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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-10-23 · 43 (23.10.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
43 (23.10.1929)
Date
1929-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NIL» IMch ÄeraleZeilmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. 9«)«0tprtif durch Me Geschäftsstelle '/«jährlich HL 2J0 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0J5 £fit die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Migliedsbeiirage enthalten. Verantwortl. Redakteur: Bruno woyda. »Jüdisch liberal« Zeitung» erscheint |eft«tt Mittwoch. RtdoNion and Geschästsstelle: verlin Lw 11. yall«sch« Sft. 1 Anzeigenpreise: Di« 12gesvalteue RovvaraillezÄte 145 Goldmark. Me Reklamezeiie 3.00 Goldmark. M Wiederholungen Rabatt. Fernruf: Bergmann 3356, 3359 Postscheckkonto: Berlin RW 7. 137069 (Vereinigung für bas liberale Judentum! Rachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenannahme: »Jüdisch»Überale Zeitung* Jnseratenabteilung: Berün sw 11» Hallesche Straße 1 (Bergmann: 335S-S9), sowie sämtl. Annoncen-Lxpedition. Rr. 43 Berlin. 23. Oktober 1929 S. Jahrgang Ae konfessionelle Schule und die religiösen Varleien im Judentum Von Tr. A r t h u r G a l l i n e r, Frankfurt a. M. Tie in diesem Artikel vertretenen Ansichten werden gewiß von zahlreichen Lesern unseres Blattes nicht geteilt werden. Wir glauben aber, daß er Allen zum Nachdenken Anlaß geben kann und veröffentlichen ihn umso lieber, da hier meist ein von den Ansichten dieses Artikels abweichender Standpunkt vertreten wurde. Tic Red. Tie konfessionelle Schule ist in letzter Zeit erneut Gegenstand heftiger Diskussionen geworden, weniger vielleicht unter den politischen Parteien als vielmehr innerhalb der Religionsgemeinschaften. Auch innerhalb der religiösen Parteien des Judentums, ja hier besonders^ stark, ist der Streit um die Schule wiederum entbrannt. So können auch wir nicht achtlos daran vorübergehen. Fast ein Jahrhundert lang ist die Schule ein Streitobjekt der politischen Parteien gewesen. Mit dem Emporkommen der liberalen, demokratischen und sozialdemokratischer Parteien beginnt der Kampf gegen den kirchlichen Einfluß auf das Unterrichtswesen, beginnt der Kampf gegen die konfessionelle und für die weltliche Schule, ein Kampf, der bis in die neuste Zeit gewährt und dem ^eigentlich erst die neue Reichsverfassung ein Ende bereitet hat. Sie setzt die weltliche Schule als Regelschule fest, läßt aber die Möglichkeit der konfessionellen Schule bestehen. Diese hat also als Ausnahme zu gelten. Aengstlich achten die Linksparteien auf die Jnnehaltung dieser Regelung, der Streit um die pädagogischen Akademien z. B. hat dies mit aller Deutlichkeit gezeigt; er hat aber auch offenbart, wie stark noch immer die konfessionellen Sonderwünsche sind — bei Protestanten wie bei Katholiken — und wie schwer es überdies auch heute noch ist, selbst an einer „simultanen" Bildungsstätte uns Juden volle Gleichberechtigung zu gewähren. Es ist daher wohl begreiflich, daß auch die Begründung einer jüdischen „Pädagogischen Akademie" erstrebt wird; wie es protestantische und katholische gibt und wie es ja auch eine Anzahl jüdischer Schulen seit langem schon gibt. Tie Einstellung der jüdischen Gemeinschaft zu dieser Frage ist allerdings durchaus nicht einheitlich. Und seltsam! Gerade die Parteien oder Richtungen, die einstmals Gegner der allgemeinbildenden Schule waren, sie setzen sich heute mit Eifer dafür ein, während die religiöse Richtung, die vor mehr als hundert Jahren eine Reihe bedeutsamer jüdischer Bildungsinstitute weltlichen Charakters geschaffen hat, sich heute mehr und mehr von diesem Schultypus zu entfernen scheint. Denn darüber besteht kein Zweifel: der Reformbewegung im Judentum verdanken die jüdischen Schulen für allgemeine Bildung ihr Entstehen, und ihnen wiederum dankt die Resormbeweguung die starke Förderung; in ihnen wurde das Fundament gelegt, auf dem sie fest und sicher für die Dauer bauen konnte. 