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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-10-09 · 41 (9.10.1929) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
41 (9.10.1929)
Date
1929-10-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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9. Jahrgang Nummer 41 Beilage S. Oktober 1929 FMchliberaleZeitimg Erklärung deukfcher Juden In der Tagespresse wird eine „Erklärung deutscher Juden" veröffentlicht, die von etwa A)9 prominenten Persönlichkeiten aus Berlin und dem Reiche unterzeichnet ist. Sie lautet: „In einer Zeit, in der die Befriedung der Welt als das vornehmste Ziel der gesamten Menschheit erkannt wird, kommen aus Palästina Nachrichten über blutige Kämpfe zwischen Arabern und Juden. In tiefem Schmerz betrauern wir mit allen Teilen der Kulturwelt die Opfer dieser Borgänge. Aus das Entschiedenste aber legen wir dagegen Verwahrung ein, daß die tiesbetrüblichen Vorkommnisse in Palästina in schärfstem Gegensatz zu der deutlichen Sprache der Tatsachen zu einer verstärkten Agitation für das zionistische, d. h. jüdisch-nationale Parteiwerk, ausgenutzt werden. Die öffentliche Meinung Deutschlands wird irregesührt durch Kundgebungen der Zionisten und der Jewish Agency. Die nichtzionistischen Mitglieder dieser Körperschaft haben keine Vollmacht und kein Recht, sich als Vertreter der nichtzionistischen Juden Deutschlands zu bezeichnen. Tie Unterzeichneten, den verschiedensten politischen und religiösen Parteien und Richtungen angehörenden deutschen Juden und Jüdinnen erklären: Wir bekennen uns zum Judentum, lehnen aber jeden jüdischen Nationalismus ab. Wir betrachten uns mit der überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden als Glieder des deutschen, nicht eines jüdischen Volkes. In der Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte sehen wir einen Irrweg, der das Emanzipationswerk der Vorkämpfer des deutschen Judentums und die religiös-sittliche Aufgabe des Judentums in der Menschheit gefährden muß." Es ist selbstverständlich, daß die zionistischen Zeitungen gegen die Veröffentlichung, die durch die bekannte Erklärung der Jewish Agencv provoziert wurde, Sturm laufen. Daß für sie nur Unterschriften prominent sind, die unter ihren Aufrufen stehen, kann auch nicht überraschen. Der Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum hat zu dem Aufruf der Jewish Agency in einer Resolution, die hier bereits veröffentlicht wurde, Stellung genommen. Der Standpunkt der liberalen Vereinigung ist damit klargelegt. Es ist darum selbstverständlich, daß sich auch unter der jetzt veröffentlichten „Erklärung deutscher Juden" zahlreiche Unterschriften prominenter liberaler Führer ebenso wie die Namen von über 30 Hauptvorstandsmitglieder des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bestnden. Jüdisch-liberale Tagung in Westfalen Wie bereits in der vorigen Nummer dieses Mattes kurz berichtet, fand am Sonntag, 22. September, in Dortmund eine Tagung der Westfälischen Provinzialvereinigung für das liberale Judentum statt, zu der aus allen Teilen der Provinz Delegierte erschienen waren. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. K a tz e n st e i n (Bielefeld), erstattete den Geschäftsbericht, in dem er vor allem darauf hinwies, daß der völlige Jndifferentismus das größte Hindernis der religiösliberalen Bewegung sei. Die Frage nach den Wegen, die zur Ueberwindung des Jndifserentismus führen, bitbete die zwanglose Ueberleitung zu dem Referat der Tagung: „Was ist liberale Gemeindeverwaltung?", das der Vorsitzende übernommen hatte. Der 'praktische religiöse Liberalismus will seine Ideen vor allem im Gottesdienst verwirklichen, welcher also nach Form und Inhalt dem religiösen Empfinden des modernen Juden, unter besonderer Berücksichtigung der