Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 40 (2.10.1929)
- Date
- 1929-10-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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unsere Religion schmäht und verleumdet, was war uud ist das anderes als Gotteslästerung. Wer nur so glaubt, für Gott kämpfen zu können, indem er den Gott des anderen bespöttelt, verketzert, nicht selten begeifert, der kämpft nicht für Gott, er b e kämpft ihn. Er lästert ihn, weil er sich an die Stelle Gottes setzt, weil er urteilen will über das, was Gott genehm und was ihm zuwider. Wer aber außerhalb jeder Religionsgemeinschaft steht, sich erhaben dünkt über sie, sich brüstet mit seinem Freidenkertum und nicht genug betonen rann, wie tief der andere unter ihm steht, wenn er herzlos genug ist und roh und verwegen, das Heiligste des anderen antasten zu wollen — nun er braucht keinen Beweis mehr dafür zu erbringen, daß ihm wirklich religiöse Gefühle fehlen, er hat Gott gelästert, das Heilige des anderen, ist nicht bloß nicht religiös, nein, noch nicht einmal ethisch, ach weniger, er ist ein Gefühlsbarbar. Wer sich so weit vergißt und hinreißen läßt, daß er nicht mit Achtung dafteht vor dem, was er nicht begreift, aber dem anderen so teuer ist, der gibt so viel Preis von seiner Würde und zeigt derartige Niedrigkeit seiner Gesinnung und macht sich selloer in seiner Seele so verächtlich und schlecht, daß von ihm das Wort „Gotteslästerer" zu gelten hat. Er lästert den besseren Menschen in sich, er lästert alles, was ihm was Gott genehm und was ihm zuwider. Allerdings, seien wir nicht ungerecht. Wie stehen denn nicht wenige zu den Angehörigm ihrer eigenen Religionsgemeinschaft, die über den Gott ihres Glaubens hinausgedrungen, wie ein nicht geringer Teil unserer Jugend, ein nicht geringer Teil der Erwachsenen, ja auch nur zu denen, die fest in der alten Glaubensform beharren, aber freier und selbständiger zu den Bräuchen stehen. Auch nicht immer denkt man hier an die Warnung: „Wer seinen Gott lästert, trägt seine Sünde." Und doch ist es nichts anderes: wir lästern Gott in unseren eigenen Gott lästern wir, wmn wir uns zum Richter über den anderen aufwerfm und auch das Wort „gottlos", das Wort Atheist nicht mit der genügenden Vorsicht gebrauchen. Das Beispiel Spinozas sollte uns warnen: einst von Juden verdammt, ist er nicht wenigen heute und auch Juden Inbegriff ihrer Religiosität. Wer wollte sie heute von uns stoßen, wer wollte neue Spinoza-MLrt.yrer schaffen? Wer wollte überhaupt Gott erklären und deuten, einschnüren und einengen wollen. Schön sagt wieder Nadel: „Religion was ist das geworden? ©in Orgelspiel der Seele. Sinn und Zutrauen und viel, viel Weisheit." Jedes Wort eine Predigt. So wie die Orgel in dm mannigfachsten Registern, singt die Seele in tausend Variationm das Lob Gottes. In jeder ist ein „Sinn", zu jeder solltm wir „Zutraum" haben, aus jeder spricht die „Weisheit" Gottes selbst. Auch ein „Atheist" kann religiös sein — wmn sein Atheismus sich nur auf die Gottes form bezieht, aber nicht auf das ehrfürchtige Staunen vor allem, was göttlich. Und schließlich gibt es noch eine Grenze, auf die das Wort unserer Schrift zutrifft. Es sind die, die der Frau Hiobs gleichen, die, wie die Mutter in der „Braut von Messina" klagm: „Warum besuchen wir die heiligen Häuser und hebm zu dem Himmel fromme Hände — vermauert ist dem Sterblichen die Zukunft, und kein Gebet durchbohrt dm ehernen Himmel." Es sind die, die so aufschreien, wie Zweig dm Jeremia aufschreien läßt: „Ich rechte nicht mehr, ich knechte nicht mehr, mein Herz ist dir nicht mehr Heimat und Haus, ich stürz dich aus dein.en Himmeln hinaus", die wie Goethes Prometheus trotzen: „Ich kenne nichts Aermeres unter der Sonne als euch, ihr Götter", die wie die Mutter in Saltms Simson bekennen: „Früher, ja früher Hab ich Gott gelobt — Hab ihn gepriesm jäe Stunde... aber jetzt., jetzt hasse ich diesen Gott... ich