1. Die historische Entwicklung. Wie war denn die Entwicklung? Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gab es innerhalb der jüdischen Gemeinde nur eine Erziehung: die religiöse. Und das Mittel dieser Erziehung war das „Lernen", das heißt, das Studium der Bibel und ihrer Kommentare, das Studium des Talmuds. Ein enger Bezirk umschloß die Gemeinschaft und wirrte durch seine Geschlossenheit und Einheitlichkeit als erzieherische Macht. Wohl bestand auch damals eine Verschiedenheit der Anschauungen, aber es gab doch keine organisierten religiösen Parteien, gab vor allem keine Bildungsmacht, die imstande gewesen wäre, die Einheit der religiösjüdischen Erziehung zu bedrohen. Als aber um die Wende des 19. Jahrhunderts mit der deutschen Sprache und Literatur der deutsche Geist in die Judengassen drang, ward diese Einheit bedroht; sie ward zerstört, da die Ghettomauern fielen und die weite Welt den Juden sich öffnete. Nun wurde mit dem Eintritt in die Jdeenkreise eines Rousseau, eines Basedow, eines Pestalozzi auch für den jüdischen Lehrer die Erziehung zu einem neuartigen Problem. Neben die Erziehung zum religiösen Juden trat die Erziehung zum gebildeten Deutschen und darüber hinaus zum reinen Menschentum. Damit kam der Dualismus in die Erziehung und Bildung des jüdischen Menschen und damit die-Gefährdung des Seelenfriedens, die Bedrohung der einheitlichen Persönlichkeit. So wurde denn für den Juden des 19. Jahrhunderts das Kernproblem der Erziehung: den Gefahren dieses Dualismus wirksam zu begegnen. Dazu mußten die Schulen helfen. Schon Mendelssohn hat die Gefahr erkannt und hat zu ihrer Abwendung die ersten Schritte getan. Wir wissen, daß die erste praktische Tat ans diesem Gebiete die Gründung der israelitischen Freischule in Berlin im Jahre 1778 i ans seine Anregung zurückzusühccil ist: nach seinen Angaben hat David Friedländer den Plan für diese Schule entworfen, nach dem die rein deutsche Sprache zur Grundlage allen Unterrichts gemacht werden sollte; der Plan verlangte eine regelrechte Unterweisung in den Elementarfärhcrn des Lesens, Schreibens, Rechnens, anch der Geschichte, Geographie und der französischen Sprache. Tie Kenntnis der Bibel wurde höher gewertet als das Studium des Talmuds und somit der alten Unterrichtsweise und dem bisherigen Unterrichtsstoff in bestimmter Weise entsagt. Es ist keine Frage: Ans dem Kreise um Mendelssohn sind alle Bildungsbestrebungen der deutschen Judenheit hervorgegangen, die letzten Endes kein anderes Ziel hatten, als die deutschen Juden mit der Bildung der Zeit vertraut zu machen, sie einzugliedern in ihre Umwelt, um sie zu befähigen, an den Aufgaben der Zeit, an den Aufgaben der Gesamtheit tätigen Anteil zu nehmen. Und die Führer dieser Bewegung haben dies Ziel erstrebt, errungen in heißem Kampf mit alten Gewalten, mit der starren Orthodoxie: Keine Schulgründung, keine pädagogische, schöpferische Persönlichkeit, die sie nicht in jenen Jahrzehnten verlästert, verketzert hätte! Als im Verfolg des von Kaiser Joses 1781 erlassenen Toleranzedikts den Juden der österreichischen Monarchie in Ungarn, Polen, in Mähren und Böhmen eine Reform des Schulwesens gebracht werden sollte, setzten die Rabbiner im Verein mit den von ihnen beherrschten Gemeinden dem geplanten Werke den heftigsten Widerstand entgegen, weil sie in der Einführung der „christlichen" Jugenderziehung eine drohende Gefahr für das Judentum sahen, und als Hartwig Wessely (Herz Wesel), dieser Meister im Gebrauch der reinen hebräischen Sprache, in der seine bedeutsamen Werke geschrieben sind, dieser Wiedererwecker des klassischen hebräischen Stils, dieser Weggenosse Mendelssohns und Friedländers, dieser bedeutendste Mitarbeiter an dem hebräischen Kommentar der