Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 42 (16.10.1929)
- Date
- 1929-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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entgegengesetzt ist, sondern sie gesährden könnte. Ihre materiellen nationalistischen Bestrebungen haben mit der wahren Zukunftshofinung, mit den Profetischen Endzielen nichts zu tun. Sic sind geeignet, die Erfüllung unserer Mission der geistigeil Verbrüderung der Menschheit, der Herbeiführung der Zeit, in der Gott der Einzige und sein Name der Einzige sein wird, in immer weitere Ferne zn rücken, das bisher Erreichte zu zerstören, das bereits aufgestrahlte Licht wieder in Finsternis zu verwandeln. Dieser Anschauung müssen wir in Wort und Schrift entgegen treten, müssen ihren Irrtum aufhellen, ihre Ziele beleuchten, ihre Gefahren erweisen. Eine dritte, aber unbegründete und daher gefährlichste Gegnerschaft liegt im Jndifferentismus, von dem weite Kreise beherrscht werden. Diesen Widerstand der Gleichgültigkeit müssen wir mit geistigen Waffen, mit der Kraft unserer Worte, mit der Macht unserer Veröffentlichungen fortzuräumen suchen, müssen die Lauen stärken, das Interesse der Gleichgültigen erregen, die Blinden sehen, die Tauben hören lehren, damit auch sie an der Aufgabe ihrer Brüder Mitwirken mögen. Allen diesen anderen Standpunkten gegenüber ist das religiös-liberale Judentum von der rein geistigen Aufgabe Israels überzeugt. Es hofft mit Zuversicht und Sicherheit, daß diese mit der Zeit erfüllt und gelöst werde. Sein Glaubensbekenntnis lautet: „Ich bin Israelit und diene dem höchsten und idealsten Interesse der Menschheit, dem Glauben au den einen einzigen Gott." Umschau Eduard Lasters 100. Geburtstag. Am 14. Oktober wurde in Deutschlano der IM. Geburtstag des 1884 in New Port verstorbenen Mitbegründers und Führers der national-liberalen Partei Deutschlands, Eduard Laster, gejeiert. Am Sonntag vormittag fand auf dem alten jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee eine schlichte Gedenkfeier statt. Ter Grabhügel, unter dem Laster gemeinsam mit seinen, Freunde Ludwig Bamberger ruht, war zu Ehren des Tages mit Blumen geschmückt. Neben den Kranzspenden der Familie Laster hatte auch der Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine Kranzspende niedergelegt, ebenso der demokratische Verein Waldeck, dessen Kranz eine Schleife in den Farben der Republik trug. Die „C.V.-Zeitung" widmet dem Andenken Lasters eine Sondernummer, in der Justizrat Tr. Julius Brodnitz, der Vorsitzende des Central-Vereins, ferner Tr. Ernst Feoer, Dr. Hugo Beilchenfelo und Jakob Seifensieder Lasters unvergängliche Verdienste um das deutsche Volk und um die deutsche Judenheit schildern. Unter der Ueberfchrift „Eduard Laster, ein Repräsentant unseres Central-Vereins-Gedankens" schreibt Tr. Julius Brodnitz u. a.: „Wir Centralvereinler verehren in Eduard Laster den Typ des deutschen Juden, der unserer Einstellung uno Weltanschauung in vorbildlicher Weise entspricht. Eduard Laster und sein Freund Ludwig Bamberger, mit ihm in gemeinsamer Arbeit verbunden, stellen den deutschen Juden dar, für den sein Deutschtum und sein Judentum in unlösbarer Verbindung Lebensnotwendigkeiten sind, über die es e ne Diskussion nicht geben kann, wenn er seine Lebenswurzet n'cht vernichte nwill. Der glühende Patriot Eduard Laster hat dem deutschen Vaterlande ohne Rücksicht auf Tunk oder Unoant gedient, weil dieser Dienst für ihn eine moralisch« Selbstverständlichkeit und eine Lebensnotwendigkeit war. Er hat Undank erlebt und Undank wurde