Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 40 (2.10.1929)
- Date
- 1929-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ziehung zu ihr gewinnen? Sollm wir hie ganze verwirrte» tausendfältig verschlungene Schrift der Geschichte miszulSschen streben, um zu der Schrift des Ursprungs wieder durchzudringen? Das hieße wiederum an der geschichtlichen Wahrheit — und das ist an uns selbst, an unserer eigenen Wahrheit Vorbeigehen. Es hieße uns selbst ignorieren als die, die wir sind, die wir geworden sind: die Denker unserer Gedanken, die Täter unserer Taten. Die messianische Hoffnung aber fordert uns nicht als abstrakte Wesen, sie fordert uns selbst: die wirklichen realen, geschichtlichen Menschen. Vermöchten wir nicht uns selbst, unser Jetzt und Hier in die Hoffnung hineinzuführen, sie wäre nicht unsere Hoffnung. Und damit wäre sie das reine Nichts. Denn es gibt keine andere Hoffnung als die unsere. Nur aus dem vollen Aufsichnehmen der Gegenwart kommt darum die echte Entscheidung für die Zukunft. Und die Geschichte selbst ist Bürge unserer Hoffnung. Denn Geschickte ist ja nicht nur das Geschehene, sondern auch das Kommende. Die Geschichte zeigt uns nirgends Verwirklichung, aber sie weist uns überall auf das hin, was verwirklicht werden soll und um dessentwillen sie ist. Die verdeckende Schrift selbst deutet überall hin auf die verdeckte Urschrift, die so gesehen nicht Vergangenheit, sondern selbst reine Zukunft ist. In dem Wort des Jesaja: „Gedenket nicht an das Alte und achtet nicht auf das Vorige", ist die reine Forderung an den jüdischen Menschen gegenüber der Geschichte ausgesprochen: die Entscheidung gegen das Tote, die Entscheidung für das Lebendige. Es bedeutet nicht, daß wir das Geschehene nicht sehen und nicht darum wissen sollen; wir sollen es wissen und sehen; denn wir sollen uns und unsere Aufgaben daraus kennen lernen; aber wir sollen nicht daran gedenken, nicht daran haften bleiben mit unserem Leben. ' Unser Wissen mag — ja, es muß der Vergangenheit gehören: unser Leben, unsere Gegenwart, unsere Entscheidung gehört allein der Zukunft. In der aufrufenden Weisung an die Zukunft liegt das ganze gewaltige Ethvs des Judentums; in ihr wird der Mensch aufgerufen zu sich selbst — nicht zu demwas er geworden ist, sondern zu dem.^rvas er fein kann, was er fein soll. Die reine Weisung an die Zukunft bedeutet: Was immer war — nichts ist noch geschehen, alles bleibt zu tun; alles must getan werden. Datz die Zeit des Judentums die Zukunft und dast fein höchster Wert die Tat ist — das ist eines und dasselbe. So wäre die Tat das, was die reine Schrift unseres Ursprungs durch die verwirrte der Geschichte hindurch wieder zum Aufleuchten zu bringen vermöchte, wäre sie das, was die übermächtigen Visionen der Vorzeit lebendig mit der flüchtigen verfallenen und abgefallenen Existenz des einzelnen, auch des heutigen Menschen zu verbinden vermöchte? Durch sie — und nur durch sie — würde die überschwängliche messianische Hoffnung zur Hoffnung auf das Heil jedes einzelnen geschichtlichen Menschen? Läge hier das Band zwischen der einzelnen Existenz und den menschheitgestaltenden Visionen der Propheten? Aber muß nicht auch die Tat — und gerade sie — uns ein bloßes Wdrt bleiben bei der unermeßlichen Ferne und Uebergröße der prophetischen Visionen von der menschlichen Zukunft? Liegt nicht gerade