Mendelssohnschen Bibelübersetzung, als mutiger Vorkämpfer für die Reform der jüdischen Jugenderziehung austrat, ward er des Verrats an der heiligen Sache des Judentums bezichtigt, ward er, obwohl ec selber mit unverbrüchlicher Treue an den überlieferten Formen des Judentums festhielt, als Religionsverächter mit dem Banne belegt und seine Schrift als Verderben Israels verdammt und verurteilt. Was er aber in seiner Schrift, seinem Sendschreiben „Worte des Friedens und der Wahrheit" forderte, war nur dies: der wohltätigen Anordnung des Kaisers durch Gründung von geordneten Elementarschulen zu entsprechen, Unterricht und Uebung in der unverderbten deutschen Sprache, Aneignung von allgemeinen Elementarkenntnissen, gründliches Verständnis der Bibel und der hebräischen Grammatik; das Talmudstudium dagegen sollte aus der Elementarschule verwiesen, aber einem späteren Alter, den wissenschaftlich Weiterstrebenden Vorbehalten bleiben. Zugleich sollten die Schulen Pflanzstätten der Sitte und des Anstandes für Schüler und Lehrer sein, — und dafür ward er verbannt und verdammt. Es half ihm nichts, doß er mit biblischen und talmudischen Belegstellen den Wert der geordneten, zum Selbftdcnken führenden Allgemeinbildung, die Forderung der Landessprache und der Landessitte, des geselligen und bürgerlichen Anstandes stützte. In drei glänzend geschriebenen Flugschriften kämpfte er weiter, rechtfertigte und entwickelte sein System mit solchem Nachdruck, daß er nun wohl auch Zustimmung, etwa bei den oüeritalienischen Rabbinen, fand — seine Gegner aber schwiegen. War auch der tatsächliche praktische Erfolg nicht sogleich überall erkennbar, so war doch die religiöse Berechtigung einer zeitgemäßen Reform der jüdischen Jugenderziehung durch diesen Kampf entschieden. t Hartwig Wessely hat durch seine Flug- und Kampfschriften den Boden bereitet, auf dem ein anderer — 5) e r z Homberg — nunmehr bauen konnte. Auch er kommt aus dem Mendelssohnschen Kreise, ja aus seinem Hause, in dem er 1778—1782 als Erzieher der Kinder gewirkt hat. Das Toleranzedikt rief ihn nach seinem Vaterlande, nach Böhmen zurück, und nach glänzend bestandener Prüfung ward ihm von der Regierung die amtliche Oberaufsicht über alle deutschen Schulen der Juden in Galizien übertragen, d. h. er hatte dort das Schulwesen für die jüdische Jugend aufzubauen, für deutsche Bildung den Weg zu bahnen. Als kaiserlicher Schulrat und Lehrer der religiösen Moral für die israelitischen Lehramtskandidaten in Prag hat er jahr- I zehntelang für die Jugendbildung seiner Glaubensgenossen und später auch für ihre bürgerliche Gleichstellung heilsam und unermüdlich gewirkt. Tiefe Verbindung der Emanzipationsbcstrebungen mit den neuen Bildungszieten ist beachtenswert, wie anch die gesamte religiöse Nefo mbcwcgung des Judentums nicht ohne die Reform der Jug..:derzichung denkbar ist. Unter all den zahlreichen Erscheinungen, die den Fortschritt begleiteten, ja hervorriefen, nahm in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts das Schulwesen mit die erste Stelle ein. Ter Bildung und Erziehung der Jugend ward in dieser Zeit erhöhte Aufmerksamkeit, erhöhte Sorgfalt zugewendet. Nach dem Urbilde der Berliner Freischule wurden auch anderwärts, in Böhmen, in Breslau, noch zu Ende des 18. Jahrhunderts jüdische Elementarschulen gegründet; es ging auch jetzt nicht ohne Kampf. Irr Frankfurt am Main wurde eine derartige Schule schon bei ihrem Entstehen (1494) von dem Rabbiner mit dem Bann belegt, eine Maßnahme, die allerdings wenige Tage später auf Weisung „eines wohlregierenden älteren Bürgermeisters" wieder aufgehoben wurde. Wie hier erfuhren auch anderwärts die jungen Bildungsbestrebungen der Juden den Schutz, die Förderung der städtischen und staatlichen Behörden. In Mendelssohns Geburtsort, in Dessau, ward 1890 eine jüdische Elelnentarschule errichtet, die schon zwei Jahre später zu