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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-10-02 · 40 (2.10.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
40 (2.10.1929)
Date
1929-10-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Die meWnische 3öee als Zrledeusi-ee Von Margarete Susmann.*> In der Geschichte jedes großen Volkes findet sich ein Augenblick, in dem es über seine Geschichte hinausragt, in dem es sich in seiner Idee: in der mit seinem Wesen selbst gegebenen Bestimmung ergreift. So hat das deutsche Volk sich in Fichte als Berwirllicher des Bildes Gottes in Gestalt der metaphysischen Freiheit, das russische sich in Dostojewski in seiner Selbstrealisierung im Dienst aller als Gotträbervolk, das indische sich in Gandhi als Besieger aller durch die göttlich reine Sanftmut kampflosen Widerstarckes, das jüdische sich in Jesaja als das Volk, in dessen Herzen Gottes Gesetz ist, begriffen. Gerade dieser Höhepunkt nationaler Selbstbesinnung, in dem ein Volk seiner absoluten Bestimmung inne wird, ist so immer zugleich der, in dem es über seine nationalen Schranken hinauswächst in eine menschheitliche Aufgabe. Das Eigentümliche der jüdischen Idee aber ist er, daß ihr ursprünglicher Inhalt kein anderer ist als diese Sprengung der Nation durch ihre Idee selbst — oder anders gesprochen: daß das Ziel, das sich dem jüdischen Bolle in seinem äußersten Augenblick entschleiert hat, nicht Selbstrealisierung ist, sondern sein Aufgehen in den anderen Völkern. Denn „Israel ist nicht ein Volk wie andere Völker". Die gesamte Prophetie oerkündet, daß es für das jüdische Volk nicht um die Verwirklichung seiner selbst, sondern allein und ausschließlich um die Verwirklichung Gottes geht. Und wenn dies letzthin die Zielidee auch der anderen Völker ist, so ist ihre Stellung zum Göttlichen doch dadurch eine andere, daß für sie die Realisierung Gottes gebunden ist an ihre nationale Selbstrealisierung. Ihre eigene Verwirklichung bedeutet ein Bild, ein Gleichnis Gottes. Ihr Ziel ist die Erschaffung eines Typus Mensch, der das göttliche Ziel vorbildlich darstellt. In Israel dagegen ruht die Verwirklichung Gottes nicht auf der Selbstrealisierung des Volkes, sondern auf seiner Selb st aufgab e. Hier geht es nicht um ein Bild Gottes, sondern um Gott. Um den Gott, von dem sich ein Bildnis im irdischen Stoff zu machen verboten ist. Nicht ein bestimmtes Menschenbild soll erschaffen und als göttliches Gleichnis und menschliches Vorbild den Völkern vorangetragen werden — nein: Israel soll „eine Schmach, Hohn, Exempel und Wunder sein aller Heiden" durch das Gericht über sein Volk, in dem Gott selbst sich als der Einzige offenbart und den ungeheuren Abstand seines erwählten Volkes von der Gottebenbildlichkeit enthüllt. Denn es ist nicht erwählt, zu sein, sondern zu künden. Nicht es selbst .soll sein, sondern das von ihm Verkündete: die Eine'geeinte Menschheit, in der allein die gottebenbildliche Gestalt des Menschen sich vollendet. Der Sturm, des göttlichen Weltgerichtes, der in der Prophetie durch Israels Geschichte braust, vor dem Länder und Königreiche vergehen wie Staub, vor dem mächtige Städte hinsinken zu wüsten Steinhaufen: dieses ungeheure Gericht einer rein von Gott bestimmten Geschichte, das die Bedingtheit und Verfallenheit aller irdischen Gestalt in schauriger Größe öffenbar werden läßt, stammt aus der messianischen Zielidee der gottebenbildlichen Menschengestalt: der Einen geeinten Menschheit. Diese Gestalt steht am Ende der Zeit: in der reinen Zukunft. „Das Volk, das im Finstern wandelt, siehet ein großes Licht. ** Es selbst lebt im Dunkel, in irdischer Finsternis. Nicht i n ihm — vor ihm in unendlicher Ferne ist das große Licht. Aber es ist keine bloße Erscheinung; es ist in Beziehung