ihm auch nach dem Tooe zuteil. Wir erinnern uns jener bedauernswerten Erklärung Bismarcks, der sich weigerte, die einmütige Beiteidskundgebung des amerikanischen Repräsentantenhauses dem Reichstage zu übermitteln. In der wunderbaren Gedenkrede, die Ludwig Bamberger am Abend des 28. Januar 1884, an welchem Eduard Laster zu Grabe getragen wurde, in der Berliner Singakademie hielt, erwähnt Bamberger, wie schwer Eduard Laster unter dem „Fanatismus der Rasse" gelitten hat. Aber Bamberger hebt hervor, wie Laster nimmermehr die traurigen Erscheinungen des Antisemitismus als eine ihm und seinen Glaubensbrüdern aüferlegte Last empfunden hat, * Gottesdienste * Berttn-Rvrden. Liberalt Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Gottesdienst am Sukkaus: Freitag, den 18. Ottober, 7.15 Uhr abends. Predigt: Dr. Andorn. Sonnabend, den 19. Ottober, vormittags 10 Uhr, Einfegnungsseirr. Predigt: Rabbiner Dr. Salvmonfki; abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarfensky. Sonntag, den 20. Ottober, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Blumenthal. Suttohseier für die Jugend : Sonntag, den 20. Oktober, nachmittags 4 Uhr, in der neuerbauten Suttoh. Ansprache: Rabbiner Dr. Salomonski. Berliu-Wcheud. * Liberale Synagoge Mistend (Leistikowstratze 7, nahe Reichskanzlerplatz). Freitag, den 18. Oktober, 7.15 Uhr abends, Sukkaus- Gollesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschule, Rikoksburger Platz). Freitag, den 18. Oktober, 7.15 Uhr abends, Sukkaus-Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarfensky. Berlin. Jüdische Reformgemeinde, Johannisstratze 16. Sonntag, den 2V. Oktober, vormittags 10 Uhr, Festgottesdienst — Laubhüttenfest. Predigt: Dr. Jelski. Das Ili-Programm Berlin. » Pankow-Osten. Donnerstag, 17. Ottober, 20.00 Uhr, bei Gerald Cohn, Pankow, Kavalierstratze 11: Rousseau: „Eesellschastsvertrag" (Fortsetzung). Steglitz. Donnerstag, 17. Ottober, 18.30 Uhr, bei Heinz Lewinsohn, Lichlerselde-Vst, Wilhelmstraße 18: „Zionismus". Breslau. Jüngeren-Gruppe: Donnerstag, den 17. Ottober, 16.45 Uhr, Soziale Gruppe, Kaiser Wilhelmstraße 16: Bortrag von Karlheinz Perser (Jüngeren-Gruppe) über „Gedanken beim Lesen eines Buches". — Gemeinsame Beranstattung der Haupt- und Jüngeren-Gruppe: Mittwoch, den 23. Oktober, 20.15 Uhr, in der Gemeindesuttoh der Reuen Synagoge, Am Anger 8: Sukkausbetrqchtung von Wolfs Davidsohn. Frankfurt a. M. Montag, den 21. Ottober, 20.3V Uhr, bei Lion, Sternstraße 11: Arbeitsgemeinschaft Dr. Gottschalk: „Religiöser Liberalismus". Dienstag, den 22. Oktober, 20.45 Uhr, Westendsynagoge: Zusammenkunft in der Laubhütte. Dienstag, den 29. Oktober, 20.45 Uhr, Westendsynagoge: Heimabend. Beginn des Winterprogramms: „Unser Judentum und die Probleme der Zeit". Jugendgruppe: Samstag, den 19. Ottober, nachmittags 4 Uhr: Zusammenkunft in der Laubhütte. Samstag, den 26. Ottober, nachmittags 3.30 Uhr, bei Moser, Sandweg 30: Referat Ernst Moser: „Reue russische Literatur". Oppeln. Sonnabend, den 19. Oktober, nachmittags 16 Uhr, Fortsetzung der Instruktion und Diskussion über die Rordensche Broschüre bei Kassel, Bismarckstraße 7. Ratibor. Nächste Zusammenkunft: Mittwoch, den 16. Ottober, zu einem Diskussionsabend. Herr Dr. Heimann leitet mit einem Referat: „Deutschlands jüdische Organisationen und Zeitungen" den Abend ein. sondern als einen Fleck aus dem Ehrenschilde des ganzen deutschen Volkes." „Wir deutschen Juden", schließt Dr. Brodnitz, „neigen uns an dem IM. Geburtstage von Eduard Laster ehrfurchtsvoll vor diesem großen deutschen Patrioten, dessen