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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-10-02 · 40 (2.10.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
40 (2.10.1929)
Date
1929-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IMchliberaleZellung Organ -er Vereinigung für -as liberale Lu-enium e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/.jährlich 2R. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bd freiet Zusendung i. Inland 0L5 Für die Mitglieder der Verdnigung ist der Bezugspreis im Mikgliedsbeitrage enthalten. Derantwartl. Redakteur: Bruno Doyda. Dia «Jüdisch-liberale Zeitung" erschein» jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Vertin SW 11. HaUesche Skr. 1 Zernrus: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Auzeigeupreise: Die 12gespaltene NonvarMezdlej 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bd Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: »Jüdisch-liberale Zdtuug" Inseratenabteilung: Berlln SW 11, Hallesche Stratze lj (Bergmann: 3358-59), sowie sämtl. Annonceu-Lxprditiou. Nr. 40 Berlin. 2. Oktober 1929 9. Jahrgang An Zahr verrinnt Der Rhythmus jeder Zeit hat sein bestimmtes Gepräge. Unser Geschlecht, das an der Scheide zweier Weltordnungen lebt, ist eingespannt in das Hasten nnd Treiben des Schaffens, das durch Vergehen des Bestehenden bedingt ist. Eristenzen werden vernichtet, Eristenzen entstehen. Projekte tauchen auf, versinken in» Nichts. Schranken fallen hier und werden dort errichtet. Der Mensch schafft die Technik und die Technik vernichtet Menschen. Was bleibt? Was wird? Zn dem Chaos des Außen, in der Wirrnis des Innen werden wieder Millionen Inden in aller Welt innehalten. Zn gesprochenem Wort, in stillem Beten werden sie Kraft schöpfen, nm erneut der Erfüllung ihres Sehnens dienen zu können. Zst's müßig, am Tage dieses Znnehaltens nochmals Borkommniffe zu überdenken, die im vergangenen Zahr im Leben der Zudenheit Erörterung fanden? Indische Probleme bestehen nicht mehr für sich, losgelöst von den Fragen der Menschheit. Und die äußere Trennung der Jahre ändert nicht den Fortgang der inneren Entwicklung. So möge die rückfchauende Betrachtung des Gewordenen beitragen zur Erkenntnis des Werdenden. j September Noch immer Friedhofsschändungen In Flammersheim und Kirchheim werden nach gleichen sinnlosen Gemeinheiten an sechzig andern Orten Deutschlands die Friedhöfe besudelt. Von christlicher Seite erheben sich zahlreiche Stimmen, die nunmehr ein entschiedenes Einschreiten der Staatsorgane zum Schutz der jüdischen Friedhöfe fordern. Der preußische Justizminister ersucht in einer Verfügung die Strafverwaltungsbehörden um verschärftes Bor- Walter von Molo veröffentlicht in einem großen Teil der deutschen Tagespresse einen Artikel „Tollwut in Deutschland", in dem es heißt: Es ist das undeutscheste, unchristlichste, roheste, gemeinste, feigste Mithelfen bei dem Handeln einer Verkommenheit, deren wir uns nicht nur zu schämen, gegen die jeder ohne jeglichen Unterschied mit gewaltigster Verachtung vorzugehen verpflichtet ist. Das ist keine kleine Sache, das ist keine Konfcssions- oder Glaubenssache, das hat mit Politik nichts, aber schon gar nichts, mit gar nichts anderm zu tun als damit, daß sich in diesem Handeln Eigenschaften zeigen, zu denen verurteilende Worte wie bübisch, bestialisch, viehisch nicht hinreichen; hier stockt wirklich das menschliche Wort, das der Anfang und das Ende ist — das ist das Ende jeglichen auch 'nur hauchartigen Tier- oder