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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-10-16 · 42 (16.10.1929) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
42 (16.10.1929)
Date
1929-10-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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9. Jahrgang Nummer 42 Beilage IS. Oktober 1929 Zur Diskussion über Unsere BerSssentlichungen -er letzten Zeit zu -en Vorgängen in Palästina haben eine Fülle von Zuschriften veranlaßt, von -enen wir einige in den nächsten Wochen wiedergeben wollen. Wir versagen er uns vorerst, unseren eigenen Standpunkt hier nochmals zu betonen und versagen es uns ferner, auf die Art, in der zionistische Blätter jetzt -en Kampf zu führen für angebracht halten, einzugehen. Das in München erscheinende zionistische Blatt „Das Jüdische Echo" hat es beispielsweise für angebracht gehalten, auf den hier veröffentlichten Artikel „Kanonenfutter" damit zu antworten, daß die hier oorgebrachten Argumente gar nicht in der Wirklichkeit vorhanden seien, sondern „nur in -er Phantasie des Herrn Woyda oder sagen wir es lieber gleich mit jener Deutlichkeit, die in diesem Falle einzig angemessen scheint, in feinen anmaßenden, verleumderischen und lügenhaften Entstellungen". Aehnlich klingt es in zahlreichen anderen zionistischen Zeitungen. völlig undiskutabel find auch die Aeutzerungen, die die in zahlreichen Tageszeitungen veröffentlichte Erklärung deutscher Juden in zionistischen Zeitungen heroorgerufen hat. In einem Artikel des Herrn Moses Waldmann, der nahezu übereinstimmend in fast der gesamten zionistischen Presse veröffentlicht ist, werden die Unterzeichner als „Menschen, denen geistige Trägheit und Ghettosnrchtfamkeit Richtschnur ihres jüdischen Handelns sind", als „entjudete Protest-Israeliten" bezeichnet. Diese Abwehrerklärnng gegen die nationaljüdische Agitation wird begeifert als „Aktion dieser entjudetm Gesellschaft", als „ein Zeichen innerer Knechtseligkeit". Wir glauben, daß eine derartige Kampsesweife sich selbst kennzeichnet und begnügen »ns damit, gegenüber einigen wenigen Irreführungen, die mehrfach wiederkehrm, Folgendes sestzustellen: 1. In der Sitzung der Frankfurter Reprasentantenversammlnng vom 4. September 1929 wurde eine Interpellation des Herrn Dr. Rudolf Geiger betreffend Teilnahme der Gemeinde bei der Erweiterung der Jewish Agency behandelt. Dabei beantwortete Herr Dr. Baerwald namens des Gemeindevorstandes die Anfrage u. a. dahin, „es könne nicht die Rede davon sein, daß der Getnemdeoorstand etwa durch Herrn J.-R. Dr. Blau in der Jewifh Agency vertreten sei, ebensowenig wie etwa Herr Stadtrat Asch den Magistrat der Stadt Frankfurt oder Herr Rabbiner Dr. Baeck den Rabbineroerband in der Jewish Agency vertrete." 2. In der Berliner Gemeinde haben von den 13 Nichtzionisten der Reprasentantenoersammlung nur 3 für eine Beteiligung an der Erweiterung der Jewish Agency, 10 aber dagegen gestimmt. Eine Beteiligung kam nur dadurch zustande, daß die 8 Zionisten der Repräsentantenversammlung für die Beteiligung der Nichtzionisten stimmten, wodurch ein Beschluß mit 11 zu 10 Stimmen zustande kam. 3. Rabbiner Dr. Weiße hat entgegen der Darstellung eines jüdischen Blattes den Aufruf der Jewish Agency unterzeichnet. Der Aufruf „Hilfe durch Aufbau" ist mit seiner Unterschrift in der Tagespresse veröffentlicht worden. 