zu ihm: es weist und leitet; es ist ein Ziel. Es ist nicht starre Ewigkeit, es ist an sich reißende Zukunft; es ist nicht ein in sich ruhendes Gestirn; es ist lebendige Hoffnung: Hoffnung, die allen Zeilen, aller irdischen Zeit überhaupt voranleuchtet. Allen Zeiten. Damit wäre sie auch für uns noch wahr, diese überschwängliche Hoffnung — auch für uns noch lebendig? Aber dürfen wir das aussprechen? Haben wir heutigen Menschen das Recht auf diese Hoffnung, die Möglichkeit zu ihr nicht verwirkt? Vermögen wir, wie wir sind, wie wir geworden sind, auch nur an das Erlebnis dieser Hoffnung zu rühren? Ist einer Welt wie der unseren, die in Krieg und kriegerischer Gesinnung erstickt, deren ganzes Leben auf Trennung, nicht <mi Vereinigung geht, deren Vereinigungsstreben selbst befleckt und unlauter ist, der Inhalt dieser Hoffnung: die geeinte Menschheit, der Friede der Welt mehr als ein bloßes fernes, unbegreifliches Wort? Was soll uns eine Idee, die für keine einige Wirklichkeit unseres Lebens mehr Urbild und Vorbild ist, die auf keine Gestalt unserer Wett mehr auftrifft? Ja, kann eine Idee überhaupt für uns noch wahr fein, für die sich konkret zu entscheiden eine bare Unmöglichkeit scheint? Tenn die feindselige Haltung der Nationen ist ja nicht das einzige, was uns von der Menschheitshoffnung scheidet: weit tiefer noch scheidet uns von ihr, daß wir selbst, jeder einzelne von uns, in unserer Entscheidungskraft aufgelöst sind, daß durch das Denken und Erkennen von Jahrhunderten kein Wert für uns unerschüttert ist, kein Sein mehr feststeht, daß mit dem Sein der Wahrheit auch unsere Entscheidung für sie zum Problem geworden ist. Es ist diese unsere heutige Lage, der Max Weber vor Jahren, unmittelbar nach dem Kriege, in einer Rede über die Wissenschaft als Beruf Ausdruck gegeben hat. Er hat in ihr die Jugend an eine rein objektive, von aller persönlichen Wertung und Entscheidung freie Wissenschaft als die einzige für den heutigen Menschen wahre gewiesen — aus der leidvollen Ueberzeugung heraus, daß in unserer entzauberten Welt das Geheimnis göttlicher Wirllichkeit mit der Kraft zu seiner Erfassung: dem Glauben zerstört ist, daß in ihr das Licht der Seele nicht mehr leuchtet, daß sie zu dunkel ist, als daß ans ihr der Strahl persönlicher Entscheidung überhaupt aufflammen, geschweige denn, daß er em Stück Welt erleuchten könnte. Uno es ist kein Zufall, daß der große Gelehrte die Frage dieser Weltstunde ausgesprochen hat mit dem Jesajawort: „Es kommt ein Ruf aus Seir in Edom: Wächter, wie lang noch die Nacht?" Er hat ein alttestamentarisches Wort zur Bezeichnung unserer Not gewählt. In *) Di« im Philo-Bcrlag erscheinende Zeitschrift „Der Morgen" gibt als Ehrung ihres verstorbenen Begründers und Leiters, Professor Julius Goldstein, Darmstadt, eine Gedächtnisnummer heraus, der der hier veröffentlichte Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Schriftleitung entnommen ist. ihm hat er die Frage alles religiösen Harrens gesehen. Auf sie hat er, der Wächter der Stunde, die Antwort erteilt: „Noch ist es Nacht: wenn ihr fragen wollt, kommt ein andermal wieder." Ein furchtbares Wort: das Wort der radikalen Verzweiflung. Ein andermal. Was soll das bedeuten? Wenn wir ein andermal wiederkommen — sind dann noch wir es, die wiederkommen? Sind wir nicht die, die nie wiederkommen, deren Leben ein Wind ift, die mit dem Worte Hiobs nicht wiederkommen zu schauen das Gute, die über einem Augenaufschlag von Gott vergehen? Wenn uns, uns selbst die Antwort auf die Frage nicht gegeben wird, so erhalten wir sie niemals — wenn wir, wir heutigen Menschen, den Anschluß an das Heil, die Möglichkeit zum Heil verloren haben, so haben wir sie nicht nur für unsere Zeit — so haben wir sie für die Ewigkeit verloren. Denn es ist