einer Haupt- und Freischule erweitert wurde und die als „Franzschule" den Namen ihres herzoglichen Protektors trug. Sie gelangte unter der wackeren Leitung ihres Vorstehers Tr. Frankel und ihrer Lehrer Salomon und Woljf bald zu hohem Ansehen und wurde wie auch andere zu gleicher Zeit gegründete Institute eine bedeutsame Stütze der religiösen Reform. Und noch eine andere Wirkung übten die meisten dieser Schulen: sie schufen enge kulturelle Beziehungen zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung. Denn sie werden fast alle zugleich auch von christlichen Schülern besucht, ein Beweis dafür, welches guten Rufes sie sich erfreuten. So war es bei der höheren Privatanstalt, die von Bock 1807 in Berlin gegründet wurde, die dann M. Jost und später, als dieser nach Frankfurt übersiedelte, von Sigismund Stern geleitet wurde. So war es bei der Franzschule in Dessau, so am eindrucksvollsten wohl in der Jakobsonschule zu Seesen. Vielleicht mit mehr Mut als Einsicht, mehr Eifer als Kenntnissen, mit mehr Gefühl als Urteil hat Israel Jakobson seine rührige Kraft, sein großes Vermögen, seinen imponierenden Einfluß, ja seine ganze Persönlichkeit in den Dienst der kulturellen Hebung seiner Glaubensgenossen gestellt. Was er zur Besserung ihrer materiellen Lage getan, u. a. zu-r Aushebung des Leibzolls, wird unvergessen bleiben. Was er zur geistigen, religiösen Weiterentwicklung angeregt und tatsächlich geleistet, ist noch höher zu werten. Es hat reiche Früchte gezeitigt. Zwei Ziele verfolgte er: Befreiung seiner jüdischen Zeitgenossen aus der allgemeinen Unbildung und ihre Erlösung von der Unduldsamkeit der christlichen Mitbürger. Daher gründete er ein mit allen modernen Erfordernissen generös ausgestattetes Bildungs- und Erziehungsinstitut, in das völlig gleichberechtigt jüdische sowie christliche Schüler unentgeltlich ausgenommen werden sollten. In der seinen Namen tragenden Jakobsonschule zu Seesen sollten die jüdischen Knaben vor allem zu Deutschen, zu Bürgern ihres Vaterlandes gebildet und die christlichen daran gewöhnt werden, ihre andersglaubenden Mitschüler als Mitmenschen und später als deutsche Mitbürger zu betrachten und zu behandeln. In der Tat gelang es ihm, seinem persönlichen Ansehen, seinem rastlosen Eifer, seiner pädagogischen Autorität, die er — ohne fachliche Vorbereitung — in hohem Maße besaß, daß vornehme und gelehrte Christen dem Institut ihre Teilnahme zuwandten, daß auch christliche Mitbürger ihre Kinder der Schule anvertrauten, daß bald auch zahlende christliche Pensionäre Aufnahme fanden. Schon wenige Jahre nack, ihrer Gründung zählte die Schule zwanzig christliche Zöglinge — ein bedeutsamer Erfolg — ein entscheidender Schritt zur Verwirklichung der Gleichberechtigung und zur Eindeutschung der deutschen Juden; den gleichen Aufgaben und Zielen widmeten sich auch andere zu eben der Zeit von Juden begründete Schulen, die Samsonschule in Wolfenbüttcl. von Jakobsons Schwager Jsaac Herz Samson 1807 gestiftet — Zunz und Jost sind Schüler dieser Anstalt gewesen die Elementarschule in Kassel, 1809 von dem Konsistorium errichtet, dessen Präsident Israel Jakobson war, eine Schule, die besondere Bedeutung durch die Andachtsstunden erlangle, die allsabbatlich die Schüler vereinigte. Da wurden neben einem Teil der hebräischen Hauptgebete auch Gebete und Gesänge in deutscher Sprache vorgetragen, die eigens zu diesem Zweck verfaßt warm. Eine deutsche feierliche Ansprache wurde gehalten, häufig von dem Präsidenten selbst. Und bald wurden diese Andachtsstunden auch von den Eltern der Kinder besucht. Obwohl zunächst von der Jugend für die Jugend geschaffen, ward diese neue Form des Gottes- Sendet den sAUgen Beitrag für das 4. Quartal 1929 in Höhe von Mk. 2,50 auf dar Postscheckkonto der Vereinigung für dar liberale Judentum Berti« Rr. 137 06S ei«.

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