4. Gegenüber der Darstellung, daß die Erklärung deutscher Juden fast ausschließlich von Mitgliedern oer Bereinigung für das liberale Judentum und von nationaldeutschen Juden der Richtung Naumann unterzeichnet sei, — womit allerdings nach unserer Ansicht noch nichts gegen die Sach« gesagt wäre, — sei nur darauf hingewiesen, daß zu den Unterzeichnern nicht weniger als 36 Mitglieder des Hauptvorstandes des Lentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gehören, während oer Aufruf der Jewish Agency noch nicht die Hälfte Unterzeichner aus diesen Kreisen gewonnen hat. 5. Selbstverständlich wird in die Erklärung deutscher Juden jetzt allerlei hineininterpretiert, was nicht darin steht, um sie dann wirkungsvoller bekämpfen zu können. Der Satz „Wir betrachten uns mit der üverwiegenden Mehrheit der deutschen Juden als Glieder des deutschen, nicht eines jüdischen Volkes" wird fo dargestellt, als ob dadurch andersdenkenden jüdischen Deutschen ihr Deutschtum abgesprochen werden soll. Das ist natürlich ebenso abwegig, als wenn aus dem vorhergehenden Satz „Wir bekennen uns zum Judentum, lehnen aber jeden jüdischen Nationalismus ab" gefolgert werden würde, Andersdenkende bekennen sich nicht zum Judentum. Wir behalten uns vor, zur weiteren sachlichen Klärung der erörterten Probleme demnächst noch ausführlich Stellung zu nehmen. Vorerst erscheint es uns geboten, daß alle Beteiligten darauf hinwirken, daß diese Auseinandersetzung in Formen erfolgt, die dem Streit der Meinungen würdig find. Die Re-aktion. I. Rachdenkwürdiges zum Aufruf der Zewifh Agency. Von einem Bekehrten. Der sechsten Nummer oer Blätter des Keren Hajessod liegt oer bekannte Aufruf der Jewish Agency ilfedurch Aufbau" bei, in dem jeder Jude aufgefordert wird, „rasch und mit voller Hand große Summen dem Jüdischen Palästinawert zur Verfügung zu stellen". Tiefes Dokument ist dazu angetan, zu mancherlei Betrachtungen anzuregen. Es sei hier davon abgesehen, die Feststellung, es hätten sich die Repräsentanten oer jüdischen Gemeinschaften aller Länder verpflichtet, mit aller Kraft an der Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina mitzuarbeiten, einer Kritik zu unterziehen; das ist von anderer Seite an anderer Stelle wirkungsvoll geschehen. Wohl aber sei warnend auf die Unbekümmertheit hingewiesen, mit oer die geistigen Väter des Ausrufes die Zukunft vorauszusagen unternehmen, um den erwünschten Erfolg sicherzustellen. „Unvergeßliche, so heißt es im Ausruf, „wird in allen Teilnehmern der Eindruck jener Stunde weiterleben, in der nach langen Zeiten der Zersplitterung der große und dauernde Bund aller Teile der jüdischen Welt zu gemeinsamer Tat geschlossen wurde." — Kein Mensch kann mit Bestimmtheit die Zewlsh Agency von eineni Bunde Voraussagen, daß er dauernd bestehen bleiben werde. Man darf angesichts der Ernüchterung, die b»e Ereignisse in Palästina bei Nichtzionisten, aber auch innerhalb des zionistischen Lagers hervorgerufen haben, der wohlbegrünoeten Meinung sein, es werde bei weiteren Konflikten eine erheblich reinere Scheidung der Geister kommen, als sie in diesen letzten Jahren, da die überaus geschäftige und geschickte Agitation der zionistischen Führer die Gemüter verwirrte, vorhanden war; es werde die Einsicht, daß man durch die Förderung der Einwanderung in Palästina länglich eine weitere, dazu noch gefährlichere „Galuth" errichte, alle jenen Elemente zur Abwehr jüoisch-nationalist'ischer Tendenzen zusammenführen, die heute innerlich schwankend sind und aus einer gewissen romantisch temperierten Stimnmng heraus „wieoeraUsbauen "helfen. — „Es ist eine bedeutungsvolle Fügung des Schicksals, daß der Abschluß der Erweiterung der Jewish Agency gerade an dem Tag erfolgte, an dem in Erez Israel Juden die Opser von Uebersällen wurden." — Jeder ordnet die Tinge 1», wie sie sich am gefälligsten und wirkungsvollsten ausnehmen. Ter ernsthaft nach einem Urteil Suchende jedoch kümmert sich um derlei