unser Heil — mein Heil, das Heil dieser einen lebendigen Existenz; nur in diesem einmaligen Dasein stellen wir ja, jeder mit seinem Dasein selbst, diese Frage: diese Frage, die keine andere ist als die, die von der Ewigkeit selbst an unser Dasein gestellt ist. Denn nicht nur wir fragen Gott -- auch Gott fragt uns. Er fragt uns mit der Einen Frage, die er an die Entscheidung unseres Lebens richtet. Und diese einzige Frage, die von dem himmlischen Richter an jede Seele, die vor ihm erscheint, gestellt wird, lautet nach dem Talmud: „Hast Du gehofft auf das Heil?" Damit finden wir uns in der umgekehrten Richtung; nicht mehr wir fragen nach der Hoffnung, sondern die Hoffnung fragt nach uns. Es ist uns nicht freigestellt, die Hoffnung .preiszugeben; in unserer Hoffnung liegt unsere Bewährung. Nicht nur in dem Inhalt der Hoffnung liegt für uns das Heil, sondern das Festhaltenkönnen an der Hoffnung ist der Prüfstein für unsere Erlösbarkeit. Der Verzicht auf die Hoffnung wird zur Sünde. Die Hoffnung ist zur absoluten Forderung selbst geworden. Denn diese Hoffnung ist nicht wie eine andere, wie irgendeine rational begründete einzelne irdische Hoffnung. Die messianische Hoffnung ist grundlose Hoffnung; sie ist überhaupt aus nichts Irdischem abzuleiten, sie geht von keiner irdischen Wirllichkeit aus, sie ist kein Mythos, hat keine Gestalt; sie ist — als was sie mit dem steigenden Elend des STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELUING BERLIN W66 ™ MAUERSTR. 79 FERNRUF' ZENTRUM 5023 u. 5024 BLUMENSPENDEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK IHBEHDEKORATIOHEN ID KÖRSTLERISCHER MISF0HRUH8 Exils, der Diaspora, des Ghetto, immer deutlicher sich enthüllt, — eine aller Wirllichkeit entgegenstehercke, eine vollkommen paradoxe. Sie steht im Gegensatz zu allem irdischen Dasein, ist ein reines Trotzdem: eine reine Kraft der Seele. Gerade ans der dumpfsten Finsternis und Verzweiflung, aus den Zeiten schwerster Berfchlung, radikalen Abfalls Weg immer die Flamme der messianischen Friedensoerkündung am mächtigsten empor. Denn Friede bedeutet dem Judentum nicht jenes heitere Gleichgewicht aller Kräfte, das die Griechen Harmonia oder Sophrofyne nannten. Er bedeutet etwas Ueberschwängliches. Sein Gegensatz ist nicht wie dort Unordnung und Verwirrung, sondern er ist Unruhe und Streit, Leid und Sünde. Die jüdische Idee des Friedens ist nicht Ordnung, Ausgleich und Gleichgewicht, sondern sie ist Gnade, göttliche Versöhnung und Erlösung. Friede bedeutet Vollkommenheit, ist der Heilsbegriff der jüdischen Religion: ist als die messianische Idee der Vollendung zur Einen Menschheit, als Inhalt der paradoxen Hoffnung, selbst ein reines Paradox zu aller irdischen Existenz. Darum ist der Friede nicht nur Gnade, sondern auch Gericht: aus ihm heraus als der messianischen Zielidee geschieht das Gericht Gottes. Und jedesmal markiert darum die Erscheinung eines Propheten geschichtlich gesehen dasselbe: die auf einen Gipfel gestiegene Verzweiflung, den radikalen Abfall und die radikale Strafe des Volkes. Eine friedliche, beruhigte geglättete Welt kann die messianische Frickensidee überhaupt nicht begreifen; ihr ist der Friede ein freundlicher Engel mit dem Palmzweig, eine sich selbst und ihre Ordnungen beschützende Macht. Vor der messianischen Friedensidee dagegen fliegen alle Ordnungen wie von einem göttlichen Blitz berührt aus. Nur einer Welt der Verzweiflung — einer Verzweiflung, die sich selbst als Abfall inne wird, ist die messianische Friedensidee, was sie ist: absolutes Gericht zugleich und über den Abgrund herüberlohende überschwängliche Hoffnung: Hoffnung, die zugleich unbedingte göttliche Forderung an den Menschen ist, vor der | Ludwig Lewin Nach Schluß der Redaktion erhalten wir die erschütternde Meldung, daß Dipl.