Jugend, angepaßt werden muß. Ruhe und Andacht muß ihn erfüllen, der deutschen Muttersprache ist ein breiter Raum zu gewähren, aber es ist auch auf die tiefreligiös wirkende Stimmung Rücksicht zu nehmen, die von den traditionellen hebräischen Gebeten ausstrahlt. Mittelpunkt des Gottesdienstes ist die Predigt. Freitag-Abend Gottesdienst und religiöse Vorträge am Sonntag, beziehungsweise, wo es angängig ist, Sonntags-Gottesdienste, sind für die beruflich in Anspruch Genommenen einzurichten. Der Gemeindegesang ist zu pflegen und das Zusammensitzen der Familienangehörigen anzustreben. Entscheidend muß immer der Gesichtspunkt sein, ob die Reformen die Kraft haben, die Gemeindemitglieder, insbesondere die Abseitsstehenden, heranzuziehen. Andererseits muß eine liberale Gemeindeverwaltung ein gewisses Maß innehalten, weil wir Liberalen die Einheitsgemeinde bejahen. Es müssen aber die „Minderwertigkeitskomplexe" überwunden werden, die vielfach die Durchführung von Reformen hindern, denn liberales Judenrum ist religiöse Weltanschauung. Eine Gemeinde, die vollkommen liberal zusammengesetzt ist und doch in ihren Einrichtungen orthodox bleibt, vergeht sich am Geist der Wahrheit und handelt auch gegen ihr wahres Interesse. — In gemeindepolitischer Hiysicht stellte der Referent folgende Forderungen auf: 1. Das aktive und passive Wahlrecht der Frau. — Das Frauenlvahlrecht ist heute einfaches Gebot ber Gerechtigkeit, es darf feine mindere und höhere Bewertung, Menschen 1. und 2. Klasse mehr geben. In Bielefeld ist das Frauenwahlrecht seit Jahren eingesührt und niemand möchte es wieder missen. 2. Ausländer dürfen in unseren Gemeinden keine Zurücksetzung erfahren.. Bestehende Bedenken sind verständlich, aber wir sind eine religiöse jüdische Gemeinschaft. Ausländer auszuschließen wäre unjüdisch, ungerecht und übrigens auch vom Parteistandpunkt aus unzweckmäßig; man treibt sie damit nur in andere Parteien. Tie Synagogengemeinde ist kein Klub, kann sich ihre Mitglieder nicht aussuchen. Um fluktuierenden Elementen keinen allzugroßen Einfluß einzuräumen, mag eine kurze Karenzzeit zugelassen sein, doch soll sie im Interesse der vielen kaufmännischen Angestellten möglichst die Dauer eines halben Jahres nicht überschreiten. 3. Sie sorge für den Religionsunterricht. Kein jüdisches Kind darf ohne Religionsunterricht bleiben. 4. Jugendheime sind einzurichten, Jugendvereine in' jeder Weise zu fördern. Alle Richtungen und alle Kreise sind heranzuziehen; einer Beeinflussung im Parteisinn hat sich die Gemeinde zu enthalten. Etwaige Zuschüsse sind den in der Gemeinde vertretenen Organisationen gleichmäßig, ohne Unterschied der Partcirichtung zu gewähren. Nach dem mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag setzte eine überaus rege Diskussion ein, in der besonders die Schulsrage einen breiten Raum einnahm. Es wurde folgende Resolution gefaßt: „Die liberale Vereinigung in Westfalen steht grundsätzlich aus dem Boden der Einheitsschule. Sie verlangt aber unter den heute gegebenen Verhältnissen, die aus unabsehbare Zeit die Konfessionsschule als Norm sestgelegt haben, auch für uns Erhaltung und Ausbau der vorhandenen jüdischen Volksschulen wie die Neu* grüuduug von jüdischen Voltsschulen, wo dies angebracht und zu ermöglichen ist. Kein jüdisches Kind darf ohne Religionsunterricht heranwachsen, dein jüdischen Lehrer ist gehaltlich und sozial die Stellung zu sichern, die ihm seiner kulturellen Bedeutung gemäß zukommt und das Recht, paritätisch mit den christlichen Lehrern an ösfent« licheu Schulen Anstellung zu finden." In der Nachmittagssitzung wurden propagandistische und organisatorische Fragen erörtert. Es wurde ein Ausschuß zur Ausarbeitung eines liberalen Gemeindeprogramms eingesetzt, dem folgende Damen und Herren angchören: R.