Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 43 (23.10.1929)
- Date
- 1929-10-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614043--3326-2620903- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
dienstes grundlegend für die Reform des jüdischen Kultus überhaupt; hier war aus dem besonderen religiösen Bedürfnis und aus den Erfordernissen des Orts und der Zeit die neue Form organisch erwachsen, und dies allein verlieh ihr die innere Berechtigung — keine Autorität, keine gesetzliche und keine rabbinische hat hierbei mitgewirkt, es war eine Tat des Laientums, das die Befriedigung seines religiösen Lebens erstrebte und selbst zu gestalten suchte. Und Lies war keine vereinzelte Erscheinung. Auch andere als die bereits genannten Schulen, wie die in Dessau, Berlin und Breslau, in Wien und Frankfurt am Main, wurden gleichzeitig Stätten der religiösen Fortentwicklung durch ähnliche gottesdienstliche Andachtsstunden. Den nachhaltigsten Eindruck hat das P h i l a n t h r o p i n in Frankfurt a. M. ausgeübt, das 1804 gegründet, in kurzer Zeit aus kleinen Anfängen sich zu einer der bedeutsamsten Bildungsstätten nicht nur der jüdischen Gemeinde, sondern der Stadt Frankfurt überhaupt entwickelte. Hier zeigte es sich besonders, daß eine jüdische Schulgründung damals nicht eine rein jüdische und auch nicht eine rein pädagogische Angelegenheit war. Wie der edle Gründer der Schule, der treffliche Sigmund Geisenheimer, zugleich auch der Gründer einer Kasse für Beförderung des Handwerks unter den Juden, wie er ferner der Mitbegründer der Freimaurerloge „Zür ausgehenden Morgenröte" war, die zum Mittelpunkt des bürgerlichen, sozialen, und auch des religiösen Fortschritts unter den Juden Frankfurts wurde, so hat auch die Schule, seine lebendigste Schöpfung, sich nie damit begnügt, nur rein pädagogische Arbeit zu leisten, sondern kulturell im weitesten Sinne zu wirken, das geistige und religiöse Leben der Gemeinde weiter zu entwickeln und so in Wahrheit eine Pflanzstätte für die neue Lebensidee des modernen Juden zu werden, So haben's die Zeitgenossen und die folgenden Generationen empfunden, und auch heute noch wird niemand bestreiten dürfen, daß die kulturelle Bedeutung der Frankfurter Gemeinde ebenso wie das Emporblühen anderer Gemeinden, im Wesentlichen solchen Bildungsstätten zu danken ist, daß sie zum guten Teil dazu beigetragen haben, die neue Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts zu schaffen. Neben dieser allgemeinen Bedeutung sind es ganz bestimmte religiöse Institutionen, die durch diese Schulen die Entwicklung des religiösen Lebens beeinflußt, die insbesondere auch dem Kultus eine neue Form gegeben haben. Die Bedeutung dieser „Schulandachten" kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, denn es war doch nicht nur etwas Aeußerliches, nicht nur ein Wandel der Form, der sich da vollzog, sondern hier' dokumentierte sich wohl am eindringlichsten die neue Gesinnung: nicht als Uebung einer Gesetzespflicht ward Gottesdienst empfunden und gestaltet, sondern .als Befriedigung religiösen Bedürfnisses. Das verlieh ihm die Freiheit gegenüber jahrhundertealter Tradition. Und die Gründer und Leiter, die Förderer und Pfleger dieses Gottesdienstes waren Laien und Lehrer, die nicht eigentlich den Beruf, wohl aber die Berufung zu dieser hehren Aufgabe besaßen. Mehr als zwei Jahrzehnte blieben darum die „Reformen" auf die Schulen beschränkt, erst zu Anfang der dreißiger Jahre trat das