Erwägungen wenig und setzt möglicherweise die Fakta in anderer Reihenfolge nebeneinander. Herr Oskar Wassermann meldet uns in seinem Aussatz „Zu den Ereignissen in Palästina", daß am 14. August die feierliche Begründung der Jewish Agency erfolgt fei, und am 15. August der Araberübersall stattgefunden habe. Hier liegt zwar nur ein Tag zwischen den Ereignissen; aber diese Zeitspanne ist bei Beurteilung historisch wichtiger Vorgänge wohl zu beachten, und wer sie übersieht, verwechselt leicht Grund uno Folge. Es ist nicht nur von einer Stelle aus die Meinung ausgesprochen worden, die Uebersälle seien die Antwort aus den „Staatsakt" in Zürich gewesen. Und diese Meinung hat das für sich, daß sie nicht in Widerstreit gerät mit der Chronologie der Vorgänge in Palästina. — „Das arabische Volk in Palästina in seiner großen Mehrheit steht dem Aufruhr mit seinen barbarischen Untaten fern. Er ist das Werk einer kleinen Gruppe, die für ihren Einfluß fürchtete, und der der Streit um die Klagemauer willkommenen Agitationsstoff bot." Vom Standort der „Galuth" aus gesehen haben diese Ausführungen Veranlassung zu interessanten Transpositionen. Man setz« anstelle des Attributes „arabisch" irgendeine beliebige Volksbezeichnung, etwa „deutsch", und anstelle „kleine Gruppe" — „Nationalsozialisten" (so heißjen übrigens die arabischen Völkischen längst), und man wird finden, daß die Zukunft, die den nach Palästina auswandernden Juden winkt, aufs Haar der Situation gleicht, die wir in der Diaspora uns schon — fit venia verbo — an den Fußsohlen abgelauftm haben. Ja, sie nimmt sich weit bedenklicher aus, wenn man die politisch-ethnographisch-volkspsychologisch gegebenen Möglichkeiten blutiger Zusammenstöße in Rechnung stellt, mit denen wir „Westler" denn doch wohl nicht mehr zu rechnen brauchen. Das Bild dieser Konstellation sei nur umrissen, und dem Leser bleibe es überlassen, die Schlüsse zu ziehen. — „Ruhe und Ordnung sind wiederhergestellt und werden aüfrechterhalten bleiben. Tie Mandatarmacht, die die Verpflichtung übernommen hat, das Land unter solche... Bedingungen zu setzen, die die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte sichern, wird dieser Verpflichtung Nachkommen." — Ob Ruhe und Ordnung wirklich wieder hergestellt sind, darf man nach der Lektüre der Presseberichte füglich bezweifeln. Es liegt nach! wie vor wie dumpfe Gewitterschwüle iifci'r den Häuptern der palästinischen Juden. Woher aber wissen die Herren, die vom sichern Port aus gemächlich raten, daß Ruhe und Ordnung ausrochterhalten bleiben werden? Hier scheint denn doch wieder einmal der „verruchte Optimismus" zu obwalten, der sich eines Tages bitter rächen kann; nicht an den Oratoren hinter den Schreibtischen behaglich sicherer deutscher, englischer und amerikanischer Büros, wohl aber an den in die Diaspora Palästinas verschlagenen, die ihre Haut zum arabischen Markte tragen müssen. Woher wissen die Herren weiter, daß die Mandatarmacht ihrer VerpfAchtung Nachkommen wird? Hat man nicht von hochgestellter zionistischer Instanz aus den Vorwurf gegen England geschleudert, daß es seiner Verpflichtung nicht nachgekommen sei? Hagelten nicht aus allen Blättern der zionistischen Presse härteste Anklagen aus die Mandatarmacht hernieder? Sind nicht hier und dort wohlbegründete Vermutungen aufgetaucht, daß ein anderes Land das Mandat übernehmen werde? Und hat nicht der Papst unmittelbar nach Ausbruch der Unruhen in Palästina ein die Sachlage komplizierendes Wort gesprochen, das seltsamerweise in der Oefsentlichkeit nicht genügend beachtet wurde? Und da prophezeit man srischfröhlich, die Mandatarmacht werde ihre Pflicht tun? Es ist wahrhaftig