hier das schwerste Problem? Können wir sie denn auch nur fassen, diese Visionen von «der Einen geeinten Menschheit, von den Schwertern, die zu Pflugscharen, von den Speeren, die zu Sicheln umgeschmiedet werden — von dem Wolf, der friedlich neben dem Lamm weidet, von dem Löwen, der Stroh ißt wie ein Rind, und von dem kleinen Knaben, der sie beide führt? Wie unermeßlich, überschwänglich fern klingt uns diese Verheißung: Friede in der kriegerischen, bluttriefenden Menschenwelt — Friede in der grausam entzweiten Natur selbst: Friede, Liebe, Erlösung überall. Es sind Visionen, so fremd und unbegreiflich unserer Welt und ihrer Wirklichkeit, daß jede Brücke fehlt. Es sind Visionen, so nah dem schlagenden, lebendigen Herzen, daß, wenn wir sie neu, zum erstenmal hören könnten, sich jedes Auge mit Tränen füllen müßte. So nah also sind sie uns, diese unermeßlich fernen Bilder? So schlagen sie an die verschlossenen Tore unseres Lebens selbst? Unser innerstes Leben schlägt mit ihnen gleichen Schlag? Wir fänden sie — diese übermenschlich großen fernen Träume in uns selbst, in unseren Herzen wieder? Der finstere Abgrund unseres Seins, aus den sie aus dem Ueberlicht mit der ganzen Gewalt des Unvollziehbaren auftreffen, wäre selbst das Reich ihrer Geburt und Erfüllung? Die tausendfältig bis zur Unkenntlichkeit überschriebene unterste Schrift des Palimpsests der Geschichte: die messianische Botschaft vom Friedensreich, vom Gottes- ¥ Gottesdienste * Berlin-Rorden. Liberale Synagoge Norden, Sch-nhauser Allee 162. Gottes« dienst« am Neujahrsfest. Freitag, den 4. Oktober, 5.45 Uhr abends. Predigt: Dr. Söldner. Sonnabend vormittags, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki, abends, Predigt: Professor Friedländer. Sonntag vormittags, Predigt: Dr. Hermann Cohn. Berltn-Westeud. Liberale Synagoge Westend (Herderschule, Bayernallee 4). Freitag, 5.45 Uhr abends, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Sonnabend vormittags, Predigt: Dr. Salier. Sonntag vormittags, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Am Sonnabend-Abend kein Gottesdienst. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Atrium, Kaiserallee). Siehe Ankündigungen der Jüdischen Gemeinde. Sonnabend-Abend kein Gottesdienst. Berlin. Jüdische Reformgemeinde, Johannisftratze 16. Predigten an den hohen Feiertagen: Freitag, den 4. Oktober, 6 Uhr abends. Johannisstraße: Dr. Rofenthal; Joachimsthaler Straße: Dr. Lehmann; Kleiftstraße: Dr. Jelski. Sonnabend, den 5. Oktober, 16 Uhr vormittags. Johannisstraß«: Dr. Jelski; Joachimsthaler Straße: Dr. Rofenthal; Kleiststraße: Dr. Lehmann. Sonntag» den 6. Oktober, 16 Uhr vormittags. Johannisstraße: Dr. Lehmann; Joachimsthaler Straße: Dr. Jelski; Kleiftstraße: Dr. Rofenthal. Das Ili'Programm ★ Berlin. Pankow-Oftan. Donnerstag, 3. Oktober, 26.66 Ahr, bei Ruth und Gerda Jacobsvhn, Nirderschönhausen, Kaiser Wilhrlmstraße 5. Leitung: Paul Heinrichsdorfs. Breslau. Hauptgruppe: Mittwoch, den S. Oktober, 26.36 Uhr, Soziale Gruppe, Kaiser Wilhrlmstraße 16: Bortrag von Martin Schreiber (Hauptgruppe) über: „Die Jüdischen Feiertage". Jüngeren-Gruppe: Donnerstag, den 3. Oktober, Kaiser Wilhelmstraße 16: Bortrag von Heinz Silbermann (Jüngeren-Gruppe) über: „Deutsche Literatur"; anschließend geselliges Beisammensein. Frankfurt a. M. Montag, den 7. Oktober, 26.36 Ahr, Arbeitsgemeinschaft