oeffentlichkeit heraufbeschwören muß. — Vor allem aber soll man es sich jedenfalls endlich äbgewöhnen, diejenigen Juden, die aus Grund reiflicher Ueberlegung und aus ernster Ueberzeugung ihre Hilfe beim Palästinawerk versagen, nunmehr in der in der letzten Zeit beliebt gewordenen Weise anzugreifen und sie, wenn sie in der Oeffentlichkeit chren Standpunkt darzulegen versuchen, als Juden minderen Grades zu brandmarken. Wenn in dieser Weise weiter fortgesahren wird, werden sich sehr bald Folgen ergeben können, die mit dem mancherseits so heiß ersehnten und laut gepriesenen Gedanken des sog. inneren Friedens schlecht im Einklang stehm. Namentlich innerhalb der Einheitsgemeinden könnte dies Folgen nach sich ziehen, die denen am. wenigsten erwünscht wären, die Angriffe der vorgedachten Ärt unter gleichzeitigem Hinweis auf den „inneren Frieden" zu erheben belieben. Wer schimpft, hat Unrecht Von Dr. Alfred Tie Unterzeichner der „Erklärung deutscher Juden" haben es kaum für möglich gehalten, daß sie nicht nur ihren Zweck erreichen würden, die deutschen Juden im Widerstand gegen die nationaljüsdische Agitation zu bestärken, und die nichtjüdische Oeffentlichkeit zu überzeugen, daß die Majorität der deutschen Juden sich unbeirrt zum deutschen Volkstum bekennt, sondern daß sie über das von ihnen gesteckte Ziel hinaus den Erfolg haben würden, die Gegner im zionistischen Lager völlig aus der Fassung zu bringen. Anders ist die ohnmächtige Wut nicht zu erklären, die sich in den Auslassungen in der zionistischen Presse und mehr noch in den rednerischen Ergüssen austobte, die man auf der Kundgebung der zionistischen Vereinigung „Wahre und falsche Judenemanzipation zur Erklärung deutscher Juden gegen das jüdische Palästina" staunend zu hören bekam. Es war jedenfalls ganz lehrreich, mit eigenen Ohren den nicht gerade goldenen Worten zu lauschen, welche die drei Redner (die Herren Tr. Kanowitz, Dr. Klee und Tr. Goldmann) — gleichsam in unbeherrschtem Affekt — dem Gehege ihrer Zähne entfliehen ließen; und nicht nur zu lesen, was die Feder des fHtifiereitben Berichterstatters wiedergibt. — So manches unbedacht gesprochene Wort ist im Bericht der Jüdischen Rundschau nicht zu finden, und doch so charakteristisch für die wahre Gesinnung der Gegner. Man war pünktlich gekommen, in der Meinung, bei einem so interessanten Thema in überfüllter Versammlung schwer Platz zu bekommen, kam aber in einen halbleeren Saal, der sich nur langsam mäßig füllte. Wer nun etwa eine geistige Auseinandersetzung über wahre und falsche Judenemanzipation erwartet hatte, sah sich bitter enttäuscht. Statt dessen nichts als persönliche Verunglimpfungen und wüste Schimpfkanonaden gegen die Erklärung oder eigentlich gegen ihre Unterzeichner! Ausdrücke wie „Schandfleck für das deutsche Judentum", „Gewinsel", „letzter verzweifelter Schrei von Menschen, die der Sphäre des Mittelalters angehören", „Ghe topsychologie", „Knechtseligkeit", „Verletzung primitivster Regeln der Moral, des Taktes und des Geschmackes", „Würdelosigkeit", „Dummheit", „Hochverrat", „Landesverrat" wiederholen sich in den verschiedenen Reden dieser „Kundgebung". Kein Wort einer sachlichen Entgegnung. Ter Ton besonders des letzten Redners (Nahum Goldmann) war ein solcher, daß dagegen die in der Jüdischliberalen Zeitung mehrfach gebrandmarkte Kampfesweise der zionistischen Presse beinahe als vornehm bezeichnet werden kann. Man sollte es eigentlich unter seiner Würde erachten, aus ein derartiges Geschimpfe einzugehen. Ta es aber ein Ausdruck der inneren Schwäche und Unsicherheit, des Ge- Caro, Berlin fühls, Unrecht zu haben und der Angst unserer Gegner ist, verlohnt es sich, sich mit den Ursachen der sinnlosen Wut zn beschäftigen, welche die Quelle dieser Art von Polemik ist. Leider war es nicht erlaubt, den Rednern in einer Diskussion entgegenzutreten, sonst wäre es ein leichtes gewesen, die gegen uns erhobenen Vorwürfe zu entkräften bzw. sie den Zionisten zurückzugeben, z. B. unfern Aufruf hätte eine Reihe von Männern unterschrieben, deren Kinder getauft seien. — Stehen unter dem Aufruf der Jewish Agency nicht auch solche? Haben diese eine andere Aktivlegitimation, im Namen des Judentums zu reden? (Diese und jene sind für die Handlungen ihrer Kiitder wahrscheinlich eben so wenig wie Theodor Herzl verantwortlich zu machen.) Ten Kern „dieser Gesellschaft" bilden außer den Leuten um Naumann die Angehörigen einer völlig unjüdischen Sekte, die die Alltagssprache in den Gottesdienst getragen und zwischen sich und der übrigen Judenheit eine Trennung vollzogen hätte. — Als ob jenen die Unterschrift eines Angehörigen der Reformgemeinde als „Vertreter" der deutsch-jüdischen Jugend nicht sehr willkommen gewesen wäre, und als ob Marshall und seine amerikanischen Freunde, ohne welche die Jewish Agency ein Körper ohne Beine wäre, nicht auch auf dem Boden des Reformjudentums ständen. Im übrigen soll man ja auch in Palästina die Sprache des Alltags im Gottesdienst verwenden. Tie Behauptung, kein führettder Rabbiner habe den Aufruf unterschrieben, mußte sogar Herr Klee berichtigen, da er wenigstens Herrn Tr. Bogelstein dazu rechnete; aber „den Mann und dessen Richtung kennen wir, das genügt". Früher hätten andere Männer antizionistische Aufrufe unterzeichnet, aber diese stündm jetzt im Lager der Zionisten und ihrer Freunde, und soweit diese sich noch nicht voll und ganz zum Zionismus bekannten, erwarteten die Zionisten, daß die außerordentliche Kraft, die Erez Israel darstelle, die Menschen, die sie ergriffen hätte, immer stärker in ihren Bann ziehen würde. — In diesem Punkte können wir Herrn Klee insofern nicht Unrecht geben, als auch wir der Ansicht sind, daß Herr Wassermann und seine Freunde schon soviel für den Zionismus getan haben, daß ihnen zu tun fast nichts mehr übrig bleibt. Vielleicht interessiert es übrigens die Herren Zionisten, zu hören, daß ein anderer Wassermann, der wohl einen mindestens so repräsentativen jüdischen Namen wie sein Namensvetter Oskar hat, nämlich Jakob Wassermann, uns nach Rückkehr von einer längeren Reise seine Zustimmung zu unserer Erklärung gegeben hat. Tie Behauptung, daß irgend jemand die Erklärung unterschrieben hat, ohne sie gelesen zu haben, ist eine glatte Unwahrheit. Wie ein Teil der