hasse ihn und werde ihn lästem... immer... immer." Wann aber reden diese Mmschen so? Wenn sie, die scheinbar immer fest, ganz fest in ihrem Glauben standen, eines Tages schwerstes äußeres Erleben vor die Gottesfrage stellte und zu — Gotteslästerern machte. Aber nur deshalb, weil sie es, genau genommen — auch schon vorher waren. Wir wollen damit nicht in der Rolle des Eiferers gegm Mmschen erscheinm, aber doch als Eiferer für wirkliche Religiosität. Man muß es solchen Menschen sagen und muß es allen anderen sagm, daß sie, daß jene noch niemals fromm gewesen, daß.sie noch niemals Gott geliebt, daß sie noch nie an ihn geglaubt. Wenn Gott nur Schutzwall gegen Unglück und nicht Schutzwall gegen Verzweiflung, von dem gilt durchaus das Wort Steinthals: „Gottesleugner sind die Heuchler, welche Gott im Munde und den Egoismus oder die Eitelkeit im Herzm tragen." Sie tragm ein Zerrbild von Gott in der Seele und laufen selbst als Zerrbild umher, als ein Spott für jeden wahren Glauben, ein Hohn auf jebe Frömmigkeit. „Was hat es mir gmützt?" So fragte eine — nicht erfundme — Frau, die Sabbat für Sabbat das Gotteshaus besuchte, aber den Besuch an dem Tag einstellte, an dem sie ihr einziges Kind verlor. „Was hat es genützt?" Gewiß, Ehrfurcht vor so viel Schmerz, aber im Licht der Religion eine fürchterliche, wahrhaft gotteslästerliche Frage. Hier entstehen die Totengräber der Religion, hier die Kaufmannsfrommen, die Gott nach Gewinn und Verlust abwägen, hier die Hemmnisse jeder Höherentwicklung religiösen Fühlens. Oder nein? nicht Hemmnisse? sondern gerade die größten Antriebe zur Entwicklung? Vielleicht, wmn man sich nämlich darüber klar ist, wie und ob Gotteslästerung — verfolgt werden soll. Wir hörten, daß man im Altertum steinigte, im Mittelalter verbrannte, wir wissen, daß man hmte nach dem Paragraphen schreit und der Richter zum Schutze Gottes herbeibesohlen .wird, gegen Mmschen, gegm Bücher, gegm Bilder, gegm Theaterstücke. (Hasmclever!) Gibt hier die Religion aber wirklich die richtige Antwort, geht sie dm einzig richtigm Weg? Ich dmke: nein! Wie sagt doch Nadel: „Was ist Religion gewordm? Sinn und Zutraun." Wo aber bleibt noch der Sinn unserer hmtigen Religion, wenn wir durch Zwang zu ihr bekehren oder durch Zwang Hochachtung und Schonung für sie erreichen wollen? Wo bleibt aber auch der Sinn der Gotteslästerung? Ist sie Trotz und absichtliches Freveln, ist sie ein Schwelgen in der Sphäre der Rohen — weshalb nicht das Wort des Psalms beachten: „Im Kreise der Spötter sitzt der nicht, der an Gottes Lehre seine Lust hat?" Weshalb nicht sich abwmden und schweigmd verachtm, statt durch Prozesse und Demonstrationen Tat und Täter in das Licht der Oeffentlichkeit zerren, ^ie mit der Krone des Märtyrers krönen? Und ist es nicht Trotz, ist es Verkmnnng und ist es Irrtum, weshalb nicht dm Weg der Aufklärung versuchen, weshalb nicht vor allem die „Kraft des Steins in seinem Ring" an dm Tag legen und so die Bekehrung des anderm erstreben, weshalb ihn nicht zum Wettkampf einladen, zum geistigm Streit, weshalb nicht Gotteslästerung durch'Gottesliebe vertreiben? Und wo bleibt das „Zutrauen"? Dürfen wir wirklich den Anschein erwecken, als wmn wir den Gotteslästerer fürchten, die Religion durch ihn in Gefahr kommen könnte? Stehen wir nicht fest in unserer Geschichte, gerade wir Juden, wissen wir es nach dreitausend Jahren noch nicht, daß die angeblichen „Gotteslästerer", die Propheten, doch recht behielten und die wirklichen Gotteslästerer jeder Art zur Ohnmacht verurteilt warm, es noch heute sind und immer sein werden? Eine großartige Erhabenheit, ein großattiger, ja göttlicher Stolz, eine unerschütterliche Siegeszuversicht — sie dürfen die einzige Antwort sein für Gotteslästerer. Wir haben Dringenderes zu tun, als ihnen nachzuspüren, wir haben die „Last des himmlischen Reiches" durch die Welt zu tragm und können und wollen getrost an dessen Lästerung vorübergehen. Fort