-A. Dr. Katzenstein (Bielefeld), Albert Heiuemann (Dortmund), Frau Ottilie Schoenewald (Bochum), Dr. Leeser (Wanne- Eickel), Arthur Rosenberg (Dortmund). Die Wahl des geschästssührenden Ausschusses ergab einstimmig die Wiederwahl der bisherigen Mitglieder und Hinzuwahl des Predigers Horwitz (Recklinghausen). Der Ausschuß besteht nunmehr aus folgenden Persönlichkeiten: R.-A. Dr. Katzenstein (Bielefeld), Vorsitzender; Lehrer S. Nußbaum (Dortmund) Schriftführer; Frau Clara Heinemann (Dortmund), Rabbiner Tr. Kronheim (Bielefeld), Lehrer Meyer (Lünen), Prediger Horwitz (Recklinghausen). Lesefrüchte Von Tr. M. Spanier, Magdeburg. Eine Biographie Miquel s, des Finanzministers der wilhelminischen Aera, hat Professor Wilhelm Mommsen geschrieben (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, Berlin und Leipzig 1928). In Band I (Band II ist noch nicht veröffentlicht) schildert der Verfasser das Liebesverhältnis zwischen Miquel und Bertha Levy, die einer imhessischen Rodenberg lebenden orthodox-jüdischen Familie entstammte und deren älterer Bruder Julius der unter dem Namen Julius Rodenberg bekannte Schriftsteller und Herausgeber der „Deutschen Rundschau" war. Miquel hatte Bertha, die nicht nur außergewöhnliche Schönheit, sondern auch glänzende geistige Gaben besaß, in Göttingen im Hause des Rechtsanwalts Benfey kennengelernt; er umwarb sie mit heißer Liebe (1852), die ebenso heiß erwidert wurde. Die Eltern wollten aber die Verlobung mit einem Christen nicht zulassen. Wir werden auseinandergerissen, schreibt Miquel an Bertha, wir müssen scheiden, ach Gott scheiden, scheiden. Lobe wohl! — — — Ich stand am Rande des höchsten Glücks. Der Fanatismus der Dummheit und der Verstocktheit tötet sich. — — Hasse Du auch oder verachte Deine Eltern nie-bedenke, daß sie Deine Eltern sind. Zeige Dich hochherzig und erhaben über niedrige Leidenschaften. Wir müssen den Beweis liefern, daß die heutigen und zukünftigen Menschen besser, edler und größer sind, als die der Vergangenheit, daß die große Lehre von der Liebe und dem Menschentum unsere Herzen über alle Niedrigkeit erhoben hat. (Es ist nicht immer „Fanatismus der Dummheit und Verstocktheit", der ein Veto gegen die Mischehen erhebt, sondern rein nüchterne Erwägungen, die zu einem anderen Ergebnis kommen. Diese Frage ist ja in unseren Tagen sehr aktuell!) Möchten nur erst die Bekenner der einzelnen Konfessionen sich bestreben, wahrhaft menschlich zu denken; möchten nur erst die Dichter und Denker als Führer der Nationen vorbildlich wirken! In dem „Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Gottfried Keller", von Albert Köster herausgegeden, lesen wir Seite 85, daß Storni „durch den frechen Juden Ebers aufgereizt" worden sei, ein Vorwort zu den zwei neuen Doppelbänden seiner Gesamtausgabe zu schreiben, weil E. die Novelle als ein minderwertiges Kunstwerk gekennzeichnet hatte. St. spricht dann noch weiter von „seinen Slammgenossen, den Juden". Von Keller erfährt St. folgende Abfuhr (Seite 88): „Uebrigens hat sein (Ebers) Judentum, das mir unbekannt ist, mit der Sache nichts zu schassen. Herr von Gottschalk, ein wvgermanischer Christ, hat schon ein Dutzendmal verkündigt, Roman und Novelle seien untergeordnete, poetische Formen — -. „Auch Gustav Freytag, der ja sonst ein anständiger Mann ist, tat um die Zeit-den Ausspruch, die Zeit der kleinen Erzählung dürfte für immer vorbei sein. — — Hierzu braucht es keine Juden, sowie überhaupt meine Erfahrungen und Beobachtungen dahin gehen, daß ich auf jeden vorlauten und schreienden Juden zwei dergleichen Christen, seien es Franzosen oder Deutsche, Schweizer inbegriffen, rechnen kann." Soweit Keller. Und nun war Georg Ebers gar kein Jude, aber Storm war ein Judenriecher wie Bartels und Fritsch. Wir kennen Ebers Stammtafel nicht, finden aber in seiner „Geschichte meines Lebens" (25. Band