Geist und dessen Hosfnungsfreudigkeit in uns sorttehen soll." „Tag der Kollektivität" am Jom Kippur in Sowjet- Rustland. Die Sowjetregieruug hat für den 14. Oktober einen „Tag der Kollektivität" proklamiert; an diesem Tage sollte überall gearbeitet, der Ertrag dieser Arbeit sollte zugunsten der Verwirklichung der Idee der Kollektivisierung im Sinne des Kommunismus verwendet werden. Dadurch, daß der 14. Oktober auf den jüdischen Versöhnungstag fällt, gerieten die jüdischen Kolonisten in große Verlegenheit, da die jüdischen STOLbWERCK 'billig. iDohlfchmeckcnd L nahrhaft. Kommunisten dafür agitierten, daß die Juden sich von ihren nichtjüdischen Genossen nicht absondern und gemeinsam mit ihnen am 14. Oktober die Feldarbeit bestellen sollen. Als aber das Zentralexekutivkomitee der Sowjetunion nachträglich erfuhr, daß auf den 14. Oktober der jüdische Bersöhnungstag fällt, wurde beschlossen, mit den Juden eine Ausnahme zu machen. Ter Vizepräsident der Sowjetregierung, Herr Smidowitsch, versandte heute aus telegraphischem Wege eine Instruktion an die Regierung der Krim und Ukraine, die lautet: „Sollte der Arbeit am „Tag der Kollektivität" in den jüdischen Kolonien Schwierigkeiten begegnen,sv hat das Zentralexekutivkomitee nichts dagegen, daß für die jüdischen Kolonisten ein anderer Tag, für die Arbeit zugunsten der Kollektivität bestimmt werde. Die Regierungen der Krim und der Ukraine mögen die ihnen unterstellten Organe dahin informieren, daß die Inden an ihrem Versöhnungstage von der Arbeit zugunsten der Kollektivität befreit werden sollen." Diese vom Zentralexekutivkomitee getroffene Anordnung ist ein schwerer Schlag für diejenigen Kreise, die gegen die jüdischen Feiertage agitierten. Die Moskauer Zeitung „Emeß" fordert die jüdischen Kolonisten auf, trotz dieser Anordnung am Jom Kippur zu arbeiten. Dabei greift die Zeitung nochmals den Moskauer Korrespondenten der Jüdischen Telegraphen-Agentur sehr heftig an, weil er die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit und der kompetenten Stellen daraus gelenkt hat, daß die jüdischen Kolonisten dadurch, daß der „Tag der Kollektivität" mit dem Jom Kippur zusammenfällt, in Verlegenheit gebracht worden sind. Das Präsidium der Jca. Nachdem der Conseil der Jewish Colonisation Association (JCA) den durch das Ableben Franz Philippsons frei gewordenen Posten eines Präsidenten der Jca durch die Wahl des Herrn Leonard Cohen, des früheren langjährigen Präsidenten des Londoner Board of Guardians, neu besetzt hat, ist nunmehr auch der Posten des Vizepräsidenten, den bisher Herr Cohen bekleidet hatte, neu besetzt worden. Zum Vizepräsidenten wurde Professor Salomon Reinach gewählt. Professor Salomon Reinach, ein Bruder des bekannten Staatsmannes Joseph Reinach und des vor kurzem verstorbenen Gelehrten Theodor Reinach, wurde 1858 in St. Germain-en-Laye geboren. Er ist ein berühmter Archäologe, Mitglied der Academie des Jnscriptions, seit vielen Jahren Offizier des Ordens der Ehrenlegion und oberster Leiter des National-Museums zu St. Germain. Salomon Reinach nimmt seit vielen Jahren ein besonders aktives Interesse an allen jüdischen Angelegenheiten. Er ist Vizepräsident des Zentral-Komitees der Alliance Jsraelite Universelle und schon seit den Zeiten des Baron Hirsch Mitglied des Soitjeit der Jca. Er war wiederholt zum Präsidenten der Societe des Etudes Juives gewählt worden und hat eine große Anzah lvon Aufsätzen zur Geschichte der Juden geschrieben.' Er hat außerordentlich zahlreiche und wertvolle wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und