Menschseins. Religiöse Feierstunden zur Klärung von Gegenwartsfragen im Geiste jüdischer Religiosität Der mehrfach hier gegebenen Anregung, religiöse Feierstunden in Synagogen an Sonntag-Vormittagen einzurichtcu, in deren Mittelpunkt, eingerahmt durch kurzes Orgelspiel, eine Ansprache steht, die insbesondere Gegenwartsfragen im Geiste jüdischer Religiosität behandelt, wird in verschiedenen Gemeinden Gegenstand von Beratungen in der Gemeindeverwaltung. Hamburg, Karlsruhe, München, Frankfurt, Breslau führen den Vorschlag in verschiedenen Formen durch. In Berlin erfolgt die Ablehnung in der Repräsentantenversammlung und die Einsetzung einer Kommission, die eine nochmalige Prüfung des liberalen Antrages vornehmen soll. In diesem Zusammenhang hieß es hier: „... Welche Gedanken leiteten die Liberalm bei ihrem Antrag? Religion muß das Leben zu gestalten versuchen. Sie darf, auch in ihren Formen und in ihren Fragm, nicht nur in der Vergangenheit, in dem Gewordenen wurzeln, sie muß aus dem Geist, der ihr Wesentliches ist, zu den Dingen der Gegenwart Stellung nehmen, schöpferisch Zukunft bilden. Mehr noch als für andere Religionm gilt das für das Judentum, das Tatverwirklichung im Diesseits, nicht aber Glaubensseligkeit des Jmseits kennt. Die Stimme des Judentums muß wieder hörbar werden in der Problematik des Lebms der Gegmwart; da wird gesprochen von Bodenunrecht, von Bodenreform, von'Volksfrieden und Völkerfriedm, von Todesstrafe und Recht auf Leben, von Wirtschaftsunrecht und sozialer Gerechtigkeit, von Diktatur und Demokratie — doch der Geist jüdischer Religiosität schaltet sich aus bei, der Regelung all dieser Fragen. Und doch dürste er nicht darauf verzichtm, mitzuwirken bei der Gestaltung der Zukunft. In der Gegmwart wmiger denn je. Nicht nur, weil andere Weltreligionen jetzt ihre Pflicht zur Mitwirkung auf den verschiÄensten Gebiäen erkmnm, man denke nur an die Kirchenkonferenzen von Stockholm und Prag oder die katholische Aktion, sondern vor allem, weil das Judmtum feföft Gefahr läuft, seinen Platz im Denken der modernm Juden zu verlieren. Vielleicht handelt es sich hier um eine Gefahr, die zunächst vornehmlich in dm Großstädtm sichtbar wird; doch sie besteht zweifellos nicht nur dort. Spricht nicht die Tatsache, daß heute in Berlin selbst an den höchsten Feiertagen des Judentums mindestens 50 000 erwachsene Juden kein Gotteshaus aufsuchen, fünfzigtausend!, dmtlich dafür, daß die Synagoge, der Gottesdienst, aufgehört haben, Mittelpunkt des religiösen Lebens aller Juden zu sein? Daß weite jüdische Kreise der Synagoge entfremdet sind? Das Judentum kann nicht auf sie verzichten. Schon um der Kinder jener 50000 willen, doch auch, weil sich unter ihnen gewiß auch viele wertvolle Elemente befinden. Zu ihnen, die nicht zur Synagoge mehr gehen, weil der Gottesdimst in der üblichen Form ihnen fremd wurde, muß das Judentum wieder gebracht werden. Jhnm muß gezeigt wcrdm, daß das Judentum in 'den Fragen, die sie beschäftigen, noch etwas zu sagen hat, ja, daß vielleicht letzte Klärung nur 'jüdische Religiosität zu geben vermag... ... Nicht als ein den anderen Tagen der Woche gleichberechtigter Tag der Schöpfung wird hmte der Sonntag im jüdischen Leben gedacht, nicht als der Tag, der als bürgerlicher Ruhetag von mindestens neun Zehntel der deutschen Judenheit nne diese neun Zehntel eine besondere Aufnahmemöglichkeit auch für religiöse Fragen besitzen muß, gewertet wird er nur noch als Symbol der Anderen, als das Fremde, vor dem man sich verschließen