Neurcckbinertum in die Bewegung ein und strebte danach, den Synagogen wieder den alten Einfluß zu erringen, sie zum Brennpunkt der religiösen Strahlungen, zur stärksten Kraftquelle der religiösen Entwicklung zu machen. Mer damit ist die Bedeutung jener jüdischen Schulen für ihre Zeit nicht erschöpft. Sie haben für die jüdische Jugend bedeutsame Neuerungen geschaffen, ohne die wir uns die gesamte religiöse Erziehung heute nicht mehr denken können. Neu war der geordnete Religionsunterricht und wenn auch in den ersten Jahren bei der Suche nach der rechten Form manch falscher Weg eingeschlagen wurde — bald wollte man einen reinen Moralunterricht, bald die Methode des christlichen Katechismus —, so haben doch Männer wie Homberg, Philippson, Johlson durch ihre Lehrbücher und Ihre praktische Wirksamkeit allmählich den rechten Weg gewiesen. Immer deutlicher erkannte man die Notwendigkeit, in wohldurchdachter Methode die Jugend mit den Lehren und Pflichten der Religion vertraut zu machen, sie in die Geschichte dieser Religion, in die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft und zugleich in die Quellen, in die biblischen und nachbiblischen Schriften, einzuführen. Neu war die Heranziehung der weiblichen Jugend. Die Vernachlässigung der weiblichen Erziehung hatte sich gerade in jenen Jahren der beginnenden Emanzipation bitter gerächt. Das fehlende Wissen um Juden und Judentum hat leicht jene schwärmerische Hinneigung zum Christentum auskommen lassen, die nicht selten zur Taufe führte. Nun erhielten die Mädchen eine ähnliche Bildung wie die Knaben, sie ^wurden in den jüdischen Schulen in die Bildung der Zeit und zugleich auch in die Religion ihrer Väter eingesührt und dadurch befähigt, an der nun folgenden religiösen Eutwicklung aktiven Anteil zu nehmen. Dazu kam die Konfirmation oder Einsegnung für Knaben wie für Mädchen als Abschluß der religiösen Erziehung, zunächst in der Schule, bald aber auch — als Festakt beim Eintritt in das religiöse Lcben der Gemeinde aufgefaßt - in den Synagogen vollzogen, hervorgegangen aus dem Bestreben, die traditionelle Barmizwoh-Feier eindrucksvoller zu gestalten, sie mit modernem Geist zu erfüllen und zugleich auch die Mädchen an dem religiösen Leben mehr als bisher teilnehmen zu lassen. Neu war schließlich die Einführung der deutschen Rede in den jüdischen Gottesdienst. Trotz des heftigsten Widerstandes der damaligen Orthodoxie setzte sie sich dnrch — nicht nur in den Schulandachten, sondern auch bald in den Synagogen. Und wie dort zu der deutschen Predigt auch deutscher Gesang und deutsches Gebet trat, so führten auch hier diese neuen' Formen allmählich zu einem wohl geordneten, durch Vorbeter, Choc und Orgel disziplinierten Gottesdienst, der den Einzelnen zwang, sich der Gesamtheit einzufügen, der somit in erhöhtem Maße als Kundgebung einer Gemeinschaft empfunden werden mußte. Was solcher Art in den Schulen vorbereitet war, wurde in Deutschland zum ersten Male verwirklicht im Jacobsonschen Tempel, der 1810 in Seesen feierlich eingeweiht wurde. Man empfand die große Bedeutung dieses Ereignisses schon damals, man fühlte, daß eine neue Epoche in der Entwicklung des jüdischen Kultus begonnen hatte. — Eine doppelte Aufgabe haben alle diese Schulen sich also gestellt: die jüdische Jugend in die allgemeine Bildung, vornehmlich in die deutsche Geifteskultur einzuführen, zugleich aber auch ihr das alte jüdische Erbgut nahe zu bringen und sie so zu lebendiger Religiosität zu