gilt als einer der ersten Archäologen Frankreichs. Sendet de« fällige« Beitrag für das 4. Quartal 1929 in Höhe von Mk. 2,50 auf das Postscheckkonto der Bereinigung für das liberale Inden» tum Berlin Nr. 137069 ei«. an den auf eine Vermählung der Prinzeß Royal Victoria mit dem preußischen Kronprinzen abzielenden Verhandlungen hervorragenden Anteil hatte, als Tochter eines nationalliberalen Abgeordneten und als Patenkind der Fürstin Mutter von Wied (Mutter der Carmen Sylva) durfte Marie von Bunsm „auf der Menschheit Höhen wandeln" und in das Leben der Geburts- und Geistesaristokratie Einblick nehmen. Reisen in vier Weltteilen erweiterten ihr Blickfeld und gewährten ihr den für die Beurteilung von Welt und Menschen erforderlichen Maßstab. Juden und Judentum sind in ihren Gesichtskreis getreten, Bekanntschaften, die auch in ihren Denkwürdigkeiten Widerhall finden. In dem vorliegeirden Bekenntnisbuche, das sich spannend liest wie ein von dramatischem Leben durchpulster Roman, erzählt Marie von Bunsen von ihrer glücklichen Jugend im Schoße einer vielköpfigen, feingebildeten, kultivierten Familie. Obwohl die Familie erst von Friedrich Wil' Helm IV. geadelt worden war, hielt der Vater streng auf Tradition, und diese erstreckte sich nicht bloß auf vornehmen Lebensstil, sondern auch auf Toleranz. „Nie duldete mein Vater Antisemitismus, auch nicht in scherzhafter Form", schreibt die Dichterin, „das wäre, sagte er, eine gemeine Ungerechtigkeit, das dürfe man nicht." Ihr Bruder Karl, der Kapitänleutnant, war trotzdem „landläufig antisemitisch", d. h. in dem exklusiven Sinne der von Standesdünkel erfüllten Ofsizierskreise. Auf seinem Schiff tat ein junger, aus guter, ursprünglich jüdischer Familie stammender Leutnant Dienst, aber seine Kameraden behandelten ihn wegen seiner Abstammung unfreundlich. Nachdem Karl auf einer Seereise einem Tropenfieber erlegen war, besuchte dieser Leutnant die Familie von Bunsen und bat unter Tränen um ein Andenken an Karl, denn dieser hatte die Verfolgung eines ehrenwerten, tüchtigen Kameraden aus antisemitischen Gründen als „ungerecht und gemein" empfunden und ihm daher durch mancherlei Freundlichkeiten neuen Lebensmut gegeben. Voll Dankbarkeit gedenkt Marie von Bunsen des vom Hofprediger Frommel erteilten Konfirmandenunterrichts, der den Traditionen des Elternhauses die religiöse Grundlage verlich'. Sie strebte demgemäß nach wahrhafter — nicht formelhafter — Frömmigkeit, in der sie sich bald eins wußte mit den besten christlichen und jüdischen Menschen. Daß sie in dem philosophischen Kursus, den Frau Geheimrat Dilthey im Rahmen des Victoria-Lyzeums unter 40 Teilnehmern „ganz allein das blauäugige, christlich-germanische Element" vertrat, stellt dem Streben der jüdischen Frauen nach Erkenntnis und ernster, wissenschaftlicher Bildung ein glänzendes Zeugnis aus! In diesem Sinne ist Frau von Bunsens Bericht über diesen Kursus unzweifelhaft gemeint. Während der „glücklichen Jahre" haben eine große Anzahl bedeutender Persönlichkeiten des In- und Auslandes Mariens Weg gekreuzt — darunter viele Juden und Judmabkömmlinge. Zur Zeit des Berliner Kongresses 1878 sah sie vor Beginn einer Kongreßsitzung den allmächtigen engschen Premierminister D' Israeli (Lord Beaconsfi eld). Plastisch schildert sie ihn: „Eine hohe Gestalt, ausgemergelte, scharfe, geistreiche, semitische Züge; gekleidet mit auffallender, sorgfältigster Eleganz, im sommerlich hellgrauen Ueberrock, hellgrauen Beinkleidern, Lackschuhen; Helle Handschuhe in der Hand. Langsam, selbstbewußt, mit sicherer Würde