Dr. Gottfchalk: „Religiöser Liberalismus" bei Lion, Sternstraße 11. Dienstag, den 8. Oktober, 26.36 Uhr, Feierstunde bei Dr. Hoffman«, Untermainanlage 7. Jugendgruppe: Samstag, den 12. Ottober, 15.36 Uhr, bei Dr. Vinger, Lockenheimer Anlage 46, Referat Frau Dr. Edinger: „Der Ursprung der Schrift mit Berücksichtigung des Hebräischen". reich, wäre keine andere als die tausendfältig überschriebene unterste Schrift unseres Herzens? Das ist das Wunder, das die Prophetie bestätigt. Denn die Tatendie die prophetische Verheißung zu ihrer Erfüllung von den Menschen verlemgt, sind nicht heroische Kümpfe nnd machtvolle schöpferische Umgestaltungen der Wett. Sondern wnnderdar: den überschwenglichen Visionen vom Weltfrieden entspricht als Forderung an dm einzelnen Menschen da» Allerschlichteste: die Forderung der Gerechtigkeit, der schlichten menschlichen Güte. So spricht der Herr: „Haltet Recht und Gerechtigkeit und errettet den Beraubten von des Frevlers Hand und schindet nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen und tut niemandem Gewalt und vergießt nicht unschuldiges Blut." Diese einfachen, unscheinbaren, fast selbstverständlichen Forderungen: Forderungen an die reine Menschlichkeit des Einzelnen sind es, die im Zusammenhang mit den gewaltigen prophetischen Visionen von der Endzeit immer wiederkchren. Nichts anderes wird zu ihrer Verwirllichung vom Menschen verlangt und immer wieder verlangt als Gerechtigkeit, einfache menschliche Güte. Wie nach dem Psalmwort „Gerechtigkeit und Friede sich küssen", so fügt sich die geringste Tat der Gerechtigkeit wunderbar in den mächtigen Zusammenhang des Weltfriedens, der Menschheitserlösung ein. Und alle Drohungen göttlicher Strafgerichte, grausamster Verwüstungen und Zerstörungen gelten allein dem Unterlassen der Erfüllung dieser allerschlichtesten Forderungen an den Einzelnen gegenüber dem Einzelnen. Der Weg zum Leben und zum Tode, den Gott seinem Volke durch den Propheten vorlegt, ist kein anderer als dieser: Entscheidung für oder gegen den Frieden, zu dem der einzige Weg die schlichte menschliche Gerechtigkeit ist. — Die Entscheidung für das Leben, die Entscheidung für die Hoffnung, die Entscheidung für den Frieden und für die Gerechtigkeit sind eins. Nicht um eine einzelne Entscheidung handelt es sich hier — sondern um ein Entfchiedensein des gesamten Le- STOIkWERCK iDohlfchmcckand nahrhaft. bens, das allen einzelnen Entscheidungen und Handlungen vorausliegt. Und wenn nun wieder aus einer verworrenen Zeit, in der nichts mehr feststeht, in der alles Gesetz und aller Wert aufgelöst ist, die Frage heraustaucht: Wie aber können wir uns für die Gerechtigkeit entscheiden, da wir nicht einmal wissen, was Gut und Böse, was Recht und Unrecht ist? — so ist nun die Antwort: Diese Entscheidung setzt kein Wissen um bestimmte Werte, setzt kein Erkennen objektiver Zusammenhänge und keine bestimmte Struktur des Geistes voraus. Denn es 'handelt sich bei ihr nicht um die schwankende unsichere menschliche Gerechtigkeit, die auf menschlichen Gesetzen, menschlichen Erwägunge« und Einsichten ruht — es handelt sich um die göttliche Urschrift unseres Lebens selbst: um die ursprüngliche Güte des Herzens, in der die Zukunft der Menschheit geborgen, der sie ««vertraut ist: um die reine menschliche Güte, die eins ist mit der unzerstörbaren Hoffnung auf das Heil, die aller