erziehen. Und die Schulen haben diese Aufgabe auch erfüllt. Es ist durchaus falsch, was Dubnow in seiner „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" (Bd. VIII, S. 277) behauptet, daß sie „der ihnen anvertrauten Jugend wohl eine deutsche, aber keine jüdische Erziehung zuteil werden ließen". Sie waren im Gegenteil zu jener Zeit der an manchen Orten hemmungslos gewordenen Emanzipations- und Assimilationsbestrebungen gerade die Stätten, an denen die Zusammenhänge mit der Tradition mit Bewußtsein gewahrt, an denen Brücken von der alten zur neuen Zeit geschlagen wurden. Aus diesen Schulen ist ein großer Teil der Männer hervorgegangen, die das moderne Judentum des 19. Jahrhunderts geschaffen, die auch die Waffen schmieden konnten zum Kampf für die Emanzipation und Selbstbehauptung des Judentums. Sie sind der Gefahr des völligen Aufgehens der Juden in die Welt der Umgebung wirksam begegnet und haben damit eine wichtige Mission erfüllt. (Schluß folgt.'» Die jüdischen Selbstmörder in Preußen Das hohe Kontingent jüdischer Selbstmörder ist schon oft bemerkt worden. Vor und auch nach dem Weltkrieg. Die neuesten statistischen Unterlagen rühren für Preußen aus dem Jahre 1926 her. Unter den 9746 Personen, die sich im Jahre 1926 das Leben in Preußen genommen haben, befanden sich 204 Juden (2,0 Prozent). Im Jahre 1925 zählte man unter 9164 Personen 215 jüdischen Glaubens (2,3 Prozent). Diese Zahlen verdeutlichen aber noch nicht das oben Gesagte. Die folgende Aufstellung dagegen wird den hohen Anteil jüdischer Selbstmörder demonstrieren. Die Selbstmörder in Preußen im Jahre 19 26, berechnet auf 100 000 Religionsbekenntnisses: gleichen Religion: m. w. zus. Evangelisch 42,59 17,11 29,38 Römisch-katholisch 23,53 6,52 14,80 Anders Christliche 25,20 8,83 16,59 Jüdisch 72,79 29,39 50,50 Dissidentisch 49,98 22,33 38,48 Vergleicht man oen Anteil der Geschlechter innerhalb des religiösen Bekenntnisses, so entfallen im Jahre 1926 aus 10 Selbstmorde von Frauen bei den Evangelischen und Juden je 23 und bei den Röm.-Katholischen rund 34 Selbstmorde männlicher Personen, Sonst war in den letzten Jahren die Setbstmordzifser der jüdischen Frauen stets höher gewesen als bei denen der christlichen Bekenntnisse, innerhalb derer wieder die Frauen katholischen Bekenntnisses erheblich geringere Selbstmoroneigung zeigen. Fragen wir nach den Ursachen der hohe»! Ziffer jüdischer Selbstmörder, die obige Tabelle demonstriert, so sind es drei Gründe, aus denen der Tatbestand hervorgehl. Die jüdische Berufsgruppierung der Jude gehört bekanntlich überwiegend dem Kaufmannsstand an weilt erwiesenermaßen die höchste Prozentnorm Selbstmörder aus. Ferner verursacht die Stadt, insbesondere die Großstadt, in der die jüdische Bevölkerung konzentriert ist, in höherem Grade nervöse und seelische Leiden als das Land. Schließlich kommt noch hinzu, daß der Jude als Jude der Schwere des Daseins stärker ausgesetzt ist als der Nichtjude, der der Majorität des Landes angehört. Herbert Philip v s t h a l. Auswandererfürsorge des Hilfsvereins der Deutschen Juden Die Auswandererfürsorge des Hilfsvereins der Deutschen Juden wird durch das Büro seiner Zentrale in Berlin, den Bahnhofsdienst am Schlesischen Bahnhof in Berlin, die Komitees in Hamburg und Bremen, die Bahnhofsdienste in Stentsch und Osnabrück und Vertrauensleute im Reiche wahrgenommen. Im Jahre 1929 hat sich die Zahl der Auswanderer uird Durchwanderer, denen seine Fürsorge galt, stark erhöht, insbesondere was den Durchgangsverkehr aus dem Schlesischen Bahnhof in Berlin anbetrifft. Unter ocr Fürsorge des Hilssvereins passierten: Berlin: Bahnhofsdienst des Hilssvereins, Schlesischer Bahnhof, Aus- und Rückwanderer 1. Januar tüs 30. September 1929 31642 Personen Ihren Weg nahmen über Stentsch: 1. Januar bis 30. September 1929 . .. 