-Jng. Ludwig Lewin im Alter von 25 t ähren an den Folgen eines Motorradunfalls gestorben ist. ewin war bis vor etwa zwei Jahren Vorsitzender des „Jüdisch-liberalen.Jugendvereins" (Jli), Berlin; er gehörte dem Vorstand der „Arge" (Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-liberaler Jugendvereine) an und wurde ans Grund seiner Führerstellung innerhalb der liberalen Jugend auch in die Vorstände der Bereinigung für das liberale Judentum und des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin berufen. Sein tragischer Tod bedeutet einen schweren und schmerzlichen Verlust für die jüdisch-liberale Bewegung. Eine ausführliche Würdigung seiner Persönlichkeit werden wir in der nächsten Nummer unseres Blattes aus berufener Feder bringen. er seiner Unzulänglichkeit und Nichtigkeit inne wird dadurch, daß sie ihm - seine überschwänglichsten Möglichkeiten aufschließt. Daran — und nur daran — hängt die messianische Hoffnung für jede, auch die dunkelste Zeit: daß wir der Größe des Abstandes von ihrer Verwirklichung inne werden und ihr Gericht über uns erleben. Aber wie wäre gerade das denkbar, daß wir dazu die Kraft finden könnten? Ten ganzen Abstand, die ganze Tiefe menschlichen Abfalls mißt nur der Prophet aus. Und welin der Verfall aller absoluten Gewißheit das ganze gottverlassene Wissen von Jahrhunderten unserer Seele schon das Mark der rein persönlichen Entscheidungskraft ausgesogen hat — um wieviel radikaler muß uns die Kraft zu einer absoluten, aus Gott stammenden, die ganze Welt umfassenden Entscheidung ausgesogen sein: die Kraft zur Prophetie. Aber gegen dieses Verhängnis — und gerade aus ihm erhebt sich eine Frage: Ist denn das Antlitz Israels, das die Propheten mit der Gewalt ihrer sichtenden Hammerschläge ans der Masse des Volkes herauszumeißeln strebten, schon zu irgeirdeiner Zeit vollendet? Ist Israel je zu dem geworden, wozu es bestimmt war? Ist es zur Verwirklichung seiner Botschaft gelangt? Dann wäre es nicht mehr da>. Denn die Erfüllung seiner Sendung wäre ja ein Aufgchen in den anderen Völkern, in der im Frieden geeinten Menschheit. Das bloße Dasein Israels bewert, daß seine Sendung nicht erfüllt ist. Es beweist aber zugleich auch, daß seine Sendung noch lebt. Denn Israel ist seinem Wesen nach nichts als diese Sendung. Die Verheißung der Propheten liegt also — auch wenn Jahrtausende uns von ihr trennen — nicht hinter uns: sie liegt noch vor uns. Denn ihre Forderung,ist noch nicht erfüllt. Wir bedürfen seiner neuen Propheten; die alten Propheten sind Antwort noch auf unsere Frage, sie haben die Tiefe unseres Abfalls für uns mit ausgemessen. Jedes Wort der Propheten des alten Israel trifft aus die Wahrheit unserer Zeit auf, als ob es eben erst gesprochen wärs. Gilt es nicht uns, uns heute lebenden Menschen aller Nationen, wenn Jesaja sagt: „Sie kennen den Weg des Friedens nicht und ist kein Recht in ihren Gängen; sie sind verkehrt auf ihren Straßen; wer daraus gehet, der hat nimmer Frieden"? Gilt es nicht uns, wenn Gott durch Jeremia sagt: „Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen ihnen hier und da ausgehauene Brunnen, die doch löcherig sind und kein Wasser geben"? Und hören wir nicht das Schluchzen unseres eigenen Lebens bei den Worten über Zion: „Siehe, ihre Boten schreien draußen, die Engel des Friedens weinen bitterlich"? Es ist keines unter all den prophetischen Worten, das nicht uns und unseren Abfall, unsere Entfremdung vom Göttlichen mitmeint. Wir, wir selbst stehen noch so radikal wie irgendeine Zeit unter der prophetischen Forderung. Aber damit stehen wir auch unter der messianischen Verheißung. Das bedeutet nicht, daß uns die Frage nach der geschichtlichen Wahrheit unserer Haltung erspart bleibt — im Gegenteil: die einzige