der Gesammelten Werke, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart) S. 38: „Tie Mutter ließ es nicht an dem Bestreben fehlen, uns das Christkindchen und später den Heiland selbst lick» zu machen und ihn uns nahe zu bringen." Ebers war ein Christ — nicht engherzig, sondern von Menschenliebe durchdrungen. Judenhasser dmken nicht immer folgerichtig, denn sonst dürsten sie ihre geistigen Erzeugnisse nicht jüdischen Redakteuren wie Julius Rodenberg („Deutsche Rundschau") oder Gustav Karpeles („Westermanns Monatshefte") anvertrauen. — Unlängst hat es große Sensation hervorgerufen daß ein Urenkel Schillers, A. von Gleichen-Rußwurm, mit dem Strafrichter nahezu in Konflikt geraten konnte. Dieser geistreiche Schriftsteller hat u. a. ein B-uch geschrieben, betitelt „Das wahre Gesicht" (Darmstadt Otto Reichst Verlag), das er auch eine „Weltgeschichte des sozialen Gedankens" nennt. Ihm waren Lassalle und Marx „durchaus keine Deutschen", „sondern nach dem ganzen Habitus der Seele des Geistes gewaltige Orientalen, Nachfolger der kühnen Propheten, die sich nicht scheuten, ungerechte Könige anzuklagen und des armen Mannes Weib oder Weinberg oder einziges Schäflein in Schutz zu nehmen. Denn immerdar Israel bedeutsam ein Doppelwesen, ein Doppelgesicht. Dies Volk hat von jeher die Reichtümer der Welt magnetisch an sich gezogen und goldene Götter errichtet, die es mit Orgien nmtanzte." (Bekannte unsinnige antisemitische Tiraden, die auch zum tausendsten Male ausgesprochen auf Lug und Trug beruhen. Natürlich wird »Herr von Gleich en-Rußwnrnr auch die Carnegie und Rockefeller zu Juden stempeln!) Wie bei vielen anderen auch wird die jüdische Volksseele in einigen Punkten günstig gekennzeichnet, aber bald darauf folgt der Pferdefuß. So auch Seite 184: „Das Gefühl, daß ein Volkserleben der Gerechtigkeit bedarf, war wie ein Edelstein, der glänzend blieb von Ghetto zu Ghetto, strahlend unter Lumpen und lumpiger Gesinnung." (!!) Wer tief in Vorurteilen steckt, kann sich nicht zu einer wahrhaft menschlichen Gesinnung durchringen. Lessings Worte können nicht oft genug in die Welt hinausposaunt werden: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" oder: „Es eisre jeder seiner unbestrichenen, von Vorurteilen freien Liebe nach." So heißt es in Lessings Drama „Nathan der Weise", dem Hohenlied der Duldung. Wer von Vorurteilen besessen, dürste Lessings Nathan nicht interpretieren, das bedeutet eine Herabwürdigung dieses edlen Dichters und Denkers. Von je war es besonders den christlichen Theologen (furor theologikus!) ein „untragbarer" Gedanke, daß „Nathan" als Jude eine „glänzende Figur" darstellt. Es ist ganz naturgemäß, daß man sich im Lessing-Mendelssohn-Gedenkjahr eingehend mit Lessings Werken beschäftigt. Als Ergebnis dieser Studien ist auch Dr. theol. Martin Hangs Schrift „Entwicklung und Offenbarung bei Lessing" (Verlag Bertelsmann in Gütersloh) anzusehen. Der Verfasser teilt nicht den Standpunkt mancher christlichen Gelehrten, die in „Nathan" eine Herabwürdigung bß Christentums erblicken, „vielmehr ihm einen Dienst erweisen, indem er (Lessing) vor seinem doch vorwiegend christlichen Publikum gerade die christlichen Untugenden an den Pranger stellt." Dr. H. vergleicht „Nathan" mit Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts" und bemerkt (Seite 78): „Bei diesem Vergleich wird deutlich d!as Chri-stentum übrigens nicht dem christianisierten Judentum (!?), von dem im „Nathan" die Rede ist, aber der israelitischen Religion als die höhere, ja, als die letzte Vorstufe der vollendeten Religion übergeordnet. Wenn übrigens in Lessings Dichtung ein Mann wie Nathan diese letzte Schulklasse überspringt und unmittelbar aus dem Judentum (wohlgemerkt aus diesem, nicht aus der israelitischen!) zur vollendeten Religion gelangt, so bedeutet dies