schwer, keine Satyre zu schreiben. — „Wenn wir die Zahl der jüdischen Einwanderer verdoppeln, verdreifachen können, erhöhen wir aus eigener Kraft die Sicherheit der Siedlung. Zehntausende junger Juden stehen bereit, die in das Land gehen wollen. Haben wir die erforderlichen Mittel, dann ist! an Erreichung unseres Zieles nicht zu zweifeln." — Wohlan, wir zweifeln daran. Nicht aber bezweifeln wir, daß die Verfasser des Ausrufes schlechte Psychologen und — fälsche Propheten sind. Je kleiner eine Minorität ist, die mit der sie umgebenden Majorität aus allen Gebieten konkurriert, desto weniger wird das Spannung schaffende Verschiedene im Tempo des Lebenskampfes gespürt, desto geringer ist die Möglichkeit von Exzessen. Wächst die an Zahl und Einfluß geringere Gruppe 'unverhältnismäßig rasch, so wird sie zur hassenswerten Rivalin, auch wenn sie es gar nicht zu werden beabsichtigt. Tiefes Verhältnis ist implicite milgesetzt. wenn zwei Gruppen unter demselben Himmelsstrichnebeneinander ihr Werk verrichten, und sie fft es in verstärktem Maße bei Temperamenten von der Art der Juden und der Araber. Hier mag das Btatt der heiligen Schrift Zeuge sein, das uns vom Streit der Abrahamschen und Lotschen Knechte berichtet. In diesem Zusammenhang sei auch ein Wort gesagt zu den Enunziationen führender Zionisten, in denen sie — zweifellos bona sioe versichern, die Einwanderung der Juden in Palästina geschehe mit friedlichster Absicht, es fehle jede Eroberungs- und Herrrschneigrmg. Man wünsche weiter nichts als mit den arabischen Nachbarn in schönstem Einvernehmen den Boden zu bebauen, den Wohlstand des Landes und seine Kultur zu fördern. Derartige Bekenntnisse haben lediglich agitatorische Bedeutung; als Wechsel aus die Zukunft jedoch sind sie ohne jeden Wert. Niemand kann dafür bürgen, daß nicht einmal imperialistische Tendenzen aus einer ocr beiden Gruppen im „b irrationalen" (welch eine unsinnige Konstruktion!) Staat Palästina aujstreben uno eines Tages das in Trümmer legen, was mit gewaltigen Opfern aufgebaut wurde. Jabotinskys gibt es melir denn einen nicht nur unter den Juden, sondern in allen Völkern. Und es kann einmal die Stunde kommen, da sie den Arm zum furchtbaren Kommando heben uud ihre Gefolgschaft gegeneinander anrennen lasten. Tonn sind im Augenblick all die menschenfreundlichen Teklarationen vergessen, die einst die Marktschreier der Theorie von der nationalen Heimstätte der Juden in Palästina in die Welt hinaussandten, und Mars wird die Stunde regieren. Man wird diese Auffassung eines Menschen, der - er will es bekennen - sich auch hat in seiner Haltung schwankend machen lassen, und dem erst nach dein Ausbruch der blutigen Unruhen die Augen aufgingen, als demagogisch, hetzerisch und wie sonst immer „anprangern"; cj liegt ihm daran nichts' Hier soll nachdrücklich vor der WeitLkverfolgung von Illusionen gewarnt werden, damit namenloses Unheil vermieden werde. Hier soll die Vernunft zur Ordnung gerufen werden, die im Begriff steht, sich vom Rausch romantisch verbrämter Abenteurerpläne einfangen zu lassen. Tie Juden haben wahrhaftig genug bittere Enttäuschungen erlebt, seit sie die Wanderschaft durch die Welt antrcrt'en. Möge ihnen die verhängnisvollste erspart bleiben, die kommen muß, wenn nicht bald die Trübe des Blickes von der nüchternen Urteilskraft verscheucht wird. Und darum sei dem Imperativ des Jewish Agency-Auirufes, viel Geld zu geben, ein anderer gegenübcrgestellt: Pflicht jedes Juden ist es, im gegenwärtigen Augenblick und in Zukunft der Jewish Agency und ihrem Finanzinstrum ent die materielle und moral ische Unterstützung zu verweigern; Pflicht j eoes Juden ist es, seine