mit diesen Schikanen. Sie sind Gottes, sie sind der Religion, sie sind unser unwürdig, sind kleinlich und schmecken nach Feigheit und Furcht, nach Ohnmacht und nach Mangel an Weisheit, „viel Weisheit"..." Januar ~| _:_I Messing-Jubiläum Am 22. Januar beging die gesamte Kulturwelt die Feier des 20t). Geburtstages von Gotthold Ephraim Lessing. In einem Artikel von George Goetz wurde auf das jüdische Urbild der Lessingschen Parabel im Schebet Jehuda verwiesen, „... Die fast mythische Ursassung des jüdischen Schriftstellers und die klassische Fassung des deutschen Dichters Lesjing ergänzen einander aufs glücklichste. Die Rückekr des Vaters muß abgewartet werden, heißt es im Schebet Jehuda. Aehnlich, jedoch mit einer Wendung ins Ironische, bei Lessing: „Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater nicht bald zur Stelle schafft, so weis' ich euch von meinem Stuhle." Unrichtig ist aber die vielfache Annahme, daß Lessing die Frage, welcher Ring der echte sei, unbeantwortet lasse. Er sagt vielmehr ausdrücklich: „Ihr seid alle drei betrogene Betrüger; eure Ringe sind alle drei nicht echt; der echte Ring vermutlich ging verloren." Es ist üblich geworden, unter Berufung auf die Lessingsche Parabel jeder menschlichen Lehre dm Anspruch auf absolute Wahrheit abzusprechen. Das ist aber "falsch. Gewiß: die Ringe sind alle drei nicht echt; aber: „Es strebe jeder von euch um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen." Das heißt: auf den Ring selber kommt nichts an, sondern aus dm Menschen, der ihn trägt. Nicht der Ring, aber der Mensch muß echt sein. Streiten sich Moslemin, Juden und Christen, ob Freitag, Sonnabend oder Sonntag der „richtige" Ruhetag, ob arabisch, hebräisch oder lateinisch die „richtige" Gebetssprache seien, so sind sie alle drei betrogene Betrüger, ihre Ringe alle drei nicht echt; der echte Ring ist ihnen verloren gegangen. Die Rückkehr des Vaters muß abgewartet, ja muß herbeigesührt werden, der Geist des „verreisten" Vaters muß sichtbar und fühlbar im praktischen Leben werden: dann sind alle „Ringe" echt, dann erweist sich jede Religion als wirksames Mittel zu dem einen Zweck aller Religion. Das ist der Geist der positiven Toleranz, dm die" Orthodoxen aller Bekenntnisse am Tag der Lessingfeier zu lernen haben. Keine Religion ist alleinseligmachend; alle wahre Religion ist seligmachmd..." Zungen in Not Durch das Buch „Jungen in Not" von Peter Martin Lampel und die Aufführung seines Dramas „Revolte im Erziehungshaus" wird das Problem der Fürsorgeerziehung zum ersten Mal für weitere Kreise Gegenstand des Interesses. Selbstverständlich findet die Diskussion auch in jüdischen Kreisen starken Widerhall, zumal insbesondere in dem jüdischen Erziehungsheim in Repzin um die Lösung der gleichen Frage gerungen wird. Hilde Ottenheimer führte zu diesem Thema in dieser Zeitung u. a. aus: „... Es ist bei uns in der letzten Zeit viel die Rede von der Not der jüdischen Jugend. Gemeint ist immer geistige, psychische Not: der alte Gegmsatz zwischm Vätern und Söhnen, Müttern und Töchtern: die Not. der Lebmsformung in einer Zeit ohne Tradition. Was wissen wir von der Not der Jugend am anderen Ufer, von den Gefährdeten und Verwahrlosten, von den Fürsorgezöglingm? Und doch warm in dm letzten 25 Jahren allein gegen 600 Jugendliche in den Anstalten des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Noch viel weniger als von diesen 600 wisfm wir von den „ab g e l eh n t e n Fällen". Bon ihnen schreibt z. B. Berta Pappen heim in dem gedruckt vorliegeirden Zehnjahresbericht „Aus der Arbeit des Heims des Jüdischen Frauenbundes in Isenburg 1914—1924": ^,Die Mappe der abgelehnten Fälle gehört auch zu den lehrreichen Positionen unserer Arbeit! — Wenn man sie prüfend durchblättert, ist es, wie wenn erstickte Anklagen heraustönen wegen der Unterlassungssünden und Unzulänglichkeiten und Fahrlässigkeiten, die sich die aus ihr soziales Gewissen so