keineswegs die allgemeine Aufhebung der Stufenordnung djer „Erz. d. M." Nathan gehört eben zu den „privilegierten Seelen", zu den Wunderkindern, die (nach einem Zitat aus Lessings Erz. d. M.) nichts beweisen." Da haben wir es wieder! Alles Hohe und Edle entstammt dem Christentum, alles Niedere und Triviale ist dem Judentum, der Mutterreligion des Christentums, eigen. Weiter! Uns ist Judentum und israelitische Religion identisch. Lessing unterscheidet zwischen christlicher Religion und Re- ' ligion Christi, die jüdischen Charakter trägt, denn Jesus ist ja nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen. Das nennt man dann „christianisiertes Judentum". In dieses Kapitel gehört auch die Schrift von Pfarrer Walter Kawerau in Halle a. S.: „Neugeburt der Religion aius der Grundlage der Philosophie Schopenhauers" (Halle a. S. 1929). Wir lesen daselbst Seite 111: „Darum schreibt auch Schopenhauer: „Daß aber die tiefere — -- Erkenntnis, aus welcher alle Tugend und Edelmut hervorgehen, jene Vergeltung fordernde Gesinnung nicht mehr hegt, bezeugt schon die christliche Ethik, welche alle Vergeltung des Bösen mit Bösem schlechthin untersagt und die ewige Gerechtigkeit-walten läßt. („Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr." Römer 12, 19.) Pfarrer Kawerau bemerkt dazu: „Das schreibt Schopenhauer! Wenn er doch in dieser Hellsichtigkeit das Gottesproblem überhaupt angefaßt hätte, was für eine andere Philosophie hätten wir dann von ihm erhalten!" Diese mehr als naive Auffassung erinnert uns an Börnes Wort: Wenn Adam rechtzeitig ins Wasser gesprungen und ertrunken wäre, dann wäre die französische Religion nicht gewesen. Doch zur Sache! Der Spruch: Die Rache ist mein usw. steht 5- B. M., Kapitel 32, Vers 35 in Moses Schwanengesang. Folglich können wir für christliche Ethik jüdische Ethik substituieren. Ja, wenn Vorurteile und Unwissenheit die Feder führen! Bekanntlich hat Spenglers Untergang des Abendlandes eine gewaltige Literatur gezeitigt. Dazu gehört auch: Der Aufgang des Abendlandes von John Macready (Verjag W. Borngräber o. I.). Der Verfasser versteigt sich (S. 335) zu der Behauptung, daß „die Juden niemals dagegen protestierten, daß man ihnen Christi Hinrichtung zur Last legte". Wir erinnern nur an die Schrift von Philippson: „Haben die Juden wirklich Jesum gekreuzigt?" Die erste Auflage erschien 1865. — „A—Bram heißt Nichtbrahmine." Blödsinn oder Witz. Der ursprüngliche Name des Stammvaters Abraham lautet: Abram. Der Verfasser spricht auch von einer Schrift „Kabbala Jetzirah" (sic); gemeint ist das kabbalistische Werk: Sefer Jezira — Buch der Schöpfung. Es war bei der Schöpfung nicht vorgesehen, daß fo viele Unsinnigkeiten in die Welt gesetzt würden» Der apathische Standpunkt Gebildeter, Ungebildeter und Halbgebildeter Religionsübungen gegenüber ist nicht bloß eine Signatur unserer Tage, er war auch besonders im 18. Jahrhundert vorherrschend. So lesen wir in dem Werk von Professor Lütgert (Halle): „Die Religion des deutschen Idealismus und ihr Ende" (Gütersloh 1923): „Einen Einblick in die religiösen Nöte auch in ehrbaren Pfarrhäusern gibt ein Brief, in dem eine kurische Pfarrerstochter, eine Freundin Elisas von d. Recke, Moses Mendelssohn am Weihnachtsabend ihre Zweifel beichtete, als dem ersten, von dem sie glaubte, er würde sie verstehen. Die lutherische Pfarrerstochter mußte sich auf ihre Worte: der Weltweise betet nicht! von dem jüdischen Philosophen fragen lassen: „Haben Sie je die Psalmen gelesen? Auch der Aufgeklärteste kann sie beten!" (Man beachte die Redewendung: „mußte sich fragen lassen"!) Sendet de« fälligen Beitrag ffit btt» 4. fittOTtaf 1929 i» S»he »«» Ml. 2,so t»f dar Postscheckkonto der Bereinigung für dar liberale Juden- Irwr Bern« Nr. 137069 ei«.

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