Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 42 (16.10.1929)
- Date
- 1929-10-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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gehörigkeit aus streichen wollten. Das Gegebene ist doch wohl, jenseits aller Theorien den Sinn des nationalen Heims so aufzufassen, wie ihn der Völkerbund selbst airfsaßt. Ich glaube auch, daß nichts mehr dazu beigeti-ageu hätte, die rein national-jüdische Ideologie bei diesem ganzen Werk in den Hintergrund zu drängen, ja allmählich zu überwinden, als wenn die gesamte europäische und amerikanische Judenheit, unter aufrichtiger Betonung ihrer Sonderauffassungen sich einfach auf den Boden des Völkerbundsmandats gestellt hätte, und die theoretischen Kontroversen gar nicht aufgekommen wären. Auch Lord Melchett wird trotz seines Aufrufs „An das jüdische Volk" ganz gewiß nicht aufgehört haben, sich als vollwertiges Glied des englischen Volkes zu fühlen. Wir Juden sind ja überhaupt ein Fall für sich: Man kann, glaube ich, tatsächlich gleichzeitig 10!) Prozent Deutscher und 100 Prozent Jude sein. In jedem Fall macht m. E. die Beteiligung der Nichtzionisten aus einer „jüdisch-nationalen" Angelegenheit ganz von selbst eine Sache der gesamten religiös, strmmesmäßig und geschichtlich, aber nicht Mehr national verbundenen Juden. Nun aber kommt als Stein des Anstoßes die Idee des „Jüdischen Zentrums". Ich lehne sie mit Ihnen ab, wenn darunter verstairden ist, daß die Zentralisierung des Judentums in Palästina die Voraussetzung sei für jede Entwicklung des Judentums überhaupt. Tie Idee: „keine Erneuerung des Judentums ohne eine nationale Heimstätte der Juden in Palästina" liegt auch mir weltenfern. Aber damit brauche ich noch nicht die Möglichkeit zu verneinen, daß in Zukunft von dem Kulturwerk in Palästina günstige Wirkungen auch auf die Juden in allen andern Ländern ausgehen können, die auch dem Judentum wieder förderlich sind. Und noch anders steht es, wenn man die Frage stellt: wie wirkt die Palästina-Bewegung auf die jüdische Gemeinschaft? Sie glauben, die Palästina-Bewegung sei bedeutungslos für die Ueberwindung des Jndifferentismus in den Kreisen des deutschen Judentums, dessen Vorhandensein Sie übrigens auch bestreiten. Mir ist sie, im Gegenteil, gerade deswegen wertvoll, weil ich glaube, daß sie dem jüdischen Leben einen neuen Impuls, einen erhöhter Schwung und ein praktisches Ziel gibt. Ich bin überzeugt, daß sie sehr viel dazu beitragen wird, die Gleichgültigkeit zu überwinden und zahlreiche Glaubensgenossen wieder enger mit der Gemeinschaft und mit jüdischen Interessen und Bestrebungen, auch den religiösen, zu verbinden. Das religiöse, für sich allein, hat, wenigstens bei uns Liberalen, bisher nicht allzu viel gemeinschaftsbildende und zur Betätigung anfeuernde Kraft entwickelt. Die jüdische Gemeinschaft, Menschen, die Juden sein und bleiben wollen, müssen wir aber erhalten unö sammeln um des Judentums willen; denn vorläufig gibt es trotz allem Universalismus keinen anderen Boden für unsere Weltanschauung als unsere angestammte Gemeinschaft. Der Jndifferentismus, ja der Abfall ist leider in unfern Kreisen so groß, daß mir gerade um der auch von mir geglaubten und erhofften messianischen Zukunft des Judentums willen jedes Mittel recht ist, das geeignet sein könnte, die jüdischen Menschen zu wecken, zu verbinden, zu begeistern. Wenn ich so von der Palästina-Bewegung günstige Wirkung für die Inden in der Diaspora erhoffe, so bedeutet das jüdische Heim in Palästina deswegen für mich doch durchaus nicht die Lösung der Judenfrage - wie für die Zionisten — sondern höchstens den Versuch einer Teillösung. Wenn die These: „Keine Erneuerung des Judentums ohne jüdisches Heim in