Menschengeschichte zugrunde liegt, weil sie aller Cinzeleristenz zugrunde liegt. Aber darum darf die Schlichtheit dieser Forderung uns nicht darüber täuschen, daß sie das Allerfchwerste ist. Denn das Erreichen der reinen Urschrift unseres Herzens wäre ja nichts anderes als die Berwirklichung des mefftanischen Friedensreiches selbst, von der nur die gesamte Menschengeschichte trennt. Eins aber ist in unsere Hand gegeben — hier und jetzt inmitten der Geschichte: die Entscheidung unseres Seins für oder wider das Leben, für oder wider die Hoffnung, für oder wider den Frieden der Welt. — Ist es wenig? ist es viel? Es ist das Unsere. Und wo wir einen Menschen finden, der entschieden ist für den Frieden, dessen Gerechtigkeit und Güte durch all sein Leben und Denken hindurchschimmert, da haben wir heute wie immer das gefunden, dessen die Menschheit bedarf, damit ihre tzoftnung nicht sterbe. Eine Berichtigung Zu dem in der vorigen Woche von uns veröffentlichten Bericht über das 3. Jugendtreffen der jüdischen Jugendverbände in Brieselang bei Berlin geht uns von Herrn Dr. Ludwig Tietz ein längeres Schreiben zu, in dem er folgende Berichtigung wünscht: 1. Lubinski ist nicht Vorsitzender des Landesausschusses der jüdischen Jugendverbände. Sobotker, der Vorsitzender ist, war einer Halsentzündung wegen verhindert zu sprechen. 2. Lubinski hat nicht offiziell im Namen des Keren Kajemeth gesprochen, hat auch nicht seinerseits zur Geldsammlung aufgerufen. Er hat wörtlich gesagt: „Wir werden von der Leitung des Keren Kajemeth gebeten, auf die Sammlung „Hilfe durch Aufbau" hinzuweisen und diejenigen Jugendlichen, die sich an der Aktion beteiligen wollen, zu bitten,.,sich wegen Informationen an den in Brieselang anwesenden Vertreter des Keren Kajemeth zu wenden." Wir kommen dem Wunsche nach Veröffentlichung der Berichtigunggern nach, obwohl wir sie in sachlicher Beziehung als bedeutungslos Ansehen. Tatsache bleibt, daß der Keren Kajemeth die Gelegenheit des neutralen Jugendtreffens mit Wissen der Beranstalter des Treffens zur zionistischen Propaganda benutzt hat. Ob der offizielle Redner, Herr Lubinski, der Vorfitzende des Landesausschusses der jüdischen Jugendverbände war oder dessen Geschäftsführer und Vorstandsmitglied, erscheint uns wirklich ohne Belang. Sendet de« sättigen Beitrag für das 4. Quartal 1829 ln Höhe von Mk. 2,58 auf da» Postscheckkonto der Bereinigung für das kiberake Judentum Berlin Nr. 137868 et«. Bernhard Loeser so ng. Zentrale: Berlin-Lichtenberg Frankfurter Allee 268 Hauptfabrik in Elbing. 5000 Arbeiter und Angestellte Größt, zentralisierter Fabrikationsbetrieb der Branche in Europa Erhöhen Sie Ihre Feststimmung durch LOESER&WOLFF-Zigarren Von der Auswahl der Tabake in den Welteinkaufszentren bis zur Verabfolgung der Loeser & Wolff-Zigarren an die Verbraucherkreise wirkt unsere eigene Organisation, wacht Ober Qualität und verbilligt das Produkt durch Ausschaltung aller verteuernden Faktoren. Wir empfehlen Ihnen besonders: DOn HS Luda die ln Deutschland meistgerauchte Zigarre zu ...... . 20 Pf« Senola klaln altberührate Spezialität...25 p, Bernhard Loasar (nebenstehend abgebildet) ..30 »• neues Erzeugnis in bestechend feiner Qualität mit zartester Havana-Einlage Hauptffabrik eine Komposition edelster Art, mit feinster Havana-Mischung . . 40 Alcana Corts elegant, mit wunderbarem Aroma.50 9t 99