muß. Diese Symbolbetrachtung vernichtet das eigene Denken, verhindert notwendige Lösungen, entlastet die eigene Verantwortung. Nur durch diese Symbolanschauung kann man sein Gewissen darüber beruhigen, daß an dem bürgerlichen Ruhetag der deutschen Juden, von 999 1000 des deutschen Volkes die jüdischen Gotteshäuser leer, ja geschlossen sind, daß selbst ein nur in halbjährlichen Abständen besuchter Sabbatgottesdienst .mitunter für wertvoller angesehen wird als ein regelmäßiger Sonntagsgottesdicnst. Von religiöser Stärke würde der Versuch zeugen, an dem bürgerlichen Ruhetag das Leben mit religiöser Wahrheit zu durchdringen. Angst aber zeugt, auch in der religiösen Welt, von Schwäche. Und Angst vor dem Sieg der Umwelt ist es, die heute den Sonntag nur noch als Symbol betrachten läßt; als Symbol, das vielleicht durch Jahre uns schützte, das aber nun, da das Leben dem Sonntag bei uns Eingang schuf, sich gegen uns richten muß. Es ist schon beinahe eine klassische Frage im liberalen Judentum, die da lautet: „Ist der Mensch für die Religion da oder die Religion für den Menschen?" In der jüdischen Geschichte ist auch sür das gottesdienstliche und wissenschaftliche Leben mehrfach eine Antwort auf diese Frage gegeben worden. Man denke nur an die Einführung der Thoravorlesung am Montag und Donnerstag, den Markttagen. Auch im religiösen Leben Libt es Entscheidungen, die durch die Macht getroffen werden. Gewiß war der Beschluß des Konzils zu Nicäa Unrecht. Doch diese Feststellung allein Hilst nicht. Ist der Sabbat in unserem Leben vernichtet, so bleibt seine Wiederherstelluung eine Forderung religiöser Sehnsucht, eine Forderung der Gerechtigkeit, — Äber ebenso die An«?rkennung der tatsächlichen Verhältnisse des Lebens ein Akt der Klugheit, ein Gebot der religiösen Praxis. Man bagatellisiert den Gedanken der Entwicklung im religiösen Leben, wenn man ihn nicht auch für das Gebiet religiöser Neuschöpfung gelten läßt..." Der Streit an der klagemauer Am Jom Kippur kommt es zu einem schweren Zusammenstoß der Jerusalemer Polizei mit den an der Klagemauer betenden Juden, die eine Trennung der Geschlechter durch Errichtung einer Scheidewand vorgenommen haben. Hierdurch fühlen Iich die Moslemiten in der Aufrechterhaltung des vereinbarten status quo an der Klagemauer bedroht. Da den polizeilichen Anordnungen von jüdischer Seite nicht nachgekommen wird, kommt es zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und der Judenschaft. Durch die Vorkommnisse, die den Beginn der später blutigen Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Zionisten darstellen, wird das Problem der Errichtung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina erneut zur Diskussion gestellt. Die Vorsälle gaben hier Anlaß zu folgenden Ausführungen: „ ... Tie jetzigen Vorkommnisse an der Klagemauer haben blitzartig die gegenwärtigen Verhältnisse in Palästina beleuchtet. Die Regierung des Landes begnügt sich in dem Streit der Nichtjuden und Juden mit recht wenig glücklichen Verwaltnngsmaßnahmen, die auch die letzten Illusionen rauben mußten, als ob ihr Streben tatsächlich der Errichtung der sogenannten jüdischen Heimstätte gelte. Andererseits zeigt sich, daß die Erbitterung der Araber gegen die Juden in Palästina in den letzten Jahren nicht abgenommen hat; droht doch die arabische Presse sogar mit Unruhen sür den Fall, daß die Juden versuchen sollten, ihre „Rechte" an der Klagemauer zu erweitern. Hinzu kommt noch, daß die Araber in der letzten Zeit mit ständig wachsender