schritt er die Treppe hinunter; daß alle Augen auf ihn gerichtet waren, war ihm wohl selbstverständlich und sympathisch. Das Bild war vorzüglich komponiert. Niemals werde ich über den starkempfundenen Eindruck des Schauspiclerhaften. Gesuchten hinwegkommen. Ich habe ihn nicht gemocht. Weder edel noch groß sieht er ans, höchstens klug nnd fein." Marie von Bunsm hat aber umgelernt. In ihrem unbünngten Streben nach Wahrheit und Vorurteilslosigkeit hat sie Andre Maurois Biographie Lord Beaconssields gelesen: da hat sie ihn verstandm und ist ihm gerecht geworden. In Paris lernte Frau von Bunsm den Herausgeber der „Gazette des Beaux-Arts", Charles Ephrussi, kennen, der ihr während ihres Aufenthaltes „auf das Verwöhnteste" Wertvolles, Interessantes, sonst Unzugängliches vermittelte. Er hatte in Paris — wie sie wahrnahm — eine vorzügliche gesellschaftliche Stellung. Daß er bald darauf starb, che Marie ihm aus irgend eine Weise ihre Dankbarkeit bezeigen konnte, bereitete ihr „aufrichtigen Schmerz". Wie angenchm sticht diese Pietät dem jüdischen Aristokratm gegenüber von dem Verhalten der Berliner „offiziellen." Gesellschaft ab, die bei Bismarcks Hofbankier, Gerson von Bleichröder, verkehrte! Seine gesellschaftliche Stellung war „vorzüglich, aber doch nicht erbaulich". Fast das gesamte aristokratisch-offizielle Berlin besuchte seine Gesellschaften — entschuldigte sich aber nachher!! „Die ganze Festtafel zeigte das Erlesenste vom Erlesenen; man aß von Silber; das Kostbarste wurde einem vorgesetzt." Sarasate spielte. Dann wurde getanzt. In ihrer gerechten, toleranten Einstellung fühlte sich Marie von Bunsen verletzt, daß sich die Tänzer nicht vorstellen ließen, — „eine Unart, die sie sich in anderen Häusern nicht erlaubt hätten"! Zu Marie von Bunsens persönlichen Freunden zählte das Ehepaar Julius und Justina Rodenberg, in deren Hause sie ein gern gesehmer Gast war. Hier verkehrten die Zierden der deutschen Literatur. Rodenberg redigierte die „Deutsche Rundschau", in der auch Marie von Bunsens Roman einer jüdischen Frau erschien. Stefan George stand einmal im Mittelpunkt der Unterhaltung. Rodenberg: „Ein Blick in einm Band dieses Stefan George hat bei mir immer zu einer schroffen Ablehnung genügt." Frau von Bunsm: „Und Rainer Maria Rilke —?" Rodmberg: „Ist mir ganz unbekannt. Ich verzichte übrigens aus diese Bekanntschaft." Marie von Bunsen schreibt dies Urteil aus so berufenem Munde nieder, weil sie die Einseitigkeit, d. h. Intoleranz dieses von ihr so hoch verehrten Freundes befremdet. Die Tagespresse wird sich mit dem schönen Memoirenbuche eingehend beschäftigm, weil Marie von Bunsen in diesem ein ganzes Kapitel der Kaiserin Friedrich widmet, in welchem sie allerlei Nmes zu deren Kennzeichnung mitteilt. Wochmlang ist sie bei dieser Fürstin zu Gast gewesen, auf derm Witwensitz in Friedrichshof, in Bordighera, Venedig, Florenz usw. Längst bekannt ist die Tatsache, daß die Kaiserin FriÄrrch immer warm für Unterdrückte und Verfolgte eintrat. Als sie den wahren Urgrund der Affäre Dreyfus erfuhr, trat sie — wie die Verfasserin erzählt — leidenschaftlich für den „Märtyrer" ein. Marie von Bunsen hat sich nach der politischen Neuordnung von 1918 der Demokratischm Partei angeschlossen. Ihre Freunde warnten: das könne ihrer gesellschaftlichen Stellung schaden. Die Dichterin antwortete: „Daraus mache ich mir nichts" und berief sich auf ihre Familientradition, die ihr Ueberzeugungstreue gegm das für richtig Erkannte, aber auch Toleranz gegenüber jeder anderen, ehrlich vertretmen Ueberzeugung zur Pflicht macht. ✓