geistige und finanzielle Kratzt den Bestrebungen zur Verfügung zu stellen, die eine Entwicklung der jüdischen Fra ge zum Frieden und zur Sicherheit hin verheißen. Pflicht eines jeden Juden ist' es, des Wortes Jeremias eingedenk zu bleiben, das er einst an die nach Babylonien w e g g e f ü h r t e n Brüder richtete: „Bauet Häuser und wohnet darin, pflanzet Gärten und e ß t ihre Frucht, suchet das Wohl der Stadt, dahin ich Euch wegge^ führt habe, und betet um sie zu dem Ewigen; denn in ihrem Wohl ist auch das eure beschlossen!" II. Für die Zewish Agency Bielefeld, den 3. Oktober 1929. Herrn Rechtsanwalt Heinrich Sehr geehrter Herr Kollege, Stern B e r l i n. Ihren Aufsatz „Entscheidung" in Nr. 39 unserer „Jüdisch-liberalen Zeitung" habe ich mit aller Aufmerksamkeit, die eine so objektive und ehrliche Behandlung des Problems verdient, gelesen. Und je weiter ich las, umso mehr wuchs bei mir das Bedauern darüber, daß eine Frage, die die Grundlagen unserer geistigen und bürgerlichen Existenz gar nicht berührt, die auch für den eigentlichen Aufgabenkreis unserer religiösen Vereinigung durchaus nicht kardinal ist, liberale deutsche Juden in scharfe Frontstellung gegen andere liberale deutsche Juden gebracht hat. Im folgenden möchte ich Ihnen darlegen, aus welchen Motiven heraus man auch als treuer und überzeugter Anhänger unserer Vereinigung sich an dem Palästina-Aufbau beteiligen kann, und es würde mich freuen, wenn ich dadurch auch ein wenig dazu beitragen könnte, Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen Anschauungen zur Verständigung über ein gemeinsames Ziel. Kurz gesagt: ich teile völlig und ohne Einschränkung Ihre Auffassung vom Wesen des Judentums. Auch ich bejahe das Leben in der Diaspora und verneine die Existenz einer Galuth. Ich bekenne mich uneingeschränkt zur deutschen Volksgemeinschaft. Aber gerade, weil mir diese Dinge so absolut selbstverständlich sind, liegt mir vielleicht!die Denkweise der englisch-sprechenden Länder, der beim Gebrauch der Worte „national" und „Volk" in jüdischen Angelegenheiten jeder Gedanke an eine Rückwirkung auf die Beziehungen zum Heimat- und Vaterlande fernliegt, näher, als die von einem großen Teil der deutschen Juden vertretene, in der ich nur Zeichen einer gewissen Unsicherheit oder Schwäche erblicken kann. Aus dieser Mentalität heraus entstehen dann Veröffentlichungen wie die jetzt in den Tageszeitungen erschienene „Erklärung deutscher Juden", in der eine Anzahl kluger und einflußreicher Glaubensgenossen die jüdische Position in Deutschland dadurch zu verbessern glaubt, daß sie ein von vielen Millionen Juden aller Länder getragenes Kulturwerk herabsetzt, den Vorurteilen. über geringere nationale Zuverlässigkeit vieler Juden Vorschub leistet und rein-jüdische Zwistigkeiten aus dem Innern unseres Hauses gewissermaßen auf die Straße trägt. — Mir kann überhaupt gar nicht der Gedanke kommen, als ob ich durch die Beteiligung an dem Palästina-Aufbau-Werk zu erkennen gebe, daß ich mich „national nicht als Deutscher fühle". Auch mir wäre es lieber, wenn der Palästina-Aufbau sich nicht auf Grund der Terminologie der Balsour-Deklaration und des Bölkerbundsmandates vollzöge. Aber es besteht nun einmal eine völkerrechtlich gegebene Tatsache. Verfolgt der Völkerbund, zu dem ja auch Deutschland gehört, nationaljüdische Tendenzen? Ich glaube es nicht. Mögen die Zionisten den Sinn des nationalen Heims für das jüdische Volk verstehen wie sie wollen, sicher ist,' daß die Völkerbundsmächte mit ihrem Mandatstext nicht die deutschen, englischen usw. Juden aus ihrer deutschen, englischen usw. Bolkszu-

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