Entschiedenheit ein Selbstverwaltungsrecht für Palästina fordern, wobei sie offensichtlich die Hoffnung anspornt, durch ein Parlament der Landesbevölkerung weitere jüdische Einwanderung verhindern zu können. So zeigt sich, wie naiv die Betrachtungsweise Palästinas als Land ohne Volk, aus das die Juden „historische" Ansprüche geltend machen könnten, gewesen ist, und daß die Forderung „Palästina den Juden wie England den Engländern" ohne Achtung der Rechte der eingeborenen arabischen Bevölkerung erhoben wurde. Der jetzige Streit an der Klagemauer muß von allen Juden als ernster Anlaß genommen werden, die Bedeutung Palästinas als jüdisches Kolonisattonsland und das Schicksal der Juden in Palästina in der Zukunft erneut zu erwägen..." Israel Zacobson In allen jüdischen Kreisen wird des 100. Todestages von Israel Jacobson, des Stifters der Jacobsou-Schule zu Seesen und mutigen Vorkämpfers sür die Verbindung überlieferten jüdischen Kulturgutes mit der deutschen Formenwelt, gedacht. In der Jüdisch-liberalen Zeitung feierte der jetzige Leiter der Jacobson-Schule, Oberstudiendirektor Professor Tr. Friedland, „Israel Jacobson im Lichte des Humanitätsgedankens des 19. Jahrhunderts". „...Aus dieser weltanschaulichen, deutschen Gesinnung heraus hat Jacobson die Reform des israelitischen Kultus gefördert. Hier in dem von ihm gestifteten Tempel hat er die deutsche Predigt und das deutsche Gebet eingesührt. Er fand damit nicht nur den Beifall aller gebildeten Juden, seine Neuerungen wurden auch voll evangelischen Geistlichen lebhaft begrüßt, und es ist bezeichnend für den duldsamen Sinn jener Zeit, daß der Domprediger von Magdeburg, Augustin, der bei der Einweihung des Gotteshauses zugegen war, unter der Ueberschrist „Der Christ im Jacobstempel" eine schwungvolle Hymne zur Verherrlichung der Jacobson'schen Bestrebungen dichtete. Wie weit der Zeitgeist die Annäherung der Glaubensbekenntnisse förderte, geht aus einer Abhandlung, die ein evangelischer Gelehrter, Professor Drees, kürzlich in einer Zeitschrift sür Kirchengeschichte veröffentlichte. Er stellt darin fest, daß sowohl die Katholiken wie die Juden zahlreiche evangelische, im Sinne des Hnmanitätsgcdankens verfaßte Kirchenlieder in ihre Gesangbücher ausgenommen hätten. Wie weitherzig und vorurteilsfrei und gleichzeitig wie deutsch Israel Jacobson dachte, geht aus folgender Begebenheit hervor, die vor wenigen Wochen ein amerikanischer Gelehrter Dr. Enelow auf Grund der Urkunden, die im Archiv der Jacobson-Stiftung sich befanden, feststellte: Der Pastor einer deutschen evangelischen Gemeinde in Philadelphia, deren Kirche in Gefahr stand, gepfändet zu werden, weil das Haus infolge des Austritts der englisch gesinnten Mitglieder überschuldet war, wandte sich i. I. 1822 an Jacobson mit der Bitte um Beihilfe. Der evangelische Geistliche tat es nicht vergebens. Jacobson sandte nach Philadelphia eine namhafte Summe, nachdem ihm in einem huldvollen Schreiben der König von Preußen Friedrich Wilhelm III. — Jacobson wohnte damals in Berlin —. hierzu die Erlaubnis erteilt hatte..." Fortsetzung in der Beilage. Büro-Verlegung! Wir verlegten unser Büro nach Berlin SW 11. Hallesche Straße 1' Die FernsprechanschÄsse bleiben unverändert F5, Bergmann 3358/59. Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Jüdisch-liberale Zeitung. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin e. B. Liberale Fraktion des Preußischen Landesverbandes Wischer Gemeinde«.

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