Palästina" richtig wäre, so stünde es schlimm um das Judentum. Aber der Versuch, dem Judentum aus dem Wege über Palästina frische Kräfte zuzusühren, gleichzeitig den innerjüdischen Kampf zu mildern und der ganzen Umwelt Achtung vor jüdischem Idealismus und jüdischer Arbeit aufzunötigen, dieser Versuch sollte doch gemacht werden! Hierbei bedrückt mich auch nicht der Gedanke, daß die Arbeit für mich nur eine Teilarbeit ist, während sie für die Zionisten die Grundlage ihrer ganzen jüdischen Cristen - bedeutet. Ich täusche ja keinen der Mitarbeiter über meine Anschauung mrd bleibe immer in der Lage, meinen Stand Punkt zu wahren, wo sich einmal in der praktischen Aus führung die Wege scheiden sollten. _ Für meine Entscheidung liegt hiernach der etwaige Treuuungspunkt nicht bei der Terminologie der Jewish Agency, sondern vor allem bei der Frage, ob der Palästina-Aufbau nn Sinne und mit beu Methoden des Nationalismus oder gemäß den sittlichen Anschauungen unserer Zeit über das Selbstbestimmungsrecht aller, auch der kolonialen Völker betrieben wird. Hier könnten sich meine Wege von denen der Agency teilen, wenn diese nämlich nicht versteht, bas Araber-Problem auf gerechtem und friedlichem Wege zu lösen und sich dafür lieber auf die englischen Bajonette oder auf eine für alle Zukunft sehr problematische Selbstwehr stützt. Von „historischen Rechten" höre auch ich nicht gern reden. Ich hoffe, daß der Geist der führenden Männer erlevchtet genug sein wird, um mit diesem schweren und entscheidenden Problem in der richtigen Weife fertig zu werden. Denn damit steht und fällt für mich die ganze Zukunft des jüdischen Palästina. Mit den vorstehenden Ausführungen wollte ich Sie nicht zu „widerlegen" versuchen, denn auch Ihre Ueberzengung ist mir heilig. Ich wollte nur zeigen, daß man auch als ganz ehrlicher Nichtzionist sich an der Agency, wie sie nun einmal ist, ans jüdischem Herzen beteiligen kann. Sollte ich mich aber irren oder eine weitere Entwicklung mich eines anderen belehren, so würde dies für meine Anschauungen über die Grmrdlagen und die Zukunft des Judentums jedenfalls nicht von entscheidender Bedeutung fein. Hierin weiß ich mich mit Ihnen und allen andern liberalen Glaubensbrüdern eins. Hüten wir uns daher davor, daß diese Meinungsverschiü>enheit in einer für uns nicht zentralen'Einzelfrage die Einigkeit und Werbekraft des ganzen religiösliberalen Judentums gefährde. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener Katzenstein. Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands in. Der neue Bund Tie Nr. 3 9 der „Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 28. September 1929 ist eine der bemerkenswertesten Nummern unseres Vereinsorgans. Nicht wegen des sehrmatt gehaltenen „Vereinigungsbcschluß zur Jewish A g e n c y". Aber es stehen in dieser Nummer drei andere Artikel, die nicht nur die zeitweilige, sondern auch dauernde Aufmerksamkeit der Leser Hervorrufen können. Einer spricht vom „alten Judentum", zwei vom „neuen Bund". Der erste ist der sehr maßvolle Aussatz gegen den Zionismus „Entscheidung" von R.-A. Heinrich Stern. Stern kommt in seinen Ausführungen dazu, dem Zionismus die Idee der Schaffung eines neuen Judentums zuzugestehen. Ist diese Auffassung zutreffend? Sind nicht wir es vielmehr, die an der Entwicklung des „neuen" mit Mendelssohn und durch ihn begonnenen Judentums arbeiten. Will nicht gerade der Zionismus zum alten Judentum zurück? Ganz abgesehen vom „nationalen Aufbau Palästinas" erscheint dies aus einem anderen Passus des Aufrufs der deutschen Mitglieder der Jewish Agency deutlich erkennbar. Es ist in diesem Aufruf die Rede, daß der jiddische Selbstschutz sich während der Araberunruhen in Palästina so vorzüglich bewährt