stolze jüdische Wohlfahrtspflege seit Jahrzehnten zuschulden kommen ließ. — Und da sind es nur Zufallsgriffe, Stichproben, die an uns heranschwemmm. Wie wäre es, wmn diese Mappe der Ausgangspunkt tiefgreifender Prüfung der sittlichen Verwahrlosung der jüdischen Jugend überhaupt würde, ihrer Ursachen, ihrer Ausdehnung, ihrer Eindämmung und vor allem der mangelnden Fürsorge- und Erziehungsanstaltm." Vielleicht treibt die Kenntnis der Lampelschen Anklagm unsere Arbeit an, die von uns längst theoretisch als notwendig erkannten Neuemngen in der Fürsorgeerziehung baldmöglichst praktisch zu verwirklichen. Vielleicht kann man dabei der von Berta Pappenheim geäußerten Ansicht, daß „Erziehungsarbeit ja auch die Kunst ist, Kinder und Jugendliche in das fließende Leben mit seinm veränderlichen Erscheinungsformen und Anforderungen durch eine vergeistigte und reine Atmosphäre kräftig und floh eintreten zu lassen", vielleicht kann man dieser Ansicht im Hinblick auf die bevorstehende Reform des jüdischen Fürsorgeerziehungswesens die Tendenz unterschieben: Fürsorgeerziehung im Sinne des Gesetzes ganz abzuschaffen und durch eine Fürsorgepädagogik ohne gesetzliche Normung zu ersetzen." Februar Der gescheiterte Reichsverband Zum zweiten Mal wird im Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden das Zustandekommen einer Dachorganisation der jüdischen Landesverbände Deutschlands m der vorgeschlagmm Form aügelehnt. Diesmal mit 46 gegen 45 Stimmen bei 7 Stimmenthaltungen. Die Gründe der Ablehnung und die zu ziehenden Lehren wurdm hier folgendermaßen zusammengefaßt: Zunächst ist man der Auffassung, daß die ganze Organisation viel zu groß und kostspielig aufg^ogen ist. Beispielsweise setzt sich der Rat des Preußischen Lairdesverbandos aus 35 Mitgliedern zusammen, unb es besteht nunmehr erfreulicherweise bei allen Fraktionen der von den Liberalen immer betonte Wunsch, diese Zahl zu reduzieren. Jetzt aber ist in der Reichsverbandsorganisation ein Rat vorgesehen, der sogar aus etwa 60 Mitgliedern bestehen würde. — Alsdann sind zahlreiche Bestimmungen des Entwurfes mit demokratischem Empfinden nicht in Einklang zu bringen, wobei erschwerend wirkt, daß die Reichsorganisation nicht als ein Verband der Landesverbände firmieren sollte, sondern als „Reichsverband der deutschen Juden". Wünscht man diese Bezeichnung, die von vielen als durchaus unzweckmäßig angesehen wird, so geht es natürlich nicht an, daß die 165000 nichtpreußischen Juden lediglich wegen der heptschen Kleinstaaterei 27 Delegierte in den Rat des Reichsverbandes entsenden können, die 405000 Juden Preußens aber nur 26 Delegierte. Undemokratisch sind ferner die Bestimmungen über die Reichstagung. In dieser Zeitung wurde bereits vor dem Verbandstag bemängelt, daß der Entwurf eine Reichstagung, vorsieht, die jeweils auf die Dauer von sechs Jahren gewählt wird und in der Regel nur alle drei Jahre zusammentreten soll. Es hieß hier: „Niemand wird erwarten können, daß ein Gremium, das voraussichtlich nur zweimal in Abständen von drei Jahren Zusammentritt, sachliche Arbeit leisten wird. Daß für ein derartiges Monstrum auch noch Urwahlen in den Teilen Deutschlands stattfinden sollen, in denen die Landesverbände keine Vertreterversammlungen haben oder die Vertreterversammlungen nicht aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen sind, das scheint uns eine Bestimmung, die zwar Kosten verursachen dürste, im übrigen aber recht überflüssig ist. Will man eine Reichstagung, so schaffe man ein lebensfähiges Gebilde. Hält man diese Forderung aber für eine Ueberspitzung gesunder demokratischer Auffassungen, glaubt man, daß die Verwaltung des Reichsverbandes sparsam und einfach sein soll, so lehne man sie ab. Mit dem jetzigen Zwittergebilde ist sicherlich niemandem gedient. In liberalen Kreisen wurde dann noch besonders die Bestimmung bemängelt, daß Anstalten und Einrichtungen des Reichsverbandes so geführt werden