6867 Personen O § nabr ü ck:. 1 253 Personen Hamburg: 1. Januar bis 30. September 1829 . 3 400 Personen Bremen: 1. Januar bis 31. August 1929 750 Personen Im Büro der Berliner Zentrale sandnr eingehende Beratung und Hil,e: 1. Januar bis 30. September 1929 . . 732 Personen Friedenskundgebung der Religionen Tie Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen für den Frieden trat am 16. Oktober abends zum ersten Male mit einer Kundgebung größeren Stils im Festsaal der „Hochschule für Musik" vor die breite Öffentlichkeit. Ter Protestant Min.-Dir. z. D. Spiecker schilderte die Entwicklung der religiösen Friedensbewegung in den letzten 20 Jahren, seit sie zuerst 'in internationalem Rahmen auftrat. Sofort nach dem Kriege setzte die Arbeit wieder ein. Jetzt wird auch der konfessionelle Rahmen gesprengt und drei Weltreligionen . Judentum, Katholizismus und Protestantismus vereinen sich im Kampfe für den Frieden. — Direktor Oskar Wassermann ruft zur Friedensarbeit im Geiste der alttestamentlichen Propheten auf. Zu appellieren ist an Herz und Gewissen vor allem der noch für Ideale begeisterungsfähigen Jugend. Zu dem äußeren Frieden der Staaten muß dann auch der innere Frieden unter den Konfessionen und Klassen treten. — Der katholische Prälat Msgr. Lichtenberg erinnert an die Friedenspredigt Papst Benedicts XV. mitten im Kriege. Jetzt gilt es für alle, selbst an der Verwirklichung des Gebets zu arbeiten: Dona nobis pacem, dem Friedensruf Papst Gregors des Großen vor 1400 Jahren. Tie Reihe der eigentlichen Referenten eröffnet Rabbiner Tr. Baeck: Das Judentum hat das Glück, seit 2000 Jahren nicht für die großen politischen Entscheidungen in der Welt und dann auch nicht für die Greuel all der Kriege verantwortlich zu sein. Die Friedensidee selbst hat im Judentum eine andere Prägung als in Rom und Griechenland. Tort nämlich bedeutet „Friede" nur etwas Negatives — kein Krieg — im Judentum dagegen Gebot und Verheißung, d. h. Weg und Ziel. Heute dagegen sehen wir vielfach Ziel ohne Weg (Friedensschwärmerei) und Weg ohne Ziel, so im Weltkriege. Da brachten die Menschen namenlose Opfer zwar in dem dunllen Drange nach einem endlichen Frieden, aber ohne letzten Sinn, ohne Hinblick auf die Friedensver- Moses Tod Von Bergeshöhe, mühsam jetzt erklommen, Schaut Moses nieder in der Tiefe Wehen, Dort ballen Wolken, sonderbar verschwommen, sich zu Gestalten — Kommen ist's und Gehen —: Sieht sich als Kind, das spielt am Königsthrone, Bewahrt, behütet/ seltsam schon erweckt Von Liedern, die die Amme sang dem Sohne, Bon Liedern, die beglückt ihn und erschreckt. Er sieht den Jüngling stolz dem Leid der Knechte Den starken Arm der Macht verborgen, Und weiß sich fliehend vor des Königs Rechten Eins dem Geschlechte niedrer Qual und Sorgen. Wie sich die Wolken ballen, sieht er fallen Der Pharaonen Thron, vom Zorn getroffen, Sieht Israel zur Offenbarung wallen, Das Herz gespalten zwischen Furcht und Hoffen. Er trägt es auf den Schultern bis zur Grenze, Bis hart am Ziele lischt die alte. Stärke, Nur mühsam noch des Berges Gipfelkränze Erklimmt der Fuß, entwöhnt dem jungen Werke. Da reißt urplötzlich von