habe. Diese Anerkennung verdienen die wehrhaften jüdischen Männer und Jünglinge wahrlich.in vollstem Maße. Aber dann heißt es weiter: zur größeren Sicherheit müßten noch mehr junge Juden nach Palästina gehen. „Zehntausend junge Juden in Deutschland stehen bereit..." nach Palästina in Not und Todesgefahr zu gehen. Denn daß durch sofortige verstärkte Einwanderung wieder neue Revolten entstehen müssen, ist doch wohl mit Sicherheit anzunehmen. Das von Professor Weizmann bei der ersten Besiedelung nach der Balfourdeklaration geprägte-Wort „hier sei etwas geschehen wie nie in der Weltgeschichte vorher, hier habe ein Volk ohne Bajonette und Kanonen seine Ansprüche auf ein Land durchgesetzt", war schon damals unzutreffend und hat sich erst recht jetzt als falsch erwiesen. Wenn die Mandatarmacht vorher für genügend Waffen und Kriegsmaschinen gesorgt hätte, würde das „jüdische Volk" nicht so viel Opfer an Gut und an Blut zu beklagen haben. Also man verlangt noch mehr Selbstschutz, d. h. in diesem Falle frisch-fröhlicher Krieg, zu dem man durch eine Fanfare auffordert. „Zehntausend junge Juden stehen bereit..." In der Vorkriegszeit hat einmal während eines Marokkokonslikts der Oberst eines Preußischen Husarenregiments an den obersten Kriegsherrn depeschiert: „Das H n s a r e nr eg i m e n t Nr. brennt darauf, gegen den F e i n d geführt zu werden..." Bei einem Reiteroberst ist solche kriegerische Einstellung erklärlich. Auch wenn Zionisten der Richtung Jabotinsky eben erwähnte Stelle des Aufrufs der Jewish Agency unterschrieben, war es zu verstehen; deren nationalistischer Standpunkt erklärt solche Auffassung. Aber wie ist es mit den Zionisten anderer Richtung, die in Palästina einen pazifistischen Musterstaat errichten wollen? Und nun gar die N i ch 15 i 0 u i ft e u, die ein nationales Palästina ablehnen! Auch die wollen die Eroberung Kanaans wie einst zur Zeit Josuas „mit der Schärfe des Schwertes"! Sind sich die uichtzioniftischen Rabbiner und Laien, deren Namen unter dem Ausruf stehen, dessen nicht bewußt gewesen?! Namen besten Klanges, Namen von Männern, die wahrscheinlich alle Pazifisten strengster Observanz sind, denen jedes Menschenleben, ja sogar das des Mörders, heilig und die deshalb Gegner der Todesstrafe sind. Hier werfen sie die Grundsätze der jüdischen Prophetie, der Humanität, die Lehren von sich. Denn wenn diesem Aufruf Folge gelüstet wird, werden wahrlich nicht „die Schwerter zu Sicheln", sondern die Sicheln zu Schwertern umgeschmiedet werden. Altes, ältestes Judentum, bis weit h i n t e r die Prophetenzurück! Vom „neuen Bund" spricht Dr. M. Spanier, der wie immer bei der Erklärung der Psalmen und Propheten auch bei der Deutung von Jeremia 31, 30—32, schöne, tiefe Worte findet. Von einem „neuen Bund" spricht gewissermaßen auch Erich Bayer in seinem Artikel „Ausgaben des praktisch eit Lebens als Pr 0 gram mp unkte des liberalen Judentums". Ich für meinen Teil kann Erich Bayer nicht zustimmen; ich halte die von ihm in dieser Form vorgeschlagenen Fragen als Programm für eine Delegiertentagung der Liberalen Bereinigung nicht geeignet. Man würde durch deren ausschließliche Belyrndlung auf einer solchen Tagung zu sehr in das rein technische Gebiet geraten. Ich kann Erich Bayer auch nicht darin zustimmen, daß „Behaglichkeit und Ruhe" ohne weiteres den Menschen mitfühlender für die Not seines Nächsten machen. Ebensowenig wie ich die wirtschaftliche Not als die alleinige oder auch nur Hauptursache von Herzlosigkeit des Einzelnen ansehe. Es sind ja auch schon jüdische Einrichtungen zur Linderung schlimmster Nöte des Mittelstandes vorhanden. Erich Bayer nennt sie ja auch: Logen, Mittelftandskasscu usw. ^Gewiß wird sich deren gemeinsame Kraft und