Form, in der wir die prophetische Wahrheit auf uns beziehen können, ist die geschichtliche Wahrheit. Wir heutigen Menschen können die Frage, wo wir stehen, nicht wie der Prophet unmittelbar vom Absoluten aus stellen und beantworten, weil wir es nicht mehr berühren; wir können sie nur stellen innerhalb des geschichtlichen Lebens, in dem allein wir uns zu erfassen vermögen: als Frage nach dem, an das wir kraft unseres Standortes heranreichen, was wir mit unserer eigenen, an diese Zeit, an diesen Raum gebundenen Existenz berühren. Dies ist die einzige Frage, die uns zusteht: ob wir als geschichtliche, geschichtsbezogene Menschen, als uns wandelndes und nur im Wandel uns erfassendes Dasein einen wahrhaftigen Anschluß an die messianische Verheißung zu gewinnen vermögen, ob und wie wir sie lebendig auf uns zu beziehen imstande sind. Und es gibt eine eigentümliche Bürgschaft für ihr Bezogensein aus uns in der abendländischen Geschichtsentwicklung selbst. Uns ist mitten in unserer Auflösung, in unserer radikalen Entfremdung von aller religiösen Wirllichkeit aus der abendländischen Wissenschaft selbst ein eigentümliches und wunderbares Geschenk in den Schoß gefallen, das die ganze Macht religiöser Wirllichkeit in aller geschichtlichen und gegenüber aller nur geschichtlichen offenbart. Unserer religiösen Zeit — nicht zum wenigsten Max Weber selbst — war es Vorbehalten zu erkennen, daß alle Wahrheiten, alle Formen und Organisationen unseres europäischen Lebens Umwandlungen, Verweltlichungen, Säkularisierungen ursprünglich religiöser Wahrheiten sind. Wir haben sehen gelernt, wie schließlich alle Wissens- und Lebensformen der modernen Welt, wie sogar noch der Kapitalismus, und dann wieder der atheistischste Sozialismus ihrer selbst unbewußt abgeleitet, umgeschlagen sind aus der christlichen Idee des Gottesreiches — dieser Idee, die selbst wiederum ihre Letzte Wurzel hat in der messianischen Idee: dem großen Friedensreiche der Propheten. So sieht unsere glaubensfremde Welt sich plötzlich wider Wissen und Willen überall und in allem angeschlossen an ihre von ihr so radikal verleugnete religiöse Vergangenheit. So machtvoll sind die ursprünglichen religiösen Wahrheiten durch alle profanen Wahrheiten unserer Welt durchgedrungen, daß sie wie die ursprüngliche Schrift eines immer wieder übertriebenen Palimpsestes durchgeschlagen scheinen durch die Züge all der vielfältigen und gegensätzlichen Erkenntnisse, Ordnungen und Gestaltungen unserer Welt. Gewiß, sie sind darin durchaus zu etwas anderem geworden; die reale und die gedankliche Entwicklung haben den Grund der religiösen Wahrheiten gegen sich selbst herumgekehrt. Aber diese Entwicklung ist trotzdem kein Verdrängen von Abgestorbenem durch wesensmäßig Anderes, sondern sie ist eine lebendige Dialektik, in der der ursprüngliche Lebensgehalt auch im Gegensätzlichsten in irgendeinem, wenn auch' noch so verhüllten Sinne immer wirkend geblieben ist, so daß aus ihm allein alles Spätere in seinem Gewordensein letzthin erschlossen werden kann. And so erkennen wir seltsamer- und wunderbarerweise als den tiefsten und festesten, als den eigentlich tragenden Grund, der unserem glaubenslosen, friedlosen heutigen Leben unterbaut ist, die messianische Verheißung des Weltfriedens. Die Geschichte selbst, die uns losgerissen hat von unserer hSchsten Hoffnung, schließt «ns so dennoch Mieder an sie an. Ans aber bleibt demgegenüber immer noch die Frage: Wie kann das Wissen um dies tausendfach Verdeckte und verhüllte für uns wieder Leben werden? Wie können wir die bis zur Unleserlichkett überschriebene und verwischte Urschrift der messianischen Hoffnung wieder erreichen? wie jeder einzelne lebendige Mensch eine unmittelbare Be-

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