müssen, daß sie von den Angehörigen aller religiösen Richtungen benutzt werden können. Diese Bestimmung dürste orthodoxen Forderungen weitgehendst Vorschub leisten. Sie mußte auf liberaler Seite umsomehr Bedenken wachrufen, als ihre Aenderung nur von vier Fünfteln der Mitglieder des Rates und zwei Dritteln der Abgeordneten der Reichstagung später hätte beschlossen werden können, eine Bestimmung, die in der Praxis völliger Unabänderlichkeit gleichkommt. Da es nicht gelang, die Ausstellungen, die seitens einer erheblichen Minderheit der liberalen Fraktion an dem Entwurf gemacht wurden, durch Amendements zu beseitigen, mußte er zu Fall kommen. Es ist aber zu hoffen, daß bis zum .nächstjährigen Verbandstag ein neuer Entwurf für eine Reichsorganisation der Landesverbände fertiggestellt werden wird, der endlich den erwünschten Zusammenschluß der Landesverbände herbeizusühren geeignet ist. Dabei ist zu wünschen, daß die Verhandlungen nicht wie bisher so geführt werden, daß dem Verbandstag erst im Schlußstcwium das entscheidende Votum zufällt. Weit zweckmäßiger wäre es, wenn der Rat des Preußischen Landesverbandes sich vor Abschluß der Verhandlungen durch Fühlungnahme mit den Fraktionsführern oder dem „Ständigen Ausschuß des Verbandstages" davon überzeugen würde, daß die geplante Reichsverbandsverfassung im Verbandstag einer Mehrheit sicher ist." Ermöglichung gemeinsamer Teilnahme von Familienangehörigen am jüdischen Gottesdienst In der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde wird auf Grund eines Antrages der liberalen Fraktion beschlossen, in der im Bau befindlichen Berliner Synagoge Prinzregentenstraße zu gestatten, daß weibliche Familienangehörige von Plätzemietern neben diesen Plätze erhalten. Ueber das pro und Kontra in der Berliner Rejpräsentantenversammlung führten wir, abgesehen von der Zurückweisung unsinniger sexueller Bedenken, aus: „...Was spricht für die jetzt beschlossene Neuordnung? Den wesentlichsten Grund hat Rechtsanwalt Heinrich Stern in der Berliner Repräsentrntenversammlung in die Worte gekleidet: „Bei der erhabensten Gemeinschaftshandlung des Judentums, de in Gottesdienst, sollte die innig st e Gemeinschaft von Menschen, die Familie, nicht getrennt werd en." Die neuartige Stellung der Frau im Leben der Gegenwart, die moderne Auffassung von der Bedeutung der Mutter und Frau im Judentum, das nicht mehr nach Geschlechtern geschiedene religiöse Gemeinschastsernpsinden läßt fortan keinen Raum für die Beibehaltung der bisherigen Geschlechtertrennung im Gotteshaus. Mit vollem Recht betonte Lily H. Montague in.einem Artikel über ihre Eindrücke vom Berliner Weltkongreß des liberalen Judentums: „Die Frauen müssen von ihren Galerien herunterkommen — in wörtlichem und übertragenem Sinn — und teilnehmen an dem Kampf um eine lebendige Religion für die ganze Gemeinschaft." Bedenkt man noch, daß die jetzt in Berlin beschlossene Neuordnung sich in den Synagogen Amerikas, in der Synagoge Montefiores in London und in den drei liberalen Privatgottesdiensten Berlins aufs beste bewährt hat, so sollte ihre Einführung in der im Bau befindlichen liberalen Synagoge Prinzregentenstraße eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. * Welche Gründe wurden gegm den liberalen Wunsch geltend gemacht? Wir wollen nicht von den Unheilspropheten sprechen, die mit jeder Aenderung gleich den Untergang der jüdischen Gemeinschaft als unausbleibliche Folge herannahen sehen. Sie überwerten die Form und verkennen die Lebenskraft des geistigen Inhalts. Wir wollen auch nicht von jenen reden, die mit Forschungen in tausendjähriger Vergangenheit ergründen wollen, welche Form heute dem Inhalt gegeben werden darf. Auch auf Bedenken wegen Einzelheiten der praktischen Durchführung kommt es nicht an. Wenn sämtliche Mitglieder der Jüdischen Volkspartei in der Repräsentantenversammlung gegen die liberale Forderung stimmten, so geschah es, weil sie aus dem Gedanken