Leistungsfähigkeit verstärken lassen, wenn alle diese Einzeleinrichtungen in Deutschland an einer Stelle zentralisiert werden. - Aber damit und dadurch würde eine andere Gefahr verstärkt werden, die Gefahr der völligen Entindividualisierung. wirtschaftlicher H»ilfe am Nebenmenscheu und Glaubensbruder. Tenn individuell geurteilt und geholfen werden kann immer nur in kleinerem, engeren Kreise. Und gerade dieje individuelle Hilfe ist echt jüdisch. Im Gegensatz zu anderen Weltanschauungen, die die charitative Betätigung des Einzelnen am Einzelnen geradezu verwerfen, die alle Verantwortung und alle Hilfe nur der Allgemeinheit zuschieben, glaubt das Judentum des guten Herzens des Einzelnen nicht entraten zu können. Und bisher hat es den Anschein, als ob die jüdische Auffassung recht bebehalten soll. Wenn wir in dieser Beziehung mehr und Besseres erwirken wollen, dann kann das nicht durch eine so unpersönliche Einrichtung wie ein zentrales Amt geschehen. Persönlichkeiten müssen sich, jede in den für sie geeigneten Einzelfä.len, einsetzen für Besetzung offener Stellen, für Linderung wirtfchaft.icher Nöte. Persönlichkeiten müssen darauf Hinweisen, daß man „ein Geschäft durchaus nicht zu einer Wohltätigkeitsanstalt macht" (eine heutzutage sehr beliebte Redensart), wenn man bei dessen Leitung und Führung humanitäre Gedanken und Grundsätze nicht ganz außer acht läßt. Das ist nach meiner Auffassung der Weg, auf dem der Liberalismus die l'eb reinstimmung von Lehre und Leben erwirken kann. Wenn er diesen Weg beschreitet, muß er natürlich offen und rücksichtslos darlegen, wo die größte und dringendste Not vorliegt. Wo man in Wahrheit praktisches Judentum betätigen kann. In einem der letzten, so überaus zahlreichen Aufsätze über Mendelssohn war als besonders tragisch hingestellt, daß er (Mendelssohn) gezwungen war, Kaufmann zu sein. Nicht der Arbeit wegen; aber, so meinte der Verfasser (natürlich kein Kaufmann), der Philosoph Mendelssohn mußte in seinem kaufmännischen Beruf doch wohl häufig gezwungen sein, gegen pie Grundsätze der von ihm gepredigten Ethik zu handeln. Das ist durchaus nicht zutreffend; man kann auch im Geschäftsleben sehr wohl diese Grundsätze befolgen. Vielleicht ist es in anderen Berufen leichter, weil in diesen nicht gewinnbeschränkend. Doch das ändert nichts an der praktischen Bewertung der Ethik. Die Befolgung der Ethik, die das Judentum der Menschheit gebracht, durch das Einzelindividuum im Gegenwartsleben, das wäre ein Thema für den Delegiertentag dev Liberalen Vereinigung. I. W 0 lsss 0 hn, Breslau. * :: Sprechsaal * fti dies« ttubrtk übernimmt die Schristleitung lediglich dl« pr«tz« arfefcltdx Berantrvortuna. Nochmals fUffittgen Israelitische Kultusverwaltnng Bad Kissingen, 1.10.29. Bad Kissingen An die Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung" Berlin Sehr geehrte Redaktion! In Nr. 34 und 37 Ihrer gesch Zeitung bringen Sie zwei Zuschriften, welche sich mit den Verhältnissen in unserer Synagoge befaßten. Herr Oberkantor Zivi nahm in der Hauptsache die Predigt des Herrn Rabbiners aufs Korn, während Herr Lewinsohn sich mit der Art des Gottesdienstes und der Tätigkeit unseres Vorbeters befaßte. Hierzu möchten wir als Vertreter der Kultusgemeinde mit einigen Worten Stellung nehmen. Auf Inhalt und Form der Predigten haben wir als Kultusverwaltung keinen Einfluß, der amtierende Rabbiner in Bad Kissingen ist nicht Stadt-, sondern Bezirksrabbiner. Andere Redner in der Synagoge sprechen zu lassen, wie es Herr Zivi vorschlägt, ist doch untunlich und würde auch an dem Widerspruch des Herrn Rabbiners scheitern. Wir wollen auch nicht verschweigen, daß die Gemeinde Bad Kissingen vor Jahresfrist durch Mehrheitsbeschluß die Pensionierung des Herrn