der Landschaft Schöne Den Wolkenschleier gottentsandte Sonne, Es zieht das Gottesvolk, Israels Söhne, , Ein heil'ger Pilgerchor, in's Land der Wonne. Da strömt die alte Kraft durch Moses Glieder, In Gottbegeisterung erstrahlet Aug' und Stirne, Durchs Weltall rauschen Hosiannalieder, Und Moses stirbt im Gottkuß der Gestirne! Davin Schönberger, Aachen. Altdeutsche Genesis-Handschriften Bon Dr. Hugo Spiegler. Zeitungsmeldungen zufolge will die Wiener Nationalblbliothek ihre kostbaren Handschriften faksimilieren lassen, unr oie Originale vor Abnutzung zu bewahren. Den Anjang sott die durch ihre kunstvollen Miniaturen berühmte „W teuer Gene s i s" machen. Durch diese Kunde wird die jüdische Oeffentlichkeit wieder einmal jene altdeutschen Literaturdenkmäler hingewiesen, die Uebersetzungs- und Bearbeitungsversuche oer Thora darstellen. Da ist zunächst einmal daran zu erinnern, daß derselbe Altsachse, der im 9. Jahrhundert den „Heliand" (Heiland) dichtete, um über Auftrag der Karolinger die christliche Gesinnung bei den Sachsen zu vertiefen, auch, das erste Buch Mosis in altsächsische Verse gebracht hat. Neben dieser „A l tsäch fischen Genesis" sind aus dem Mittelalter noch drei andere deutsche Bearbeitungen desselben Stoffes erhalten: Die „Wiener"', die „Millstädter" und die „Vorauer Genesis". An die erstgenannte schließt sich ein „E x o d u s"-Fragment in deutschen Versen an, das aber, wie man aus der stilistischen Verschiedenheit schließt, von einem anderen Autor herrührt wie die Genesis. Diese verrät viel epische Künste am charakteristischsten in der Darstellung des Schwankens und endlichen Entschlusses der Eva, als sie den Apfel bricht, aber auch lyrisch: Schönheiten. So in der ergreifenden Klage über Rachels Tod und bei der ganz im mittelalterlichen Geiste gehaltenen Ausmalung der Liebesverhältnisse zwischen Isaak und seiner Braut, zwischen Jacob und Rachel, Sichern und Dina. Ueberall steht der Dichter, wie alle altdeutschen Schriftsteller, unter dem Einfluß heimischer Anschauung und Sitte. So wird das Gastmahl zu Ehren des Boten Isaaks ganz nach deutscher Art geschildert. Sogar politische Tagesfragen spielen in das Epos hinein, d. B. die Lareninvestitur der Bischöfe durch den Ring. Da diese durch den Papst Gregor den Siebenten im Jahre 1078 verboten nnrroe, muß das Werk früher entstanden sein. Das llt das einzige, was wir über sein Alter mit Bestimmtheit sagen können. Nicht viel mehr wissen wir über die Oertlichteit seiner Entstehung. Die Sprache weist auf bayerisch-österreichisches Gebiet hin. Die von manchen vertretene Anschauung, daß es aus Kärnten stamme, bedarf noch des überzeugenden Beweises. Sicher ist bisher nur, daß die Handschrift, die sich jetzt in Wien befindet, in Kärnten gefunden und dort schon rm 12. Jahrhundert bearbeitet worden ist. Diese Bearbeitung ist die sogenannte „Millstädter" Genesis und Exodus. Sie erreicht oas Wiener Original in dichterischer Beziehung nicht, übertrisst es aber durch Sachlichkeit und engere Anlehnung an die Bibel. Das Verhältnis der Wiener und dev Millstädter Genesis zur „Vorauer" ist noch nicht ganz geklärt. Für diese dritte Genesis, die wir aus der Uebrrgangszeit vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen besitzen, ist das Hervortreten theologischen Interesses charakteristisch. Der Verfasser erzählt nicht bloß, sondern er deutet die Erzählung auch. So legt er die drei Engelschöve als die drei geistigen Kräfte Gedächtnis, Vernunft und Liebe aus.