Rabbiners, nachdem er das 65. Lebensjahr vollendet hatte, eingeleitet hat; die Durchführung wurde jedoch durch den Widerstand des Distrikts verhindert. Was den Vorbeter anbelangt, so handelt es sich um einen seit 35 Jahren hier amtierenden Herrn, der sein Bestes zur Hebung des Gottesdienstes tut, und wir bestreiten es ganz entschieden, daß die Gebete heruntergeleiert werden. Es wird hier in Kissingen die ganze Liturgie nach altem Ritus gebetet und der Gottesdienst wird geordnet und andächtig durchgeführt. Wir haben natürlich kein Mittel, zu verhindern, wenn einzelne Besucher durch lautes Mitbeten hin und wieder den Gesang des Kantors stören. Ein Chor bestand bis zum vorigen Jahre, ging aber dann durch den Tod des Leiters ein; wir werden uns jedoch bemühen, ihn wieder neu zu organisieren. Im übrigen möchten wir zur Aufklärung noch folgendes bmierken: Die Kissinger Gemeinde besteht aus etwa 85 Wlitgliedern, wovon nur ein geringer Teil steuerkräftig ist. Trotzdem haben wir in den letzten Jahren enorme Summen aufgewendet, um unsere Synagoge und die übrigen Institutionen auf der Höhe zu halten; vor allem im Interesse unserer Badegäste. Wir waren gezwungen, 30 Prozent aller Staatssteuern als Kultussteuer zu erheben. Da möchten wir doch unsere Badegäste herzlich bitten, auch ihrerseits durch reichliche Spenden für unsere gemeindlichen Zwecke uns bei Erfüllung unserer Aufgaben behilflich zu sein. Vor allem aber möchten wir bitten, etwaige Wünsche oder Beschwerden nicht in der Öffentlichkeit zu brandmarken, und dadurch den Ruf Kissingens in den Kreisen der jüdischen Kurgäste zu schädigen, sondern bei den zuständigen Stellen in Kissingen selbst vorzubringen. Die Kultus-Verwaltung der Gemeinde Bad Kissingen. I. A.: Sam. Hostnann. (Mit dieser Zuschrift der Kultus-Verwaltung schließen wir die Diskussion. Die Red.) ★ BÜCHERSCHAU ★ Felix Weltsch: Land der Gegensätze. Verlag der Selbstwehr, Frag. So sehr auch die Meinungen über Palästina ausein* andergehen, darin werden wir alle übereinstimmen, daß wir die kriegerischen Verwicklungen, welche sich jetzt dort abspielen und die von Einsichtigen längst vorausgeahnt wurden, tief bedauern. Wirklich ein Land der Gegensätze, der traditionellen Reibungen. Indessen, soviel auch schon darüber berichtet wurde, alles mehr oder weniger einseitig, von einem bestimmten Parteistandpunkt aus gesehen, weiß doch Weltsch, obwohl Zionist, auch den Andersdenkenden mit diesen seinen gesammelten Reisebeobachtungen zu fesseln. Sie lesen sich gut, weil Humor im kleinen sie würzt und weil der gewaltige Stoff den Leser nicht erdrückt, sondern ihm durch geschickte Gliederung und tiefgründiges Herausarbeiteo der Kernfragen das Problem „Palästina“ nähergebracht wird. Dabei wird für uns immer ein Trennungsstrich bleiben zwischen „gesicherter“ jüdischer Heimstätte und n a tional-jüdischem Staat; erstere ist zu wünschen und zu fördern, letzterer eine Utopie. Mit anerkennenswerter Offenheit geht auch Weitz an diesem Zwiespalt in seiner Zionistenbrust nicht vorüber, wenn er sagt: „.da wurden wir richtig tschechoslowakisch-sentimental und dachten an Prag und an den Hradschin, an die Moldau und an böhmisches Land und fühlten in Haifa, dem schönsten Orte unserer ersehnten nationalen Heimat, ein wahres Gefühl der Liebe zu dem Lande, in dem wir geboren sind und in dem unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte gelebt haben und begraben sind. Auch das ist Judenschicksal.“ Ganz recht, und wird es ewig bleiben, so lange wir uns nicht von biblisch* sentimentalen Ueberlieferungen freimachen und unser Vaterland und das unserer Kinder dort suchen, wo es im wahrsten Sinne des Wortes real einzig und allein ist. Dr. Richard Elb, Dresden. Werbt neue Mitglieder!